Singulare illud (Wortlaut)

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Apostolischer Brief
Singulare illud

unseres Heiligen Vaters
durch göttliche Vorsehung Papst
Pius XI.
an Unserem geliebten Sohn Wladimir Ledochowski, General der Gesellschaft Jesu
zum 200jährigem Jubiläum des heiligen Aloisius von Gonzaga
13. Juni 1926

(Offizieller lateinischer Text: AAS 18 [1926] 258-267)

(Quelle: Übersetzt und erläutert von Prof. Dr. v. Meurers Trier, S. 7-22; Druck und Verlag der Paulinus-Druckerei GmbH Trier 1926. Imprimatur Treveris, die 1 a Julii 1926 Vicarius in Speer. Gen. d.m. Kammer)

Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


Aloysius von Gonzaga
Geliebter Sohn !
Gruß und Apostolischen Segen !

Einleitend

1 Eine einzigartige Erscheinung im Leben des göttlichen Meisters ist seine hingebende Liebe zur Jugend. Die unschuldigen Kinder ladet er zu sich ein und zieht sie an sein Herz (Mk 10, 13-16); ihre verderbenbringenden Verführer weist er mit harten Worten zurecht, und droht ihnen die schwersten Strafen an (Mt 18, 6); dem unverdorbenen Jüngling stellt er zur Aneiferung und als Belohnung eine vollkommene und vollendete Form der Heiligkeit vor Augen (Mk 10, 21).

2 Diesen Geist hat auch die Kirche, die Erbin seiner göttlichen Sendung und seines göttlichen Werkes, von ihrem Stifter überkommen. Von Beginn des christlichen Zeitalters an hat sie gezeigt und bewiesen, dass sie von derselben Liebe und von demselben Eifer für die Jugend beseelt war. Dementsprechend nahm sie sich der Kinderwelt an; sie bemühte sich, ihren Leib und ihre Seele unversehrt zu bewahren; sie unterrichtete ihre Kinder in den Anfangsgründen des Wissens ebenso wie in den höheren Wissenschaften, und eröffnete ihnen Schulen, von der Volksschule bis zur Universität; sie begnügte sich nicht damit, Orden und religiöse Genossenschaften gutzuheißen, sondern sie förderte dieselben, in der Absicht, durch Gründung von Akademien, Kollegien, öffentlichen Schulen und Vereinigungen für einen richtigen Unterricht der Jugend zu sorgen.

Dieses ihr kraft ihrer Sendung zustehende unverletzliche Recht auf die Erziehung der Jugend hat die Kirche zu allen Zeiten für sich in Anspruch genommen. Sie konnte ja gar nicht anders, als vor dem gesamten Menschengeschlechte die Wahrheit betonen, dass sie die einzige Wächterin der wahren Sittenlehre sei, dass sie allein die einzige und zuverlässige Lehrerin sei in der so schwierigen Kunst, den Geist der Menschen christlich zu bilden.

3 Niemand kann ermessen, welch große Freude Uns gegenwärtig ungezählte Jugendliche auf der ganzen Welt machen, und zwar Jugendliche beiderlei Geschlechtes und aller Berufsstände. Mit frischem, neuem Eifer bestürmen diese ihre Priester und Hirten, nur von dem einen Wunsch beseelt, sich in der christlichen Lehre und in allen Übungen des christlichen Lebens zu vervollkommnen, und der Kirche durch ihre Mitarbeit zu helfen bei der von ihr erstrebten Besserung und Heilung der Menschen.

4 Oft erwägen Wir noch, wie zahlreiche Scharen von Jünglingen im vergangenen Jubeljahre aus aller Welt vor Uns zusammengekommen sind; dann lebt in Uns die Wonne und die Freude wieder auf, die Wir damals empfanden, in dem Gedanken, dass aus diesen Legionen von Jünglingen, die sich in allen Nationen zusammengeschart haben, einst ein großes friedliches Heer erwachsen wird, das der Apostolische Stuhl zur Verjüngung der alternden Welt verwenden kann.

Die Liebe zur Jugend wächst aber noch in Unserem Herzen und schlägt noch tiefere Wurzeln in Unserer Seele, wenn Wir die verschiedenartigen und so verabscheuungswürdigen Nachstellungen sehen, die ihrem Glauben und ihrer Unschuld bereitet werden. Bei diesem harten Kampf in ihrem Inneren kommt es allzu oft vor, dass bei sehr vielen die Kräfte ihres Alters nachlassen und ihre Tugend schwach wird; und doch hätten auch diese vielen der Kirche und dem Staate große Dienste leisten können.

