Officio sanctissimo (Wortlaut)

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Enzyklika
Officio sanctissimo

unsers Heiligen Vaters
Leo XIII.
durch göttliche Vorsehung Papst
an die Erzbischöfe und Bischöfe Bayerns
22. Dezember 1887

(Offizieller lateinischer Text: ASS XX [1887] 257-271)

(Quelle: Die katholische Sozialdoktrin in ihrer geschichtlichen Entfaltung, Hsgr. Arthur Fridolin Utz+ Birgitta Gräfin von Galen, XXV 12-27, Scientia humana Institut Aachen 1976, (Imprimatur Friburgi Helv., die 2. decembris 1975 Th. Perroud, V.G.; Die Nummerierung folgt der englischen Fassung.)

Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


Ehrwürdige Brüder,
Gruß und apostolischen Segen!

Die Sorge des Papstes angesichts der religiösen Situation in Bayern

1 Durch die hohe Pflicht Unseres Apostolischen Amtes bewogen, haben Wir Uns, wie Ihr wisst, seit langem darum bemüht, die Lage der Katholischen Kirche in Preussen zu verbessern, damit diese die ihrer Würde entsprechende Stellung wiedererlange und ihre ehemalige Blüte nach und nach wiedergewinne. Diese Unsere Absichten und Bemühungen hatten unter Gottes Eingebung und Beistand einen glücklichen Erfolg, sodass Wir die früheren Klagen beschwichtigen konnten und die Hoffnung hegen, dass die dortigen Katholiken volle Freiheit und Ruhe genießen werden. - Nunmehr beabsichtigen Wir, mit besonderer Liebe Unsere Gedanken und Sorgen auf Bayern zu richten. Nicht weil Wir meinen, die Lage der Kirche in Bayern sei die gleiche, wie sie es in Preussen war, sondern weil Wir wünschen, es möchten auch in diesem Königreich, das sich seit Urväter Zeiten des katholischen Bekenntnisses rühmt, alle jene Missstände, die die Freiheit der Kirche behindern, in angemessener Weise behoben werden. - Damit dieses segensreiche Vorhaben sich verwirkliche, wollen Wir alle Wege prüfen, die Uns noch offen stehen, sowie Unsere ganze Autorität und alle Mühen ohne Zögern dafür einsetzen. Daher wenden Wir Uns an Euch, Ehrwürdige Brüder, und durch Eure Vermittlung an alle Unsere geliebten Söhne in Bayern, damit Wir Euch, was immer zur Pflege und Förderung der Sache der Religion in Eurem Volk zweckdienlich scheint, mitteilen und anraten oder Uns selbst vertrauensvoll an die Staatsregierung wenden können.

Die Geschichte der Katholischen Kirche in Bayern, ihre gegenwärtigen Schwierigkeiten

2 Die Kirchengeschichte Bayerns - Wir wiederholen Dinge, die Euch nicht unbekannt sind - berichtet von Ereignissen, die für die Kirche wie für den Staat Grund zur Freude sind. Denn seit die göttliche Saat des christlichen Glaubens durch den Eifer des hl. Abtes Severin, des Apostels von Noricum, und anderer Sendboten des Evangeliums in Eurem Land ausgestreut war, schlug sie so tiefe und so feste Wurzeln, dass er später weder durch den unmenschlichen Aberglauben noch durch die politischen Wirren und Umwälzungen gänzlich ausgerottet wurde. So kam es, dass der hl. Rupert, der Bischof von Worms, als er gegen Ende des siebten Jahrhunderts auf Einladung des Bayernherzogs Theodo daranging, den Glauben in diesen Ländern wieder zu beleben und weiter auszubreiten, inmitten des tiefsten Heidenturns noch sehr viele Menschen vorfand, die den christlichen Glauben bekannten oder danach verlangten. Dieser hervorragende Fürst Theodo unternahm, von seinem Glaubenseifer angetrieben, eine Reise nach Rom, um den Gräbern der hl. Apostel und dem Stellvertreter Jesu Christi seine Verehrung zu beweisen; er gab damit zugleich als erster ein Beispiel der Frömmigkeit der Bayern und ihrer Ergebenheit gegenüber dem Apostolischen Stuhl, das späterhin andere hervorragende Fürsten gewissenhaft nachgeahmt haben. Zur gleichen Zeit wurde Kardinal Martinianus, Bischof von Sabina, zusammen mit seinen Gefährten Georgius und Dorotheus, beide Kardinäle der Römischen Kirche, vom hl. Papst Gregor II. nach Bayern entsandt, um das kirchliche Leben zu festigen und zu fördern. Nicht sehr viel später ist Korbinian, der durch die Heiligkeit seines Lebens und seine Selbstverleugnung berühmte Bischof von Freising, der das apostolische Werk des hl. Rupert mit dem gleichen Eifer wie dieser fortgesetzt und erweitert hat, zum Papst nach Rom gereist.

3 Das höchste Lob für die Verbreitung und Förderung des Glaubens in Bayern gebührt aber vor allem dem hl. Bonifatius, dem Erzbischof von Mainz, der zu Recht den unsterblichen Ruhm genießt, der Vater, Apostel und Märtyrer des christlichen Deutschland zu sein. Er reiste im Auftrag der Päpste Gregor II. und Gregor III. und Zacharias, deren Vertrauen er stets in höchstem Maße besessen hat; in ihrem Namen und mit ihrer Autorität hat er Bayern in Diözesen aufgeteilt und die kirchliche Hierarchie darin errichtet und so dem bereits dort verbreiteten Glauben Dauer verliehen. "Den Acker des Herrn", schrieb der hl. Gregor II. an Bonifatius, "der brachgelegen hatte und die Dornen des Unglaubens trug, hast du mit der Pflugschar deiner Lehre gepflügt, sodass er die Saat des Wortes aufgenommen und eine reiche Ernte des Glaubens hervorgebracht hat" <ref>Ep. XIII, ad Bonifacium. VgI. Labbe, Collect. Conc., vol. VIII. </ref>. Seit jener Zeit ist die Religion der Bayern, wenngleich im Verlauf der Zeiten hart bedrängt, in allen Wechselfällen im staatlichen Bereich ungeschwächt und unerschüttert geblieben. Es folgten nämlich die heftigen, langen und erbitterten Intrigen und Kämpfe des Kaisertums gegen das Papsttum, auch hierbei hat Bayern der Kirche mehr Anlass zur Freude als zur Trauer gegeben. Es stand nämlich entschlossen aufseiten des rechtmäßigen Papstes Gregor XI., und weder die entfesselte Wut der Gegenpartei noch ihre Drohungen konnten es abtrünnig machen. Auch hat es sich, was noch viel schwieriger war, lange Zeit später von den heftigen Angriffen der Neuerer nicht schrecken lassen und die Reinheit des Glaubens und die treue Verbundenheit mit der Römischen Kirche bewahrt. Diese Seelenstärke und Festigkeit eurer Väter ist umso lobenswerter, als fast alle angrenzenden Völker der neuen Glaubensrichtung elendiglich erlagen. Auf die Bayern jener traurigen Zeit lassen sich mit Recht die Worte Gregors II. über die vom hl. Bonifatius in der christlichen Weisheit unterwiesenen Thüringer anwenden; in einem Brief an die Großen dieses Landes hatte er ihnen schon lange vorher dieses wohlverdiente Lob gespendet: "Von übergroßer Freude wurden Wir erfüllt, als Wir erfuhren, mit welch staunenswerter Standhaftigkeit ihr dem Glauben an Christus treu geblieben seid, als die Heiden euch zwingen wollten, die Götzen zu verehren, und ihr voll heiligen Glaubens geantwortet habt, dass ihr lieber selig sterben als von dem einmal angenommenen Glauben an Christus auch nur im geringsten abweichen wolltet; Wir haben unserem Gott und Erlöser, dem Spender aller guten Gaben, den geschuldeten Dank gesagt und wünschen, dass ihr mit seiner Gnade zu immer Besserem fortschreitet und zu Festigung eures Glaubensentschlusses dem hl. Apostolischen Stuhl in frommer Gesinnung anhängt und, soweit es das Wohl der heiligen Religion erfordert, bei dem genannten Apostolischen Stuhl, der geistigen Mutter aller Gläubigen, Trost sucht, wie es für Söhne und Miterben des Reiches des königlichen Vaters angemessen ist" <ref>Ep. V, ad optimates Thuringiae. VgI. Labbe, ebda. </ref>.

