Sempiternus rex (Wortlaut)

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Enzyklika
Sempiternus rex

von Papst
Pius XII.
durch göttliche Vorsehung Papst
an alle Ehrwürdigen Brüder Patriarchen, Primaten, Erzbischöfe, Bischöfe
und die anderen Oberhirten, die in Frieden und Gemeinschaft mit dem Apostolischen Stuhle leben
über die vor fünfzehn Jahrhunderten zu Chalcedon abgehaltene Kirchenversammlung über die Menschheit Christi
8. September 1951

(Offizieller lateinischer Text: AAS 43 [1951] 625-644)

(Quelle: Typis Polyglottis Vaticanis 1951 [ISBN-13: 978-88-2093-192-6]. Die Nummerierung folgt der englischen Fassung)

Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


Ehrwürdige Brüder,
Gruß und Apostolischen Segen !

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Bevor Christus, der ewige König, dem Petrus, dem Sohn des Johannes, das Oberhirtenamt in der Kirche verhieß, fragte er die Jünger, was die Menschen und die Apostel selbst von Ihm dächten, und spendete ein ganz besonderes Lob dem Glauben, der alle Erschütterungen und Stürme der Unterwelt überwinden sollte und den Petrus, vom Licht des himmlischen Vaters erleuchtet, mit den Worten bekannt hatte: «Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes».[1] Diesen Glauben, der die Kronen der Apostel, die Palmen der Martyrer und die Lilien der Jungfrauen schafft und der eine Gotteskraft zur Rettung für jeden ist, der glaubt,[2] haben hauptsächlich drei Allgemeine Kirchenversammlungen wirksam verteidigt und lichtvoll erläutert: die von Nizäa, die von Ephesus und jene von Chalzedon, deren 15. Jahrhundertfeier in das Ende dieses Jahres fällt. Nun geziemt es sich, dass zum Gedächtnis eines so frohen Ereignisses sowohl in Rom wie in der ganzen katholischen Welt Feiern veranstaltet werden, die Wir, nach gebührender Danksagung gegen Gott, den Urheber aller heilbringenden Entschlüsse, in inniger Ergriffenheit des Herzens anordnen.

2 Wie nämlich Unser Vorgänger sel. Ang. Pius XI. im Jahre 1925 das Gedächtnis der heiligen Kirchenversammlung von Nizäa in dieser Ewigen Stadt feierlich begehen wollte, wie er auch jene von Ephesus im Jahre 1931 durch das Rundschreiben Lux veritatis in Erinnerung rief, so gedenken auch Wir durch dieses Rundschreiben mit gleicher Wertschätzung und Aufmerksamkeit des Konzils von Chalzedon. Da, die Kirchenversammlungen von Ephesus und Chalzedon gerade auf die hypostatische Vereinigung des menschgewordenen Wortes Bezug nehmen, sind sie ja durch ein unlösliches Band miteinander verkettet. Beide stehen schon im Altertum in hohen Ehren sowohl in der Ostkirche, in der ihrer auch in der Liturgie Erwähnung geschieht, wie auch in der Kirche des Abendlandes, was kein Geringerer bezeugt als der heilige Gregor der Grosse, der sie nicht weniger als die beiden vorhergehenden Konzilien, nämlich die von Nizäa und Konstantinopel, preist und den denkwürdigen Satz prägt: «Auf ihnen erhebt sich. wie auf einem Quaderstein, der Bau des heiligen Glaubens; und jeder, der nicht auf ihrem Felsengrunde steht - sein Leben und Handeln mag sein, wie es will -, der befindet sich außerhalb des Baues, selbst wenn er ein Stein zu sein scheint ».[3]

3 Wenn man jenes Ereignis und dessen Umstände aufmerksam betrachtet, so treten zwei Punkte besonders hervor, die Wir möglichst klar darlegen wollen: einerseits der Primat des Bischofs von Rom, wie er in dem schwerwiegenden christologischen Meinungsstreit offen zutage trat, und anderseits die große Bedeutung und Wichtigkeit der dogmatischen Entscheidung von Chalzedon. Den Primat des Bischofs von Rom mit gebührender Achtung nach den Weisungen und Beispielen ihrer Vorfahren anzuerkennen, mögen jene nicht zögern, die durch die Ungunst der Zeiten, besonders in den Ländern des Ostens, vom Schoss und der Einheit der Kirche getrennt sind; die dogmatische Entscheidung aber mögen, mit reinerem Blick des Geistes in das Christusgeheimnis eindringend, jene endlich vollständig sich zu eigen machen, die in nestorianische und eutychianische Irrtümer verstrickt sind. Im Bemühen um vertiefte Wahrheitserkenntnis mögen ebendiese Entscheidung auch jene durchdenken, die aus übergroßer Sucht nach Neuem bei der Erforschung des Erlösungsgeheimnisses die heilig und unverletzlich festgelegten Grenzmarken in etwa zu verschieben wagen. Schließlich sollen alle, die sich Katholiken nennen, die Gedächtnisfeier zum mächtigen Ansporn nehmen, die unvergleichlich kostbare Perle, von der das Evangelium spricht, mit Herz und Mund zu behüten indem sie einen makellosen Glauben bekennen und bewahren und Ihm, was die Hauptsache ist, das Zeugnis ihres eigenen Lebens hinzufügen, von dem mit Hilfe der Barmherzigkeit Gottes alles fernbleibe, was ungeziemend, unwürdig und tadelnswert ist, und worin statt dessen der Glanz der Tugenden erstrahle; so werden sie der Gottheit Dessen teilhaftig werden, der sich herabgelassen hat, unsere Menschennatur anzunehmen.

I. DIE ANFÄNGE DER HÄRESIE DES EUTYCHES

4 Um nun geordnet voranzugehen, müssen Wir die Ereignisse, deren hier gedacht wird, von ihren Anfängen an darlegen. Der Urheber der ganzen Streitfrage, um die es sich auf dem Konzil zu Chalzedon handelte, war Eutyches, Priester und Abt eines berühmten Klosters in Konstantinopel. Während er die Häresie des Nestorius, die zwei Personen in Christus behauptete, scharf bekämpfte, verfiel er dem entgegengesetzten Irrtum.

5 « Sehr unklug und allzu unerfahren »,[4] stellte er mit maßloser Hartnäckigkeit folgende Behauptungen auf: Zwei Zeitpunkte sind zu unterscheiden: Vor der Menschwerdung gab es zwei Naturen Christi, die menschliche und die göttliche. Nach der Vereinigung aber bestand nur eine, da das Wort den Menschen aufgesogen hatte. Aus der .Jungfrau Maria entstand der Leib des Herrn, doch ist er nicht von der gleichen Substanz und Materie, wie unser Leib; denn er ist zwar menschlich, aber nicht uns wesensgleich und auch nicht Jener wesensgleich, die Christus dem Fleische nach geboren hat;[5] Deshalb wurde Christus nicht in einer wahren menschlichen Natur geboren, noch hat er in einer solchen gelitten, ist gekreuzigt worden und aus dem Grabe auferstanden.

