Die Katholische Schule an der Schwelle zum dritten Jahrtausend

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Rundschreiben
Die Katholische Schule an der Schwelle zum dritten Jahrtausend

Kongregation für das katholische Bildungswesen (für die Seminare und Studieneinrichtungen)
im Pontifikat von Papst
Johannes Paul II.
28. Dezember 1997

(Quelle: Die deutsche Fassung auf der Vatikanseite)
Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


Inhaltsverzeichnis

Einführung

1. An der Schwelle zum dritten Jahrtausend sehen sich die Erziehung und die Katholische Schule bedingt durch den gesellschaftspolitischen und kulturellen Kontext vor neue Herausforderungen gestellt. Insbesondere handelt es sich um eine Wertekrise, die vor allem in den reichen und entwickelten Gesellschaften oft noch durch die sozialen Kommunikationsmittel angeheizte Formen eines verbreiteten Subjektivismus, eines moralischen Relativismus und eines Nihilismus annimmt. Der tiefgreifende Pluralismus, der das gesellschaftliche Bewusstsein durchzieht, lässt verschiedene Haltungen entstehen, die in einigen Fällen derart gegensätzlich sind, dass sie eine Bedrohung für jegliche gemeinschaftliche Identität darstellen. Die rapiden strukturellen Veränderungen, die tief gehenden technischen Innovationen und die Globalisierung der Wirtschaft greifen immer stärker in das Leben der Menschen in jedem Teil dieser Erde ein. Gegenläufig zu den Entwicklungsperspektiven für alle erleben wir aber auch ein Anwachsen der Kluft zwischen den reichen und den armen Völkern und massive Wanderungsbewegungen von den unterentwickelten hin zu den entwickelten Ländern. Das Phänomen der kulturellen Vermischung und einer Gesellschaft, die sich zunehmend aus Menschen verschiedener Rasse zusammensetzt und multiethnischer und multireligiöser wird, bringt neben einer Bereicherung auch viele neue Probleme mit sich. Hinzu kommt in den Ländern der frühen Evangelisierung eine zunehmende Verdrängung des christlichen Glaubens als Bezugspunkt und Lichtquelle für die effektive und überzeugende Deutung der Existenz.

2. Näherhin auf dem Gebiet der Erziehung haben sich die erzieherischen Funktionen ausgeweitet, sie sind komplizierter und spezialisierter geworden. Die Erziehungswissenschaften, die sich früher auf das Studium des Kindes und auf die Vorbereitung des Lehrers konzentrierten, wurden dazu gedrängt, sich den verschiedenen Lebensaltern und unterschiedlichen Umgebungen und Gegebenheiten über die der Schule hinaus zu öffnen. Neue Erfordernisse haben die Nachfrage nach neuen Inhalten, neuen fachlichen Kompetenzen und neuen erzieherischen Personen und Institutionen über jene traditionellen hinaus hervorgerufen. Erziehen und Schule-Halten erweist sich so im heutigen Kontext als äuberst schwierig.

3. Angesichts dieses Horizonts ist die Katholische Schule zu einer mutigen Erneuerung aufgerufen. Denn das wertvolle Erbe einer jahrhundertelangen Erfahrung macht die eigene Lebendigkeit vor allem in der Fähigkeit zu kluger Erneuerung deutlich. So ist es notwendig, dass die Katholische Schule auch in der Gegenwart sich in wirksamer, überzeugender und aktueller Weise darzustellen weiß. Es geht nicht um eine einfache Anpassung, sondern um einen sendungsbewussten Elan: es geht um die fundamentale Pflicht der Evangelisierung, des Dorthin-Gehens, wo der Mensch steht, damit er das Geschenk des Heiles annehme.

4. Darum möchte die Kongregation für das Katholische Bildungswesen in diesen Jahren der unmittelbaren Vorbereitung auf das grobe Jubiläum des Jahres 2000 und anläßlich des freudigen Gedenkens an die Errichtung des Büros »Schulen« vor dreißig Jahren[1] und der Herausgabe des Dokuments Die Katholische Schule vor zwanzig Jahren, das am 19. März 1977 mit der Absicht veröffentlicht wurde, »besondere Aufmerksamkeit dem Wesen und den unterschiedlichen Merkmalen einer Schule zuzuwenden, die sich als katholisch bezeichnet und empfiehlt«,[2] sich mit dem vorliegenden Rundschreiben an alle an der schulischen Erziehung Beteiligten wenden in dem Wunsch, ihnen ein Wort der Ermutigung und der Hoffnung zukommen zu lassen. Insbesondere hat dieses Schreiben die Absicht, die Freuden über die positiven Früchte der Katholischen Schulen, aber auch die Besorgnisse wegen der Schwierigkeiten, auf die sie stöbt, zu teilen. Getragen von der Lehre des II. Vatikanischen Konzils, von zahllosen Aussagen des Heiligen Vaters, der ordentlichen und besonderen Versammlungen der Bischofssynoden und der Bischofskonferenzen, von der pastoralen Sorge der Diözesanordinarien sowie von internationalen katholischen Organisationen für den Bereich der Erziehung und der Schulen scheint es uns ferner angebracht, die Aufmerksamkeit auf einige grundlegende Charakteristiken der Katholischen Schule zu richten, die wir als wichtig für die Wirksamkeit ihrer erzieherischen Arbeit in Kirche und Gesellschaft betrachten: die Katholische Schule als ein Ort ganzheitlicher Erziehung der menschlichen Person mittels eines klaren Erziehungsplanes, der seinen Grundstein in Christus hat;[3] ihre kirchliche und kulturelle Identität; ihre Sendung zu erzieherischer Liebe; ihr sozialer Dienst, der erzieherische Stil, der ihre Erziehungsgemeinschaft kennzeichnen muss.

