Tametsi futura (Wortlaut)

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Enzyklika
Tametsi futura

von Papst
Leo XIII.
an alle Ehrwürdigen Brüder, die Patriarchen, Primaten, Erzbischöfe, Bischöfe
der katholischen Welt, welche in Gnade und Gemeinschaft mit dem Apostolischen Stuhle stehen
über den göttlichen Erlöser
1. November 1900

(Offizieller lateinischer Text ASS 33 [1900-1901] 273-285)

(Quelle: Heilslehre der Kirche, Dokumente von Pius IX. bis Pius XII. Deutsche Ausgabe des französischen Originals von P. Cattin O.P. und H. Th. Conus O.P. besorgt von Anton Rohrbasser, Paulus Verlag Freiburg/Schweiz 1953, S. 37-54; Imprimatur Friburgi Helv., die 22. maii 1953 L. Weber V. G; Die Nummerierung folgt der englischen Fassung, Die Anmerkungen sind in den Text integriert; auch in: Sämtliche Rundschreiben, erlassen von Unserem Heiligsten Vater Leo XIII., Fünfte Sammlung, Herder´sche Verlagsbuchhandlung, Freiburg im Breisgau 1904, in Fraktur abgedruckt)

Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


Jesus Christus, der Erlöser
Ehrwürdige Brüder,!
Gruß und Apostolischen Segen !

Inhaltsverzeichnis

Einleitung: Christliche Erneuerung und Sendung der Kirche

1 Wenn Wir auch im Hinblick auf die Zukunft sorgenvoller Gedanken Uns nicht erwehren können und angesichts der vielen Übel, mit denen Einzelmenschen und Gemeinwesen behaftet sind, zu manchen ernsten Befürchtungen Anlass haben, so hat Uns doch Gott der Herr am Ausgang des Jahrhunderts einige Hoffnung und gelinden Trost bereitet. Jedermann weiß ja, wie wichtig es für das Gemeinwohl ist, wenn jeder einzelne sich die Sorge um sein Seelenheil angelegen sein lässt und seinen Glaubenseifer sowie sein christliches Frömmigkeitsleben zu neuem Erwachen bringt. Nun aber deuten in unserer Gegenwart untrügliche Zeichen auf eine allgemeine Wiederbelebung und Erstarkung der christlichen Tugenden hin. Trotz der Verlockungen der Welt und trotz zahlreicher Schwierigkeiten, die das religiöse Leben behindern, sind doch auf die Einladung des obersten Hirten hin aus allen Weltrichtungen unzählige Scharen nach Rom an die Grabstätten der heiligen Apostel geeilt; Bewohner der ewigen Stadt wie auswärtige Pilger bekunden vor aller Augen ihre gläubige Andacht, und im Vertrauen auf die weit geöffneten Gnadenschätze der Kirche machen sie sich mit heiligem Wetteifer die Mittel zur Sicherung ihres Seelenheils zunutze. Wer nimmt nicht mit Ergriffenheit wahr, dass auch die Liebe zum Erlöser der Menschheit in ungewöhnlichem und geradezu erstaunlichem Maße neu auflodert? Diese Begeisterung von Tausenden, die einmütig und einstimmig unter allen Himmelsstrichen das Lob Jesu Christi verkünden und seinen Namen preisen, erinnert fürwahr an die besten Zeiten des Christentums. Gebe Gott, dass dieser am alten Glauben neu entfachte Feuereifer die Seelen weit und breit erfasse und dass das leuchtende Beispiel vieler Christen alle anderen mitreiße! Denn nichts ist in unserer Zeit für alle Völker so notwendig, wie eine allgemeine Erneuerung des christlichen Geistes und die Wiederbelebung der alten Tugenden. Leider stellen sich viele Menschen taub und schenken dem Mahnruf zur religiösen Wiedergeburt kein Gehör. Und doch würden auch sie erwachen und dem sicheren Verderben zu entrinnen suchen, wenn sie nur das Geschenk Gottes kännten (Vgl. Joh 4, 10) und bedächten, dass der Abfall vom Erlöser der Welt und die Abkehr vom christlichen Sittengesetz das größte Unglück ist.

2 Nun aber besteht die Aufgabe der Kirche darin, das Reich des Gottessohnes auf Erden zu erhalten und zu verbreiten, sowie durch die Ausspendung der göttlichen Gnaden das Heil der Menschen zu sichern. Diese hohe Sendung ist ihr so eigentümlich, dass ihre ganze Autorität und Macht darauf beruht. Das war bis auf den heutigen Tag das Bestreben unserer ganzen Kraft bei der sorgenreichen und mühevollen Ausübung Unseres obersten Hirtenamtes; und auch ihr, ehrwürdige Brüder, habt gewiss diese Aufgabe zum Inhalt eures täglichen Sinnens und Trachtens gemacht. Wir müssen jedoch, den Zeitumständen Rechnung tragend, unsere gemeinsamen Anstrengungen vervielfältigen und namentlich in diesem Jubeljahr die Kenntnis Jesu Christi und die Liebe zu ihm durch Belehrung, Beratung und Ermahnung noch mehr zu fördern suchen.

I. Das Erlösungswerk Jesu Christi

1. Heillosigkeit eines Lebens ohne Christus

Unsere Sorge wendet sich nicht so sehr jenen zu, die der christlichen Lehre stets ein bereitwilliges Ohr leihen, als vielmehr all jenen weit bedauernswerteren Menschen, die sich zwar Christen nennen, aber ein Leben ohne Glauben und ohne Liebe zu Jesus Christus führen. Sie sind der besondere Gegenstand unseres Mitleides; diese vor allem möchten Wir aufmerksam machen auf ihr unwürdiges Verhalten und auf dessen Folgen, falls sie sich nicht eines besseren besinnen.

