Testem benevolentiae nostrae (Wortlaut)

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Apostolischer Brief
Testem benevolentiae nostrae

von Papst
Leo XIII.
an den Erzbischof von Baltimore, Kardinal James Gibbons
Christliche Antwort auf die Doktrin des Amerikanismus
22. Januar 1899

(Offizieller lateinischer Text: ASS XXXI [1898-1899] 470-479)

(Quelle: Die katholische Sozialdoktrin in ihrer geschichtlichen Entfaltung, Hsgr. Arthur Fridolin Utz + Birgitta Gräfin von Galen, lateinischer und deutscher Text, Band I, II 220-234, S. 310-327, Scientia humana Institut Aachen 1976, Imprimatur Friburgi Helv., die 2. decembris 1975 Th. Perroud, V.G.; Die Anmerkungen wurden in Klammern in den Text integriert)

Inhaltsverzeichnis

Hintergrund

In einem 1891 in New York erschienenen und 1897 ins Französische übersetzten Buch Walter Elliots über das Leben Isaak-Thomas Heckers († 1888), des Gründers der Kongregation vom heiligen Paulus, wurden einige Lehren vorgetragen, wie im Sinne Heckers die katholische Religion den neuen Verhältnissen angepasst werden sollte. Den daraus entstandenen Streit beendete Leo XIII. mit diesem Brief (DH 3340–3346, Erklärung).

Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


Grund des Schreibens, die Biographie über Isaac-Thomas Hecker

Zum Zeichen Unseres Wohlwollens senden Wir Dir diesen Brief, eines Wohlwollens, das Wir im Laufe Unseres langen Pontifikats Dir, Deinen Kollegen im Bischofsamt und dem ganzen amerikanischen Volk immer wieder zum Ausdruck gebracht haben, wozu Wir jede sich bietende Gelegenheit stets mit Freuden ergriffen haben, sei es die günstige Entwicklung Eurer Kirche, seien es Eure zweckmäßigen und weisen Maßnahmen zur Verteidigung und Förderung der katholischen Belange. Darüberhinaus hatten Wir häufig Gelegenheit, die glückliche Veranlagung Eures Volkes zu bewundern und zu loben, das immer bereit ist zu edlen Taten und zur Verfolgung alles dessen, was dem Wohl der Menschheit und dem Ansehen des Staates dient. - Es ist jedoch nicht die Absicht dieses Briefes, das Lob, das Wir Euch schon so oft gespendet haben, nochmals zu wiederholen, sondern auf einige Dinge, die es zu vermeiden und zu verbessern gilt, hinzuweisen. Da dieser Brief aber von der gleichen apostolischen Liebe diktiert ist, die Wir immer für Euch empfunden und der Wir schon so oft Ausdruck verliehen haben, so hoffen Wir, dass Ihr ihn als neuen Beweis Unserer Zuneigung auffassen werdet. Wir hoffen dies umso mehr, als er besonders dazu bestimmt und geeignet ist, gewisse Diskussionen zu beenden, die kürzlich unter Euch entstanden sind und die zum nicht geringen Schaden für den Frieden, wenn auch nicht alle, so doch viele Gemüter verwirren.

Du weißt, geliebter Sohn, dass die Biographie über Isaac-Thomas Hecker, besonders deren Übersetzung und Kommentare, ernste Kontroversen über gewisse Meinungsäußerungen bezüglich der christlichen Lebensgestaltung heraufbeschworen haben. In der Sorge um die Integrität des Glaubens und die Sicherheit der Gläubigen wollen Wir Dir ausführlich über die ganze Sache schreiben, wie es die Pflicht Unseres höchsten Apostolischen Amtes ist.