Freuden und Mühen

5. Mit grober Genugtuung möchten wir nochmals den positiven Weg durchlaufen, den die Katholische Schule in diesen letzten Jahrzehnten gegangen ist. Insbesondere gilt es ihren Beitrag beim Evangelisierungsauftrag der Kirche in der ganzen Welt zu betrachten, eingeschlossen jene Gegenden, in denen keinerlei andere pastorale Tätigkeit möglich ist. Ferner wollte die Katholische Schule trotz Schwierigkeiten auch weiterhin mitverantwortlich sein für die gesellschaftliche und kulturelle Entwicklung der verschiedenen Gemeinschaften und Völker, deren Teil sie ist, und hat deren Freuden und Hoffnungen, die Leiden und Schwierigkeiten sowie das Engagement für einen echten Fortschritt des Menschen und der Gemeinschaft geteilt. In dieser Hinsicht ist der wertvolle Beitrag zu erwähnen, den sie, indem sie sich in den Dienst der weniger vom Glück begünstigten Völker stellt, für deren geistige und materielle Entwicklung anbietet. Wir fühlen uns auch verpflichtet, den Beitrag der Katholischen Schule für die pädagogische und didaktische Erneuerung sowie den groben Einsatz so vieler Gläubiger zu erwähnen, vor allem jener, die als Ordensleute und Laien ihren Lehrberuf als eine Berufung und als echtes Apostolat leben.[4] Schlieblich dürfen wir nicht den Beitrag der Katholischen Schule in der Gesamtpastoral und besonders in der Familienpastoral vergessen und müssen diesbezüglich die Arbeit zurückhaltenden Eingreifens in die erzieherische Dynamik zwischen Eltern und Kindern unterstreichen, sowie in ganz spezieller Weise die einfache und tief gehende Unterstützung, die so reich an Sensibilität und Einfühlungsvermögen den »schwachen« oder »entwurzelten« Familien angeboten wird, die vor allem in den entwickelten Ländern immer zahlreicher werden.

6. Die Schule ist zweifellos ein sensibiler Kreuzungspunkt der Problematiken, die diesen unruhigen Zeitabschnitt am Ende eines Jahrtausends bewegen. Die Katholische Schule muss sich mit Kindern und Jugendlichen auseinandersetzen, die die Schwierigkeiten der Gegenwart erleben. Sie sieht sich hier Schülern gegenüber, die jeglicher Mühe ausweichen, unfähig sind zu Opfern und zu Beständigkeit und die, meist schon von der Familie her, keine gültigen Leitbilder haben. In zunehmendem Mabe sind sie nicht nur gleichgültig oder nicht praktizierend, sondern lassen jegliche religiöse oder moralische Formung vermissen. Hinzu kommt bei vielen Schülern und in den Familien das Gefühl einer tiefgreifenden Apathie bezüglich der ethischen und religiösen Bildung, weswegen letztlich das einzige Interesse und Verlangen gegenüber der Katholischen Schule das ist, ein Zeugnis oder höchstens noch eine qualifizierte Ausbildung und berufliche Befähigung zu erhalten. Das eben beschriebene Klima ruft eine gewisse pädagogische Müdigkeit hervor, die mit der wachsenden Schwierigkeit im gegenwärtigen Kontext in eins geht, das Lehrer-Sein mit dem Erzieher-Sein zu verbinden.

