L’esperienza storica

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Motu proprio
L’esperienza storica

von Papst
Franziskus
durch das das Vatikanische Geheimarchiv in »Vatikanisches Apostolisches Archiv« umbenannt wird
22. Oktober 2019

(Quelle: Osservatore Romano, 13. Dezember 2019, S. 17)
Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


Die geschichtliche Erfahrung lehrt: Jede menschliche Institution, auch wenn sie unter der besten Obhut und mit starken und begründeten Hoffnungen auf Fortschritt entstanden ist, erkennt angesichts der unerbittlichen Spuren der Zeit die Notwendigkeit – gerade um sich selbst und den geistigen Zielen ihres Wesens treu zu bleiben –, zwar nicht ihre Gestalt zu verändern, vielmehr aber die sie inspirierenden Werte auf die verschiedenen Epochen und Kulturen zu übertragen und jene Aktualisierungen vorzunehmen, die sich als angemessen und zuweilen auch als notwendig erweisen.

Auch das Vatikanische Geheimarchiv, dem die Päpste aufgrund des darin verwahrten gewaltigen und bedeutenden dokumentarischen Erbes – das sowohl für die katholische Kirche als auch für die allgemeine Kultur so kostbar ist – stets Aufmerksamkeit und Fürsorge gewidmet haben, entzieht sich in seiner nunmehr über 400-jährigen Geschichte diesen unvermeidlichen Einflüssen nicht.

Das Päpstliche Archiv ist zwischen dem ers­ten und zweiten Jahrzehnt des 17. Jahrhunderts aus dem dokumentarischen Grundstock der Apostolischen Kammer und der Apostolischen Bibliothek (der sogenannten »Bibliotheca secreta«) hervorgegangen und wurde erst seit der Mitte jenes Jahrhunderts als »Geheim« (Archivum Secretum Vaticanum) bezeichnet. In geeigneten Räumlichkeiten des Apostolischen Palastes untergebracht, nahm es mit der Zeit an höchst beachtlichem Umfang zu. Von Anfang stand es offen für Anfragen von Dokumenten, die dem Papst, dem Kardinalkämmerer (Camerlengo) und später dem als Archivar und Bibliothekar dienenden Kardinal aus allen Teilen Europas und der Welt zukamen. Zwar fand die offizielle Öffnung des Archivs für Forscher aus allen Ländern erst 1881 statt, doch konnten zwischen dem 17. und dem 19. Jahrhundert viele gelehrte Werke unter Zuhilfenahme originalgetreuer Kopien oder authentischer Dokumente, die die Historiker von den Kustoden und den Präfekten des Vatikanischen Geheimarchivs erhielten, veröffentlicht werden. Der berühmte deutsche Philosoph und Mathematiker Gottfried Wilhelm Leibniz, der ebenfalls daraus schöpfte, schrieb im Jahr 1702 sogar, dass es gewissermaßen als das Zentralarchiv Europas betrachtet werden müsse (quod quodam modo totius Europae commune Archivum censeri debet).

Dieser langjährige Dienst, den es der Kirche, der Kultur und den Gelehrten aus aller Welt ge­leistet hat, hat dem Vatikanischen Geheimarchiv stets Wertschätzung und Anerkennung gebracht. Sie nahm von Leo XIII. bis in unsere Tage immer mehr zu, sowohl aufgrund der fortschreitenden »Öffnungen« der Dokumentation, die zur Konsultation zur Verfügung gestellt wurde (sie wird sich ab dem 2. März 2020 auf meine Verfügung hin bis zum Ende des Pontifikats Pius‘ XII. erstrecken), als auch aufgrund der zunehmenden Zahl der Forscher, die täglich Zugang zum Archiv und jede Art von Unterstützung bei ihren Recherchen bekommen.

Dieser verdienstvolle kirchliche und kulturelle Dienst, der solche Wertschätzung erfährt, entspricht den Absichten aller meiner Vorgänger, die je nach den Zeiten und Möglichkeiten die his­torischen Forschungen in diesem so umfangreichen Archiv gefördert und es – den Vorschlägen der Kardinalarchivare oder der Präfekten »pro tempore« entsprechend – mit Personal, Mitteln und auch neuen Technologien ausgestattet haben. Auf diese Weise wurde für das allmähliche Anwachsen der Struktur des Archivs gesorgt, für seinen immer anspruchsvolleren Dienst an der Kirche und an der Welt der Kultur, wobei man den Lehren und Weisungen der Päpste stets treu geblieben ist.

Dennoch gibt es noch einen Aspekt, den es meines Erachtens nützlich wäre zu erneuern, um die kirchlichen und kulturellen Ziele der Sendung des Archivs hervorzuheben. Dieser Aspekt betrifft den Namen des Instituts: Vatikanisches Geheimarchiv.