3 Jesus Christus überhaupt nie und in keiner Weise kennenlernen, das ist wohl das größte Unglück; immerhin kann das ohne bösen Willen und ohne Undankbarkeit geschehen. Ihn hingegen kennenlernen und dann verleugnen und vergessen, ist gewiss ein so schändliches und so unvernünftiges Vergehen, dass man es unter Menschen nicht für möglich halten sollte. Denn Christus ist Urgrund und Urquell aller Güter; die Menschheit, die nicht ohne seine Gnade erlöst werden konnte, wird auch nicht fortbestehen ohne seine machtvolle Hilfe. In keinem anderen ist Heil, denn es ist kein anderer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, in dem wir gerettet werden sollen (ApG 4, 12). Was ist ein Leben ohne Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit (1 Kor 1, 24), wie steht es da um die Sittlichkeit und wo endet schließlich das Ganze? Ist das Schicksal der Völker, die des christlichen Glaubenslichtes entbehrten, nicht ein anschauliches Beispiel dafür? Es genügt, die zwar zurückhaltende Beschreibung wieder zu lesen, die uns der heilige Paulus (Vgl. Röm 1) gibt von der Verblendung ihres Geistes, von der Verkommenheit ihrer Natur, von ihrem Aberglauben und ihren Leidenschaften, um zugleich von Mitleid und Abscheu ergriffen zu werden.

2. Christus: Versöhner der Menschheit mit Gott

Was Wir hier sagen, ist allgemein bekannt, wird aber zu wenig beachtet und kaum überdacht. Der Hochmut würde nämlich nicht so viele Menschen in die Irre führen, noch würde die Gleichgültigkeit unzählige zur Lauheit verleiten, wenn das Andenken an Gottes Wohltaten überall lebendig wäre, wenn man öfter bedenken würde, aus welcher abgründigen Tiefe Christus die Menschheit gerettet und zu welcher Höhe er sie empor geführt hat. Enterbt und verirrt ging die Menschheit von Jahrhundert zu Jahrhundert immer mehr dem Untergang entgegen; infolge der Sünde der Stammeltern war sie belastet mit schrecklichen Übeln, gegen die bloße Menschenkraft nichts vermochte, bis Christus der Herr als Retter vom Himmel herniederstieg und auf Erden erschien. Ihn hatte Gott selber am Weltenmorgen als den künftigen Besieger und Überwinder der Schlange verheißen. In ungeduldiger Erwartung seiner Ankunft hielt deshalb Generation nach Generation sehnsuchtsvolle Ausschau nach ihm. Auf ihm beruhte alle Hoffnung; so hatten es lange und deutlich die Propheten verkündet. Auch die Geschichte des auserwählten Volkes, seine wechselvollen Schicksale, seine Einrichtungen, Gesetze, Zeremonien und Opfer wiesen mit Bestimmtheit auf ihn hin und deuteten mit lichtvoller Klarheit an, dass das volle und wahre Glück der Menschheit nur von dem ausgehen werde, der Hoherpriester und Opferlamm zugleich sein sollte, Wiederbringer der menschlichen Freiheit, Fürst des Friedens, Lehrmeister aller Völker und Begründer des ewigen Reiches. Alle diese verschiedenen Titel, Bilder und prophetischen Ausdrücke bezeichnen übereinstimmend einzig und allein Jenen, der aus übergroßer Liebe zu uns sich für unser Heil opfern sollte. Als dann die im göttlichen Ratschluss festgesetzte Zeit gekommen war, leistete der menschgewordene Gottessohn, indem er sein Blut vergoss, seinem beleidigten Vater vollkommene und überreiche Genugtuung und machte sich um diesen Lösepreis die Menschheit zu eigen. "Ihr wisst ja, dass ihr nicht mit vergänglichen Werten, mit Gold oder Silber, losgekauft seid ..., sondern mit dem kostbaren Blut Christi, des Lammes ohne Fehl und Makel (1 Petr 1, 18-19).

3. Christus: Wiederhersteller der Menschenwürde

So unterwarf er sich die Menschheit, die seiner Herrschaft und seiner Macht schon unterstand, weil er ihr Schöpfer und Erhalter war, ein zweites Mal, indem er sie buchstäblich und tatsächlich loskaufte. Ihr gehört euch nicht selber an, denn ihr seid um einen teuren Preis erkauft worden (1 Kor 4, 19-20). Somit ist alles von Gott in Christus erneuert worden. Dies, das Geheimnis seines Willens: ... nämlich nach dem Ratschluss seines Wohlbefindens in der Fülle der Zeiten alles im Himmel und auf Erden in Christus als dem Haupte zu erneuern (Eph 1, 9-10). Nachdem Jesus den Schuldbrief, der gegen uns zeugte, ans Kreuz geheftet und vernichtet hatte, da war der Zorn Gottes sogleich besänftigt: die zu Tode getroffene und ziellos irrende Menschheit war von den Banden der alten Knechtschaft befreit und mit Gott versöhnt, die Gnade war wiedererlangt, der Zugang zum Himmel erschlossen samt dem Anrecht darauf und den Mitteln dazu.