4 Wenngleich nun die Gnade des barmherzigen Gottes, die Euer Volk in der Vergangenheit behütet und bewahrt hat, für die kommende Zeit das Beste erhoffen lässt, müssen wir doch, jeder gemäß seiner jeweiligen Pflicht, alles tun, was am meisten geeignet ist, Schäden, die die Religion etwa erlitten hat, zu heilen und noch drohende abzuwenden, auf dass die christliche Lehre und die heiligen Sittengesetze tagtäglich mehr Menschen erreichen und weithin erfreuliche Resultate zeitigen mögen. Wir sagen dies nicht, weil etwa die katholische Sache bei Euch keine mächtigen und mutigen Verteidiger besäße; denn Wir wissen zur Genüge, Ehrwürdige Brüder, dass ihr mit dem weitaus größten und besten Teil der Geistlichen wie der Laien den Kämpfen und Gefahren, von denen Eure Kirche umringt und bedrängt ist, nicht kalt und teilnahmslos gegenübersteht. Wie Unser Vorgänger Pius IX. unter sehr ähnlichen Verhältnissen den Bischöfen von Bayern in einem sehr liebevollen Schreiben <ref>Brief "Nihil Nobis gratius", 20. Februar 1851. </ref> wegen ihres hervorragenden Eifers bei der Wahrung der kirchlichen Interessen höchstes Lob gespendet hat, so sprechen auch Wir von Herzen und freimütig jedem einzelnen Unsere Anerkennung aus für alles, was er zur Verteidigung der von den Vätern überkommenen Religion unternommen und mutig durchgeführt hat. Aber da Gott in seiner Vorsehung es in diesen Zeiten zugelassen hat, dass die Kirche von heftigen Angriffen erschüttert wird, so verlangt er zu Recht von uns, dass wir um so bereitwilliger mit all unserem Mut und all unseren Kräften ihr zu Hilfe kommen. Ihr aber, Ehrwürdige Brüder, seht wie Wir voller Schmerz, was für harte und schwere Zeiten über die Kirche hereingebrochen sind; Ihr wisst am besten, wie die Dinge bei Euch stehen und mit welchen Schwierigkeiten Ihr zu kämpfen habt. Daher wisst Ihr aus Erfahrung, dass Eure Amtspflicht in der Gegenwart sich erweitert hat und mehr als früher Wachsamkeit und Tatkraft, Festigkeit und christliche Klugheit von Euch fordert.

Sorgen um die wissenschaftliche und religiöse Bildung des Klerus

5 Als erstes erinnern Wir Euch daran und ermahnen Euch, Euren Klerus in allem auszubilden und mit allem auszustatten, was er braucht. - Der Klerus, dessen Amt und Funktion es mit sich bringt, dass er unter der Leitung der Bischöfe fast ständig mit dem christlichen Volk zusammenarbeitet, gereicht wie eine Armee auch dem Staat zum Ruhm und zum Schutz, je größer seine Zahl und je hervorragender seine Disziplin ist. Daher war es von jeher die besondere Sorge der Kirche, Jugendliche für das Priesteramt auszuwählen und heranzubilden, "deren Anlagen und Neigungen hoffen lassen, dass sie sich für immer dem kirchlichen Dienst widmen werden" <ref>Conc. Trid., Sess. XXIII, De reform. XVIII. </ref> und "dass die Jugend vom zarten Alter an ... in der Frömmigkeit und im Glauben gebildet wird, ehe noch lasterhafte Gewohnheiten über den ganzen Menschen Herr geworden sind" <ref>A. a. O. </ref>; sie hat für diese eigene Häuser und Schulen gegründet und, besonders im Hl. Konzil von Trient <ref>A. a. O. </ref>, weise Regeln dafür aufgestellt, "damit eine solche Anstalt eine ständige Pflanzstätte für die Diener Gottes sei" <ref>A. a. O. </ref>. Manchenorts wurden jedoch Gesetze erlassen und durchgeführt, die, wenn sie es auch nicht verhindern können, so doch erschweren, dass der Ordens- wie der Weltklerus nach seinem eigenen Willen gebildet und nach seinem eigenen Gesetz unterrichtet wird. In dieser äußerst wichtigen Sache haben Wir, wie schon früher, so auch jetzt es für angebracht gehalten, offen Unsere Meinung auszusprechen und mit allen Uns zur Verfügung stehenden Mitteln das Recht der Kirche heilig und unverletzt zu bewahren. Da die Kirche eine in ihrer Art vollkommene Gesellschaft ist, hat sie das natürliche Recht, ihre Scharen zu sammeln und anzuleiten, die niemandem schaden, aber vielen helfen in dem Friedensreich, das Jesus Christus zum Heil der Menschen auf Erden gegründet hat.

6 Der Klerus wird das ihm anvertraute Amt voll und ganz erfüllen, wenn er unter der Aufsicht der Bischöfe in den Seminarien jene Bildung des Geistes und Herzens empfangen hat, wie es die Würde des christlichen Priestertums und die Zeit- und Lebensverhältnisse fordern; er soll sich nämlich durch seine Gelehrsamkeit hervortun, vor allem aber durch seine Tugend, damit ihm die Menschen Wohlwollen und Ehrerbietung entgegenbringen.

