Mirae caritatis (Wortlaut)

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Enzyklika
Mirae caritatis

unter unseres Heiligen Vaters
Leo XIII.
durch göttliche Vorsehung Papst
an alle Ehrwürdigen Brüder, Patriarchen, Primaten, Erzbischöfe, Bischöfe
der katholischen Welt, welche in Gnade mit dem Apostolischen Stuhl stehen
über das Allerheiligste Altarsakrament
28. Mai 1902 (1)

(Offizieller lateinischer Text: ASS XXXII [1902] 641-654)

(Quelle: Rundschreiben Leo XIII., Sechste Sammlung, Lateinischer und [in Fraktur abgedruckt], Herder´sche Verlagsbuchhandlung, übersetzt durch den päpstlichen Hausprälaten Professor Franz Hettinger, Freiburg im Breisgau 1904, S. 75-111; Die Nummerierung ist der englischen Fassung angeglichen. Übersicht aus: Heilslehre der Kirche, Dokumente von Pius IX. bis Pius XII. Deutsche Ausgabe des französischen Originals von P. Cattin O.P. und H. Th. Conus O.P. besorgt von Anton Rohrbasser, Paulus Verlag Freiburg Schweiz 1953; Imprimatur Friburgi Helv., die 22. maii 1953 L. Weber V. G.; Kathtube, Dokument Das Schreiben als Worddokument; Die englische Fassung auf der Vatikanseite)

Allgemeiner Hinweis: Die in der Kathpedia veröffentlichen Lehramtstexte dürfen nicht als offizielle Übersetzungen betrachtet werden, selbst wenn die Quellangaben dies vermuten ließen. Nur die Texte auf der Vatikanseite können als offiziell angesehen werden (Schreiben der Libreria Editrice Vaticana vom 21. Januar 2008).


Ehrwürdige Brüder !
Gruß und Apostolischen Segen
Ich bin der «Ich-bin-da» (Ex 3,14)

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Bemühung um christliche Lebenserneuerung

1 Die wunderbare Liebe zum Heil der Menschen, welche Jesus Christus in so glänzenden Taten bewiesen hat, in ihrer Größe und Tiefe zu würdigen, darnach waren Wir im Geiste Unserer Stellung immer bestrebt, und werden mit göttlichen Beistande bis zum letzten Atemzuge darnach streben.

Bittere Feindschaft streitet in unseren Tagen nur allzu sehr gegen die Wahrheit und Gerechtigkeit. Soviel an Uns lag, haben Wir ohne Unterlass, wie es das vor kurzem an Euch ergangene apostolische Sendschreiben bestätigt, in Belehrung, Ermahnung und Tat dasjenige umfänglich dargeboten, was dazu dienlich schien, die Ansteckung durch die vielfältigen Irrtümer abzuwehren und den Ernst für das christliche Leben zu wecken. Dabei gereicht Uns die Erinnerung an zwei, eng zusammengehörige Entschließungen der letzten Zeit in den vielen Kümmernissen, die Uns bedrängen, zu freudigem Troste. Die eine derselben ist die von Uns als heilsamstes erkannte feierliche Weihe des gesamten Menschengeschlechtes an das erhabene Herz Jesu Christi des Erlösers; die andere ist jener Aufruf, in welchem Wir alle Bekenner des christlichen Glaubens auf das eindringlichste zum Anschlusse an Ihn ermuntert haben, welcher für den einzelnen wie für die Gesellschaft der Weg, die Wahrheit und das Leben von Gott ist.

Neubelebung des eucharistischen Kultes

Wachsamen Blickes die kirchliche Zeitlage überschauend, fühlen Wir uns nunmehr durch Unsere apostolische Liebe angeregt, ja gedrängt, dem, was Wir Uns vorgenommen und durchgeführt haben, gleichsam seine Vollendung zu geben, indem wir dem christlichen Volke das allerheiligste Altarsakrament, die göttliche Gabe der innigsten Liebe desselben Erlöserherzens, das mit Sehnsucht jene einzigartige Vereinigung mit den Menschen ersehnt, dieses vortreffliche Gefäß zur Austeilung der heilsamen Früchte seiner Erlösung, in erhöhtem Maße anempfehlen. Schon früher haben Wir in diesem Sinne in Ausübung Unseres Amtes und eifriger Ergebenheit mehrere Anordnungen getroffen. Freudig erinnern Wir Uns, außer andern Förderungen nicht wenige Anstalten und Bruderschaften, welche der ewigen Anbetung des göttlichen Opferlammes geweiht sind, mit gesetzlicher Genehmigung und mit Privilegien ausgestattet zu haben. Gleichermaßen war es Unser Bemühen, die eucharistischen Kongresse nach Gebühr feierlich und segensreich zu gestalten. Als himmlischen Patron geben Wir diesen und verwandten Bestrebungen den Paschalis Baylon, der ein ausgezeichnet frommer Verehrer des allerheiligsten Sakramentes gewesen ist.

Die Eucharistie : Quell des übernatürlichen Lebens

Anerkennung und Widerspruch

2 Der Schutz und die Ehre dieses Geheimnisses, ehrwürdige Brüder, ist das unaufhörliche Bemühen und Sinnen der Kirche gewesen, und der Ruhm des Martyriums verklärte auch hier ihre Treue. Ihm galten die glänzenden Entfaltungen der Gelehrsamkeit, der Rednergabe, und die mannigfachen Kunstübungen der besten Kräfte. Wir nun möchten, wenn Wir einiges in Unserer Besprechung zusammenfassen, die Segenskraft desselben heller und bestimmter hervorheben, vermöge derer es hauptsächlich als das nächstliegende Heilmittel für die Nöten der Gegenwart sich darstellt. An der Neige seines sterblichen Lebens hat Christus der Herr es zum Denkmal seiner Liebe zu den Menschen und zugleich als besten Schutz “für das Leben der Welt“ [1] hinterlassen. Wahrlich! Könnten Wir da, wo die Stunde Unseres Scheidens von der Welt so nahe ist, Uns ein größeres Glück wünschen, als dass es Uns beschieden sei, in allen Herzen die Gefühle des dankbaren Angedenkens und der schuldigen Ehrfurcht für dieses bewunderungswürdige Sakrament zu wecken und zu nähren? Sehen Wir doch in ihm zumeist die Grundlage für die Hoffnung und Verwirklichung des allersehnten und erstrebten Heiles und Friedens.

