Grundfragen der ärztlichen Ethik

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Am 19. Mai empfing Papst Pius XII. die Mitglieder des in Neapel tagenden Il. Weltkongresses für Fruchtbarkeit und Sterilität in Audienz. In einer französisch gehaltenen Ansprache, die wir im vollen Wortlaut (in eigener Übertragung) wiedergeben, hat der Heilige Vater vor den Teilnehmern des Kongresses die ganz bestimmten sittlichen Normen vorgetragen, die die Kirche auf diesem Gebiet an die Hand gibt. Die Ansprache lautete:
 
Am 19. Mai empfing Papst Pius XII. die Mitglieder des in Neapel tagenden Il. Weltkongresses für Fruchtbarkeit und Sterilität in Audienz. In einer französisch gehaltenen Ansprache, die wir im vollen Wortlaut (in eigener Übertragung) wiedergeben, hat der Heilige Vater vor den Teilnehmern des Kongresses die ganz bestimmten sittlichen Normen vorgetragen, die die Kirche auf diesem Gebiet an die Hand gibt. Die Ansprache lautete:
  
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Meine Herren! Sie haben den Wunsch geäußert, Uns anlässlich des II. Weltkongresses für Fruchtbarkeit und Sterilität, dem Sie in Neapel beiwohnen, begrüßen zu dürfen. Wir beeilen Uns, Ihrem Wunsch zu entsprechen, und Wir drücken Ihnen die ganz besondere Freude aus, die es Uns bereitet, eine so große Gruppe von Gelehrten und Praktikern aus so vielen Ländern zu empfangen. Sie sind im Begriff, sich der Untersuchung eines Gegenstandes zuzuwenden, der schwierig und heikel ist, weil er eine der wesentlichen Funktionen des menschlichen Körpers betrifft und weil die Ergebnisse Ihrer Arbeit bedeutungsschwere Folgen für das Leben vieler Menschen und die Entwicklung der Gesellschaft nach sich ziehen können.  
 
Meine Herren! Sie haben den Wunsch geäußert, Uns anlässlich des II. Weltkongresses für Fruchtbarkeit und Sterilität, dem Sie in Neapel beiwohnen, begrüßen zu dürfen. Wir beeilen Uns, Ihrem Wunsch zu entsprechen, und Wir drücken Ihnen die ganz besondere Freude aus, die es Uns bereitet, eine so große Gruppe von Gelehrten und Praktikern aus so vielen Ländern zu empfangen. Sie sind im Begriff, sich der Untersuchung eines Gegenstandes zuzuwenden, der schwierig und heikel ist, weil er eine der wesentlichen Funktionen des menschlichen Körpers betrifft und weil die Ergebnisse Ihrer Arbeit bedeutungsschwere Folgen für das Leben vieler Menschen und die Entwicklung der Gesellschaft nach sich ziehen können.  
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Von dieser Verantwortung durchdrungen, werden Sie, Wir wagen es zu hoffen, Ihre wissenschaftlichen Arbeiten und die praktischen Verwirklichungen, die Sie vorschlagen, mit wachsendem Eifer weiterführen. Indem Wir auf Sie selbst, Ihre Familien und alle, die Ihnen teuer sind, den Überfluss der göttlichen Gnaden herabrufen, erteilen Wir Ihnen von ganzem Herzen Unsern väterlichen Apostolischen Segen.  
 
Von dieser Verantwortung durchdrungen, werden Sie, Wir wagen es zu hoffen, Ihre wissenschaftlichen Arbeiten und die praktischen Verwirklichungen, die Sie vorschlagen, mit wachsendem Eifer weiterführen. Indem Wir auf Sie selbst, Ihre Familien und alle, die Ihnen teuer sind, den Überfluss der göttlichen Gnaden herabrufen, erteilen Wir Ihnen von ganzem Herzen Unsern väterlichen Apostolischen Segen.  
  
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Schließlich werden in den Lehräußerungen des Papstes, wie sie sich in den Ansprachen an die Ärzte finden, allgemeine ethische Prinzipien auf konkrete biologische und psychologische Tatbestände angewandt, - auf Tatbestände, die erst durch die modernen Wissenschaften vom Menschen bekannt geworden sind. Es ist Aufgabe der Wissenschaften, die Seinsstruktur des Menschen in leiblicher und seelischer Hinsicht im einzelnen aufzuhellen; die Ergebnisse jedoch unterliegen bei ihrer Anwendung in Forschung und Praxis, insofern sie menschliches Handeln bestimmen, dem Urteil des sittlichen Gewissens. In der Verknüpfung des Normativen mit dem Tatsächlichen, des Institutionellen mit dem Psychologischen, des Überzeitlichen mit dem von der Zeitsituation Geforderten findet der Arzt in den hier dargebotenen Ansprachen eine feste Richtschnur für sein Handeln, die ihn vor Irrungen und Fehlentwicklungen bewahrt. Die feststehenden ethischen Normen und ihre Anwendung im ärztlich-medizinischen Bereich sind aber sowohl in ihrer Gesamtheit wie auch in allen wesentlichen Punkten für jeden ethisch und seinsgerecht orientierten Arzt von objektiv bindender Bedeutung. Sie werden sich ihm auf die Dauer nicht als Hemmnis, sondern als Hilfe und Sicherung erweisen.
 
Schließlich werden in den Lehräußerungen des Papstes, wie sie sich in den Ansprachen an die Ärzte finden, allgemeine ethische Prinzipien auf konkrete biologische und psychologische Tatbestände angewandt, - auf Tatbestände, die erst durch die modernen Wissenschaften vom Menschen bekannt geworden sind. Es ist Aufgabe der Wissenschaften, die Seinsstruktur des Menschen in leiblicher und seelischer Hinsicht im einzelnen aufzuhellen; die Ergebnisse jedoch unterliegen bei ihrer Anwendung in Forschung und Praxis, insofern sie menschliches Handeln bestimmen, dem Urteil des sittlichen Gewissens. In der Verknüpfung des Normativen mit dem Tatsächlichen, des Institutionellen mit dem Psychologischen, des Überzeitlichen mit dem von der Zeitsituation Geforderten findet der Arzt in den hier dargebotenen Ansprachen eine feste Richtschnur für sein Handeln, die ihn vor Irrungen und Fehlentwicklungen bewahrt. Die feststehenden ethischen Normen und ihre Anwendung im ärztlich-medizinischen Bereich sind aber sowohl in ihrer Gesamtheit wie auch in allen wesentlichen Punkten für jeden ethisch und seinsgerecht orientierten Arzt von objektiv bindender Bedeutung. Sie werden sich ihm auf die Dauer nicht als Hemmnis, sondern als Hilfe und Sicherung erweisen.
 
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Version vom 28. Juli 2020, 16:24 Uhr

Vorderseite eines Ordners

Grundfragen der ärztlichen Ethik ist der Titel und das Thema einer Ansprachensammlung des Papstes Pius' XII. an Mediziner bzw. Kongresse. Das Werk besteht aus zwei Ordnern. Der erste enthält 20 Hefte, der zweite 17 Hefte im DIN a 5 Format. Die Ansprachen sind in den Jahren 1944-1958 gehalten worden und in ungekürztem Wortlaut abgedruckt. Die Ordner wurden vom St. Lukas-Institut für ärztliche Anthropologie e.V. Münster im Verlag Wort und Werk in Köln von 1953 bis 1959 herausgegeben. Das Institut sammelte Übersetzungen aus der Herder-Korrespondenz, der Sozialen Summe Pius' XII., Radio Vatikans, des Osservatore Romano, der Presseabteilung des Vatikans, der KNA oder ließ auch Texte durch private Leute übersetzen, sei es aus einem anderssprachigen Osservatore Romano, den Acta Apostolicae Sedis oder den "Discorsi e Radiomessagi di S.S. Pio XII.". Jede Ansprache besitzt die kirchliche Druckerlaubnis.

Diese Schreiben wurden auch unter dem Titel "Papst Pius XII. Über Leib und Seele" in einem Hefter des St. Lukas-Institutes für ärztliche Anthropologie e.V. Münster im Verlag Wort und Werk zu Köln ca. 1959 herausgegeben.[1]

In diesem Artikel werden einige ärztliche Ansprachen dieser Ordner, die in den Acta Apostolicae Sedis verzeichnet sind und in der Sozialen Summe Pius' XII. u.a. veröffentlicht wurden, mit der Quelle wiedergegeben.

Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


Inhaltsverzeichnis

1. Über die Aufgaben des christlichen Arztes

Ansprache Papst Pius XII. am 12. November 1944 an die italienischen Mitglieder der Medizinisch-biologischen Vereinigung St. Lukas

2. Die hohe Verantwortung und Aufgabe des Chirurgen

Ansprache Papst Pius XII. am 21. Mai 1948 an die Teilnehmer des VI. Internationalen Chirurgenkongresses:

(Aus dem italienischen übertragen von can. rer. pol. Zajadatz. Die Ansprache erschien in "Discorsi e Radiomessagi di S.S. Pio XII.", Gliederung und Inhaltsangabe wurden vom Herausgeber beigefügt)

Sittliche und religiöse Fragen haben eine Hauptbedeutung, weil der Gegenstand der Chirurgie der lebendige Körper des Menschen ist

1. Sie haben sich hier in Rom aus den verschiedensten Ländern der Welt versammelt, um miteinander die vielfältigen Probleme der Chirurgie zu erörtern. Sie haben, geehrte Herren, mit Recht angenommen, dass Fragen von technischem und praktischem Wert sehr umfangreich sind, soll der Gegenstand erschöpfend behandelt werden, dass dagegen aber Fragen von sittlichem oder religiösem Wert wegen ihrer Hauptbedeutung verdienen, ihre Aufmerksamkeit zu fesseln. Sie sind sich Ihrer Verantwortung bewusst und geben sich darüber Rechenschaft, die sich aus der den ganzen Fragenbereich beherrschenden Tatsache ableitet, dass Sie hei der Ausübung Ihres Berufes unter Ihren Händen und Instrumenten Menschen haben, deren lebendige Körper Ihrer besonderen Rücksichtnahme wert sind und die ein Recht auf all Ihre Sorgfalt haben. Auch wenn das Leben selbst nicht auf dem Spiele steht, verfügen Sie dabei - und Sie sind sich dessen voll bewusst - über zwei großartige Dinge: einmal über die Unverletzlichkeit des menschlichen Körpers, zum anderen Über die geheimnisvolle Wirklichkeit des menschlichen Leidens.

Notwendigkeit des dauernden theoretischen und praktischen Studiums für den Chirurgen

2. Kraft dieser inneren Überzeugung unterwerfen Sie sich einem ernsten und immerwährenden Studium, um sich genauestens auf dem Laufenden zu halten über die Fortschritte der Biologie und Anatomie, über die chirurgischen Methoden, die unaufhörlich erneuert und vervollkommnet werden, die Vorteile, aber auch manchmal ihre Gefahren mit sich bringen. Dazu dienen Bücher, Zeitschriften, Konferenzen und Kongresse. Alles ist miteinander verbunden durch das unverdrossene Arbeiten in der chirurgischen Praxis, wobei Sie sich einen reichen Schatz eigener Erfahrungen sammeln, der wiederum noch vermehrt wird durch die Beobachtungen, die Sie mit Ihren Kollegen austauschen.

Notwendigkeit der wirklich personalen Bildung und Ausbildung des Chirurgen

3. Aber das theoretische Studium allein genügt nicht, wie eifrig es auch betrieben werden mag, falls nicht ein anderes, ebenso beharrliches und beständiges Bemühen dazukommt, das nach innen und in die Tiefe gehen soll. Das soll eine wirklich personenhafte Bildung und Ausbildung sein: im Gebrauch Ihrer geistigen Fähigkeiten, Ihrer sittlichen und psychologischen Eigenschaften, Ihrer natürlichen Anlagen, Ihrer Sinne und Ihrer Hände. Dafür fühlen Sie selbst lebhaftes Bedürfnis, vor und während der Operation.

Notwendige Überlegungen vor jeder Operation

4. Vor der Operation. Schwer ist die Verantwortung, wenn der Entschluss gefasst werden soll. Sind die Hilfsmittel der Medizin alle solange angewendet worden, dass sie aus sich heraus als genügend wirksam scheinen konnten? Erscheint die Operation als notwendig? Welche Gefahren bestehen dabei oder aller welchen Gefahren würde der Patient ausgesetzt sein, wenn andererseits die Operation nicht durchgeführt würde? Und noch etwas: Ist der Augenblick überhaupt günstig? Kann man die Operation noch hinausschieben oder muss man dagegen schnell handeln? Läuft man Gefahr, wenn man drängt oder aber wenn man zögert? Welche Haltung soll man hei der Konsultation gegenüber den behandelnden Ärzten einnehmen? Jeder hat tatsächlich etwas dazu zu sagen. Vor allem in verwickelten Fällen können die Ansichten verschieden sein. Und dann kann jeder, auch wenn er seine eigene Meinung verficht, sich Rechenschaft geben über die Begründung der Meinung der anderen. Wenn der Chirurg schließlich alles gut überlegt hat - einbegriffen das Sittliche der Handlung -, darf er nicht mehr zögern.

Aufklärung des Patienten und seiner Angehörigen vor einer Operation

5. Aber auch nachdem er sich in gewissenhafter und gebührender Art und Weise sein Urteil gebildet hat, hat er noch eine ziemlich heikle Aufgabe zu erfüllen. Zweifellos ist es seine Pflicht, die Notwendigkeit und Nützlichkeit der Operation zu zeigen, wie auch auf die Unsicherheit bei der Durchführung hinzuweisen, die bestehen bleibt. Aber bis zu welchem Punkt darf er ohne weiteres die Notwendigkeit der Operation dem Kranken und seiner Familie einreden oder aber dazu raten oder darauf bestehen? Wie soll der Chirurg sie sachlich darüber aufklären und aber doch zugleich die gebührende Vorsicht walten lassen und ihre Freiheit achten?

Die sittlichen Grenzen der chirurgischen Tätigkeit

6. Andere Fälle scheinen trauriger zu sein - wir wollen nicht gerade sagen verwickelter, weil hier die Pflicht klar ist - wegen der tragischen Folgen, die manchmal aus der Beobachtung dieser Pflicht entstehen. Das sind Fälle, in denen das Sittengesetz seinen Einspruch erhebt. Wenn es sich um Sie allein handelte, würde es Ihnen vielleicht leicht gelingen, die Ohren vor den Einflüsterungen eines schlecht verstandenen Mitleids zu verschließen und der Vernunft Platz zu machen gegenüber einer falschen Empfindsamkeit. Aber wie oft wird man widerstehen können nicht nur den Forderungen gemeiner und schändlicher Interessen, einer unentschuldbaren Leidenschaft, wohl aber den verständlichen Ängsten einer Gatten- oder Vaterliebe? Aber auch hier sind die Grundsätze unverletzlich! Gott allein ist der Herr über das Leben des Menschen und über seine Unversehrtheit, seine Glieder, seine Kräfte, seine Organe und besonders derjenigen, die er an seinem Schöpfungswerk teilnehmen lässt. Weder die Eltern, noch der Gatte, noch der daran Interessierte selbst können nach Belieben darüber verfügen. Wenn es verwerflich ist, einen Menschen zu verstümmeln, auch auf sein inständiges Bitten hin, um ihn der Pflicht zu entziehen, für die Verteidigung des Vaterlandes zu kämpfen, oder einen unschuldigen Menschen zu töten, um dadurch einen anderen zu retten, dann ist es nicht weniger unerlaubt, den Tod eines kleinen Wesens unmittelbar zu verursachen, sei es auch, um die Mutter zu retten. Denn es ist ja, wenn nicht für dieses Leben hier unten, so doch wenigstens darüber hinaus zu einem hohen und erhabenen Ziel berufen. Es ist ebenfalls verboten, durch eine Operation, die durch nichts gerechtfertigt ist, die Quellen des Lebens unfruchtbar zu machen. Und es ist nicht erlaubt, das Leben aufs Spiel zu setzen - es aufzuheben ist niemals erlaubt - wenn nicht in der Hoffnung, ein wertvolleres Gut zu schützen oder es selbst zu retten oder zu verlängern.

Neben dem Verstand und der Geschicklichkeit der Hände muss sein Herz dem Chirurgen helfen

7. Während der Operation. Der Operationssaal steht bereit. sauber, gelüftet, mit hellen Operationslampen versehen. Die Voruntersuchung durch den Operateur ist genauestens durchgeführt; die Instrumente und die Hände des Operateurs und der Assistenten sind gut desinfiziert; die Betäubung, die Vorbereitung der Haut des Patienten, ist vorgenommen. Und schließlich stehen sie über den Operationstisch gebeugt, worauf der Kranke liegt.

8. Sie wissen, dass Sie nicht mehr wie sonst Anatomen im Sezierraum sind, Künstler mit Skalpell und Bohrer, sondern Menschen, die Menschen gegenüberstehen, die Ihre Brüder sind, die sich Ihnen ganz anvertraut haben. Deshalb kommt nicht mehr allein in Betracht die vortreffliche Ausbildung Ihrer Sinne, die Geschicklichkeit Ihrer Hände, Ihre gespannte Aufmerksamkeit, Ihre Schnelligkeit, Ihr Können und die Sicherheit Ihrer Eingebung. Sie werden sich mit ganzem Herzen ans Werk begeben, aber in der Weise, dass Ihnen Ihr Herz dabei wirklich hilft. Es wird Ihnen nur dann eine Stütze sein, wenn Sie in diesen Augenblicken eine unverwirrbare Ruhe zu behalten wissen, wobei Sie doch wiederum äußerst empfindungsfähig sein können. Fehlt Ihnen dieses Empfindungsvermögen, dann werden Sie nur ein Handwerk ausüben; fehlt Ihnen die Ruhe, dann lässt Ihre Verwirrung Ihre Hände unsicher werden und Sie würden Gefahr laufen, das Ergebnis der Operation zu gefährden und vielleicht sogar das Leben des Patienten.

9. Dieses Drama im Inneren Ihres Herzens wiederholt sich mit größerer oder geringerer Stärke jeden Tag, manchmal mehrere Male am Tage. Aber wenn Sie diese Erregung nicht mehr spürten, würden Sie sich Ihre Aufgabe nicht mehr für wert erachten; wenn Sie sie nicht überwänden, würden Sie nicht mehr fähig sein, Ihre Arbeit überhaupt zu tun. Es ist ein Drama, das einen Menschen mit Herz und Gewissen mit der Zeit verbraucht, aber das auch Ihrem Beruf das Merkmal der Heiligkeit verleiht.

Gefahren und Komplikationen nach der Operation

10. Wie sehr würde sich der irren, der dächte, dass er nach der Operation nur mehr ruhig nach Hause zu gehen brauchte, wie wenn der Vorhang am Ende eines gewöhnlichen Dramas hinuntergelassen worden wäre! Nein! Es setzt sich in Ihnen fort, da Sie ja nicht nur ein, sozusagen, väterliches Wohlwollen dem Kranken gegenüber fühlten, dessen Leben einige Augenblicke, vielleicht auch einige Stunden in Ihrer Hand war. Allerdings haben Sie den Hauptteil Ihrer eigentlichen Aufgabe erfüllt, aber damit ist noch nicht alles beendet. Wieviel ungewisse Zufälle kann es noch geben! Das sind alle die Unannehmlichkeiten und Gefahren, einige von kurzer Dauer, andere schwer und manchmal tödlich, Gefahren, die jedem schweren chirurgischen Eingriff folgen. Darum werden Sie sorgsam den Verlauf des Fiebers und die Beschleunigung und Verlangsamung des Pulsschlages überwachen. Ist die Gefahr, dass Komplikationen entstehen können, beseitigt, werden Sie sorgsam den Heilprozess verfolgen und sich dann bescheiden zurückziehen und den Platz am Kopfende anderen Überlassen. Diese werden Zeugen der Gesundung sein und vielleicht heiße Beteuerungen aus dankbarem Herzen empfangen. Was dagegen aber, wenn trotz Ihrer Umsicht, Geschicklichkeit und Sorgfalt die Folgen des Übels schmerzhafter geworden sind, weil es zu schwer oder schon zu weit fortgeschritten war oder wenn sich das Ergebnis nicht als so befriedigend erwies, wie man es sich erhofft hatte. Dann werden nicht selten offen oder versteckt Vorwürfe gegen Sie gerichtet werden. Sind Sie dagegen dessen gewiss, dass Sie vor Gott und Ihrem Gewissen voll und ganz bestehen können, und sind Sie sich dessen sicher, dass Sie alle mit Rücksichtnahme, maßvollem Verhalten und Liebe behandelt haben, besonders die weniger Bemittelten, dann lassen Sie sich nicht verwirren und verbittern durch die Ungerechtigkeit und Undankbarkeit der Menschen. Wie könnte man diese allerdings überhören?

Die herzliche Dankbarkeit des Patienten und der Segen Gottes als Lohn für die ärztliche Mühe

11. Zum Glück sind Undankbarkeit und Ungerechtigkeit nicht allgemeine Regel. Oft wird die herzliche Dankbarkeit desjenigen, den Sie gerettet haben, und aller seiner Angehörigen für Sie eine angenehme Entlohnung sein. Mit gutem Recht genießen Sie dieses schöne Gefühl der Dankbarkeit, wozu sich die freudige Genugtuung Ihres Berufes gesellt angesichts des glücklichen Ausgangs Ihrer Arbeit, die Sie vollbracht haben. Christus, der im Fleisch mit allen Kranken leidet, der unendlich sanft und gut ist, wird Ihnen dankbar sein für die Sorgen, die Sie sich ihretwegen machen. Er wird Sie segnen. Und während Wir bitten, dass die Überfülle der himmlischen Gnade herabkommen möge auf Sie und diejenigen, die Ihnen bei Ihrer schweren Aufgabe helfen, erteilen Wir Ihnen, Ihren Familien und allen, die Ihnen teuer sind, aus überströmenden Herzen den Apostolischen Segen.

3. Über das Problem der künstlichen Befruchtung

Ansprache Votre présence autour an den 4. internationalen Kongress katholischer Ärzte vom 29. September 1949

(Offizieller französischer Text: AAS XLI [1949] 557-561)

Hintergrund (Quelle: Herder-Korrespondenz, Vierter Jahrgang 1949/50, Herder Verlag Freiburg im Breisgau, Drittes Heft - Dezember 1949, S. 113-114)

Vom 26. bis 29. September fand in Rom der IV. Internationale Kongress katholischer Ärzte statt. Die ärztliche Wissenschaft berührt heute an immer zahlreicheren Punkten die Sphäre der moralischen Entscheidungen. Die Wissenschaft vom Leben hat dem Menschen eine solche Herrschaft über die Lebensvorgänge in die Hand gegeben, dass er in beängstigendem Maße verändernd in das Leben einzugreifen vermag. Der dunkle Schauder, mit dem das gesunde Empfinden diesen Möglichkeiten gegenübersteht, weist uns wohl darauf hin, dass wir hier an einer Grenze stehen; aber er ist nicht imstande, die genaue Grenzlinie aufzuzeigen. Um diese zu erkennen, müssen wir wissen, was der Mensch ist und was er soll, und dieses lehrt uns nur der christliche Glaube und das durch diesen vermittelte Menschenbild. Daher eröterten die in Rom versammelten katholischen Ärzte eine Anzahl von Problemen der modernen Wissenschaft im Lichte dieser Lehre. Man sprach hier über das Problem der Beseelung des Embryo, über die voreheliche Eugenetik, über die Narkoanalyse, über das Berufsgeheimnis gegenüber narkotischen Zuständen, über die Leukotomie und vor allem auch über die künstliche Befruchtung. Am 30. September wurden die Teilnehmer des Kongresses vom Heiligen Vater empfangen, der eine entscheidende Ansprache an sie hielt und die Grundsätze der katholischen Kirche über die künstliche Befruchtung darlegte.

(Text aus der Quelle: Soziale Summe Pius' XII., Band I, S. 500-506; Nrn. 1028-1044):

Begrüßung

1028 Ihre Gegenwart, geliebte Söhne und Töchter, ist von hoher Bedeutung, die Uns eine tiefe Freude verursacht. Die Tatsache, dass Sie hier dreißig verschiedene Nationen vertreten, wo doch die in den Jahren vor dem Krieg, während des Krieges und nach dem Krieg aufgeworfenen Gräben noch bei weitem nicht zugeschüttet sind; die Tatsache, dass Sie Uns soeben die hohen Gedanken mitteilten, die Ihren Meinungsaustausch im Fach der Medizin beherrschen; die Tatsache endlich, dass Sie in diesem Fach mehr als einen bloßen Beruf, dass Sie einen wahrhaften und ausgezeichneten Dienst der christlichen Liebe ausüben: all dies ist wohl dazu angetan, Ihnen Unseren überaus väterlichen Empfang zu sichern. - Sie erwarten nun von Uns neben Unserem Segen einige Ratschläge, die Ihre Pflichten betreffen. Wir begnügen Uns, Ihnen kurze Erwägungen über die Verbindlichkeiten mitzuteilen, die Ihnen die Fortschritte der Medizin, die Schönheit und Größe ihrer Ausübung sowie ihre Beziehungen zur natürlichen und christlichen Sittenlehre auferlegen.

1. Der christliche Arzt und der Fortschritt der Wissenschaft

1029 Schon durch viele Jahrhunderte - und vor allem in unserer Zeit - zeigt sich ein unaufhörlicher Fortschritt der Medizin. Ein sicherlich verwickelter Fortschritt, dessen Objekt die verschiedensten Zweige der Spekulation und der Praxis umfasst. Es ist ein Fortschritt im Studium des Körpers und des Organismus, in allen Fächern der Physik, der Chemie und der Naturwissenschaften, in der Kenntnis der Heilmittel, ihrer Eigenschaften und der Arten und Weisen ihres Gebrauchs; es ist ein Fortschritt nicht nur in der Verwendung der Physiologie für die Heilkunde, sondern auch der Psychologie, der gegenseitigen Wirkungen und Gegenwirkungen des Physischen und Moralischen.

In der Sorge, die Vorteile dieses Fortschrittes in nichts zu versäumen, ist der Mediziner ununterbrochen auf dem Laufenden über alle Mittel, die zur Heilung oder wenigstens zur Linderung der Gebrechen und Leiden der Menschen führen. Als Chirurge bemüht er sich, die nötigen Operationen weniger qualvoll zu machen; als Frauenarzt sucht er die Schmerzen des Gebärens zu mildern, ohne jedoch irgend wie die Gesundheit der Mutter oder des Kindes aufs Spiel zu setzen, ohne die mütterlich-zarten Gefühle für das Neugeborene der Gefahr einer Beeinträchtigung auszuliefern. Wenn der Geist der reinen Menschlichkeit, die natürliche Liebe zu Seinesgleichen schon jeden gewissenhaften Arzt in seinen Forschungen anregt und leitet, was wird dann der christliche, von der göttlichen Liebe getragene Arzt nicht alles tun, um sich, keine Mühe sparend und sich selbst nicht schonend, für das Wohlergehen derer einzusetzen, die er natürlicherweise und aus Glaubensüberzeugung als seine Brüder ansieht. Gewiss, er freut sich von ganzem Herzen über den ungeheuren Fortschritt, der bereits errungen ist, über die Ergebnisse, die seine Vorgänger schon früher erreicht haben und die heute weitergeführt werden von seinen Kollegen, mit denen er sich mit berechtigtem Stolz auch über seinen Beitrag eins fühlt in der Kontinuität einer großartigen Tradition. Dennoch betrachtet er sich nie als zufriedengestellt: immer sieht er vor sich neue Strecken, die es zu durchlaufen, neue Vorsprünge, die es aufzuholen gilt. Mit leidenschaftlichem Eifer arbeitet er als Arzt mit ganzer Hingabe für die Gesundung der Menschheit und jedes einzelnen Menschen, zugleich aber als Gelehrter, dem die aufeinanderfolgenden Entdeckungen den hinreißenden Genuss der «Freude am Erkennen» bereiten, schließlich als Gläubiger, als Christ, der in den Herrlichkeiten, die er entdeckt, in den neuen Horizonten, die sich ihm unendlich weit öffnen, die Größe und Macht des Schöpfers zu sehen versteht, die unerschöpfliche Güte des Vaters, der dem lebenden Organismus so gewaltige Kräfte geschenkt hat, um sich zu entwickeln, zu verteidigen und in den meisten Fällen von selbst auszuheilen, und ihn nun noch die Heilmittel für die leiblichen Übel in der toten oder lebenden, in der mineralischen, vegetativen oder animalischen Natur finden lässt.