Im Kampf gegen den modernen Rationalismus geht es vor allem um die Religion

7 Das wunderbare Licht der christlichen Weisheit muss vor aller Augen aufleuchten, um die Finsternis der Unwissenheit, die die größte Feindin der Religion ist, zu vertreiben, damit die Wahrheit sich überall ausbreiten und segensreich herrschen kann. - Auch müssen die vielen Irrtümer zurückgewiesen und widerlegt werden, die aus Unwissenheit, Unredlichkeit oder Vorurteilen entstanden sind, den Geist der Menschen zu Unrecht von der katholischen Wahrheit abbringen und ihm einen Widerwillen gegen sie einflößen. Diese sehr große Aufgabe, "in der gesunden Lehre zu unterweisen und die Gegner zu widerlegen" <ref>{{#ifeq: Brief des Paulus an Titus | Officio sanctissimo (Wortlaut) |{{#if: Tit|Tit|Brief des Paulus an Titus}}|{{#if: Tit |Tit|Brief des Paulus an Titus}}}} 1{{#if:9|,9}} EU | BHS =bibelwissenschaft.de">EU | #default =bibleserver.com">EU }} </ref>, kommt den Priestern zu, die sie rechtmäßig von Christus dem Herrn empfangen haben, der sie mit göttlicher Autorität aussandte, alle Völker zu lehren: "Geht hin in alle Welt und predigt das Evangelium allen Geschöpfen" <ref>{{#ifeq: Evangelium nach Markus | Officio sanctissimo (Wortlaut) |{{#if: Mk|Mk|Evangelium nach Markus}}|{{#if: Mk |Mk|Evangelium nach Markus}}}} 16{{#if:15|,15}} EU | BHS =bibelwissenschaft.de">EU | #default =bibleserver.com">EU }} </ref>; daher sind die Bischöfe, die anstelle der Apostel gewählt wurden, eindeutig die Lehrer in der Kirche Gottes und die Priester ihre Gehilfen. - Diese heiligste Aufgabe wurde, wenn überhaupt jemals, in den ersten Jahrhunderten unserer heiligen Religion und den darauffolgenden voll und ganz erfüllt, in jenen langwierigen, harten Kämpfen gegen die Tyrannei des heidnischen Aberglaubens; dabei hat die Schar der Priester sich großen Ruhm erworben, noch größeren aber der Chor der Kirchenväter und Kirchenlehrer, deren Weisheit und Beredsamkeit für alle Zeiten Gegenstand der Bewunderung war. Sie haben nämlich die christliche Lehre erörtert, ausführlich erläutert, kämpferisch verteidigt, sodass ihre einzigartige göttliche Wahrheit desto einleuchtender hervortrat; dagegen erschien die Lehre der Heiden auch den Ungebildeten widerlegt und verächtlich, zusammenhanglos höchst absurd und ungereimt. Umsonst versuchten die Gegner, den Siegeslauf der christlichen Lehre zu verzögern und aufzuhalten; umsonst stellten sie ihr die griechischen Philosophenschulen, vor allem die platonische und die aristotelische, mit großartigem Wortgepränge entgegen. Auch Kämpfen dieser Art wichen die Unsrigen nicht aus; sie studierten vielmehr mit Scharfsinn und Gründlichkeit die heidnischen Philosophen; was jeder einzelne gelehrt hatte, wurde mit unglaublicher Genauigkeit erforscht, jedes Detail wurde in Betracht gezogen, erwogen und verglichen; vieles wurde von ihnen zurückgewiesen oder verbessert, nicht weniges aber zu Recht approbiert und angenommen. Denn sie hatten klar erkannt und es auch ausgesprochen, dass nur das der christlichen Lehre widerspricht, was schon der menschlichen Vernunft und Einsicht falsch erscheint, sodass, wer der christlichen Lehre widerstehen und widersprechen will, notwendigerweise seiner eigenen Vernunft widerstehen und widersprechen muss. Derartige Kämpfe haben unsere Väter geführt und siegreich bestanden, nicht nur in der Kraft und mit den Waffen des Glaubens, sondern auch mit Hilfe der menschlichen Vernunft, die, da ihr die himmlische Weisheit voran leuchtet, aus der Unwissenheit über viele Dinge und gleichsam aus einem Wald von Irrtümern sicher auf den Weg der Wahrheit geführt wurde. - Diese wunderbare Übereinstimmung und Harmonie von Glaube und Vernunft wurde in vielen gründlichen Studien dargelegt, doch zu einem überschaubaren Lehrgebäude zusammengefügt haben sie vor allem der hl. Augustinus in seinem Werk "De Civitate Dei" und der hl. Thomas von Aquin in seinen beiden "Summen". In diesen Werken ist in der Tat alles enthalten, was die Philosophen scharfsinnig erdacht und diskutiert haben, sodass man aus ihnen auch die Grundprinzipien und Quellen für jene erhabene Wissenschaft, die christliche Theologie genannt wird, entnehmen kann. - An so ausgezeichnete Vorbilder soll der Klerus unserer Tage sich erinnern und sie stets vor Augen haben, wenn von gegnerischer Seite immer wieder die alten Waffen geschärft und fast genau die gleichen alten Kämpfe wiederholt werden. Doch widerstrebten die Heiden einst der christlichen Lehre, weil sie von ihren überkommenen falschen Kulten und Bräuchen nicht lassen wollten; heutzutage geht das verruchte Streben gottloser Menschen dahin, aus den christlichen Völkern die so notwendigen göttlichen Lehren, die sie zusammen mit dem heiligen Glauben empfangen haben, mit der Wurzel auszurotten und sie noch unglücklicher als die Heiden zu machen, indem sie ihnen jeden Glauben und jede Religion verächtlich machen und zerstören. Diese unreine, nicht genug zu verabscheuende Pest nahm ihren Anfang mit jenen, die einem jeden Menschen das natürliche Recht zusprachen, über die gottgegebene Lehre nach dem Ermessen seiner eigenen Vernunft zu urteilen und zu entscheiden, ohne Rücksicht auf die Kirche und den Römischen Papst, denen allein es nach Gottes Anordnung und gnädiger Fügung zusteht, diese Lehre zu bewahren und weiterzugeben und irrtumsfrei über sie zu urteilen. Danach stand der Weg in den Abgrund offen; denn nun konnten sie alles leugnen und verwerfen, was die Natur der Dinge und die Fassungskraft des Menschen übersteigt; so leugneten sie schamlos, dass es eine von Gott stammende Autorität gibt, ja sogar, dass Gott überhaupt existiert; später verfielen sie den Lügen eines abgeschmackten Idealismus und des allerniedrigsten Materialismus. Diesen Verfall der höchsten Werte wagen die so genannten Rationalisten und Naturalisten, in lügnerischer Weise Fortschritt der Wissenschaft, Fortschritt der menschlichen Gesellschaft zu nennen, obwohl er doch für beide nur Verderben und Untergang bedeutet.