3 Wenn Wir für ein von so vielen Verwirrungen betroffenes und so schwer krankes Zeitalter gerade in solchen Heil- und Hilfsmitteln glauben, die Rettung suchen zu müssen, da werden wohl viele sich wundern, vielleicht manche es gar nicht verhehlen, dass sie Unsere Worte nur mit Widerwillen hinnehmen. So bringt es ja zumeist der Geist des Hochmutes mit sich. In den Seelen, von denen dieses Laster Besitz ergriffen hat, muss der christliche Glaube, der Wecker des gewissenhaften Gehorsams im Herzen, erschlaffen und traurige Verfinsterung die göttlichen Dinge umschatten, dass an vielen das Wort sich erfüllt: „Sie lästern, was sie nicht verstehen.“[2] Sollen Wir Uns dadurch von Unserem Vorhaben abbringen lassen? Das sei ferne. Nur noch eifriger werden Wir, brüderlich unterstützt vom Gebete der Gottesfürchtigen, bemüht sein, den Gutgesinnten Erleuchtung zu bringen und den Tadlern des Heiligen Verzeihung von Gott erflehen.

Stellung der Eucharistie im christlichen Glauben

4 Die Segenskraft des allerheiligsten Altarsakramentes im vollen Lichte des Glaubens erkennen, heißt ja fürwahr erkennen, welch ein Werk die Barmherzigkeit und Macht Gottes zum Heile des menschlichen Geschlechtes in der Menschwerdung vollbracht hat. Denn wie der wahre Glaube Christus, dessen Weisheit durch Gesetze, Einrichtungen und Vorbild um den Preis seines Blutes aller wiederhergestellt hat, als die höchste Ursache des Heiles zu bekennen und anzubeten gebietet, so befiehlt er gleichermaßen, ihn zu bekennen und anzubeten, wo er im Altarsakrament wirklich gegenwärtig ist, um bis ans Ende der Zeiten wahrhaft bei den Menschen zu bleiben und ihnen die Wohltaten des vollbrachten Erlösungswerkes selber als Lehrer, guter Hirt und wirksamster Fürsprecher beim Vater in unerschöpflichem Reichtum zu spenden.

Christi Menschwerdung vermittelt das übernatürliche Leben

Die Güter, deren Born die Eucharistie ist, muss eine gewissenhafte und sorgfältige Erwägung so voll Heil und Segen finden, dass man in ihm alles und jegliches sonstige Gut enthalten weiß. In ihr erkennt sie ja den Strom des Lebens für die Menschen, welches das wahre Leben ist: „Das Brot, welches ich geben werde, ist mein Fleisch für das Leben der Welt.“[3] – Nicht nur auf eine Art ist Christus, wie Wir schon ein anderes Mal dargetan haben, das Leben. Den Menschen eine bestimmte das menschliche übersteigende Fülle des Lebens zu geben, bezeichnete er ja als Ziel seiner Ankunft unter ihnen: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben, und es in Überfülle haben.“[4] Und sofort fürwahr, „als die Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes, unseres Heilandes erschien“, da ist, wie alle wissen, alsbald eine Kraft lebendig geworden und durch alle Adern des bürgerlichen Gesellschaftskörpers und der häuslichen Familie hindurchgeströmt, welche eine ganz neue Ordnung der Dinge hervorgebracht hat. Neue Beziehungen unter den Menschen bildeten sich, neue Rechte und Pflichten ordneten das öffentliche und private Leben, der Unterricht, die Wissenschaft, die Kunst schlugen neue Bahnen ein. Das Allerwichtigste aber war, dass die Menschen mit aller Geistes- und Willenskraft sich der religiösen Wahrheit und der Heiligung des Lebens zuwandten. So ist den Menschen ein Leben mitgeteilt worden, welches ganz himmlisch und göttlich zu nennen ist. Dahin deuten unleugbar auch die in der heiligen Schrift häufig gebrauchten Ausdrücke: Holz des Lebens, Wort des Lebens, Buch des Lebens, Krone des Lebens, und namentlich Brot des Lebens.

Verheißung, Wesen und Bestimmung der Eucharistie

5 Da nun das Leben, von dem Wir sprechen, mit dem natürlichen Leben des Menschen eine ausgesprochene Ähnlichkeit hat, so muss, wie das eine durch die Nahrung gekräftigt und erhalten wird, auch das andere durch seine Nahrung erhalten und gestärkt werden. Passend erinnern Wir Uns bei diesem Gedanken an die Gelegenheit und Weise, wie Christus die Herzen der Menschen angeregt und ihren Sinn angeleitet hat, das Brot, das er ihnen geben wollte, würdig und richtig hinzunehmen. Die Kunde vom Wunder der Brotvermehrung zur Speisung der Volksmenge, welches Jesus am Gestade von Tíberias gewirkt hatte, war kaum ins Volk gedrungen, als sofort die Scharen noch zahlreicher zu ihm strömten, in der Hoffnung einer ähnlichen Wohltat teilhaftig zu werden. Ähnlich wie einst bei der samaritanischen Frau, die Wasser aus dem Brunnen zu schöpfen gekommen war, benutzte Jesus diese Gelegenheit. Dort weckte er die Sehnsucht nach jenem Wasser, das fortströmt zum ewigen Leben[5] , hier lenkte er den Sinn der heilsbegierigen Menge nach oben und lehrte sie mit dem heißerem Wunsche nach dem andern Brote streben, das bleibt zum ewigen Leben[6] . Nicht jenes Manna vom Himmel, mahnt Jesus eindringlich, das euren Vätern auf der Wanderung durch die Wüste gegeben ward, ist dieses Brot, noch ist es jenes, da ihr zuvor verwundert von mir erhalten habt, sondern ich selbst bin dieses Brot: „Ich bin das Brot des Lebens.“[7] Dasselbe legen allen die Worte noch mehr nah, die zugleich Einladung und Gebot sind: „Wer von diesem Brote isst, der wird leben in Ewigkeit. Das Brot aber, welches ich geben werde, ist mein Fleisch für das Leben der Welt.“[8] Wie wichtig ist dieses Gebot! Er selbst erhärtet es mit den Worten: „Wahrlich, wahrlich sage ich euch, wenn ihr das Fleisch des Menschensohnes nicht essen und sein Blut nicht trinken werdet, so werdet ihr das Leben nicht in euch haben.“[9] Abzuweisen ist also jener verbreitete und sehr verderbliche Irrtum, dass der Genuss der Eucharistie auf jene zu beschränken sei, welche ferne von Sorgen und in Eingezogenheit des Geistes ihr Lebensziel in der Betätigung gesteigerter religiöser Übungen finden.