Der Grundgedanke des Amerikanismus: Mobilität der Dogmen. Die Antwort der Kirche

Das Grundprinzip der neuen Anschauungen, von denen Wir sprachen, kann man etwa folgendermaßen formulieren: Um die Abtrünnigen leichter zur katholischen Wahrheit zurückzuführen, sollte sich "die Kirche der Menschheit, die nunmehr das Erwachsenenalter erreicht hat, besser anpassen, sie sollte ihre bisherige Strenge mildern und aufgeschlossener für moderne Bestrebungen und Theorien sein. Dabei soll dies Prinzip, wie viele meinen, nicht nur für die Lebensgestaltung gelten, sondern auch für jene Lehren, die in dem der Kirche hinterlegten Glaubensgut enthalten sind. Es wird in der Tat behauptet, dass es, um die verirrten Seelen zu gewinnen, angebracht sei, gewisse Lehren als weniger wichtig mit Schweigen zu übergehen oder so abzuschwächen, dass sie nicht mehr den gleichen Sinn haben, den die Kirche ihnen bisher zugeschrieben hat. - Es bedarf keiner langen Ausführungen, geliebter Sohn, um zu zeigen, wie sehr diese Auffassung zu verurteilen ist; es genügt, die Natur und den Ursprung der Lehre der Kirche in Erinnerung zu rufen. Das Vatikanische Konzil sagt dazu: "Die von Gott geoffenbarte Glaubenslehre wurde dem menschlichen Geist nicht wie ein weiter zu entwickelndes philosophisches System dargeboten, sondern als ein von Gott hinterlegtes Gut, das der Braut Christi anvertraut ist, die es treu bewahren und unfehlbar interpretieren muss ... Der Sinn, den unsere Heilige Mutter die Kirche den geheiligten Dogmen einmal verliehen hat, muss für immer gewahrt bleiben, und es darf niemals davon abgewichen werden unter dem Anschein oder Vorwand, ihren tieferen Sinn besser zu erfassen (Const. De fide cath., c. IV.).

Man darf auch nicht glauben, dass man ohne Schuld bestimmte Prinzipien der katholischen Doktrin durch Schweigen bewusst umgehen und vergessen lassen kann. - Denn alle Wahrheiten, die in der christlichen Lehre enthalten sind, haben nur einen Urheber und Lehrer, den "eingeborenen Sohn, der am Herzen des Vaters ruht" (Joh 1,18 EU). Sie gelten für alle Zeiten und alle Völker, wie aus den Worten Christi selbst an seine Apostel klar hervorgeht: "Geht hin und lehret alle Völker ... und lehrt sie alles halten, was ich euch befohlen habe; und seht, ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Welt." (Mt 28,19-21 EU). Daher sagt auch das Vatikanische Konzil: "Es ist alles zu glauben aufgrund göttlichen und katholisch-kirchlichen Glaubens, was im geschriebenen und überlieferten Worte Gottes enthalten ist und was die Kirche, sei es in Form feierlicher Definitionen, sei es aufgrund ihres ordentlichen allgemeinen Lehramtes, als von Gott geoffenbart zu glauben vorstellt." (Const. De fide cath., c. 111). - Man hüte sich also davor, von der von Gott empfangenen Lehre irgendetwas wegzunehmen oder auszulassen, aus welchem Grunde auch immer, denn derjenige, der es täte, würde eher die Katholiken von der Kirche trennen, als diejenigen zur Kirche zurückführen, die sich von ihr getrennt haben. Nichts liegt Uns mehr am Herzen, als dass sie zurückkehren, dass alle zurückkehren, die sich einmal aus dem Schafstall Christi verirrt haben - aber auf keinem anderen Wege als demjenigen, den Christus selbst vorgezeichnet hat.

