Kreuzweg am Kolosseum 2007

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Der Kreuzweg am Kolosseum unter Vorsitz Papst Benedikt XVI., wurde am Karfreitag dem 10. April 2007 meditiert bzw. gebetet. Die Kreuzweg-Meditationen wurden von Gianfranco Ravasi, dem Präfekten der Bibliothek und Pinakothek Ambrosiana von Mailand, verfasst. Die Namen der Kreuzwegstationen entsprechen oft nicht den traditionellen Bezeichnungen (Vorstellung und Meditationen auf der Vatikanseite).

Inhaltsverzeichnis

EINFÜHRUNG

Es war ein Frühlingsvormittag in einem Jahr zwischen 30 und 33 unserer Zeitrechnung. Durch eine Straße von Jerusalem – die in den nachfolgenden Jahrhunderten den bezeichnenden Namen »Via Dolorosa« tragen sollte – zieht sich ein kleiner Menschenzug: Ein zum Tode Verurteilter, begleitet von einem Trupp römischer Soldaten, bewegt sich vorwärts. Er trägt das patibulum, den Querbalken jenes Kreuzes, dessen Stamm bereits dort oben aufgestellt war, zwischen den Steinen einer kleinen felsigen Anhöhe, die auf aramäisch Golgota heißt und auf lateinisch Calvaria, das heißt »Schädel«.

Dies war der letzte Abschnitt einer Geschichte, die jeder kennt und in deren Mittelpunkt Jesus Christus steht, der gekreuzigte und gedemütigte Mensch und der auferstandene und verherrlichte Herr. Es war eine Geschichte, die in der tiefen Dunkelheit der vorangegangenen Nacht ihren Anfang genommen hatte, unter dem Laubwerk der Ölbäume eines Grundstücks, das Getsemani, also »Ölpresse«, genannt wird. Diese Geschichte hatte dann in den Zentren der religiösen und politischen Macht einen raschen Fortgang gefunden und hatte zu einem Todesurteil geführt. Und dennoch sollte das Grab, das ein begüterter Mann namens Josef von Arimathäa großherzig zur Verfügung gestellt hatte, nicht das Ende der Geschichte jenes Verurteilten sein, anders als für viele andere gemarterte Leiber von Menschen, die grausam hingerichtet worden waren durch die Kreuzigung, die die Römer für die Aburteilung von Aufständischen und Sklaven vorsahen.

Es sollte nämlich noch einen weiteren Abschnitt geben – überraschend und unvermutet. Jener Verurteilte, Jesus von Nazaret, sollte auf großartige Weise eine andere ihm eigene Natur offenbaren, die unter den konkreten Gesichtszügen und unter der Gestalt seines menschlichen Leibes verborgen war: seine Natur, der Sohn Gottes zu sein. Nicht in das Kreuz und in das Grab mündete diese Geschichte letztendlich ein, sondern in das Licht seiner Auferstehung und seiner Herrlichkeit. Wie der Apostel Paulus wenige Jahre später sagen sollte, war er, der sich seiner Macht entäußert hatte, indem er machtlos und schwach wurde wie die Menschen und sich erniedrigte bis zum grausamen Tod am Kreuz, vom göttlichen Vater erhöht und zum Herrn der Erde und des Himmels, der Geschichte und der Ewigkeit gemacht worden (vgl. Philipper 2,6-11).

Jahrhundertelang sind die Christen die Stationen dieses Kreuzwegs immer wieder gegangen. Der Weg führt dabei auf den Kreuzigungshügel, der Blick ist jedoch auf das Endziel, das österliche Licht, ausgerichtet. Sie taten dies als Pilger auf eben jener Straße von Jerusalem, aber auch in ihren eigenen Städten, in ihren Kirchen, in ihren Häusern. Jahrhundertelang haben Schriftsteller und Künstler, große und unbekannte, versucht, vor den staunenden und betroffenen Blicken der Gläubigen jene Etappen oder »Stationen« noch einmal aufleben zu lassen, wahre Augenblicke des betrachtenden Innehaltens auf dem Weg nach Golgota. So entstanden Bilder – mal mächtige und mal einfache, kunstvolle und volkstümliche, dramatische und naive.

Auch in Rom findet an jedem Karfreitag unter dem Vorsitz des Bischofs dieser Stadt, Papst Benedikt XVI., und mit der ganzen Christenheit der Welt, die mit ihrem universalen Hirten vereint ist, jener geistliche Weg auf den Spuren Jesu Christi statt. In diesem Jahr stammen die – narrativ-betrachtenden – Reflexionen, die die einzelnen Gebetsmomente unterteilen und dabei dem Passionsbericht des Evangelisten Lukas folgen, von einem Biblisten, Prälat Gianfranco Ravasi, dem Präfekten der Bibliothek und Pinakothek Ambrosiana von Mailand. Diese kulturelle Einrichtung wurde vor 400 Jahren von Kardinal Friedrich Borromäus, dem Erzbischof jener Stadt und Cousin des hl. Karl Borromäus, gegründet, und einer ihrer Präfekten war vor hundert Jahren Achille Ratti, der spätere Papst Pius XI.

Gehen wir also gemeinsam diesen Weg des Gebetes, nicht einfach im historischen Gedenken an ein Ereignis der Vergangenheit und an einen Verstorbenen, sondern um die rauhe und harte Realität einer Geschichte zu erleben, die sich jedoch öffnet zur Hoffnung, zur Freude, zur Erlösung hin. Neben uns auf dem Weg werden vielleicht auch diejenigen gehen, die noch auf der Suche sind und die sich unruhig fragend vorwärtsbewegen. Und während wir von Station zu Station vorangehen auf diesem Weg des Schmerzes und des Lichts, werden die nachdrücklichen Worte des Apostels Paulus widerhallen: »Verschlungen ist der Tod vom Sieg. Tod, wo ist dein Sieg? … Gott aber sei Dank, der uns den Sieg geschenkt hat durch Jesus Christus, unseren Herrn« (1 Korinther 15,54-55.57).


VORBEREITUNGSGEBET

Der Heilige Vater: Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

R. Amen.

Brüder und Schwestern, die nächtliche Dunkelheit hat sich über Rom gesenkt so wie an jenem Abend über die Häuser und Gärten Jerusalems. Auch wir werden uns jetzt zu den Ölbäumen von Getsemani begeben und werden beginnen, den Schritten Jesu von Nazaret zu folgen in den letzten Stunden seines irdischen Lebens. Es wird eine Reise durch den Schmerz, durch die Einsamkeit, durch die Grausamkeit, durch das Böse und durch den Tod sein. Aber es wird auch ein Weg im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe sein, weil das Grab auf dem letzten Abschnitt unseres Weges nicht für immer verschlossen bleiben wird. Wenn die Dunkelheit vorüber ist, wird am Ostermorgen das Licht der Freude erstehen, wird das Schweigen durch das Wort des Lebens verdrängt werden, wird auf den Tod die Herrlichkeit der Auferstehung folgen. Beten wir nun, indem wir unsere Worte vereinen mit denen einer altehrwürdigen Stimme des christlichen Ostens. Herr Jesus, gewähre uns die Tränen, die wir jetzt nicht haben, um unsere Sünden abzuwaschen. Schenke uns den Mut, um dein Erbarmen zu bitten. Am Tag deines jüngsten Gerichts reiße die Seiten aus, auf denen unsere Sünden verzeichnet sind, und gib, daß sie nicht mehr daseien[1].

Herr Jesus, du sagst auch zu uns an diesem Abend die Worte, die du einst zu Petrus gesagt hast: »Folge mir nach«. Wir wollen deiner Einladung gehorsam sein und wollen dir nachfolgen, Schritt für Schritt, auf dem Weg deines Leidens, damit auch wir lernen, das im Sinn zu haben, was Gott will, und nicht das, was die Menschen wollen. Amen.

ERSTE STATION: Jesus im Garten am Ölberg

V/. Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi.

L. Quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.

Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas. 22, 39-46

Jesus ging, wie er es gewohnt war, zum Ölberg; seine Jünger folgten ihm. Als er dort war, sagte er zu ihnen: »Betet darum, daß ihr nicht in Versuchung geratet!«. Dann entfernte er sich von ihnen ungefähr einen Steinwurf weit, kniete nieder und betete: »Vater, wenn du willst, nimm diesen Kelch von mir! Aber nicht mein, sondern dein Wille soll geschehen«. Da erschien ihm ein Engel vom Himmel und gab ihm (neue) Kraft. Und er betete in seiner Angst noch inständiger, und sein Schweiß war wie Blut, das auf die Erde tropfte. Nach dem Gebet stand er auf, ging zu den Jüngern zurück und fand sie schlafend; denn sie waren vor Kummer erschöpft. Da sagte er zu ihnen: »Wie könnt ihr schlafen? Steht auf und betet, damit ihr nicht in Versuchung geratet«.