5 Am letzten Tage dieses Jahres werden es nun 200 Jahre, dass dem heilige Aloisius von Gonzaga die Ehre der Altäre zuerkannt wurde. Dieses Jubiläum wird für den geistlichen Fortschritt der Jugend herrlichen Nutzen bringen. Wenn Wir darum jetzt an Dich, Geliebter Sohn, einige Worte richten, so wollen Wir damit aus freudigem Herzen allen Unseren Kindern, die auf dem ganzen weiten Erdkreis so hoffnungsvoll für das Reich Christi heranwachsen, Unsere Gedanken kundtun und zu ihnen allen sprechen.

Aloisius Patron und Beispiel der Jugend

6 Der starke und mächtige himmlische Patron, den die Jünglinge in den Schwierigkeiten und Gefahren ihres Lebens anrufen sollen, ist ihnen zugleich ein erhabenes Beispiel aller Tugenden. Eine tiefeindringende Kenntnis seines Lebens zeigt ihnen mit voller Klarheit den Weg zur christlichen Vollkommenheit, die geeigneten Hilfsmittel, dieselbe zu erlangen, und die schönen und kostbaren Tugendfrüchte, die sie, auf den Pfaden des heiligen Aloisius wandelnd, pflücken werden. Wenn sie Aloisius in sich selber und in seinem wahren Lichte betrachten, dann werden sie erkennen, dass er ganz anders war, als ihn die Feinde der Kirche mit böswilligen Entstellungen gemacht oder wie ihn weniger einsichtsvolle Schriftsteller hingestellt haben. Werden sie ihn dann nicht für ein ganz einzigartiges Muster jeglicher Jünglingstugend halten, auch nach den zahlreichen Beispielen Jugendlicher Heiligkeit, die der Kirche in neuerer Zeit geschenkt worden sind?

7 Wenn nämlich jemand die Annalen der Kirchengeschichte durchforscht, wird er ohne Mühe finden, dass die Jünglinge und Männer, die der Geist Gottes nach dem Tode des heiligen Aloisius von Gonzaga bis auf den heutigen Tag zu einer bewunderungswürdigen Unschuld erweckt hat, zu einem großen Teil ihr Inneres nach seinem Beispiel gebildet haben. Um nicht zu lang zu werden, wollen Wir hier nur erwähnen Johannes Berchmans, der während seines Aufenthaltes im Römischen Kolleg sich kein anderes Ziel gesteckt hatte, als Aloisius in sich zu bilden; Nunzio Sulprizio, jenen jungen Arbeiter, der mit der Nachahmung des Jünglings von Castiglione schon in früher Jugend begann, und sie bis zu seinem Tode fortsetzte; Contardo Ferini, der mit Recht von seinen Altersgenossen ein zweiter Aloisius genannt wurde, und der Aloisius zum Vorbild und Beschützer seiner Reinheit erwählt hatte und ihn mit großer Frömmigkeit verehrte; Bartholomäa Capitaneo, die sich in besonderer Weise unter den Schutz des heiligen Aloisius gestellt hatte und ihn im Leben und im Tode vollständig nachahmte, und die von Aloisius gerade in diesem Jubeljahre, gleichsam als sollte sie teilhaben an seinem Ruhme, zu den Ehren der Seligen geführt zu sein scheint. Es wäre auch nicht zu weit gegangen, wollte jemand behaupten, dass Aloisius zur inneren Umwandlung und Vervollkommnung des heiligen Gabriel von der schmerzhaften Mutter nicht unerheblich beigetragen habe. Wenn dieser auch als Jüngling etwas lau und gleichgültig war, so hörte er doch nicht auf, die Hilfe und den Beistand des heiligen Aloisius, den er als Patron der Jugend kennen gelernt hatte, anzurufen.

8 Um auch von den neueren Erziehern und Lehrmeistern der Kinder und der heranwachsenden Jugend einen anzuführen, so nennen Wir Johannes Bosco. Dieser verehrte nicht nur Aloisius mit liebevoller Hingabe, sondern er hinterließ diese Verehrung auch seiner Nachkommenschaft als Erbgut, und er empfahl sie nachdrücklich allen Kindern, deren christliche Erziehung er· leitete. In dieser Nachahmung des heiligen Aloisius machte von ihnen allen Dominicus Savio den größten Fortschritt, jene reine Seele, die Gott nur für eine so kurze Zeitspanne der Erde zur Bewunderung überließ.