Die Sittenlehre aber, nach der die Katholiken ihr Leben gestalten sollen, ist nicht so geartet, dass sie keinerlei Anpassung an die zeitlich oder örtlich bedingte Mannigfaltigkeit zulassen würde. - Die Kirche hat die Milde und Barmherzigkeit ihres Stifters übernommen und daher auch von Anfang an wie der Apostel Paulus gehandelt, der von sich sagte: "Ich bin allen alles geworden, um alle zu retten" (1 Kor 9,22 EU). - Die Geschichte aller vergangenen Jahrhunderte bezeugt, dass dieser Apostolische Stuhl, der nicht nur das Lehramt, sondern auch die höchste Gewalt in der Kirche empfangen hat, immer an den "gleichen Dogmen, im gleichen Sinne und in der gleichen Formulierung" (I. Vatikanisches Konzil, DF, Nr. 29) festgehalten hat, dass er dagegen zu jeder Zeit die Sittenlehre so geregelt hat, dass sie - ohne das anzutasten, was göttlichen Rechtes ist - den Sitten und Bedürfnissen all der vielen Völker, die die Kirche in sich vereinigt, Rechnung getragen hat. Und wer wollte daran zweifeln, dass er auch heute noch so handeln würde, wenn das Heil der Seelen es erfordert? - Jedoch kann dies nicht dem Urteil der Einzelnen überlassen werden, die sich leicht durch den äusseren Schein des Guten täuschen lassen, sondern es steht allein der Kirche zu, hier ein Urteil zu fällen. Dem müssen alle beipflichten, wenn sie sich nicht den Tadel Unseres Vorgängers Pius' VI. zuziehen wollen. Dieser hatte erklärt, der 78. Lehrsatz der Synode von Pistoia sei "beleidigend für die Kirche und den Geist Gottes, der sie leitet, insofern er die von der Kirche festgesetzte und gutgeheißene Sittenlehre zur Diskussion stellt, als ob die Kirche jemals eine Sittenlehre festsetzen könnte, die unnütz oder zu belastend für die christliche Freiheit wäre".

Verkennung des besonders gearteten Verhältnisses von Freiheit und Autorität in der Kirche im Unterschied zur staatlichen Ordnung

Doch im Hinblick auf den Gegenstand, über den Wir mit Dir, geliebter Sohn, sprechen, ist die Ansicht der Neuerer noch weitaus unheilvoller und gefährlicher für die katholische Glaubens- und Sittenlehre. Sie meinen nämlich, man müsse in der Kirche eine gewisse Freizügigkeit einführen und ihre Oberhoheit und Aufsicht beschränken, damit die Gläubigen ihre eigene Initiative und Tatkraft frei entfalten können. Sie betonen, dies sei zweifellos erforderlich angesichts des Beispiels jener Freiheit, die neuerdings fast ausschließlich das Recht und die Grundlage der staatlichen Ordnung bildet.

- Wir haben all dies in Unserem an alle Bischöfe gerichteten Schreiben über die Verfassung der Staaten bereits ausführlich behandelt. Wir haben darin auch gezeigt, welcher Unterschied zwischen der Kirche, die göttlichen Rechtes ist, und den anderen Gesellschaftsformen, die ihre Existenz dem freien Willen der Menschen verdanken, besteht. - Hier soll daher vor allem jene Meinung behandelt werden, die gleichsam als Argument dafür angeführt wird, dass man dieselbe Freiheit für die Katholiken anraten soll. Man sagt nämlich bezüglich des unfehlbaren Lehramtes der Päpste, dass man sich nach seiner feierlichen Definition auf dem Vatikanischen Konzil seinetwegen nicht mehr zu beunruhigen brauche, weshalb man, da es nunmehr gesichert sei, dem Einzelnen ein weiteres Feld selbständigen Denkens und Handeins einräumen könne. - Dies ist nun wirklich eine unangebrachte Art zu argumentieren; denn wenn es aus dem unfehlbaren Lehramt der Kirche eine Schlussfolgerung zu ziehen gibt, dann sicherlich die, dass niemand von ihm abweichen darf, dass im Gegenteil alle sich stets gewissenhaft danach richten und sich ihm unterwerfen müssen, um sich leichter vor jedem Irrtum in ihrem persönlichen Denken zu bewahren. Es kommt noch hinzu, dass diejenigen, die so argumentieren, ganz und gar von den weisen Plänen der göttlichen Vorsehung abweichen, die gewollt hat, dass die Autorität und das Lehramt des Apostolischen Stuhles durch eine feierliche Definition bekräftigt würden, und zwar gerade deswegen, um die Katholiken wirkungsvoller vor den Gefahren der gegenwärtigen Zeit zu schützen. Die Ungebundenheit, die fast überall mit Freiheit verwechselt wird, die Sucht, alles zu sagen und allem zu widersprechen, das Recht, in der Presse alles zu beurteilen und jede Meinung zu vertreten, haben die Geister in so tiefe Verwirrung gestürzt, dass der Nutzen und die Notwendigkeit dieses Lehramtes heute größer als je zuvor sind, um die Gläubigen vor einem Versagen des Gewissens und vor Pflichtvergessenheit zu bewahren. - Es liegt Uns wahrhaftig fern, alles abzulehnen, was der moderne Geist hervorbringt; Wir freuen Uns vielmehr aufrichtig über jede Suche nach Wahrheit, jede Anstrengung für das Gute, die dazu beitragen, das Wissen und die allgemeine Wohlfahrt zu vermehren. Aber all das darf nur insoweit Bestand haben und sich entwickeln, als es die Autorität und Weisheit der Kirche nicht hintansetzt; sonst kann es nicht wirklich nutzbringend sein.