Wie aus einem langen Todesschlaf erwacht, schaute der Mensch das Licht der Wahrheit wieder, das er jahrhundertelang ersehnt und vergeblich gesucht hatte. Vor allem erkannte er, dass er für Güter geschaffen ist, die viel höher und erhabener sind als die sinnlich wahrnehmbaren, vergänglichen und hinfälligen, denen er vordem sein ganzes Sinnen und Trachten zugewandt hatte. Es wurde ihm klar, dass Gott sein Ursprung und sein Ziel ist; darin erkannte er den Sinn seines Daseins, das Hauptgesetz seines Lebens, das höchste Ziel, auf das alles hinzuordnen ist: die Rückkehr zu seinem Gott und Schöpfer.

Auf dieser Grundlage erwachte im Menschen das Bewusstsein seiner Würde; das Gefühl brüderlicher Zusammengehörigkeit ließ die Herzen höher schlagen; Pflichten und Rechte erreichten infolgedessen einen hohen Grad der Vollkommenheit oder wurden gar von Grund auf neu gestaltet, und allenthalben gelangten Tugenden zur Entfaltung, wie sie kein Philosoph des Altertums auch nur hätte ahnen können. So war der Denkweise, der Lebensführung und den Sitten eine völlig neue Richtung gewiesen. Je mehr sich die Kenntnis des Erlösers verbreitete und seine Gnadenkraft die geheimsten Adern der menschlichen Gesellschaft durchpulste, umso mehr wurden die frühere Unwissenheit und die antiken Laster ausgerottet. Da trat eine solche Wendung zum Besseren ein, dass das Antlitz der Erde durch die christliche Zivilisation vollständig umgestaltet wurde.

Unbeschreibliche Freude erfüllt unser Herz, ehrwürdige Brüder, wenn Wir an diese Wahrheiten denken. Zugleich aber sind sie Uns eine ernste Mahnung, dem göttlichen Erlöser Unsere tiefste Dankbarkeit zu bezeugen und nach besten Kräften dafür besorgt zu sein, dass sich die Menschen dankbar zeigen.

4 Zwar trennen uns Jahrhunderte von der Zeit, welche die Verwirklichung unserer Erlösung sah; dieser Umstand ist jedoch kaum von Bedeutung, da ja die Wirkung der Erlösung für alle Zeiten fortdauert und deren Früchte zeitlos sind. Derselbe, der durch seine einmalige Tat die Menschheit dem Abgrund der Sünde entrissen hat, er ist und bleibt nun immerdar ihr Retter und Erlöser: Jesus ChristHs, der sich zum Lösegeld für alle hingegeben hat (1 Tim 2, 6). In Christus werden alle das Leben haben (1 Kor 15, 22). Und sein Reich wird kein Ende nehmen (Lk 1, 33).

II. Christus ist der wahre Heilbringer

1. Er ist der Weg

So beruht denn nach Gottes ewigem Ratschluss das Heil jedes einzelnen wie das der Gesamtheit auf Jesus Christus. Wer sich von ihm abkehrt, stürzt sich in wahnsinniger Blindheit selber ins Verderben und wird mit schuld daran, dass die Menschheit, von rasendem Taumel fortgerissen, jenem Abgrund von Elend und Leid wieder zutreibt, woraus sie der Erlöser barmherzig gerettet hat.

5 Denn wer sich auf abschüssige Bahnen begibt, wird sich auf Irrwegen immer weiter vom ersehnten Ziele entfernen. So ergeht es auch jenen, die sich dem reinen und klaren Lichte der Wahrheit verschließen: ihr Geist tappt im Dunkeln und verstrickt sich im Dickicht trügerischer Meinungen. Welche Hoffnung auf Rettung bleibt denn jenen, die den Urgrund und den Quell des Lebens verlassen? Weg, Wahrheit und Leben ist aber Christus allein. Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben (Joh 14, 6). Hat man sich folglich von Christus losgesagt, so hat man die drei Grundbedingungen des Heiles preisgegeben.

6 Es ist wohl kaum vonnöten, eine Tatsache noch besonders zu betonen, die durch die Erfahrung erhärtet ist und deren Wahrheit jedermann an sich selber zutiefst erlebt: außer Gott gibt es nichts, worin das Menschenherz ungetrübten Frieden finden könnte. Gott ist das höchste und einzige Ziel des Menschen. Auf jeder Stufe dieses irdischen Daseins gleicht sein Leben einer Wanderschaft. Christus ist für uns ohne jeden Zweifel « der Weg », weil wir nur unter seiner Führung und Leitung auf der überaus beschwerlichen und gefahrvollen Lebensreise zu Gott gelangen können, unserem höchsten und vollkommensten Gut. Niemand kommt zum Vater außer durch mich (Joh 14, 6).

a) Auf ihn hören

Wie ist dieses Wort zu verstehen: durch mich? Zuallererst und hauptsächlich heißt das: durch seine Gnade. Doch diese Gnade bliebe im Menschen fruchtlos, wenn er Gottes Gesetze und Gebote außer acht ließe. Nachdem uns nämlich Jesus Christus das ewige Heil verdient hatte, war es unerlässlich, dass er zum Schutz und zur Führung der Menschheit auch ein Gesetz hinterließ, damit sie unter dessen Anleitung den Pfad des Unheils vermeiden und mit Sicherheit zu Gott gelangen könnte. Geht hin und lehret alle Völker... und lehrt sie alles halten, was ich euch geboten habe (Mt 28, 19-20). Haltet meine Gebote (Joh 14, 15).