9 Man darf wohl mit gutem Grund annehmen, dass nicht ohne einen geheimnisvollen Ratschluss der göttlichen Vorsehung Aloisius, kaum zur Blüte der Jahre gelangt, gerade in dem Augenblick durch einen frühen Tod hinweggerafft wurde, als seine hervorragenden Geistes- und Herzensgaben, dieser feste und tätige Wille, diese einzigartige und fast göttliche Klugheit in Beurteilung der Erdendinge, verbunden mit einem Eifer für die Religion und die Seelen, ein überaus eifriges und erfolgreiches Apostolat versprachen und erhoffen ließen.

10 Von diesem himmlischen Jüngling, der wie sie in der Blüte der Jahre stand, und durch das gemeinsame Alter ihnen besonders liebenswürdig und nachahmenswert geworden ist, sollen die Jünglinge nach Gottes heiliger Absicht lernen, welches die besondern Pflichten und die Hauptaufgabe ihres Alters sind: nämlich sich auf die spätere Lebensarbeit durch solide Erziehung und Ausbildung ihres Herzens in allen christlichen Tugenden vorzubereiten. Wer dieses inneren Tugendbesitzes, der bei Aloisius in so wunderbarem Lichte erstrahlt, entbehrt und enträt, den halten Wir nicht für geeignet, die Gefahren und Kämpfe des Lebens zu bestehen, der ist nicht fähig und nicht genügend gewappnet zur Ausübung des Apostolates. Vielmehr sind solche gleichsam wie ein tönendes Erz und eine klingende Schelle (1 Kor 13, I) geworden; sie werden auch nichts nützen, im Gegenteil, sie werden der eigenen Sache, in der sie sich betätigen und deren Verteidigung sie in die Hand genommen haben, nur schädlich sein, wie das erfahrungsgemäß in früheren Jahrhunderten schon so oft gewesen ist. Kommt daher nicht gerade in unseren Tagen das Aloisiusjubiläum so recht zu seiner Zeit und zu sehr erwünschter Stunde? Er zeigt ja durch das Beispiel seines Lebens unserer Jugend, die durch ihre Veranlagung so sehr auf die äußeren Dinge gerichtet ist, und die so darauf brennt, sich in die Tätigkeit und das Getnebe des Lebens zu stürzen, sich mit dem Nächsten und mit der katholischen Sache erst dann zu beschäftigen, wenn sie sich selbst durch eifriges Tugendstreben und Tugendleben vervollkommnet hat.

Die Heiligkeit des heiligen Aloisius

11 Die erste Lehre, die Aloisius unseren Jünglingen gibt, ist die, dass der Inbegriff und die Grundlage einer christlichen Lebenshaltung in einem lebendigen Glaubensgeist besteht. Durch diesen Glauben erleuchtet, wie durch eine Leuchte, die im Finstern ihr Licht verbreitet (2 Petr 1, 19), erkennen die Menschen von Grund aus die Eigenart und die Bedeutung des irdischen Lebens. So hatte Aloisius beschlossen, sein Leben nicht "nach den irdischen", sondern "nach den himmlischen Wahrheiten" einzurichten, von denen niemand abweichen darf, der ein innerlicher Mensch sein oder genannt werden will. Diese aus der göttlichen Offenbarung geschöpften ewigen Wahrheiten pflegte er zum größten Nutzen und zur Freude seiner Seele lange und eingehend zu erwägen und zu betrachten in der Schule der heiligen Exerzitien. Kaum als er der Kindheit entwachsen war, und dann später nach seinem Eintritt in die Gesellschaft Jesu zog er sich zu wiederholten Malen zu heiligen Übungen zurück.

Da nun die Herzen der Jünglinge sehr oft von den irdischen Dingen vollständig gefesselt werden, halten Wir es für dringend notwendig, ihnen unter Führung des heiligen Aloisius die Wahrheit wieder tief einzuprägen, dass das menschliche Leben nicht so herabgewürdigt werden darf, dass es nur in der Sorge und dem Genuss der vergänglichen Güter aufgeht. Ganz im Gegenteil, wir sollen es als eine Zeitspanne ansehen, in der wir nur Christus dienend der ewigen Seligkeit zustreben.

Diese richtige Auffassung vom Leben werden unsere Jünglinge leicht bekommen, wenn sie ihren himmlischen Patron nachahmen, und sich von Zeit zu Zeit aus der Unruhe des irdischen Treibens zurückziehen, und einige Tage Exerzitien machen. Wie eine lange Erfahrung lehrt, sind diese ja so sehr geeignet, die empfänglichen und gelehrigen Herzen der Jünglinge mit heilsamen Gedanken und festen Entschlüssen zu erfüllen.