7. Unter den Schwierigkeiten gibt es auch Situationen politischer, gesellschaftlicher und kultureller Art, die den Besuch der Katholischen Schule verhindern oder behindern. Das Drama der verbreiteten Armut und des Hungers in der Welt, Konflikte und Bürgerkriege, der Verfall der Städte, die Ausbreitung der Kriminalität in den groben Ballungszentren sovieler Städte lassen keine volle Verwirklichung von Bildungs- und Erziehungsplänen zu. In anderen Teilen der Welt wiederum sind es die Regierungen, welche Hindernisse in den Weg legen, wenn sie nicht überhaupt die Tätigkeit der Katholischen Schule verunmöglichen, und dies trotz des Fortschritts demokratischer Gesinnung und Praxis und der angewachsenen Sensibilität für die Menschenrechte. Weitere Schwierigkeiten entstehen aufgrund wirtschaftlicher Probleme. Diese Situation ist für die Katholische Schule umso mehr in jenen Staaten spürbar, in denen keinerlei Beitrag der Regierung für die nichtstaatlichen Schulen vorgesehen ist. Dies macht die finanzielle Belastung für Familien, die nicht die staatliche Schule wählen, nahezu unerträglich und bedeutet eine ernsthafte Hypothek für die Überlebensfähigkeit der Schulen. Darüber hinaus können die wirtschaftlichen Schwierigkeiten, abgesehen von ihren Auswirkungen auf die Gewinnung und den Unterhalt des Lehrkörpers, dazu führen, dass von den Katholischen Schulen jene ausgeschlossen werden, denen ausreichende finanzielle Mittel fehlen, wobei so auch eine Auswahl der Schüler erfolgen würde, die für die Katholische Schule den Verlust eines für sie grundlegenden Charakteristikums mit sich bringt, nämlich das, Schule für alle zu sein.

Mit dem Blick nach vorne

8. Der Blick auf die Freuden und Mühen der Katholischen Schule, ohne sich einzubilden, dass deren gesamte Fülle und Tiefe ausgeschöpft worden wäre, fordert uns auf, nun an den Beitrag zu denken, den sie bei der Bildung der neuen Generationen an der Schwelle zum dritten Jahrtausend leisten könnte, wobei wir uns bewusst sind, dass, wie Johannes Paul II. schreibt, »die Zukunft der Welt und der Kirche den jungen Generationen gehört, die, noch in diesem Jahrhundert geboren, erst im nächsten, dem ersten Jahrhundert des neuen Jahrtausends, reife Menschen sein werden«.[5] So muss die Katholische Schule in der Lage sein, die jungen Menschen mit den Werkzeugen der Erkenntnis auszustatten, damit diese ihren Platz in einer Gesellschaft finden können, die stark geprägt ist von technischen und wissenschaftlichen Kenntnissen; doch gleichzeitig, ja wir möchten sogar sagen: vorrangig, muss sie ihnen eine solide, christlich orientierte Bildung vermitteln. Darum sind wir überzeugt, dass einige grundlegende Merkmale der Katholischen Schule verstärkt werden müssen, um sie zu einem Werkzeug der Erziehung in der Welt von heute zu machen.

Die Person und ihre Erziehung

9. Die Katholische Schule stellt sich als Schule für die Person und Schule der Personen dar. »Die Person eines jeden in ihren materiellen und geistigen Bedürfnissen steht im Mittelpunkt der Lehrtätigkeit Jesu: aus diesem Grunde bedeutet die Förderung der menschlichen Person das Ziel der Katholischen Schule«.[6] Diese Aussage erinnert, indem sie die lebendige Beziehung des Menschen mit Christus beleuchtet, daran, dass sich in Seiner Person die volle Wahrheit über den Menschen findet. Deshalb handelt die Katholische Schule, wenn sie sich um die Förderung des Menschen in seiner Ganzheit bemüht, im Gehorsam gegenüber der Sorge der Kirche und im Bewusstsein, dass alle menschlichen Werte ihre volle Verwirklichung und folglich ihre Einheit in Christus finden.[7] Dieses Bewusstsein bringt die zentrale Stellung der Person im Erziehungskonzept der Katholischen Schule zum Ausdruck, es stärkt deren erzieherisches Engagement und befähigt sie, Menschen zu starken Persönlichkeiten zu erziehen.