b) Mit ihm kämpfen und leiden

Daraus ergibt sich die Hauptforderung an alle Christgläubigen, sich den Vorschriften Jesu Christi gegenüber gelehrig zu zeigen und ihm als dem höchsten Herrn und König ihren Willen ohne Vorbehalt zu unterwerfen. Eine schwere Aufgabe, die oft gewaltige Anstrengung kostet und einen ernsthaften Kampfwillen fordert. Denn, wenn auch die menschliche Natur durch die Erlösung wiedergeboren wurde, so haftet doch in einem jeden von uns eine krankhafte Schwäche und sündige Verkehrtheit. Allerhand Begierden zerren uns hin und her, die Anreize der Umwelt verlocken uns, den persönlichen Neigungen nachzugeben, statt Christi Gebote zu befolgen. Dagegen gilt es anzukämpfen und mit dem Aufwand aller Kräfte den ungeordneten Leidenschaften im Gehorsam gegen Christus (2 Kor 10, 5) Widerstand zu leisten. Werden die Leidenschaften nicht der Vernunft untergeordnet, so beherrschen sie den Menschen, machen ihn Christus abspenstig und zu ihrem eigenen Sklaven. « Böswillige und glaubenslose Menschen gelangen nicht zur inneren Freiheit; sie sind einer dreifachen Lust versklavt: der Sinnenlust, dem Hochmut und dem Ehrgeiz » (Augustinus, De vera religione XXXVII 69. PL 34, 153). In diesem Kampfe gegen sich selbst muss jeder bereit sein, um Christi willen Mühsale und Opfer auf sich zu nehmen. Es ist nicht leicht, heftigen Lockungen und Anreizen zu widerstehen; es erfordert harte Selbstüberwindung, die so genannten irdischen Glücksgüter zu verschmähen, um sich der Oberherrschaft Christi zu fügen. Wer jedoch ein christliches Leben führen will, muss sich bis ans Ende mit Geduld und Starkmut wappnen. Haben wir vergessen, wessen Hauptes und Leibes Glieder wir sind? Statt der Freude, die sich ihm darbot, erduldete er den Kreuzestod (Herb 12, 2); Er, der von uns Selbstverleugnung fordert. Gerade auf dieser Gesinnung beruht jedoch die Würde der menschlichen Natur. Schon die Denker des Altertums haben bisweilen erkannt, dass Selbstbeherrschung und Unterordnung der niederen Triebe unter Vernunft und Wille keineswegs eine schwächliche Erniedrigung ist, sondern vielmehr eine edle, durchaus vernunftgemäße und menschenwürdige Tugend.

Übrigens gehört es ja zum menschlichen Dasein, vieles zu ertragen und vieles zu erdulden. Ein Leben ohne Leid, ein ungetrübtes Glück vermag sich der Mensch ebenso wenig zu sichern, als es in seiner Macht steht, den Ratschluss Gottes abzuändern, wonach die Folgen der Ursünde fortdauern sollen. Wir dürfen deshalb hienieden nicht das Ende der Leiden erwarten; es gilt vielmehr, unser Herz zu stählen, um sie zu ertragen und dadurch in der Hoffnung auf künftige Güter höherer Ordnung ständig zu wachsen. Nicht dem Reichtum noch dem bequemen Dasein, nicht den Ehren noch der irdischen Macht, sondern der Geduld und den Tränen, dem Geist der Gerechtigkeit und der Herzensreinheit hat Christus die ewige Glückseligkeit im Himmel verheißen.

c) Seinen Geboten und seiner Kirche gehorchen

7 Daraus geht deutlich hervor, was von der falschen Anmaßung jener zu erwarten ist, die den Erlöser entthronen und den Menschen zum obersten Herrn der Welt erheben wollen, indem sie behaupten, die menschliche Natur sei absolut selbstherrlich und in jeder Beziehung ihr eigener Gesetzgeber. Allerdings stellen sie diese Forderung auf, ohne imstande zu sein, eine derartige Oberherrschaft tatsächlich zu verwirklichen, noch auch deren Eigenart zu umschreiben. Die göttliche Liebe ist es, die dem Reich Jesu Christi seine Macht und seine Gestalt verleiht; heilige, geordnete Liebe ist seine Grundlage und sein höchstes Ziel. Daraus ergibt sich für den Menschen die unumgängliche Pflicht, seine Aufgabe treu zu erfüllen, die Rechte des Mitmenschen zu achten, die ewigen Werte höher zu schätzen als die zeitlichen und Gott über alles zu lieben. Ein Herrschertum hingegen, das Christus offen verleugnet oder sich nicht um ihn kümmert, beruht nur auf Selbstsucht, kennt keine Liebe und weiß nichts von hingebender Dienstbereitschaft. Gewiss darf der Mensch herrschen, aber nur durch Jesus Christus und unter der Bedingung, dass er vor allem Gott dient und dessen Gesetz zu seiner wegleitenden Lebensregel macht.

Nun aber umfasst Christi Gesetz nicht nur die Forderungen der natürlichen Sittenlehre und die im Alten Bunde erlassenen Gebote Gottes, die Christus erklärt, näher umschrieben und bestätigt hat und ihnen damit den höchsten Grad der Vollkommenheit verliehen hat, sondern zudem noch seine ganze übrige Lehre und alle von ihm getroffenen Maßnahmen.