BETRACHTUNG

Wenn sich der Schleier der Dunkelheit über Jerusalem legt, dann scheinen die Ölbäume von Getsemani mit dem Rauschen ihrer Blätter uns noch heute zurückzubegleiten in jene Nacht des Leidens und des Gebets, die Jesus durchlebte. Er hebt sich einsam im Mittelpunkt des Schauplatzes ab, auf den Erdschollen des Gartens kniend. Wie jeder Mensch, der dem Tod ins Auge blickt, befindet sich auch Jesus in den Fängen der Angst. Das ursprüngliche Wort, das der Evangelist Lukas gebraucht, ist »Agonie«, also Kampf. Das Gebet Jesu ist in jener Stunde dramatisch, angespannt wie in einem Kampf, und der blutdurchzogene Schweiß, der über sein Gesicht rinnt, ist ein Zeichen bitterer und schwerer Qual.

Der Schrei ist zum Himmel gerichtet, an jenen Vater, der geheimnisvoll und stumm zu sein scheint: »Vater, wenn du willst, nimm diesen Kelch von mir!«, den Kelch des Schmerzes und des Todes. Auch einer der Erzväter Israels, Jakob, war in einer finsteren Nacht am Ufer eines Nebenflusses des Jordan Gott in Gestalt eines geheimnisvollen Menschen begegnet, der »mit ihm gerungen hatte bis zum Aufstieg der Morgenröte«[1]. In der Zeit der Prüfung zu beten, ist eine Erfahrung, die Leib und Seele erschüttert, und auch Jesus bringt in der Dunkelheit jenes Abends »mit lautem Schreien und unter Tränen Gebete und Bitten vor den, der ihn aus dem Tod retten kann«[2].

* * *

Im Christus von Getsemani, der mit der Angst kämpft, finden wir uns selbst wieder, wenn wir die Nacht des qualvollen Schmerzes, des Verlassenseins von den Freunden, des Schweigens Gottes erleben. Daher wird Jesus – wie einmal gesagt wurde – »bis zum Ende der Welt in Agonie sein; in dieser Zeit darf man nicht schlafen, weil er Gesellschaft und Trost sucht«[3], wie jeder Leidende auf der Welt. In ihm entdecken wir auch unser Gesicht, wenn es von Tränen überströmt und von Trostlosigkeit gezeichnet ist.

Aber der Kampf Jesu endet nicht in der Versuchung, verzweifelt zu resignieren, sondern im Bekenntnis des Vertrauens zum Vater und zu seinem geheimnisvollen Plan. Es sind die Worte des »Vater Unser«, die er in jener schweren Stunde wiederholt: »Betet, damit ihr nicht in Versuchung geratet … Nicht mein, sondern dein Wille soll geschehen«. Und da, in diesem Augenblick, erscheint der Engel des Trostes, der Stütze und der Ermutigung, der Jesus und uns hilft, unseren Weg bis ans Ende fortzusetzen.

Alle:

Pater noster, qui es in caelis: sanctificetur nomen tuum; adveniat regnum tuum; fiat voluntas tua, sicut in caelo, et in terra. Panem nostrum cotidianum da nobis hodie; et dimitte nobis debita nostra, sicut et nos dimittimus debitoribus nostris; et ne nos inducas in tentationem; sed libera nos a malo.

Stabat Mater dolorosa, iuxta crucem lacrimosa, dum pendebat Filius.

ZWEITE STATION: Jesus, von Judas verraten, wird gefangen genommen

V/. Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi.

L. Quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.

Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas. 22, 47-53

Während er noch redete, kam eine Schar von Männern; Judas, einer der Zwölf, ging ihnen voran. Er näherte sich Jesus, um ihn zu küssen. Jesus aber sagte zu ihm: »Judas, mit einem Kuß verrätst du den Menschensohn?« Als seine Begleiter merkten, was (ihm) drohte, fragten sie: »Herr, sollen wir mit dem Schwert dreinschlagen?« Und einer von ihnen schlug auf den Diener des Hohenpriesters ein und hieb ihm das rechte Ohr ab. Jesus aber sagte: »Hört auf damit!«. Und er berührte das Ohr und heilte den Mann. Zu den Hohenpriestern aber, den Hauptleuten der Tempelwache und den Ältesten, die vor ihm standen, sagte Jesus: »Wie gegen einen Räuber seid ihr mit Schwertern und Knüppeln ausgezogen. Tag für Tag war ich bei euch im Tempel, und ihr habt nicht gewagt, gegen mich vorzugehen. Aber das ist eure Stunde, jetzt hat die Finsternis die Macht«.

BETRACHTUNG

Zwischen den Ölbäumen von Getsemani, die in das Dunkel getaucht sind, nähert sich jetzt eine kleine Schar: Angeführt wird sie von Judas, »einem der Zwölf«, einem Jünger Jesu. Im Bericht des Lukas spricht er kein einziges Wort; er ist nur eine eiskalte Präsenz. Es scheint fast, daß er sich dem Antlitz Jesu nicht ganz nähern kann, um ihn zu küssen, da die einzige Stimme, die man hört, die Stimme Christi, ihm Einhalt gebietet: »Judas, mit einem Kuß verrätst du den Menschensohn?«. Es sind traurige, aber feste Worte, die das bösartige Geschwür offenlegen, das verborgen ist im unruhigen und verhärteten Herzen des Jüngers, der vielleicht falsche Erwartungen gehegt hatte, enttäuscht war und wenig später verzweifelt sein wird.

Dieser Verrat und dieser Kuß sind durch die Jahrhunderte hindurch zum Symbol aller Untreue, aller Abtrünnigkeit, allen Betrugs geworden. Christus steht also einer weiteren Prüfung gegenüber: dem Verrat, der Verlassenheit und Einsamkeit erzeugt. Es ist nicht die Abgeschiedenheit, die er liebte, wenn er sich auf die Berge zurückzog, um zu beten, es ist nicht die innere Einsamkeit, die Quelle des Friedens und der Ruhe ist, weil man sich durch sie dem Geheimnis der Seele und Gottes zuwendet. Statt dessen ist es die bittere Erfahrung vieler Menschen, die auch zu dieser Stunde, in der wir hier versammelt sind, ebenso wie in anderen Augenblicken des Tages, allein sind in einem Zimmer, vor einer kahlen Wand oder einem stummen Telefon, von allen vergessen, weil sie alt, krank, Fremde oder Außenseiter sind. Jesus trinkt mit ihnen auch diesen Kelch, der das Gift der Verlassenheit, der Einsamkeit, der Feindseligkeit enthält.

* * *

In den Schauplatz von Getsemani ist also Leben gekommen: Dem voran­gegangenen Bild des Gebets, das feierlichen Ernst, Vertrautheit und Stille ausstrahlte, steht nun unter den Ölbäumen der Lärm, der Tumult und sogar die Gewalt entgegen. Jesus steht jedoch immer noch fest im Mittelpunkt. Er ist sich bewußt, daß das Böse die menschliche Geschichte einhüllt mit seinem Schweißtuch aus Anmaßung, Aggression und Brutalität: »Das ist eure Stunde, jetzt hat die Finsternis die Macht«.

Christus will nicht, daß die Jünger, die bereit sind, zum Schwert zu greifen, auf das Böse mit Bösem reagieren, auf Gewalt mit Gegengewalt. Er ist gewiß, daß die Macht der Finsternis – die scheinbar unbezwingbar ist und unersättlich an Triumphen – dazu verurteilt ist, gebrochen zu werden. Auf die Nacht wird nämlich der Morgen folgen, auf die Dunkelheit das Licht, auf den Verrat die Reue, auch für Judas. Das ist der Grund, warum man trotz allem fortfahren muß, zu hoffen und zu lieben. Wie Jesus selbst auf dem Berg der Seligpreisungen gelehrt hat, müssen wir, um eine neue und andere Welt zu bekommen, »unsere Feinde lieben und für die beten, die uns verfolgen«[1].

Alle:

Pater noster, qui es in caelis: sanctificetur nomen tuum; adveniat regnum tuum; fiat voluntas tua, sicut in caelo, et in terra. Panem nostrum cotidianum da nobis hodie; et dimitte nobis debita nostra, sicut et nos dimittimus debitoribus nostris; et ne nos inducas in tentationem; sed libera nos a malo.

Cuius animam gementem, contristatam et dolentem pertransivit gladius.

DRITTE STATION: Jesus wird vom Hohen Rat verurteilt

V/. Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi.

L. Quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.

Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas. 22, 66-71

Als es Tag wurde, versammelten sich die Ältesten des Volkes, die Hohenpriester und die Schriftgelehrten, also der Hohe Rat, und sie ließen Jesus vorführen. Sie sagten zu ihm: »Wenn du der Messias bist, dann sag es uns!«. Er antwortete ihnen: »Auch wenn ich es euch sage – ihr glaubt mir ja doch nicht; und wenn ich euch etwas frage, antwortet ihr nicht. Von nun an wird der Menschensohn zur Rechten des allmächtigen Gottes sitzen«. Da sagten alle: »Du bist also der Sohn Gottes«. Er antwortete ihnen: »Ihr sagt es – ich bin es«. Da riefen sie: »Was brauchen wir noch Zeugenaussagen? Wir haben es selbst aus seinem eigenen Mund gehört«.