6 Dabei bedachte Eutyches nicht, dass vor der Vereinigung die menschliche Natur Christi überhaupt nicht existierte, da sie ja erst im Augenblick Seiner Empfängnis zu bestehen begann; widersinnig aber wäre es zu meinen, dass nach der Vereinigung zwei Naturen zu einer einzigen verschmelzen; denn zwei wahre und wirkliche Naturen können in keiner Wese zu einer einzigen werden, um so mehr da die göttliche Natur unendlich und unveränderlich ist.

7 Wer mit gesundem Sinne solche Meinungen erwägt, der sieht unschwer ein, dass damit das ganze Geheimnis der göttlichen Heilsordnung in leere und unfassbare Schatten zerfließt. Urteilsfähigen Menschen erschien jene Meinung des Eutyches ohne weiteres als etwas durchaus Neues, Widersinniges, den Aussprüchen der Propheten und den Worten des Evangeliums sowie dem apostolischen Glaubensbekenntnis, und dem in Nizäa verkündeten Glaubenssatz vollständig entgegengesetzt und aus den Rüstkammern eines Valentin und Apollinaris hervorgeholt.

8 Auf einer Partikularsynode in Konstantinopel, auf der der heilige Flavian, der Bischof jener Stadt, den Vorsitz führte, wurde Eutyches, der seine Irrtümer in den Klöstern herum hartnäckig und vielerorts verbreitete, von Bischof Eusebius von Dorylaeum offen der Häresie beschuldigt und daraufhin verurteilt. Dagegen legte er bei einigen sehr einflussreichen Bischöfen Berufung ein, als ob die Verurteilung ein Unrecht wäre gegen ihn, der die wiederauflebende nestorianiscbe Häresie bekämpfe. Einen derartigen Beschwerdebrief erhielt auch der heilige Papst Leo der Grosse, der Inhaber des Apostolischen Stuhles, dessen glänzende und gründliche Tugenden, dessen wachsame Sorge für Religion und Frieden, dessen tapferes Eintreten für die Wahrheit und für die Würde des Römischen Stuhles, dessen Geschicklichkeit in der Führung der Geschäfte, die ebenso bedeutend war wie der Wohlklang seiner Sprache, die unerschöpfliche Bewunderung aller Zeiten erregen. Niemand schien fähiger und geeigneter, den Irrtum des Eutyches zurückzuweisen, als er, der in seinen Ansprachen und Briefen in frommer Erhabenheit und erhabener Frömmigkeit das Geheimnis der einen Person und der doppelten Natur in Christus, das nie genug gepriesen werden kann, zu betonen und zu feiern pflegte: « Die katholische Kirche lebt und wächst durch diesen Glauben, dass in Christus Jesus weder die Menschheit ohne die wahre Gottheit noch die Gottheit ohne die wahre Menschheit angenommen wird ».[6]

DIE «RÄUBERSYNODE» VON EPHESUS

9 Da nun aber der Abt Eutyches der Behandlung seiner Streitfrage durch den Bischof von Rom misstraute, verlegte er sich auf List und Ränke. Durch Chrysaphios, seinen vertrauten Freund, der bei Kaiser Theodosius II. in hoher Gunst stand, erlangte er von diesem Fürsten, dass sein Rechtsstreit wiederaufgenommen, nach Ephesus ein neues Konzil berufen und dessen Vorsitz Dioskoros, dem Bischof von Alexandrien, übertragen wurde. Dieser war ein großer Freund des Eutyches und ein Gegner des Bischofs Flavian von Konstantinopel; durch eine vermeintliche Ähnlichkeit der Dogmen irregeleitet, äußerte er immer wieder: Wie Cyrillus, sein Vorgänger, eine Person in Christus verteidigt habe, so wolle er in Christus nach der «Einswerdung» eine Natur mit aller Entschiedenheit verteidigen. Um des Friedens willen weigerte sich Leo der Grosse nicht, dorthin Legaten zu schicken, die u. a. zwei Briefe überbringen sollten, den einen an die Synode, den anderen an Flavian gerichtet, in denen die Irrtümer des Eutyches in klarer, vollkommener und ausführlicher Darlegung der Lehre widerlegt wurden.

10 Doch auf dieser Versammlung in Ephesus, der Leo mit Recht den Namen « Räubersynode » beilegte, begann man, unter dem von Dioskoros und Eutyches ausgeübten Druck, alles mit handgreiflicher Gewalt zu verwirren. Den Apostolischen Legateh wurde der Vorsitz in der Versammlung verweigert; das Vorlesen der Briefe des Papstes wurde verhindert; durch Ränke und Drohungen wurden die Stimmen der Bischöfe erpresst; nebst anderen wurde Flavian der Häresie beschuldigt, seines Hirtenamtes entsetzt und in den Kerker geworfen, wo er starb. Darauf ging Dioskoros in seiner Wut und Verwegenheit so weit, dass er es wagte, - ein unerhörtes Verbrechen! - gegen den höchsten Träger der apost01ischen Gewalt den Bannstrahl zu schleudern. Sobald Leo durch den Diakon Hilarus von dem feindseligen Vorgehen der Räubersynode erfuhr, verwarf er alles, was dort beschlossen oder getan worden war, und ordnete dessen Zurücknahme an, von bitterem Schmerz ergriffen, der oft genug auch durch die Berufungen vieler abgesetzter Bischöfe an seinen Urteilsspruch veranlasst wurde.

BERUFUNG FLAVIANS UND THEODORETS AN DEN APOSTOLISCHEN STUHL

11 Erwähnung verdient; was damals Flavian und Theodoret von Cyrus an den obersten Hirten der Kirche schrieben. Flavian äußerte sich folgendermaßen: « Da ,wie auf Verabredung alles sich feindselig gegen mich wandte, legte ich nach dem ungerechten, willkürlichen Spruch, den er (Dioskorus) gegen mich fällte, Berufung ein beim Thron des .Apostolischen Stuhles des Apostelfürsten Petrus sowie bei der gesamten, Eurer Heiligkeit unterstehenden Synode; aber sofort umringte mich eine Menge Soldaten, hinderte mich, als ich zum heiligen Altar flüchten wollte, und suchte mich aus der Kirche zu zerren ».[7] Theodoret aber schreibt: « Wenn Paulus, der Herold der Wahrheit, ... den großen Petrus aufsuchte, ... so eilen noch weit mehr wir Geringe und Kleine zu Eurem Apostolischen Stuhl, um von Euch Heilung für die Wunden der Kirche zu erlangen. Euch steht ja in allem der Vorrang zu ... Ich erwarte das Urteil Eures Apostolischen Stuhles ... Vor' allem bitte ich, von Euch darüber belehrt zu werden, ob ich mich mit dieser ungerechten Absetzung abfinden soll oder nicht; Eure Entscheidung nämlich erwarte ich ».[8]