Entstanden, wie erwähnt, aus der »geheimen« Bibliothek des römischen Papstes, also aus jenem Teil der Kodizes und Schriften, die besonderes Eigentum des Papstes und seiner unmittelbaren Jurisdiktion unterstellt sind, hieß das Archiv zunächst einfach »Archivum novum«, dann »Archivum Apostolicum« und schließlich »Archivum Secretum« (die ersten Belege für diese Bezeichnung gehen etwa auf das Jahr 1646 zurück).

Der Begriff »Secretum«, der sich als Teil des Eigennamens der Institution in den letzten Jahrhunderten durchgesetzt hat, war dadurch gerechtfertigt, dass er anzeigte, dass das neue Archiv, das mein Vorgänger Paul V. um 1610-1612 gewollt hat, nichts Anderes war als das private, abgetrennte Archiv des Papstes, das ihm vorbehalten war. So wollten es alle Päpste bezeichnen, und so bezeichnen es noch heute die Gelehrten ohne jede Schwierigkeit. Im Übrigen war diese Bezeichnung mit ähnlicher Bedeutung an den Höfen der Herrscher und Fürsten verbreitet, deren Archive entsprechend als »geheim« bezeichnet wurden.

Solange man sich der engen Verbindung zwischen der lateinischen Sprache und den Sprachen, die aus dieser hervorgegangen sind, noch bewusst war, bedurfte der Name »Archivum Secretum« keiner Erklärung oder gar Rechtfertigung. Durch den allmählichen semantischen Wandel, der in den modernen Sprachen sowie in den Kulturen und gesellschaftlichen Sensibilitäten verschiedener Nationen in größerem oder kleinerem Maße stattgefunden hat, begann der Begriff »Secretum« im Zusammenhang mit dem Vatikanischen Archiv missverstanden zu werden und bekam eine zweideutige oder sogar negative Färbung. Als die wahre Bedeutung des Begriffs »secretum« verlorengegangen war und automatisch die moderne Bedeutung des Wortes »geheim« mit ihm assoziiert wurde, hat dieser Ausdruck in einigen Bereichen und Umfeldern, die auch von gewisser kultureller Wichtigkeit waren, die negative Bedeutung von etwas Verborgenem angenommen, von etwas, das nicht offenbart werden darf und nur einigen wenigen vorbehalten ist. Das ist genau das Gegenteil dessen, was das Vatikanische Geheimarchiv, das – wie mein heiliger Vorgänger Paul VI. gesagt hat – »den Nachhall und die Spuren« des Vorübergehens des Herrn in der Geschichte bewahrt (Ansprache an die kirchlichen Archivare, 26. September 1963), immer gewesen ist und sein will. Und die Kirche »hat keine Angst vor der Geschichte, ja sie liebt sie sogar und möchte sie immer mehr und immer besser lieben, so wie Gott sie liebt!« (Ansprache an die Mitarbeiter des Vatikanischen Geheimarchivs, 4. März 2019).

Auf Ersuchen einiger geschätzter Bischöfe sowie meiner engsten Mitarbeiter in den letzten Jahren und nach Anhörung der Meinung der Oberen des Vatikanischen Geheimarchivs selbst entscheide ich durch dieses Motu proprio, dass:

das Vatikanische Geheimarchiv ohne jegliche Veränderung seiner Identität, seiner Struktur und seiner Sendung von nun an »Vatikanisches Apos­tolisches Archiv« heißen soll.

Indem sie den tatkräftigen Willen zum Dienst an der Kirche und an der Kultur erneut bestätigt, macht die neue Bezeichnung die enge Verbindung des römischen Bischofsstuhls mit dem Archiv, einem unverzichtbaren Werkzeug des Petrusdienstes, deutlich und hebt gleichzeitig seine unmittelbare Abhängigkeit vom Papst hervor, so wie es parallel dazu durch die Bezeichnung »Vatikanische Apostolische Bibliothek« bereits der Fall ist.

Ich verfüge, dass das vorliegende Apostolische Schreiben in Form eines Motu proprio durch Veröffentlichung im L’Osservatore Romano promulgiert wird, und nach besagter Veröffentlichung unmittelbar in Kraft tritt, um sofort unter die offiziellen Dokumente des Heiligen Stuhls aufgenommen zu werden, und dass es anschließend in die Acta Apostolicae Sedis eingefügt wird.

Gegeben zu Rom, bei Sankt Peter, am 22. Oktober 2019,

im siebten Jahr unseres Pontifikates

Franziskus
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