BETRACHTUNG

Die Sonne des Karfreitags wird hinter dem Ölberg sichtbar, nachdem sie die Täler der Wüste Juda erhellt hat. Die einundsiebzig Mitglieder des Hohen Rates, der höchsten jüdischen Institution, sind im Halbkreis um Jesus versammelt. Soeben wird die Verhandlung eröffnet, die die gewohnten Gerichtsvorgänge umfaßt: die Überprüfung der Identität, die Anklagepunkte, die Zeugenaussagen. Der Prozeß ist religiöser Natur, wie es der Zuständigkeit jenes Gerichtshofes entspricht und wie auch aus den beiden wesentlichen Fragen hervorgeht: »Bist du der Messias? … Bist du der Sohn Gottes?«.

Die Artwort Jesu beginnt mit einer beinahe mutlosen Vorbemerkung: »Auch wenn ich es euch sage – ihr glaubt mir ja doch nicht; und wenn ich euch etwas frage, antwortet ihr nicht«. Er weiß also, daß Unverstand, Verdächtigungen, Mißverständnisse im Raume liegen. Er spürt um sich herum eine kalte Wand aus Mißtrauen und Feindseligkeit, die noch unerträglicher wird durch die Tatsache, daß sie von seiner eigenen religiösen und nationalen Gemeinschaft gegen ihn aufgerichtet wurde. Bereits der Psalmist hatte diese Enttäuschung erfahren: »Denn nicht mein Feind beschimpft mich, das würde ich ertragen; nicht ein Mann, der mich haßt, tritt frech gegen mich auf, vor ihm könnte ich mich verbergen. Nein, du bist es, ein Mensch aus meiner Umgebung, mein Freund, mein Vertrauter, mit dem ich, in Freundschaft verbunden, zum Haus Gottes gepilgert bin inmitten der Menge«[1].

* * *

Trotz dieses Unverstandenseins zögert Jesus dennoch nicht, das Geheimnis zu verkündigen, das in ihm ist und das von diesem Augenblick an enthüllt werden soll wie in einer Epiphanie. In der Sprache der Heiligen Schrift gesprochen zeigt er sich als »der Menschensohn, der zur Rechten des allmächtigen Gottes sitzt«. Es ist die von Israel erwartete messianische Herrlichkeit, die sich jetzt in diesem Verurteilten offenbart. Mehr noch: Es ist der Sohn Gottes, der sich jetzt paradoxerweise im Gewand eines Angeklagten zeigt. Die Antwort Jesu – »Ich bin es« –, die auf den ersten Blick wie das Geständnis eines Verurteilten erscheint, wird in Wirklichkeit zu einem feierlichen Bekenntnis der Göttlichkeit. In der Tat ist in der Bibel »Ich-bin-da« der Name und die Bezeichnung für Gott selbst[2].

Die Anklage, die zu einem Todesurteil führen wird, wird so zu einer Offenbarung, und sie wird auch zu unserem Glaubensbekenntnis an Christus, den Sohn Gottes. Dieser Angeklagte, der gedemütigt ist durch den von Stolz erfüllten Gerichtshof, den prunkvollen Saal und ein Urteil, das bereits feststeht, ruft allen Menschen die Pflicht in Erinnerung, von der Wahrheit Zeugnis zu geben. Dieses Zeugnis muß auch dann zum Ausdruck gebracht werden, wenn die Versuchung stark ist, sich zu verbergen, zu resignieren, sich im Strom der vorherrschenden Meinung treiben zu lassen. Eine junge jüdische Frau, die in einem Konzentrationslager sterben mußte, sagte: »Jedem weiteren Verbrechen, jeder weiteren Grausamkeit müssen wir ein weiteres Stückchen Liebe und Güte gegenüberstellen, das wir in uns selbst erobern müssen. Wir dürfen zwar leiden, aber wir dürfen nicht darunter zerbrechen«[3].

Alle:

Pater noster, qui es in caelis: sanctificetur nomen tuum; adveniat regnum tuum; fiat voluntas tua, sicut in caelo, et in terra. Panem nostrum cotidianum da nobis hodie; et dimitte nobis debita nostra, sicut et nos dimittimus debitoribus nostris; et ne nos inducas in tentationem; sed libera nos a malo.

O quam tristis et afflicta fuit illa benedicta mater Unigeniti

VIERTE STATION: Jesus wird von Petrus verleugnet

V/. Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi.

L. Quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.

Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas. 22, 54-62

Darauf nahmen sie ihn fest, führten ihn ab und brachten ihn in das Haus des Hohenpriesters. Petrus folgte von weitem. Mitten im Hof hatte man ein Feuer angezündet, und Petrus setzte sich zu den Leuten, die dort beieinandersaßen. Eine Magd sah ihn am Feuer sitzen, schaute ihn genau an und sagte: »Der war auch mit ihm zusammen«. Petrus aber leugnete es und sagte: »Frau, ich kenne ihn nicht«. Kurz danach sah ihn ein anderer und bemerkte: »Du gehörst auch zu ihnen«. Petrus aber sagte: »Nein, Mensch, ich nicht!«. Etwa eine Stunde später behauptete wieder einer: »Wahrhaftig, der war auch mit ihm zusammen; er ist doch auch ein Galiläer«. Petrus aber erwiderte: »Mensch, ich weiß nicht, wovon du sprichst«. Im gleichen Augenblick, noch während er redete, krähte ein Hahn. Da wandte sich der Herr um und blickte Petrus an. Und Petrus erinnerte sich an das, was der Herr zu ihm gesagt hatte: »Ehe heute der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.« Und er ging hinaus und weinte bitterlich.

BETRACHTUNG

Wir kehren wieder in die Nacht zurück, die wir hinter uns gelassen hatten, als wir in den Saal des ersten Prozesses eingetreten waren, dem Jesus sich unterziehen mußte. Die Dunkelheit und die Kälte werden zerrissen von den Flammen eines Kohlenfeuers, das sich im Hof des Palastes des Hohen Rats befindet. Die Bediensteten und die Wachleute halten die Hände in die Wärme; ihre Gesichter sind erleuchtet. Und da werden nacheinander drei Stimmen laut, drei Hände zeigen auf ein Gesicht, das wiedererkannt worden ist, das Gesicht des Petrus. Die erste ist eine weibliche Stimme. Eine Hausmagd schaut dem Jünger fest in die Augen und ruft: »Auch du warst mit Jesus zusammen!«. Dann folgt eine männliche Stimme: »Du gehörst zu ihnen!«. Wieder ein anderer Mann bekräftigt später denselben Vorwurf, als er den nördlichen Akzent des Petrus bemerkt: »Du warst mit ihm zusammen!« Auf diese Vorwürfe hin, sich gleichsam mit wachsender Verzweiflung verteidigend, zögert der Apostel nicht, dreimal zu schwören: »Ich kenne Jesus nicht! Ich bin keiner seiner Jünger! Ich weiß nicht, wovon ihr sprecht!«. Das Licht des Kohlenfeuers dringt also viel weiter vor als nur bis zum Gesicht des Petrus; es legt eine erbärmliche Seele bloß, seine Schwachheit, den Egoismus, die Angst. Und nur wenige Stunden zuvor hatte er noch verkündet: »Auch wenn alle (an dir) Anstoß nehmen – ich nicht! … Und wenn ich mit dir sterben müßte – ich werde dich nie verleugnen«[1].

* * *

Anders als bei Judas fällt jedoch nach diesem Verrat der Vorhang nicht. In jener Nacht nämlich durchdringt ein Schrei die Stille von Jerusalem und vor allem das Gewissen des Petrus: Es ist ein Hahnenschrei. Genau in jenem Augenblick kommt Jesus aus der Gerichtsversammlung, die ihn verurteilt hat, heraus. Lukas beschreibt, wie der Blick Jesu und der Blick des Petrus sich kreuzen, und er gebraucht dafür ein griechisches Verb, das bedeutet, jemandem tief ins Gesicht zu blicken. Aber, wie der Evangelist bemerkt, blicken jetzt nicht irgendwelche Menschen einander an; es ist »der Herr«, dessen Augen Herz und Nieren prüfen, die also tief in das innerste Geheimnis einer Seele schauen.