10. Der heutige sozio-kulturelle Kontext birgt die Gefahr, »den erzieherischen Wert der Katholischen Schule, der letztlich ihre Existenzberechtigung bildet und sie zum Ort authentischen Apostolats macht«,[8] zu verdunkeln. Denn auch wenn es wahr ist, dass es in den letzten Jahren eine starke Aufmerksamkeit und eine erhöhte Sensibilität seitens der öffentlichen Meinung, der internationalen Organisationen und der Regierungen für die Fragen der Schule und der Erziehung gab, so muss zugleich eine verbreitete Reduzierung der Erziehung auf die rein technischen und funktionalen Aspekte festgestellt werden. Die pädagogischen Wissenschaften und die Erziehungswissenschaften selbst waren mehr mit der Frage der phänomenologischen Erkundung und der praktischen Didaktik beschäftigt, als dass sie sich um die Fragen des eigentlichen erzieherischen Wertes gekümmert hätten, der die wahren Werte und sinnträchtige Horizonte in den Mittelpunkt setzt. Die Aufsplitterung der Erziehung, die Unbestimmtheit der Wertvorstellungen, auf die man sich häufig beruft und wofür man auch noch leicht breite Zustimmung erfährt, allerdings auf Kosten einer gefährlichen Verdunklung der Inhalte, neigen dazu, die Schule auf ihre angebliche Neutralität zurückzuverweisen, die das erzieherische Potential schwächt und sich negativ auf die Bildung der Schüler auswirkt. Man möchte vergessen, dass Erziehung immer eine bestimmte Konzeption von Mensch und Leben voraussetzt und einschließt. Der vorgegebenen schulischen Neutralität entspricht in den meisten Fällen die praktische Verdrängung der religiösen Bezüge aus dem Gebiet der Kultur und der Erziehung. Ein korrekter pädagogischer Ansatz hingegen muss den entscheidendsten Raum der Ziele durchmessen, muss sich nicht nur mit dem »Wie«, sondern auch mit dem »Warum« der Erziehung befassen, muss das Missverständnis der Möglichkeit einer keimfreien Erziehung überwinden und muss dem erzieherischen Prozeb jene Einheitlichkeit zurückgeben, die die Zersplitterung in die Rinnsale verschiedener Kenntnisse und Fertigkeiten verhindert und die Person in ihrer umfassenden, transzendentalen und geschichtlichen Identität im Mittelpunkt hält. Die Katholische Schule mit ihrem am Evangelium ausgerichteten erzieherischen Konzept ist aufgerufen, diese Herausforderung anzunehmen und darauf zu antworten in der Überzeugung, dass »sich nur im Geheimnis des fleischgewordenen Wortes das Geheimnis des Menschen wahrhaft aufklärt«.[9]

Die Katholische Schule im Herzen der Kirche

11. Die Komplexität der gegenwärtigen Welt bringt uns zur Überzeugung, wie notwendig es ist, dem Bewusstsein von der kirchlichen Identität der Katholischen Schule wieder mehr Raum zu geben. Denn aus der katholischen Identität ergeben sich die ureigenen Kennzeichen der Katholischen Schule, die sich als Handlungsträger in der Kirche »strukturiert«, als Ort authentischen und spezifischen pastoralen Handelns. Sie hat teil am Evangelisierungsauftrag der Kirche und ist der privilegierte Ort, an dem christliche Erziehung Wirklichkeit wird. In dieser Hinsicht »sind die Katholischen Schulen zugleich Orte der Evangelisierung, der ganzheitlichen Erziehung, der Inkulturation und des Erlernens eines wichtigen Dialogs zwischen Jugendlichen unterschiedlicher Religionen und sozialer Schichten«.[10] Der kirchliche Charakter der Katholischen Schule ist also direkt ins Herz ihrer Identität als schulische Institution geschrieben. Sie ist wirklicher und eigentlicher Handlungsträger in der Kirche aufgrund ihres Handelns als Schule, »in dem Glaube, Kultur und Leben eine lebendige Verbindung eingehen«.[11] So gilt es mit aller Kraft zu betonen, dass die kirchliche Dimension kein zusätzliches Kennzeichen darstellt, sondern ureigenes und spezifisches Qualitätsmerkmal ist, ein unterscheidendes Charakterkennzeichen, das jeden Augenblick ihres erzieherischen Handelns durchdringt und formt, Bestandteil, der ihre eigene Identität begründet, und Brennpunkt ihrer Sendung.[12] Die Förderung dieser Dimension ist das Ziel eines jeden Mitglieds der Erziehungsgemeinschaft.

12. Kraft ihrer Identität also ist die Katholische Schule ein Ort der Erfahrung von Kirche, und die christliche Gemeinde ist ihre Grundlage. In diesem Zusammenhang gilt es, daran zu erinnern, dass sie ihre ureigene Berufung, ein Ort zu sein, an dem Kirche wahrhaft erfahrbar wird, nur dann verwirklichen kann, wenn sie sich organisch einfügt in die Pastoral der christlichen Gemeinde. In einer ganz besonderen Weise ermöglicht die Katholische Schule es, den jungen Menschen in einem der christlichen Bildung günstigen Umfeld zu begegnen. Leider muss man allerdings zur Kenntnis nehmen, dass in einigen Fällen die Katholische Schule nicht als integrierender Bestandteil der tatsächlichen Seelsorge empfunden wird und dass sie manchmal als etwas der Gemeinde Fremdes oder zumindest fast Fremdes angesehen wird. Es ist deshalb dringlich, eine neue Sensibilität der Pfarrgemeinden und der diözesanen Gemeinschaften zu fördern, damit diese sich als die allerersten fühlen, die berufen sind, Sorge für die Erziehung und die Schule zu tragen.