Die Beziehungen zwischen dem religiösen Leben und der geistlichen Führung

Wir wollen Uns nun jenen Meinungen zuwenden, die als Folgerungen aus den von Uns erwähnten vorgebracht werden. Sie sind, wie Wir glauben, nicht der Intention nach schlecht; doch wird man, wenn man sie in sich betrachtet, feststellen, dass sie keineswegs unverdächtig sind. - Zunächst einmal lehnt man jede von außen kommende Belehrung als überflüssig und sogar wenig nützlich für diejenigen, die die christliche Vollkommenheit anstreben, ab; der Heilige Geist, sagt man, spende heute den Gläubigen größere und reichlichere Gaben als früher, er erleuchte und leite sie ohne Vermittler durch eine Art geheimen Instinktes. - Es ist nun aber keine geringe Anmaßung, Gott vorschreiben zu wollen, wie er sich den Menschen mitteilen soll, denn das hängt allein von seinem Belieben ab, und er ist der absolut freie Spender seiner eigenen Gaben. "Der Geist weht, wo er will." (Joh 3,8 EU).

"Die Gnade wurde einem jeden von uns in dem Maße zuteil, wie Christus sie gibt" (Eph 4,7 EU). - Und wer würde es wagen - angesichts der Apostelgeschichte, des Glaubens der frühesten Kirche, der Kämpfe und Leiden der heldenmütigen Märtyrer, schließlich aller jener weit zurückliegenden Zeiten, die alle so reich an Menschen von größter Heiligkeit waren - die ersten Jahrhunderte mit unserer Zeit zu vergleichen und zu behaupten, sie seien weniger unter dem Einfluss des Heiligen Geistes gestanden? Aber abgesehen davon - niemand leugnet ja, dass der Heilige Geist in den Seelen der Gerechten auf geheimnisvolle Weise wirkt, dass er sie durch seine Eingebungen und Anregungen führt; wenn dem nicht so wäre, dann wären alle äußeren Hilfen und Lehren umsonst. "Wenn jemand behauptet, er könne der Lehre des Heils, d. i. des Evangeliums, zustimmen ohne die Erleuchtung des Heiligen Geistes, der alle geneigt macht, der Wahrheit zuzustimmen und an sie zu glauben, so ist er vom Geist der Häresie verführt" (II. Konzil von Orange, Kan. VII). Aber es ist auch wahr, und die Erfahrung selbst lehrt es uns, dass diese Eingebungen und Anregungen des Heiligen Geistes sehr häufig nur aufgrund von Hilfe und Vorbereitung durch von außen kommende Lehre wahrgenommen werden. Der heilige Augustinus sagt dazu: "An der Frucht eines guten Baumes wirkt mit, wer ihn von außen begießt und auf irgendeine Weise pflegt und wer ihm von sich aus inneres Wachstum verleiht" (De Gratia Christi XIX). Dies bezieht sich auf ein allgemeines Gesetz der göttlichen Vorsehung, die gewollt hat, dass für gewöhnlich die Menschen durch Menschen gerettet werden und dass selbst diejenigen, die sie zu einem höheren Grad der Heiligkeit berufen hat, durch Menschen dahin geführt werden, "damit, wie der heilige Chrysostomus sagt, die Lehre Gottes durch Menschen zu uns gelange (Hom. I, In Inscr. altar.). Am Ursprung der Kirche selbst finden wir ein berühmtes Beispiel für dieses Gesetz: Obwohl Saulus, "voll Wut und Mordlust (Apg 9,1-6 EU) die Stimme Christi gehört und ihn selbst gefragt hatte: "Herr, was willst du, dass ich tun soll? ", wurde er zu Ananias nach Damaskus gesandt: "Gehe in die Stadt. Dort wird man dir sagen, was du tun sollst." - Man muss auch bedenken, dass diejenigen, die eine höhere Vollkommenheit anstreben, einen Weg beschreiten, den die große Masse nicht kennt, und eben dadurch in größerer Gefahr sind, sich zu verirren, weshalb sie mehr als die anderen eines Lehrers und Führers bedürfen. - So ist es auch in der Kirche immer gehalten worden; dies ist auch die einmütige Lehre aller derjenigen, die sich im Laufe der Jahrhunderte durch ihre Weisheit und ihre Heiligkeit hervorgetan haben; und diejenigen, die sie ablehnen, können es sicherlich nicht ohne Vermessenheit und Gefahr tun.