Und aus den Augen des Apostels fließen die Tränen der Reue. In seinem Leben kommen viele Geschichten der Untreue und der Bekehrung, der Schwäche und der Befreiung zusammen. »Ich habe geweint, und ich habe geglaubt«: so, mit nur diesen beiden Verben, wird Jahrhunderte später ein Konvertit[2] seine eigene Erfahrung neben die des Petrus stellen und wird damit für uns alle sprechen, die wir jeden Tag kleine Verrate begehen und uns zu schützen versuchen durch erbärmliche Rechtfertigungen, die wir zulassen, weil feige Ängste von uns Besitz ergreifen. Aber wie dem Apostel so steht auch uns der Weg zur Begegnung mit dem Blick Christi offen, der auch uns die Aufgabe anvertraut: Auch du, »wenn du dich wieder bekehrt hast, dann stärke deine Brüder«[3].

Alle:

Pater noster, qui es in caelis: sanctificetur nomen tuum; adveniat regnum tuum; fiat voluntas tua, sicut in caelo, et in terra. Panem nostrum cotidianum da nobis hodie; et dimitte nobis debita nostra, sicut et nos dimittimus debitoribus nostris; et ne nos inducas in tentationem; sed libera nos a malo.

Quae maerebat et dolebat pia mater, cum videbat Nati poenas incliti.

FÜNFTE STATION: Jesus wird von Pilatus gerichtet

V/. Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi.

L. Quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.

Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas. 23, 13-25

Pilatus rief die Hohenpriester und die anderen führenden Männer und das Volk zusammen und sagte zu ihnen: »Ihr habt mir diesen Menschen hergebracht und behauptet, er wiegle das Volk auf. Ich selbst habe ihn in eurer Gegenwart verhört und habe keine der Anklagen, die ihr gegen diesen Menschen vorgebracht habt, bestätigt gefunden, auch Herodes nicht, denn er hat ihn zu uns zurückgeschickt. Ihr seht also: Er hat nichts getan, worauf die Todesstrafe steht. Daher will ich ihn nur auspeitschen lassen, und dann werde ich ihn freilassen«. Da schrieen sie alle miteinander: »Weg mit ihm; laß den Barabbas frei!«. Dieser Mann war wegen eines Aufruhrs in der Stadt und wegen Mordes ins Gefängnis geworfen worden. Pilatus aber redete wieder auf sie ein, denn er wollte Jesus freilassen. Doch sie schrieen: »Kreuzige ihn, kreuzige ihn!«. Zum drittenmal sagte er zu ihnen: »Was für ein Verbrechen hat er denn begangen? Ich habe nichts feststellen können, wofür er den Tod verdient. Daher will ich ihn auspeitschen lassen, und dann werde ich ihn freilassen«. Sie aber schrieen und forderten immer lauter, er solle Jesus kreuzigen lassen, und mit ihrem Geschrei setzten sie sich durch: Pilatus entschied, daß ihre Forderung erfüllt werden solle. Er ließ den Mann frei, der wegen Aufruhr und Mord im Gefängnis saß und den sie gefordert hatten. Jesus aber lieferte er ihnen aus, wie sie es verlangten.

BETRACHTUNG

Jesus ist jetzt zwischen den kaiserlichen Hoheitszeichen, den Bannern, Adlern und Standarten der römischen Staatsgewalt, im Innern eines anderen Zentrums der Macht, dem des Statthalters Pontius Pilatus. Dieser Name steht in der Geschichte des Römischen Reiches am Rande und ist in Vergessenheit geraten. Und dennoch ist es ein Name, den man jeden Sonntag auf der ganzen Welt vernehmen kann, aufgrund jenes Prozesses, der jetzt beginnt; denn die Christen verkünden im Glaubensbekenntnis: Christus wurde »gekreuzigt unter Pontius Pilatus«. Einerseits verkörpert er auf den ersten Blick die Brutalität der Unterdrücker. Lukas erwähnt sogar an einer Stelle seines Evangeliums jenen Tag, an dem Pilatus nicht davor zurückgeschreckt war, im Tempel das jüdische Blut mit dem der Opfertiere zu vermischen[1]. Neben ihm steht noch eine andere finstere und nicht greifbare Macht: die wilde Gewalt der Massen, die manipuliert werden von den Machenschaften der geheimen Mächte, die im Verborgenen wirken. Am Ende steht die Entscheidung, einen Aufrührer und Mörder zu begnadigen: Barabbas.

Andererseits zeigt sich die Gestalt des Pilatus jedoch auch von einer anderen Seite: Er scheint die traditionelle Unvoreingenommenheit und Unparteilichkeit des römischen Rechts zu vertreten. In der Tat macht Pilatus dreimal den Versuch vorzuschlagen, Jesus aus Mangel an Beweisen freizusprechen und höchstens eine Disziplinarstrafe, die Auspeitschung, zu verhängen. Die Anklage konnte nämlich einem ernsthaften Untersuchungsprozeß nicht standhalten. Wie alle Evangelisten betonen, offenbart Pilatus also eine gewisse Offenheit des Geistes, eine Bereitwilligkeit, die jedoch nach und nach abnimmt und erlischt.

* * *

Unter dem Druck der öffentlichen Meinung verkörpert Pilatus also eine Haltung, die in unseren Tagen vorzuherrschen scheint, die der Gleichgültigkeit, der mangelnden Anteilnahme, des persönlichen Nutzens. Für ein ruhiges Leben und für den eigenen Vorteil werden ohne zu zögern Wahrheit und Gerechtigkeit mit Füßen getreten. Die offene Unmoral ruft wenigstens Schrecken oder eine Reaktion hervor; dies ist jedoch reine Amoralität, die das Gewissen lähmt, die Reue abtötet und den Geist abstumpfen läßt. Die Gleichgültigkeit ist der langsame Tod der wahren Menschlichkeit.

Am Ende steht die endgültige Entscheidung des Pilatus. Wie die alten Lateiner sagten, wird eine geheuchelte und teilnahmslose Gerechtigkeit gleichsam zu einem Spinnennetz, in das die kleinen Fliegen hineingeraten und sterben, das die Vögel jedoch mit der Kraft ihres Fluges zerreißen. Jesus, der einer der Geringen der Welt ist, erstickt in diesem Netz, ohne ein Wort hervorbringen zu können. Und wie auch wir es oft tun, wendet Pilatus sich ab, wäscht seine Hände in Unschuld und stellt – nach dem Evangelisten Johannes – zu seiner Rechtfertigung die ewige Frage, die typisch ist für jede Spielart von Skeptizismus und ethischem Relativismus: »Was ist denn schon die Wahrheit?«[2].

Alle:

Pater noster, qui es in caelis: sanctificetur nomen tuum; adveniat regnum tuum; fiat voluntas tua, sicut in caelo, et in terra. Panem nostrum cotidianum da nobis hodie; et dimitte nobis debita nostra, sicut et nos dimittimus debitoribus nostris; et ne nos inducas in tentationem; sed libera nos a malo.

Quis est homo qui non fleret, matrem Christi si videret in tanto supplicio?

SECHSTE STATION: Jesus wird gegeißelt und mit Dornen gekrönt

V/. Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi.

L. Quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.

Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas. 22, 63-65

Die Wächter trieben ihren Spott mit Jesus. Sie schlugen ihn, verhüllten ihm das Gesicht und fragten ihn: »Du bist doch ein Prophet! Sag uns: Wer hat dich geschlagen?«. Und noch mit vielen anderen Lästerungen verhöhnten sie ihn.

Aus dem heiligen Evangelium nach Johannes. 19, 2-3

Die Soldaten flochten einen Kranz aus Dornen; den setzten sie ihm auf und legten ihm einen purpurroten Mantel um. Sie stellten sich vor ihn hin und sagten: »Heil dir, König der Juden!« Und sie schlugen ihm ins Gesicht.

BETRACHTUNG

Als er eines Tages nicht weit von Jericho durch das Jordantal zog, war Jesus stehengeblieben und hatte zu den Zwölf sehr harte und ihnen unverständliche Worte gesagt: »Wir gehen jetzt nach Jerusalem hinauf, dort wird der Menschensohn den Heiden ausgeliefert, wird verspottet, mißhandelt und angespuckt werden, und man wird ihn geißeln und töten…«[1]. Jetzt löst sich das Rätsel um diese Worte: Im Hof des Prätoriums, des Amtssitzes des römischen Statthalters in Jerusalem, beginnt das grauenhafte Ritual der Folter, das draußen, außerhalb des Palastes, begleitet wird vom Lärmen der Menge, die auf das Spektakel des Hinrichtungszuges wartet. An jenem der Öffentlichkeit nicht zugänglichen Ort vollzieht sich eine Tat, die sich in allen Jahrhunderten auf vielerlei sadistische und perverse Weise wiederholen wird, in vielen düsteren Zellen. Jesus wird nicht nur geschlagen, sondern er wird auch gedemütigt. Ja, der Evangelist Lukas benutzt sogar das Verb »lästern« und spielt damit auf die tiefere Bedeutung an, die dieser Gewaltausbruch der Wachen, der sich auf das Opfer entlädt, besitzt. Aber zu den körperlichen Qualen Christi kommt noch eine Verletzung seiner persönlichen Würde durch ein makabres Possenspiel hinzu.