EINGREIFEN DES PAPSTES

12 Um eine so schwere Schmach zu tilgen, drang Leo mit wiederholten Briefen in Theodosius und Pulcheria, dass sie den allzu traurigen Verhältnissen abhelfen möchten dadurch, dass innerhalb der Grenzen Italiens ein neues Konzil einberufen werde, um die Untaten von Ephesus Wiedergutzumachen. Als er eines Tages, inmitten zahlreicher Bischöfe, den Kaiser Valentinian III., seine Mutter Galla Placidia und seine Gattin Eudoxia bei ihrem Eintritt in die Vatikanische Basilika empfing, drang er unter Flehen und Tränen in sie, dass sie unverzüglich der wachsenden Schmach der Kirche nach Kräften abhelfen möchten. Es schrieb der Kaiser dem Kaiser, es schrieben ebenso die königlichen Frauen. Umsonst! Von Trug und Tücke umstrickt, tat Theodosius nichts, um die rechtswidrigen Maßnahmen rückgängig zu machen. Nach seinem plötzlichen Tode aber kam seine Schwester Pulcheria zur Herrschaft und nahm sich Marcian zum Gemahl und Mitregenten, beide gerühmt ob ihrer Frömmigkeit und Weisheit. Hierauf unterschrieb Anatolius, der von Dioskoros widerrechtlich an die Stelle Flavians gesetzt worden war, den Brief Leos an Flavian über die Menschwerdung des Herrn; die Gebeine Flavians wurden feierlich nach Konstantinopel übertragen; die von ihren Sitzen vertriebenen Bischöfe wurden wieder in ihre Rechte eingesetzt; nach und nach wurde die allgemeine Ablehnung der verderblichen Eutychianischen Irrlehre so stark, dass es kaum mehr nötig schien, ein Konzil einzuberufen, zumal da infolge der Einfälle der Barbarenvölker die Lage im römischen Reiche unsicher war.

13 Trotzdem wurde das Konzil auf Wunsch des Kaisers mit Zustimmung des Papstes abgehalten.

II. DAS KONZIL VON CHALZEDON

DER PRIMAT DES APOSTOLISCHEN STUHLES

Chalzedon war eine Stadt in Bithynien, nahe beim Thrazischen Bosporus, an dem Konstantinopel gegenüberliegenden Ufer. Dort, in der geräumigen, vor der Stadt gelegenen Basilika der heiligen .Jungfrau und Märtyrin Euphemia, versammelten sich am 8. Oktober, von Nizäa kommend. wo sie sich zu diesem Zwecke bereits eingefunden hatten, die Konzilsvi1ter. Mit Ausnahme von zweien, aus der Heimat geflüchteten Afrikanern kamen alle aus den Ländern des Ostens.

14 In der Mitte wurde das Evangelienbuch aufgestellt. Vor den Altarschranken saßen 19 Vertreter des Kaisers und des Senats. Als päpstliche Legaten walteten die gottesfürchtigen Männer Paschasinus, Bischof von Lilybaeum auf Sizilien, Lucentius, Bischof von Asculum, und die Priester Bonifatius und Basilius. Ihnen war Julianus, Bischof von Cos, beigegeben, um ihnen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Die päpstlichen Legaten nahmen die ersten Plätze unter den Bischöfen ein; sie werden als Erste genannt, als Erste ergreifen sie das Wort, als Erste unterschreiben sie die Akten; kraft der ihnen übertragenen Autorität bestätigen oder verwerfen sie die Stimmen der anderen, wie es offensichtlich der Fall war bei der Verurteilung des Dioskoros, die sie mit folgenden Worten für rechtsgültig erklärten: « Leo, der heiligste und seligste Erzbischof der großen und alten Stadt Rom, hat durch uns und die hier gegenwärtige heilige Synode, zusammen mit dem dreimal heiligen und alles Lobes würdigen Apostel Petrus, der Grundstein und Grundfeste der katholischen Kirche und Grundlage des rechten Glaubens ist, ihn (Dioskoros) der bischöflichen Würde entkleidet und ihm jegliche priesterliche Amtstätigkeit untersagt ».[9]

15 Dass im übrigen die päpstlichen Legaten die Autorität des Vorsitzes nicht nur ausgeübt haben, sondern dass ihnen auch das Recht und die Ehre des Vorsitzes von allen Konzilsvätern, ohne jeden Einspruch, zuerkannt wurde, geht klar hervor aus dem Brief der Synode an Papst Leo: « Du führtest - so schreiben sie - voll Wohlwollen, wie das Haupt über die Glieder, den Vorsitz durch diejenigen, die deine Stelle vertraten ».[10]

16 Wir möchten hier nun davon absehen, die Konzilsakten im einzelnen durchzugehen; nur die wichtigsten, soweit sie für die klare Feststellung der Wahrheit und für die Förderung der Religion von Nutzen sind, wollen Wir kurz berühren. Da es sich um die Frage der Würde des Apostolischen Stuhles handelt, können Wir daher den Kanon 28 jenes Konzils nicht mit Stillschweigen übergehen, durch den dem bischöflichen Stuhle von Konstantinopel als Kaiserstadt der zweite Ehrenplatz nach dem vom Rom zugesprochen wurde. Obwohl darin nichts gegen den göttlichen Iurisdiktionsprimat, der als selbstverständlich galt, geschehen war, so ist doch dieser Kanon, in Abwesenheit und dann gegen den Einspruch der päpstlichen Legaten abgefasst und deshalb unrechtmäßig und erschlichen, ohne jede rechtliche Wirkung und ist vom heiligen Leo durch viele Briefe verworfen und verurteilt worden. Dieser Ungültigkeitserklärung stimmten übrigens auch Marcian und Pulcheria bei, ja, selbst Anatolius, der zur Entschuldigung jenes unzulässigen Beginnens an Papst Leo schrieb: « Was aber die Beschlüsse betrifft, die kürzlich auf der allgemeinen Kirchenversammlung von Chalzedon zu Gunsten des Stuhles von Konstantinopel gefasst wurden; so möge Eure Heiligkeit versichert sein, dass die Schuld daran keineswegs an mir liegt..., vielmehr ist es der ehrwürdige Klerus der Kirche von Konstantinopel, der dies gewünscht hat...; zumal jede rechtskräftige Bestätigung auch dieser Beschlüsse der Autorität Eurer Heiligkeit vorbehalten wurde ».[11]