Verkennung der übernatürlichen Tugenden, des kontemplativen Lebens und der Bedeutung der Ordensgelübde

Wenn man übrigens diese Frage sehr genau untersucht, so sieht man nicht klar, wohin - nach dem System der Neuerer - die von ihnen so hoch gepriesene vermehrte Wirkung des Heiligen Geistes führen soll, nachdem die äußere Führung beseitigt ist. - Zweifellos ist die Hilfe des Heiligen Geistes absolut notwendig für die Übung der Tugenden; aber diese Neuerungssüchtigen betonen zu stark die natürlichen Tugenden, als ob sie den Sitten und Bedürfnissen unserer Zeit mehr entsprächen und als ob ihr Besitz vorzuziehen sei, weil sie dem Menschen mehr Unternehmungsgeist und mehr Tatkraft verleihen. - Es bereitet Mühe, sich vorzustellen, dass Menschen, die von der christlichen Lehre wirklich durchdrungen sind, die natürlichen den übernatürlichen Tugenden vorziehen und ihnen eine höhere Wirksamkeit und Fruchtbarkeit zuschreiben können. Soll denn die Natur, wenn sie von der Gnade unterstützt wird, schwächer sein, als wenn sie ihren eigenen Kräften überlassen bliebe? Waren die großen Heiligen, die die Kirche bewundert und öffentlich verehrt, töricht und schwächlich in den natürlichen Angelegenheiten, weil sie sich in christlichen Tugenden hervortaten? Und selbst wenn wir manchmal Gelegenheit haben, hervorragende Akte natürlicher Tugenden zu bewundern: wie viele Menschen gibt es, die wirklich einen "habitus" natürlicher Tugenden besitzen? Wen verwirren nicht die Stürme heftiger Leidenschaften? Um sie dauerhaft zu beherrschen, um auch das natürliche Gesetz voll erfüllen zu können, braucht der Mensch unbedingt die göttliche Hilfe. Was einzelne Akte, wie Wir sie oben erwähnt haben, betrifft, so erweisen sie sich bei näherem Zusehen häufig mehr dem Anschein als der Wirklichkeit nach als Tugenden. - Aber geben wir einmal zu, dass es sich um wirklich tugendhafte Akte handelt. Wenn man nicht umsonst laufen und die ewige Seligkeit, zu der uns die Güte Gottes bestimmt hat, vergessen will, wozu nutzen dann alle natürlichen Tugenden ohne den Reichtum und die Kraft, die die Gnade ihnen verleiht? Der heilige Augustinus sagt zu Recht: "Große Anstrengungen, schneller Lauf, aber abseits vom Wege" (In Ps. 31, 4). Die menschliche Natur, die durch die Erbsünde dem Laster und der Erniedrigung verfallen war, erhebt sich, richtet sich auf und kräftigt sich mit Hilfe der Gnade. So werden auch die Tugenden, die nicht nur aus den Kräften der Natur allein, sondern auch mit der Hilfe dieser Gnade geübt werden, fruchtbar für die ewige Seligkeit und zugleich stärker und dauerhafter.