* * *

Es ist der Evangelist Johannes, der jene sarkastische Tat in Erinnerung ruft, die abläuft wie ein volkstümliches Spiel, das Spiel des Spottkönigs. Da ist nämlich eine Krone, deren Reif aus Dornenzweigen besteht; da ist der königliche Purpur, ersetzt durch einen roten Umhang; da ist das »Ave, Caesar«, der kaiserliche Gruß. Und dennoch, durch den Spott hindurch wird ein herrliches Zeichen sichtbar: Ja, Jesus wird gedemütigt als Spottkönig; in Wirklichkeit aber ist er der wahre Herrscher der Geschichte.

Wenn am Ende sein Königtum offenbar werden wird, wird er – wie ein anderer Evangelist, Matthäus, uns in Erinnerung ruft[2] – alle Peiniger und Unterdrücker verurteilen und nicht nur die Opfer in die Herrlichkeit aufnehmen, sondern auch alle, die diejenigen besucht haben, die im Gefängnis waren, die die Verletzten und Leidenden gepflegt haben, die den Hungernden, Dürstenden und Verfolgten geholfen haben. Jetzt ist jedoch das verklärte Antlitz, das auf dem Berg Tabor erschienen ist[3], entstellt; er, der »der Abglanz der göttlichen Herrlichkeit«[4] ist, ist unkenntlich gemacht und gedemütigt; wie Jesaja angekündigt hatte, ist der Rücken des messianischen Gottesknechtes zerfurcht von den Peitschenhieben, sein Bart von den Wangen ausgerissen, läuft Speichel über sein Gesicht[5]. In ihm, der der Gott der Herrlichkeit ist, ist auch unsere schmerzerfüllte Menschheit gegenwärtig, in ihm, der der Herr der Geschichte ist, offenbart sich die Verletzlichkeit der Geschöpfe; in ihm, der der Schöpfer der Welt ist, verdichtet sich der Schmerzenslaut aller Lebewesen.

Alle:

Pater noster, qui es in caelis: sanctificetur nomen tuum; adveniat regnum tuum; fiat voluntas tua, sicut in caelo, et in terra. Panem nostrum cotidianum da nobis hodie; et dimitte nobis debita nostra, sicut et nos dimittimus debitoribus nostris; et ne nos inducas in tentationem; sed libera nos a malo.

Quis non posset contristari, piam matrem contemplari dolentem cum Filio?

SIEBTE STATION: Jesus wird das Kreuz aufgeladen

V/. Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi.

L. Quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.

Aus dem heiligen Evangelium nach Markus. 15,20

Nachdem sie so ihren Spott mit ihm getrieben hatten, nahmen sie ihm den Purpurmantel ab und zogen ihm seine eigenen Kleider wieder an. Dann führten sie Jesus hinaus, um ihn zu kreuzigen.

BETRACHTUNG

In den Höfen des kaiserlichen Palastes ist das makabre Fest beendet; die lächerlichen Königsgewänder fallen, das Tor öffnet sich weit. Jesus kommt heraus in seiner gewohnten Bekleidung, in jenem Untergewand, »das von oben her ganz durchgewebt und ohne Naht war«[1]. Auf seinen Schultern liegt der Querbalken, der, wenn er einmal am Kreuzesstamm befestigt sein wird, zur Aufnahme seiner Arme bestimmt ist. Er ist schweigend anwesend, seine Spuren hinterlassen Blut auf jener Straße, die in Jerusalem heute noch den Namen »Via Dolorosa« trägt.

Jetzt beginnt der eigentliche Kreuzweg, jener Weg, den wir heute abend wieder nachgehen und der zum Hinrichtungshügel führt, außerhalb der Mauern der Heiligen Stadt. Jesus bewegt sich voran und wankt unter der Last und durch die Schwäche seines geschundenen Leibes. Die Tradition verzeichnet auf diesem Weg symbolisch ein dreimaliges Fallen Jesu. Dieses Fallen enthält die endlose Geschichte so vieler Frauen und Männer, die durch Elend und Hunger niedergestreckt sind: abgemagerte Kinder, erschöpfte Greise, arme und schwache Menschen, denen jede Lebenskraft aus den Adern gesogen ist.

In diesem Fallen ist auch die Geschichte all jener Menschen enthalten, die bis in die Seele betrübt und die unglücklich sind, die übersehen werden durch die Hektik und die Unachtsamkeit derer, die an ihnen vorübergehen. In Christus, der unter dem Kreuz gebeugt ist, ist die kranke und schwache Menschheit gegenwärtig, die, wie der Prophet Jesaja sagt[2], »am Boden liegt und winselt, ihre Worte dringen dumpf aus dem Staub. Wie wenn aus der Erde ein Totengeist spricht, so tönt ihre Stimme; ihre Worte sind nur noch ein Geflüster im Staub«.

* * *

Auch heute, genau wie damals, herrscht um Jesus herum, der sich erhebt und mit dem Kreuz auf den Schultern weitergeht, auf der Straße das Alltagsleben, das gezeichnet ist vom Geschäftemachen und vom Glanz der Schaufenster, von der Suche nach Vergnügen und Genuß. Und doch ist um ihn herum nicht nur Feindseligkeit oder Gleichgültigkeit. Auf seinen Spuren bewegen sich heute auch diejenigen, die sich entschieden haben, ihm zu folgen. Sie sind dem Ruf gefolgt, der einst von ihm ausging, als er durch die Felder Galiläas zog: »Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach«[3]. »Laßt uns also zu ihm vor das Lager hinausziehen und seine Schmach auf uns nehmen«[4]. Am Ende der »Via Dolorosa« steht nicht nur der Hügel des Todes oder der Abgrund des Grabes, sondern auch der Berg der herrlichen Himmelfahrt und des Lichts.

Alle:

Pater noster, qui es in caelis sanctificetur nomen tuum; adveniat regnum tuum; fiat voluntas tua, sicut in caelo, et in terra. Panem nostrum cotidianum da nobis hodie; et dimitte nobis debita nostra, sicut et nos dimittimus debitoribus nostris; et ne nos inducas in tentationem; sed libera nos a malo.

Quis non posset contristari, piam matrem contemplari dolentem cum Filio?

ACHTE STATION: Simon von Zyrene hilft Jesus das Kreuz tragen

V/. Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi.

L/. Quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.

Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas. 23,26

Als sie Jesus hinausführten, ergriffen sie einen Mann aus Zyrene namens Simon, der gerade vom Feld kam. Ihm luden sie das Kreuz auf, damit er es hinter Jesus hertrage.

BETRACHTUNG

Er kam gerade vom Feld zurück, vielleicht nach einigen Stunden der Arbeit. Zu Hause erwarteten ihn die Vorbereitungen auf den Feiertag: Bei Sonnenuntergang nämlich würde das heilige Tor zum Sabbat sich öffnen, unter dem Aufleuchten der ersten Sterne am Himmel. Simon war sein Name; er war ein Jude, der aus Afrika stammte, aus Zyrene, einer Stadt an der libyschen Küste, in der eine große jüdische Diasporagemeinde lebte[1]. Ein schroffer Befehl der römischen Soldaten, die Jesus begleiten, hält ihn an und zwingt ihn, für eine gewisse Wegstrecke das Kreuz jenes erschöpften Verurteilten zu tragen. Simon war zufällig dort vorbeigekommen; er wußte nicht, daß dies eine besondere Begegnung sein würde. Jemand hat einmal geschrieben[2]: »Wie viele Menschen aller Zeiten wären gern dort gewesen, an seinem Platz, wären gern in eben jenem Augenblick dort vorbeigekommen. Aber es war zu spät: Er war es, der vorbeigekommen war, und niemals, zu keiner Zeit, hätte er seinen Platz anderen überlassen«. Es ist das Geheimnis der Begegnung mit Gott, der plötzlich und unvermittelt im Leben vieler Menschen steht. Paulus, der Apostel, war von Christus auf der Straße nach Damaskus angehalten, »ergriffen«[3] und erobert worden. Das ist der Grund, warum er später von Jesaja diese überraschenden Worte Gottes übernahm: »Ich ließ mich finden von denen, die nicht nach mir suchten; ich offenbarte mich denen, die nicht nach mir fragten«[4].

* * *

Gott wartet auf uns auf den Wegen unseres täglichen Lebens. Er ist es, der manchmal an unsere Türen klopft und um einen Platz an unserem Tisch bittet, um mit uns Mahl zu halten[5]. Sogar ein unvorhergesehener Zwischenfall, wie der, der sich im Leben des Simon von Zyrene ereignet hatte, kann zu einem Geschenk der Bekehrung werden. Denn der Evangelist Markus erwähnt sogar die Namen der Söhne dieses Mannes, die Christen geworden sind: Alexander und Rufus[6]. Der Zyrenäer ist so das Sinnbild der geheimnisvollen Verbindung zwischen der göttlichen Gnade und dem menschlichen Handeln. Letztendlich stellt ihn der Evangelist nämlich als den Jünger dar, der »sein Kreuz auf sich nimmt und Jesus nachfolgt«[7], seinen Spuren folgt.