Die Bedeutung der Lehre des heiligen Thomas für die Ausbildung der Priester

8 Daraus erkennt Ihr, Ehrwürdige Brüder, welche Mittel und Wege bei der Ausbildung der Alumnen in den höheren Wissenschaften angeraten scheinen, damit sie gemäß den Bedürfnissen der Zeit nutzbringend ihre Aufgaben erfüllen können. Nach erfolgreichem Abschluss der humanistischen Studien sollen sie nicht sogleich zum Theologiestudium zugelassen werden, sondern sich zuerst durch eine gründliche Ausbildung in Philosophie darauf vorbereiten. - Unter Philosophie verstehen Wir jene Wissenschaft, die die letzten und tiefsten Gründe erforscht und Hüterin der Wahrheit ist. Von ihr gestärkt sollen sie nicht mehr schwanken und sich fortreißen lassen "durch jeden Windhauch irgendeiner Lehre, durch der Menschen Trugspiel und durch die verführerischen Künste der Irrlehrer" <ref>{{#ifeq: Brief des Apostels Paulus an die Epheser | Officio sanctissimo (Wortlaut) |{{#if: Eph|Eph|Brief des Apostels Paulus an die Epheser}}|{{#if: Eph |Eph|Brief des Apostels Paulus an die Epheser}}}} 4{{#if:14|,14}} EU | BHS =bibelwissenschaft.de">EU | #default =bibleserver.com">EU }} </ref>; und sie sollen auch den übrigen Wissenschaften den Weg zur Wahrheit weisen, indem sie die Trugschlüsse und Scheingründe irriger Meinungen diskutieren und widerlegen. Zu diesem Zweck sollen, wie Wir schon seit langem und wiederholt nachdrücklich empfohlen haben, die Werke des großen Aquinaten in aller Händen sein und unermüdlich in geeigneter Weise erklärt werden; und Wir sind von großer Freude erfüllt, weil der Klerus hieraus schon die besten Früchte geerntet hat, und Wir hoffen zuversichtlich, dass er noch bessere und reichlichere ernten wird. Denn die Doktrin des Doctor Angelicus ist in wunderbarer Weise geeignet, den Geist zu bilden; in wunderbarer Weise verleiht sie die Fähigkeit zu kommentieren, zu philosophieren, deutlich und überzeugend darzulegen, da er klar und deutlich beweist, dass alle Dinge in ununterbrochener Reihenfolge voneinander abhängen, untereinander verbunden sind und zusammenhängen und dass alle sich von obersten Prinzipien herleiten; so führt sie zur Betrachtung Gottes, der die schöpferische Ursache aller Dinge, ihre Kraft und ihr höchstes Urbild ist, auf den daher alle Philosophie und der Mensch, so groß er auch sein mag, bezogen sein muss. So hat Thomas in Wahrheit die Wissenschaft aller göttlichen und menschlichen Dinge und die Ursachen, die sie enthalten, aufs deutlichste erklärt und fest begründet. Gegen diese Lehre haben die alten Irrlehren umsonst angekämpft und auch die neueren, die mehr dem Namen und dem äußeren Anschein als der Sache nach von ihnen verschieden sind, gingen, kaum dass sie das Haupt erhoben hatten, unter ihren Schlägen zugrunde, wie es nicht wenige unserer Schriftsteller gezeigt haben. Der menschliche Geist will frei und ungehemmt das innere und geheime Wesen der Dinge ergründen; er kann gar nicht es nicht wollen; unter der Führung und Leitung des Aquinaten wird ihm dies leichter und freier gelingen, weil er sicher geht, dass er nicht Gefahr läuft, die Grenzen der Wahrheit zu verlassen. Denn nicht jene Freiheit kann mit Recht so genannt werden, die nach Willkür und Laune Meinungen verfolgt und verbreitet, denn sie ist in Wahrheit nur eine Zügellosigkeit, die zu nichts führt, eine lügnerische und trügerische so genannte Wissenschaft, eine Schande und Knechtschaft für den Geist. Jener höchst weise Lehrer aber bleibt immer in den Grenzen der Wahrheit; er kämpft nicht gegen Gott, den Ursprung und das oberste Prinzip aller Wahrheit; er folgt ihm vielmehr in vollkommenem Gehorsam, auf welche Weise er auch seine Geheimnisse offenbart; nicht weniger gewissenhaft folgt er den Weisungen des Römischen Papstes, er verehrt in ihm die göttliche Autorität und "hält den Gehorsam gegenüber dem Römischen Papst für absolut heilsnotwendig" <ref>Opusc. Contra errores Graecorum. </ref>. - In seiner Schule also soll der Klerus heranwachsen und sich in Philosophie und Theologie bilden; dann wird er wahrhaft gelehrt und in höchstem Maße fähig für den heiligen Kampf sein.