1030 Der Arzt, der bei Ausnutzung des neuesten Fortschrittes der Wissenschaft und der ärztlichen Kunst für seine Rolle als Praktiker nur seine Intelligenz und seine Geschicklichkeit einsetzen würde und nicht auch - Wir wollten dies vor allem sagen - sein menschliches Herz und sein warmes, christliches Zartgefühl mitbrächte, entspräche nicht vollkommen seinem Berufsideal. Seine Tätigkeit vollzieht sich nicht « in anima vili » - «in einem wertlosen Ding»; gewiss, unmittelbar greift er auf die Körper ein, aber auf Körper, die von einer unsterblichen, geistigen Seele belebt sind, und kraft des geheimnisvollen, aber unlöslichen Bandes zwischen dem Physischen und Geistigen wirkt er nicht erfolgreich am Körper, ohne dass er nicht zugleich auf den Geist einwirkte.

2. Gebrauch und Missbrauch wissenschaftlicher Errungenschaften

1031 Handle es sich nun um den Körper oder um das menschliche Kompositum in seiner Einheit: immer wird sich der christliche Arzt vor der Verzauberung der Technik in acht nehmen müssen, vor der Versuchung, sein Wissen und seine Kunst für andere Zwecke zu verwenden als für die Betreuung der ihm anvertrauten Kranken. Gott sei Dank muss er sich nicht gegen eine andere Versuchung wappnen, gegen jene verbrecherische nämlich, die ihn zum Sklaven gemeiner Interessen, uneingestandener Leidenschaften, unmenschlicher Angriffe gegen den von Gott im Schoß der Natur geborgenen Segen machen möchte. Leider brauchen Wir nicht sehr weit zu suchen, nicht weit zurückzugehen, um konkrete Fälle dieses schändlichen Missbrauches zu finden.

1032 Etwas anderes z. B. ist die Zertrümmerung des Atoms und die Erzeugung von Atomenergie, etwas anderes seine verderbenbringende Anwendung, die jeder Kontrolle entgeht. Etwas anderes ist der wunderbare Fortschritt der modernsten Flugzeugtechnik und etwas anderes der massenhafte Einsatz von Bombengeschwadern ohne die Möglichkeit, ihre Wirkung auf militärische und strategische Objekte zu beschränken. Etwas anderes vor allem ist die ehrfürchtige Forschung, welche die Schönheit Gottes im Spiegel seiner Werke, seine Macht in den Gewalten der Natur offenbart, etwas anderes die Vergötzung dieser Natur und der materiellen Kräfte in der Verneinung ihres Schöpfers.

1033 Wie verhält sich, im Gegenteil dazu, der Arzt, der seiner Berufung würdig ist? Er nimmt diese gleichen Kräfte, diese Eigenschaften der Natur, in Dienst, um damit die Heilung, Gesundheit, Kraft und oft das zu erzeugen, was noch wertvoller ist: Schutz vor Krankheiten, vor Ansteckung oder Epidemie. In seinen Händen ist die furchtbare Macht der Radioaktivität gefangen und gelenkt zur Heilung von Übeln, die sich jeder anderen Behandlung widersetzen. Die Eigenschaften der virulentesten Gifte dienen ihm zur Herstellung von wirksamen Heilmitteln. Noch mehr: die gefährlichsten Infektionskeime finden auf alle möglichen Weisen in der Serotherapie und als Impfstoff Verwendung.

3. Das Urteil der Moral über die «künstliche Befruchtung»

Allgemeine Grundsätze

1034 Die natürliche und christliche Moral wahrt nun überall ihre unveräußerlichen Rechte. Aus ihnen, und nicht aus Erwägungen gefühlsmäßiger, philanthropisch-materialistischer und materialistischer Art, leiten sich die wesentlichen Grundsätze medizinischer Sittenlehre ab: aus der Würde des menschlichen Leibes, aus dem Vorrang der Seele über den Leib, aus der Brüderschaft aller Menschen, aus der Oberhoheit Gottes über das Leben und das Schicksal.

1035 Wir haben bereits mehrfach Gelegenheit gehabt, eine größere Anzahl von einzelnen Punkten zu berühren, die sich auf die ärztliche Moral beziehen. Doch zwingt sich hier an erster Stelle eine Frage auf, die mit nicht geringerer Dringlichkeit als die anderen nach dem Licht der katholischen Sittenlehre verlangt: es ist die Frage der künstlichen Befruchtung. Wir möchten die heutige Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, ohne kurz in großen Zügen das Urteil der Moral über diesen Gegenstand aufzuzeigen.

Im einzelnen

1036 1. Die Ausübung dieser künstlichen Befruchtung darf, soweit es sich um den Menschen handelt, weder ausschließlich noch auch hauptsächlich von biologischer und medizinischer Sicht aus unter Beiseitelassung des sittlichen und rechtlichen Standpunktes betrachtet werden.

1037 2. Die künstliche Befruchtung außerhalb der Ehe ist rein und schlechthin als unsittlich zu verurteilen.

In der Tat besagt das natürliche Gesetz und das positive Gesetz, dass die Zeugung eines neuen Lebens nur die Frucht der Ehe sein kann. Die Ehe allein wahrt die Würde der Gatten (in diesem Fall vor allem die der Frau) und ihr persönliches Wohl. Nur sie allein sorgt von sich aus für das Wohl und die Erziehung des Kindes.

Deswegen kann es über die Verurteilung der künstlichen Befruchtung außerhalb der ehelichen Verbindung keine Meinungsverschiedenheit unter Katholiken geben. Ein aus solchen Umständen hervorgegangenes Kind wäre durch diese Tatsache selbst unehelich.

1038 3. Die künstliche Befruchtung innerhalb der Ehe, hervorgerufen durch das aktive Element eines Dritten ist ebenso unsittlich und als solche unwiderruflich zu verwerfen.

Die Ehegatten allein haben ein gegenseitiges Recht auf ihre Körper, um ein neues Leben zu erzeugen. Dieses Recht ist ausschließend, unabtretbar, unveräußerlich. Und dies muss sein auch mit Rücksicht auf das Kind. Wer einem kleinen Wesen das Leben gibt, dem legt die Natur kraft eben dieses Bandes die Last für dessen Erhaltung und Erziehung auf. Aber zwischen dem rechtmäßigen Gatten und dem Kind, das Frucht eines aktiven Elementes eines Dritten (auch mit Einverständnis des Ehegatten) ist, gibt es kein Band des zeugenden Ursprungs, keine moralische oder rechtliche Bindung einer ehelichen Zeugung.

1039 4. Bezüglich der Erlaubtheit der künstlichen Befruchtung innerhalb der Ehe mag es Uns im Augenblick genügen, an die folgenden Grundsätze des Naturrechts zu erinnern: die bloße Tatsache, dass das beabsichtigte Ergebnis auf diesem Weg erreicht wird, rechtfertigt nicht den Gebrauch des Mittels an sich, noch genügt der an sich bei den Ehegatten sehr angemessene Wunsch nach einem Kind zum Beweis für die Erlaubtheit, die künstliche Befruchtung anzuwenden, welche diesen Wunsch verwirklichen würde.

1040 Es wäre falsch zu glauben, dass die Möglichkeit, auf dieses Mittel zurückzugreifen, die Ehe zwischen Personen gültig machen könnte, die unfähig sind, sie zu schließen auf Grund des « impedimentum impotentiae » (Hindernis der körperlichen Eheuntauglichkeit).

1041 Anderseits ist es überflüssig, darauf hinzuweisen, dass das aktive Element Erlaubterweise niemals durch naturwidrige Handlungen verschafft werden darf.

«Künstliche Befruchtung» und Unterstützung des natürlichen Aktes

1042 Obwohl man nicht apriori neue Methoden ausschließen kann einzig deshalb, weil sie neu sind, so ist doch der künstlichen Befruchtung gegenüber nicht nur äußerste Zurückhaltung geboten, sondern sie ist schlechthin abzulehnen. Damit wird jedoch nicht notwendigerweise die Anwendung gewisser künstlicher Hilfsmittel verworfen, die einzig dazu dienen, den natürlichen Akt zu erleichtern, oder dem normal vollzogenen Akt zu seinem Ziel zu verhelfen.

Ordnung Gottes - Wohl des Menschen

1043 Man vergesse nicht: nur die Zeugung eines neuen Lebens nach dem Willen und dem Plan des Schöpfers bringt in einem erstaunlichen Grad der Vollkommenheit die Verwirklichung der angestrebten Ziele mit sich. Sie ist zugleich angepasst der körperlichen und geistigen Natur und der Würde der Gatten, sowie der normalen und glücklichen Entwicklung des Kindes.

Schluss

1044 Ihr ernstes religiöses Denken und Ihr Kommen hierher sind, geliebte Söhne und Töchter, ein Unterpfand Ihrer unerschütterlichen Treue gegenüber all Ihren Pflichten als katholische Ärzte, ein Unterpfand auch Ihres Willens, durch Ihr Beispiel und Ihren Einfluss mitzuhelfen, die Grundsätze, von denen Sie selbst durchdrungen sind, bei Ihren Kollegen und Ihren Schülern, bei Ihren Klienten und deren Familien zur Geltung zu bringen. In diesem Vertrauen spenden Wir aus der Überfülle Unseres väterlichen Herzens Ihnen, allen, die Sie hier vertreten, Ihren Familien und allen, die Ihnen teuer sind, Unseren Apostolischen Segen.

4. Über die christliche Ehe und Mutterschaft

Ansprache Papst Pius XII. vom 29. Oktober 1951 an den Verband katholischer Hebammen Italiens

5. Über Fragen der Familienmoral und der Nachkommenschaft

Ansprache Papst- Pius XII. am 26. November 1951 an den Nationalen Kongress der "Front der Familie" (als Ergänzung zu Nr. 4)

(Quelle: Soziale Summe Pius' XII., Band I, S. 534-541; Grundfragen der ärztlichen Ethik, Nr. 5)

Die Bedeutung der Familie

1. In der Ordnung der Natur, unter den sozialen Schöpfungen gibt es keine, die der Kirche mehr am Herzen läge, als die Familie. Die Wurzel der Familie, die Ehe, hat Christus zur Würde eines Sakramentes erhoben. Die Familie hat in allem, was ihre unverletzlichen Rechte, ihre Freiheit und die Ausübung ihrer hohen Aufgabe angeht, in der Kirche immer Verteidigung, Schutz und Hilfe gefunden.

2. Es erfüllt Uns daher, geliebte Söhne und Töchter, mit besonderer Freude, den Nationalkongress der "Front der Familie" und der kinderreichen Familien hier bei Uns zu begrüßen und euch Unsre Befriedigung auszusprechen über eure Anstrengungen auf die Ziele hin, die zu erreichen ihr euch zur Aufgabe gestellt habt. Unsere väterlichen Wünsche begleiten ihre glückliche Durchführung.

Ziele der Familienbewegung

3. Eine Familienbewegung, die wie die eure sich dafür einsetzt, die Idee der christlichen Familie im Volk voll und ganz zu verwirklichen, wird sich immer unter dem Antrieb der sie beseelenden inneren Kraft wie auch der Bedürfnisse des Volkes, in dessen Mitte sie lebt und wächst, in den Dienst jenes bekannten dreifachen Zieles stellen, das den Gegenstand eurer Bestrebungen bildet: des Zieles, Einfluss auszuüben auf die Gesetzgebung in dem weiten Bereich, der mittelbar oder unmittelbar die Familie berührt; des Zieles der Solidarität der christlichen Familien untereinander; des Zieles einer christlichen Familienkultur. Dieses dritte Ziel ist das eigentliche; die beiden anderen sollen zusammenwirken, es zu unterstützen und zu fördern.

Bedrohung der Familie

4. Wir haben oft und bei den verschiedensten Gelegenheiten zugunsten der christlichen Familie gesprochen. In den meisten Fällen taten Wir es, um ihr zu helfen oder andere zu ihrer Hilfe aufzurufen; um sie aus schwerster Not zu erretten; insbesondere um sie in den Nöten des Krieges zu unterstützen. Die durch den ersten Weltkrieg verursachten Schäden waren noch lange nicht geheilt, als der zweite noch furchtbarere Weltkrieg hereinbrach, um sie ins Unermeßliche zu steigern. Viel Zeit und viel menschliches Mühen und noch größeren göttlichen Beistand wird es brauchen, bis die tiefen Wunden, die diese bei den Kriege der Familie geschlagen haben, wirklich vernarbt sind. Ein anderes Übel, das teilweise ebenso in den Kriegszerstörungen, darüber hinaus aber auch in Übervölkerung oder in verkehrten oder selbstsüchtigen Tendenzen seinen Grund hat, ist die Wohnungsnot. Alle diejenigen, Gesetzgeber, Staatsmänner, Mitglieder sozialer Werke, die sich mühen, hier Abhilfe zu schaffen, erfüllen, sei es auch nur in indirekter Weise, ein Apostolat von größter Bedeutung.

5. Dasselbe gilt für den Kampf gegen die Geißel der Arbeitslosigkeit, für die Sicherstellung eines hinreichenden Familieneinkommens, damit die Mutter nicht gezwungen ist, wie es leider häufig der Fall ist, außerhalb des Hauses Arbeit zu suchen, sondern sich mehr dem Mann und den Kindern widmen kann.

6. Die Arbeit zugunsten der religiösen Schule und Erziehung bedeutet ebenfalls einen wertvollen Beitrag zum Wohle der Familie, ebenso die Pflege einer gesunden Natürlichkeit und anspruchslosen Lebensart in der Familie, die Stärkung ihrer religiösen Überzeugungen, die Schaffung einer Atmosphäre christlicher Reinheit in ihr, die geeignet ist, sie von den schädlichen äußeren Einflüssen wie von all jenen krankhaften Erregungen freizuhalten, die in der Seele des Jugendlichen ungeordnete Leidenschaften wecken.

7. Aber es gibt noch eine tiefergreifende Not, vor der man die Familie bewahren muss, nämlich die entwürdigende Versklavung, zu der sie eine Denkart herabwürdigt, die sie zu einem bloßen Organismus im Dienste der sozialen Gemeinschaft macht, um für diese eine hinreichende Masse von "Menschenmaterial" zu schaffen.

Die Erschütterung der Ehemoral

8. Noch ein anderes Übel bedroht die Familie, freilich nicht erst seit gestern, sondern schon seit langer Zeit. Dieses Übel wächst jedoch zur Zeit zusehends und kann der Familie zum Verhängnis werden, weil es ihre Wurzel angreift: Wir meinen die Erschütterung der Ehemoral in ihrer ganzen Ausdehnung.

9. Wir haben im Lauf der letzten Jahre jede Gelegenheit wahrgenommen, um den einen oder anderen wesentlichen Punkt der Ehemoral aufzuzeigen, und erst kürzlich legten Wir sie in ihrem großen Zusammenhang dar. Wir haben nicht nur die Irrtümer zurückgewiesen, die sie untergraben, sondern hellten auch positiv den Sinn der Ehemoral auf, ihre Aufgabe, ihre Bedeutung, ihren Wort für das Glück der Ehegatten, der Kinder und der ganzen Familie, für den Bestand und die Forderung des sozialen Wohles vom häuslichen Herd bis zu Staat und Kirche.

Schutz des werdenden Lebens

10. Im Mittelpunkt dieser Lehre wurde die Ehe als eine Einrichtung im Dienste des Lebens hervorgehoben. In enger Anlehnung an diese Grundlage haben Wir im Sinne der steten Lehre der Kirche einen Satz herausgestellt, der eine der wesentlichen Grundlagen nicht nur der Ehemoral, sondern überhaupt der Sozialethik im allgemeinen ist, dass nämlich der direkte Angriff auf schuldloses menschliches Leben als Mittel zum Zweck - im vorliegenden Fall zum Zweck der Erhaltung eines anderen Lebens - unerlaubt ist.

Das schuldlose menschliche Leben, ganz gleich in welchem Zustand es sich befindet, ist vom ersten Augenblick seiner Existenz an jedem direkten absichtlichen Angriff entzogen.

11. Dies ist ein Fundamentalrecht der menschlichen Persönlichkeit und nach christlicher Lebensauffassung von allgemeiner Gültigkeit, ebenso gültig für das Leben, das noch verborgen im Mutterschoß ruht, wie für das schon zur Welt gekommene Leben; ebenso gültig gegen die direkte Abtreibung wie gegen die direkte Tötung des Kindes vor, während und nach der Geburt. Wie begründet auch die Unterscheidung zwischen diesen verschiedenen Entwicklungsmomenten des geborenen oder noch nicht geborenen Lebens sein mag im profanen wie kirchlichen Recht und für gewisse bürgerliche und strafrechtliche Folgen, - nach dem Sittengesetz handelt es sich in all diesen Fällen um ein schweres und unerlaubtes Attentat auf das unverletzliche menschliche Leuen.

Leben des Kindes und Leben der Mutter

12. Dieser Grundsatz gilt ebenso für das Leben des Kindes wie für das Leben der Mutter. Niemals und in keinem Fall hat die Kirche gelehrt, dass das Leben des Kindes jenem der Mutter vorzuziehen sei. Es ist irrig, die Frage mit dieser Alternative zu stellen: entweder das Leben des Kindes oder das Leben der Mutter. Nein! Weder das Leben der Mutter noch das Leben des Kindes dürfen einem Akt direkter Vernichtung unterzogen werden. Für den einen wie für den anderen Teil kann nur die eine Forderung bestehen: alles aufzubieten, das Leben beider zu retten, der Mutter und des Kindes (vgl. Pius XI. Enzyklika "Casti connubii", 31. Dezember 1930 - Acta Apostolica Sedis, vol. 22, pag. 562-563).

13. Es ist eine der schönsten und edelsten Bestrebungen der Medizin, immer neue Wege zu suchen, um das Leben beider sicherzustellen. Wenn aber trotz aller Fortschritte der Wissenschaft noch Fälle übrig bleiben, jetzt und auch in Zukunft, in denen man mit dem Tode der Mutter rechnen muss, wenn diese die Geburt des Lebens, das sie in sich trägt, zu Ende führen und es nicht unter Verletzung des Gebotes Gottes: Du sollst nicht töten! zerstören will, so bleibt dem Menschen, der sich bis zum Letzten mühen wird, zu helfen und zu retten, nichts übrig, als sich in Ehrfurcht vor den Gesetzen der Natur und dem Walten der göttlichen Vorsehung zu beugen.

14. Aber - so wendet man ein - das Leben der Mutter, und insbesondere der Mutter einer kinderreichen Familie, ist ein unvergleichlich höherer Wert als das eines noch nicht geborenen Kindes. Die Anwendung der Güterabwägungstheorie auf den Fall, der uns gegenwärtig beschäftigt, hat schon in juristischen Erörterungen Aufnahme gefunden. Die Antwort auf diesen viele bedrückenden Einwand ist nicht schwer. Die Unverletzlichkeit des keimenden Lebens eines Schuldlosen hängt nicht von seinem größeren oder geringeren Wert ab. Bereits vor mehr als zehn Jahren hat die Kirche die Tötung des als "wertlos" erachteten Lebens in aller Form verurteilt. Wer die traurigen Ereignisse kennt, die diese Verurteilung hervorriefen, wer die verhängnisweiten Folgen zu erwägen weiß, zu denen man gelangen würde, wollte man die Unantastbarkeit schuldlosen Lebens nach seinem Wert bemessen, der weiß sehr wohl die Beweggründe zu schätzen, die zu jenem Entscheid geführt haben.

15. Wer kann übrigens beurteilen, welches von den beiden Leben das kostbarste ist? Wer kann wissen, welchen Weg jenes Kind gehen wird, zu welcher Höhe der Leistung und der Vollkommenheit es gelangen wird ? Hier werden zwei Größen miteinander verglichen, von denen man die eine gar nicht kennt.

Ein Opfer und seine Frucht

16. Wir möchten hier ein Beispiel anführen, das vielleicht einigen von euch schon bekannt ist, das aber deswegen nichts von seinem eindrucksvollen Wert einbüßt. Es geht auf das Jahr 1905 zurück. Da lebte eine junge Frau adliger Abstammung, noch adliger jedoch von Gesinnung. Sie war schwächlicher Konstitution und von zarter Gesundheit. Als Mädchen hatte sie eine kleine Rippenfellentzündung gehabt, die jedoch geheilt zu sein schien. Als sie sich glücklich verheiratet hatte und fühlte, wie sich in ihrem Schoß neues Leben regte, musste sie sehr bald feststellen, wie ein eigenartiges Übel ihre Gesundheit untergrub, das die beiden tüchtigen Ärzte, die mit liebender Sorge ihre Gesundheit überwachten, sehr beunruhigte. Die frühere Rippenfellerkrankung mit ihrem schon ausgeheilten Infektionsherd war wieder aufgebrochen. Nach Meinung der Ärzte war keine Zeit zu verlieren. Das einzige Mittel, die zarte Frau zu retten, bestand darin, ohne Aufschub die medizinische Abtreibung einzuleiten. Auch der Gemahl begriff seinerseits die Schwere des Falles und gab sein Einverständnis zum peinlichen Eingriff. Als jedoch der behandelnde Gynäkologe ihr sehr taktvoll die Entscheidung der Ärzte mitteilte und ihr nahelegte, derselben beizupflichten, antwortete sie fest und entschieden: "Ich danke Ihnen für Ihre teilnehmenden Ratschläge; ich kann jedoch nicht das keimende Leben meines Kindes töten! Ich kann und kann es nicht! Ich spüre schon seinen Herzschlag in meinem Schoß; das Kind hat das Recht zum Leben; von Gott kommt es und es muss Gott kennenlernen, um ihn zu lieben und in ihm glücklich zu werden." Auch der Gemahl bat und flehte sie an; sie blieb unbeugsam und erwartete ruhig den Ausgang. Ein Mädchen kam gesund zur Welt; sofort nach der Geburt verschlechterte sich jedoch der Gesundheitszustand der Mutter. Der Infektionsherd in der Lunge erweiterte sich; der Verfall des Organismus schritt voran. Zwei Monate später lag sie im Sterben; sie sah noch einmal die Kleine, die gesund bei einer kräftigen Amme heranwuchs; die Lippen bewegten sich noch einmal zu seligem Lächeln, dann starb sie friedlich. Viele Jahre gingen dahin. Man konnte in einem Schwesternheim eine junge Ordensfrau sehen, die ganz der Pflege und Erziehung verlassener Kinder hin gegeben war und sich mit Augen voll mütterlicher Liebe Über die kleinen Kranken neigte, wie wenn sie ihnen Leben schenken wollte. Das war sie, das Kind des Opfers, die jetzt mit ihrem edlen Herzen so viel Gutes wirkte unter der verlassenen Jugend. Der unerschrockene Heroismus der Mutter ist wahrlich nicht umsonst gewesen! (Vgl. Andreas Majocchi, rera bistori e forbici, 1940, S. 21 ff.). Wir fragen jedoch: Ist denn das christliche, ja auch nur das menschliche Empfinden schon so sehr geschwunden, dass kein Verständnis mehr da ist für das wunderbare Opfer der Mutter und für die sichtbare Führung der göttlichen Vorsehung, die aus diesem Opfer eine so edle Frucht hervorwachsen ließ?

Wann ist ein ärztlicher Eingriff erlaubt?

Wir haben absichtlich immer den Ausdruck gebraucht "direkter Angriff auf das Leben eines Schuldlosen, direkte Tötung". Denn wenn z. B. die Rettung des Lebens der zukünftigen Mutter, unabhängig von ihrem Zustand der Schwangerschaft, dringend einen chirurgischen Eingriff oder eine andere therapeutische Behandlung erfordern würde, die als keineswegs gewollte oder beabsichtigte, aber unvermeidliche Nebenfolge den Tod des Kindes im Mutterleib zur Folge hätte, könnte man einen solchen Angriff nicht als einen unmittelbaren Angriff auf schuldloses Leben bezeichnen. Unter solchen Bedingungen kann die Operation erlaubt sein, wie andere vergleichbare ärztliche Eingriffe immer vorausgesetzt, dass ein hohes Gut, wie es das Leben ist, auf dem Spiele steht, dass der Eingriff nicht bis nach der Geburt des Kindes verschoben werden kann und kein anderer wirksamer Ausweg gangbar ist.

Erlaubte Geburtenregelung

18. Da also die erste Aufgabe der Ehe im Dienste am Leben besteht, gilt Unser besonderes Wohlgefallen und Unser väterlicher Dank jenen Ehegatten, die aus Liebe zu Gott und im Vertrauen auf ihn mutig eine zahlreiche Familie gründen und aufziehen. Andererseits fühlt die Kirche Teilnahme und Verständnis für die wirklichen Schwierigkeiten des Ehelebens in unserer heutigen Zeit. Deshalb haben Wir in Unserer letzten Ansprache über die Ehemoral die Berechtigung und zugleich die tatsächlich weit gesteckten Grenzen für eine Regulierung der Nachkommenschaft herausgestellt, die - im Gegensatz zur sogenannten "Geburtenkontrolle" - mit dem Gesetz Gottes vereinbar ist. Man kann sogar hoffen -- doch überläßt hier die Kirche das Urteil natürlich der medizinischen 'Wissenschaft -, dass es gelingt, diesem erlaubten Verhalten eine genügend sichere Grundlage zu geben, und die neuesten Berichte scheinen eine solche Hoffnung zu bestätigen.

Die Hilfe übernatürlicher Kraftquellen

19. Im übrigen helfen zur Überwindung der vielfachen Prüfungen des ehelichen Lebens vor allem ein lebendiger Glaube und regelmäßiger Empfang der heiligen Sakramente. Daraus erwachsen Kraftquellen, von denen sich jene, die außerhalb der Kirche leben, nur schwer eine Vorstellung machen können. Und mit diesem Hinweis auf die höheren übernatürlichen Kraftquellen möchten Wir schließen. Auch euch, geliebte Söhne und Töchter, könnte es eines Tages geschehen, dass ihr euren Mut wanken fühlt unter dem wuchtigen Sturm, der um euch, oder noch viel gefährlicher, innerhalb der Familie ausgebrochen ist, durch die Lehren nämlich, welche die gesunde und normale Auffassung der christlichen Ehe zu unterhöhlen drohen. Habt Vertrauen! Die Kräfte der Natur, vor allem aber jene der Gnade, die der Herrgott im Sakrament der Ehe in eure Seelen gesenkt hat, sind wie ein starker Fels, an dem die brandenden Wogen des stürmischen Meeres sich brechen. Und wenn Katastrophen wie Krieg und Nachkrieg der Ehe und Familie Wunden geschlagen haben, die auch heute noch bluten, so haben doch gerade in jenen Jahren die Treue und Standhaftigkeit der Ehegatten und die bis zu unvorstellbaren Opfern bereite Mutterliebe in ungezählten Fällen wahre und leuchtende Triumphe davongetragen.