Darunter nimmt gewiss die Kirche die erste und wichtigste Stelle ein. Oder gibt es irgendeine Vorkehrung Christi, die sie nicht vollständig in sich schließt? Das Wirken der von ihm gestifteten Kirche sollte die Fortdauer seines Amtes sichern, das ihm vom himmlischen Vater übertragen worden war. Einerseits hat er ihr alle Mittel anvertraut, um die Menschen zum ewigen Heil zu führen; anderseits hat er aber auch bestimmt, dass ihr alle Menschen wie ihm selbst Gehorsam leisten und sich in allem ihrer Leitung bereitwillig fügen sollten. "Wer auf euch hört, hört auf mich, wer euch verachtet, verachtet mich" (Lk 10, 16). Das Gesetz Christi ist also nur in der Kirche zu finden. Wie Christus für die Menschen der Weg ist, so ist es auch seine Kirche: Er aus eigener Machtbefugnis und wesensgemäß, sie kraft seines Auftrages und der von ihm überkommenen Gewalt. Wer somit das Heil außerhalb der Kirche sucht, weicht vom rechten Wege ab und bemüht sich ohne Erfolg.

d) Das öffentliche Leben christlich gestalten

8 Was für die Einzelmenschen gilt, trifft auch für die Völker und Staaten zu: auch sie eilen dem unabwendbaren Verderben entgegen, wenn sie vom "Weg" abweichen. Als Schöpfer und Erlöser der Menschheit ist der Sohn Gottes König und oberster Herr der ganzen Welt; seiner Oberherrschaft unterstehen alle Menschen, jeder einzelne wie auch die Staaten. "Ihm wurde Herrschaft, Ruhm und Reich verliehen ; ihm sollten alle Nationen, Völker und Zungen dienen (Dann 7, 14). Ich bin von ihm zum König bestimmt ... Ich will dir die Völker zum Erbe geben und zum Eigentum die äußersten Grenzen der Erde" (Ps 2, 6.8).

Demnach soll das Gesetz Christi in den gesellschaftlichen Beziehungen unter den Menschen zur Geltung kommen, so dass es das Privatleben wie das öffentliche Leben maßgebend beeinflusst. Weil es auf göttlicher Anordnung und Einsetzung beruht, der sich niemand ungestraft widersetzen darf, so gereicht es dem Staat zum Unheil, wenn er dem Christentum nicht den gebührenden Platz einräumt. Ohne Jesus Christus ist die menschliche Vernunft ihrer eigenen Schwäche überlassen, ihrer stärksten Stütze und ihres reinsten Lichtquells beraubt. Allzu leicht ergibt sich daraus eine bedenkliche Unklarheit über den eigentlichen Zweck der bürgerlichen Gesellschaft, der nach Gottes Anordnung vornehmlich darin besteht, den Menschen mittels der Staatsordnung die natürliche Wohlfahrt zu sichern, jedoch in voller Übereinstimmung mit jenem anderen übernatürlichen, vollkommenen und ewigen Glück. Ist man sich darüber nicht im klaren, so geraten Regierungen und Untertanen auf Irrwege, weil es ihnen an zuverlässigen Richtlinien fehlt, an die sie sich halten könnten.

2. Er ist die Wahrheit

a) Ihm unseren Verstand unterwerfen

9 Wie das Abweichen vom geraden Wege zum Unheil führt, so ist es auch verhängnisvoll, die Wahrheit preiszugeben. Die erste, unbedingte und wesentliche "Wahrheit" ist Jesus Christus, denn Er ist das Wort Gottes, gleichen Wesens und gleich ewig wie der Vater. Er und der Vater sind eins: "Ich bin der Weg und die Wahrheit" (Joh 14, 6). Auf ihrer Suche nach der Wahrheit muss daher die menschliche Vernunft vor allem Christus gehorchen und zuversichtlich auf sein Lehramt vertrauen, eben weil durch Christi Mund die Wahrheit selber spricht.

Unzählige Gebiete stehen dem Menschengeist innerhalb seines eigenen, weit ausgedehnten Bereiches zur Erforschung und Bearbeitung offen, wo ihn eine ergiebige Ausbeute erwartet. Hier kann er sich frei betätigen. Und zwar ist dies kein bloßes Zugeständnis, sondern eine Forderung seiner Natur. Schlecht und naturwidrig ist es hingegen, wenn sich die Vernunft nicht in ihren Schranken halten will und ohne Rücksicht auf die gebotene Selbstbescheidung die Autorität der Lehre Christi geringschätzt. Die Lehre, von der unser Seelenheil abhängt, handelt fast ausschließlich von Gott und göttlichen Wahrheiten. Nicht eines Menschen Weisheit hat sie erdacht, sondern der Gottessohn selber hat sie von seinem Vater empfangen: "Die Worte, die du mir anvertraut hast, habe ich ihnen gegeben" (Joh 17, 8). Daher umfasst diese Lehre notwendigerweise manche Wahrheiten, die zwar der Vernunft nicht widersprechen - denn das ist ganz und gar unmöglich -, die aber so erhaben sind, dass sie der Menschengeist ebenso wenig zu erfassen vermag, als er imstande ist, Gottes innerstes Wesen zu ergründen. Indessen gibt es ja schon im natürlichen Bereiche viele verborgene und geheimnisvolle Dinge, die kein menschlicher Scharfsinn zu erklären vermag, an denen aber doch kein vernünftiger Mensch zu zweifeln wagt; umso mehr wäre es ein Missbrauch der Freiheit, Geheimnisse, die weit über die gesamte Natur hinaus ragen, nicht zugeben zu wollen, einzig weil man sie nicht begreift. Keine Dogmen anerkennen, kommt auf das gleiche heraus, wie das Christentum ablehnen. Der Geist muss sich demütig und untertänig beugen unter Christi Gesetz, so dass er gewissermaßen an dessen göttliche Autorität gekettet ist, "alles Denken gefangennehmend, um es Christus dienstbar zu machen" (2 Kor 10, 5).