Dieser Meinung über die natürlichen Tugenden wird nun noch eine zweite hinzugefügt, gemäß weIcher alle christlichen Tugenden in zwei Klassen eingeteilt werden: in die "passiven" und die "aktiven", wie man sie nennt, wobei die ersteren mehr den vergangenen Jahrhunderten, die letzteren besser unserer Zeit entsprächen. - Was von einer solchen Einteilung der Tugenden zu halten ist, ist evident, denn: eine wirklich "passive" Tugend gibt es nicht und kann es nicht geben. "Die Tugend, sagt der heilige Thomas, bezeichnet die Vollendung eines Vermögens; nun ist aber das Ziel des Vermögens der Akt, und der Akt der Tugend ist nichts anderes als der rechte Gebrauch unseres freien Willens" (ST I-II q. 55, a. 1), vollzogen mit der Hilfe der göttlichen Gnade, sofern es sich um den Akt einer übernatürlichen Tugend handelt. - Um zu behaupten, es gebe christliche Tugenden, die gewissen Epochen gemäßer seien als andere, müßte man die Worte des Apostels vergessen: "Die er vorher erkannt hat, die hat er auch vorherbestimmt, dem Bilde seines Sohnes gleichförmig zu werden."(Röm 8,29 EU). Lehrer und Vorbild aller Heiligkeit ist Christus, nach ihm müssen sich alle richten, die einen Platz unter den Seligen finden wollen. Christus aber ändert sich nicht mit den Jahrhunderten, sondern ist "der gleiche gestern, heute und in alle Ewigkeit" (Hebr 13,8 EU). Daher richtet sich dieses Wort an die Menschen aller Zeiten: "Lernet von mir, denn ich bin sanftmütig und demütig von Herzen." (Mt 11,29 EU). Es gibt keine Epoche, in der Christus sich uns nicht zeigt als derjenige, "der gehorsam geworden ist bis zum Tode" (Phil 2,8 EU); und auch dieses Wort des Apostels gilt für alle Zeiten: "Diejenigen, die Jünger Christi geworden sind, haben ihr Fleisch gekreuzigt mitsamt seinen Lastern und Begierden." (Gal 5,24 EU). - Mögen doch diese Tugenden heute in der gleichen Vollendung von einer größeren Zahl als der der Heiligen vergangerer Jahrhunderte geübt werden! Diese waren durch ihre Demut, ihren Gehorsam, ihre Sittenstrenge "mächtig in Worten und Werken" zum größten Nutzen nicht nur der Religion, sondern auch ihrer Mitbürger und ihres Vaterlandes.

Durch eine solche Missachtung der evangelischen Tugenden, die zu Unrecht "passiv" genannt werden, kann nur allzu leicht nach und nach eine Missachtung auch des Ordenslebens in die Seelen eindringen. Dies ist ein Gedanke, der fast allen Verfechtern der neuen Ideen gemeinsam ist, wie man aus verschiedenen ihrer Aussagen bezüglich der Ordensgelübde entnehmen kann. Tatsächlich behaupten sie, dass diese Gelübde dem Geist unserer Zeit in keiner Weise mehr entsprechen, insofern sie die menschliche Freiheit unterdrücken, dass sie nur für die schwachen, nicht aber für die starken Seelen von Nutzen sein können und dass sie weder der christlichen Vollkommenheit noch dem Wohle der Menschheit dienen, sondern für beide eher ein Hindernis und eine Beeinträchtigung sind. - Die Falschheit dieser Behauptungen wird deutlich im Tun wie in der Lehre der Kirche, die das Ordensleben stets sehr hoch geachtet hat. Und sicherlich nicht zu Unrecht: denn diejenigen, die es, von Gott gerufen, freiwillig erwählen und die, nicht zufrieden mit den von den Geboten vorgeschriebenen allgemeinen Pflichten, sich zur Verwirklichung der evangelischen Räte verpflichten, sind tatkräftige und bereitwillige Streiter Christi. Sollen wir nun glauben, dass dies ein Kennzeichen kleinmütiger Gesinnung ist oder für ein vollkommeneres Leben unnötig oder gar schädlich ist? Diejenigen, die sich zu den Gelübden verpflichten, verlieren so wenig ihre Freiheit, dass sie im Gegenteil eine größere und höhere Freiheit genießen, eben die, "durch die Christus uns befreit hat" (Gal 4,31 EU).