20. Setzt daher zäh und mutig eure Arbeit fort, voll Vertrauen auf die göttliche Hilfe, als deren Unterpfand Wir euch und euren Familien aus übervollem Herzen Unseren väterlichen Apostolischen Segen erteilen.

6. Die Bedeutung der Erforschung und der Therapie der Magen- und Darmkrankheiten

Ansprache Papst Pius XII. am 26. April 1952 an die Teilnehmer des Kongresses der Nationalverbände für Magen- und Darmkrankheiten

(Nr. 6; Aus dem französischen übertragen von Gerhard Hudy. Die Ansprache erschien in "Discorsi e Radiomessagi di S.S. Pio XII.", Gliederung und Inhaltsangabe wurde vom Herausgeber beigefügt)

Begrüßung

1. Meine Herren! Sie wünschten, Uns über Ihre Arbeit aus Anlass des 3. Europäischen Kongresses für Magen- und Darmkrankheiten, den Sie soeben beendeten, Bericht zu erstatten. Nehmen Sie bitte hiermit zur Kenntnis, wie sehr Wir über Ihre Ehrbezeugung erfreut sind, und mit welcher Genugtuung Wir Sie bei Uns sehen.

Bedeutung der Magen- und Darmkrankheiten im modernen Leben

2. Die von Ihnen vertretenen Nationalverbände befassen sich mit dem Fortschritt der Studien, die die Krankheiten des Verdauungsapparates betreffen, indem sie sich moderne Forschungsmethoden und neue Möglichkeiten der Heilkunde zunutze machen. Die Magen- und Darmkrankheiten sind in der Tat einer der wichtigsten Zweige der Medizin, und aus ihnen entstehen die häufigsten und verschiedenartigsten Krankheiten. Diese entstehen zum großen Teil aus mangelhafter Ernährung, entweder auf Grund der Nahrungsmittel selbst, die schlecht ausgewählt oder schlecht vorbereitet sind, oder auf Grund ungünstiger Bedingungen, unter denen sie verdaut werden müssen. Sie stellen jeden Tag die unheilvollen Auswirkungen eines immer mehr in Unruhe geratenen modernen Lebens fest, und Ihre Zuständigkeit zwingt Sie, den Rhythmus des anormalen Lebens und der unvernünftigen Ernährung eines großen Teiles der Menschheit zu verurteilen. Im übrigen lassen Sie das Vorhandensein der durch den Schöpfer geschaffenen Naturgesetze der Ernährung nur erkennen und die Tatsache, dass man sie nicht ungestraft übertritt. Ihr Amt hat die Aufgabe, daraus so gut wie möglich die Grundsätze herauszustellen und, leider, vor allem die Überschreitungen zu heilen.

Fortschritte in Erforschung und Therapie der Magen- und Darmkrankheiten

3. Für alles dieses verfügen Sie glücklicherweise über Mittel, die jeden Tag vollkommener werden: auf dem Gebiet der Forschung erlaubten es Ihnen neue optische Apparate oder neue Röntgenapparate, zahlreiche Krankheiten besser zu verstehen und zu erkennen; aber sie haben auch die starke Kompliziertheit von Symptomen aufgezeigt, die ehemals als einfach betrachtet wurden.

4. Somit haben Sie in diesem Jahr auf dem soeben beendeten Kongress das Resultat Ihrer Studien über die Krankheiten der Bauchspeicheldrüse, des Hauptorganes für die gute Verdauung, das jedoch der Forschung des Arztes derart Schwierigkeiten bereitet, gemeinsam erarbeitet. Man mußte moderne Analysierungsmethoden anwenden, um die Unregelmäßigkeiten ihres Funktionierens durch ihre Wirkungen zu enthüllen, und dank Ihrer klinischen Studien haben Sie bei der Heilung ihrer Leiden Fortschritte machen können.

5. Auf dem Gebiet der Heilkunde im allgemeinen ziehen Sie in der Tat Nutzen aus dem Fortschritt der Chirurgie und der Pharmazie. Die erste, ständig mutiger werdend, kann heute operative Maßnahmen wagen, die man bis in die letzten Jahre für unmöglich hielt. Die zweite machte außerordentliche Entdeckungen, wie z. B. diejenigen der Antibiotika, die bereits so viele Menschenleben gerettet haben.

Die wissenschaftliche Forschung ist wichtig für die Erhaltung der Gesundheit und

6. Es ist jedoch besonders tröstlich, festzustellen, dass so viel Mühe und so viel Arbeit, die in der ganzen Welt von einer stillen Armee von Forschern und Dienern der Wissenschaft geleistet werden, in gewisser Weise zu Lebensregeln zu Gunsten der Gesundheit führen, und Sie bestätigen ihnen durch das Resultat Ihrer Beobachtungen, dass sie sich einer besseren Gesundheit erfreuen könnten, wenn sie ihre Nahrung und die für eine gute Verdauung erforderliche Körperbewegung vernunftgemäßer regeln würden. Die Entdeckung und das fortwährende Studium neuer Vitamine gestatten es zum Beispiel, die alten Vorschriften über die Auswahl, das Verhältnis und die Vorbereitung der Nahrungsmittel genauer zu bestimmen. Hervorragende Gelehrte glauben, dass die Erhöhung der mittleren Körpergröße, wie sie in verschiedenen Ländern beobachtet wurde, auf die Verbesserung der Nahrungsmittel zurückzuführen ist.

die geistige Entwicklung des Menschen

7. Derartige Beobachtungen sind nicht unwichtig. Die christliche Lehre, die die Harmonie des menschlichen Körpers betrifft, würde sich dabei nicht gleichgültig zu verhalten wissen, denn es handelt sich nicht nur um eine Vergrößerung der körperlichen Kräfte, sondern auch um ein größeres Fassungsvermögen geistiger Arbeit, um ein überlegenes Gleichgewicht, von dem man mit Hilfe der Gnade Gottes ständig hoffen kann, dass der Wille des Menschen eine höhere Vollkommenheit und größere Wirkung für das Gute erreicht. Besteht hier nicht Anlass dazu, an das Gleichnis der Talente und der Lobreden zu erinnern, die der Heiland dem fleißigen Diener zuerkannte? Unsere wesentlichen Talente sind Körper und Seele, eng miteinander verbunden, eng voneinander abhängig; unsere erste Pflicht besteht darin, sie vorteilhaft für die Ehre Gottes und das Wohl des Nächsten anzuwenden.

Der Arzt als Werkzeug der Barmherzigkeit Gottes

8. Meine Herren! Die Größe Ihrer Aufgabe besteht in der Mitwirkung als wirkliche Mitarbeiter Gottes bei der Verteidigung und der Entfaltung seiner Schöpfung. In diesem Sinne sagt die Heilige Schrift vom Arzt, dass "Gott ihn geschaffen hat" (Sir. 38,1). Er hat ihn geschaffen als ein Werkzeug seiner Barmherzigkeit, um die Leiden seiner Brüder zu mildern, als ein Bewahrer seiner Wissenschaft vom Menschen und seiner hilfreichen Güte. Der Arzt ist eine Wohltat Gottes; aus diesem Grund hat er nicht nur ein Recht auf Ehrungen und die Achtung der Menschen, sondern auch auf ihre Anerkennung und ihr Vertrauen. Deshalb erflehen Wir, indem Wir den Herrn des Lebens bitten, Sie beständig enger mit seinem Werk zu verbinden, auf Sie, auf Ihre Arbeit, auf Ihre Kranken, die Fülle der göttlichen Gunst, als deren Unterpfand Wir Ihnen von ganzem Herzen Unseren Apostolischen Segen geben.

7. Die sittlichen Grenzen der ärztlichen Forschungs- und Behandlungsmethoden

Ansprache Papst Pius XII. am 13. September 1952 an die Teilnehmer des 1. Internationalen Kongresses für Histopathologie des Nervensystems in Rom

8. Körperkultur und Christentum

Ansprache Papst Pius XII. am 8. November 1952 an die Teilnehmer des nationalen wissenschaftlichen Kongresses für Sport und Körpererziehung in Rom

9. Über die Möglichkeiten und Grenzen der Psychotherapie

Ansprache Papst Pius XII. am 13. April 1953 an die Teilnehmer des 5. Internationalen Kongresses für Psychotherapie und klinische Psychologie in Rom

10. Eugenik und katholischer Glaube

Ansprache Papst Pius XII. am 7. September 1953 an die Teilnehmer des "Primum Symposium Geneticae Medicae"

(Offizieller französischer Text: AAS XLV [1953] 596-607)
(Quelle: Soziale Summe Pius' XII., Band I, S. 542-552)

(Quelle: Römische Übersetzung mit einigen Abänderungen nach dem Original. - Die Rede hat zwei Teile. Im ersten werden die Ergebnisse der Vererbungswissenschaft kurz zusammengefasst. Von diesem Teil folgen nur die beiden letzten Abschnitte als Einführung in den zweiten Teil der Rede, der unverkürzt wiedergegeben wird)

Die Bedeutung der Vererbungslehre für den Menschen

Auch für den Menschen sind die Gesetze der Vererbung von hoher Bedeutung. Die Erstzelle des neuen Menschen ist schon im ersten Augenblick und Stadium ihres Daseins von einem wundervollen Bau und einer unglaublich reichen Spezifizierung der Anlagen. Sie ist voll teleologischer Dynamik, die gesteuert wird von den Genen, und in diesen Genen liegt so viel Glück oder Unglück, Lebensfrische oder Siechtum, Können oder Versagen begründet. Diese Einsicht macht es verständlich, dass die Erforschung der Vererbung immer mehr Beachtung und Verwendung findet. Man sucht das Wertvolle und Gute zu wahren, zu sichern, zu fördern und zu vervollkommnen. Schädigungen der Erbanlage sollen verhütet, das in ihnen bereits vorhandene Negative nach Möglichkeit eingedämmt werden; soweit es geht, soll verhütet werden, dass eine minderwertige Erbanlage noch verschlimmert werde durch Verschmelzung mit einer gleichgerichteten minderwertigen Erbanlage des anderen Partners. Umgekehrt soll gesorgt werden, dass eine hochwertige positive Anlage zur Verschmelzung mit hochwertigem Erbgut eines andern Partners gelange.

Das alles sind Aufgaben, die die Genetik bzw. Eugenetik sich stellt. Daher ihre außerordentliche Spezialisierung bis zur Genetik der Blutgruppen und zur Zwillingsforschung, zur Genetik der Zwillinge. Das ist es, was Wir Ihrem Fachgebiet entnehmen wollten, nicht um darüber eine Ansicht zu äußern. Die Beurteilung reiner Forschungsfragen bleibt der Zuständigkeit Ihres Fachwissens überlassen. Unsere Ausführung hatte nur den Zweck, einen gemeinsamen Boden zu schaffen, auf dem Wir das Grundsätzliche erörtern könnten, das Wir nunmehr anfügen möchten.

1. Die Wahrheit in der wissenschaftlichen Forschung

Wahrheit als Erfassung objektiven Seins und Wirkens

Die fundamentalen Forderungen wissenschaftlichen Erkennens lauten: Wahrheit und Wahrhaftigkeit.

Wahrheit ist zu verstehen als die Übereinstimmung des menschlichen Urteils mit der in den Dingen selbst gegebenen Wirklichkeit ihres Seins und ihres Wirkens im Gegensatz zu dem vom Menschengeist in die Dinge Hineingesehenen oder Hineingedachten. Es gab und es gibt heute noch eine Auffassung, nach der die Kunde von der objektiven Wirklichkeit nur wie durch eine Linse in den Menschengeist eindringt und auf seinem Wege qualitativ und quantitativ modifiziert wird. Man redet dann vom dynamischen Denken, das seine Form dem Objekt aufdrückt, im Gegensatz zum statischen Denken, das es einfach widerspiegelt, wenn man nicht gar grundsätzlich jenes erstere als die einzig mögliche Form menschlicher Erkenntnisse bezeichnet. Wahrheit wäre dann schließlich die Übereinstimmung des persönlichen Denkens mit der jeweils herrschenden öffentlichen oder wissenschaftlichen Meinung.

Das gesunde Denken aller Zeiten, und das christliche im besonderen, ist sich bewusst, an dem Kernsatz festhalten zu müssen: Wahrheit ist die Übereinstimmung des menschlichen Urteils mit dem in sich bestimmten Sein der Dinge, - ohne dass damit das relativ Berechtigte in der vorhin angegebenen, als Ganzes freilich irrigen Bestimmung des Wahrheitsbegriffs geleugnet werden soll. Wir haben in Unserem Rundschreiben Humani generis vom 12. August 1950 auch diese Frage berührt und darin etwas betont, was Wir glauben, auch hier wiederholen zu müssen: die Notwendigkeit nämlich, die großen Seinsgesetze intakt zu lassen, weil ohne sie die Erfassung der Wirklichkeit zu einer Unmöglichkeit wird: Wir meinen vor allem das Kontradiktionsprinzip und jene vom hinreichenden Grund, von der Kausalität und Finalität.

Ihr Schrifttum berechtigt Uns zu der Annahme, dass Sie mit Unserer Fassung des Wahrheitsbegriffs einverstanden sind. Sie wollen mit Ihrer Forschung die Wirklichkeit erfassen und erst auf ihr fußend Ihre Schlüsse ziehen und Ihre Systeme aufbauen. Die Existenz der Gene betonen Sie als eine Tatsache und nicht als eine bloße Hypothese. Sie stehen also auf dem Standpunkt, dass es objektive Tatsachen gibt und dass die Wissenschaft die Möglichkeit und die Absicht hat, diese Tatsachen zu erfassen und nicht rein subjektive Gedankengebilde zu schaffen.

Objektive Wahrheit und deren Systematisierung

So grundlegend wie der Wahrheitsbegriff in sich ist für den Forscher auch die Unterscheidung zwischen sicheren Tatsachen und deren Deutung und Systematisierung. Die Tatsache ist immer richtig, weil es keinen ontologischen Irrtum geben kann. Nicht so verhält es sich ohne weiteres mit deren wissenschaftlicher Verarbeitung. Hier besteht die Gefahr von voreiligen Schlüssen und Vorurteilen.

Das alles führt zur Ehrfurcht vor den Tatsachen, und zwar der Gesamtheit der Tatsachen, zur Vorsicht im Aufstellen wissenschaftlicher Behauptungen, zur Nüchternheit des wissenschaftlichen Urteils, zu jener vornehmen Selbstbeherrschung des Gelehrten, die auf dem Wissen um die Grenzen menschlicher Erkenntnis beruht; es führt zu der Aufgeschlossenheit und Gelehrigkeit des echten Wissenschaftlers, dem ein Festhalten an eigenen Ideen fernliegt, falls sie sich als nicht genügend begründet herausstellen, und es führt endlich dazu, fremde Meinungen unparteiisch zu prüfen und zu begutachten.

Wo diese Geistesverfassung sich findet, gesellt sich wie von selbst zur Ehrfurcht vor der Wahrheit die Wahrhaftigkeit, die Übereinstimmung der persönlichen Überzeugung mit der wissenschaftlichen Stellungnahme nach außen in Wort und Schrift.

2. Grenzen der Genetik

Fehlerquellen in der wissenschaftlichen Forschung

Ergänzend dürfen Wir zur Forderung von Wahrheit und Wahrhaftigkeit für das wissenschaftliche Erkennen ein weiteres beifügen: es kommt selten vor, dass sich nur eine Wissenschaft mit einem bestimmten Gegenstand befasst. Es sind meistens mehrere; aber jede behandelt den Gegenstand unter einem anderen Gesichtspunkt. Ist ihre Forschung fehlerfrei, so ist ein Widerspruch zwischen ihren Ergebnissen nicht möglich. Es würde ja einen Widerspruch im ontologischen Sein voraussetzen. Die Wirklichkeit in sich kann sich jedoch nicht widersprechen.

Tauchen trotzdem Widersprüche auf, so können sie nur auf fehlerhafter Beobachtung oder auf fehlerhafter Auswertung einer richtigen Beobachtung oder aber darauf beruhen, dass der Forscher, die Grenzen seines Fachgebietes überschreitend, sich auf fremdem Boden als Fachmann betätigt hat. Wir denken, dass auch dieser Hinweis jeder Wissenschaft als selbstverständlich gilt.

Ergänzung der Genetik durch Psychologie und Metaphysik

Wenn also die Erblehre, gestützt auf die Kenntnis der Struktur des Zellkerns - und neuerlich auch auf die Struktur des Zytoplasmas - sowie auf die Kenntnis der immanenten Gesetze des Erbgangs, fähig ist zu sagen, warum in einem Menschen bestimmte Merkmale in Erscheinung treten, so ist sie darum noch nicht befähigt, alles Leben dieses Menschen zu erklären. Sie bedarf der Ergänzung durch andere Wissenschaften, wenn etwa die Frage gestellt wird nach der Existenz und dem Ursprung des geistigen, von der Materie in seinem Wesen unabhängigen Lebensprinzips der Menschenseele. Auch die Aufschlüsse der Genetik über die Erstzelle und die Entwicklung des Menschenleibes durch normale Zellteilung und Steuerung durch die Seele, die Aufschlüsse über Modifikationen, Mutationen und das Zusammenwirken von Erbgut und Umwelt reichen nicht aus, die Einheit der Natur des Menschen, sein geistiges Erkennen und seine freie Selbstbestimmung zu erklären. Dass zu dem organischen Substrat und seiner relativen Eigengesetzlichkeit die Geistseele, mit ihm zur Einheit der Menschennatur verbunden, hinzutritt, darüber vermag die Genetik als solche keinen Aufschluss zu geben. Hier muss die Psychologie und die Metaphysik oder Seinslehre einsetzen, nicht im Gegensatz zur Genetik, sondern in Verbindung mit ihr, in Hinnahme, aber auch in wesentlicher Ergänzung der genetischen Gegebenheiten. Umgekehrt kann auch die Philosophie, wenn anders sie wirklichkeitsnahe bleiben will, bei der Analyse der psychischen Betätigung die Genetik nicht außer acht lassen. Man kann nicht alles Seelische, soweit es körperlich bedingt ist, herleiten lassen aus der « anima rationalis » als « forma » corporis und eine amorphe « materia prima » alle ihre Determinationen empfangen lassen von der unmittelbar von Gott erschaffenen Geistseele und nichts von den Genen des Keimzellenkerns.

3. Genetik und Offenbarung

Vernünftigkeit der gläubigen Annahme von Fremderkenntnissen

Die Vielheit und Verschiedenheit der Erkenntnisquellen macht noch auf einen Umstand von entscheidender Bedeutung aufmerksam, nämlich auf die Unterscheidung des Wissens aus eigener Erkenntnis und des Wissens aus fremder Einsicht, also aus dem Zeugnis anderer. Wo die Glaubwürdigkeit solchen Zeugnisses als gesichert gelten kann, ist es eine normale Erkenntnisquelle, deren weder das praktische Leben noch auch die Wissenschaft entraten können. Ganz abgesehen von der harten Notwendigkeit, sich so und so oft des Zeugnisses anderer zu bedienen, ist es die oben gezeichnete Geisteshaltung des echten Gelehrten, die ihn feststellen lässt, dass der bewährte Fachmann auf seinem Gebiet mit der objektiven Wahrheit immer enger vertraut ist als jeder Außenstehende.

Wir können nicht umhin, das soeben über das menschliche Zeugnis Gesagte auf das Zeugnis Gottes zu übertragen. Die Offenbarung, also das ausdrückliche, ausgesprochene Zeugnis des Schöpfers, berührt auch naturwissenschaftliches Gebiet, auch Thesen Ihres Faches wie etwa die Abstammungslehre. Dabei entspricht der Schöpfer jener Forderung von Wahrheit und Wahrhaftigkeit im absolut höchsten Grad. Sie mögen also selbst urteilen, ob es wissenschaftlicher Sachlichkeit entspräche, wollte man seinem Zeugnis einfach aus dem Wege gehen, wo dessen Tatsächlichkeit und dessen Inhalt gewährleistet sind.

Vorsicht bei der wissenschaftlichen Beurteilung von biblischen Aussagen über den Ursprung des menschlichen Leibes

Was die Abstammungslehre angeht, so bezeichnet deren Höhepunkt die Frage nach dem Ursprung des leiblichen Organismus des Menschen (nicht seiner Geistseele). Wenn Ihre Wissenschaften sich mit diesem Problem eingehend beschäftigen, so hat auch die Theologie, die Wissenschaft, welche die Offenbarung zum Gegenstand hat, demselben eine wache Aufmerksamkeit geschenkt. Wir selbst haben zweimal, schon 1941 in einer Ansprache an Unsere Akademie der Wissenschaften (30. November 1941, AAS XXXII! [1941] 506) und dann 1950 in der vorhin erwähnten Enzyklika (AAS XLII [1950] 575 ff.), ermuntert, weiter zu forschen, ob sich vielleicht einmal sichere Resultate gewinnen lassen, da bis jetzt etwas Endgültiges gewiss nicht erreicht sei, und Wir haben gemahnt, diese Fragen mit der Vorsicht und der Reife des Urteils zu behandeln, welche ihre weittragende Bedeutung erheischt. Ihrer eigenen Fachliteratur haben Wir eine Äußerung entnommen, die bei Kenntnis aller bisherigen Funde und unter Berücksichtigung der von den Fachgelehrten zu ihnen eingenommenen Stellung zu der gleichen Nüchternheit und Zurückhaltung mahnt und sich ein endgültiges Urteil vorbehält.

Wenn Sie überdenken, was Wir über das wissenschaftliche Forschen und Erkennen geäußert haben, dürfte es klar sein: weder von Seiten der Vernunft noch vonseiten des christlich orientierten Denkens wird der Wahrheit eine Schranke gezogen. Es gibt Schranken; aber sie gelten nicht der Einengung der Wahrheit. Sie wollen nur verhüten, dass unbewiesene Hypothesen mit Tatsachen verwechselt, die Ergänzungsbedürftigkeit einer Quelle durch andere Quellen übersehen und die Wertskala bzw. der Sicherheitsgrad einer Erkenntnisquelle falsch abgelesen wird. Zum Schutz gegen diese Fehlerquellen gibt es Schranken; es gibt jedoch keine für die Wahrheit.

4. Die praktische Bedeutung der Genetik

Die Genetik hat neben der theoretischen eine eminent praktische Bedeutung. Sie stellt sich die Aufgabe, dem Wohl des einzelnen wie der Gemeinschaft, dem Gemeinwohl, zu dienen. Sie will diese Aufgabe erfüllen hauptsächlich auf zwei Betätigungsgebieten, dem der Genetikphysiologie und jenem der Genetikpathologie.

Erbveranlagung und menschliches Verhalten

Es ist eine Erfahrungstatsache, dass die natürlichen Anlagen, die guten wie die mangelhaften, die Erziehung des Menschen und sein späteres Verhalten sehr stark beeinflussen.

Gewiss ist der Leib mit seinen Organen und Anlagen nur das Instrument, die Seele der Künstler, der es spielt; gewiss kann die Fertigkeit des Künstlers manche Mängel des Instrumentes ausgleichen; aber besser und leichter spielt sich auf einem vollkommenen Instrument; und wenn dessen Güte unter einer bestimmten Linie liegt, lässt sich auf ihm überhaupt nicht mehr spielen - ganz abgesehen davon, dass über jeden Vergleich hinweg Seele und Leib, Materie und Geist im Menschen zur substantiellen Einheit verbunden sind.

Genetik im Dienst der Eugenetik

Um jedoch bei jenem Vergleich zu bleiben: die Genetik lehrt uns, das Instrument in seinem Bau und seiner Vielgestaltigkeit besser zu verstehen und für einen besseren Gebrauch herzurichten. Aus der Abstammung eines Menschen lässt sich innerhalb gewisser Grenzen eine Diagnose stellen über seine mit dem Erbgut empfangenen Anlagen und auch eine Prognose, welche ererbten Merkmale in Erscheinung treten werden, gute oder, was von noch größerer Wichtigkeit ist, auch jene, die eine erbliche Belastung bedeuten.

So gering die direkte Beeinflussung des Erbgutes sein mag, so wird die praktische Genetik keineswegs auf rein passives Zuschauen eingeengt. Schon das tägliche Leben zeigt, dass sich gewisses Tun der Eltern in der natürlichen Weitergabe des Lebens äußerst schädigend auswirkt. Derartiges Verhalten mit seinen Intoxikationen und Infektionen ist nach Möglichkeit zu unterbinden, und die Genetik sucht und zeigt Wege zu diesem Ziel. Besonders gibt die Genetik Aufschluss darüber, welche Verbindungen von Erbgut verschiedener Ahnenreihen zu begünstigen sind, gegen welche man nichts einwenden kann, von welchen man unter dem Gesichtspunkt der Genetik und Eugenik abraten muss.

5. Die Ethik vor den Tatsachen der Genetik und Eugenetik

Die Grundtendenz der Genetik und Eugenetik, den Erbgang zu beeinflussen, um das Gute zu fördern und das Schädigende auszuschalten - dieses Bestreben ist vom sittlichen Standpunkt aus einwandfrei. Ethisch zu beanstanden sind freilich gewisse Wege zu dem angegebenen Ziel, also bestimmte Abwehrmaßnahmen, und darüber hinaus die unrichtige Bewertung der genetischen und eugenischen Ziele. Lassen Sie Uns die Worte eines der bedeutendsten heutigen Genetiker anführen, der es bedauert, dass die Genetik trotz ihres enormen Fortschrittes « in technischer und analytischer Hinsicht sich in vielfachen Lehrirrtümern verloren hat; dazu gehört der Rassismus, der auf die Phylogenese angewandte Mutationismus, um in modernen Ausdrücken die darwinische Entwicklungstheorie zu erklären, die Geburtenkontrolle der Belasteten oder der als belastet Angenommenen unter Anwendung von Präventivmitteln und Schwangerschaftsunterbrechung, die Verpflichtung des vorehelichen ärztlichen Zeugnisses usw. ».

In der Tat sind es gewisse genetisch-eugenische Abwehrmaßnahmen, die das gesunde sittliche Empfinden und vor allem die christliche Sittenlehre grundsätzlich und praktisch ablehnen müssen.

« Rassismus», « Eugenische Sterilisierung»

Zu den Maßnahmen, die gegen die Sittenordnung verstoßen, gehört der erwähnte « Rassismus » wie auch die « eugenische Sterilisierung ». Unser Vorgänger, Pius XI., und Wir selbst haben Uns veranlasst gesehen, jedwede - nicht nur die eugenische - direkte Sterilisierung Schuldloser, ob definitiv oder nur zeitweilig, ob des Mannes oder der Frau, als dem Naturgesetz widersprechend zu erklären. Unsere Stellungnahme gegen die Sterilisierung war und bleibt unerschütterlich, weil der Wille und Versuch, sich vermittels der Sterilisierung gegen erbkranken Nachwuchs zu schützen, mit dem Ende des « Rassismus » keineswegs verschwunden ist.

Verhinderung der Ehe aus eugenischen Gründen

Ein anderer Weg zu demselben Ziel: das Verbot der Ehe oder ihre physische Verhinderung durch Internierung des erblich Belasteten ist ebenso abzulehnen. Der angestrebte Zweck ist in sich gut, aber das Mittel zum Zweck verstößt gegen das persönliche Recht auf Schließung und Gebrauch der Ehe. Wenn ein Erbkranker menschlichen Handeins und damit der Schließung der Ehe nicht fähig oder wenn er später unfähig geworden ist, das durch eine gültige Ehe erworbene Recht durch freie Willensäußerung geltend zu machen, mag man ihn auf erlaubte Weise an der Betätigung zur Weckung neuen Lebens hindern; sonst ist der aus biologischen, genetischen und eugenischen Gründen vollzogene Ausschluss aus der Ehe und dem ehelichen Verkehr ein Unrecht, gleichgültig wer diesen Ausschluss vollzieht, ob Private oder die öffentliche Gewalt.