13. Im kirchlichen Leben ist die Katholische Schule vor allem als Betätigungsfeld von Ordensfamilien bekannt, die aufgrund ihres Ordenscharismas oder aufgrund besonderer Aufmerksamkeit sich ihr in grobherziger Weise gewidmet haben. In der gegenwärtigen Zeit freilich fehlt es nicht an Schwierigkeiten, die durch den besorgniserregenden zahlenmäbigen Rückgang, aber auch durch schleichende ernsthafte Missverständnisse bedingt sind, welche dazu zu verleiten drohen, die Sendung im Erziehungsbereich aufzugeben. Einerseits wird nämlich das schulische Engagement von der Seelsorge getrennt, anderseits stöbt die konkrete Aktivität auf Schwierigkeiten, wenn es darum geht, mit den spezifischen Erfordernissen des Ordenslebens übereinzukommen. Das so fruchtbringende Gespür der heiligen Ordensgründer zeigt besser und radikaler als jede andere Argumentation, wie unbegründet und bedenklich derartige Auffassungen sind. Ferner erscheint es uns angebracht, in Erinnerung zu rufen, dass die Präsenz der Ordensleute in der Erziehungsgemeinschaft unerläblich ist, insofern »die Personen des geweihten Lebens in der Lage sind, eine besonders wirksame Erziehungstätigkeit zu entfalten«,[13] und Beispiel dafür sind, wie man sich vorbehaltlos und kostenlos in den Dienst am Nächsten im Geiste des Ordensgelübdes »hingeben« kann. Die Gegenwart der Ordensfrauen und Ordensmänner bietet zusammen mit den Priestern und Laien den Schülern »ein lebendiges Bild der Kirche und erleichtert die Erkenntnis ihrer Reichtümer«.[14]

Die kulturelle Identität der Katholischen Schule

14. Aus dem Wesen der Katholischen Schule ergibt sich auch eines der ausdrucksvollsten Elemente der Originalität ihres Erziehungskonzeptes: die Synthese zwischen Kultur und Glaube. Denn das Wissen wird, wenn es in den Horizont des Glaubens gestellt wird, zur Weisheit und zur Lebensvision. Die einzelnen Fächer bieten nicht nur Kenntnisse, die es zu erwerben gilt, sondern Werte, die man sich aneignen, und Wahrheiten, die man entdecken soll.[15] All dies erfordert ein Umfeld, das gekennzeichnet ist von der Suche nach der Wahrheit, in dem die Erzieher, wenn sie kompetent, überzeugt, konsequent und Lehrmeister des Wissens und des Lebens sind, sicherlich unvollkommene, aber dennoch nicht farblose Abbilder des einzigen Meisters sein sollten. In dieser Hinsicht arbeiten beim christlichen Erziehungskonzept alle Lehrfächer mit ihren spezifischen, ureigenen Wissensinhalten zusammen, um reife Persönlichkeiten heranzubilden.

 »Das eifrige Bemühen um Bildung ist Liebe« (Weish 6,17)

15. In der kirchlichen Dimension ist auch das Unterscheidungsmerkmal der Katholischen Schule als einer Schule für alle mit besonderer Aufmerksamkeit für die Schwächsten verwurzelt. Die Geschichte zeigt, dass der Grobteil der katholischen schulischen Erziehungseinrichtungen als eine Antwort auf die Erfordernisse jener Schichten entstand, die in gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Hinsicht weniger begünstigt waren. Es ist nichts Neues, wenn man behauptet, dass die Katholischen Schulen aus einer tiefen Liebe zur Erziehung gegenüber Jugendlichen und Kindern entstanden sind, die sich selbst überlassen und in keinerlei Form erzogen waren. In vielen Weltgegenden ist es noch heute die materielle Armut, die verhindert, dass viele Jugendliche und Kinder Zugang zu einer Ausbildung und zu einer angemessenen menschlichen und christlichen Erziehung erhalten. In wieder anderen Gegenden sind es neue Formen der Armut, die eine Anfrage an die Katholische Schule darstellen, die sich wie in der Vergangenheit Situationen des Unverständnisses, des Misstrauens und des Mangels an Mitteln gegenübersehen kann. Die armen Mädchen, die im 15. Jahrhundert von den Ursulinen unterrichtet wurden, die Jungen, die Calasanzio in den Straßen Roms herumlaufen und lärmen hörte, jene, denen De la Salle in den armen Dörfern Frankreichs begegnete, oder jene, die Don Bosco um sich scharte, sie können wir heute unter denen antreffen, die den wahren Sinn des Lebens verloren haben und denen jeder Elan für Ideale fehlt, denen keine Werte vor Augen gestellt werden und die nicht mehr die Schönheit des Glaubens kennen, hinter denen nur entwurzelte, zur Liebe unfähige Familien stehen, die oft Situationen materiellen und geistlichen Mangels erleben und Sklaven der neuen Idole einer Gesellschaft sind, welche ihnen nicht selten nur eine Zukunft in Arbeitslosigkeit und Ausgrenzung in Aussicht stellt. An eben diese neuen Armen richtet sich die Katholische Schule im Geiste der Liebe. Sie, die doch aus dem Wunsch entstand, allen, besonders aber den Ärmsten und am meisten an den Rand Gedrängten die Möglichkeit einer Ausbildung, des Erhalts eines Arbeitsplatzes und einer menschlichen und christlichen Erziehung zu bieten, kann und muss in diesem Sinne im Kontext der alten und neuen Formen der Armut jene ursprüngliche Synthese der Leidenschaft und der Liebe zur Erziehung finden, welche Ausdruck der Liebe Christi zu den Armen, Kleinen und zu den vielen ist, die auf der Suche nach der Wahrheit sind.