Der Todesweg einer Menschheit ohne Gott

Dieses Mahl ist das höchste und heilsamste Gut, und deshalb sollen es alle suchen, welchen Standes und welcher Stellung sie auch seien, sofern sie (und niemand darf sich von diesem Wunsche ausschließen) das Leben der göttlichen Gnade in sich hegen wollen, dessen Abschluss das Leben der Seligkeit in Gott ist.

6 Möchten gerade jene, welche Geist, Tatkraft oder Ansehen dazu befähigt, auf den Gang der Zeit und der menschlichen Geschäfte so großen Einfluss auszuüben, sich vor allem über das ewige Leben eine richtige Anschauung bilden und für dasselbe besorgt sein! Statt dessen beklagen Wir, sehen zu müssen, dass die meisten glauben, sich schon rühmen zu dürfen, als hätten sie ihrer Zeit ein neues, glückliches Leben eingehaucht, weil sie ihr den Antrieb zu heißerem Ringen nach nutzbringenden und bewundernswerten Gütern aller Art gegeben haben. Doch schaue, wohin du willst, wo die menschliche Gesellschaft sich von Gott abgewendet hat, da fasst sie, anstatt dass sie des ersehnten Friedens genösse, Beängstigung und Unruhe gleich dem Kranken, den die Glut des Fiebers erschüttert; indem sie ängstlich nach Wohlstand strebt und alles Vertrauen auf ihn setzt, flieht er vor ihrem Streben und bringt zu Fall, wer an sich hängt. Ebenso wie die Menschen und Staaten ihren Bestand Gott verdanken müssen, ebenso können sie in keinem andern leben, sich bewegen und Gutes wirken als in Gott durch Jesus Christus. Von ihm entströmten und entströmen in breiten Wogen die größten und auserlesensten Güter.

Christus in der Eucharistie : Brot des Lebens

Die Quelle und Krone aller dieser Güter ist aber allermeist das hehre Sakrament des Altares. Indem dasselbe jenes Leben in uns nährt und erhält, da zu wissen für uns eine so drückende Heimsuchung ist, erhöht es zugleich unvergleichlich die menschliche Würde, welche man heute so hoch stellt. Denn was kann es Größeres geben, was kann man Höheres wünschen, als soweit es möglich ist, der göttlichen Natur teilhaft zu werden und ihr Miterbe zu sein? In der Eucharistie gewährt und dies nun aber Christus im höchsten Maße. Durch sie erhebt er den Menschen zum Göttlichen und vereinigt ihn mit sich durch das Band der Gnade zur innigen Gemeinschaft. Denn darin unterscheidet sich die leibliche Speise von der Nahrung der Seele, jene wird in uns verwandelt, diese verwandelt uns in sich, wie Augustinus Christus selbst erklären lässt: „Du verwandelst mich nicht in Dich, wie die Speise Deines Fleisches, sondern Du wirst in mich verwandelt werden“[10]

Die Eucharistie : Keimkraft der christlichen Tugenden

Die Eucharistie vermehrt den Glauben:

Geheimnis des Glaubens

7 Das hocherhabene Sakrament, welches so deutlich die Innigkeit der Vereinigung der Menschen mit der göttlichen Natur offenbart, überschüttet dieselben aber auch mit den Segnungen übernatürlicher Tugenden jeder Art. Zuvörderst kräftigt er den Glauben. Zu allen Zeiten hat der Glaube Gegner gehabt. Denn obwohl er den Geist der Menschen durch die Kenntnis der vorzüglichsten Gegenstände erhebt, so scheint er doch wieder insofern denselben niederzudrücken, als er ihn über die Beschaffenheit des übernatürlichen im dunkeln lässt, dessen Dasein er offenbart. Aber ehedem wurde nur der eine oder andere Satz des Glaubens angefeindet, nunmehr hat im Fortgang der Zeit das Gebiet des Angriffs einen viel breiteren Umfang genommen und jetzt ist es so weit gekommen, dass man überhaupt das Übernatürliche leugnet. Muss also der Glaube volle Festigkeit und Begeisterung wieder gewinnen, so vermag dies besser als jedes andere Mittel das Geheimnis der Eucharistie zu erreichen, welches recht eigentlich als Geheimnis des Glaubens bezeichnet wird. Alles Übernatürliche ist in ihm, in dem Reichtum und der Größe seiner Wunder enthalten: „Ein Gedächtnis stiftete er in seinen Wundern der gnädige und barmherzige Herr, Speise gab er denen, die ihn fürchten.“[11]

Fortsetzung der Menschwerdung

Was immer Gott Übernatürliches gewirkt hat, steht zur Menschwerdung des göttlichen Wortes in Beziehung, welches das menschliche Geschlecht die Wohltat der Wiederherstellung seines Heiles verdanken sollte, gemäß dem Worte des Apostels: „Er hat beschlossen, ... in Christus alles, was im Himmel und was auf Erden ist, zu erneuern.“[12] Das Zeugnis der heiligen Väter lehrt in diesem Sinne passend, die Eucharistie als eine Art Fortsetzung und Erweiterung der Menschwerdung anzusehen. Wird doch durch jene die Substanz des menschgewordenen Wortes mit den einzelnen Menschen vereinigt; und das große Opfer von Kalvaria in wunderbarer Weise erneuert, wie es Malachias vorausgesagt hat: „An allen Orten wird meinem Namen geopfert und ein reines Opfer dargebracht werden.“[13]