Gewiss hat man Grund und meistens auch die Pflicht, die erblich Schwerbelasteten darauf aufmerksam zu machen, welche Bürde sie sich, dem Ehegefährten und der Nachkommenschaft aufzuladen im Begriffe stehen, eine Bürde, die sie später vielleicht unerträglich drückt. Aber Abraten ist kein Verbieten.

Es kann andere Gründe, besonders sittlich-persönlicher Natur geben, die so sehr überwiegen, dass sie das Eingehen und den Gebrauch der Ehe auch unter den bezeichneten Umständen freigeben.

Zur Rechtfertigung der eugenischen Sterilisierung bzw. Internierung

Zur Rechtfertigung der Alternative: direkte eugenische Sterilisierung oder Internierung, führt man an, das Recht zur Ehe und ehelicher Betätigung werde durch die Sterilisation nicht berührt, auch wenn sie vorehelich, total und nicht mehr rückgängig zu machen sei. Dieser Rechtfertigungsversuch ist erfolglos. Ist der fragliche Tatbestand für ein vernünftiges Urteil zweifelhaft, so ist auch die Eheuntauglichkeit zweifelhaft, und es findet der Grundsatz Anwendung, dass das Recht auf die Ehe so lange als vorhanden anzusehen ist, solange das Gegenteil nicht mit Sicherheit bewiesen wird. Darum ist in einem solchen Fall die Ehe zuzulassen, wobei jedoch die Frage ihrer objektiven Gültigkeit offenbleibt. Ist dagegen der genannte Tatbestand der Sterilisation unzweifelhaft, so ist die Behauptung, das Recht auf die Ehe werde trotzdem nicht in Frage gestellt, vorschnell und hat jedenfalls die ernstesten Bedenken gegen sich.

Präventivmittel und Schwangerschaftsunterbrechung

Über die anderen abwegigen Versuche, die in dem angeführten Ausspruch genannt werden: « Präventivmittel und Schwangerschaftsunterbrechung », erübrigt sich zu sprechen. Sie kommen wegen ihrer inneren Verwerflichkeit auch für die eugenische Indikation nicht in Frage.

Schlusswort : ethische Grenzen in der Humangenetik

Das ist es, meine Herren, was wir glaubten, Ihnen vorlegen zu müssen. Die praktischen Ziele, welche die Genetik verfolgt, sind edel, aller Anerkennung und Förderung würdig. Nur möge sie sich bei der Wertung der Mittel und Wege zu jenen Zielen immer des grundlegenden Unterschieds zwischen der Pflanzen- und Tierwelt einerseits und dem Menschen anderseits bewusst bleiben. Dort stehen ihr die Mittel und Wege zur Veredelung der Arten und Rassen vollkommen frei. Hier hingegen, in der Welt des Menschen, hat sie immer persönliche Einzelwesen vor sich mit unantastbaren Rechten, Einzelwesen, die ihrerseits wieder, um in der Betätigung der Anlage neues Leben zu wecken, an unantastbare sittliche Normen gebunden sind. Damit werden im ethischen Raum vom Schöpfer selbst Schranken gezogen, die wegzuräumen keiner menschlichen Macht zusteht.

Um so mehr möge Ihre Wissenschaft von Seiten der öffentlichen Sittlichkeit und der sozialen Ordnung Förderung finden, wenn es darum geht, dass das Eheleben der Gesunden und Normalen, das Eheleben überhaupt, sich leicht und frei nach den Gesetzen entfalten könne, die der Schöpfer selbst in das Herz des Menschen geschrieben und durch seine Offenbarung bekräftigt hat. Vielleicht liegt hier die mächtigste Hilfe für Ihre Bestrebungen, denen Wir im reichsten Maße Gottes Segen wünschen und erflehen.

11. Über die Geschichte und Bedeutung der Mikrobiologie

Ansprache Papst Pius XII. am 13. September 1953 zu Rom an die Teilnehmer des 6. Internationalen Kongresses für Mikrobiologie vom 13. September 1953

(Offizieller französischer Text: AAS 45 [1953] 666-671)

(Quelle: Aus dem französischen übertragen von Gerhard Hudy aus der AAS, Gliederung und Inhaltsangabe wurde vom Herausgeber beigefügt)

Begrüßung

1. In diesem für wissenschaftliche Kongresse so günstigen Septembermonat beabsichtigten auch Sie, meine Herren, in Rom Ihren 6. Internationalen Kongress für Mikrobiologie, in Ausschüssen geordnet und. "symposia" einer ebenso umfassenden wie sorgfältigen Art, durchzuführen und bei dieser Gelegenheit Uns aufzusuchen. Wir begrüßen Ihr Vorhaben besonders, denn, wie Sie wissen, geben Wir Unserer Hochachtung den Wissenschaftlern gegenüber und, im allgemeinen, allen denjenigen Ausdruck, die ihre Kräfte den Idealen aufopfern, die die Menschheit adeln. Wenn man gewöhnlich die menschliche Geschichte in einer Aufeinanderfolge von Kriegen, die ohne Gnade und leider oft ohne Vernunft töten, zusammenfasst, so kann man feststellen, dass es andere nicht minder mörderische gibt, die schwieriger zu führen und heimtückischer sind - diejenigen nämlich, die gegen unsichtbare unendlich kleine Feinde, die Mikroben, geführt werden. Inoffensiv erscheinende Feinde sicherlich, deren Größe von einigen tausendsteIn bis zu einigen millionsteln Millimetern schwankt, jedoch mit der Kraft ausgestattet, sich mit einer unerfasslichen Schnelligkeit zu vervielfachen und furchtbare Toxine zu erzeugen, die den von ihnen angegriffenen Organismus vergiften und häufig vernichten.

Geschichte und Beurteilung der Mikrobiologie

2. 'Wird man jemals wissen, wie in vergangenen Epochen der Schrecken der Unglücklichen war, die von den Epidemien befallen wurden ? Städte und Länder entvölkerten sich in einigen Wochen mangels eines Heilmittels, das im Stande war, das Unglück aufzuhalten, indem es die Ursache neutralisierte. Eine dieser Geißeln, der Flecktyphus, dessen Opfer sich auf Millionen belaufen, schien so eng mit dem Geschick der Menschheit verbunden, dass man ihm den Beinamen "historisch" gegeben hat. Bereits im Altertum hat der Historiker des peloponnesischen Krieges, Thukydides, eine wegen ihrer Genauigkeit berühmte und tragische Beschreibung der "Pest von Athen" angefertigt. Aber es genügte, um den \Yeg für wirksame und vorbeugende Maßnahmen aufzuzeigen, dass Charles Nicolle das Insekt entdeckte, das der Überträger der verantwortlichen Mikrobe war. Seitdem hat die systematische Anwendung der Desinfektion eine der mörderischsten Folgen beseitigt, die fast unvermeidlich die Kriege des Mittelalters und der modernen Zeit verursachten.

Gegenwärtig sind Pest, Typhus, Cholera und Pocken, zumindest in den westlichen Ländern, fast nur noch Namen, die noch ein Gefühl des Schreckens, das Andenken an ferne Katastrophen und an Helden hervorrufen, die nicht zögerten, sich der Gefahr auszuliefern und ihr Leben aufzuopfern, um den Unglücklichen zu Hilfe zu eilen. Heute kennt man die Erreger dieser Krankheiten, man weiß, wie man es verhindert, dass sie Schaden verursachen, vor allen Dingen, wie man ihrer Invasion zuvorkommt. Riesige modern ausgerüstete Laboratorien stellen Impf- und Serumstoffe im Überfluss her, die dem Organismus das Mittel liefern werden, um wirksam gegen die Infektion angehen zu können. Bereits im 19. Jahrhundert, vor allem jedoch in den letzten Jahren, hat man auch sichtbare Erfolge erzielt. Wie viel Leben ist durch die Anwendung von Antibiotika gerettet worden, besonders während des letzten Krieges!

3. Die Mikrobiologie rühmt sich also mit Recht, den Menschen hervorragende Dienste geleistet zu haben, Dienste, die derart bekannt und geschützt sind, dass es nicht nötig ist, sie von Uns lang und breit behandeln zu lassen.

4. Aber mit diesem praktischen Nutzen verbindet sie noch ein außerordentlich lebhaftes wissenschaftliches Interesse. Vorerst aus dem einfachen Grund, dass der Mensch sich leicht für alles das besonders interessiert, das das Geheimnis seines Lebens betrifft, und die Mikroben sind, im Guten wie im Schlechten, eng mit unserem Leben verbunden. Und dann, wie man die elementarsten Wesen studiert, so entdeckt man nach und nach mit Verwunderung, dass sie unter ihrer scheinbaren Einfachheit noch eine wunderliche Verwicklung einschließen und Probleme stellen, deren Schwierigkeit den Sucher reizt und seine Neugierde antreibt.

5. Wie fesselnd ist doch die Geschichte Ihrer Wissenschaft! Das Bestehen der Mikroben wurde im 16. Jahrhundert von einigen Ihrer Vorläufer behauptet und im 17. Jahrhundert von dem Naturforscher van Leeuwenhoek bewiesen, der zum ersten Mal zu diesem Zweck das Mikroskop anwendet. Aber es ist erst etwas mehr als hundert Jahre her, dass man ihre Bedeutung in der Entstehung und der Übertragung von Infektionskrankheiten kennt. In der Tat bewies im Jahre 1835, nach 25 Jahren geduldiger Forschung über eine Krankheit des Seidenwurmes und dank der Anwendung einer strengen Versuchsmethode, Augustin Bassi da Lodi eindeutig die krankheitserregenden Eigenschaften eines parasitischen Kryptogamen. Seitdem hat ein rascher Fortschritt, der durch hervorragende Entdeckungen und berühmte Namen, wie diejenigen von Pasteur und Koch, gekennzeichnet ist, es der Mikrobiologie erlaubt, sich zu einem eindrucksvollen Bereich der Wissenschaft zu bilden. Doch welche heiklen und schwierigen Forschungen! Es handelt sich um die Beobachtung und Beschreibung der zartesten und vergänglichsten Lebensformen, manchmal um völlig unausgebildete Wesen, deren verschiedene Funktionen durch kaum zu unterscheidende Organe bemerkbar sind. Nach einem arbeitsreichen Jahrhundert ist man zu einer ausreichenden Kenntnis der Mikroorganismen und ihrer morphologischen und funktionellen Eigenschaften gelangt. Jedoch trotz optischer Geräte, trotz des Elektronenmikroskopes, das bis zu 50 000 mal vergrößert und das Photographieren der kleinsten Viren ermöglicht, wie viel dunkle Punkte dennoch, wie viel Unbekanntes noch in Bezug auf die Struktur der Mikroben, auf ihre chemische Zusammensetzung, auf ihre Variationen, auf die Art, in der sie ihre Krankheiten hervorrufende Eigenschaft ausüben!

6. Man muss sich jedoch über den Erfindungsreichtum der Forschungsmittel wundern: die Auswahl und die Zusammensetzung der Kulturen und Isolierungsmethoden, der Färbetechniken, der Tierversuche. Für jeden dieser Mikroorganismen musste man angemessene Verfahren anwenden, ihr Verhalten und die Evolution der Stammbäume beobachten, denn diese Lebewesen verändern sich, erwerben neue Eigenschaften, entwickeln vor den Angriffen, denen sie ausgesetzt sind, neue Verteidigungsmittel: man kennt genau die Fälle des Widerstandes gegen Sulfonamide und Antibiotika. Die dem Leben eigenen Hilfsmittel erscheinen hier von noch durchschlagenderer Wirkung als diejenigen der höheren Lebewesen. Muss man nicht die Eigenschaft gewisser Arten von Bakterien hervorheben, die, um ihre Fortpflanzung zu sichern, mit einer dicken Haut bedeckte Sporen bilden und somit fähig sind, den äußeren physischen und chemischen Fremdkörpern, der Austrocknung, dem Sonnenlicht und den hohen Temperaturen zu widerstehen? Eine der interessantesten Entdeckungen der Mikrobiologie, wobei sich alle Hilfsmittel dieser Wissensehaft entfaltet haben, ist sicherlich die Entdeckung und das Studium der filtrierbaren Viren. Die durch sie hervorgerufenen Krankheiten konnten bekämpft werden bevor ihre genaue Beschaffenheit bekannt war. Jenner und Pasteur wußten nicht, dass die Pocken und die Tollwut grundsätzlich verschieden von anderen Infektionskrankheiten waren. Seit Beginn des Jahrhunderts jedoch erlaubten die Forschungen über die Filtrierbarkeit dieser Keime, ihre Größe festzustellen und, dank der Anwendung verschiedener technischer Verfahren, wie die Zentrifugation, die rotierende Polarisierung und die Brechungsstärke der Röntgenstrahlen, genauere Angaben über ihre Gestalt zu erhalten. Im Jahre 1935 entdeckte man nicht ohne Erstaunen einen Krankheitserreger in rein chemischer und kristallierbarer Gestalt; somit tauchte die schwierige Frage von der Beschaffenheit der Viren auf. Nachdem verschiedene Theorien versucht hatten, sie mit Riesenmolekülen aus Kern, Protein (Nucleo-Protein) gleichzustellen, ermöglichte das Elektronenmikroskop, sie zu sehen und bei den größten unter ihnen gewisse strukturelle Einzelheiten zu beobachten, die die Theorien sich zu nuancierteren Positionen fortentwickeln ließen. Handelt es sich um Wesen mit unentwickeltem, auf's äußerste reduziertem Leben und nur zur Funktion der Fortpflanzung fähig? Sind sie auf unabhängige Weise entstanden, oder bestehen sie aus von Zellenorganismen abgeleiteten filtrierbaren Formen? Das sind Fragen, deren Studium zweifellos den Fachleuten vorbehalten ist, deren wissenschaftliches Interesse jedoch den gebildeten Köpfen nicht entgeht und die gelegentlich selbst die breite Öffentlichkeit interessieren. Aus diesem Grunde bereitet es Uns eine Freude, ausdrücklich die sich mit der Landwirtschaft befassende Mikrobiologie, die in der Industrie und bei Gärungen angewandte Mikrobiologie und die bei der Schifffahrt gebräuchliche Mikrobiologie zu nennen; sie alle sind ebenfalls bewundernswerte Errungenschaften der menschlichen Tatkraft zum Nutzen des wissenschaftlichen und industriellen Fortschritts.

Würdigung der Geduld und der Mühe des wahren wissenschaftlichen Forschers

7. Die Aspekte der Mikrobiologie, die Wir kurz aufgezeigt haben, bringen besser als lange Betrachtungen die erforderlichen geistigen und moralischen Eigenschaften derjenigen zur Geltung, die sich ihr aufopferten, und bei denen Wir besonders ihre Zähigkeit hervorheben. Wer beschreibt den Mut und die Ausdauer des Gelehrten, der sich jahrzehntelang derselben Forschung gewidmet hat, der auf unsichtbare Hindernisse stößt und seine Kräfte zur Erfindung neuer genauerer und schnellerer Forschungsmethoden einsetzt und dabei das kleinste Teilchen beobachtet, das den Schlüssel des Problems enthält und mit raffiniertesten Listen zu spielen scheint! Alle großen Gelehrten haben es bewiesen und mehr als einer hat es mit Nachdruck wiederholt: Dieser oder jener Erfolg ist die Frucht langer systematischer Anstrengungen und einer unendlichen Geduld. Wenn der Zufall manchmal die Entdeckungsstunde beschleunigt, dann ist das niemals ein völlig sekundärer Faktor, denn es genügt nicht, zu sehen, man muss noch die Bedeutung des beobachteten Phänomens verstehen und daraus den möglichen Schluss ziehen. Um die Weiterentwicklung Ihrer Wissenschaft und die wertvollen Dienste besorgt, die sie den Menschen noch leisten kann, werden Sie auch den Versuchungen der Leichtsinnigkeit, der Müdigkeit und der Entmutigung nicht erliegen. Es ist unbestreitbar leichter, ohne ausreichende Beweise etwas zu versichern als den noch hypothetischen Zustand derartiger Kenntnis einzugestehen oder mit großer Mühe entscheidende Erfahrungen zu sammeln.

8. Sie sind auch für die Wahrheit empfänglich, gleich, woher sie kommt, selbst dann, wenn sie Ihre eigenen Hypothesen verdammt. Die Bescheidenheit des wahren Gelehrten begeht niemals den Fehler, Bewunderung zu erwecken und verbürgt eher den Erfolg seiner Arbeit als viele andere Faktoren. Diese Unterwerfung der 'Wirklichkeit gegenüber bewahrt ihn vor der Enge des Geistes, die betrüblich ist bei einem Menschen, der sich geistiger Arbeit widmet, und gestattet ihm, die Grenzen seines Fachwissens zu erkennen, und gerade deshalb auch, diese zu überschreiten.

Die Natur als Abglanz des Schöpfers

9. Und endlich ist es nicht möglich, aufmerksam das Naturgeschehen zu studieren, ohne unaufhörlich in seiner unerschöpflichen Fruchtbarkeit, in der Zusammensetzung und Empfindlichkeit selbst der niedrigsten Lebewesen, in der vollständigen Ordnung der verschiedenen Pflanzen- und Tierarten und ihrer, Beziehung zum Menschen einen Widerschein der Vollkommenheit des Schöpfers zu erkennen, der zweifellos verhüllt, jedoch ständig wahrnehmbar ist. Gott, die Quelle alles Bestehens, entzieht sich den Sinnen, aber man muss mit seinem Geist und seinem Herz zu ihm gehen.

Der Forscher als Mitarbeiter der .göttlichen Vorsehung

10. Sie besitzen die Freude, sein Werk aus der Nähe zu untersuchen, vor allem jedoch die Mitarbeiter seiner väterlichen Vorsehung zu werden. Ihre Wissenschaft ist in der Tat an der Seite seiner Pläne, wie Wir es aufgezeigt haben, zur Rettung des menschlichen Lebens eingeordnet. Die Erinnerung an diese unschätzbaren Wohltaten, durch die so viele Menschen vor Krankheiten bewahrt oder dem Tode entrissen wurden, möge Ihnen ein Anreiz bei den Entbehrungen Ihrer täglichen Beschäftigung sein. Sie finden dort den unerlässlichen Mut, der trotz Misserfolgen und Enttäuschungen vorwärts schreitet. Große Fortschritte bleiben noch zur Vollendung übrig, neue Entdeckungen werfen ein helles Licht in die Welt der Krankheitserreger und erlauben eine noch erfolgreichere Bekämpfung, ohne die wichtigen Anwendungsmöglichkeiten dieser wissenschaftlichen Errungenschaften auf landwirtschaftlichem und industriellem Gebiet zu erwähnen. Die Entdeckungen der Zukunft werden, Wir wagen es zu hoffen, ebenso schwerwiegende Folgen haben wie diejenigen, über die Sie sich augenblicklich freuen.

Abschluss und Segen

11. Möge der Schöpfer alles Lebens mit der unergründlichen Weisheit seines Werkes in Ihnen den Wunsch aufkommen lassen, ständig wertvollere Hilfe für so viele menschliche Leiden beitragen zu können! Er möge Sie selbst, Ihre Familien, Ihre Mitarbeiter und alle diejenigen, die Ihnen teuer sind, segnen!

12. Ärzte-Ethik und Ärzte-Recht

Ansprache Papst Pius XII. am 19. Oktober 1953 an die Mitglieder der 24. Sitzung des Internationalen Amtes für militärmedizinische Studien

13. Über den Sinn des Krankseins

Ansprache

zum "Tag der Kranken" im Marianischen Jahr am 14. Februar 1954"

(Quelle: Grundfragen der ärztlichen Ethik, Nr. 13)

Als Wir im vergangenen September, getreu den göttlichen Einsprechungen, die Feier des Marianischen Jahres anordneten, und es bald nachher, am Fest der Immakulata, von der goldenen Liberianischen Basilika aus selbst feierlich eröffnen wollten und Uns dorthin begaben, um Unsere Bitten zu Füßen jener niederzulegen, die das "Heil des römischen Volkes" und aller Völker ist, da dachten Wir schon an euch, geliebte Kranke, Söhne und Töchter, die ihr mit besonderem Recht zu denen gehört, die Unserem Geiste am nächsten und Unserem Herzen am engsten verbunden sind.

Über euch neigt sich wirklich mit liebender Zärtlichkeit die Gottesmutter, die besorgt ist, die Tränen der Betrübten zu trocknen, die sich zu ihrem Mutterherzen flüchten, wie zu einer sicheren Zuflucht inmitten der Stürme. Ebenso rechnet der Stellvertreter Christi auch auf euch, die ihr in der Kirche Gottes kostbare Juwelen und eine reiche Quelle geistiger Kräfte seid, um in diesem Jahr des Segens die vielfachen und dringend notwendigen Früchte zu erwirken, die in Unserem Rundschreiben "Fulgens corona" zum Heil der Menschheit und der Kirche selbst vor Augen gestellt sind.

Diese lebendige Hoffnung drängt Uns, am heutigen Tage Unser Wort an euch zu richten, um euch alle unter dem liebevollen Schutz der gemeinsamen Mutter, der lmmakulata, zu versammeln, um euch zu umgeben mit Unserer Liebe und mit der aller Gläubigen, die für euch beten, und um euch an die Aufgabe zu erinnern, zu der die Vorsehung euch in der Krankheit bestimmt hat.

Dank der modernen Technik können Wir unmittelbar zu vielen Kranken sprechen, und Wir wünschen, dass Wir auf anderem Wege auch jene erreichen können, die Uns nicht zu hören vermögen. Gewiss möchten Wir die Allgegenwart Gottes besitzen: Wir möchten Uns einem jeden von euch nähern, geliebte Söhne und Töchter, die ihr in den großen und kleinen Spitälern liegt, in den Sanatorien, in den Kliniken, in den Heimen, in den Gefängnissen, in den Kasernen, in den trostlosen Dachstuben der Ärmsten oder in den abgelegenen Kammern eurer Häuser. Kinder mit bleichen Gesichtern, gleich Blumen, die ohne die Wärme der Sonne gewachsen sind; junge Menschen, deren seltenes Lächeln mehr die Seelenstärke als das jugendliche Alter zum Ausdruck bringt; reife Menschen, die so bitter dem ihnen eigenen Schaffensdrang entrissen sind; alte Leute, zu deren natürlicher Müdigkeit die Krankheit noch Beschwerden und Leiden fügt.

Immer haben Wir Jesus angefleht, Unser Herz in etwa dem Seinen ähnlich zu machen: dem gütigen, sanften, für alle Schmerzen und alle Leiden offenen Herzen. Wie sehr doch möchten Wir auch nur einen Widerschein seiner Allmacht besitzen! Wie gern möchten Wir in eurer Mitte weilen, um Tränen zu trocknen, Trost zu bringen, Wunden zu heilen, Kraft und Gesundheit wiederzuschenken!

Wir müssen Uns damit begnügen, im Geiste mitten unter euch zu sein; Wir stehen bei den Kindern mit dem Herzen einer Mutter, bei den Eltern, die zittern bei dem Gedanken, ihre Kinder vielleicht als Waisen zurücklassen zu müssen. Jedem einzelnen geben Wir Unseren Segen und bitten Gott den Allmächtigen, den liebevollen Vater, Er wolle sich seiner bedienen, um euch das zu schenken, was Er für euch zuträglich erachtet nach der Ordnung der Vorsehung, die Er für jeden einzelnen von euch gewählt hat. Gebe der Herr, dass am Ende dieses Unseres kurzen und geheimnisvollen Verweilens in eurer Mitte jeder die wohltuende geistige und körperliche Wirkung Unseres liebevollen Segens an sich erfahre, wie auch den Beistand des Wortes, das Wir von ganzem Herzen an euch richten.

1. Sieh da: Wir glauben dort, auf jener Krankenabteilung, einen jungen Mann zu sehen, der leidet und in seinem Leiden Verwünschungen ausstößt. Einmal war er stark, war er schön; er war der Stolz seiner Eltern, die jetzt qualvollen Herzens fürchten, ihn zu verlieren, von einem schonungslosen Übel heimgesucht. Und der junge Mensch fühlt es gleichsam, wie ihm das Leben entschwindet: Fahr wohl, Gesundheit, fahr wohl, Tugendkraft, fahrt wohl, stürmende Hoffnungen, fahrt wohl, Lieblingspläne einer jugendlichen Begeisterung, fahr wohl, Liebe! Und der junge Mensch lehnt sich auf. Warum, warum ? Habe nicht auch ich ein Recht auf das Leben ? Und kann ein guter Gott mich so leiden, mich sterben lassen ? Was habe ich denn Böses getan!"

Wieviele seid ihr, Söhne und Töchter? Wieviele von euch haben das Gesicht verzerrt und toben mit Zorn im Herzen und tragen den Fluch auf ihren Lippen ~ Zu euch besonders möchten Wir ganz nahe hintreten, möchten liebevoll Unsere Hand auf die fieberheißen Stirnen legen. Wir möchten in unendlich zärtlicher Liebe jedem von euch zuflüstern: Du banges Herz, warum lehnst du dich auf? Lass doch in das dunkle Geheimnis des Schmerzes die Strahlen des Lichtes fallen, die vom Kreuze Jesu ausgehen! Was hatte Er Böses getan? Schau: vielleicht hängt über deinem Bett, auf deinem Flur ein Bild der Madonna. Was hatte sie Böses getan? Du Herz ohne Trost, weil überwältigt vom Leid, höre: Jesus und seine Mutter haben gelitten, sicherlich nicht wegen eigener Schuld, aber doch bereitwillig und in voller Gleichförmigkeit mit dem Plane Gottes. Hast du dich jemals gefragt, warum?

Vielleicht ist es dir widerfahren, dass du das Böse tatest. Erinnere dich daran. Vielleicht hast du Gott oft und in vielfacher Weise beleidigt. Du weißt, dass eine schwere Schuld die ewige Verdammnis für die Seelen verdient; du aber bist noch am Leben, unter den Augen des barmherzigen Gottes, in den liebevollen Armen Mariens. Wenn also auch der Herr daran wäre, einen deiner Fehltritte zu züchtigen, du dürftest doch deshalb weder fluchen noch auch den Mut verlieren; du bist ja nicht wie ein Sklave, der von einem grausamen Herrn bestraft wird, sondern ein Kind Gottes, des Vaters, der nicht sich rächen, sondern dich bessern will. Er will, dass du Ihm gestehst: "Ich habe gefehlt," um dir zu verzeihen, um dir das Leben der Seele wiederzugeben.

Wenn du auch nichts Böses getan hättest, wenn du unschuldig wärest, dann dürftest du dich doch ebensowenig auflehnen. In der Tat gibt der Gedanke der Strafe nicht immer eine Erklärung für die Krankheiten und Schicksalsschläge des Menschen. Erinnerst du dich, was im HI. Evangelium geschrieben steht? Eines Tages begegnete Jesus einem Blindgeborenen, und als ihn die Jünger fragten, ob dieser oder seine Eltern gesündigt hätten, antwortete er: "Weder er noch seine Eltern haben gesündigt, vielmehr sollen die Werke Gottes an ihm offenbar werden" (Joh. 9, 2-3). Also sind auch die Heimsuchungen des Unschuldigen eine geheimnisvolle Offenbarung der Herrlichkeit Gottes. Um dich nicht mit langen Überlegungen zu ermüden, gib acht: schau dort eine unbefleckte und heilige Mutter, sie hält auf ihrem Schoß den leblosen Leichnam ihres göttlichen Sohnes. Kannst du dir vielleicht denken, dass die schmerzhafte Mutter Gott verwünscht? Dass sie Ihn nach dem Grund eines solchen Leides fragt? Wir wären nicht erlöst, wenn diese Mutter ihren Sohn nicht unter den Martern hätte sterben sehen, und es hätte für uns nicht die Möglichkeit einer Rettung gegeben.