Der Priester als Vorbild christlichen Lebens für die Gläubigen

9 Wie groß aber der Nutzen sein wird, wenn die Lehre wie ein Licht, das der Klerus über alle Schichten des christlichen Volkes ausstrahlt, von einem von der Tugend getragenen Leuchter ausgeht, kann kaum gesagt werden. - Für die Einhaltung der Gebote, die die Sitten der Menschen verbessern sollen, ist das Beispiel der Lehrer fast wichtiger als ihr Wort; niemand wird einem andern in irgendeiner Sache leicht Vertrauen schenken, dessen Worte und Befehle nicht mit seinen Taten übereinstimmen. Wir wollen Augen und Gedanken auf Jesus Christus den Herrn richten; er, der die "Wahrheit" ist, lehrte uns, woran wir glauben müssen; er, der das "Leben" und der "Weg" ist, stellte sich selbst uns als das vollendetste Vorbild hin, nach dem wir unser Leben in Gerechtigkeit führen und das höchste Gut voll Eifer erstreben sollen. Er selbst wollte, dass seine Jünger so belehrt und vervollkommnet würden, "dass euer Licht, d. h. die Lehre, so vor den Menschen leuchtet, dass sie eure guten Werke sehen, ebenso wie sie die Verkündigung der Lehre hören, und euren Vater preisen, der im Himmel ist" <ref>{{#ifeq: Evangelium nach Matthäus | Officio sanctissimo (Wortlaut) |{{#if: Mt|Mt|Evangelium nach Matthäus}}|{{#if: Mt |Mt|Evangelium nach Matthäus}}}} 5{{#if:16|,16}} EU | BHS =bibelwissenschaft.de">EU | #default =bibleserver.com">EU }} </ref>; so hat er die Lehre und die sittliche Vollkommenheit des Evangeliums in eins zusammengefasst und ihnen befohlen, es so zu verbreiten. - Dies sind nämlich die göttlichen Gebote, nach denen das Leben der Priester gestaltet und geführt sein muss. Vor allem müssen sie in tiefster Seele davon überzeugt sein, dass sie mit der Welt nichts mehr gemein haben, sondern nach dem göttlichen Ratschluss Auserwählte sind, die, wenngleich sie in der WeIt stehen und wirken, doch wie Christus der Herr leben sollen. Wenn sie wirklich aus ihm und in ihm leben, werden sie weniger "das Ihrige suchen, sondern sich ganz für die Sache Jesu Christi einsetzen" <ref>{{#ifeq: Brief des Paulus an die Philipper | Officio sanctissimo (Wortlaut) |{{#if: Phil|Phil|Brief des Paulus an die Philipper}}|{{#if: Phil |Phil|Brief des Paulus an die Philipper}}}} 2{{#if:21|,21}} EU | BHS =bibelwissenschaft.de">EU | #default =bibleserver.com">EU }} </ref>, sie werden nicht den eitlen Dank der Menschen suchen, sondern Gottes wahrhaftige Gnade erwarten. Sie werden sich fernhalten von den hinfälligen, vergänglichen Dingen und sie verabscheuen und eifrig einen Schatz an himmlischen Gütern erwerben, von denen sie großmütig und bereitwillig anderen mitteilen, wie es die heilige Liebe verlangt. Niemals aber werden sie es wagen, dem Urteil und den Entscheidungen ihrer Bischöfe ihre eigene Meinung entgegenzustellen oder vorzuziehen, sondern in Gehorsam und Ergebenheit gegen die Repräsentanten Christi werden sie erfolgreich im Weingarten des Herrn arbeiten und eine Fülle köstlichster Früchte für das ewige Leben ernten. Wer sich aber von seinem Oberhirten oder vom obersten aller Hirten, dem Römischen Papst, mit Wissen und Willen lossagt, kann in keiner Weise mit Christus verbunden bleiben: "Wer euch hört, der hört mich; wer euch verachtet, der verachtet mich" <ref>{{#ifeq: Evangelium nach Lukas | Officio sanctissimo (Wortlaut) |{{#if: Lk|Lk|Evangelium nach Lukas}}|{{#if: Lk |Lk|Evangelium nach Lukas}}}} 10{{#if:16|,16}} EU | BHS =bibelwissenschaft.de">EU | #default =bibleserver.com">EU }} </ref>. Wer aber nicht mit Christus verbunden ist, der zerstreut mehr, als dass er sammelt. - Daraus ergibt sich übrigens auch die Art des Gehorsams, die jenen Menschen geschuldet ist, die die öffentliche Gewalt innehaben.

Weit entfernt, die ihnen gebührenden Rechte zu verkennen oder zu verweigern, müssen alle Bürger sie vielmehr gewissenhaft achten, am gewissenhafttesten aber die Priester: "Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist" <ref>{{#ifeq: Evangelium nach Matthäus | Officio sanctissimo (Wortlaut) |{{#if: Mt|Mt|Evangelium nach Matthäus}}|{{#if: Mt |Mt|Evangelium nach Matthäus}}}} 22{{#if:21|,21}} EU | BHS =bibelwissenschaft.de">EU | #default =bibleserver.com">EU }} </ref>. Denn es sind die edelsten und ehrenvollsten Ämter, die Gott, der höchste Herr und Lenker, den Fürsten übertragen hat, damit sie weise und vernünftig und unter Wahrung der Gerechtigkeit das Gemeinwesen leiten, schützen und mehren. Die Priester sollen daher ihre Bürgerpflichten nicht aus sklavischer Unterwürfigkeit sondern aus Ehrfurcht, aus Gewissenhaftigkeit und nicht aus Furcht sorgfältig erfüllen; sie sollen den geschuldeten Gehorsam mit ihrer Würde in Einklang bringen und sich wie Bürger und zugleich wie Priester Gottes verhalten. Wenn es aber geschehen sollte, dass die weltliche Gewalt die Rechte Gottes und der Kirche verletzt, dann müssen die Priester das Beispiel geben, wie der Christ in für die Religion gefahrvollen Zeiten zu seiner Pflicht stehen soll. Vieles wird er, ohne sein Gewissen zu verletzen, schweigend ertragen; aber in der Tolerierung von sündhaftem Tun soll er Umsicht bewahren, damit er nicht den Übeltätern in irgendeiner Sache zustimmt oder beipflichtet. Wenn er aber vor die Alternative gestellt wird, die Gebote Gottes zu halten oder die Gunst der Menschen zu erlangen, dann muss er freimütig jenes denkwürdige und so würdevolle Wort des Apostels wiederholen: "Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen" <ref>{{#ifeq: Apostelgeschichte | Officio sanctissimo (Wortlaut) |{{#if: Apg|Apg|Apostelgeschichte}}|{{#if: Apg |Apg|Apostelgeschichte}}}} 5{{#if:29|,29}} EU | BHS =bibelwissenschaft.de">EU | #default =bibleserver.com">EU }} </ref>.

Die Rechte der Kirche in der Erziehungsfrage

10 Wir halten es aber für angebracht, diesem für die Alumnen des Priesterstandes in kurzen Zügen umrissenen Erziehungsplan noch einiges über die Jugend im allgemeinen hinzuzufügen; denn es ist Uns ein großes Anliegen, dass ihre Erziehung rechte und vollständige Geistes- und Herzensbildung bedeute. - Das jugendliche Alter hat die Kirche immer mit mütterlicher Sorge umhegt; zu seinem Schutz hat sie voller Liebe keine Mühen gescheut und zahlreiche Einrichtungen geschaffen; dazu gehören die nicht wenigen Ordensfamilien, die die Jugend in den Künsten und Wissenschaften unterrichten und sie vor allem die christliche Weisheit und Tugend lehren. So konnte in den zarten Seelen schon sehr früh die Ehrfurcht vor Gott Wurzel fassen, aus der sich zugleich das Bewusstsein der Pflichten gegen sich selbst, gegen die anderen und gegen das Vaterland entwickelte und schon frühzeitig zu den schönsten Hoffnungen für die Zukunft Anlass gab. Heute muss die Kirche mit Grund klagen, da sie sieht, wie ihr ihre Kinder im frühesten Alter bereits entrissen und gezwungen werden, in Schulen zu gehen, in denen entweder der Name Gottes überhaupt nicht mehr genannt oder nur Unzureichendes oder Falsches über ihn gelehrt wird, in denen es keinen Damm gegen die Flut der Irrtümer, keinen Glauben an die göttlichen Lehren, keinen Ort für die Wahrheit gibt, wo sie sich selbst verteidigen könnte. Es ist aber ein großes Unrecht, die Autorität der Kirche aus den Schulen zu verbannen, denn ihre Pflicht, die Religion zu lehren, eine Sache, die jeder Mensch zur Erlangung des ewigen Heils braucht, ist ihr von Gott übertragen worden; keiner anderen menschlichen Gesellschaft ist sie gegeben und keine Gesellschaft kann sie für sich selbst in Anspruch nehmen; darum erklärt die Kirche sie für ein ihr eigentümlich zustehendes Recht und beklagt seine Verletzung.