Ein immerwährendes Wunder

Als Wunder ist es das größte in seiner Art, und zahllose Wunder begleiten es. Alle Gesetze der Natur sind in ihm aufgehoben. Die ganze Substanz des Brotes und des Weines wird in den Leib und das Blut Christi verwandelt, die sinnenfälligen Gestalten von Brot und Wein bleiben durch Gottes Kraft ohne substanzielle Träger erhalten, der Leib Christi ist zugleich an all den vielen Orten gegenwärtig, an welchen das Sakrament gewirkt wird. Der menschlichen Vernunft aber kommen die Wunder, welche in alter und neuer Zeit geschehen sind und das allerheiligste Sakrament verherrlichen, zu Hilfe, damit sie gegen das hehre Geheimnis ihre tiefste und gehorsamste Ergebenheit betätige. Öffentliche und ausgezeichnete Denkmäler an vielen Orten bezeugen diese Wunder. So nährt also dieses Sakrament vor unsern Augen den Glauben, bestärkt die Vernunft, entkräftet die Entstellung der Gegner und beleuchtet mit hellstem Licht die Ordnung der übernatürlichen Dinge.

Heilmittel gegen den Aufruhr des Fleisches

8 Die Erschlaffung des Glaubens an das Göttliche rührt indes nicht immer von der Hoffart her, auf deren Schäden Wir oben hingedeutet haben; es trägt dazu auch die Verderbnis der Herzen bei. Denn wenn gewöhnlich eine vorzüglichere, sittliche Haltung einem größerem Maß geistiger Regsamkeit entspricht, und gerade die sittliche Erfahrung der Heiden beobachtete, was die göttliche Weisheit zum voraus angedroht hat, dass nämlich die Lüste des Fleisches den Geist abstumpfen,[14] so muss die fleischliche Lust um so mehr das Licht des Glaubens auf dem Gebiete der göttlichen Dinge verfinstern und es zuletzt nach gerechter Ahndung Gottes gänzlich auslöschen. Heute brennt die Gier nach dieser Lust unersättlich und ergreift, einer ansteckenden Krankheit gleich, alle schon in den ersten, zarten Jahren. Doch auch gegen dieses schreckliche Übel haben wir in dem göttlichen Sakramente des Altars ein vortreffliches Heilmittel. Allen voraus stärkt es die Liebe und bändigt dadurch die niederen Begierden. Denn, sagt Augustinus: „Ihre (der Liebe) Pflege ist das Absterben der Begierlichkeit, ihre Vollendung derselben Ende“[15] Als der allerreinste Leib Jesu ferner erstickt es die Überhebung des Fleisches, wie Cyrill von Alexandrien mit den Worten andeutet: „Wohnt Christus in uns, dann gebietet er Stille dem wilden Gesetz des Fleisches in unsern Gliedern.[16] Ja, wahrlich eine einzigartige und herzerquickende Frucht der Eucharistie nennt uns jenes Wort des Propheten: „Was ist sein Gut, und was ist seine Schönheit? Das Getreide der Auserwählten und der Wein, aus dem Jungfrauen sprossen.“[17] Das mutvolle und unerschütterte Vorhaben, die heilige Jungfräulichkeit zu bewahren, ist nämlich mit diesem Worte bezeichnet, welche in der katholischen Kirche von Tag zu Tag ihre Blüten überall und reicher entfaltet, während die Welt in Vergnügungen dahinsiecht. Kann doch aufrichtigerweise niemand verkennen, wie groß der Segen und die Verklärung ist, welche sie über die Religion und zugleich über die menschliche Gesellschaft verbreitet.

Die Eucharistie stärkt die Hoffnung:

Unterpfand der ewigen Glückseligkeit

9 Zur Förderung des Glaubens kommt als weitere Segnung des Sakramentes der Eucharistie die wunderbare Stärkung unserer Hoffnung auf die Güter des ewigen Lebens. Denn es bringt Zuversicht auf die göttliche Hilfe. Allen Seelen wohnt von Natur der Trieb nach Glückseligkeit inne und wird durch die Enttäuschungen an den Gütern der Erde, durch die Ungerechtigkeit und Gewalttätigkeit schlechter Menschen und durch die vielen Beschwerden Leibes und der Seele immer mehr verschärft. Das ist uns nun im hehren Sakrament der Eucharistie der Glückseligkeit und Ehre Grund und Unterpfand zugleich geben, und das nicht nur für die Seele, sondern auch für den Leib. Mit überschwänglichen Reichtümern himmlischer Güter erfüllt es die Seele und tränkt sie mit dem vollen Strome süßester Freuden, welche jedes Sinnen und Hoffen der Menschen übersteigen. Im Unglück ist es Stab, im Tugendkampfe Stärke, auf dem Weg zum ewigen Leben Schild und treues Geleite, als stärkende Wegzehrung.

Saatkorn der Auferstehung des Leibes

Dem hinfälligen und armseligen Leib aber pflanzt jenes göttliche Opferlamm die Anlage zur zukünftigen Auferstehung ein. Denn der unsterbliche Leib Christi senkt in ihm den Keim der Unsterblichkeit, der einmal aufsprossen muss. In Kraft der sichern Worte Christi selber verheißt uns die Lehre der Kirche zu allen Zeiten den Gewinn dieses doppelten Gutes für Leib und Seele. Denn jene lauten: „Wer mein Fleisch ist und mein Blut trinkt, der hat das ewige Leben, und ich werde ihn am Jüngsten Tage auferwecken.“[18]

Mahnung zu Buße und Leidensmut

10 In diesem Zusammenhang ist es ebenso passend als wichtig zu erwägen, dass Christus die Eucharistie eingesetzt hat als ewiges Gedächtnis seines Leidens[19], und dieselbe demgemäss dem Christen verkündigt, wie notwendig es ist, dass er sein Heil in der Abtötung zu wirken suche. Zu jener nämlich, die Christus zu seinen ersten Priestern auserwählte, sprach er: Tut dieses zu meinem Andenken[20], d. h. tut dieses zum Andenken an meine Leiden, Bekümmernisse, Ängsten und meinen Tod am Kreuze. So ist dieses Sakrament und Opfer zur fortwährenden Predigt des Bußgeistes und Leidensmutes geworden, wie nicht minder zur ernsten und strengen Rüge jener von der Zuchtlosigkeit so hoch gepriesenen Lüste. „So oft ihr dieses Brot esset, sollt ihr den Tod des Herrn verkünden, bis er wiederkommt.[21]