Die Katholische Schule im Dienst der Gesellschaft

16. Die Katholische Schule kann man nicht getrennt von den übrigen Erziehungseinrichtungen betrachten und sie als davon unabhängige Institution führen, sondern sie muss mit der Welt der Politik, der Wirtschaft, der Kultur und der Gesellschaft in ihrem Gesamt in Beziehung stehen. Es ist darum Aufgabe der Katholischen Schule, sich mit Entschiedenheit mit der neuen kulturellen Situation zu befassen, sich als kritische Instanz gegenüber partialen Erziehungskonzepten und als Beispiel und Anreiz für andere Erziehungseinrichtungen zu erweisen und sich zum vorgeschobenen Posten in der Sorge der kirchlichen Gemeinschaft um die Erziehung zu machen. In dieser Weise wird die öffentliche Rolle der Katholischen Schule klargestellt, die nicht als eine Privatinitiative, sondern als Ausdruck der Wirklichkeit der Kirche entsteht und von ihrem Wesen her einen öffentlichen Charakter trägt. Sie leistet einen Dienst zum öffentlichen Nutzen und ist, auch wenn sie klar und erklärtermaben in der Perspektive des katholischen Glaubens gestaltet ist, nicht nur für Katholiken reserviert, sondern steht allen offen, die ein qualifiziertes Erziehungskonzept zu würdigen und zu teilen wissen. Diese Dimension des Offenseins erweist sich besonders deutlich in den Ländern mit nichtchristlicher Mehrheit und in solchen, die noch in der Phase der Entwicklung sind, wo die Katholischen Schulen seit jeher ohne irgendeine Diskriminierung den Fortschritt der Bürger und die Förderung der Person unterstützten.[16] Die Katholischen Schuleinrichtungen haben ferner gleich den staatlichen Schulen eine öffentliche Funktion und garantieren durch ihre Präsenz den kulturellen und erzieherischen Pluralismus, vor allem aber die Freiheit und das Recht der Familie, die das für die Erziehung der eigenen Kinder beabsichtigte Erziehungsziel auch verwirklicht sehen möchte.[17]

17. In dieser Hinsicht ist die Katholische Schule in einen ehrlichen und konstruktiven Dialog mit den Staaten und den bürgerlichen Gemeinden eingetreten. Der Dialog und die Zusammenarbeit müssen auf wechselseitige Achtung, auf die gegenseitige Anerkennung der je eigenen Rolle und auf den gemeinsamen Dienst am Menschen gegründet sein. Um dies zu verwirklichen, fügt die Katholische Schule sich weitgehend in die Schulsysteme der verschiedenen Nationen und in die Gesetzgebung der einzelnen Staaten ein, soweit diese die Grundrechte der Person, angefangen von der Achtung vor dem Leben und vor der Religionsfreiheit, beachten. Die ordnungsgemäbe Beziehung zwischen Staat und Schule, und zwar nicht nur der Katholischen, hat nicht so sehr von den institutionellen Beziehungen auszugehen, als vielmehr vom Recht der Person, eine angemessene Erziehung nach freier Wahl zu erhalten. Dies ist ein Recht, dem gemäb dem Subsidiaritätsprinzip zu entsprechen ist.[18] Denn »die Staatsgewalt, deren Aufgabe es ist, die bürgerlichen Freiheiten zu schützen und zu verteidigen, muss zur Wahrung der «austeilenden Gerechtigkeit» darauf sehen, dass die öffentlichen Mittel so ausgegeben werden, dass die Eltern für ihre Kinder die Schulen nach ihrem Gewissen wirklich frei wählen können«.[19] Im Rahmen nicht nur der formalen Proklamation, sondern der effektiven Ausübung dieses Grundrechts des Menschen stellt sich in einigen Ländern das entscheidende Problem der rechtlichen und finanziellen Anerkennung der nichtstaatlichen Schule. Wir machen uns den kürzlich noch einmal von Johannes Paul II. ausgesprochenen Wunsch zu eigen, dass in allen demokratischen Ländern »endlich in konkreter Weise die wirkliche Gleichstellung der nichtstaatlichen Schulen umgesetzt werde, welche gleichzeitig auch deren Erziehungskonzept achte«.[20]