12 Dieses Licht der himmlischen Wahrheit leuchtete, wie gesagt, in der Seele des heiligen Aloisius. So hatte er den festen Plan gefasst, nichts unversucht zu lassen, um ein ganz unschuldiges Leben zu führen, und er blieb so standhaft bei seinem Entschluss, dass er vom ersten Gebrauch seiner Vernunft an bis zum letzten Atemzuge von jeder schweren Sünde freigeblieben ist. Besonders von der zarten Blüte der Schamhaftigkeit hielt er mit Sorgfalt jede auch die kleinste Makel fern. Infolgedessen nannten ihn seine Zeitgenossen einen Engel, wie denn auch das christliche Volk ihn heute noch einen Engel zu nennen pflegt. Auch der selige Robert Bellarmin, der dem heiligen Jüngling ein erfahrener Seelenführer war, zweifelte nicht daran, dass er in der Gnade ganz gefestigt sei.

Diese Vollendung und Vollkommenheit in der Tugend erreichte aber Aloisius nicht deshalb, weil er durch ein unerhörtes Privileg Gottes frei gewesen wäre von all den inneren und äußeren Kämpfen, die wir alle zu unserem Schmerze gegen unsere Natur, die ihre ursprüngliche Gerechtigkeit verloren hat, durchkämpfen müssen. Wenn er durch eine ganz einzigartige Gnade nie von den Reizen der Sinnlichkeit und der Fleischeslust erregt wurde, so war er doch nicht frei von den Aufwallungen des Zornes und von den Versuchungen zu eitler Ruhmsucht. Aber diese Neigungen der Natur hielt er nicht nur mit unbeugsamem Willen nieder, sondern er brachte sie vollständig unter die Herrschaft seiner Vernunft.

13 Auch kannte er wohl die natürliche Schwäche der menschlichen Kräfte und setzte Misstrauen in sich selbst; deshalb gab er sich Mühe, den Beistand der göttlichen Gnade zu erlangen. Bei Tag und bei Nacht, und oft stundenlang betete er. Als besondere Fürsprecherin bei dem allgütigen Gott erwählte er sich die Gottesmutter, unter deren Dienern er gewiss der eifrigste war. Die Quelle und die dauernde Stärkung des inneren Lebens sah er in der heiligen Eucharistie, und so hatte er die Gewohnheit, sooft es damals möglich war, sich dem Tische des Herrn zu nahen, um dort immer neue Kraft zu suchen und zu finden.

14 Um aber seine Unschuld und Sittenreinheit zu bewahren, beschränkte er sich nicht auf die Verehrung des allerheiligsten Altarsakramentes und der allerseligsten Jungfrau. Er wußte, dass sich menschliche Tätigkeit von dem Geschenk der göttlichen Gnade nicht trennen lässt, und so fügte er Weltflucht hinzu und Abtötung der Sinne, und zwar in einem solchen Grade, wie ihn die übrigen Sterblichen, wenigstens zum größten Teil, wohl bewundern, aber nicht nachahmen können. Ganz wunderbar und kaum glaublich erscheint uns das Verhalten unseres Jugendlichen Heiligen: bei einer so großen Sittenverderbnis wetteiferte Aloisius mit den himmlischen Geistern an innerer Herzensreinheit; bei dem allgemeinen Streben nach sinnlichen Freuden zeichnete sich unser Jüngling durch große Enthaltsamkeit und ein sehr strenges und raues Leben aus; bei einer so tief in den Herzen der Menschen wurzelnden Sucht nach Ruhm und Ehre, verachtete Aloisius diese so sehr, dass sie ihm zum Ekel waren. Mit Freuden verzichtete er auf das Herzogtum, dass ihm nach dem Erbrechte zukommen sollte, und er trat in jenen Orden ein, in dem der Aufstieg auch zu kirchlichen Würden durch einen heiligen Eid verboten ist. Wunderbar ist auch, dass bei der maßlosen Verherrlichung der alten Weltweisheit der Griechen und der Römer, Aloisius sich so ununterbrochen mit den himmlischen Dingen befasste, dass er ganz vertraut mit ihnen wurde. Durch das Zusammenwirken einer ganz besonderen Gnade Gottes und seiner eigenen staunenswerten Tätigkeit war er in tiefster Seele so enge mit Gott vereint, dass er durch keinen fremden Gedanken von der Betrachtung der göttlichen Dinge abgelenkt wurde.

[Fortsetzung folgt]

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