11 Außerdem muss man dafür sorgen und mit allen Mitteln darauf hin wirken, dass die Jugend in den Schulen, die sich dem kirchlichen Einfluss ganz oder teilweise entzogen haben, keiner Gefahr ausgesetzt wird und in ihrem katholischen Glauben und sittlichen Lebenswandel keinen Schaden nimmt. Eifrige Priester und rechtschaffene Laien können hier vieles erreichen, wenn sie sich darum bemühen, dass der Religionsunterricht in diesen Schulen nicht nur nicht abgeschafft wird, sondern den ihm gebührenden Platz bewahrt und durch tüchtige und in der Tugend bewährte Lehrer erteilt wird, und wenn sie andere Institutionen ersinnen und bereitstellen, um der Jugend die Lehre unverfälscht und angemessen vermitteln zu können. Hier können auch die Familienväter, wenn sie sich zusammenschließen und gemeinsam vorgehen, viel erreichen. Daher ist es nötig, sie soviel wie möglich sehr ernst zu ermahnen, sie mögen bedenken, welch große und heilige Pflichten sie vor Gott ihren Kindern gegenüber haben; dass sie ihnen eine Erziehung geben, durch die sie in der Religion unterrichtet, gesittet und gottesfürchtig werden; dass sie diesen leichtgläubigen und vertrauensseligen Kindern großen Schaden zufügen, wenn sie sie der Gefährdung durch nicht vertrauenswürdige Lehrer aussetzen. Die Familienväter sollen wissen, dass diese Pflichten, die sie mit der Geburt ihrer Kinder übernommen haben, der Natur und der Gerechtigkeit nach ebenso viele Rechte einschließen, die sie nicht aufgeben können und die keine Macht der Menschen ihnen nehmen kann, da es frevelhaft wäre, wollte der Mensch die Verpflichtungen lösen, durch die er Gott gegenüber gebunden ist. Die Eltern sollten also bedenken, dass ihnen die schwere Aufgabe obliegt, ihre Kinder zu pflegen; eine noch schwerere haben sie, nämlich die Kinder zu einem höheren und besseren Leben der Seele zu erziehen; wo sie selbst es nicht können, sind sie verpflichtet, dafür zu sorgen, dass andere es an ihrer Stelle tun, sodass der notwendige Religionsunterricht den Kindern durch bewährte Lehrer erteilt wird. Nicht selten gibt es heute schon schöne Beispiele der Frömmigkeit und Freigebigkeit, dass an Orten, wo es nur so genannte neutrale öffentliche Schulen gibt, die Katholiken unter großen Opfern eigene Schulen gegründet haben und mit nicht geringerer Standhaftigkeit unterhalten. Es ist sehr zu wünschen, dass diese hervorragenden und wirklich sicheren Zufluchtsorte für die Jugend dort, wo es die Sachlage und die Ortsverhältnisse verlangen, in immer größerer Zahl gegründet werden.

Der Nutzen der christlichen Erziehung für den Staat

Es soll auch nicht unerwähnt bleiben, dass die christliche Erziehung der Jugend auch für den Staat selbst von Nutzen ist. - Denn zahllose ernste Schäden muss jener Staat befürchten, wo der Unterricht ohne Religion oder, was noch verhängnisvoller ist, im Gegensatz zu ihr erteilt wird. Sobald nämlich jene höchste göttliche Lehre vernachlässigt und verachtet wird, die uns befiehlt, Gottes Autorität zu verehren und, auf sie gestützt, in unerschütterlichem Glauben alle göttlichen Offenbarungen für wahr zu halten, neigt die menschliche Weisheit zu den schlimmsten Irrtümern, vor allem jenen des Naturalismus und Rationalismus. Diese erlauben einem jeden ein eigenes Urteil und eigene Entscheidungen im Denken und vor allem im Handeln, und dadurch kommt es, dass die Autorität der Staatsregierungen ständig geschwächt und angegriffen wird. Denn es wäre aufs höchste erstaunlich, wenn jemand, der einmal die irrige Meinung gefasst hat, in keiner Weise der Herrschaft und Führung Gottes unterworfen zu sein, Befehle von Menschen annehmen und befolgen würde. Wenn einmal die Fundamente, auf denen jede Autorität ruht, zerstört sind, wird jeder Zusammenhalt der menschlichen Gemeinschaft aufgelöst und vernichtet, und dann wird es keinen Staat mehr geben, sondern wird nur noch die rohe Gewalt der Waffen und des Verbrechens alles beherrschen. Kann aber ein Staat ein solch verhängnisvolles Geschick aus eigenen Kräften abwenden? Kann er es, wenn er den Beistand der Kirche zurückweist? Kann er es, wenn er die Kirche bekämpft? - Kein Vernünftiger hat hierüber den geringsten Zweifel. - So muss die Staatsräson selbst dazu raten, den Bischöfen und Priestern den ihnen zustehenden Anteil an der Erziehung und am Unterricht der Jugend zu belassen und darauf hinzuwirken, dass niemand zu dem edlen Amt des Lehrers berufen wird, der der Religion gleichgültig gegenübersteht oder sich offen von der Kirche abgewandt hat. Noch unerträglicher wäre es, wenn Menschen mit einer solchen Gesinnung dazu ausersehen würden, die höchste Wissenschaft, nämlich die Religion, zu lehren.