b) Im Glauben an ihn frei werden

So ist der Gehorsam beschaffen, den Christus für sich fordert. Und zwar mit vollem Recht, denn er ist Gott, und darum besitzt er allein die höchste Gewalt über den Verstand des Menschen wie über seinen Willen. Indem sich aber der Mensch mit seinem Verstand Christus dem Herrn unterwirft, wird er keineswegs zum Sklaven herabgewürdigt; diese Unterwürfigkeit steht vielmehr völlig im Einklang mit seiner Vernunft sowie mit seiner angeborenen Würde. Denn er beugt sich freiwillig unter die Herrschaft nicht eines beliebigen Menschen, sondern Gottes, der sein Schöpfer und der Herr aller Dinge ist, und von dem er kraft des Naturgesetzes abhängt. Damit bindet er sich nicht an die Meinung eines menschlichen Lehrers, sondern an die ewige und unwandelbare Wahrheit. So erfüllt er die naturgemäße Bestimmung seines Geistes und erlangt zugleich die Freiheit.

Denn die Wahrheit, die vom Lehramte Christi ausstrahlt, rückt das Wesen und den Wert der Dinge ins richtige Licht. Ein Mensch, der von dieser Lehre durchdrungen ist und der einmal erkannten Wahrheit folgt, wird nicht sich den Geschöpfen, sondern die Geschöpfe sich selber unterwerfen; er wird nicht die Vernunft den Trieben unterordnen, sondern umgekehrt. die Triebe der Vernunft dienstbar machen. So wird er die schmachvollste Knechtschaft, jene der Sünde und des Irrtums, abschütteln und in den Besitz der erhabensten Freiheit gelangen. "Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen" (1 Joh 8, 32).

c) Das menschliche Wissen seinem Licht unterstellen

Somit ist klar, dass diejenigen, die sich weigern, ihren Verstand der Autorität Christi zu unterwerfen, sich hartnäckig dem Willen Gottes widersetzen. Wer sich jedoch der Gewalt Gottes entzieht, wird keineswegs an Freiheit gewinnen; er verfällt unweigerlich irgendeiner menschlichen Gewalt. Wie es zu geschehen pflegt, wählen sich solche Menschen einen beliebigen Lehrer, auf den sie hören, dem sie Gehorsam und Gefolgschaft leisten. Indem sie ihren Verstand der göttlichen Wahrheit verschließen, zwängen sie ihn in den engen Kreis des menschlichen Wissens ein; und selbst bei der Erforschung jener Wahrheiten, die mit den natürlichen Kräften der Vernunft erkannt werden können, geht ihnen eine wirksame Hilfe ab. Denn es gibt in der natürlichen Ordnung eine ganze Anzahl von Wahrheiten, zu deren Erkenntnis und Deutung die göttliche Offenbarung einen lichtvollen Beitrag leistet. Oft lässt Gott sogar zu, dass solche Menschen zur Strafe für ihren Hochmut dem Irrtum verfallen, um sie in dem zu züchtigen, worin sie gesündigt haben, Aus diesem doppelten Grund kann man es bisweilen erleben, dass hochbegabte Gelehrte trotz ihrer hohen wissenschaftlichen Bildung selbst in der Erforschung der natürlichen Wahrheit zu derart widersinnigen Schlussfolgerungen gelangen, dass sie dem gemeinen Menschenverstand hohnsprechen.

10 Damit steht also fest, dass sich der Verstand im christlichen Leben vollkommen und vorbehaltlos der Autorität Gottes anheimstellen muss. Gewiss kann unser Verstand, der sich so stolz gebärdet, diese Unterordnung unter die Autorität schmerzlich empfinden und sich dadurch bedrückt fühlen; das beweist nur umso mehr, dass der Christ nicht nur seinen Willen meistern, sondern auch seinem Verstand gewisse Entsagungen auferlegen muss. Das mögen sich jene vor Augen halten, die ein Christentum fordern, dessen Lebensordnung in bezug auf Denken und Handeln mildere Forderungen stellen würde, die der menschlichen Natur gegenüber nachsichtiger wären und von uns gar keine Anstrengung oder doch nur geringfügige Opfer verlangen würden. Diese Leute haben einen unzulänglichen Begriff von der Tragweite des Glaubens und des gesamten Christentums. Sie sehen nicht, dass überall "das Kreuz" an unserem Wege steht als Vorbild der Lebensgestaltung und als stetes Wahrzeichen für alle, die nicht bloß dem Namen nach, sondern tatsächlich und wirklich zur Gefolgschaft Christi gehören wollen.

3. Er ist das Leben

a) Quelle des natürlichen und übernatürlichen Lebens

11 Gott allein ist seiner Natur nach das Leben. Alle anderen Wesen haben ein mitgeteiltes Leben, sie sind nicht das Leben. Von aller Ewigkeit her und auf Grund seiner eigenen Natur ist Christus "das Leben", wie er auch die Wahrheit ist, weil er Gott von Gott ist. Aus ihm, als aus dem höchsten und erhabensten Urgrund, strömt alles Leben in die Welt und wird immerdar in sie einströmen. Alles, was ist, hat das Sein durch ihn; alles, was lebt, hat das Leben durch ihn. Denn "alles ist durch das Wort geworden, und ohne das Wort ist nichts geworden von allem, was geworden ist" (Joh 1, 3). Das bezieht sich auf das natürliche Leben. Wie Wir bereits oben dargelegt haben, gibt es aber noch ein Leben von weit höherem Wert und viel größerer Bedeutung, das uns durch Christi Erlösungstod erworben wurde: das "Leben der Gnade" mit dem "Leben der Glorie" als beglückender Vollendung, worauf wir all unser Sinnen und Trachten richten müssen.