Die Eucharistie entzündet die Liebe:

Fackel der Gottesliebe

11 Wenn du weiter nach Gründen der gegenwärtigen Übelstände suchst, dann wirst du noch finden, dass jene Erkaltung der Liebe der Menschen zueinander, die mit der Erschlaffung der Liebe zu Gott eintrat, ihre Quelle speist. Sie haben vergessen, dass sie alle Kinder Gottes und Brüder Jesu sind. Jeder sucht nur das Seine. Fremdes Wohl ist ihnen gleichgültig. Ja nicht genug damit, stellen sie sich ihm noch in den Weg und suchen es zu stören. Daher die vielen Unruhen und Spannungen unter den Ständen der Bürger: Anmaßung, Härte und Trug oben, unten Elend, Neid und Aufruhr. Umsonst sucht man diesen Übelständen durch gesetzliche Vorkehrungen, Furcht vor Strafen und Maßnahmen menschlicher Klugheit abzuhelfen. Was man ins Auge fassen und erstreben sollte, darauf haben Wir schon mehrmals und ausführlich hingewiesen: Die Klassen der Bürger müssen füreinander gewonnen werden durch das Band gegenseitiger Verpflichtungen, die auf Gottes Furcht gründend in ihrer Erfüllung den echten Geist Jesu Christi und der Liebe atmen. Die Liebe hat Christus auf die Erde gebracht, mit ihr wollte er alles entflammen, und mit ihr nicht nur der Seele, sondern einigermaßen auch dem Leib in diesem Leben schon Beseligung bringen. Sie zügelt im Menschen die Selbstliebe mit richtigem Maße und hält die Gier nach Reichtum, der die Wurzel aller Übel ist[22], in ihren Schranken.

Band der Nächstenliebe

Wir sind Brüder in Christus

Gewiss ist es geboten, unter den Ständen der Bürgerschaft die Gerechtigkeit nach jeder Seite hoch zu halten. Aber die Liebe muss Panzer und Steuer sein, soll in der menschlichen Gesellschaft erreicht werden und bestehen, was Paulus mit dem Worte: „Es werde Gleichheit“[23] empfohlen hat. Diese gegenseitige Liebe unter den Menschen wollte Christus hegen, als er das erhabene Sakrament zur Weckung der Liebe zu Gott einsetzte. Denn das ist offenbar, jene entsteht von Natur aus dieser und kommt aus ihr, wie von selbst, zur Entfaltung. Unmöglich kann sie irgendwie fehlen, ja sie muss erglühen und erstarken, wenn man die Liebe Jesu Christi in diesem Sakramente erwägt, in dem er seine Macht und Weisheit so herrlich geoffenbart und die Reichtümer seiner Liebe gegen die Menschen gleichsam ausgegossen hat[24]. Wie sehr müssen wir einander lieben und helfen, immer enger durch das Band brüderlicher Liebe aneinander gekettet, wenn wir auf das herrliche Beispiel Christi schauen, der uns alles geschenkt hat!

Brot und Wein als Zeichen der Einheit

Auch die sichtbaren Zeichen dieses Sakramentes wecken recht passend den Geist der Einigkeit. Hierüber schreibt der hl. Cyprian: „Gerade auch die göttlichen Opfergaben zeigen vollends, dass die christliche Einigkeit durch treue und untrennbare Liebe unter sich verknüpft ist. Denn wenn der Herr das Brot, welches aus der Vereinigung vieler Körner gebildet wird, seinen Leib nennt, so kündigt er damit an, dass unser Volk, welches er trug, ein einiges ist. Und da er den Wein, aus vielen Trauben und Beeren ausgepresst und zur Einheit zusammengegossen, sein Blut nennt, so bezeichnet er wiederum unsere Herde als Einheit, die aus der Verbindung einer Menge gebildet wird.[25] In ähnlicher Weise drückt sich der englische Lehrer im Anschluss am ein Wort des hl. Augustinus[26] aus: „Unser Herr hat seinen Leib und sein Blut uns unter den Gestalten solcher Dinge übergeben welche eine aus vielen Teilen gebildete Art Einheit darstellen; denn das eine, nämlich das Brot, besteht aus der Vermengung vieler Körner zur Einheit, das andere, nämlich der Wein, ist aus dem Zusammenschlusse vieler Beeren zur Einheit gebildet. Und deshalb sagt irgendwo Augustinus: O Sakrament der Frömmigkeit, o Zeichen der Einheit, o Band der Liebe.“[27]

Anker der sozialen Liebe

Das Konzil von Trient bestätigt diese Lehren durch die Erklärung, dass Christus der katholischen Kirche die heilige Eucharistie hinterlassen habe „als Symbol seiner Einheit und Liebe, welche nach seinem Willen alle Christen untereinander verbinden soll ... als Symbol jenes Leibes, dessen Haupt er ist, und dem wir als Glieder seinem Willen gemäß durch die innigsten Bande des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe einverleibt sein sollen“.[28] Auch Paulus hatte das ausgesprochen: „Ein Brot, ein Leib sind wir Viele, wir Alle, die wir an einem Brote teilnehmen.“[29] Fürwahr das ist das schönste und erquickendste Schauspiel der christlichen Brüderlichkeit und gesellschaftlichen Gleichheit, wenn um die heiligen Altäre ohne Unterschied Hoch und Niedrig, Reich und Arm, Gelehrt und Ungelehrt sich schart und in gleicher Weise am himmlischen Gastmahle teilnimmt. – Wird in den Nachrichten über die Urzeit der Kirche es dieser zum besonderen Lob angerechnet, dass die Menge der Gläubigen ein Herz und eine Seele war[30], so war auch dieses kostbare Gut offenbar der Teilnahme am Tische des Herrn zu verdanken; denn wir lesen über die Bemerkung: „Sie beharrten in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft des Brotbrechens.“[31]