Seine Geste verwandelt sich ideell von einer erzwungenen Handlung in ein Symbol für alle Akte der Solidarität gegenüber den Leidenden, den Unterdrückten und denen, die schwere Lasten zu tragen haben. Der Zyrenäer vertritt damit die unermeßliche Schar der großherzigen Menschen, der Missionare, der Samariter, die nicht »auf der anderen Straßenseite vorbeigehen«[8], sondern die sich über die Elenden beugen und sie auf ihre Schultern laden, um sie zu stützen. Über dem Haupt und über den Schultern des Simon, die unter der Last des Kreuzes gekrümmt sind, ertönen in jenem Augenblick die Worte des hl. Paulus: »Einer trage des anderen Last; so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen«[9].

Alle:

Pater noster, qui es in caelis sanctificetur nomen tuum; adveniat regnum tuum; fiat voluntas tua, sicut in caelo, et in terra. Panem nostrum cotidianum da nobis hodie; et dimitte nobis debita nostra, sicut et nos dimittimus debitoribus nostris; et ne nos inducas in tentationem; sed libera nos a malo.

Tui Nati vulnerati, tam dignati pro me pati poenas mecum divide.

NEUNTE STATION: Jesus begegnet den Frauen von Jerusalem

V/. Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi.

L. Quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.

Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas. 23, 27-31

Es folgte eine große Menschenmenge, darunter auch Frauen, die um ihn klagten und weinten. Jesus wandte sich zu ihnen um und sagte: »Ihr Frauen von Jerusalem, weint nicht über mich; weint über euch und eure Kinder! Denn es kommen Tage, da wird man sagen: Wohl den Frauen, die unfruchtbar sind, die nicht geboren und nicht gestillt haben. Dann wird man zu den Bergen sagen: Fallt auf uns!, und zu den Hügeln: Deckt uns zu! Denn wenn das mit dem grünen Holz geschieht, was wird dann erst mit dem dürren werden?«

BETRACHTUNG

An jenem Freitag im Frühling drängten sich auf dem Weg, der nach Golgota führte, nicht nur die Nichtstuer, die Neugierigen und die Jesus feindlich gesinnten Menschen. Da ist nämlich auch eine Gruppe Frauen, die vielleicht einer Gemeinschaft angehören, deren Aufgabe der Trost und die rituelle Wehklage für die Sterbenden und die zum Tode Verurteilten ist. Während seines irdischen Lebens hatte Christus, indem er sich über gesellschaftliche Konventionen und Vorurteile hinwegsetzte, oft Frauen um sich gehabt, mit ihnen gesprochen und ihren kleinen und großen Problemen Gehör geschenkt: vom Fieber der Schwiegermutter des Petrus bis hin zum großen Unglück der Witwe von Naïn, von der weinenden Prostituierten bis hin zum inneren Kampf der Maria aus Magdala, von der Zuneigung Martas und Marias bis hin zu den Leiden der Frau, die an Blutungen litt, von der jungen Tochter des Jaïrus bis hin zur alten Frau mit dem verkrümmten Rücken, von der vornehmen Dame Johanna, der Frau des Chuzas, bis hin zur armen Witwe und zu den Frauen in der Menge, die ihm folgte. Um Jesus herum drängen sich also bis zu seiner letzten Stunde viele Mütter, Töchter und Schwestern. In Gedanken stellen wir jetzt auch all die gedemütigten und vergewaltigten Frauen an seine Seite, diejenigen, die ausgegrenzt und unwürdigen Stammespraktiken unterworfen sind, die Frauen, die angesichts ihrer Mutterschaft eine Krise erleben und allein sind, die jüdischen und die palästinensischen Mütter und diejenigen aller Länder, in denen Krieg herrscht, die Witwen und die alten Frauen, die von ihren Kindern vergessen wurden…Es ist eine große Schar von Frauen, die vor einer gefühlsarmen und erbarmungslosen Welt Zeugnis ablegt von der Gabe der Zärtlichkeit und des Mitgefühls, so wie sie es für den Sohn Marias an jenem späten Vormittag in Jerusalem taten. Sie lehren uns die Schönheit der Gefühle: Man muß sich nicht schämen, wenn das Herz vor Mitleid schneller schlägt, wenn manchmal Tränen in die Augen steigen, wenn man das Bedürfnis nach einer zärtlichen Geste und einem Wort des Trostes verspürt.

* * *

Jesus übersieht nicht die liebevolle Beachtung, die diese Frauen ihm schenken, ebenso wie er einst andere zarte Gesten entgegengenommen hatte. Aber paradoxerweise ist er es jetzt, der Anteilnahme zeigt an den Leiden, die jenen »Frauen von Jerusalem« bevorstehen: »Weint nicht über mich; weint über euch und eure Kinder!«. In der Tat zeichnet sich am Horizont ein Brand ab, der niedergehen wird auf das Volk und auf die Heilige Stadt, »ein dürres Holz«, das bereit liegt, um das Feuer zu schüren.

Der Blick Jesu richtet sich in die Zukunft, auf das göttliche Urteil gegen das Böse, die Ungerechtigkeit, den Haß, die jene Flamme nähren. Christus rührt der Schmerz an, der über diese Mütter hereinbrechen wird mit dem gerechten Eingreifen Gottes in die Geschichte. Aber seine bebenden Worte besiegeln kein verzweifeltes Schicksal, denn seine Stimme ist die Stimme der Propheten, und diese bringt nicht Sterben und Tod hervor, sondern Umkehr und Leben: »Sucht den Herrn, dann werdet ihr leben … Dann freut sich das Mädchen beim Reigentanz, jung und alt sind fröhlich. Ich verwandle ihre Trauer in Jubel, tröste und erfreue sie«[1].

Alle:

Pater noster, qui es in caelis sanctificetur nomen tuum; adveniat regnum tuum; fiat voluntas tua, sicut in caelo, et in terra. Panem nostrum cotidianum da nobis hodie; et dimitte nobis debita nostra, sicut et nos dimittimus debitoribus nostris; et ne nos inducas in tentationem; sed libera nos a malo.

Eia, mater, fons amoris, me sentire vim doloris fac, ut tecum lugeam.

ZEHNTE STATION: Jesus wird gekreuzigt

V/. Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi.

L/. Quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.

Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas. 23, 33-38

Sie kamen zur Schädelhöhe; dort kreuzigten sie ihn und die Verbrecher, den einen rechts von ihm, den andern links. Jesus aber betete: »Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun«. Dann warfen sie das Los und verteilten seine Kleider unter sich. Die Leute standen dabei und schauten zu; auch die führenden Männer des Volkes verlachten ihn und sagten: »Anderen hat er geholfen, nun soll er sich selbst helfen, wenn er der erwählte Messias Gottes ist«. Auch die Soldaten verspotteten ihn; sie traten vor ihn hin, reichten ihm Essig und sagten: »Wenn du der König der Juden bist, dann hilf dir selbst!«. Über ihm war eine Tafel angebracht; auf ihr stand: Das ist der König der Juden.

BETRACHTUNG

Es war nur eine felsige Anhöhe, die auf aramäisch Golgota genannt wurde und auf lateinisch Calvaria, »Schädel«, vielleicht aufgrund ihrer äußeren Form. Auf diesem Hügel stehen drei Kreuze zum Tode Verurteilter: die Kreuze zweier »Verbrecher«, wahrscheinlich antirömische Aufrührer, und das Kreuz Jesu. Die letzten Stunden des irdischen Lebens Jesu brechen an, Stunden, die bestimmt sind durch den verwundeten Leib, die verrenkten Knochen, das langsame Ersticken, die innere Trostlosigkeit. Es sind die Stunden, die beweisen, daß der Sohn Gottes dem Menschen, der leidet, mit dem Tod ringt und stirbt, ganz Bruder ist. Ein Poet schrieb[1]: »Der Schächer zur Linken und der Schächer zur Rechten / spürten nur die Nägel in ihren Händen. / Christus dagegen spürte den Schmerz, den er für die Erlösung hingegeben hatte, / die durchbohrte Seite, das durchbohrte Herz. / Es ist sein brennendes Herz, / sein von der Liebe verzehrtes Herz«. Ja, denn bei jenem Kreuz scheint die Stimme Jesajas zu ertönen: »Er wurde durchbohrt wegen unserer Verbrechen, wegen unserer Sünden zermalmt. Zu unserem Heil lag die Strafe auf ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt. Er gab sein Leben als Sühnopfer hin«[2]. Die ausgebreiteten Arme jenes gequälten Leibes wollen die ganze Welt umschließen, die Menschheit umarmen gleichsam »wie eine Henne ihre Küken unter ihre Flügel nimmt«[3]. In der Tat war das seine Sendung: »Und ich, wenn ich über die Erde erhöht bin, werde alle zu mir ziehen«[4].