Auf euch alle, geliebte Söhne, die ihr das Amen der Ergebung und der Geduld noch nicht zu sprechen wisst, rufen Wir den Segen Gottes herab und bitten Ihn, dass Er einen Strahl Seines Lichtes in euer Herz sende, und ihr davon ablasst, mit eurem Willen gegen das Denken, Wollen und Wirken Gottes anzugehen; dass ihr die Überzeugung in euch weckt, der himmlische Vater sei auch dann noch voll Liebe und Wohlwollen, wenn Er es für notwendig hält, den bitteren Becher der Schmerzen zu reichen.

2. Aber es ist nicht immer so, geliebte Söhne; es gibt nicht immer nur widerspenstige Seelen, solche, die murren unter dem Druck des Leidens. Gott sei Dank, es gibt Seelen, die sich dem Willen Gottes ergeben; es gibt heitere Seelen und Seelen frohen Sinnes. Seelen, die sogar ausdrücklich das Leiden suchten. Die Geschichte einer solchen Seele hörten Wir eines Tages im strahlenden Heiligen Jahre, als Unsere Söhne und Töchter in außergewöhnlich großer Zahl aus aller Welt zu Uns eilten.

Es war ein Mädchen von 20 Jahren, von bescheidener Herkunft; ihr hatte der Herr eine große Jugendfrische und Reinheit geschenkt. Alle spürten deren Zauber, denn sie verbreitete um sich den Hauch eines unberührten Lebens. Aber eines Tages fürchtete sie, Gelegenheit zur Sünde zu werden, und als sie dessen innerlich fast sicher war, ging sie, den eucharistischen Heiland zu empfangen, und bat ihn in ungestümem Großmut, ihr alle Schönheit, ja auch die Gesundheit zu nehmen. Gott erhörte sie und nahm das Anerbieten dieses Lebens für das Heil der Seelen an. Wir wissen, dass sie noch lebt, wenn sie auch brennt und sich verzehrt wie eine lebendige Lampe vor dem Throne der Gerechtigkeit und der Liebe Gottes. Sie flucht nicht, sie murrt nicht. Sie fragt Gott nicht: "Warum?" Sie trägt stets ein Lächeln auf dem Antlitz, während sie im Herzen ständig die Ruhe und die Freude bewahrt. Sie müsste man fragen, warum sie das Leiden annimmt, warum sie sich darüber freut, warum sie die Schmerzen gesucht hat. Wie sie, müsste man Tausende von Seelen fragen, die sich Gott in stillem Ganzopfer anbieten.

3. Geliebte Söhne und Töchter! Wenn vor eurem matten Krankenblick die ganze Welt sich dunkel und drückend zusammendrängt in den engen Raum eines Kämmerleins, dann gewinnt sie im Licht des Glaubens wieder ihre unbegrenzte Weite. Der Glaube wird euch sicherlich nicht das Leiden seiner selbst wegen lieben lassen, aber er wird euch ahnen lassen, für wieviele erhabene Zwecke die Krankheit heiteren Sinnes angenommen und sogar gewünscht werden kann.

Jener Mensch hat viele Schuld zu sühnen oder wenigstens ist seine Seele nicht ohne Makel: das Leiden wird ihn reinigen. Jene junge Frau war zwar gut, aber sie hatte nicht den starken Charakter, wie eine Gattin und Mutter ihn braucht: das Leiden ist für sie wie ein Feuer geworden, das sie stählte und ihr eine große Festigkeit gab. Und du, du hast vielleicht nach dem Martyrium verlangt, du hast von einer Gelegenheit geträumt, für Jesus zu leiden; gib Gott die Ehre: dieses dein körperliches Leiden ist gleichsam ein Blutvergießen, ist eine wirkliche Form des Martyriums. Und du, du willst Jesus ähnlich sein? Willst dich umgestalten in ihn? Willst ein Lebenswerkzeug für Ihn sein? In der Krankheit kannst du das Kreuz finden und daran geheftet sein, um dir zu sterben, damit Er sich deiner bediene um zu leben. Wieviele von euch, geliebte Söhne, möchten Jesus helfen, Seelen zu retten! Opfert Ihm also eure Leiden auf nach all den Meinungen, für die Er sich ständig auf den Altären opfert. Euer Opfer, vereint mit dem Opfer Jesu, lässt viele Sünder zum Vater zurückkehren viele Ungläubige werden den wahren Glauben finden, viele schwache Christen werden die Kraft empfangen, ganz nach der Lehre und dem Gesetz Christi zu leben. Und am Tage, an dem im Himmel das Geheimnis der Vorsehung in der Heilsordnung enthüllt wird, werdet ihr endlich erkennen, wie sehr euch die Welt der Gesunden verpflichtet ist.

Damit, geliebte Söhne und Töchter, nehmen Wir Abschied von euch. Wir bitten Jesus, den Freund der Leidenden, an eurer Seite zu verweilen, in euch zu bleiben. Wir bitten die Unbefleckte Jungfrau, eure liebevolle Mutter, euch mit ihrem Lächeln zu ermutigen und euch unter ihrem Mantel zu beschützen.

14. Der Arzt und die moderne Radiologie

Ansprache Papst Pius XII. am 4. April 1954 an die Teilnehmer des Radiologenkongresses in Rom vom 4. April 1954

(Offizieller französischer Text: AAS 46 [1954] 214-218)
(Quelle: Grundfragen der ärztlichen Ethik, Nr. 14)

Begrüßung

1. Es ist Uns eine Freude, die eindrucksvolle Gruppe zu empfangen, die Sie, meine Herren, in der Zahl und in der Bedeutung ihrer Mitglieder bilden. Zwei große Kongresse, ein nationaler und ein internationaler, vereinigten Sie in diesem Jahr in Rom zu einem besonders reichen wissenschaftlichen Programm, zu dessen Glanz die besten Fachleute durch ihre gelehrten Vorträge, ihre zahlreichen und bedeutenden Berichte in hervorragender Weise beitrugen.

Bedeutung der Radiologie tür Forschung und Untersuchung

2. Die Radiologie vervollkommnet sich von Tag zu Tag und nimmt heute in der allgemeinen Heilkunde einen solchen Platz ein, dass man ihren Nutzen nicht mehr verkennen und ihre Anwendung nicht mehr versäumen darf. Die Zeit ist vorüber, wo sie für viele eine Besonderheit war, die man leicht außer acht lassen konnte. Sie hat sich nunmehr das Bürgerrecht im Unterricht erworben; denn sie hat die überlieferten Gegebenheiten oft verändert, einige Male sogar ganz umgestaltet. So ist es der radiologischen Untersuchung am lebenden Objekt zu danken, dass die Lehre vom Körperbau und den Lebenserscheinungen in ihrem normalen und krankhaften Zustand merkbare Fortschritte machte. Es ist möglich geworden, schneller und sicherer angeborene oder erworbene Zustände zu erkennen, die sich bis dahin nur schwer oder zu spät bestimmen ließen. Mit dem gleichen Forschungsmittel hat man die Wechselbeziehungen und Rückwirkungen örtlicher Anomalien nachweisen und eben dadurch die Behandlung anpassen, das Einschreiten beschleunigen, allen Zweigen der Heilkunde kostbare Hilfe bringen können.

Bedeutung der Radiologie tür die Behandlung

3. Die Aufgabe der Radiologie erschöpft sich aber nicht mit der Forschung und der Untersuchung; sie erstreckt sich auch auf die Heilbehandlung und findet eine vielfache und wohltuende Anwendung, besonders bei Entzündungen und auf dem leider so weiten Feld der Geschwülste jeder Art.

Würdigung der technischen Entwicklung der Radiologie

4. Wieviele technische Fragen fanden ihre Lösung seit 1895, dem Jahr der ersten Entdeckungen Röntgens, bis zu den wundervollen Röntgeneinrichtungen von heute! 'Wo die unmittelbare Beobachtung des Krankheitsbildes unmöglich ist, muss das Vorgehen des menschlichen Geistes sich mit einer Menge von Vorsichtsmaßregeln umgeben; er muss mit Hypothesen arbeiten, muss ständig wieder ein neues Mittel erfinden, um das sinnenfällig zu machen, was es vorher nicht war, und um Mengen oder Schnelligkeiten zu messen, die einfachhin außerhalb des gewohnten Bereichs unserer Sinne liegen. Die einfache Frage des Ausschlusses der Wärmebildung bei der Erzeugung von Röntgenstrahlen bietet große technische Schwierigkeiten, und wenn man all die unerlässlichen Bedingungen für eine einwandfreie Röntgenuntersuchung und Röntgenaufnahme überschaut, dann ist man erstaunt, sie an ein und demselben Gerät erfüllt zu sehen, nämlich an der Röhre mit der beweglichen Antikathode, die heute allgemein Verwendung findet.

Probleme der Wirksamkeit der Strahlen auf das Körpergewebe

5. Wenn man die eigentlich medizinische Frage der Wirkungen der X-Strahlen auf den lebenden Stoff anschneidet, dann stößt man noch auf eine Menge von Rätseln über das Wesen der Störungen, welche das geheimnisvolle Bombardement mit unendlich kleinen Teilchen dank ihrer außerordentlichen Schnelligkeit in den Zellen hervorruft. Das Wissen, welches die Elektronenmikroskope selbst von den allerfeinsten Bestandteilen der Zelle gibt, bringt keine Auskunft über die unmittelbaren und fernen Folgen der Verletzungen dieser Teile, auch nicht über die Möglichkeiten der Wiederherstellung gesunder Gewebe, die bei der Behandlung von Zellenwucherungen beschädigt wurden. Man weiß jedoch, dass die wuchernden und krankhaften Zellen den Röntgenstrahlen gegenüber viel empfindlicher sind als die natürlichen und gesunden, und die ganze Strahlenbehandlung der bösartigen Geschwülste gründet sich auf diese Feststellung. Ihre Anwendungen und ihre Grenzen sind bestimmt durch die Kenntnis des entsprechenden Maßes, welches das umgebende Gewebe ertragen kann. Das Bemühen muss darauf gerichtet sein, auf die Geschwulst, gleichgültig bis in welche Tiefe, eine Dosis von Strahlen gelangen zu lassen, die ausreicht, sie zu vernichten und doch die gesunden Stellen zu schonen. Das große Problem ist, in jedem Einzelfall zu bestimmen. was der Organismus des Kranken unmittelbar ertragen kann; häufig fehlt es an Zeit, die entfernteren Folgen abzuwarten; anderseits gilt es, das Übel abzudrosseln, bevor es sich ausbreitet. Man ahnt die Unmenge der Kenntnisse, die für die Verwendung der Röntgenstrahlen nötig sind. Zwei von den Hauptgegenständen Ihres Kongresses sind ihnen gewidmet; andere studieren neuere Arten der Technik in Röntgenaufnahmen von der Nierengegend oder die sportliche Körperheilkunde.

Bedeutung der Kongresse für den persönlichen Kontakt der Ärzte untereinander

6. Aber die Früchte eines Kongresses erschöpfen sich bei weitem nicht mit der Aufzählung der offiziellen Vorlesungen und Mitteilungen; die persönlichen Verbindungen und Besprechungen bilden oft den fühlbarsten Reiz und Vorteil; tiefe Freundschaften, die auf gegenseitiger Achtung beruhen, schaffen und erhalten ein wertvolles Zusammenarbeiten. Wer ahnt nicht, wie viel der Forscher und Experimentator zuweilen an Geduld und Hingabe an die Wissenschaft braucht, um sich nicht mit einer gewissen annähernden Lösung zufrieden zu geben, um die gewonnenen Ergebnisse nicht zu übertreiben, um ständig, bis zum Schluss die vollkommene wissenschaftliche Ehrlichkeit im Auge zu behalten, ohne die ein endgültiger Erfolg unmöglich wäre! Ein einzelner Mensch könnte ermüden oder bei seiner Aufgabe zusammen brechen, aber wenn er durch Beispiele und Ermunterung treuer Freunde angeeifert wird, hat er mehr Aussicht, seine mühevolle Anstrengung zu einem guten Erfolg zu führen.

Notwendige Begrenztheit jeder medizinischen Methode

7. Die Radiologie hat den Ärzten ein neues Instrument zur Verfügung gestellt, die Frucht einer neuen und kühnen Wissenschaft, welche die Vielfältigkeit ihrer künftigen Anwendungsmöglichkeiten vielleicht erst ahnen lässt. Die schönsten Hoffnungen scheinen berechtigt zu sein, doch eine solche Voraussicht könnte bei bestimmten Menschen eine schädliche Rückwirkung hervorrufen: übertriebene Hoffnung und ihre beinahe notwendige Folge, die Entmutigung, wenn der Misserfolg kommt. Jede für die Wiederherstellung oder Erhaltung der Gesundheit angewandte Technik beschränkt sich notwendig auf einen bestimmten Bereich: sie kann ein Übel heilen, ein anderes hemmen, aber sie kann niemals die Krankheit, das Leiden und den Tod ganz beseitigen. Wenn der Arzt diese Wahrheit beherzigt, entgeht er nur schwer einem Gefühl der Bitterkeit, besonders wenn er seinen Glauben ganz auf die Hilfe einer neuen Technik baute, die einer großartigen Entwicklung fähig ist. Er wäre jedoch im Unrecht, wenn er diesem Eindruck nachgehen und in seinen Bemühungen erschlaffen würde. Denn in kostbarer Mitarbeit mit den anderen Fachleuten, in der unaufhörlichen Entwicklung der Möglichkeiten, die sich in Ihrem Fach finden, wird es Ihnen, meine Herren, vielleicht gelingen, und das wünschen wir Ihnen nachdrücklichst, über Krankheiten zu triumphieren, die man bisher für unheilbar hielt.

Die Ausdehnung des ärztlichen Wirkens auf die sittliche Ebene

8. Aber es gibt noch ein anderes Ziel, würdiger und erstrebenswerter! Bewundern Sie nicht die überlegene Leichtigkeit, mit der Christus die Kranken heilte, die man ihm brachte? Ein Blick, eine Handbewegung, ein Wort des Trostes, und der Kranke ging, frei von seinem Gebrechen, vor allem aber gereinigt im Innersten seiner Seele und seines Gewissens. Müssen nicht auch Sie danach streben, dass Ihr Wirken sich bis auf die sittliche Ebene ausdehne? Der Sinn eines Menschenschicksals beschränkt sich nicht auf den Genuss oder die Wiederherstellung einer vergänglichen Gesundheit; er erweitert sich unendlich bis zu den unaussprechlichen Wirklichkeiten des Jenseits. Wie die Krankheit und das Leiden aufnehmen, wie einen Nutzen daraus ziehen für die Läuterung des Gefühlslebens und die genauere Wertung der menschlichen Dinge? Dies sind Fragen, die sich jedem Kranken stellen, und für die er dunkel oder bewusst die Lösung sucht. Wenn Sie in ihrer Beantwortung allen denen behilflich sein wollen, die Ihre Hilfe in Anspruch nehmen, dann werden Sie keinen Misserfolg Ihrer ärztlichen Bemühungen mehr zu fürchten haben, ja auch nicht das Unverständnis oder den Widerstand der Vertreter anderer Heilverfahren. Beseelt von tiefer Nächstenliebe, werden Sie eine Tätigkeit entfalten, die über ihre zeitliche Wirksamkeit hinaus einen Ewigkeitswert erwirbt.

Würdigung der Arbeit des ärztlichen Forschers

9. Der Gelehrte, der sich Arbeiten wie den Ihrigen widmet, dient keinem leeren Idol, sondern er offenbart bei seinem Bemühen um die Kenntnis der unausschöpflichen Kräfte der leblosen und belebten Natur jeden Tag ein wenig mehr die vom Schöpfer in der Schöpfung niedergelegten Schätze. Er ist wie ein Entdecker neuer Welten zur Ehre seines Herrn. In gleichem Maß ist er aber auch der Wohltäter der Menschen, seiner Brüder, in deren Dienst er das Ergebnis seiner Forschungen schon unmittelbar stellt oder doch möglichst bald zu stellen gedenkt. Schön ist Ihr Anteil, meine Herren, am Wirken für die Menschheit, und sehr gern richten Wir an Sie die Glückwünsche und Worte der Ermutigung, die Sie von Uns erwarten können. Nichts von dem, was die Wissenschaft und das Glück der Menschheit angeht, lässt Uns gleichgültig, und Wir bringen für den Erfolg Ihrer Arbeit die herzlichsten und aufrichtigsten Wünsche zum Ausdruck.

Abschluss und Segen

10. Möge der allmächtige Gott, durch den Apostolischen Segen, den Sie von Unserer Hand empfangen, auf Sie selbst hier vor Uns, auf Ihre Familien und auf alle, die Ihnen teuer sind, die Fülle seiner Gnaden und seiner kostbarsten Gunstbeweise herabsteigen lassen.

15. Die Arbeit und Aufgabe des Pharnazeuten

Ansprache Papst Pius XII. am 11. September 1954 an die Teilnehmer am Kongress über die Geschichte der Pharmazie

(Offizieller französischer Text: AAS 46 [1954] 536-540)
(Quelle: Grundfragen der ärztlichen Ethik, Nr. 15; Die Übersetzung aus dem Lateinischen erfolgte durch Studienassessor Gerhard Terhoeven aus dem Osservatore Romano vom 13/14. September 1954, Inhaltsangabe und Gliederung wurden durch das St. Lukas-Institut hinzugefügt)

Anlass des Kongresses und Begrüßung

1. Es jährt sich zum 525. Male, dass Papst Martin V. in dieser Stadt das berühmte Kollegium der Pharmazeuten eingerichtet hat. Um diesem Ereignis, welches durchgängig auf einen denkwürdigen Tag gelegt wurde, den würdigen Glanz zu verleihen, war es wohl selbstverständlich, die feierliche Zusammenkunft der Vertreter aller Nationen in Rom abzuhalten, um bei dieser Gelegenheit die Geschichte der Pharmazie darzulegen und zu beleuchten.

2. Ihr, Geliebteste, die Ihr zu diesem Treffen zusammengekommen seid, habt in kindlichem Ersuchen gebeten, bei Uns vorgelassen zu werden, um aus Unserem Munde etwas zu vernehmen, was Euch einen gleichwohl geringen Trost und ein schwaches Licht verleihen könnte.

3. Eurer Erwartung entsprechen ganz und gar Unsere Wünsche, die Uns nicht leicht obenhin, sondern heftig dazu drängen, die vorzügliche Hochachtung, welche die Pharmazeuten von Unseren Amtsvorgängern im Verlauf langer Jahrhunderte, von Martin V. bis auf Pius XL, gesammelt haben, offen zu bestärken und zu bekennen.

Aus der Geschichte der Pharmazie

4. In den Zeiten des älteren römischen Altertums liegt der Ursprung der "aromatarii" (Kenner der Heilkräuter"), die sich auf die Heilung von körperlichen Krankheiten verstanden, im Dunkeln. Durch welche Kräfte auch immer solche Kunst wuchs und sich weiterbildete, es treten in das Licht der Öffentlichkeit die klangvollen Namen eines Aulus Cornelius, eines Celsus, Largus, Seribonius, eines Dioscoris, Plinius und Galenus. Wir glauben, dass Unser Amtsvorgänger Martin V. nicht ohne kluge Überlegung verbürgt hat, dass Euch als Tagungsstätte die Kirche S. Laurenti in Miranda offen stehe, eine Kirche, die einstens ein Tempel des Antonius und des Faustinus war, im Blickfeld des Forum Romanum, dieses Bauwerkes, großartig in der Majestät seiner schweigenden Ruinen. Er wollte durch diesen Akt die feste vertragliche Bindung dieser neuen, damals eben großartig gegründeten Einrichtung mit denen des Altertums sinnfällig andeuten.

5. Es sei Uns jetzt erlaubt, Euch die Verse Vergils ins Gedächtnis zurückzurufen, mit denen jener an der Stelle, wo er die Grundzüge Eurer heroischen Heilkunst entwirft, den Iapyx besingt, den Sohn des lasus, als dieser den verwundeten Aeneas durch Kräutersäfte kräftigt: "Um die Tage aufzuhalten des scheidenden Vaters wollte jener lieber die Wirkung der Heilkräuter und deren Anwendung und die Heilkunde lernen und unter Verzicht auf Ruhm lieber stillere Künste betreiben". (Aen. XII, 395-398)

Die verantwortungsvolle und stille Arbeit des Pharmazeuten

6. Wie geschickt und treffend wird durch Vergils Ausdruck "stumm" (mutus) Eure Kunst bezeichnet! In der Tat gehört Ihr zu jener Gattung höchstverdienter Männer, die Zeit, Wissen, Kraft, ja, ihre ganze Persönlichkeit der Linderung menschlicher Leiden widmen, durch ihre Therapie die körperlichen Leiden bannen und drohende Krankheiten durch die Gesundheitslehre durch gewisse prophylaktische Maßnahmen soweit wie möglich fernhalten. Schwer ist die Last, die Ihr auf Euch genommen habt. Da ist die dauernde Sorgfalt, die Euch bedrückt, und der Druck der Verantwortung, die von Euch verlangt wird. Gleichwohl hüllt sich Eure mühevolle Arbeit in Stillschweigen, weitab von den Blicken und dem Beifall der Menge, in das Dämmerlicht des Labors, des stummen und guten Zeugen eurer mühevollen Arbeit. Ja. es fehlen Euch sogar jene kleinen Anerkennungen, die den Ärzten und Krankenpflegern ihren schweren Dienst erleichtern, da sie feststellen können, wie ihre Arbeit den Kranken und Leidenden Linderung verschafft.

7. Dennoch möchten wir im Frieden des Vergil nicht glauben noch dulden, dass man Euch heute, wo das Gesetz der evangelischen Liebe wie eine Sonne voranleuchtet, im Vergleich mit Strategen und Professoren der edlen Künste als "Ruhmlose" bezeichnen darf.

Auch der Beruf des Pharmazeuten liegt im Auftrag Christi

8. Christus, der Erlöser, der "das Evangelium vom Reiche predigte und jegliche Krankheit heilte", (vgl. Mt. 9, 35), der Arzt der gesamten menschlichen Natur, wollte, als er den Befehl gab: "Heilet die Kranken!" (Mt. 10, 8), die beständige Sorge brüderlicher Liebe auf jene ungezählten Menschen hinwenden, die, von Schwäche befallen, an Leib oder Geist erkrankt sind. Und indem Christus, der uns das Heil wiedergebracht hat, die Priester beauftragte, die gebrochenen oder durch Schuld befleckten Seelen zu heilen durch die himmlischen Sakramente, durch die Ausbreitung der Wahrheit, die vom Himmel herabgekommen ist, und durch Beispiel des Lebens und durch Worte, die duftender und heilsamer sind als wohlriechende Kräuter, hat er die Ärzte und Euch Pharmazeuten beauftragt, Euer Studium und Eure Überlegungen hauptsächlich auf die Heilung der körperlichen Krankheiten zu richten. Da aber dasselbe Gebot der Liebe die Triebkraft ist für beide, so ist es notwendig und ersprießlich, dass die Diener der heiligen Altäre Euch hochschätzen, Euch verehren und durch Ermunterung und Ermahnungen unterstüzen; und das umso mehr, weil man Euch jetzt vielleicht geringer einschätzt als sonst.

Würdigung der Tätigkeit des Pharmazeuten

9. Nach der landläufigen Meinung ist die Kunst, der Ihr Euch verschrieben habt, anscheinend hauptsächlich eine kaufmännische, da täglich immer mehr solche Heilmittel in Gebrauch kommen, die keineswegs nach Anordnung des Arztes von Eurer Hand hergestellt werden, sondern von großen Gesellschaften im voraus speziell und eigentümlich hergestellt und bei Euch nur noch verkauft werden. Aber man muss wissen, dass viele von Euch ihren ganzen Eifer dareingesetzt haben, dass die Formeln der Medizinen, die einen so hochklingenden Namen tragen, überhaupt erst gefunden oder doch zu letzten Vollendung geführt wurden. Überdies steht noch immer ein weites Gebiet offen, in dem Euer privater Fleiß immer noch dringend gebraucht wird, z. B. wo ein chirurgischer Eingriff zu schwierig ist; selbstverständlich in der Herstellung betäubender Mittel (Narcotica) und solcher, die eine schädliche Infektion der Wunden verhüten oder beseitigen, und in der Herstellung von anästhetisierenden Mitteln.

Aufgaben und Pflichten des Pharmazeuten

10. Deshalb loben wir Euch also und regen Euch an, Euren Fleiß auf die Erreichung immer höherer Ziele zu richten, die neue Heilmethoden und -kräfte erfordern; und dies sagen wir aus dem herzlichen Wunsche heraus, dass auch solche Krankheiten völlig Überwunden werden mögen, die der ärztlichen Kenntnis jetzt noch ziemlich hartnäckigen Widerstand leisten. Was kann man Schöneres wünschen, als dass die Menschen im Vollbesitz der geistigen und körperlichen Kräfte ein hohes Alter erreichen, wofern nur mit dem Alter auch die Weisheit wächst, wie sie dem grauen Haar ziemt! Damit dies zum Wohle des Allgemeinwohles gelinge, möge Eure aufmerksame Erfindsamkeit bei der Abwehr von Krankheiten Nachahmung finden bei den Gesetzgebern und Behörden, bei den Erziehern der Jugend und bei den vielen andern, deren Aufgabe es ist, für die Festigung guter Sitten zu sorgen; und sie mögen es nicht dahin bringen, dass sie, indem sie zügellose Leichtfertigkeit Freiheit nennen, durch verwerfliche Nachlässigkeit und durch fluchwüdige Verführung besonders sich entwickelnde Charaktere und bildsame Herzen verseuchen.

11. Erste Pflicht und gleichzeitig höchste Ehre der Apotheker ist es, dass sie über ein ausgezeichnetes Wissen verfügen und keinen Fingerbreit von ihrem guten Gewissen abweichen. Und in der Tat kann es eintreten, dass großes Unheil und Tod die Folgen sind, wenn Ihr auch nur ein wenig Euch irrt in der Auswahl der Bestandteile Eurer Medikamente, in der Festsetzung ihrer Verhältnisanteile oder in der Beurteilung der Dauer ihrer Wirksamkeit. Denn wer dürfte es wohl wagen, eine solche Bürde auf seine Schultern zu laden, wenn er keine praktische Erfahrung hat in der Botanik, Physik, Chemie und Biologie, und sich nicht durch dauernde Experimente fortbildet!

12. Heutzutage aber, da durch die weitverbreitete Sittenverderbnis leicht gegen göttliches und menschliches Recht gesündigt wird, muss Euch die Rücksicht auf die christliche und menschliche Würde mit ganz besonderem Ernst dazu antreiben, Euch von der Beobachtung Eurer Pflicht nicht ablenken zu lassen. Es können zuweilen auch Kunden zu Euch kommen, die unverschämt von Euch fordern, dass Ihr Euch ihrer Verbrechen mitschuldig macht. Da Ihr selbst sehr wohl wißt, dass dieses oder jenes, was bei Euch zu kaufen ist, durch seine Natur oder durch den absichtlichen Missbrauch der Gesundheit, dem Leben oder der Erhaltung von Körperteilen schadet oder das verborgene Leben im Mutterschoße zerstört, so dürft Ihr keineswegs den Befehl und den Wink des ewigen Gesetzes geringer veranschlagen als Leichtfertigkeit, Gewinnsucht und das rührselige Gerede eines Heuchlers.