b) Das christliche Sittengesetz: Nährboden des Glücks

Darin liegt die ganze Bedeutung der christlichen Glaubens- und Sittenlehre, dass wir "der Sünde abgestorben, der Gerechtigkeit leben" (1 Per 2, 24), d. h. der Tugend und der Heiligkeit, dem Inbegriff des sittlichen Lebens samt der zuversichtlichen Hoffnung auf die ewige Glückseligkeit. Im wahren und eigentlichen Sinne vermag aber nur der christliche Glaube die Gerechtigkeit zu nähren im Hinblick auf das ewige Seelenheil. "Der Gerechte lebt aus dem Glauben" (Gal 3, 11). "Ohne den Glauben ist es unmöglich, Gott zu gefallen" (Hebr 11, 6). Wie daher Jesus Christus der Urheber, Urgrund und Erhalter des Glaubens ist, so ist er es auch, der in uns das sittliche Leben erhält und stützt, und zwar vornehmlich durch Vermittlung seiner Kirche. Ihr hat er gemäß dem huldvollen Ratschluss seiner Vorsehung die Verwaltung der Gnadenmittel anvertraut, die uns das übernatürliche Leben schenken, es erhalten und neu erwecken, falls es erlischt.

Trennt man also das Sittengesetz vom Gottesglauben ab, so erlahmt jene Kraft, welche die "heilsnotwendigen" Tugenden erzeugt und nährt. Wer den Menschen einzig und allein mittels der Vernunftlehren zu einem rechtschaffenen Lebenswandel führen will, der beraubt ihn fürwahr seiner höchsten Würde, stürzt ihn vom Höhenweg des übernatürlichen Lebens hinab und schleudert ihn zu seinem Verderben in ein rein natürliches Leben zurück.

c) Auswirkungen eines Sittengesetzes ohne Christus

Es stimmt zwar, dass der Mensch mit seiner Vernunft manche Forderungen des Naturgesetzes erkennen und erfüllen kann. Aber selbst wenn er sie alle erkännte und ohne jede Übertretung sein ganzes Leben hindurch beobachtete - was unmöglich ist ohne die Gnadenhilfe des Erlösers -, so würde er dennoch umsonst auf die ewige Seligkeit hoffen, wenn er keinen Glauben hat. "Wer nicht in mir bleibt, wird wie ein Rebzweig weggeworfen und verdorrt, man sammelt ihn, wirft ihn ins Feuer, und er verbrennt" (Joh 15, 6). "Wer nicht glaubt, wird verdammt werden" (Mk 16, 16).

Schließlich beweisen nur allzu viele Erfahrungstatsachen, was jene Rechtschaffenheit wert ist, die den Glauben an Gott verschmäht, und welche Früchte sie zeitigt! Woran liegt es denn, dass trotz aller Bemühungen um die Sicherung und Steigerung des öffentlichen Wohlstandes die Staaten dennoch in ihrem innersten Lebensmark getroffen sind und mit ernsten Schwierigkeiten zu kämpfen haben, die sich tagtäglich vermehren? Man behauptet allerdings, das staatliche Gemeinwesen könne sich aus eigener Kraft selber genügen, es könne ohne die Stütze des Christentums gedeihen und vermöge durch eigene Anstrengung sein Ziel zu erreichen. Daher fordert man die Ausschaltung der Religion aus der Verwaltung der öffentlichen Angelegenheiten; das hat zur Folge, dass in Gesetzgebung und Politik der Völker die Spuren der altererbten Religion von Tag zu Tag seltener werden. Indessen gibt man sich keine Rechenschaft über die Tragweite eines solchen Verhaltens. Sobald nämlich das Sittengesetz nicht mehr durch den Glauben an Gott gestützt ist, bricht die Autorität der Gesetze zusammen, und die Gerechtigkeit gerät in Verfall. Das sind aber die beiden stärksten und unentbehrlichsten Stützen des Staatswesens. Und sobald einmal der Mensch um die Hoffnung und Aussicht auf unvergängliche Güter geprellt ist, stürzt er sich habgierig auf zeitlichen Besitz, wovon ein jeder an sich zu raffen versucht, soviel er kann. Daraus entstehen Missgunst, Eifersucht und Hass; sodann heimtückische Machenschaften, revolutionäre Wühlereien und die wahnsinnige Planung des allgemeinen Umsturzes. Kein Friede nach außen, keine Ruhe im Innern: der Staat wird zum Tummelfeld aller Verbrechen.

d) Wiederverchristlichung aller Lebensbereiche

12 In diesem Getöse der entfesselten Leidenschaften und angesichts des drohenden Untergangs hat man sich entweder auf die schlimmste Katastrophe gefasst zu machen oder sich beizeiten auf ein geeignetes Rettungsmittel zu besinnen. Die Verbrecher in Gewahrsam nehmen und bestrafen, die Volkssittlichkeit heben und durch gesetzliche Maßnahmen die Kriminalität eindämmen: all das ist gewiss lobenswert und not0 wendig; es ist aber bei weitem nicht ausreichend. Die Genesung der Völker muss in einer höheren Sphäre gesucht werden. Man muss eine Kraft zu Hilfe rufen, die über die menschliche hinausgeht und die Herzen erfasst, in ihnen das Pflichtbewusstsein wachruft und sie innerlich besser macht. Es ist die nämliche-, die schon einmal die Welt vor dem Untergang gerettet hat, als ihre Lage noch viel verzweifelter war. Lasst den christlichen Geist wieder aufleben und im Staat ohne Hindernis wirken, dann wird sich der Staat erholen. Alsbald wird der Kampf zwischen den sozialen Ständen beigelegt sein, und ihre Rechte sind gewährleistet durch gegenseitige Achtung. Wenn sie auf Christus hören, werden die Reichen wie die Armen ihren Pflichten treu sein. Jene werden einsehen, dass sie Gerechtigkeit und Liebe üben müssen, wenn sie ihre Seele retten wollen; diese werden zu Selbstbescheidung und Zufriedenheit angehalten.