* * *

Unter jenem sterbenden Leib geht die Menge vorüber, die ein makabres Schauspiel »sehen« will. Es ist das Abbild der Oberflächlichkeit, der banalen Neugier, der Suche nach starken Empfindungen, ein Bild, in dem man auch eine Gesellschaft wie die unsrige wiederkennen kann, in der Provokation und Ausschweifung fast als Droge dienen, um eine bereits abgestumpfte Seele, ein gefühlloses Herz, einen getrübten Verstand anzuregen.

Unter jenem Kreuz gibt es auch die reine und harte Grausamkeit, die der Anführer und der Soldaten, die kein Mitleid kennen und die sogar dem Leiden und dem Tod durch Spott die Würde nehmen können: » Wenn du der König der Juden bist, dann hilf dir selbst!«. Sie wissen nicht, daß ihre sarkastischen Worte und die offizielle Aufschrift, die am Kreuz angebracht ist – »Das ist der König der Juden« –, die Wahrheit sagen. Gewiß, Jesus steigt nicht aufsehenerregend vom Kreuz herab: Er will keine sklavische und auf Wundertaten gründende Zustimmung, sondern freien Glauben und echte Liebe. Und dennoch öffnet er gerade durch die Niederlage in seiner Demütigung und durch die Ohnmacht des Todes das Tor der Herrlichkeit und des Lebens und offenbart sich so als wahrer Herr und König der Geschichte und der Welt.

Alle:

Pater noster, qui es in caelis sanctificetur nomen tuum; adveniat regnum tuum; fiat voluntas tua, sicut in caelo, et in terra. Panem nostrum cotidianum da nobis hodie; et dimitte nobis debita nostra, sicut et nos dimittimus debitoribus nostris; et ne nos inducas in tentationem; sed libera nos a malo.

Fac ut ardeat cor meum in amando Christum Deum, ut sibi complaceam.

ELFTE STATION: Jesus verheißt dem guten Schächer sein Reich

V/. Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi.

L/. Quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.

Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas. 23, 39-43

Einer der Verbrecher, die neben ihm hingen, verhöhnte ihn: »Bist du denn nicht der Messias? Dann hilf dir selbst und auch uns!« Der andere aber wies ihn zurecht und sagte: »Nicht einmal du fürchtest Gott? Dich hat doch das gleiche Urteil getroffen. Uns geschieht recht, wir erhalten den Lohn für unsere Taten; dieser aber hat nichts Unrechtes getan«. Dann sagte er: »Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst«. Jesus antwortete ihm: »Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein«.

BETRACHTUNG

Die Minuten der Agonie vergehen und die Lebenskraft des gekreuzigten Jesus läßt langsam nach. Und dennoch hat er noch Kraft für eine letzte Liebestat gegenüber einem der beiden zum Tode Verurteilten, die bei ihm sind in jenen tragischen Augenblicken, als die Sonne noch hoch am Himmel steht. Zwischen Christus und diesem Mann findet ein kurzer Dialog statt, ausgedrückt in zwei Sätzen von wesentlicher Bedeutung.

Auf der einen Seite steht die Bitte des Verbrechers, der in der Tradition zum »guten Schächer« geworden ist, des in der letzten Stunde seines Lebens Bekehrten: »Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst«. Es ist fast so, als ob dieser Mann eine persönliche Version des »Vater Unser« und der Anrufung: »Dein Reich komme!« spreche. Er richtet sie jedoch direkt an Jesus und ruft ihn beim Namen, einem Namen, dessen Bedeutung in jenem Augenblick erleuchtend ist: »Der Herr rettet«. Dann kommt dieser Imperativ: »Denk an mich!«. In der Sprache der Bibel besitzt dieses Verb besondere Aussagekraft, die nicht unserem schwachen Ausdruck »an jemanden denken« entspricht. Es ist ein Wort der Gewißheit und des Vertrauens, als wollte man sagen: »Sorge für mich, verlaß mich nicht, sei wie ein Freund, der stützt und trägt!«

* * *

Auf der anderen Seite ist da die Antwort Jesu, die sehr kurz ist, gleisam ein Hauch: »Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein«. Dieses Wort »Paradies«, das so selten ist in der Heiligen Schrift, daß man es im Neuen Testament an nur zwei weiteren Stellen findet[1], ruft in seiner ursprünglichen Bedeutung einen fruchtbaren und blühenden Garten vor Augen. Es ist ein Bild, das den Wohlgeruch jenes Reiches des Lichts und des Friedens verströmt, das Jesus in seiner Verkündigung verheißen und mit seinen Wundern eingeleitet hatte und das bald im Osterfest auf herrliche Weise offenbar werden wird. Es ist das Ziel unseres mühseligen Weges in der Geschichte, es ist die Fülle des Lebens, es ist die innige Umarmung mit Gott. Es ist das letzte Geschenk, das Christus uns macht, durch das Opfer seines Todes, der sich öffnet zur Herrlichkeit der Auferstehung.

Weiter sagten an jenem Tag der Angst und der Schmerzen die beiden Gekreuzigten einander nichts, aber jene wenigen Worte, die sie mühevoll aus ihren ausgetrockneten Kehlen hervorbrachten, sind noch heute zu hören und hallen immer nach als ein Zeichen des Vertrauens und der Erlösung für diejenigen, die gesündigt, aber auch geglaubt und gehofft haben, und sei es an der äußersten Grenze ihres Lebens.

Alle:

Pater noster, qui es in caelis sanctificetur nomen tuum; adveniat regnum tuum; fiat voluntas tua, sicut in caelo, et in terra. Panem nostrum cotidianum da nobis hodie; et dimitte nobis debita nostra, sicut et nos dimittimus debitoribus nostris; et ne nos inducas in tentationem; sed libera nos a malo.

Sancta mater, istud agas, Crucifixi fige plagas cordi meo valide.

ZWÖLFTE STATION: Jesus am Kreuz, die Mutter und der Jünger

V/. Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi.

L/. Quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.

Aus dem heiligen Evangelium nach Johannes. 19, 25-27

Bei dem Kreuz Jesu standen seine Mutter und die Schwester seiner Mutter, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala. Als Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er liebte, sagte er zu seiner Mutter: »Frau, siehe, dein Sohn!« Dann sagte er zu dem Jünger: »Siehe, deine Mutter!« Und von jener Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.

BETRACHTUNG

Sie hatte begonnen, sich von diesem Sohn loszulösen, seit er ihr eines Tages, mit zwölf Jahren, gesagt hatte, daß er ein anderes Zuhause und eine andere Sendung habe, die er erfüllen müsse im Namen seines himmlischen Vaters. Jetzt ist jedoch für Maria der Augenblick der endgültigen Loslösung gekommen. In jener Stunde ist das große Leid jeder Mutter enthalten, die die Logik der Natur, nach der die Mütter vor ihren Kindern sterben, auf den Kopf gestellt sieht. Aber der Evangelist Johannes wischt jede Träne von diesem schmerzerfüllten Antlitz, läßt jeden Schrei auf diesen Lippen verstummen, läßt Maria nicht vor Verzweiflung zu Boden stürzen.

Im Gegenteil, es ist ein Schleier des Schweigens da, das gebrochen wird von einer Stimme, die vom Kreuz herabkommt, aus dem gequälten Antlitz ihres sterbenden Sohnes. Es ist weit mehr als ein Familientestament: Es ist eine Offenbarung, die einen Wendepunkt im Leben der Mutter bedeutet. Jene endgültige Loslösung im Tod ist nicht fruchtlos, sondern sie birgt eine unvermutete Fruchtbarkeit in sich, der Niederkunft einer Mutter ähnlich, genau wie Jesus selbst wenige Stunden zuvor, am letzten Abend seines irdischen Daseins, verkündet hatte: »Wenn die Frau gebären soll, ist sie bekümmert, weil ihre Stunde da ist; aber wenn sie das Kind geboren hat, denkt sie nicht mehr an ihre Not über der Freude, daß ein Mensch zur Welt gekommen ist«[1].

* * *

Maria wird wieder zur Mutter: Nicht umsonst steht in den wenigen Zeilen des biblischen Berichts fünfmal das Wort »Mutter«. Maria wird also wieder zur Mutter, und ihre Kinder werden all diejenigen sein, die so sind wie der »Jünger, den Jesus liebte«, das heißt all diejenigen, die sich unter den Schutzmantel der erlösenden göttlichen Gnade stellen und die Christus im Glauben und in der Liebe nachfolgen.