13. Niemand möge jenen berüchtigten Vertreter der Pharmazie nachahmen, der dem Fabricius versprach, er werde König Pyrrhus auf bequeme Art beseitigen, wenn er ihm eine Belohnung in Aussicht stelle; vielmehr möge jeder den Ruhmestitel zu erwerben trachten, mit dem Pyrrhus den Fabricius großartig auszeichnete, als dieser den Anschlag aufdeckte: "Das ist Fabricius, der schwerer von seiner Ehrenhaftigkeit abzubringen ist als die Sonne von ihrer Bahn!"

14. Noch einen anderen Punkt möchten Wir, Geliebteste, gleichsam im Vorübergehen sanft streifen. Da Ihr ganz besonders verständig seid, bitten wir Euch, darauf zu achten, dass Ihr beim (Bar) Verkauf von Medizinen nach Möglichkeit keine überhöhten Preise fordert. Es ist uns keineswegs unbekannt, welche Geistesschärfe gelehrter Männer über die Abstimmung und Bereitung der Heilmittel wacht, welch langwierige Mühen die Erforschung Eurer chemischen Formel erfordert, und welch seltenes Vorkommen die Grundstoffe haben, die Ihr benötigt. Aber dennoch, legt auf die Waage, mit der Ihr die Tropfen Eurer Medizin abwägt, auch die Schweißtropfen der Menschen, die in Bergwerken, in Steinbrüchen, in den Werkstätten oder anderswo in saurer Arbeit für sich und die Ihrigen den Lebensunterhalt verdienen müssen; legt darauf die Tränen der Eltern, die bereit sind, alles hinzugeben, um ihre geliebten Kinder dem Tode zu entreißen, und achtet darauf, dass der Kaufpreis nicht ungebÜhrlich hoch sei. Bei der Preisfestsetzung für die Herstellung von Medikamenten durch große Gesellschaften soll der Gesichtspunkt der Barmherzigkeit nicht außer acht gelassen werden; denn die Menschen sind zu größtmöglichem gegenseitigem Entgegenkommen verpflichtet.

Abschluss und Segen

'15. Entschuldigt, bitte, wenn nun aus Unserem Mund mahnende Worte kamen, da wir ja auf Grund Unseres apostolischen Amtes verpflichtet sind, die Anliegen der Armen durch dauernde Anstrengungen und durch nicht erlahmende Mühe schützend zu vertreten.

16. Nun bleibt Uns nichts anders mehr zu tun übrig, als Euch und Eure Unternehmungen in väterlicher Liebe zu segnen, nachdem wir die Hilfe des Allmächtigen Gottes angerufen und den Schutz der Jungfrau und Gottesmutter Maria erfleht haben, der dieses Jahr geweiht ist, und deren Name den Ohren, Lippen und Herzen heilsam ist wie auserlesene Myrrhe, die lieblichen Wohlgeruch verbreitet (vgl. Sir. 24, 20-21 Vulgata), weil in ihren reinsten Herzen "alle Gnade des guten Wandels und der Wahrheit ist" (vgl. ebd. 25).

16. Probleme der spinalen Kinderlähmung

Ansprache Papst Pius XII. am 11. September 1954 an die Teilnehmer des Kongresses für Poliomyelitis

17. Zur Geschichte der Medizin

Ansprache Papst Pius XII. am 17. September 1954 an die Teilnehmer des 14. Internationalen Kongresses für Geschichte der Medizin

18. Erkennen und Bekämpfen der Lungenerkrankungen

Ansprache Papst Pius XII. am 24. September 1954 an die Teilnehmer am Internationalen Kongress der Spezialisten für Lungenerkrankungen vom 24. September 1954

(Offizieller französischer Text: AAS 46 [1954] 577-580)
(Quelle: Grundfragen der ärztlichen Ethik, Nr. 18; Die Übersetzung) erfolgte durch Hubert Dobers aus dem Osservatore Romano vom 12. September 1954)

Würdigung der wissenschaftlichen Forschung in den letzten 50 Jahren

1. Diese Gruppe hier von ungefähr 400 Gelehrten und Praktikern, die 43 verschiedenen Staaten angehören - Wir kennen mehrere aus ihre Mitte -, die Menschheit grüßt sie heute mit Recht als ihre erlauchten Wohltäter im Kampf gegen die entsetzlIche Plage der Tuberkulose. Unter ihnen möchten Wir besonders den berühmten Bakteriologen, Sir Alexander Fleming, nennen, der Mitglied Unserer Akademie der Wissenschaften ist.

2. Ja, es ist ein tragischer Kampf, in dem die Opfer in unabsehbarer Zahl sterben. Aber ein ebenso heldenhafter Kampf gegen einen Feind, der nur Schritt für Schritt das Feld räumt; aber die Kämpfer in diesem Kampf sind weit davon entfernt, sich durch die Schwierigkeiten und durch die nur langsamen Fortschritte entmutigen zu lassen, sie vergrößern vielmehr ihre Anstrengungen, damit ihnen der Sieg um jeden Preis zufalle. Ohne Zweifel, angesichts ihrer durchaus berechtigten Ungeduld muss man von langsamem Fortschritt sprechen; wer aber darf den glänzenden Vorsprung leugnen, der dank hartnäckiger Ausdauer im Laufe des gerade verflossenen Jahrhunderts erreicht wurde? Der Vorsprung ist tatsächlich auf der ganzen Frontbreite der Schlacht erreicht worden. Die Hygiene, die Prophylaxe·, die Diagnostik, die Mikrobiologie und Therapie stellten sich der Reihe nach bereit, den Weg für den Eindringling zu sperren, ihn sobald wie möglich aufzuhalten. ihn zurüchzudrängen, ihn bis zuletzt zu bekämpfen oder wenigsten seinen Sieg hinauszuschieben.

Die Bedeutung der frühzeitigen Behandlung

3. Es ist ein erregendes Geschehen, diese Ihre Intervention in jedem Abschnitt des Krankheitsverlaufs. Wie oft wohl müssen Sie sich das alte Sprichwort "Principiis obsta" in Ihr Gedächtnis zurückrufen! Nichts ist so sehr zu beklagen wie dieses Zögern, diese unendlichen Ausflüchte der Betroffenen und ihrer Familien, ehe sie sich in Ihre Obhut flüchten. Sie scheinen zu hoffen und werden blind für die drohenden Anzeichen der Krankheit, sie scheinen sie zu beschwören und auszuschalten. Ist es übertrieben, diesen Illusionen, diesen Verzögerungen eine der größten Schwierigkeiten zuzuschreiben, die sich der wirksamen Behandlung durch Sie entgegenstellen? In der Mehrzahl der Fälle hätte eine schlichte, aber gut gelenkte Kinderkolonie oder der Aufenthalt in einem gut ausgestatteten Erholungsheim das schwächliche Kind sogar vor dem Auftreten der beunruhigenden Anzeichen bewahrt. Anstelle dessen hat man es von Tag zu Tag, von Monat zu Monat aufgeschoben, und wenn man den Kranken in das Sanatorium, in die Klinik oder in das Krankenhaus bringt, ist ihm oft nicht mehr zu helfen. Die ersten beunruhigenden Anzeichen treten auf; eine Hygiene und eine angepasste Lebensweise könnten noch in relativ geringer Zeit helfen, wenn die Krankheit erst in ihren Anfängen steckt. Aber man tat nichts dagegen, dass die Verheerungen sich verschlimmerten, die Schädigungen um sich griffen, die Cavernen sich vertieften, und, nachdem man sich nicht länger mehr in Illusionen wiegen kann, verlangt man von Ihnen eine Diagnose, die dann nur zu leicht und nur zu klar zu stellen ist. Endlich ist man soweit, sich an Sie zu wenden, aber warum zögert man noch ? Welcher unvernünftige Kleinmut lässt die sehr lange Zeit verstreichen, da Behandlungen, Kuren und wirksame Eingriffe möglich sind, die seit einem Menschenalter wunderbar fortentwickelt wurden dank Ihren Vorgängern und Ihnen selbst. Man möchte im Gegenteil noch alle schmerzstillenden Heilmittel versuchen, man vertraut ohne Grund auf die erste beste Zeitungsreklame. Mit all Ihrem Wissen, all Ihrem Können und aus ganzem Herzen tun Sie auch das Unmögliche, ohne Illusion und trotz allem mit einer unbesieglichen Hartnäckigkeit, um den Griff des Gespenstes zu lockern, das seine Beute umklammert, um, mangels Besseres, eine nunmehr unvermeidliche Lösung hinauszuschieben. Deshalb können Wir nicht genug die Öffentliche Hand, die Einrichtungen der Sozialfürsorge und andere loben, die in ihrer sittlichen Tätigkeit für das allgemeine Wohl und besonders für die Familien mit Ihnen, meine Herren Ärzte, zusammenarbeiten wollen.

Ermutigung und Segen

4. Betreiben Sie also Ihre Forschungen mit unermüdlicher Ausdauer und unerschütterlicher Zuversicht weiter. Fahren Sie fort, die Ergebnisse Ihrer Arbeit für die Allgemeinheit einzusetzen. Über Sie und Ihre Tätigkeit rufen wir den göttlichen Segen herab und wünschen, dass Sie seiner beseligenden Kraft inne werden.

19. Über sittliche und rechtliche Fragen in der Medizin

Ansprache Papst Pius XII. am 30. September 1954 an die Teilnehmer des 8. Kongresses der Weltgesundheitsorganisation

20. An die Teilnehmer des IV. Internationalen Kongresses der "Union Medicale Latine"

Ansprahe Papst Pius XII. am 7. April 1955

21. Über die schmerzfreie Geburt

Ansprache Papst Pius XlI. am 8. Januar 1956 an eine Gruppe von Ärzten des Internationalen Sekretariats der Katholischen Ärzte und der AMCI

22. Über die menschliche Fruchtbarkeit

Ansprache an die Teilnehmer des II. Weltkongresses für Fruchtbarkeit und Sterilität
über Fruchtbarkeit und Sterilität in der Ehe

(Quelle: Herder-Korrespondenz, Zehnter Jahrgang 1955/56, Zehntes Heft, Juli 1956, S. 462-465;
Lateinischer Text ersetzt durch deutschen Text in: Soziale Summe Pius' XII., Nr. 4728-4730).

Hintergrund

Am 19. Mai empfing Papst Pius XII. die Mitglieder des in Neapel tagenden Il. Weltkongresses für Fruchtbarkeit und Sterilität in Audienz. In einer französisch gehaltenen Ansprache, die wir im vollen Wortlaut (in eigener Übertragung) wiedergeben, hat der Heilige Vater vor den Teilnehmern des Kongresses die ganz bestimmten sittlichen Normen vorgetragen, die die Kirche auf diesem Gebiet an die Hand gibt. Die Ansprache lautete:

Einleitend

Meine Herren! Sie haben den Wunsch geäußert, Uns anlässlich des II. Weltkongresses für Fruchtbarkeit und Sterilität, dem Sie in Neapel beiwohnen, begrüßen zu dürfen. Wir beeilen Uns, Ihrem Wunsch zu entsprechen, und Wir drücken Ihnen die ganz besondere Freude aus, die es Uns bereitet, eine so große Gruppe von Gelehrten und Praktikern aus so vielen Ländern zu empfangen. Sie sind im Begriff, sich der Untersuchung eines Gegenstandes zuzuwenden, der schwierig und heikel ist, weil er eine der wesentlichen Funktionen des menschlichen Körpers betrifft und weil die Ergebnisse Ihrer Arbeit bedeutungsschwere Folgen für das Leben vieler Menschen und die Entwicklung der Gesellschaft nach sich ziehen können.

Die unfreiwillige eheliche Unfruchtbarkeit, für die Sie Heilung und Abhilfe suchen, bildet ein Hindernis zur Erreichung des Hauptzieles der Ehe und ruft bei dem Ehepaar ein tiefes, oft unter instinktiver Scham verborgenes Missbehagen hervor, das der Festigkeit der Ehe selber gefährlich werden kann. Daher haben Sie angesichts der Ohnmacht der modernen Medizin, Fälle dieser Art erfolgreich zu behandeln, im Jahre 1951 diese "Internationale Gesellschaft für Fruchtbarkeit" gegründet, deren 1. Kongress, der 1953 in New York stattfand, drei Hauptresolutionen auf seine Tagesordnung gesetzt hat: mit allen möglichen Mitteln die Forschung und die Untersuchungen auf dem Gebiet der Fruchtbarkeit zu unterstützen; diese Spezialkenntnisse bei den Ärzten zu fördern und zu verbreiten, damit eine ausreichende Zahl von ihnen den unfruchtbaren Ehepaaren helfen kann; darauf zu drängen, dass Fruchtbarkeitskliniken, -gesundheitsdienste und -beratungsstellen an den Krankenhäusern unter kompetenter Leitung geschaffen werden. Der gegenwärtige Kongress entspringt, wie der vorige, dem Willen, die Kenntnisse, die man besitzt, nach allen Kräften weiterzuentwickeln, sie bei den Ärzten der ganzen Welt zu verbreiten und außerdem auch eine Zusammenarbeit zu organisieren, bei der die Koordinierung der Bemühungen gestatten wird, bedeutendere Resultate zu erzielen. Sie werden eine bemerkenswerte Anzahl von Berichten und Vorträgen hören, die die endokrinen und metabolischen Faktoren der Fruchtbarkeit und der Unfruchtbarkeit, ihre berufsbedingten und toxischen Faktoren, die neuen Methoden der Diagnose und Therapie der männlichen und weiblichen Sterilität, die Diagnose der Ovulation und der Spermatogenese und die Behandlung ihrer Unregelmäßigkeiten sowie die Chirurgie der Unfruchtbarkeit betreffen. Eine Reihe von Rechenschaftsberichten wird auch die experimentellen Versuche auf diesem Gebiet und die eine der wichtigsten Funktionen des Menschen betreffenden Probleme beleuchten. All diese Untersuchungen zusammen erklären überzeugend das Interesse, das dieser Kongress weckt, und die Bereitwilligkeit, mit der hervorragende Spezialisten von überall ihren Beitrag zu diesem gemeinsamen Unternehmen haben leisten wollen.

Es steht Uns nicht zu, ein Urteil über die eigentlich technischen Aspekte Ihrer Arbeit abzugeben; Wir möchten jedoch kurz gewisse sittliche Seiten dieser Fragen, die Sie vom wissenschaftlichen Gesichtspunkt aus untersuchen, ins Auge fassen.

Die unfreiwillige Unfruchtbarkeit in der Ehe

Ihr voriger Kongress hat in seiner Schlusserklärung darauf hingewiesen, dass die unfreiwillige eheliche Unfruchtbarkeit ein wirtschaftliches und soziales Problem von großer Bedeutung aufwerfe, dass sie mit dazu beitrage, die Geburtenziffer der Völker herabzusetzen, und dass sie dadurch das Bestehen und Schicksal eines Volkes beeinflussen kann. Es kommt zuweilen vor, dass man bei diesem offensichtlicheren, kontrollierbareren Gesichtspunkt halt macht. Dann wird man sagen, dass man die Geburtenzahl einer Nation fördern muss, um deren Vitalität, ihre Ausbreitungskraft auf allen Gebieten zu erhalten. Es stimmt, dass eine hohe Geburtenzahl die schöpferischen Kräfte eines Volkes oder einer Familie beweist; sie zeugt vom Mut des Menschen gegenüber dem Leben, seinen Gefahren und Schwierigkeiten; sie unterstreicht seinen Willen, aufzubauen und fortzuschreiten Man hat recht, zu betonen, dass die physische Unfähigkeit zu Vaterschaft und Mutterschaft leicht Anlass zu Mutlosigkeit und Rückwendung auf sich selber wird. Das Leben, das glühend wünschte, sich fortzupflanzen, über sich hinauszureichen, fällt sozusagen auf sich selbst zurück, und leider versagen viele Ehen angesichts dieser Prüfung.

Mit Zustimmung möchten Wir hier einen Gesichtspunkt erwähnen, den Sie selbst hervorgehoben haben. Es ist vollkommen richtig, dass Ihr Eifer, die Untersuchungen über die eheliche Unfruchtbarkeit und die Mittel, ihrer Herr zu werden, zwar einen sehr beachtlichen wissenschaftlichen Aspekt bietet, aber auch hohe geistige und sittliche Werte mit betrifft, die man nicht außer acht lassen darf. Wir haben sie bereits erwähnt. Es ist tief menschlich, dass die Ehegatten in ihrem Kind den wahren und vollen Ausdruck ihrer gegenseitigen Liebe und gegenseitigen Hingabe erblicken. Es ist nicht schwer zu verstehen, warum der unerfüllte Wunsch nach Vaterschaft oder Mutterschaft von Eltern, die von edlen und gesunden Gefühlen beseelt sind, als ein schweres und schmerzliches Opfer empfunden wird. Mehr noch, die unfreiwillige Unfruchtbarkeit der Ehe kann zu einer ernsten Gefahr für die Einheit und Festigkeit der Familie selber werden.

Das Kind als Ziel der Ehe

Aber dieser soziale Aspekt überdeckt in Wahrheit nur eine noch intimere und ernstere Realität. Die Ehe eint zwei Personen in einer Schicksalsgemeinschaft auf dem Weg zur Verwirklichung eines Ideals, das nicht nur die Fülle irdischen Glücks einschließt, sondern auch die Eroberung geistiger Werte einer transzendenten Ordnung, die zumal die christliche Offenbarung in ihrer ganzen Größe vorstellt. Nach diesem Ideal streben die Eheleute gemeinsam, indem sie sich der Erlangung des ersten Ziels der Ehe, der Zeugung und Erziehung der Kinder, weihen. Schon mehrmals haben Wir es für nötig erachtet, daran zu erinnern, dass die besonderen Absichten der Gatten, ihr gemeinsames Leben, ihre persönliche Vervollkommnung, nicht anders begriffen werden können als dem Ziel untergeordnet, das über sie selber hinausgeht: der Vaterschaft und der Mutterschaft. "Nicht allein das gemeinsame äußere Tun, auch die ganze Persönlichkeitsbereicherung, auch der geistige und seelische Reichtum, ja sogar all das Höchste und Tiefste an Seelischem in der Gattenliebe als solcher ist nach dem Willen der Natur und des Schöpfers in den Dienst der Nachkommenschaft gestellt worden", sagten Wir in einer Ansprache an die Hebammen am 29. Oktober 1951. Das ist die ständige Lehre der Kirche; sie hat jede Auffassung der Ehe, die droht, sie auf sich selbst zurückzuwenden, sie zu einer egoistischen Suche nach gefühlsmäßiger und physischer Befriedigung im alleinigen Interesse der Eheleute zu machen, zurückgewiesen.

Aber die Kirche hat auch die entgegengesetzte Haltung vermieden, die bei der Zeugung die biologische Aktivität von der persönlichen Beziehung zwischen den Eheleuten trennen will. Das Kind ist die Frucht der ehelichen Verbindung in ihrem vollen Vollzug vermittels der organischen Funktionen, der fühlbaren Erregungen, die damit verbunden sind, der geistigen und selbstlosen Liebe, die sie beseelt; in der Einheit dieses menschlichen Aktes müssen die biologischen Bedingungen der Zeugung liegen. Niemals kann es erlaubt sein, diese verschiedenen Aspekte so weit voneinander zu trennen, dass entweder die Absicht der Zeugung oder die eheliche Vereinigung ausgeschlossen werden. Die Beziehung, die Vater und Mutter in ihrem Kind vereint, wurzelt in der organischen Tatsache und mehr noch im freien Vollzug der Ehegatten, die sich einander hingeben und deren Hingabebereitschaft sich in dem Lebendigen, das sie in die Welt setzen, erfüllt und darin ihr wahres Ziel findet. Nur diese in ihrem Beginn hochherzige und in ihrer Verwirklichung mutige Hingabe seiner selbst in der bewussten Annahme der Verantwortung, die sich daraus ergibt, kann dafür garantieren, dass die Erziehung der Kinder mit all der Sorgfalt, dem Mut und der Geduld durchgeführt wird, die sie verlangt. Man kann also behaupten, dass die menschliche Fruchtbarkeit über den physischen Bereich hinaus wesentliche sittliche Aspekte besitzt, die unbedingt beachtet werden müssen, selbst wenn man den Gegenstand vom medizinischen Gesichtspunkt aus betrachtet.

Es ist klar, dass der Gelehrte und der Arzt, wenn sie ein Problem ihres Fachs behandeln, das Recht haben, ihre Aufmerksamkeit auf die eigentlich wissenschaftlichen Elemente zu konzentrieren und es einzig auf Grund dieser Gegebenheiten zu lösen. Aber wenn man zur praktischen Anwendung auf den Menschen übergeht, ist es unmöglich, die Wirkungen außer acht zu lassen, die die vorgeschlagenen Methoden auf die Person und ihr Geschick ausüben können. Die Größe des menschlichen Akts besteht gerade darin, dass er über den Augenblick hinausgeht, in dem er gesetzt wird, um die ganze Orientierung eines Lebens mit einzubeziehen, um es zur Stellungnahme gegenüber dem Absoluten zu führen. Das gilt schon vom tagtäglichen Handeln: wie viel mehr von einem Akt, der mit der gegenseitigen Liebe der Eheleute ihre Zukunft und die ihrer Nachkommen einbezieht.

Das Problem der künstlichen Befruchtung

Daher glauben Wir, dass es für Sie, meine Herren, grundlegend wichtig ist, diese Perspektive nicht außer acht zu lassen, wenn Sie die Methoden der künstlichen Befruchtung untersuchen. Das Mittel, durch das man die Hervorbringung eines neuen Lebens beabsichtigt, hat eine wesentliche menschliche Bedeutung, die von dem Ziel, das man erstrebt, nicht lösbar ist und das, wenn es der Wirklichkeit der Dinge und den der Natur der Lebewesen eingeschriebenen Gesetzen nicht entspricht, diesem Ziel selber schweren Schaden zufügen kann.

Auch zu diesem Punkt hat man Uns um einige Richtlinien gebeten. Was die künstliche menschliche Befruchtung "in vitro" betrifft, genügt es, zu sagen, dass sie als unmoralisch und absolut unstatthaft zu verwerfen ist. Über die verschiedenen sittlichen Fragen, die sich bei· künstlicher Befruchtung im gewöhnlichen Wortsinn stellen, haben Wir Unsere Gedanken schon in einer Ansprache an die Ärzte am 29. September 1949 ausgesprochen [vgl. Herder-Korrespondenz 4. Jhg., S. 113/14]; darum verweisen Wir für die Einzelheiten auf das, was Wir damals gesagt haben, und beschränken Uns hier darauf, das Schlussurteil zu wiederholen: "Hinsichtlich der künstlichen Befruchtung muss man nicht nur äußerst zurückhaltend sein, sondern sie absolut verwerfen. Wenn man das sagt, verwirft man nicht notwendig den Gebrauch gewisser künstlicher Mittel, die nur dazu bestimmt sind, den natürlichen Akt zu erleichtern, d. h. zu bewirken, dass der normal vollzogene Akt sein Ziel erreicht." Aber da sich die Anwendung der künstlichen Befruchtung mehr und mehr ausbreitet und um gewisse irrtümliche Meinungen richtigzustellen, die sich in bezug auf das, was Wir gelehrt haben, verbreitet haben, fügen Wir folgendes hinzu:

Die künstliche Befruchtung überschreitet die Grenze des Rechts, das die Eheleute durch den Ehekontrakt erworben haben, nämlich des Rechts, ihre natürliche sexuelle Fähigkeit im natürlichen Vollzug des ehelichen Aktes voll auszuüben. Der Ehekontrakt erteilt ihnen nicht das Recht auf künstliche Befruchtung, denn ein solches Recht ist in keiner Weise in dem Recht auf den natürlichen ehelichen Akt ausgedrückt und kann von diesem nicht abgeleitet werden. Noch weniger kann man sie aus dem "Recht auf das Kind", als ersten "Zweck" der Ehe, ableiten. Der Ehekontrakt verleiht dieses Recht nicht, weil sein Gegenstand nicht das "Kind", sondern die "natürlichen Akte" sind, die imstande und dazu bestimmt sind, neues Leben zu zeugen. Daher muss man von der künstlichen Befruchtung sagen, dass sie das Naturgesetz verletzt und dem Recht und der Sitte widerspricht.

Beurteilung der Masturbation zur Samengewinnung

"Und nun stellt sich uns eine andere Frage, zu deren Behandlung die lateinische Sprache angemessener ist.[2] Wie unser natürliches Empfinden sich gegen eine inseminatio artificialis ausspricht, so verbietet derselbe sittliche Grundsatz, aus dem sich die Norm des Handelns ableiten muß, daß man sich für fachgemäße Untersuchung menschlichen Samen mit Hilfe der Masturbation verschaffe.

Diesen Gegenstand behandelten Wir auch schon in Unserer Ansprache an die Teilnehmer des Urologenkongresses am 8. Oktober 1953, in der Wir ausführten: « Im übrigen hat das Heilige Officium bereits in einer Verlautbarung vom 2. August 1929 (AAS 21 [1929] 490) entschieden, daß eine Samengewinnung durch direkt hervorgerufene Masturbation unerlaubt ist, was immer der Zweck der Untersuchung sei." Da Uns jedoch berichtet wurde, daß solches verkehrte Verfahren schon vielerorts überhand nimmt, halten Wir es für angebracht, Unsere früheren Mahnungen jetzt zu wiederholen und neu einzuschärfen.

Wenn derartige Akte zur Befriedigung der Libido gesetzt werden, lehnt sie schon das natürliche Empfinden des Menschen unwillkürlich ab, erst recht aber immer das reife und richtige Urteil des Verstandes. Dieselben Akte sind aber auch dann zu verwerfen, wenn sie aus gewichtigen Gründen entschuldbar scheinen, wie z. B. als Heilmittel für jene, die an nervöser Überspannung oder an anormalen psychischen Krampfzuständen leiden, zur ärztlichen mikroskopischen Untersuchung des Samens, der durch venerische oder andere Krankheitserreger infiziert erscheint, zur Untersuchung der verschiedenen Bestandteile, aus denen der Same ordnungsmäßig zusammengesetzt ist, um das Vorhandensein der Lebenselernente, ihre Zahl, Menge, Form, Bewegung, Verhalten usw. festzustellen.