Was nun die Aussage betrifft, das Ordensleben sei wenig oder gar nicht nützlich für die Kirche, so ist diese Behauptung nicht nur eine Verunglimpfung für die Orden, es gibt wohl auch niemand, der die Annalen der Kirche gelesen hat, der diese Ansicht vertreten könnte. Verdanken nicht die Vereinigten Staaten selbst "den Angehörigen der Ordensfamilien die Saat des Glaubens und der Kultur? Und einem von ihnen wollt Ihr, wie kürzlich beschlossen wurde, öffentlich eine Statue errichten - was Euch zu hohem Ruhme gereicht. - Und weIch aufopfernde Dienste, weIch reichliche Ernte bringen nicht die religiösen Orden in unserer Zeit überall dort, wo sie Niederlassungen haben! Wie zahlreich sind sie, um das Evangelium an neue Ufer zu tragen und die Grenzen der Kultur zu erweitern, und dies unter größten Anstrengungen und Gefahren! Aus ihren Reihen nicht weniger als aus denen der Weltpriester erwachsen dem christlichen Volk die Verkünder des Wortes Gottes und die Führer der Gewissen, der Jugend ihre Lehrer, der Kirche schließlich die Vorbilder für die verschiedensten Formen der Heiligkeit. - Das gleiche Lob muß man jenen spenden, die das aktive Leben erwählt haben, und jenen, die sich in der Einsamkeit dem Gebet und der Abtötung widmen. Wie viele Verdienste sie sich um die Gesellschaft erworben haben und noch erwerben, kann man nur ermessen, wenn man weiß, weIche Macht das "beharrliche Gebet der Gerechten" (Jak 5,16 EU) besitzt, um die göttliche Majestät zu besänftigen und ihre Gunst zu erwerben, vor allem, wenn es mit der Abtötung des Leibes verbunden ist.

Wenn es aber einige gibt, die sich zusammenschließen wollen, ohne sich durch irgend weIche Gelübde zu binden, so mögen sie ihren Wünschen gemäß handeln; ein Institut dieser Art ist weder neu noch von der Kirche mißbilligt; sie mögen nur vermeiden, es höher einzuschätzen als die religiösen Orden. Im Gegenteil sollte man gerade in unserer Zeit, die mehr als frühere geneigt ist, sündhaften Vergnügungen nachzugehen, jene umso höher achten, die "alles verlassen haben und Christus nachgefolgt sind".

Das Urteil des Papstes über die neuen Methoden der Seelsorge

Schließlich - Wir wollen hier nicht zu ausführlich werden - verlangt man, den Weg und die Methoden, die die Katholiken bisher verfolgt haben, um die Abtrünnigen zurückzugewinnen, zu verlassen und von nun an andere Mittel anzuwenden. - Hierzu genügt es, daran zu erinnern, geliebter Sohn, dass es unklug ist, etwas zu vernachlässigen, was durch eine lange Erfahrung erprobt und zudem in apostolischen Dokumenten empfohlen worden ist. - Das Wort Gottes lehrt uns (Koh 17,4.22 EU) dass jeder die Pflicht hat, am Heil seines Nächsten mitzuwirken, gemäß der Ordnung und dem Rang, in dem jeder steht. Die Gläubigen werden diese ihnen von Gott gestellte Aufgabe fruchtbringend erfüllen durch die Integrität ihrer Sitten, durch Werke christlicher Nächstenliebe, durch eifriges und inständiges Gebet. Die Mitglieder des Klerus sollen sich dieser Aufgabe widmen durch weise Verkündigung des Evangeliums, durch die Feierlichkeit und den Glanz der heiligen Zeremonien und vor allem dadurch, dass sie die Lehren des Apostels an Titus und Timotheus selber verwirklichen. - Wenn man unter den verschiedenen Möglichkeiten, das Wort Gottes zu verkünden, gelegentlich jene vorzieht, die darin besteht, die Abtrünnigen nicht in die Kirche, sondern an einen geeigneten privaten Ort einzuladen und nicht, um zu diskutieren, sondern sich freundschaftlich mit ihnen zu unterhalten, so ist daran nichts Tadelnswertes, vorausgesetzt, dass zu dieser Art Mission nur solche Menschen durch die Autorität der Bischöfe bestimmt werden, deren Wissen und deren Tugend zuvor erprobt worden sind. - Wir glauben in der Tat, dass unter euch viele sind, die sich vom katholischen Glauben mehr durch Unwissenheit als durch Böswilligkeit entfernt haben, und dass man sie vielleicht leichter zum einzigen Schafstall Christi führen kann, wenn man ihnen die Wahrheit in einer einfachen, ihnen vertrauten Sprache vorträgt.