«PETRUS HAT DURCH DEN MUND LEOS GESPROCHEN»

17 Doch nunmehr ist auf den Kernpunkt der ganzen Frage einzugehen, die feierliche Feststellung des katholischen Glaubens, durch die der verderbliche Irrtum des Eutyches verworfen und verurteilt wurde. In der vierten Sitzung des heiligen Konzils verlangten die Vertreter des Kaisers, es solle ein neues Glaubensbekenntnis ausgearbeitet werden; doch der päpstliche Legat Paschasinus brachte die Meinung aller zum Ausdruck, indem er antwortete, das sei keineswegs notwendig, da kirchlich anerkannte Glaubensbekenntnisse und Kanones schon zur Genüge vorhanden seien; unter diesen sei in der vorliegenden Frage am wichtigsten der Brief Leos an Flavian: «  An dritter Stelle (d. h. nach den Glaubensbekenntnissen von Nizäa und Konstantinopel und deren Erklärung, die der heiligen Cyrillus auf dem Konzil zu Ephesus vorgelegt hatte) haben die von dem heiligen und apostolischen Leo, dem Papst der Gesamtkirche, zur Verurteilung der Irrlehren des Nestorius und des Eutyches verfassten Schriften schon dargetan, was der wahre Glaube lehrt. Ebenso hält auch die heilige Synode diesen Glauben und geht nach ihm voran ».[12]

18 Hier darf man daran erinnern, dass dieser hochbedeutsame Brief des heiligen Leo an Flavian über die Menschwerdung des Wortes in der dritten Sitzung des Konzils verlesen wurde; und kaum war die Stimme des Lesers verstummt, da brachen alle Anwesenden einmütig in den Ruf aus: « Das ist der Glaube der Väter, das der Glaube der Apostel. Wir alle glauben so, die Rechtgläubigen glauben so. Im Banne sei, wer nicht so glaubt. So hat Petrus durch Leo gesprochen ».[13]

19 Hierauf erklärten alle in voller Einmütigkeit, das Dokument des Bischofs von Rom stimme ganz und voll überein mit den Glaubensbekenntnissen von Nizäa. und Konstantinopel. Dennoch wurde in der fünften Konzilssitzung, auf wiederholtes Drängen der Vertreter Marcians und des Senates, durch einen Beratungsausschuss von Bischöfen verschiedener Länder, die sich im Oratorium der Euphemia-Basilika versammelten, eine neue Glaubensformel ausgearbeitet; diese besteht aus einer Vorrede, aus dem Glaubensbekenntnis von Nizäa und dem von Konstantinopel, das damals zum ersten Mal öffentlich bekannt gegeben wurde, sowie aus der feierlichen Verurteilung der Lehre des Eutyches. Diese Glaubensregel haben die Konzilsväter einmütig gutgeheißen.

20 Hier scheint es Uns nun der Mühe wert zu sein, Ehrwürdige Brüder, etwas zu verweilen bei der Erläuterung des päpstlichen Dokumentes, das eine hochbedeutsame Verteidigung des katholischen Glaubens ist. Eutyches hatte behauptet: « Ich bekenne, dass unser Herr vor der Vereinigung aus zwei Naturen bestand; nach der Vereinigung aber bekenne ich nur eine Natur».[14] Ihm stellt der heilige Papst nicht ohne tiefen Unwillen an erster Stelle die hellleuchtende Wahrheit entgegen: «Ich wundere mich, dass ein so widersinniges und so verkehrtes Bekenntnis durch kein Verwerfungsurteil der Richter zurückgewiesen worden ist..., denn es ist ebenso frevelhaft zu behaupten, dass der eingeborne Sohn Gottes vor der Menschwerdung zwei Naturen gehabt habe, wie die Behauptung ruchlos ist, es sei in ihm nur eine Natur gewesen, nachdem das Wort Fleisch geworden ist ».[15] Mit gleicher Schärfe geht er dann gegen Nestorius vor, der den entgegengesetzten Irrweg einschlug: «Wegen dieser Einheit der Person, die für beide Naturen anzunehmen ist, heißt es, dass der Menschensohn vom Himmel herabgestiegen ist, als der Sohn Gottes Fleisch annahm aus der Jungfrau, aus der er geboren wurde. Und wiederum heißt es. dass der Sohn Gottes gekreuzigt und begraben wurde, während er dies nicht in der Gottheit selbst erlitten hat, durch die der Eingeborene gleichewig und wesensgleich mit dem Vater ist, sondern in der Schwachheit der menschlichen Natur. Deshalb bekennen wir alle auch im Glaubensbekenntnis, dass der eingeborene Sohn Gottes gekreuzigt und begraben wurde ».[16]

21 Außer dem Unterschied zwischen den bei den Naturen in Christus wird ebendort auch der Unterschied zwischen den Eigenschaften und Tätigkeiten einer jeden der beiden Naturen in Christus unumstößlich erwiesen: « Indern also die Eigenart der beiden Naturen gewahrt blieb, und indem sie in eine Person zusammengingen, wurde von der Herrlichkeit die Niedrigkeit, von der Kraft die Schwäche, von der Ewigkeit die Sterblichkeit aufgenommen ».[17] Und an einer anderen Stelle: « Jede der beiden Naturen bewahrt unvermindert ihre Eigenart ».[18]

22 Dennoch wird die doppelte Reihe jener Eigenschaften und Tätigkeiten der einen Person des Wortes zugeschrieben, weil « Ein und derselbe... wahrhaft der Sohn Gottes und wahrhaft der Sohn des Menschen ist ».[19] Daher gilt: «jede der beiden Naturen wirkt in Gemeinschaft mit der anderen, was ihr eigen ist; das Wort wirkt, was des Wortes ist, das Fleisch vollzieht, was des Fleisches ist ».[20] Hier zeigt sich die bekannte sogenannte «communicatio idiomatum», die Cyrillus mit Recht gegen Nestorius geltend machte, indem er sich auf den sicheren Satz berief, dass die beiden Naturen Christi in der einen Person des Wortes subsistieren, des Wortes nämlich, das seiner Gottheit nach vom Vater vor aller Zeit gezeugt und aus Maria der Menschheit. nach in der Zeit geboren wurde.