Warnung vor den Freimaurern und Verhalten gegenüber Andersgläubigen

12 Sodann ist es von höchster Wichtigkeit, Ehrwürdige Brüder, dass Ihr jenen Gefahren entgegentretet, die Eurer Herde vonseiten der Freimaurer drohen. - Wie sehr die Pläne und Machenschaften dieser undurchsichtigen Sekte nichtswürdig und für das Gemeinwesen gefährlich sind, haben Wir bereits andernorts in einer besonderen Enzyklika dargelegt, und Wir haben dort auch die Mittel angegeben, durch die ihre Macht bekämpft und vernichtet werden muss. Wir können aber in der Tat das christliche Volk nicht oft genug warnen, vor dieser verbrecherischen Gesellschaft auf der Hut zu sein. Sie war von Anfang an von Hass gegen die Katholische Kirche erfüllt, den sie ständig genährt und neu entfacht hat, obwohl sie ihre Feindschaft nicht immer offenbart, sondern zumeist insgeheim und hinterhältig vorgeht, vor allem gegenüber der unerfahrenen und hilflosen Jugend, die sie unter dem erheuchelten Anschein der Frömmigkeit und Nächstenliebe umgarnt. - Was aber die Andersgläubigen betrifft, so kennt Ihr genau die Vorschriften der Kirche mit Bezug auf die Vorsicht, die herrschen muss, damit weder der Umgang mit ihnen, noch ihre falschen Meinungen dem christlichen Volk Schaden zufügen. Wir wissen zwar sehr wohl und bedauern es sehr, dass es weder in Unserer noch in Eurer Macht steht, diese Gefahren vollständig zu beseitigen, wie es Unser Wunsch wäre; doch erscheint es Uns nicht unzweckmäßig, Eure Hirtensorge anzueifern und zugleich die Katholiken zu reger Tätigkeit zu ermahnen, damit sie mit vereinten Anstrengungen alle Hindernisse, die der Erfüllung unserer gemeinsamen Wünsche entgegenstehen, beseitigen oder wenigstens vermindern. "Erfüllt euch mit der frommen Unrast des religiösen Eifers", so ermahnen Wir Euch mit den Worten Unseres Vorgängers, des hl. Leo des Großen, "und gegen die grimmigen Feinde der Seelen möge sich der Eifer aller Gläubigen erheben" <ref>Sermo XV, cap. 6, </ref>.

Hoffnung auf den Sieg der christlichen Sache

So möge denn jeder gute Katholik, wenn er bisher träge und untätig war, sich aufraffen und sich der Sache der Religion und der Kirche, als wäre sie seine eigene, treu und standhaft annehmen. - Es geschieht nämlich nur allzu oft, dass die Trägheit und die Furchtsamkeit der Guten die Bösen in ihrem verderblichen Tun bestärkt und sogar noch fördert. Zwar werden die Katholiken trotz all ihrer Versuche und Bemühungen weniger erreichen als sie beabsichtigen und hoffen; aber sie werden immerhin zweierlei erreichen, nämlich die Feinde zurückdrängen und die schwachen und furchtsamen Gemüter aufrichten, abgesehen von dem großen Segen, den das Bewusstsein der erfüllten Pflicht bringt. Und Wir können Uns nur schwer vorstellen, dass die Katholiken, wenn sie in der rechten Weise und standhaft in ihrem Entschluss zu Werke gehen, ohne Erfolg streben und sich bemühen. Denn es war immer so und wird immer so sein, dass auch die schwierigsten und anscheinend ausweglosen Angelegenheiten noch gut ausgehen können, wenn sie nur mutig und unerschrocken, wie Wir gemahnt haben, und unter dem Beistand der christlichen Klugheit durchgeführt werden. Denn da der Mensch von Natur aus ein höchstes Verlangen nach Wahrheit hat, so muss sie schließlich doch die Geister besiegen; zwar kann sie durch Verwirrungen oder Krankheiten der Seele angegriffen und verdunkelt werden, sie kann aber nie gänzlich ausgelöscht werden. - Das trifft aus mehreren Gründen auf Bayern zu. Da es nämlich durch Gottes gnädige Fügung ein katholisches Königreich ist, geht es hier nicht darum, den heiligen Glauben erst anzunehmen, sondern den von den Vätern übernommenen zu bewahren und zu pflegen; auch sind jene, die zur Ordnung des Gemeinwesens die staatlichen Gesetze erlassen, zum großen Teil Katholiken; da auch die Bürger und Einwohner zumeist Katholiken sind, zweifeln Wir nicht, dass sie ihrer Mutter, der bedrängten Kirche, mit allen Mitteln beistehen und helfen werden. Wenn daher alle so energisch und tatkräftig, wie es sein sollte, zusammen sich bemühen, dann werden sie sich mit Gottes Hilfe gewiss des glücklichen Erfolges ihrer Bemühungen erfreuen können. Wir wünschen, dass alle sich an diesem Kampf beteiligen, denn wie nichts verhängnisvoller ist als Zwietracht, so ist nichts vortrefflicher und wirksamer als die Eintracht und Harmonie der Seelen, die mit vereinten Kräften nach ein und demselben Ziel streben. Hierbei sind die Katholiken in der glücklichen Lage, mittels der Gesetzgebung eine Verbesserung der Verhältnisse im Staat fordern zu können sowie einen Zustand sowohl für die Kirche als auch für sie selbst, der sie, wenn auch nicht begünstigt oder bevorzugt, wie es eigentlich recht und billig wäre, so doch wenigstens nicht hart unterdrückt. Niemand kann gerechterweise die Unsrigen anschuldigen und tadeln, wenn sie zu derartigen Mitteln greifen; denn wenn die Feinde der katholischen Sache ständig die gleichen Mittel benutzen und den Regierungen Gesetze ablocken und gewissermaßen abnötigen, die für die bürgerliche wie für die religiöse Freiheit gleichermaßen verhängnisvoll sind, sollte es da nicht auch den Katholiken erlaubt sein, sie anzuwenden und so anzuwenden, dass sie auf die würdigste Art und Weise für die Religion Sorge tragen und alle der Katholischen Kirche von Gott gegebenen Güter, Vorzüge und Rechte schützen, die alle, Herrscher wie Untertanen, hoch in Ehren halten müssen?

Die wichtigste Sorge der Katholiken: die Freiheit der Kirche als Gesellschaft mit eigenen Rechten