Die Beschaffung des menschlichen Samens durch Masturbation ist unmittelbar auf nichts anderes ausgerichtet als auf die volle Betätigung der natürlichen Zeugungsfähigkeit des Menschen. Diese volle Betätigung stellt, außerhalb des ehelichen Aktes vorgenommen, einen direkten und unzulässigen Gebrauch dieser Fähigkeit dar. In diesem so gestalteten unberechtigten Gebrauch der Naturfähigkeit ist eigentlich die innere Verletzung der Sittenordnung gelegen. Denn der Mensch hat keineswegs das Recht zum Gebrauch der Geschlechtskraft schon allein deshalb, weil er sie von der Natur empfangen hat. Dem Menschen nämlich wird (im Gegensatz zu den übrigen vernunftlosen Lebewesen) das Recht und die Vollmacht, diese Fähigkeit zu gebrauchen und auszuüben, nur in der gültig geschlossenen Ehe gegeben, und im ehelichen Recht ist enthalten, was durch die Eheschließung gegeben und empfangen wird. Daraus geht klar hervor, daß der Mensch allein aus dem Grunde, daß er von der Natur die Geschlechtskraft erhalten hat, nur die Fähigkeit und das Recht auf die Ehe besitzt. Dieses Recht jedoch wird nach Gegenstand und Umfang vom Naturgesetz und nicht durch Menschenwillen bestimmt. Kraft des Naturgesetzes aber kommt dem Menschen das Recht und die Vollmacht zur vollen, direkt angestrebten Ausübung der Geschlechtskraft nur zu, wenn er den ehelichen Gattenakt der Vorschrift gemäß vollzieht, welche die Natur selbst aufgestellt hat. Außerhalb dieses natürlichen Aktes gibt es nicht einmal in der Ehe das Recht, die Geschlechtskraft voll zu gebrauchen. Das sind die Grenzen, die dem genannten Recht und seiner Ausübung von der Natur selbst gesetzt sind. Dadurch nun, daß der volle Gebrauch der Zeugungskraft unabdingbar durch den ehelichen Gattenakt umschrieben wird, ist sie ihrem Wesen nach imstande, den natürlichen Zweck der Ehe voll zu erreichen (der nicht allein in der Zeugung, sondern auch in der Erziehung der Nachkommenschaft besteht). Deshalb bleibt auch ihre Ausübung mit dem genannten Ziel verknüpft. Darum liegt die Masturbation ganz außerhalb des natürlichen, für den vollen Einsatz der Geschlechtskraft geltenden Bereichs und darum auch außerhalb ihrer Verknüpfung mit dem naturgesetzten Ziel. Die Masturbation entbehrt also jeglicher Berechtigung und widerspricht den Gesetzen der Natur und Sittlichkeit, auch wenn sie an sich berechtigten und einwandfreien Zielen dienen sollte. Was bisher über die innere Unsittlichkeit jeglichen vollen Gebrauchs der Zeugungsfähigkeit außerhalb des ehelichen Aktes gesagt wurde, gilt gleichermaßen für Verheiratete und Unverheiratete, ob nun die volle Betätigung der Sexualorgane vom Mann oder der Frau, oder von beiden zusammen vorgenommen wird, ob sie durch Manipulationen oder durch Unterbrechung des Gattenaktes geschieht. Immer handelt es sich um einen naturwidrigen und in sich unsittlichen Akt.

Die aus der Fruchtbarkeit erwachsenden geistig-sittlichen Pflichten

Wenn die Fruchtbarkeit gewissen Bedürfnissen des Organismus entspricht und mächtige Instinkte befriedigt, so geht sie sofort, wie wir sagen, den seelischen und sittlichen Bereich an. Das Werk der Erziehung geht durch seine Wichtigkeit und seine Folgen noch über die Zeugung hinaus. Der Austausch von Seele zu Seele, der zwischen Eltern und Kindern stattfindet, mit all dem Ernst, der Zartheit, der Selbstvergessenheit, die er erfordert, zwingt die Eltern sehr bald, sich über das Stadium der besitzenden Liebe zu erheben, um an das persönliche Schicksal derer zu denken, die ihnen anvertraut sind. In den meisten Fällen verlassen die Kinder, wenn sie erwachsen sind, ihre Familie, gehen weit weg, um den Lebensansprüchen gerecht zu werden oder einem höheren Anruf zu gehorchen. Der Gedanke an diese normale Loslösung, so schmerzlich er ist, muss den Eltern dabei helfen, eine höhere Auffassung von ihrer Aufgabe zu gewinnen und sich zu einer reineren Anschauung von der Bedeutung ihrer Bemühungen zu erheben. Will sie nicht zum mindesten teilweise versagen, so muss die Familie sich in die Gesellschaft einordnen, den Kreis ihrer Neigungen und Interessen erweitern, ihre Mitglieder auf weitere Horizonte hinlenken, um nicht nur an sich selber, sondern an die Aufgaben sozialen Dienens zu denken.

Die geistige Fruchtbarkeit des gottgeweihten Lebens Die katholische Kirche endlich, die Hüterin der Absichten Gottes, lehrt die höhere Fruchtbarkeit des völlig Gott und dem Nächsten geweihten Lebens. Hier soll der vollständige Verzicht auf die Familie ein ganz selbstloses geistiges Wirken erlauben, ein Verzicht, der nicht aus Lebensangst und Angst vor Verpflichtungen entspringt, sondern aus der Erkenntnis der wahren Bestimmung des Menschen, der nach dem Ebenbild Gottes geschaffen ist und nach einer allumfassenden Liebe sucht, die von keiner fleischlichen Zuneigung mehr gebunden ist. Das ist die erhabenste und beneidenswerteste Fruchtbarkeit, die der Mensch sich wünschen kann, eine Fruchtbarkeit, die die biologische Ebene transzendiert, um ganz in die des Geistes einzugehen.

Schlusswort und Segen Wir wollten, meine Herren, diese Ansprache nicht beschließen, ohne diese Perspektiven zu eröffnen. Manchen mögen sie sehr fern von den Gegenständen, die Sie beschäftigen, erscheinen. Aber das ist nicht so. Nur sie gestatten, Ihre Arbeit an den rechten Platz zu stellen und ihren Wert zu erkennen. Was Sie wünschen, ist nicht nur, die Zahl der Menschen zu vermehren, sondern auch das sittliche Niveau der Menschheit zu heben, ihre wohltätigen Fähigkeiten, ihren Willen, physisch und geistig zu wachsen. Sie wollen der Liebe vieler Eheleute, die unter ihrer Kinderlosigkeit leiden, neue Wärme verleihen; Sie wollen sie keineswegs in ihrer vollen Entfaltung behindern, sondern vielmehr all Ihr Wissen in ihren Dienst. stellen, damit in ihnen jene wunderbaren Hilfsquellen wiederbelebt werden, die Gott im Herzen der Väter und Mütter verborgen hat, damit sie selber mitsamt ihrer ganzen Familie zu ihm aufsteigen.

Von dieser Verantwortung durchdrungen, werden Sie, Wir wagen es zu hoffen, Ihre wissenschaftlichen Arbeiten und die praktischen Verwirklichungen, die Sie vorschlagen, mit wachsendem Eifer weiterführen. Indem Wir auf Sie selbst, Ihre Familien und alle, die Ihnen teuer sind, den Überfluss der göttlichen Gnaden herabrufen, erteilen Wir Ihnen von ganzem Herzen Unsern väterlichen Apostolischen Segen.

Anmerkungen

  1. Es ist aufgefallen, dass z.B. die Ansprachen 35 und 36 von Franz Schmal für das St. Lukas-Institut übersetzt wurden (Anmerkung dort!) überarbeitet in der Sozialen Summe Pius' XII. Eingang gefunden haben.
  2. Quemadmodum rationalis animus noster artificiali inseminationi adversatur, ita eadem ethica ratio, a qua agendi norma sumenda est, pariter vetat, quominus humanum semen, peritorum examini subiciendum, masturbationis ope procuretur. Hanc agendi rationem attigimus Nostra quoque allocutione coram Urologiae doctoribus coetum participantibus, die VIII mensis Octobris anno MDCCCCLIII prolata, in qua haec habuimus, verba: "Du reste, le St-Office a décide déjà le 2 août 1929 (AAS vol. XXI a. 1929, p. 490, II) qu'une "masturbatio directe procurata ut obtineatur sperma" n'est pas licite, ceci quel que soit le but de l'examen" (Discorsi e Radiomessaggi vol. XV, pag. 378). Cum vero Nobis allatum sit, pravam huiusmodi consuetudinem pluribus in locis invalescere, opportunum ducimus nunc etiam, quae tunc monuimus, commemorare atque iterum inculcare. Si actus huiusmodi ad explendam libidinem ponantur, eos vel ipse naturalis hominis sensus sua sponte respuit, ac multo magis mentis iudicium, quotiescumque rem mature recteque considerat. Iidem actus tamen tunc quoque respuendi sunt, cum graves rationes eos a culpa eximere videntur, uti sunt: remedia iis praestanda qui nimia nervorum intentione vel abnormibus animi spasmis laborant; medicis peragenda, ope microscopii, spermatis inspectio, quod venerei vel alius generis morbi bacteriis infectum sit; diversarum partium examen, ex quibus semen ordinarie constat, ut vitalium spermatis elementorum praesentia, numerus, quantitas, forma, vis, habitus aliaque id genus dignoscuntur. Eiusmodi procuratio humani seminis, per masturbationem effecta, ad nihil aliud directe spectat, nisi ad naturalem in homine generandi facultatem plene exercendam; quod quidem plenum exercitium, extra coniugalem copulam peractum, secum fert directum et indebite usurpatum eiusdem facultatis usum. In hoc eiusmodi indebito facultatis usu proprie sita est intrinseca regulae morum violatio. Haudquaquam enim homo ius ullum exercendi facultatem sexualem iam inde habet, quod facultatem eandem a natura recepit. Homini nempe (secus ac in ceteris animantibus rationis expertibus contingit) ius et potestas utendi atque exercendi eandem facultatem tantummodo in nuptiis valide initis tribuitur, atque in iure matrimoniali continetur, quod ipsis nuptiis traditur et acceptatur. Inde elucet hominem, ob solam hanc causam quod facultatem sexualem a natura recepit, non habere nisi potentiam et ius ad matrimonium ineundum. Hoc ius tamen, ad obiectum et ambitum quod attinet, naturae lege, non hominum voluntate discribitur, vi huius legis naturae, homini non competit ius potestas ad plenum facultatis sexualis exercitium, directe intentum, nisi cum coniugalem copulam exercet ad normam a natura ipsa imperatam atque definitam. Extra hunc naturalem actum, ne in ipso quidem matrimonio ius datur ad sexuali hac facultate plene fruendum. Hi sunt limites, quibus ius, de quo diximus, eiusque exercitium a natura circumscribuntur. Ex eo quod plenum sexualis facultatis exercitium hoc absoluto copulae coniugalis limite circumscribitur, eadem facultas intrinsece apta efficitur ad plenum matrimonii naturalem finem assequendum (qui non modo est generatio, sed etiam prolis educatio), atque eius exercitium cum dicto fine colligatur. Quae cum ita sint, masturbatio omnino est extra memoratam pleni facultatis sexualis exercitii naturalem habilitatem, ideoque etiam extra eius colligationem cum fine a natura ordinato; quamobrem eadem omni iuris titulo caret atque naturae et ethicis legibus contraria est, etiamsi inservire intendat utilitati per se iustae nec improbandae. Quae hactenus dicta sunt de intrinseca malitia cuiuslibet pleni usus potentiae generandi extra naturalem coniugalem copulam,valent eodem modo cum agitur de matrimonio iunctis vel de matrimonio soluris, sive plenum exercitium apparatus genitalis fit a viro sive a muliere, sive ab utraque parte simul agente; sive fit tactibus manualibus sive coniugalis copulae interruptione; haec enim semper est actus naturae contrarius atque intrinsece malus.

23. Der Arzt und das Recht

Ansprache Papst Pius XII. an den 7. Internationalen Kongress katholischer Ärzte in Scheveningen am 11. September 1956

24. Die Bedeutung und Möglichkeiten der internationalen Zusammenarbeit im Gesundheitswesen

Ansprache Papst Pius XII. am 18. Oktober 1956 vor dem Komitee für das öffentliche Gesundheitswesen der Westeuropäischen Union

25. Bedeutung, Ziel und Aufgabe der menschlichen Anatomie

Ansprache an die Teilnehmer des 17. Nationalkollgresses der Italienischen Gesellschaft für Anatomie am 15. November 1956
(aus dem französischen Urtext im Osservatore Romano am 16. November 1956, übersetzt von Studienrat Köhne, Gliederung durch das St. Lukas-Institut)

Begrüßung

1. Meine Herren! Mit Freude begrüßen Wir Sie, die Sie eine ruhmreiche wissenschaftliche Tradition fortsetzen und sich eifrig um einen der edelsten und kostbarsten Zweige des menschlichen Wissens bemühen, um die Anatomie. Wir freuen Uns, Sie bei Gelegenheit des 17. Nationalkongresses der Italienischen Gesellschaft für Anatomie zu empfangen, der Sie in Rom versammelt hat, um die Ergebnisse Ihrer neuesten Forschungen auszutauschen.

Bedeutung der normalen menschlichen Anatomie

2. Die normale menschliche Anatomie war und bleibt immer die unentbehrliche Grundlage der biologischen und medizinischen Kenntnisse, die den Menschen zum Gegenstand haben; alle Disziplinen, die unter diesem oder jenem besonderen Aspekt versuchen, die Kenntnisse der menschlichen Person zu vertiefen, sie in ihren normalen oder pathologischen Zuständen zu erklären, müssen auf sie zurückgehen und ihre Schlussfolgerungen beachten. Deshalb wird der gegenwärtige Kongress, der dje Probleme behandelt, die die makroskopische und mikroskopische Struktur des menschlichen Körpers, die Histologie, die Embryologie sowie die Histophysik und Histochemie betreffen, sicher ein lebhaftes Interesse in den medizinischen Kreisen wecken, ebenso wie bei all denen, die von nah oder von fern die Fortschritte der Wissenschaften um den Menschen verfolgen.

Fortschritte und Aufgaben der anatomischen Forschung

3. Wenn die Anatomie sich lange auf dem Boden der makroskopischen Morphologie und der Struktur der Organe hielt, hat sie sich seit dem vergangenen Jahrhundert mit dem immer genaueren Studium der Gewebe und deren elementarem Bestandteil, der Zelle, befasst, und zwar nicht nur vom statischen und rein beschreibenden Gesichtspunkt aus, sondern auch unter dem genetischen und funktionellen Aspekt, der die beobachteten Erscheinungen im Lichte der Gesamtheit ihrer Ursachen und Zwecke betrachtet und sich bemüht, ihre Bedeutung viel vollständiger im erfassen. Die ständigen Fortschritte der Physik, der Chemie und der Technik bieten der Histologie immer größere Möglichkeiten bei der analytischen Untersuchung der lebenden Substanz. Selbst wenn man sich auf die Größen mikroskopischer Ordnung beschränkt, so bleibt noch viel zu tun in der vergleichenden und systematischen Morphologie; unter anderem muss man die größtmögliche Zahl von Beobachtungen zusammentragen, die geeignet sind, genau zu zeigen, welches die gleichartigen Teile eines oder mehrerer Organismen sind.

Neue Möglichkeiten durch Forschungsmethoden in der ultramikroskopischen Größenordnung

4. Aber man ist jetzt zur Ordnung ultramikroskopischer Größen vorgeschritten, und man ist imstande, gewisse morphologische Einzelheiten der Infrastruktur der Elemente, die die Zelle bilden, direkt zu erfassen. Man wendet außerdem die indirekte Untersuchung an, zum Beispiel das Studium der Variationen der Absorptionskraft der ultravioletten Lichtwellen oder die Empfindlichkeit bei gewissen Fermenten.

Histophysiologie, Histochemie und Histophysik

5. Die Histophysiologie sieht jetzt, wie ein fast unbegrenzter Horizont sich vor ihr eröffnet. Die mit der Kultur der Gewebe - in vitro - erzielten experimentellen Ergebnisse haben schon zu zahlreichen Erkenntnissen über die Grundeigenschaften der Zelle, über die Vorbedingungen ihres Wachsens und über die offenen oder latenten Möglichkeiten, die sie enthüllen, geführt. Man nimmt auch Untersuchungen vor über elektrische Reaktionen, die ohne weiteres auftreten oder mit den besonderen funktionellen Fähigkeiten der Gewebe auftreten. Die Kultur - in vitro - ermöglicht ebenso das Studium der grundlegenden Erscheinungen des Zellenmetabolismus und der Reaktion der Zellen auf verschiedene physische oder chemische Reize.

6. Mit der Histophysiologie erlebt die Histochemie jetzt einen viel versprechenden Aufschwung. Während man früher sich darauf beschränkte, eine kleine Zahl von Substanzen mittels bekannter chemischer Reaktionen zu bestimmen, benutzt man jetzt viel genauere mikroanalytische Methoden, die nicht nur die qualitative Analyse gewisser chemischer Zusammensetzungen ermöglichen, sondern auch die quantitative und topographische Analyse. Man kann sogar in gewissen Fällen den Dynamismus der chemischen Vorgänge feststellen, die alle fundamentalen Tätigkeiten der lebenden Substanz angehen, wie den materiellen und energetischen Metabolismus, die morphologische Differenzierung, das Wachsen und die Reizbarkeit. Die Methode der histologischen Färbung zieht ihrerseits Nutzen aus einer kritischen Umkehr, die an Stelle der empirischen Arbeitsweise wissenschaftliche und rationelle Kriterien setzt.

7. Die Histophysik ihrerseits hat die Aufgabe, zu erforschen, nach welchen physischen und physico-chemischen Gesrtzen die Verbindung der chemischen Komponenten der lebenden Substanz, zu ultramikroskopischen und mikroskopischen Aggregaten sich vollzieht. Man kann heute sehr genau die mit den biologischen Tätigkeiten verbundenen physischen Auswirkungen analysieren und ein sehr genaues quantitatives Maß davon geben. Die Histophysik steht übrigens mit fast allen anderen biologischen Disziplinen in enger Verbindung; sie führt zu einem besseren Verständnis der makroskopischen und mikroskopischen Anatomie; sie ist ein wesentlicher Teil der physiologischen Forschung, sie öffnet den Weg zum Studium der allgemeinen Pathologie und der pathologischen Anatomie; schließlich liefert sie in der Medizin die Gesamtheit der Kenntnisse, die für die Ausbildung des Pathologen und des Klinikers notwendig sind.

8. Der Fortschritt dieser verschiedenen Zweige der Histologie ist nur möglich dank der dauernden Verbesserung der Arbeitstechnik. Das Studium der lebenden Gewebe, welches das Ideal der Histologie bietet, hat leider mit ernsten Schwierigkeiten zu kämpfen; tatsächlich kann das fragliche Objekt nur eine äußerst geringe Dichtigkeit haben, und die durchsichtige Substanz wird von Elementen gebildet, deren Refraktionszeichen nur sehr schwache Unterschiede zu Tage treten lassen. Neuere optische Instrumente, z. B. das Kontrastphasen-Mikroskop oder die Verwendung der ultravioletten und infraroten Strahlen in Verbindung mit der Photographie, ermöglichen immerhin die Beobachtung sehr feiner Einzelheiten.

Das Studium der lebenden Gewebe

9. Unter den Techniken, welche die moderne Forschung anwendet, wollen Wir noch die Beobachtung im Dunkelfeld, die Verwendung des Fluoreszenz-Mikroskops, das Polarisations-Mikroskops, die Absorptionshistospektographie, die Ausnutzung der Röntgenstrahlen und die Elektronenmikroskopie erwähnen, deren praktische Anwendung übrigens eine Reihe schwieriger Probleme stellt, soweit es die Vorbereitung der zu untersuchenden Gewebe angeht.

10. Wenn die Anatomie und die Histologie sich bemühen, feinere Strukturen zu beobachten und zu studieren, genauere quantitative Maße zu geben, die Urbestandteile der lebenden Materie zu lokalisieren und zu beschreiben, so versäumen Sie es nicht, die dynamischen Phänomene zu betrachten, mag es sich nun um stationäre und reversible Vorgänge handeln, die von der normalen Histophysiologie betrachtet werden, oder um oft irreversible strukturelle und funktionelle Modifikationen, wie die der Histogenese, des Wachsens der Gewebe, ihrer Erneuerung und ihres Alterns. Und man begnügt sich nicht, diese verschiedenen Aspekte in der normalen Entwicklung der Organismen zu betrachten, sondern man ruft auf experimentellem Wege durch die Kultur - in vitro - Änderungen des Lebensmilieus hervor, welche die ungeahnten Möglichkeiten der lebenden Substanz zeigen.

Das Ziel der anatomischen Wissenschaft

11. Wenn man die Fortschritte dieser zugleich so alten und so neuen Wissenschaft ins Auge fasst, so stellt man sich ganz natürlich die Frage nach ihrem Ziel. Wird das Geheimnis des Lebens, dessen materielles Substrat Sie studieren, sich eines Tages den Augen des Gelehrten enthüllen, dem lange Analysen es endlich ermöglicht hätten, die Struktur und die Funktionen der Zelle und der Gewebe, welche die verschiedenen Organismen bilden, vollständig zu erklären ? Muss man nicht vielmehr, um deren Zweck zu begreifen, von den leblosen Urelementen, von dem komplexen Molekularaufbau, der die Zelle bildet, zurückgehen zu der Gruppierung dieser zu Geweben und diese ihrerseits als Bestandteile der Organe und die Organe selbst als Bestandteile des lebenden Wesens betrachten, dessen eigene Aktivität den Strukturen, aus denen es gebildet ist, ihren Sinn geben ? So z. B. suchen der Archäologe oder der Künstler vor einem alten Baudenkmal dessen Bedeutung nicht dadurch zu erfassen, dass sie die einzelnen Steine studieren, sondern vielmehr die Art und Weise ihrer Einordnung, die die Absicht des Erbauers verrät. Das ist der erste Gedanke dessen, der die Auswahl und Einordnung der Materialien bestimmt und nicht umgekehrt, obschon diese ihrerseits gewisse Maßnahmen erklären können, die nebensächlicher Natur sind.

Teile können nur aus dem Ganzen erklärt werden

12. Wenn man das Leben erklären will, muss man es an der Quelle suchen, dort, wo es sich in seiner Ganzheit findet, und dessen niedere Formen erklären, indem man von der höheren Form ausgeht; mit anderen Worten, wenn die belebte Welt die zwei untrennbaren Seiten des Stofflichen und des Geistigen zeigt, so wäre es ein eitles Unterfangen, den Geist durch die Materie zu erklären, ihn gewissermaßen daraus hervorgehen lassen zu wollen. Es ist die menschliche Intelligenz, die die Wissenschaft des materiellen Seins aufbaut, dessen Struktur, erklärt und es seinen Zwecken dienstbar macht. Und diese Intelligenz hat ein Leben höheren Grades, es kann mit dem der vernunftlosen Wesen nur ganz entfernt verglichen werden.

Die Abhängigkeit des Menschen von Gott, durch den erst alles Existierende er klärt werden kann

13. Immerhin ist der Geist des Menschen nicht das Maß an sich: er hängt in jedem Augenblick in seinem Leben und seiner doppelten spekulativen und praktischen Tätigkeit von einem höheren Wesen ab, das ihm seine Verantwortlichkeit zumisst und seine Berufung bestimmt. Die Fülle des Lebens findet sich nur in Gott, und durch ihn allein muss man alles erklären, was existiert, den Menschen zunächst, aber auch alle niederen Formen des Lebens.

Aufgabe und Versuchung jeder Wissenschaft um den Menschen

14. Wir haben gesehen, dass die eingehendsten Untersuchungen der Histologie den dynamischen Gesichtspunkt mit der Betrachtung der statischen Formen verbinden müssen. Das ist der erste Schritt auf diesem Erfolg versprechenden Wege, dem sich kein Gelehrter, der dieses Namens würdig ist, entziehen kann. Jeden der Zweige Ihrer Wissenschaft in das Ganze, zu dem sie gehört, einordnen, das Studium des menschlichen Körpers durch das der Seele erweitern und diese in dem allgemeinen Plan des Schöpfers selbst sehen: das ist die Aufgabe einer wirklichen Wissenschaft um den Menschen, die nicht wie ein sich selbst genügendes Ganzes aufgebaut ist, sondern den höchsten Zielen dienen will, zu denen der Mensch berufen ist. Eine der furchtbarsten Versuchungen der wissenschaftlichen Arbeit besteht wohl darin, dass man eine Burg des Stolzes, einen modernen Turmbau von Babel errichtet, gleichsam als Herausforderung der menschlichen Intelligenz gegenüber der Allmacht des Schöpfers.

Abschluss und Segen

15. Aber Sie, meine Herren, die den Vorzug haben, Ihre Arbeit dem Studium des menschlichen Organismus zu widmen, haben mehr als andere Anlass, in enger Verbindung mit der eigentlichen Quelle des Lebens zu bleiben, mit diesem Gott, der sich den Herzen seiner Kinder noch mehr offenbart als in dem unvollkommenen Bild der sichtbaren Schöpfung. Möge sein Licht stets Ihren Geist erleuchten und Ihre Schritte lenken, damit die geduldige und schwere Forschungsarbeit, der Sie nachgehen, statt Sie von ihm zu entfernen, Sie immer wieder zu ihm führt und Sie die Güter finden lässt, die unvergänglich sind. Als Unterpfand der göttlichen Gnade erteilen Wir Ihnen selbst, Ihren Familien und Ihren Mitarbeitern von ganzem Herzen Unseren Apostolischen Segen.

26. Religiös-sittliche Fragen zur Anästhesiologie

Ansprache Papst Pius XII. am 24. Februar 1957

27. Moralische Probleme der Wiederbelebung

Ansprache Papst Pius XII. am 24. November 1957 in Rom

28. Ansprache Papst Pius XII. an die Strahlungswissenschaftler vom 16. April 1958 in Rom

(Quelle: Grundfragen der ärztlichen Ethik, Nr. 28; übersetzt aus dem französischen Text aus dem Osservatore Romano vom 17. April 1958 von Dr. Meisner, Düsseldorf; Überschriften vom Lukas-Institut)

Begrüßung

1. Ich begrüße Sie herzlich, meine Herren! Sie nehmen an dem internationalen Symposion über die Größen, Einheiten und Messungen der ionisierenden Strahlen teil, das in Rom durch die italienische Gesellschaft für medizinische Strahlenkunde und Kernmedizin veranstaltet wird. Mit Freude empfangen Wir immer - wie Sie wissen - die Forscher und Praktiker, die zu einem Kongress zusammenkommen, um die Ergebnisse ihrer Arbeiten gegenüberzustellen. Wenn in erster Linie die reine Wissenschaft daraus bestimmte Vorteile zieht, so werden in der Folgezeit Unzählige, ohne es vielleicht selbst zu vermuten, von diesen neuen Errungenschaften und der Vervollkommnung der Methoden Nutzen haben.

Bedeutung und Wirkungen der Strahlen

2. Die Ausdehnung der medizinischen Strahlenlehre und die Verwendung der Strahlungen in der Biologie und in der Industrie lassen es mit zunehmender Dringlichkeit nötig werden, die Stärke und die biologischen Auswirkungen zu messen. Niemand wertet in der Tat die Gefahr gering, die die Strahlen für den Organismus bringen können. Das Beispiel der Röntgenologen, die ihre Opfer wurden, und vor allem die anschaulichen zerstörenden Wirkungen der nuklearen Kräfte sind den Vorstellungen der Menschen von heute nur allzu gegenwärtig. Sie selber heben in einem Ihrer Referate die ungünstigen Einwirkungen hervor, die sie im allgemeinen auf die Keimzellen haben. Daraus folgt eindeutig die Notwendigkeit, die Stärke der Strahlungen bei den verschiedenen Anwendungen so genau wie möglich zu messen. Aber hierbei ringen Sie mit zwei Arten von Problemen: einem aus der begrifflichen Ordnung und einem aus der praktischen Ordnung. Es ist zunächst der Begriff der "Dosis der Strahlung", der in Frage steht und der - wie Sie sich erinnern - im Verlaufe des letzten halben Jahrhunderts eine langsame Entwicklung durchgemacht hat. Um auf die Erfordernisse einer Genauigkeit zu antworten, wurde man dazu geführt, zwischen der "Dosis der eingestrahlten Strahlenmenge" und der "absorbierten Dosis" oder "wirksamen Strahlenmenge" zu unterscheiden und infolgedessen verschiedene Einheiten für eine jede aufzustellen: Röntgen(r) und "rad". Die Frage ist übrigens noch nicht erschöpft und Sie sprechen bei diesem Symposion über die Merkmale anderer Einheiten und den Nutzen, den ihre Anwendung unter anderem zum Schutz der Bevölkerung gegen schädliche Strahlen bietet.