Der erzieherische Stil der Erziehungsgemeinschaft

18. Bevor wir zum Schluss kommen, möchten wir uns noch kurz über den Stil und die Rolle der Erziehungsgemeinschaft unterhalten, die sich aus der Begegnung und der Zusammenarbeit der verschiedenen Beteiligten konstituiert: aus Schülern, Eltern, Lehrern, Schulträger und nicht-lehrendem Personal.[21] Diesbezüglich wird mit Recht die Bedeutung des Klimas untereinander und der Weise des Umgangs miteinander betont. Im Laufe des Entwicklungsalters sind personale Beziehungen mit beispielgebenden Erziehern notwendig, und sogar die Kenntnisse selbst haben einen gröberen Einfluss auf die Bildung des Schülers, wenn sie in einen Kontext persönlicher Anteilnahme, echten Austausches, konsequenter Haltungen, konsequenten Stils und konsequenter tagtäglicher Verhaltensweisen gestellt werden. Vor diesem Horizont muss bei aller notwendigen Bewahrung der jeweiligen Rollen die Gestalt der Schule als Gemeinschaft gefördert werden, was einen der Reichtümer der gegenwärtigen Institution Schule darstellt.[22] Ferner ist es von Nutzen, im Einklang mit dem II.Vatikanischen Konzil[23] daran zu erinnern, dass die Dimension der Gemeinschaft in der Katholischen Schule nicht einfach eine soziologische Kategorie ist, sondern auch ein theologisches Fundament hat. Die Erziehungsgemeinschaft als Ganzes genommen ist darum herausgefordert, das Ziel einer Schule als eines Ortes ganzheitlicher Erziehung mittels der interpersonalen Beziehungen zu fördern.

19. In der Katholischen Schule liegt »die erste Verantwortung dafür, dass in der Schule ein eigener christlicher Stil herrscht, bei den Lehrern, und zwar als Einzelpersonen wie als Kollegium«.[24] Die Lehrtätigkeit ist eine Handlung von außerordentlichem moralischen Gewicht, sie ist eine der höchsten und schöpferischsten Tätigkeiten des Menschen, denn der Lehrer prägt nicht etwas in eine tote Materie ein, sondern in den Geist der Menschen selbst. Von daher bekommt die personale Beziehung zwischen Lehrer und Schüler, die sich nicht auf ein einfaches Geben und Nehmen beschränkt, einen Wert höchsten Ranges. Darüber hinaus muss man sich immer mehr bewusst sein, dass die Lehrer und Erzieher eine spezifische christliche Berufung und eine ebenso spezifische Teilhabe an der Sendung der Kirche leben und »dass es wesentlich von ihnen abhängt, wieweit die Katholische Schule ihre Absichten und Initiativen verwirklichen kann«.[25]

20. In der Erziehungsgemeinschaft haben die Eltern als von Natur aus Erstverantwortliche für die Erziehung ihrer Kinder eine Rolle von besonderer Bedeutung. Leider erlebt man heute die verbreitete Tendenz, dass sie diese ureigene Aufgabe delegieren. Deshalb wird es notwendig, nicht nur Initiativen anzuregen, die zur Übernahme dieser Verpflichtung mahnen, die dabei aber auch konkrete und richtige Hilfe dafür anbieten und die Familien in das Erziehungskonzept[26] der Katholischen Schule einbeziehen. Beständiges Ziel der schulischen Erziehung muss darum die Begegnung und der Dialog mit den Eltern und den Familien sein, was auch durch die Förderung der Elternvereinigungen begünstigt werden muss, um durch ihren unersetzlichen Beitrag jene Personalisierung zu bestimmen, die jegliches geplantes Erziehungsziel erst wirksam werden lässt.