13 Das wichtigste aber von allen Gütern der Kirche, die Wir immer und überall schützen und vor jedem Unrecht bewahren müssen, ist es gewiss, dass sie über soviel Handlungsfreiheit verfügt, wie es die Sorge für das Heil der Seelen erfordert; denn sie ist eine göttliche Freiheit, die von dem eingeborenen Sohn Gottes selbst als von ihrem Urheber ausgegangen ist, der die Kirche durch sein vergossenes Blut erweckt hat, der sie für immer unter den Menschen gegründet hat, der selbst ihr Haupt sein wollte; daher ist es der Kirche als einer vollkommenen Schöpfung Gottes eigen, dass, wer immer ihrer Freiheit zuwiderhandelt, sich gegen Gott und die eigene Pflicht vergeht. - Denn, wie Wir es wiederholt schon andernorts gesagt haben, hat Gott seine Kirche deshalb gegründet, damit sie die höchsten Güter der Seele, die unendlich höher stehen als alle irdischen Dinge, pflegt, umsorgt und austeilt und damit sie durch den Glauben und die Gnade den Menschen ein neues Leben in Christus vermittelt, das ihr ewiges Heil bewirkt. Da nun aber die Natur und die Rechte jedweder Gesellschaft ihre nähere Bestimmung durch deren Ursprung und Ziel erhalten, durch die sie existiert und auf das hin sie ausgerichtet ist, so folgt daraus, dass die Kirche eine von der bürgerlichen unterschiedene Gesellschaft ist, insofern beide verschiedene Ursachen und Ziele haben. Die Kirche ist eine notwendige Gesellschaft, die sich über die gesamte Menschheit erstreckt, denn alle sind zum christlichen Leben berufen, sodass alle, die es zurückweisen oder von ihm abfallen, für immer ausgeschlossen sind und des himmlischen Lebens nicht teilhaftig werden; sie ist vor allem eine Gesellschaft mit eigenen Rechten, und zwar die höchste, eben wegen der Erhabenheit der unvergänglichen himmlischen Güter, auf die sie in ihrer Ganzheit ausgerichtet ist. Freie Ursachen tragen aber ganz offenbar in sich das Recht auf jene Dinge, die sie für ihre Zwecke brauchen. - Die Kirche besitzt aber gleichsam als angemessene und notwendige Instrumente das Recht, nach eigenem Ermessen die christliche Lehre zu tradieren, die heiligen Sakramente zu spenden, den Gottesdienst auszuüben, die ganze Ausbildung des Klerus zu regeln und zu überwachen; Gott wollte, dass seine Kirche mit all diesen Aufgaben und Vorrechten betraut und ausgestattet sei, und in seiner weisen Vorsehung wollte er, dass sie allein es sei. Er befahl, dass ihr allein gleich einem anvertrauten Gut alles gehören sollte, was er durch seinen Geist den Menschen verkündet hat; sie allein hat er zur höchst weisen, unfehlbaren Interpretin, Hüterin und Lehrerin der Wahrheit gemacht, deren Weisungen die Einzelnen wie die Staaten hören und befolgen müssen; ebenso ist es gewiss, dass er der Kirche die freie Befugnis gegeben hat, alle Dinge zu entscheiden und anzuordnen, die am besten ihren Absichten dienen. - Doch besteht deswegen kein Grund, dass die weltlichen Machthaber Argwohn gegen die Freiheit der Kirche empfinden oder Anstoß daran nehmen, denn beide Gewalten, die weltliche und die kirchliche, haben den gleichen Ursprung, nämlich Gott allein. Daher können sie unter sich nicht uneins sein oder sich gegenseitig behindern oder vernichten, da weder Gott mit sich selbst in Widerstreit sein kann, noch seine Werke untereinander in Streit geraten können; es besteht vielmehr eine wunderbare Harmonie in ihren Beziehungen und Verhältnissen zu einander. Es ist daher eindeutig klar, dass die katholische Kirche, wenn sie, gehorsam dem Gebot ihres Schöpfers, immer weiter frei ihre Zeichen unter den Völkern aufrichtet, niemals in die Bereiche der staatlichen Gewalt übergreifen oder sich in irgendeiner Sache ihren Interessen schaden, diese vielmehr schützen und fördern wird, gerade so wie der christliche Glaube das Licht der menschlichen Vernunft nicht verdunkelt, sondern ihm noch mehr Glanz hinzufügt, sei es, dass er sie von den falschen Meinungen abhält, denen die menschliche Natur so leicht erliegt, sei es, dass er ihr unter den erkennbaren Dingen weitere und erhabenere Räume erschließt.

Die Regelung der Beziehungen von Kirche und Staat in Bayern

14 Was nun Bayern betrifft, so bestehen zwischen ihm und dem Apostolischen Stuhl ganz besondere Beziehungen, die durch vertragliche Abmachungen ratifiziert wurden. Wenngleich der Apostolische Stuhl in diesen Verträgen auf viele seiner Rechte verzichtet hat, so hat er sie doch immer, wie er es auch sonst stets getan hat, vollständig und gewissenhaft eingehalten und nichts getan, was irgend wie Grund zu Klagen gegeben hätte. Es ist darum sehr zu wünschen, dass beide Seiten sich an die Vereinbarungen halten und sie in der rechten Weise dem Wortlaut und vor allem dem Geist nach, in dem sie niedergeschrieben worden sind, erfüllen. - Es hat allerdings eine Zeit gegeben, da die Harmonie gestört war und Anlass zu Klagen bestand; Maximilian I. hatte jedoch durch ein Dekret teilweise Abhilfe geschaffen, und Maximilian II. hatte, wie es gut und recht war, einige gangbare Auswege durch Verordnungen sanktioniert. Doch diese Bestimmungen wurden, wie bekannt, in jüngster Zeit aufgehoben. Wir haben aber das Vertrauen in die Frömmigkeit und Klugheit des Fürsten, in dessen Hand die Regierung des bayrischen Königreichs liegt, dass er, der die Stellung und die Religion der beiden Maximiliane als herrliches Erbe empfangen hat, rechtzeitig für die Erhaltung der Katholischen Kirche Vorsorge trifft und nach Beseitigung aller Beschränkungen ihr Gedeihen fördert. Die Katholiken, die den größten Teil der Bevölkerung ausmachen und die zweifellos durch die Liebe zum Vaterland und den Gehorsam gegenüber seiner Regierung hohes Lob verdienen, werden sich, wenn sie in einer so wichtigen Sache ihre Wünsche anerkannt und erfüllt sehen, gewiss durch Ergebenheit und Treue ihrem Fürsten gegenüber hervortun, wie Kinder gegenüber ihrem Vater, und alles, was er zum Wohl und Ruhm des Königreiches befehlen wird, mit größter Bereitwilligkeit befolgen und mit allen Kräften bis ins Letzte erfüllen.

Schlussworte

15 Die Pflicht Unseres Apostolischen Amtes hat Uns veranlasst, Euch, Ehrwürdige Brüder, all dies mitzuteilen. Es bleibt Uns nur noch, inständig Gottes Hilfe zu erflehen und als Fürsprecher bei ihm die glorreiche Jungfrau Maria und die himmlischen Patrone des bayrischen Königreiches anzurufen, damit er den vereinten Bitten gnädig zustimme und seiner Kirche Ruhe und Freiheit gewähre und Bayern täglich wachsenden Ruhm und Wohlfahrt schenke. Als Vorboten göttlicher Gaben und Beweis Unseres besonderen Wohlwollens erteilen Wir Euch, Ehrwürdige Brüder, dem Klerus und dem ganzen Eurer Sorge anvertrauten Volk voller Liebe den Apostolischen Segen.

Gegeben zu Rom bei St. Peter, am 22. Dezember des Jahres 1887,

im zehnten Jahr Unseres Pontifikats.

Leo XIII. PP.

Anmerkungen

<references />