Von jenem Augenblick an wird Maria nicht mehr allein sein, sie wird zur Mutter der Kirche werden, zur Mutter eines unermeßlich großen Volkes aus allen Sprachen, Völkern und Nationen, das durch alle Jahrhunderte hindurch mit ihr dichtgedrängt beim Kreuz Christi, ihres Erstgeborenen, stehen wird. Auch wir gehen von jenem Augenblick an mit ihr auf den Wegen des Glaubens, befinden uns mit ihr zusammen in dem Haus, in dem der Geist des Pfingstfestes weht, nehmen an dem Tisch Platz, wo das Brot der Eucharistie gebrochen wird und warten auf den Tag, an dem ihr Sohn zurückkehren wird, um uns wie sie in seine ewige Herrlichkeit zu führen.

Alle:

Pater noster, qui es in caelis sanctificetur nomen tuum; adveniat regnum tuum; fiat voluntas tua, sicut in caelo, et in terra. Panem nostrum cotidianum da nobis hodie; et dimitte nobis debita nostra, sicut et nos dimittimus debitoribus nostris; et ne nos inducas in tentationem; sed libera nos a malo.

Fac me tecum pie flere, Crucifixo condolere, donec ego vixero.

DREIZEHNTE STATION: Jesus stirbt am Kreuz

V/. Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi.

L/. Quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.

Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas. 23, 44-47

Es war etwa um die sechste Stunde, als eine Finsternis über das ganze Land hereinbrach. Sie dauerte bis zur neunten Stunde. Die Sonne verdunkelte sich. Der Vorhang im Tempel riß mitten entzwei, und Jesus rief laut: »Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist«. Nach diesen Worten hauchte er den Geist aus. Als der Hauptmann sah, was geschehen war, pries er Gott und sagte: »Das war wirklich ein gerechter Mensch«.

BETRACHTUNG

Zu Beginn unseres Weges umhüllte der Schleier der Nacht Getsemani; jetzt legt sich die Dunkelheit einer Sonnenfinsternis wie ein Leichentuch über Golgotha. Die »Macht der Finsternis«[1] scheint also über den Ort zu herrschen, an dem Gott stirbt. Ja, der Sohn Gottes muß, um wahrhaft Mensch und unser Bruder zu sein, auch den Kelch des Todes trinken, jenes Todes, der der wirkliche Identitätsbeweis aller Kinder Adams ist. So macht Christus sich »in allem seinen Brüdern gleich«[2], so wird er ganz und gar einer von uns, ist er bei uns auch in jener äußersten Agonie zwischen Leben und Tod, der Agonie, die sich vielleicht auch in diesen Minuten für einen Mann oder eine Frau hier in Rom und in vielen anderen Städten und Dörfern der Welt wiederholt.

Es ist nicht mehr der griechisch-römische Gott, ohne Anteilnahme und weit entfernt wie ein in den goldenen Himmel seines Olymps verbannter Herrscher. Im sterbenden Christus offenbart sich jetzt der leidenschaftliche Gott, der seine Geschöpfe so sehr liebt, daß er sich freiwillig in ihren Grenzen des Schmerzes und des Todes gefangennehmen läßt. Daher ist der Gekreuzigte ein allgemeingültiges menschliches Zeichen der Einsamkeit des Todes und auch der Ungerechtigkeit und des Bösen. Aber er ist auch ein allgemeingültiges göttliches Zeichen der Hoffnung für die Erwartungen eines jeden Hauptmanns, also eines jeden unruhigen und sich auf der Suche befindenden Menschen.

* * *

Jesus hört nämlich auch dort oben, während er am Kreuz stirbt und sein Atem erlischt, nicht auf, der Sohn Gottes zu sein. In jenem Augenblick ist alles Leid und jeder Tod durchdrungen und beherrscht von der Gottheit, erleuchtet von der Ewigkeit, wird ein Same unsterblichen Lebens in sie hineingelegt, leuchtet in ihnen ein Funke göttlichen Lichts.

Obgleich der Tod seine Tragik nicht verliert, zeigt er also ein unvermutetes Gesicht, hat er die Augen des himmlischen Vaters. Daher betet Jesus in der Todesstunde liebevoll: »Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist«. Diesem Gebet schließen auch wir uns an mit den poetischen und betenden Worten einer Schriftstellerin[3]: »Vater, deine Finger schließen auch mir die Augenlider. / Du, der du mir Vater bist, wende dich mir auch zu wie eine zärtliche Mutter / am Bett ihres träumenden Kindes. / Vater, wende dich mir zu und schließe mich in deine Arme«.

Alle:

Pater noster, qui es in caelis sanctificetur nomen tuum; adveniat regnum tuum; fiat voluntas tua, sicut in caelo, et in terra. Panem nostrum cotidianum da nobis hodie; et dimitte nobis debita nostra, sicut et nos dimittimus debitoribus nostris; et ne nos inducas in tentationem; sed libera nos a malo.

Vidit suum dulcem Natum morientem desolatum, cum emisit spiritum.

VIERZEHNTE STATION: Jesus wird ins Grab gelegt

V/. Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi.

L/. Quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.

Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas. 23, 50-54

Damals gehörte zu den Mitgliedern des Hohen Rates ein Mann namens Josef, der aus der jüdischen Stadt Arimathäa stammte. Er wartete auf das Reich Gottes und hatte dem, was die anderen beschlossen und taten, nicht zugestimmt, weil er gut und gerecht war. Er ging zu Pilatus und bat um den Leichnam Jesu. Und er nahm ihn vom Kreuz, hüllte ihn in ein Leinentuch und legt ihn in ein Felsengrab, in dem noch niemand bestattet worden war. Das war am Rüsttag, kurz bevor der Sabbat anbrach.

BETRACHTUNG

Eingehüllt in das Leinentuch, das »Grabtuch«, gleitet der gekreuzigte und gequälte Leib Jesu langsam aus den barmherzigen und liebevollen Händen Josefs von Arimathäa in das Felsengrab. In den Stunden der Stille, die nun folgen, wird Christus wirklich wie alle anderen Menschen sein, die in den dunklen Schoß des Todes, der Leichenstarre, des Endes vordringen. Und dennoch wird in jener Abenddämmerung des Karfreitags bereits eine Erschütterung spürbar. Der Evangelist Lukas bemerkt, daß bereits »der Sabbat anbrach« und seine Lichter in den Fenstern der Häuser von Jerusalem aufleuchteten.

Die Nachtwache der Juden in ihren Wohnungen wird gleichsam zum Symbol des Wartens jener Frauen und jenes heimlichen Jüngers Jesu, Josef von Arimathäa, und der anderen Jünger. Ein Warten, das jetzt mit einem anderen Klang jedes gläubige Herz erfüllt, wenn es vor einem Grab steht oder auch wenn es spürt, wie sich die kalte Hand der Krankheit oder des Todes in seinem Innern immer mehr ausbreitet. Es ist das Warten auf einen neuen Morgen, auf jenen Morgen, der in wenigen Stunden, wenn der Sabbat vorbei ist, vor unseren Augen, den Augen der Jünger Christi, anbrechen wird.

* * *

In jenem Morgenrot wird uns auf der Straße der Gräber der Engel ent­gegenkommen und wird zu uns sagen: »Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist nicht hier, sondern er ist auferstanden«[1]. Und auf dem Weg der Rückkehr zu unseren Häusern wird dann der Auferstandene zu uns kommen, wird mit uns gehen und bei uns eintreten, um an unserem Tisch zu Gast zu sein und das Brot mit uns zu brechen[2]. Dann werden auch wir beten, mit den gläubigen Worten aus der wunderbaren Matthäuspassion, die von einem der größten Musiker der Menschheit in Musik und Gesang gesetzt wurde[3]:

»Wiewohl mein Herz in Tränen schwimmt, Daß Jesus von mir Abschied nimmt, So macht mich doch sein Testament erfreut: Sein Fleisch und Blut, o Kostbarkeit, Vermacht er mir in meine Hände.

… Ich will dir mein Herze schenken, Senke dich, mein Heil, hinein! Ich will mich in dir versenken; Ist dir gleich die Welt zu klein, Ei, so sollst du mir allein Mehr als Welt und Himmel sein«.

Alle:

Pater noster, qui es in caelis sanctificetur nomen tuum; adveniat regnum tuum; fiat voluntas tua, sicut in caelo, et in terra. Panem nostrum cotidianum da nobis hodie; et dimitte nobis debita nostra, sicut et nos dimittimus debitoribus nostris; et ne nos inducas in tentationem; sed libera nos a malo.

Quando corpus morietur, fac ut anime donetur paradisi gloria. Amen.


Der Heilige Vater richtet das Wort an die Anwesenden.

Am Ende der Rede erteilt der Heilige Vater den Apostolischen Segen:

V/. Dominus vobiscum.

R/. Et cum spiritu tuo.

V/. Sit nomen Domini benedictum.

R/. Ex hoc nunc et usque in sæculum.

V/. Adiutorium nostrum in nomine Domini.

R/. Qui fecit cælum et terram.

V/. Benedicat vos omnipotens Deus, Pater, et Filius, et Spiritus Sanctus.

R/. Amen.

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