Schluss

21. Der Heilige Vater hat mit einem sehr beeindruckenden Wort darauf hingewiesen, dass der Weg des Menschen der Weg Christi und der Kirche ist.[27] Dieser Weg darf kein anderer sein als der, auf dem die Verkünder des Evangeliums voranschreiten, die dabei der Dringlichkeit der erzieherischen Herausforderung begegnen. Der Einsatz in der Schule erweist sich so als unersetzliche Aufgabe, ja, die in der Katholischen Schule erbrachte Investition in Menschen und Mittel wird sogar zu einer prophetischen Entscheidung. Auch an der Schwelle zum dritten Jahrtausend spüren wir noch stark den Auftrag, den die Kirche an jenem »Pfingsten«, das das II. Vatikanische Konzil bedeutete, der Katholischen Schule zugewiesen hat: weil diese »dem Volk Gottes in der Erfüllung seines Auftrages so förderlich und dem Gespräch zwischen Kirche und menschlicher Gemeinschaft zu deren beiderseitigem Vorteil nützlich sein kann, behält sie auch in unserer heutigen Welt eine entscheidende Bedeutung«.[28]

Prot. N. 29096

Rom, den 28.Dezember 1997, am Fest der Heiligen Familie
Pio Kard. Laghi
Präfekt
José Saraiva Martins
Titularerzbischof von Tuburnica

Sekretär

Anmerkungen

  1. Die »Hl. Kongregation für das Katholische Bildungswesen«, eine neue Bezeichnung der »Hl. Kongregation für die Seminare und Universitäten«, wurde durch die Apostolische Konstitution Regimini ecclesiae universae, die unter dem Datum vom 15. August 1967 promulgiert wurde und am 1. März 1968 in Kraft trat (AAS 59 [1967] 885-928), in drei Büros strukturiert. Bei dieser Neuordnung wurde das Büro für die Katholischen Schulen eingerichtet mit dem Zweck, die grundlegenden Prinzipien der Erziehung, vor allem in den Schulen, »weiter zu entwickeln« (vgl. II. Vatikanisches Konzil, Erklärung über die Christliche Erziehung Gravissimum educationis, Einleitung).
  2. Kongregation für das Katholische Bildungswesen, Die Katholische Schule, 2.
  3. Vgl. Kongregation für das Katholische Bildungswesen, Die Katholische Schule, 34.
  4. Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Erklärung über die Christliche Erziehung Gravissimum educationis, 8.
  5. Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Tertio millennio adveniente, 58.
  6. Vgl. Johannes Paul II., Ansprache vor dem I. Nationalen Kongress der Katholischen Schule in Italien, in: »L'Osservatore Romano« vom 24. November 1991, 4.
  7. Vgl. Kongregation für das Katholische Bildungswesen, Die Katholische Schule, 35.
  8. Kongregation für das Katholische Bildungswesen, Die Katholische Schule, 3.
  9. II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute Gaudium et spes, 22.
  10. Johannes Paul II., Nachsynodales Apostolisches Schreiben Ecclesia in Africa, 102.
  11. Kongregation für das Katholische Bildungswesen, Die religiöse Dimension der Erziehung in der Katholischen Schule, 34.
  12. Vgl. Kongregation für das Katholische Bildungswesen, Die religiöse Dimension der Erziehung in der Katholischen Schule, 33.
  13. Johannes Paul II., Nachsynodales Apostolisches Schreiben Vita consecrata, 96.
  14. Johannes Paul II., Nachsynodales Apostolisches Schreiben Christifideles laici, 62.
  15. Vgl. Kongregation für das Katholische Bildungswesen, Die Katholische Schule, 39.
  16. Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Erklärung über die Christliche Erziehung Gravissimum educationis, 9.
  17. Vgl. Heiliger Stuhl, Charta der Familienrechte, Art. 5.
  18. Vgl. Johannes Paul II., Nachsynodales Apostolisches Schreiben Familiaris consortio, 40; vgl. auch Kongregation für die Glaubenslehre, Instruktion Libertatis conscientia, 94.
  19. II. Vatikanisches Konzil, Erklärung über die Christliche Erziehung Gravissimum educationis, 6.
  20. Johannes Paul II., Schreiben an den Generaloberen der Scolopiner, in: »L'Osservatore Romano« vom 28. Juni 1997, 5.
  21. Vgl. Kongregation für das Katholische Bildungswesen, Der katholische Lehrer - Zeuge des Glaubens in der Schule, 22.
  22. Vgl. ebd.
  23. Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Erklärung über die Christliche Erziehung Gravissimum educationis, 8.
  24. Kongregation für das Katholische Bildungswesen, Die religiöse Dimension der Erziehung in der Katholischen Schule, 26.
  25. II. Vatikanisches Konzil, Erklärung über die Christliche Erziehung Gravissimum educationis, 8.
  26. Vgl. Johannes Paul II., Nachsynodales Apostolisches Schreiben Familiaris consortio, 40.
  27. Vgl. Johannes Paul II., Enzyklika Redemptor hominis, 14.
  28. II. Vatikanisches Konzil, Erklärung über die Christliche Erziehung Gravissimum educationis, 8.

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