DIE GLAUBENSSCHEIDUNG VON CHALZEDON

23 Diese erhabene, dem Evangelium entnommene Lehre verwirft, ohne den Beschlüssen des Konzils von Ephesus irgendwie Abbruch zu tun, den Eutyches, verschont aber auch den Nestorius nicht. Mit ihr stimmt auch durchaus und vollkommen überein die dogmatische Definition des Konzils von Chalzedon, die ebenfalls in Christus zwei verschiedene Naturen und eine Person klar und bestimmt ausspricht, und zwar mit ,den Worten: « Die heilige, große und allgemeine Kirchenversammlung... verurteilt jene, die zwar von zwei Naturen des Herr vor ihrer Vereinigung reden, aber eine einzige nach deren Vereinigung vorgeben. Den heiligen Vätern folgend, lehren wir daher alle in voller Einmütigkeit, einen und denselben Sohn, unseren Herrn Jesus Christus, zu bekennen, der vollkommen ist in der Gottheit und vollkommen in der Menschheit, wahrer -Gott und wahrer Mensch, aus einer vernünftigen Seele und einem Leib bestehend, wesensgleich dem Vater der Gottheit nach, wesensgleich uns der Menschheit nach, in allem uns ähnlich, die Sünde ausgenommen; vor aller Zeit aus dem Vater gezeugt der Gottheit nach, in der Fülle der Zeiten aber unsertwegen und unseres Heiles wegen geboren aus Maria, der Jungfrau und Gottesmutter, der Menschheit nach; den wir anerkennen als den einen und denselben Christus, den Sohn, den Herrn, den Eingeborenen, in zwei Naturen unvermischt, unverwandelt, ungetrennt und ungesondert; wobei die Vereinigung nirgends den Unterschied der Naturen aufhebt, vielmehr beide Naturen ihre Eigenart bewahren und in eine Person und eine Subsistenz zusammengehen, nicht in zwei Personen geteilt oder getrennt, sondern als einen und denselben: als den Sohn, als den Eingeborenen, als Gott, als das Wort, als den Herrn Jesus Christus ».[21]

KLARHEIT UND DEUTLICHKEIT DER THEOLOGISCHEN FACHAUSDRÜCKE

24 Fragt man sich nun, woher es kommt, dass sich die Ausdrucksweise des Konzils von Chalzedon durch solche Klarheit und solchen Erfolg bei der Zurückweisung des Irrtums auszeichnet, so scheint Uns der Grund vor allem darin zu liegen, dass man dort unter Vermeidung jeglichen Doppelsinnes die zutreffendsten Ausdrücke verwandte. Denn in der Glaubensdefinition von Chalzedon gebraucht man die Worte « Person» und « Hypostase» (προσωπον-υποςτασις) in gleicher Bedeutung; das Wort « Natur» (φυσις) dagegen hat einen anderen Sinn und wird nie in der Bedeutung jener erstgenannten Ausdrücke gebraucht. Es ist also falsch, wenn damals die Nestorianer und Eutychianer meinten und wenn heutzutage einige Geschichtschreiber immer und immer wieder behaupten, die Kirchenversammlung von Chalzedon habe die Beschlüsse von Ephesus berichtigt. Im Gegenteil: die eine vervollständigt die andere, und zwar so, dass die Synthese d. h. Zusammenfassung der Hauptpunkte der Christologie auf dem zweiten und dritten allgemeinen Konzil von Konstantinopel mit größerer Schärfe und Klarheit hervortritt.

25 Leider haben im Altertum gewisse Gegner des Konzils von Chalzedon, die man auch Monophysiten nannte, den so klaren, echten und unversehrten Glauben zurückgewiesen, weil sie gewisse Ausdrücke älterer Autoren falsch verstanden. Sie lehnten zwar Eutyches ab, der widersinniger Weise von einer Vermischung der Naturen Christi sprach, hielten aber hartnäckig fest an der bekannten Formel: «Eine fleischgewordene Natur des Wortes Gottes», eine Formel, die der heilige Cyrill von Alexandrien als vom heiligen Athanasius überliefert gebrauchte, jedoch in einem richtigen Sinn, da er mit «Natur» die Person meinte. Die Väter von Chalzedon aber merzten in jenen Ausdrücken alles Unbestimmte und Unklare aus: sie wandten nämlich die Terminologie, die in der Lehre von der Trinität gebräuchlich war, auch bei den Aussagen über die Menschwerdung des Herrn an, setzten also die Ausdrücke « Natur» und «Wesenheit» (ουσια) einerseits, «Person» und «Hypostase» anderseits einander gleich und wollten diese beiden Ausdrücke scharf von einander unterschieden wissen, während die genannten Andersgläubigen die Natur der Person, nicht, aber der Wesenheit gleichsetzen. Man muss also in der herkömmlichen und klaren Ausdrucksweise sagen, in Gott seien eine Natur und drei Personen, in Christus aber eine Person und zwei Naturen.

26 Das ist auch der Grund, warum heute noch einige Gruppen von Andersgläubigen in Ägypten, Äthiopien, Syrien; Armenien und anderwärts, bei der Darlegung der Lehre von der Menschwerdung des Herrn hauptsächlich im Ausdruck vom rechten Pfad abzuweichen scheinen, wie sich aus ihren liturgischen und theologischen Büchern vermuten lässt.

27 Übrigens legte schon im 12. Jahrhundert ein Mann, der bei den Armeniern höchstes Ansehen genoss, seine Ansicht über diesen Fragepunkt in aller Aufrichtigkeit folgendermaßen dar: «Wir nennen Christus eine Natur, nicht durch Vermischung, wie Eutyches es wollte, nicht durch Verringerung, wie Apollinaris lehrte, sondern im Sinne Cyrills von Alexandrien, der in seinem Werk Scholia adversus Nestorium schreibt: «Eine ist die Natur des fletschgewordenen Wortes wie auch die Väter gelehrt haben" ...Und auch wir lehren so gemäss der Überlieferung der Heiligen; keineswegs aber wollen wir nach dem Vorbild der Irrlehrer eine Vermischung oder Umwandlung oder Änderung in die Einheit Christi einführen, wenn wir von einer Natur reden,: wir meinen damit vielmehr die Hypostase, die auch ihr in Christus lehrt: das ist richtig und wird auch von uns zugegeben; es entspricht völlig unserer Formel: „eine Natur" ... Wir haben auch nichts gegen den Ausdruck „zwei Naturen", falls man ihn nicht mit Nestorius im Sinn einer Teilung versteht, sondern um gegen Eutyches und Apollinaris die Unvermischtheit zu betonen».[22]

28 Wenn Freude und heiliger Jubel ihr höchstes Ausmaß dann erreichen, wenn das Psalmwort Wirklichkeit wird: «Seht, wie schön und wie lieblich es ist, wenn Brüder in Eintracht zusammenwohnen »;[23] wenn Gottes Ehre, verbunden mit dem größten Nutzen aller, dann am hellsten aufleuchtet, wenn volle Wahrheit und volle Liebe die Schafe Christi verbindet: dann mögen die, deren Wir oben in Liebe und Schmerz gedacht haben, selbst zusehen, ob es recht und ersprießlich ist, sich noch länger fernzuhalten, zumal wegen einer anfänglichen Unbestimmtheit des Ausdruckes, von der einen und Heiligen Kirche, die gegründet ist auf Saphirsteine,[24] das beisst auf die Propheten und Apostel, ja auf den Eckstein selbst, Jesus Christus![25]