Brücke zwischen Erde, Himmel und Fegefeuer

12 Die am heiligsten Altarsakramente so gekräftigte und vermehrte Gnade der Liebe, welche die Lebenden gegenseitig verknüpft, dringt aber noch weiter und strömt besonders in Kraft des heiligen Opfers auf alle über, welche zur Gemeinschaft der Heiligen zählen. Die Gemeinschaft der Heiligen ist ja bekanntlich nichts anderes als die gegenseitige Mitteilung der Gnadengaben, Sühnungen, Gebete, guten Werke, durch welche die im Glauben zum himmlischen Vaterlande schon erhobenen, die im Reinigungsfeuer zurückgehaltenen und die noch auf Erden pilgernden Gläubigen zu einem großen Reiche zusammengeschlossen sind, dessen Haupt Christus, dessen Bindungskraft die Liebe ist. In diesem Glauben ist es begründet, dass wenngleich nur Gott allein das hehre Opfer dargebracht werden soll, es doch auch zur Ehre der Heiligen gefeiert werden darf, welche mit Gott herrschen, der sie gekrönt hat. Denn wir sollen auf diese Weise ihren Schutz erlangen und auch, wie es die apostolische Überlieferung lehrt, die Makeln der Brüder tilgen, die im Herrn verstorben sind, ehe sie volle Sühne geleistet hatten.

Die Eucharistie : Speicher und Feuerherd der Kirche

Christus im Tabernakel

Mittelpunkt des christlichen Andachtslebens

13 Aufrichtige Liebe also, welche zum Heil und Nutzen aller alles zu tun und zu leiden pflegt, bricht lodernd und kraftvoll aus dem allerheiligsten Sakramente hervor, in welchem Christus selbst lebendig gegenwärtig ist, in welchem er völlig seiner herablassenden Liebe gegen uns lebt, und getrieben von der Gewalt seines Herzens sein Opfer immerdar erneuert. So versteht man leicht, woher jene apostolischen Männer den Mut zu ihren mühevollen Unternehmungen, woher die Katholiken zu ihren vielen und so mannigfachen Veranstaltungen für die Wohlfahrt der menschlichen Gesellschaft die Beweggründe empfingen, Mut und Kraft schöpften und die Ausdauer uns Sicherung eines glücklichen Ausganges gewannen.

14 Das sind wenige Erinnerungen in einer so wichtigen Sache. Aber Wir zweifeln nicht, dass sie der Herde Christi reichen Segen bringen, wenn ihr, Ehrwürdige Brüder, euch die Mühe nehmt, sie bei passender Gelegenheit zu erläutern und auszuführen. Noch nie hat jemand das so große und von jeder Segenskraft überfließende Sakrament, so wie sich geziemt, mit Worten zu preisen oder anbetungsvoll zu ehren vermocht. Als der Mittelpunkt, auf dem das christliche Leben, wie reich es auch immer blühen mag, beruht, ist es zu betrachten, mögen wir über es Erwägungen anstellen oder es feierlich anbeten, und zumeist, wenn wir es rein und heilig empfangen. In ihm haben alle anderen Übungen der Frömmigkeit ihren Zielpunkt und Abschluss. Jene gütige Einladung Jesu Christi und jene noch günstigere Verheißung: „Kommet zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken“[32]; in diesem Geheimnis ergeht sie ganz besonders und findet in ihm ihr Erfüllung.

Die Seele der Kirche

15 Es ist endlich gleichsam die Seele der Kirche, und nach ihm ist die Größe der priesterlichen Gnadengewalt in den verschiedenen Weihestufen geordnet. Alle Kraft und aller Ruhm der Kirche fließt aus ihm, ihm dankt für die ganze Ausrüstung ihrer göttlichen Gnadengaben, alle Güter: Deshalb ist es ihre größte Sorge, die Gläubigen zur innigsten Gemeinschaft mit Christus durch das Sakrament seines Leibes und Blutes vorzubereiten und hinzuführen. Aus demselben Grunde erhöht sie seine Verehrung durch den Glanz der heiligsten Formen und Gebräuche des Gottesdienstes.

Lehrwort des Konzils von Trient

Die immerwährende Fürsorge der Mutter-Kirche auf diesem Gebiete bezeugt noch schöner die Ermahnung, welche das Konzil von Trient ausgesprochen hat. Sie atmet in wunderbarer Weise den Geist der Liebe und Frömmigkeit und verdient es wohl, dass Wir sie dem christlichen Volke vollständig wiederholen: „Mit väterlicher Liebe bittet und beschwört die heilige Synode um der Erbarmungen Gottes willen alle, welche den christlichen Namen tragen, ohne Ausnahme mit der Ermahnung, dass sie doch unter diesem Zeichen der Einheit, diesem Symbol der Eintracht, diesem Bande der Liebe sich einmütig zusammenfinden und eingedenk der erhabenen Majestät und unvergleichlichen Liebe unseres Herrn Jesu Christi, der seine geliebte Seele als Kaufpreis unseres Heiles und sein Fleisch uns zur Speise gegeben, die heiligen Geheimnisse seines Leibes und Blutes mit jener Treue und Festigkeit des Glaubens, jener Geistesandacht, Frömmigkeit und Verehrung umfassen und heilig halten, welche zum häufigen Empfange dieses übernatürlichen Brotes vorbereiten, damit es in Wahrheit das Leben ihrer Seele und das dauernde Heil ihres Geistes sei. An seiner Kraft mögen sie sich stärken, um nach der Pilgerfahrt dieses Lebens zum himmlischen Vaterland zu gelangen und dort das Brot der Engel, das sie jetzt unter der Hülle des Sakramentes genießen, unverhüllt wieder zu kosten.“[33]