Es wird gut bestellt sein um die Familie, weil sie unter der heilsamen Furcht vor dem Gesetze Gottes steht, das Gebote und Verbote auferlegt. Aus demselben Grunde werden die bereits durch das Naturgesetz bekannten Vorschriften in den Völkern bedeutend an Kraft gewinnen; einerseits die Pflicht, die rechtmäßige Obrigkeit zu achten und den Gesetzen zu gehorchen; anderseits das Verbot, sich an Aufruhr und Verschwörung zu beteiligen. Somit wird überall, wo Christi Gesetz ohne Behinderung zur Geltung kommt, die gottgewollte Ordnung wie von selbst aufrechterhalten, und es herrschen Friede und Glück.

Es ist also eine dringende Forderung des privaten wie des allgemeinen Wohlergehens, dass man dorthin zurückkehre, von wo man sich nie hätte entfernen sollen, zu Dem nämlich, der für uns der Weg, die Wahrheit und das Leben ist. Die Menschheit muss Christus dem Herrn wieder seinen rechtmäßigen Platz anweisen. Alles muss ins Werk gesetzt werden, dass sein Lebensstrom sämtliche Glieder und Bereiche des Staates durchflute, die Gesetzgebung, die Wohlfahrtseinrichtungen, die Unterrichtsanstalten, das Ehe- und Familienrecht, die Paläste der Reichen und die Werkstätten der Arbeiter. Man vergesse ja nicht, dass der fieberhaft ersehnte Fortschritt der Zivilisation unter den Völkern vor allem auf dieser Rückkehr zu Christus beruht. Zu ihrer Erhaltung und Entwicklung bedarf sie nämlich weniger der materiellen Güter und Bequemlichkeiten als der geistigen und sittlichen Werte, sowie eines tugendhaften Lebenswandels.

13 Viele Menschen leben mehr aus Unwissenheit als aus bösem Willen fern von Christus. Wohl sind jene zahlreich, die sich um die Kenntnis des Menschen und die Erforschung der Welt bemühen; aber nur wenige kümmern sich darum, den Sohn Gottes besser kennenzulernen. Unsere erste Sorge muss es folglich sein, die Unwissenheit durch gründliches Wissen zu bekämpfen, damit Christus nicht wie ein Unbekannter abgewiesen und verschmäht werde.

Schluss: Aufforderung aller Christen zu Apostolat und Gebet

Alle Christen ohne Ausnahme beschwören Wir, sich je nach Kräften um eine genaue Kenntnis ihres Erlösers zu bemühen. Wer ihn aufrichtigen Herzens und unvoreingenommenen Sinnes betrachtet, wird bald klar erkennen, dass es nichts Heilsameres gibt als sein Gesetz, nichts Göttlicheres als seine Lehre. Dazu vermögen euer Einfluss und eure Mühewaltung, ehrwürdige Brüder, sowie der Seeleneifer und die Beflissenheit des ganzen Klerus einen bedeutenden Beitrag zu leisten. Einen richtigen Begriff von Christus, sozusagen das Bildnis Jesu Christi in die Herzen des Volkes einzuprägen, seine Liebe, seine Wohltaten und seine Werke zu erläutern in Wort und Schrift, in Volksschulen und Gymnasien, in Versammlungen und wo immer sich eine Gelegenheit bietet: das sollt ihr als Hauptanliegen eurer Hirtenpflichten betrachten. Von den so genannten "Menschenrechten" hat das Volk genug gehört; es soll auch von den Rechten Gottes hören. Die Zeit ist günstig; das bezeugt, wie schon gesagt, der mancherorts wiedererwachte Glaubenseifer und die auf viele Arten sich bekundende Liebe zum Heiland und Erlöser, die wir, so Gott will, dem kommenden Jahrhundert als verheißungsvolles Zeichen einer besseren Zeit hinterlassen werden.

Da es sich jedoch um ein Anliegen handelt, dessen Verwirklichung wir nur von der Gnade Gottes erhoffen können, wollen wir mit vereinten Kräften und durch inständiges Gebet den allmächtigen Gott barmherzig stimmen, damit er jene nicht zugrundegehen lasse, die er selber mit seinem Blut erlöst hat; damit er huldvoll auf dieses Zeitalter blicke, das zwar viel gesündigt, aber auch durch die erlittenen Heimsuchungen viel gesühnt hat; damit er die Menschen aller Zeiten und Zonen in wohlwollender Liebe umfasse, eingedenk seines Wortes: "Wenn ich dann von der Erde erhöht bin, werde ich alles an mich Ziehen" (Joh 12, 32).

14 Als Unterpfand der Gnaden des Himmels und als Erweis Unseres väterlichen Wohlwollens erteilen Wir euch, ehrwürdige Brüder, eurem Klerus und Volk von ganzem Herzen den Apostolischen Segen im Herrn.

Gegeben zu Rom, bei St. Peter, am 1. November 1900,

im dreiundzwanzigsten Jahre Unseres Pontifikates

Leo XIII. PP.

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