EINIGE NEUERE IRRTÜMER

29 Mit dem Glaubensbekenntnis von Chalzedon durchaus im Widerspruch steht auch eine außerhalb der Katholischen Kirche weitverbreitete ausgeklügelte Ansicht, der eine leichthin und falsch ausgelegte Stelle des Philipperbriefs des Apostels Paulus[26] eine scheinbar berechtigte Handhabe bot - die sogenannte Kenosislehre -, nach der in Christus eine «Entäußerung» der Gottheit des Verbum willkürlich behauptet wird: eine ruchlose Erdichtung, die, ebenso wie der ihr entgegengesetzte verwerfliche Irrtum des Doketismus das ganze Geheimnis der Menschwerdung und Erlösung zu einem blutlosen und nichtigen Schemen macht. «In der ganzen und vollständigen Natur eines wahren Menschen (so lehrt feierlich Leo der Grosse) wurde der wahre Gott geboren, ganz in dem, was ihm, ganz in dem, was uns zusteht».[27]

30 Gewiss steht nichts im Wege, die Menschheit Christi auch psychologisch tiefer zu erforschen; doch fehlt es bei diesen höchst schwierigen Studien nicht an solchen, die über Gebühr das Alte beiseite lassen, um Neues aufzubauen, und die sich mit Unrecht der Autorität und Definition des Konzils von Chalzedon bedienen, um zu rechtfertigen, was sie sich erdacht haben.

31 Sie betonen die Stellung und Aufgabe der menschlichen Natur Christi in einer Weise, dass diese als eine Art Subjekt eigenen Rechtes betrachtet zu werden scheint, als ob sie nicht in der Person des Verbum selber subsistiere. Aber die Kirchenversammlung von Chalzedon behauptet klar, in völliger Übereinstimmung mit der von Ephesus, dass die beiden Naturen unseres Erlösers «in eine Person und Subsistenz» zusammengehen, und verbietet, zwei Individuen in Christus anzunehmen in einer Weise, dass ein homo assumptus, der völlig selbständig wäre, neben das Verbum gestellt würde. Der heilige Leo vertritt die gleiche Ansicht, ja er gibt auch genau die Quelle an, aus der er diese reine Lehre schöpft: «Alles, was wir geschrieben habe ». sagt er, «ist nachweislich der Lehre der Apostel und des Evangeliums entnommen».[28]

DIE LEHRE DES EVANGELIUMS UND DER APOSTEL

32 In der Tat bekennt die Kirche von den ältesten Zeiten her in ihren schriftlichen Urkunden, in ihren Predigten und gottesdienstlichen Gebeten klar und ohne jede Einschränkung, dass unser Herr Jesus Christus, der aus der Substanz des Vaters eingeborene Sohn Gottes, das fleischgewordene Wort, auf Erden geboren wurde, gelitten hat, gekreuzigt worden ist und nach der Auferstehung aus dem Grabe zum Himmel auffuhr. Weiterhin legen die Worte der Heiligen Schrift dem einen Christus, dem Sohn Gottes, menschliche und ebendemselben, dem Sohn des Menschen, göttliche Eigenschaften bei.

33 So sagt der Evangelist .Johannes: «Das Wort ist Fleisch geworden»;[29] Paulus aber schreibt von Christus: «Er, der in Gottesgestalt war, ... erniedrigte sich ... und wurde gehorsam bis zum Tode»;[30] oder: «Als die Fülle der Zeit kam, sandte Gott seinen Sohn, gebildet aus einer Frau»;[31] und der göttliche Erlöser selbst erklärt unmissverständlich: «Ich und der Vater sind eins»[32] und wiederum: «Ich bin vom Vater ausgegangen und in die Welt gekommen».[33] Der Ursprung unseres Erlösers aus dem Himmel erhellt ebenso aus dem Wort des Evangeliums: «Ich bin vom Himmel herabgestiegen, nicht um meinen Willen zu tun, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat».[34] Ebenso aus dem folgenden: «Er, der herabgestiegen ist, ebenderselbe ist auch hinaufgestiegen über alle Himmel ».[35] Diese Stelle erklärt und erläutert der heilige Thomas von Aquin folgendermaßen: «Er, der herabgestiegen ist, eben derselbe ist auch hinaufgestiegen. Damit wird die Einheit der Person Gottes und des Menschen ausgedrückt. Es steigt nämlich... der Sohn Gottes herab, indem er die Menschennatur annimmt, und es steigt der Sohn des Menschen nach seiner menschlichen Natur hinauf zur Erhabenheit des unsterblichen Lebens. Somit ist ein und derselbe der Sohn Gottes, der herabsteigt, und der Sohn des Menschen, der hinaufsteigt ».[36]

34 Den gleichen Gedanken hatte schon Unser Vorgänger Leo der Grosse vortrefflich mit folgenden Worten ausgesprochen: «Weil zur Rechtfertigung der Menschen hauptsächlich beiträgt, dass der Eingeborene Gottes auch Sohn des Menschen zu sein sich würdigte, so dass Gott, dem Vater óμοοúσιος, d. h. wesensgleich, ebenso als wahrer Mensch und, dem Fleische nach, seiner Mutter wesensgleich existierte, deshalb freuen wir uns über beides, weil wir nur durch beides gerettet werden; und wir trennen in keiner Weise den Sichtbaren von dem Unsichtbaren, den Körperlichen von dem Körperlosen, den Leistungsfähigen von dem Leidensunfähigen, den Greifbaren von dem Ungreifbaren, die Knechtsgestalt von der Gottesgestalt; denn obwohl das eine von Ewigkeit her besteht, das andere in der Zeit begann, ist doch beides in eine Einheit zusammengekommen und kann weder getrennt werden noch enden ».[37]

35 Die über alles Lob erhabene Herrlichkeit und Güte unserer Erlösung tut sich also nur dann uns kund, wenn wir mit heiligem und unerschütterlichem Glauben bekennen, dass in Christus eine Person ist, nämlich die des Wortes, in die zwei Naturen, die ganz voneinander unterschieden sind, die göttliche und die menschliche, verschieden auch in ihren Eigenschaften und ihren Tätigkeiten, zusammengehen.