Verpflichtung zur Osterkommunion

16 Auch die Geschichte ist Zeuge, dass das christliche Leben in jenen Zeiten am meisten blühte, in welchen die heilige Eucharistie am häufigsten empfangen wurde. Anderseits ist es ebenso sicher, dass, wo die Menschen den Genuss des himmlischen Brotes vernachlässigen und gleichsam verschmähten, allmählich die Lebendigkeit des christlichen Geistes erschlaffte. Damit es nie zum gänzlichen Schwinden desselben komme, hat Innocentius III. in weiser Vorsicht auf dem Konzil vom Lateran das strenge Gebot gegeben, dass wenigstens zur österlichen Zeit kein Christ von der heiligen Kommunion fernbleiben dürfe. Ein solches Gesetz ist natürlich ungern erlassen worden und bezeichnet nur das zum Heil äußerst Notwendige. Immer war es der Wunsch der Kirche, dass in jeder heiligen Messe Gläubige anwesend seien und die heilige Kommunion empfinden: „Die heilige Synode möchte wünschen, dass in jeder Messe die Gläubigen, welche beiwohnen, nicht nur in geistlicher Weise, sondern durch sakramentalen Empfang der heiligen Eucharistie kommunizieren, damit die Frucht des hochheiligen Opfers ihnen in reichster Fülle zuteil werde.“[34]

Christus in der Opferfeier

17 Nicht für die einzelnen Menschen nur, sondern für die ganze Menschheit ist in dem hehren Geheimnis, sofern es Opfer ist, das Heil bereitet. Deshalb pflegt es die Kirche jederzeit für das Heil der ganzen Welt darzubringen. Die Verehrung und Wertschätzung dieses Opfers weiter zu verbreiten, dazu sollten alle Gottesfürchtigen ihre Bemühungen vereinigen. In unserer Zeit ist das von höchster Notwendigkeit. Deshalb möchten Wir wünschen, dass seine reichen Segnungen sowohl in weiteren Kreisen bekannt als auch mit größerer Achtsamkeit bedacht würden.

Allgemeine Pflicht der Gottesverehrung

Die Grundsätze zur Beurteilung vermag schon die natürliche Vernunft zu erkennen, sie lauten: Die Herrschaft Gottes des Schöpfers und Erhalters über die Menschen, ihr privates und öffentliches Leben ist die höchste und eine unbedingte. Was wir sind, und was das öffentliche und private Leben uns an Gütern darreicht, das kommt uns alles aus göttlichem Schatze zu. Unsere Pflicht ist es hinwieder, Gott als unserem Herrn die höchste Ehreerbietung und als unserem Wohltäter die tiefste Dankbarkeit zu bezeigen.

Gottlosigkeit und Gotteshass der Neuzeit

Wie wenige aber sind es in unsern Tagen, welche diese Pflichten mit der erforderlichen Gewissenhaftigkeit heilig halten und beobachten. Wenn je ein Zeitalter, so hat das unsere die Geister mit Trotz gegen Gott erfüllt. Wieder ist das frevelhafte Wort gegen Christus laut geworden: „Wir wollen nicht, dass dieser über uns herrsche.“[35] Wieder der frevelhafte Vorschlag: „Lasst uns ihn ausrotten.“[36] Ja, viele arbeiten mit dem heftigsten Ungestüm und Nachdruck auf die völlige Lostrennung der bürgerlichen und damit der ganzen menschlichen Gesellschaft von Gott hin, dessen Gedanken sie von ihr gänzlich fernzuhalten suchen.

Die heilige Messe als Sühnopfer

Noch ist man allerdings nicht zur Verwirklichung dieses verbrecherischen Wahnes gelangt, aber dennoch es zu bejammern, dass so viele die Majestät Gottes, seine Wohltaten und das von Christus erworbene Heil vergessen. Die Aufgabe, die Schädigungen dieser Nichtswürdigkeit und Saumseligkeit nun auszugleichen, muss fürderhin durch Vermehrung des frommen Eifers zur gemeinsamen Verehrung des eucharistischen Opfers erfüllt werden. Mit nichts vermöchten wir, Gott mehr zu ehren und mit nichts mehr zu erfreuen. Denn göttlich ist das hier dargebrachte Opferlamm. Mit ihm erweisen wir der erhabenen Dreifaltigkeit jene Verehrung, welche ihre unendliche Heiligkeit erheischt. Eine Gabe von unendlichem Werte und Lieblichkeit bringen wir in ihm dem Vater dar, seinen Eingeborenen. So sagen wir in diesem Opfer Gott nicht nur Dank, sondern wir betätigen ihn wirklich.

18 Eine zweifache und ausgezeichnete Frucht dürfen und müssen wir ferner noch bei diesem heiligen Opfer pflücken. Wenn die Seele die Flut der Laster bedenkt, welche überall hindringt, seit, wie gesagt, die Hoheit Gottes nicht mehr bedacht, ja verachtet wird, muss sie Betrübnis erfüllen. Es ist, als wollte vielfach das menschliche Geschlecht den göttlichen Zorn um jeden Preis über sich herabrufen, als ob nicht schon in der Saat der Übel, die auf ihm lasten, die gerechte Ahndung bereits reif geworden wäre. Zu regem frommem Wetteifer müssen deshalb die Gläubigen entbrennen, um die Rache Gottes gegen diese Untaten zu versöhnen und der unheilschwangeren Zeit zur rechten Stunde von der göttlichen Erbarmung Hilfe zu bringen. Mögen sie erkennen, dass dies hauptsächlich mit Hilfe dieses Opfers zu erstreben ist. Denn der göttlichen Gerechtigkeit kann der Mensch nur ganz und völlig genugtun, er kann ihrer Milde reiche Gaben nur erlangen – in Kraft des Todes Christi. Diese Kraft der Sühne und Fürbitte wollte Christus aber in der Eucharistie stets unvermindert erhalten, die nicht nur eine leere Gedächtnisfeier seines Todesopfers, sondern dessen wahre und wunderbare, wenngleich unblutige und geheimnisvolle Erneuerung ist.