Generelles Urteil über den Amerikanismus

Aus allem, was Wir bisher gesagt haben, ergibt sich, geliebter Sohn, dass Wir jene Meinungen nicht gutheißen können, die von vielen mit dem Namen "Amerikanismus" bezeichnet werden. - Wenn man mit diesem Namen gewisse Geistesgaben bezeichnen will, die das amerikanische Volk vor anderen auszeichnen, so wie andere Völker durch andere ausgezeichnet sind, oder wenn man damit die Verfassung Eurer Staaten, die Gesetze und Bräuche, die bei Euch gelten, bezeichnet, so ist daran gewiss nichts, was Wir ablehnen müssten. Aber wenn man diesen Ausdruck missbraucht, um die eben erwähnten Meinungen nicht nur zu bezeichnen, sondern auch noch zu verherrlichen, ist es da wohl erlaubt, daran zu zweifeln, dass Unsere ehrwürdigen Brüder, die amerikanischen Bischöfe, vor allen anderen die ersten sein werden, die ihn ablehnen und verurteilen als aufs höchste beleidigend für sie selbst und ihre ganze Nation? Denn tatsächlich erweckt er den Anschein, als gäbe es unter Euch Menschen, die für Amerika eine andere als die auf der ganzen Erde verbreitete Kirche planen und wünschen.

Es gibt nur eine Kirche, die eine ist durch die Einheit der Lehre wie durch die Einheit der Leitung, und das ist die katholische Kirche; und weil Gott als ihr Zentrum und ihre Grundlage den Stuhl des hI. Petrus gestiftet hat, wird sie zu Recht die römische genannt, denn "wo Petrus ist, ist die Kirche" (Ambrosius, In Ps. XI 57).

Deshalb muss jeder, der katholisch genannt werden will, sich aufrichtig die Worte des hl. Hieronymus an Damasus zu eigen machen: "Ich folge keinem anderen Herrn als Christus und bleibe deshalb Eurer Heiligkeit, d. h. dem Stuhle Petri verbunden; ich weiß, dass die Kirche auf diesen Felsen gegründet ist und dass jeder, der nicht mit Euch sammelt, zerstreut."

Schlusswort

Wir werden veranlassen, geliebter Sohn, dass dieser Brief, den Wir in Erfüllung der Pflicht Unseres Amtes an Dich persönlich gerichtet haben, auch den anderen Bischöfen der Vereinigten Staaten zur Kenntnis gebracht wird, und Wir versichern Dich nochmals der ganzen Liebe, die Wir für Deine Nation empfinden, die in der Vergangenheit so viel für den Glauben getan hat und mit dem Segen Gottes in der Zukunft noch mehr zu tun verspricht.

Als Unterpfand göttlicher Gnaden spenden Wir Dir und allen Gläubigen Amerikas voll Liebe den Apostolischen Segen.

Gegeben zu Rom, bei St. Peter, am 22.Januar 1899,

im einundzwanzigsten Jahr Unseres Pontifikats.

Leo XIII. Papst

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