36 O Erhabenheit der Barmherzigkeit und Gerechtigkeit Gottes, die den Schuldigen zu Hilfe kam und sie sich an Kindern machte! O ihr Himmel, die ihr euch niederneiget, auf dass, wenn die Winternebel geschwunden, Blumen sprossten auf unserer Erde[38] und wir neue Menschen würden, eine neue Schöpfung, ein neues Gebilde ein heiliges Volk, ein himmlisches Geschlecht! Das Wort hat ja in seinem Fleisch wahrhaft gelitten, hat am Kreuze sein Blut vergossen und dem Ewigen Vater einen überreichen Sühnepreis für unsere Schuld gezahlt. Daher kommt es, dass sichere Heilshoffnung denen aufleuchtet, die mit ungeheucheltem Glauben und tätiger Liebe Ihm anhangen und, in Kraft der durch Ihn erworbenen Gnade, Früchte der Gerechtigkeit bringen.

III. AUFRUF ZUR HEIMKEHR

37 Die Gedenkfeier dieser herrlichen und ruhmvollen Ereignisse der Kirchengeschichte bringt es naturgemäß mit sich, dass Wir mit noch innigerer Vater liebe Unsere Gedanken den Ostchristen zuwenden. Die heilige Allgemeine Kirchenversammlung zu Chalzedon ist ja gerade ihr ragendes Ruhmesmal, das zweifelsohne die Jahrhunderte überdauern wird. Dort wurde ja, unter der Führung des Apostolischen Stuhles, durch eine zahlreiche Schar orientalischer Bischöfe wachsam verteidigt und bewundernswert dargelegt die durch verwegene Kühnheit entstellte Lehre, dass nämlich in eine Person Christi unterschieden und unvermischt zwei Naturen, die göttliche und die menschliche, zusammengehen. Aber leider haben sich in den Ländern des Ostens viele unglücklicherweise Jahrhunderte lang ferngehalten von jener Einheit des Mystischen Leibes Christi, für die die hypostatische Vereinigung das leuchtendste Vorbild ist. Ist es nicht heilig, heilsam und Gottes Willen gemäss, dass endlich einmal alle zur der einen Hürde Christi zurückkehren?

38 Was Uns betrifft, ist es Unser Wille, dass sie klar wissen: Unsere Gedanken sind Gedanken des Friedens, nicht des Leides.[39] Übrigens ist es genugsam bekannt, dass Wir dies auch durch die Tat bewiesen haben; und wenn Wir Uns dessen, durch die Not gezwungen, rühmen, so rühmen Wir Uns im Herrn, dem Geber jedes guten Willens. Dem Beispiel Unserer Vorgänger folgend, haben Wir Uns nämlich beharrlich bemüht! den Ostchristen den Weg der Heimkehr zur Katholischen Kirche zu erleichtern : Wir haben ihre rechtmäßigen Riten geschützt, haben die sie betreffenden Studien gefördert, haben zu ihrem Besten Gesetze erlassen, haben die an der Römischen Kurie für die Ostkirche errichtete Heilige Kongregation mit besonderer Sorge umhegt, haben den Patriarchen der Armenier mit dem Glanz des römischen Purpurs ausgezeichnet.

39 Als vor kurzem der Krieg wütete und in seinem Gefolge Elend, Hunger und Krankheit herrschten, haben Wir, ohne einen Unterschied zu machen zwischen ihnen und denen, die Uns Vater zu nennen pflegen, allüberall die stets wachsende Not zu lindern gesucht; den Witwen, den Kindern, den Greisen, den Kranken haben Wir Uns bemüht zu helfen. Um wie viel glücklicher wären Wir gewesen, hätten wir den Wünschen Unsere Mittel anpassen können! Diesem Apostolischen Stuhl, für den Vorstehen Beistehen bedeutet, diesem von Gott hingestellten, unerschütterlichen Felsen der Wahrheit den gebührenden Gehorsam zu leisten, mögen jene nicht zögern, die durch die Ungunst der Zeit vom ihm getrennt worden sind; sie mögen sich zur Nachahmung vor Augen halten Flavian, einen zweiten Johannes Chrysostomus im Ertragen von Bedrängnis um der Gerechtigkeit willen, die Konzilsväter von Chalzedon, herrliche Glieder des Mystischen Leibes Christi, Marcian, diesen tapferen, milden und weisen Kaiser, Pulcheria, diese in königlicher, makelloser Schönheit strahlende Lilie! Aus dieser Rückkehr zur Einheit der Kirche wird, so sehen Wir voraus, zum Besten der ganzen Christenheit eine reiche Quelle des Segens fließen.

40 Es ist Uns gewiss nicht unbekannt, dass ein Berg von tief eingewurzelten Vorurteilen der glücklichen Verwirklichung des Gebetes hemmend im Wege steht, das Christus beim letzten Abendmahl mit Inbrunst für die .Jünger des Evangeliums an den Ewigen Vater gerichtet hat.: «Dass sie alle eins seien ».[40] Wir wissen aber auch, dass die Macht des Gebets so groß ist, dass selbst ein Berg versetzt und ins Meer geschleudert werden kann,[41] wenn die Betenden, einer geschlossenen Heerschar gleich, in festem Glauben und reinem Gewissen in Andacht erglühen. Es ist darum Unser innigster Wunsch, dass alle, denen der dringende Ruf zum Anschluss an die christliche Einheit am Herzen liegt - und niemand, der zu Christus steht, darf ein so bedeutsames Anliegen geringschätzen - flehentliche Gebete an Gott; den Urheber von Ordnung, Einheit und Schönheit richten, damit das lobenswerte Sehnen aller Guten in nicht zu ferner Zeit verwirklicht werde. Den Weg zu diesem Ziel ebnet zweifellos ein ruhigeres, rein sachliches Forschen, das, mehr als in früherer Zeit, die Geschehnisse des Altertums zu überprüfen und zu beurteilen pflegt.

EINHEITLICHER ZUSAMMENSCHLUSS GEGEN DIE FEINDE GOTTES UND CHRISTI

41 Aber noch ein weiterer Beweggrund verlangt dringend, dass die Scharen der Christen sich sobald als möglich unter einem Banner zum Kampf zusammenschließen gegen die stürmischen Angriffe des höllischen Feindes. Wen erschreckt nicht die Erbitterung und Wut, mit der die Gotteshasser in vielen Weltgegenden alles, was göttlich und christlich ist, zu vernichten drohen oder auszurotten streben? Dieser geschlossenen Kampffront gegenüber dürfen alle jene nicht länger getrennt und versprengt bleiben, die, mit dem heiligen Taufcharakter gezeichnet, pflichtmäßig berufen sind, den guten Kampf Christi zu kämpfen.

GEMEINSCHAFT IN MARTER UND BLUT

42 Die Kerkerbande, die Qualen, die Martern, das Wehklagen, das Blut jener, die - ob bekannt oder unbekannt -, eine ungezählte Schar, vor kurzem, ja auch heute noch wegen ihrer Standhaftigkeit in der Tugend und wegen ihres Bekenntnisses des christlichen Glaubens gelitten haben und noch leiden: das drängt alle mit täglich lauterem Ruf zum Anschluss an diese heilige Einheit der Kirche.