Schluss

Aufblühen des eucharistischen Kultes

19 Gerne gestehen Wir übrigens, dass es für Uns eine große Freude gewesen ist, dass in den letzten Jahren die Gläubigen ihre Liebe und Ergebenheit gegen das allerheiligste Sakrament sichtlich neu belebten. Wir knüpfen daran die Hoffnung auf bessere Zeiten und Verhältnisse. Fromme Regsamkeit hat, wie Wir eingangs sagten, in dieser Hinsicht viele und mannigfaltige Schöpfungen ins Leben gerufen, besonders die Bruderschafen zur Erhöhung des Glanzes der eucharistischen Feierlichkeiten und zur immerwährenden, Tag und Nacht fortgesetzten Anbetung des erhabenen Sakramentes oder auch zur Sühnung der Unbildungen und Beleidigungen, welche ihm angetan werden. Noch dürfen wir aber nicht stehen bleiben, weder Wir noch ihr, Ehrwürdige Brüder! Noch viel mehr bleibt zu vollenden und in Angriff zu nehmen, auf das dieses größte aller göttlichen Gnadengeschenke von den pflichttreuen Anhängern der christlichen Religion mehr erkannt und verehrt werde und als das große Geheimnis die Anbetung erfahre, welche seiner Würde nach Möglichkeit gerecht wird.

Mittel zu dessen Förderung und Vertiefung

Was begonnen ist, soll demgemäss mit täglich wachsender Hingebung durchgeführt werden. Veranstaltungen aus früherer Zeit, die außer Übung gekommen sind, sind wieder aufzunehmen, so die eucharistischen Bruderschaften, die Betstunden vor dem ausgesetzten Allerheiligsten, die feierlichen, ihm geweihten Prozessionen, die Begrüßungen vor dem göttlichen Heiligtume des Tabernakels und andere heilige und heilsame Übungen dieser Art, und was sonst Klugheit und frommer Sinn hierin Förderliches zu raten weiß, soll Berücksichtigung finden. Vor allem ist dafür zu sorgen, dass die Übung des häufigen Empfanges der heiligen Kommunion unter den katholischen Völkern wieder auflebe und sich ausbreite. So will es das Beispiel der Urkirche, an das Wir schon oben erinnerten, so wollen es die Bestimmungen der Konzilien, so die Lehre der Väter und der heiligen Männer aller Jahrhunderte. Wie der Leib, so bedarf der Geist seiner Speise. Die vorzügliche Speise des Lebens aber bietet sich Uns dar in der hochheiligen Eucharistie. Hinweg also entschieden mit den widerstehenden Vorurteilen und Meinungen, hinweg mit der eiteln Furcht so vieler, allen Scheingründen, vom Tische des Herrn fernzubleiben. Es handelt sich hier um das aller segensreichste Mittel, welches dem gläubigen Volk die Kraft gibt, sich von den bangen Sorgen um die vergänglichen Dinge loszureißen und sie zurückzurufen und festzuhalten am Geist des christlichen Lebens. Zur Förderung dieses Zieles wird das Beispiel und die Ermunterung der höheren Klassen sehr vieles beitragen können, die größte Aufgabe aber fällt dem Eifer und der Arbeit des Klerus zu. Den Priestern hat ja Christus die Gewalt verliehen, die Geheimnisse seine Leibes und Blutes zu feiern und zu spenden. Diese hohe Ehre werden sie ihm nicht besser vergelten können als dadurch, dass sie mit aller Kraft seine Verehrung in der Eucharistie befördern, indem sie den Wünschen seines heiligsten Herzens willfahren und die Menschen zu der Quelle des Heiles in diesem Sakramente einladen und hinzuführen.

20 Dann werden, wie Wir es sehnlich wünschen, die vortrefflichen Früchte der Eucharistie täglich reicher sich zeigen. Glaube, Hoffnung und Liebe und jede christliche Tugend werden glücklich gedeihen, auch das menschliche Gemeinwesen wird Heil und Vorteil davon ernten. Möchten die Ratschlüsse der allweisend Liebe Gottes mehr und mehr offenbar werden, der für das Heil der Welt ein solches Geheimnis für immer eingesetzt hat.

21 Belebt von dieser Hoffnung, erteilen Wir euch, Ehrwürdige Brüder, allen, eurem Klerus und Volk in aller Liebe als Gewähr der göttlichen Gnade und Zeugnis Unserer Liebe den apostolischen Segen.

Gegeben zu Rom bei St. Peter, den 28. Mai des Jahres 1902,
dem fünfundzwanzigsten Unseres Pontifikates
Leo XIII. PP.

Anmerkungen

  1. Joh 6,52 EU.
  2. Jud 10 EU.
  3. Joh 6,52 EU.
  4. Tit 3,4 EU.
  5. Joh 4,14 EU.
  6. Joh 6,27 EU.
  7. Joh 6,48 EU.
  8. Joh 6,52 EU.
  9. Joh 6,54 EU.
  10. Bekenntnisse 7,10.
  11. Ps 110,4f EU.
  12. Eph 1,9f EU.
  13. Mal 1,11 EU.
  14. Weish 1,4 EU.
  15. Über 83 verschiedene Probleme. 36. Frage.
  16. Buch 4, Kap. 2 zu Joh. 6,57.
  17. Sach 9,17 EU.
  18. Joh 6,55 EU.
  19. Thomas von Aquin, Kleinere Werke Nr. 57. Tagzeiten zum Fronleichnamsfest.
  20. Lk 22,19 EU.
  21. 1 Kor 11,26 EU.
  22. 1 Tim 6,10 EU.
  23. 2 Kor 8,14 EU.
  24. Konzil von Trient, Über das allerheiligste Altarsakrament, 13. Sitzung. 2 Kap.
  25. 69. Brief an Magnus Nr. 5 (6).
  26. 26 Abhandlungen über das Evangelium des hl. Johannes Nr. 13,17.
  27. Summa theologica, 3. Hauptstück, 79. Quästion, 1 Artikel.
  28. Konzil von Trient 13 Sitzung. Über das allerheiligste Altarsakrament. 2 Kap.
  29. 1 Kor 10,17 EU.
  30. Apg 4,32 EU.
  31. Apg 2,42 EU.
  32. Mt 11,28 EU.
  33. Konzil von Trient 13. Sitzung, 8. Kapitel.
  34. Konzil von Trient 22. Sitzung. 6. Kapitel.
  35. Lk 18,14 EU.
  36. Jer 11,19 EU.
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