43 Die Hoffnung auf die Heimkehr der seit langem von diesem Apostolischen Stuhle getrennten Brüder und Söhne ist gewachsen durch das immer drückendere und mit Märtyrerblut bespritzte Kreuz so vieler anderer Brüder und Söhne: niemand hindere oder übersehe das Heilswerk Gottes! Zu den Früchten und Freuden dieser Heimkehr rufen und laden Wir mit väterlicher Mahnung auch jene, die den nestorianischen und monophysitischen Irrtümern anhängen. Sie mögen überzeugt sein, dass Wir es als eine leuchtende Perle in der Krone Unseres apostolischen Amtes betrachten, wenn es Uns vergönnt sein sollte, denen Liebe und Ehre zu erweisen, die Uns um so teurer sind, je mehr ihr langes Fernsein in Uns die Sehnsucht nach ihnen gesteigert hat.

44 Endlich ist es Unser Wunsch, dass alle zu einem felsenfesten Glauben an Christus, unseren Erlöser und König, gedrängt werden, wenn durch Euer eifriges Bemühen, Ehrwürdige Brüder, das Gedächtnis der heiligen Synode von Chalzedon gefeiert wird. Niemand darf, durch philosophische Trugschlüsse verführt und durch die Unbestimmtheit der menschlichen Rede getäuscht, das zu Chalzedon verkündigte Dogma durch Zweifel erschüttern oder durch unangebrachte Neuerung verfälschen, dass nämlich in Christus zwei wahre und vollständige Naturen sind, die göttliche und die menschliche, beide vereint, nicht vermengt und in der einen Person des Wortes subsistierend. Eng vielmehr mit dem Urheber unseres Heils verbunden, der da ist «der Weg heiligen Wandels, die Wahrheit göttlicher Lehre und das Leben ewiger Seligkeit»,[42] sollen alle in Ihm ihre erlöste Natur lieben, ihre wiedergewonnene Freiheit achten und, die Torheit einer vergreisten Welt abschüttelnd, in voller Freude zur Weisheit der geistlichen Kindheit übergehen, die kein Altern kennt,

Schluss

45 Diese glühenden Wünsche möge entgegennehmen der Eine und Dreieinige Gott, dessen Natur Güte, dessen Wille Macht ist, auf die Fürbitte der jungfräulichen Gottesgebärerin Maria, der heiligen Apostel Petrus und Paulus, der Jungfrau und siegreichen Martyrin Euphemia von Chalzedon. Ihr aber, Ehrwürdige Brüder, vereinigt in dieser Meinung Eure Gebete mit den Unsrigen und traget Sorge, dass Unser Schreiben an Euch möglichst vielen zur Kenntnis komme. Dafür danken Wir Euch schon jetzt und erteilen Euch und allen Priestern und Gläubigen, für deren geistliches Wohlergehen Ihr wachsam Sorge traget, von Herzen den Apostolischen Segen; er helfe Euch, dass Ihr das nicht schwere und nicht harte Joch Christi, des Königs, freudiger auf Euch nehmet und Dem mehr und mehr an Demut ähnlich werdet, dessen Glorie Ihr teilhaft zu werden verlangt.

Gegeben zu Rom, bei St. Peter,

am 8. September, dem Fest Mariä Geburt, im Jahre 1951,

dem 13. Unseres Pontifikates.
Pius XII. PP.

Anmerkungen

  1. Mt 16,16 EU.
  2. Vgl. Röm 1,16 EU.
  3. Registrum Epistularum, I, 25 (al. 24): PL 77, 478; ed. Ewald, 1. 36.
  4. Leo M. ad Flavianum (Ep. 28, 1: PL 54, 755 s.).
  5. Flavianum ad Leonem M. (Ep. 26: PL 54, 745).
  6. S. Leonis M. Ep. 28. 5 (PL 54, 777).
  7. Schwartz, Acta Conciliorum Oecumenicorum. II, vol. II. pars prior, p. 78.
  8. Theodoretus ad Leonem M. (Ep. 52, 1.5. 6: PL 54, 847 et 851; cfr. PG 83. 1311 s. et 1315 s.).
  9. Mansi, Conciliorum amplissima collectio, VI, 1047 (Act. III); Schwartz, II, vol. I. pars altera, p. 29 [225] (Act. II).
  10. Synodus Chalcedonensis ad Leonern M. (Ep. 98, 1: PL, 54, 951; Mansi, VI. 147).
  11. Anatolius ad Leonern M. (Ep. 132, 4: PL, 54, 1084; Mansi, VI, 278 s.).
  12. Mansi, VII, 10.
  13. Schwartz, II, vol. I, pars altera, p. 81 [277] (Act.. III); Mansi, VI, 971 (Act. II).
  14. S. Leonis M. Ep. 28, 6 (PL 54, 777).
  15. Ebd.
  16. Ep. 28, 5: PL, 54, 771. vgI. Augustinus, Contra sermonem Arianorum c. S (PT, 42, 688).
  17. Ep. 28, 3: PL, 54, 763. VgI. S. Leonis M. Serm. 21, 2 (PG 54, 192).
  18. Ep. 28, 3: PL 54, 765; vgl. Serm. 23, 2 (PL 54, 201).
  19. Ep. 28, 3: PL 54, 767.
  20. Ebd.
  21. Mansi, VII, 114 et 115.
  22. So NERSES IV (+1173) in seinem Libellus confessionis fidei, den er an Alexius, den Oberbefehlshaber des byzantinischen Heeres, gerichtet hat (I, Cappeletti, S. Narsetis Claiensis, Armenorum Catholici, opera, I, Veneriis, 1833, pp. 182-183).
  23. Ps 132,1 EU.
  24. VgI. Jes 54,11 EU.
  25. Vgl. Eph 2,20 EU.
  26. Phil 2,7 EU.
  27. Ep. 28, 3: PI, 54, 703, Cfr. Serm. 23, 2 (PL 54, 201).
  28. Ep. 152 (PL 54, 1123).
  29. Joh 1,14 EU.
  30. Phil 2,6-8 EU.
  31. Gal 4,4 EU.
  32. Joh 10,10 EU.
  33. Joh 16,28 EU.
  34. Joh 6,38 EU.
  35. Eph 4,10 EU.
  36. S. THOMAS, Comm. in Ep. ad Ephesios, c. IV, lect. III, circa finem.
  37. S. Leonis M. Serm. 30, 6 (PG, 54, 233 s.).
  38. Vgl. Hld 2,11s EU.
  39. VgI. Jer 29,11 EU.
  40. Joh 17,21 EU.
  41. Vgl. Mk 11,23 EU.
  42. S. Leonis M. Serm 72, 1 (PL, 54 390).

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