3. Im praktischen Bereich prüfen Sie die Methoden für die Messung der Strahlungen, ihren Genauigkeitsgrad, ihre Nachteile und die Störungsfaktoren. Sie heben die speziellen Gesichtspunkte dieser Untersuchung hervor, wenn man in der Tiefenbestrahlung die beträchtlichen Energien einsetzt, die die modernen Elektronenbeschleuniger liefern.

Würdigung der Forscher in der Strahlenkunde

4. WeIcher Uneingeweihte staunt nicht vor der Vielschichtigkeit, die dieses immer doch durch die Strahlenkunde wohl begrenzte Gebiet enthüllt! Aber wie könnte man überdies die Ausdauer der Forscher und ihre außerordentliche Sorgfalt nicht bewundern, die sie dazu drängt, sich nicht mit annähernden Schätzungen zufrieden zu geben, sondern eine unerbittliche Vervollkommnung ihrer Instrumente zu verfolgen ? Eine Anstrengung, die weithin durch den Ernst dessen, was auf dem Spiele steht, gerechtfertigt ist, nämlich letztlich durch die Menschenleben, deren Schicksal oft von der angemessenen Anwendung der Radiotherapie abhängt. Es ist nichts Kleines und nichts überflüssiges, wenn es sich darum handelt, in stärkerem Maße dem Nutzen der Person zu dienen. Doch man muss auch wissen, worin ihre wahre Größe besteht und die ungeheueren Quellen, über die die moderne Technik verfügt, nur unter der Rücksicht auswerten, die geistigen Kräfte zu vermehren und sie von dem Zwang des Körpers und der Materie zu befreien. wohin zielte die geduldige Arbeit der unter großen Kosten aufrecht gehaltenen Forschungsgemeinschaften, wenn sie nicht in der zunehmenden Befreiung des Menschen endigte, in der Unterdrückung seiner physischen und moralischen Fesseln, in der klugen Anwendung seiner erhaltenen oder wiedergewonnenen Kräfte?

Die Offenbarung des letzten Zieles als Ursache unserer österlichen Hoffnung

5. In dieser Osterzeit ladet die Kirche, die den Triumph Christi über den Tod und alle Arten des Übels feiert, den Menschen in seinem Bemühen ein, sich ihr anzuschließen. Möge die christliche Hoffnung auch die Ihre sein und Ihnen die Kraft ihrer lichtvollen Gewissheit geben ! Über den Erfolg und die Rückschläge, die den allmählichen Fortschritt jedes individuellen Lebens abstecken, offenbart sie das letzte Ziel, das diesem arbeitsreichen Weg die Richtung gibt und das der heilige Paulus in diesen Worten ausdrückte: "Der, welcher Christus Jesus von den Toten erweckt ,hat, wird auch euren sterblichen Leibern das Leben geben durch seinen Geist, der in euch wohnt" (Röm. 8, 11).

Segen

6. Als Unterpfand des Schutzes und der göttlichen Gnaden, die Wir inständig auf Sie und alle, die Ihnen teuer sind, herabrufen, erteilen Wir Ihnen gern Unseren Apostolischen Segen.

29. Der Arzt im Dienst der Ehe

Ansprache Papst Pius XII. vom 8. Oktober 1953 an die Teilnehmer des XXVI. Kongresses der italienischen Urologenvereinigung

30. Die soziale Bedeutung des öffentlichen Gesundheitswesens

Ansprache Papst Pius XII. vom 27. Juni 1949 an die Mitglieder der Weltgesundheitsorganisation

31. Über die Probleme der Moral in der angewandten Psychologie

Ansprache Papst Pius XII. am 10. April 1958 an die Teilnehmer des 13. Internationalen Kongresses für angewandte Psychologie

32. Ansprache Papst Pius XII. an Ärzte aus Spanien am 8. Juni 1958

Ansprache über den Glauben für den Arzt
(Quelle: Grundfragen der ärztlichen Ethik, Nr. 32, übersetzt aus dem Spanischen von Dr. Maximilian Loosen, Überschriften vom St. Lukas-Institut)

Begrüßung

1. Wenn es immer etwas Angenehmes ist, in der Phantasie den Ablauf der Jahre sich zurückzurufen und noch einmal jene heiteren Zeiten zu erleben, die der Jugend Tage waren, um wieviel angenehmer ist das dann, geliebte Söhne, Ärzte aus Barcelona, die Ihr Euer silbernes Berufsjubiläum feiert, wenn es gilt, die Tage ins Gedächtnis zurückzurufen, die Ihr in den Hallen der Universität verbracht habt, in jenen Sälen und bei jenen Studien, die Euch voll von Verheißungen zulächelten ? Wir gratulieren, geliebteste Söhne, zu diesem glücklichen Anlass und danken tausendmal für diese Sohnesgeste, hierher gekommen zu sein und dieses Jubiläum mit Eurem gemeinsamen Vater zu feiern. Aufs Neue habt Ihr damit diese tiefe Gläubigkeit bekundet, die Euch erleuchtete in den vergangenen schweren Stunden, Euch beglückt im jetzigen Augenblick und Euch ihren mächtigen Schutz für die Zukunft verspricht.

Der Glaube als das Licht des Lebens und des ärztlichen Berufes

2. dass der Glaube das Licht Eures Lebens in den verflossenen fünfundzwanzig Jahren war, wißt Ihr sehr wohl, katholische Ärzte, für die ja die Ausübung des Berufes die Gelegenheit war, die Fortschritte Eurer Wissenschaft mit den unveränderlichen Grundsätzen des christlichen Sittengesetzes zu vereinen. Mehr als einmal haben Wir selbst auf Bitten berühmter Kollegen Eures Standes die Grenzen dieser Koordinierung bestimmt. Heute wollen Wir uns nur einfach auf Euer Zeugnis berufen und Euch fragen, ob es nicht gewiss ist, dass ohne diese Moral Euer Beruf unmöglich jene Würde bewahrt, jene Ehre und Achtung, deren er bedarf, um sich das nötige Vertrauen Eurer Patienten zu verschaffen, das so sehr Eure Arbeit erleichtert.

3. Der Glaube ist ferner das Licht, das für Euch das Feld des Erlaubten und das des Nichterlaubten abgrenzt; Licht jedoch auch, das Euch im Kranken einen Körper sehen lässt, der Wohnstatt einer Seele ist; Licht, das Eure Mitmenschen Euch als Kinder des gleichen himmlischen Vaters und folglich als Eure Brüder zeigt; Licht, das in Euren Herzen das heilige Feuer der Liebe entzündet, die nicht nur von Berufs wegen behandeln will, sondern aus Nächstenliebe. Licht ist der Glaube, das Euch daran erinnert, dass Ihr etwas vermögt, aber nur insoweit Ihr Insrumente dessen seid, der allein fähig ist, Körper und Seelen zu heilen. Licht endlich ist Euch der Glaube, Licht, das Euch den Wert und die Größe der Opfer erkennen lässt, die Euer Beruf Euch auferlegt.

Von ganzem Herzen danken Wir dem Herrn für soviel Licht, das er bis heute über Euch ausgießen wollte den Pfad Eures Lebens entlang.

Der Glaube als Segen für das Leben und den ärztlichen Beruf

4. Doch Wir schauen Euch in die Augen, geliebteste Ärzte, und Uns scheint, Eure Augen von Zufriedenheit überfließen zu sehen, von Zufriedenheit, die nicht nur mit der Freude dieser Stunde zu erklären ist, sondern die Wir interpretieren möchten als die berechtigte Zufriedenheit eines Menschen, der bei der Rückschau auf sein Leben feststellen darf, dass er dank seines Glaubens immer seine Pflicht getan hat.

5. Oh ja, gesegneter Glaube, der es Euch erlaubt, in diesem Augenblick mit reinen Augen Euch Eurem Vater vorzustellen! Gesegneter Glaube, der Euch als gerechten Lohn jene Ruhe des Gewissens gibt, die auf Erden keinen Preis hat! Gesegneter Glaube, der Euch mit erhobener Stirn zu Euren Kranken führt oder sie in Euren Kliniken und Konsultationsräumen empfängt! Gesegneter Glaube, der es Euch gestattet, Euch ohne Furcht der Gegenwart Gottes zu stellen und an ihn Eure Bitten ohne Scheu und ohne Verstellung zu richten. Einmal eine Pause im Leben zu machen, liegt für viele in Reichweite; dabei spüren, dass sich in der Erinnerung Freuden und Schmerzen häufen, glückliche und traurige Stunden, stille Erinnerungen und angstvolle, ist etwas, was mehr als einem widerfahren kann. Doch es erreichen, dass über allem, so wie die Sonne über ein Wolkenfeld scheint, ein Gefühl süßen Trostes vorherrsche und liebewerten Friedens im Herrn, das ist nur denen vorbehalten, die verstanden, ihren Glauben zu leben und niemals den rechten Weg zu verlassen.

Der Glaube als Ursache des Vertrauens auf die Zukunft

6. Doch man darf nicht verweilen, denn das Leben drängt, und man muss ohne Schwanken vorwärts schreiten. Fünfundzwanzig Jahre auf den Schultern sind gleichsam die Vorbereitung für viele andere, die vor Euch liegen, vielleicht voll von Unbekanntem und von Problemen, nicht nur in rein menschlicher Hinsicht sondern auch in beruflicher Sicht auf Eurem eigenen Gebiet, auf dem die riesigen Fortschritte und Errungenschaften der Wissenschaft und der modernen Technik nicht immer ihr Gegengewicht finden in einer parallelen Entwicklung auf religiösem und sittlichem Gebiet zur augenscheinlichen Gefährdung des lebenswichtigen Gleichgewichts zwischen beiden Gebieten: So etwa wie wenn man in einem eindrucksvollen Palaste wohnte, der - unharmonisch und unproportioniert erweitert - von einem Augenblick zum andern über Euren Köpfen zusammenstürzen könnte.

7. "Nolite timere", geliebteste Söhne, fürchtet Euch nicht, Ihr die Ihr bisher aus dem Glauben zu leben wusstet! Sicher zeigt sich der Horizont beladen mit dunklen Wolken und droht von allen Seiten der Orkan. Es ist wahr, dass der Materialismus und der Egoismus sich überall einschleichen mit solcher Heftigkeit und Bosheit, dass man nicht weiß, wie man sie aufhalten soll. Wer jedoch aus dem Glauben lebt, wer bis jetzt in ihm alle notwendigen Heilmittel zu finden wusste, darf sicher sein, dass er auch in den kommenden Jahren ihm seine Stütze und Stärke, seine Hilfe und Heilung anbietet, vorausgesetzt, dass Ihr jene Gnadenquellen nicht verlasst - Gebet, Sakramente, christlichen Bußgeist -- aus denen er selbst emporwächst und erstarkt. Ärzte aus Barcelona! Hoch hinaus müsst Ihr streben als Ärzte, wenn Ihr dem Weltruf Eurer Stadt entsprechen wollt, jenem Weltruf, den sie auf einigen Sondergebieten, wie der Ophthalmologie, errungen hat. Doch weit mehr erwarten wir von Euch als Christen, wenn Ihr würdige Söhne Eures Volkes, Eurer Provinz, Eures Vaterlandes sein wollt.

Segen

8. Gott segne diese ganz besonders und mit ihnen Euch, Eure anwesenden und abwesenden Familienmitglieder, Eure Kranken und Eure Arbeiten und alles, was Ihr jetzt in Gedanken und im Herzen tragt!

33. An die Teilnehmer des XII. Kongresses der "Lateinischen Gesellschaft für Hals-, Nasen- und Ohrenmedizin"

Ansprache am 28. Juni 1958
(Quelle: Grundfragen der ärztlichen Ethik, Nr. 32; aus dem Französischen von Franz Schmal, Gliederung vom vom St. Lukas-Institut)

Begrüßung

1. Sehr geehrte Herren, Wir freuen Uns, heute die Mitglieder des 12. Kongresses der "Lateinischen Gesellschaft für Hals-, Nasen- und Ohrenmedizin" zu empfangen, die zum ersten Mal seit ihrer Gründung Rom als Tagungsort ihres alle zwei Jahre stattfindenden Kongresses gewählt hat. Wir wissen das Zeugnis Ihrer ehrerbietigen Verbundenheit sehr zu schätzen und sprechen die besten Wünsche für den Erfolg Ihrer Arbeiten aus.

Würdigung des Kongresses und seiner Themen

2. Wir kennen sehr wohl die Bedeutung der "Gesellschaft für Hals-, Nasen- und Ohrenmedizin", welche die tüchtigsten Spezialisten in sich vereinigt, Universitätsprofessoren, Krankenhauschefärzte, berühmte praktische Ärzte aus allen lateinischen Völkern Europas und Amerikas. Bei diesem Zusammentreffen gehen Sie an einen sehr komplexen und noch wenig erforschten Gegenstand heran: "die hormonalen und neuro-vegetativen Störungen in der Hals-, Nasen- und Ohrenmedizin". Obwohl die Ankündigung Ihres Kongresses und die Schriftsachen, die ihn illustrieren, Uns erst in letzter Stunde erreicht haben, konnten Wir es nicht versäumen, ihm das ganze Interesse, das er verdient, entgegenzubringen und Ihnen die Erwägungen, die er in Uns weckt, mitzuteilen.

Die zwei Richtungen der medizinischen Forschung

3. Welches Spezialfach man auch immer betrachten mag, der Fortschritt in der Medizin vollzieht sich nach zwei grundlegenden Richtungen: die erste fördert das analytische Studium der Struktur und Funktion eines Organs oder einer bestimmten Organgruppe; die zweite prüft deren Beziehungen zu allen andern, um ihre eigene physiologische Aufgabe genau zu umreißen, die entfernten Ursachen ihrer Störungen und ihren Einfluss auf den übrigen Organismus festzustellen.

4. Diese beiden Blickrichtungen, die sich der medizinischen Forschung im allgemeinen gebieterisch aufdrängen, interessieren besonders die Spezialisten. Sie bedingen in der Tat den wirklichen Fortschritt jedes ihrer Zweige, die das Feld der modernen Medizin unter sich geteilt haben, um den Interessen des einzelnen und der Wissenschaft besser dienen zu können. Und wenn es sich um eine Wissenschaft wie die Hals-, Nasen- und Ohrenmedizin handelt, die sich mit hoch differenzierten Strukturen und bestimmten Organen der für das psycho-physische Gleichgewicht des einzelnen wesentlichen höheren Sinne beschäftigt, dann ist es eine unbedingte Notwendigkeit, die beiden grundlegenden Blickrichtungen der Forschung nicht im geringsten voneinander zu trennen. Wer immer sich für die Hals-,Nasen- und Ohrenmedizin interessiert, stellt sehr schnell fest, dass der unablässige Wille zur Zusammenarbeit mit den anderen Disziplinen und das Studium der wechselseitigen Beziehungen zwischen den Organen die wesentlichen Faktoren waren und bleiben, die ihren Fortschritt bestimmen. Die Schwierigkeiten einer solchen Arbeit sind ohne Mühe zu entdecken. Denn wenn das Studium der getrennten Organe einen für die Analyse sehr begabten Verstand erfordert, so verlangt das Studium ihrer gegenseitigen Beziehungen eine Fülle sehr verschiedener ärztlicher Kenntnisse und eine mit den Hauptproblemen der Medizin wohlvertraute Intelligenz.

Die Bedeutung des endokrinen und neuro-vegetativen Systems für die Hals-, Nasen- und Ohrenmedizin

5. Das Programm Ihres Kongresses, das den "hormonalen und neuro-vegetativen Störungen in der Hals-, Nasen- und Ohrenmedizin" gewidmet ist, berührt tatsächlich zahlreiche Fragen der speziellen Pathologie und bemüht sich, sie mit ihren Grundursachen, das heißt mit den Störungen des endokrinen und neuro-vegetativen Systems in Zusammenhang zu bringen und so die Bemerkungen, die Wir soeben gemacht haben, zu illustrieren.

6. Zum ersten Mal wird dieser Gegenstand auf eine synthetische Weise angegangen. Übrigens selbst für jeden getrennt betrachteten Sektor der Hals-, Nasen- und Ohrenmedizin gibt es keine Arbeiten, die speziell den Störungen gewidmet sind, die im endokrinen und neuro-vegetativen System ihren Ursprung haben. Wenn Ihr gegenwärtiger Kongress sich bemüht. diese Lücke zu schließen, stößt er zunächst auf die Schwierigkeit, ähnliche und mitunter sich teilweise überschneidende Gegenstände voneinander exakt abzugrenzen.

7. Die Grenze, die das endokrine vom neuro-vegetativen System trennt, ist an und für sich unsicher, weil es hier keine klar gezogene Grenze gibt und jedes dieser bei den Systeme bei allen Lebensprozessen eine grundlegende Rolle spielt, das erste durch die Hormone, die durch die Blutbahn alle Organe und Gewebe erreichen, das zweite durch seine im ganzen Organismus vorhandenen Verzweigungen. Deshalb ist es schwierig, die Fälle, in denen sie für die beobachteten Symptome erstverantwortlich sind, von jenen zu unterscheiden, in denen sie zwar in der vordersten Linie bleiben, aber nicht die Hauptursache der in Frage stehenden Unordnung sind.

8. Um die Bedeutung der Hals-, Nasen- und Ohrenpathologie stärker zu unterstreichen, lohnt es sich, rasch einige ihrer Aspekte am Auge vorüberziehen zu lassen, die hormonale oder neuro-vegetative Störungen zur Ursache haben.

9. Zahlreich sind die Ohrenbeschwerden, das heißt die Beschwerden des Hörapparats im eigentlichen Sinn und des Ohrvorhofs, die aus primären Veränderungen des neuro-vegetativen und hormonalen Systems hervorgehen. In bestimmten Fällen erleidet die Hörfunktion eine spürbare Minderung, die sogar bis zur völligen Taubheit gehen kann, während sich mitunter Störungen wie die Akuphäne (Ohrenklingeln) zeigen, die das psychische Gleichgewicht des Patienten tiefgreifend zu stören und ihn sogar zu Verzweiflungstaten hinzureißen vermögen.

10. Man kann wohl im allgemeinen sagen, dass die hormonal oder neuro-vegetativ bedingten Gehörstörungen, ohne weniger bekannt zu sein, bei der heutigen Hals-, Nasen- und Ohrenmedizin weniger Interesse wecken als die Erkrankungen des Vorhofs, eines Gleichgewichtsorgans. Diese treten in der Tat so dramatisch auf, dass sie sich sofort der Aufmerksamkeit aufzwingen, selbst wenn die Schädigungen der Hörfunktion nicht fehlen.

11. Das ist der Fall bei den Meniéreschen Syndromen, von denen nicht wenige eine hormonale oder neuro-vegetative Ursache haben. Dieselben Faktoren kommen auch in Frage bei den ähnlichen allergischen und vaskulären Syndromen, die schon länger bekannt, aber in der klinischen Praxis noch schwer deutbar sind.

12. Dem Spezialarzt drängt sich die Pflicht auf, das Feld der Kenntnisse, die auf diesem Gebiet erworben wurden, auszudehnen und die technischen Methoden, die dem Patienten zu helfen vermögen, zu vervollkommnen. Doch müssen diese Bemühungen begleitet sein von menschlichem Mitgefühl und tiefer Liebe, die ihm helfen, die Angst des Kranken zu erraten, an seinem Leiden teilzunehmen und es zu mildern. Neben den äußersten Fällen, deren schwerste einerseits die unvorhergesehene Taubheit, andererseits die empfindlichen Übel eines andauernden Schwindelzustandes sind, wie viele andere, Gott sei Dank, weniger aufregende, aber von ernsten sozialen Unannehmlichkeiten begleitete Fälle gibt es doch, die als Endergebnis funktionelle Störungen und die partielle Invalidität haben.

13. Heute verfügt der Arzt über wirksamere Mittel als früher. In bestimmten bisher noch "verzweifelten" Fällen kann er mit Erfolg eingreifen. Wenn die medizinischen Bemühungen nicht zum erwarteten Ergebnis führen, kommen die moderne Chirurgie und die physikalische Therapie zu Hilfe und erlauben - wenn sie auch kein Anrecht auf die "restitutio in integrum" verleihen - immerhin, die Grundübel zu mildern oder zu vertreiben. Es ist deshalb umso wichtiger, in jedem Fall die Krankheitsursache exakt festzustellen, um das reiche therapeutische Arsenal, das die Wissenschaft Ihnen heute zur Verfügung stellt, mit gutem Erfolg anzuwenden.

14. In den übrigen Sektoren der Hals-, Nasen- und Ohrenmedizin können die klinischen Erscheinungen nicht so besorgniserregend sein wie jene, von denen Wir soeben bezüglich des Gehörs gesprochen haben. Doch auch sie enthüllen schwere funktionelle und kinaesthische Störungen. Bei den Nasenhöhlen zum Beispiel stellen sich die funktionellen und neuro-vegetativen Störungen unter verschiedenen Formen vor. Sie erstrecken sich von der vasomotorischen Rhinitis zu den sphonopalatinen Syndromen, von den endokrin und neuro-vegetativ bedingten reflexen Algien und Cephalo-Algien zur Epistaxis und zu den atrophischen Rhinitiden. Dieses Gebiet ist, wie Sie wissen, sehr ausgedehnt und wird sich mit dem Fortschritt der Wissenschaft immer weiter ausdehnen. Die Nasenhöhle erfüllt in Wirklichkeit noch viel höhere Funktionen als nur die, dem Körper Luft zuzuführen. Soweit sie Atemwerkzeug ist, betätigt sie sich vielmehr wie ein Sphincter, ein Regulator des Luftstroms je nach den Erfordernissen jedes individuellen Organismus. Man kann die Nasenhöhle auch als Vorzimmer des Geruchsinns betrachten, dessen Bedeutung für den Menschen nicht geringer ist als für die Tiere. Die Empfindlichkeit des Trigeminus und des Riechnervs bildet eine Quelle von Wahrnehmungen, die für das Zusammenleben nicht nebensächlich sind. Der Geruchsinn zählt wegen seiner engen Verbindung mit dem Geschmacksinn zu den Hauptbestandteilen der vegetativen Selbstregulierung und bestimmt in gewissen Weise die Ausnützung der Nahrung. Diese Funktionen sind also nicht sekundär und rechtfertigen das Interesse, das sich den Krankheiten dieses Sektors zuwendet.

15. Ahnliche Betrachtungen stellen sich ein bezüglich der endokrinen und neuro-vegetativen Störungen des Schlundes. Im letzten Stadium der hypertrophen oder atrophischen Pharyngitis sind einige von ihnen ziemlich schwere Krankheiten. Dasselbe gilt bezÜglich der Nasenhöhlen von bestimmten atrophischen Störungen, die zum Ausschluss aus dem sozialen Leben führen können und dadurch das psycho-physische Gleichgewicht des Menschen schwer in Mitleidenschaft ziehen.

16.' Der Hals in seiner Doppelrolle als Atmungs- und Stimmorgan kann auch ziemlich oft getroffen werden. Im allgemeinen handelt es sich um heilbare Störungen, die jedoch wie zum Beispiel bestimmte akute Ödeme neuro-vegetativer und hormonaler Art dramatische Atmungssituationen hervorrufen können.

17. Die Beziehungen zwischen den endokrinen Drüsen, dem neuro-vegetativen System und dem Bronchialapparat sind sehr eng. Gewöhnlich zeigen sie sich bei einem Bronchialasthma, das sehr häufig auf hormonale Unausgeglichenheiten und Störungen des neuro-vegetativen Apparates zurückgellt. Dieselben Ursachen finden sich wieder in der Pathogenese der allergisch genannten Erscheinungen, deren Name allein Uns davon dispensiert, genauere Definitionen zu geben. Indessen wollen Wir noch bemerken, dass diese Erscheinungen und Störungen die Eigenart besitzen, dass sie wegen ihrer häufigen Wiederkehr eine Invaliditätsursache bilden und beim Patienten einen Minderwertigkeitskomplex hervorrufen, der ihn oft dazu treibt, sich aus der Gesellschaft zurückzuziehen.

18. Diese kurzen Angaben genügen, um die nicht nur theoretische, sondern auch praktische Bedeutung des Gegenstandes Ihrer Diskussionen zu unterstreichen. Sie rücken die Tatsache ins Licht, dass auf dem hals-, nasen- und ohrenmedizinischen Gebiet an und für sich minimale Veränderungen in diesen feinen Organen Wirkungen hervorrufen können, die mit der Funktion selbst zugleich das psycho-physische Gleichgewicht des Kranken zu stören vermögen.

Die Bedeutung des Berufsideals für die Forschung und Praxis

19. Zu Beginn dieser Ansprache haben Wir die Notwendigkeit betont, die wissenschaftliche medizinische Forschung auf zwei verschiedenen, aber sich ergänzenden Ebenen voranzutreiben, auf der Ebene der Analyse und der wechselseitigen Beziehungen zwischen den Organen. Doch diese Forschung selbst erfordert ein Berufsideal, eine Auffassung des Menschen und der Welt, die diese so schwierigen Bemühungen krönt und ihnen einen bleibenden Wert verleiht. Ihre in sich schon so segensreiche Tätigkeit erhält dann einen neuen Sinn: sie spiegelt nicht nur die durch zähe Arbeit geduldig erworbene hohe Kompetenz wieder, sondern auch den ehrlichen Willen, noch unvergleichlich edleren geistigen ZieIen zu dienen. Sie erinnern sich an die Antwort, die der göttliche Meister den Jüngern Johannes des Täufers gab, die Ihn in dessen Auftrag fragten: "Bist Du es, der da kommen soll oder sollen wir auf einen andern warten ?" - "Gehet hin und meldet Johannes", erwiderte Jesus, "was ihr gesehen und gehört habt: Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige werden rein, Taube hören, Tote stehen auf und den Armen wird die Frohbotschaft verkündet" (Lk. 7,20-22)!

20. Die Wunder des Herrn waren also Zeichen Seines göttlichen Ursprungs und Seiner Sendung. Sie waren deshalb für die Kranken, denen daraus Segen floss, nicht weniger auch unermessliche Gunsterweise. Wir wagen zu glauben, dass Sie in diesen auserlesenen Stunden, in denen Sie über das Endziel, das Ihren Bemühungen Richtung gibt, nachsinnen, mitunter den Gang Christi mitten durch die menschlichen Leiden ins Gedächtnis zurückrufen. Wieviele Angstschreie, wieviele dringende Hilferufe stiegen zu Ihm auf und flehten Ihn an, die Gesundheit zu gewähren, den Gebrauch eines gelähmten Gliedes, eines kranken Organs wiederzugeben! Wie die Gesten Christi diese Bedrängten befreiten, so mögen auch Ihre Bemühungen die Qual der Menschen lindern und vor allem den Willen des göttlichen Erlösers fortleben lassen, dadurch die Herzen auf das Kommen des Gottesreiches vorzubereiten, und sie demütig und dankbar machen. Könnten Sie doch, während Sie die Krankheiten des Leibes beseitigen, genau so die Krankheiten der Seele heilen und die Freude eines Lebens kosten, das erfüllt ist mit Gütern, die nicht vergehen werden!

Abschluss und Segen

21. Nochmals, sehr geehrte Herren, geben Wir Ihnen die Versicherung unserer Hochachtung für den Beitrag, den Sie zum Fortschritt der Hals-, Nasen- und Ohrenmedizin leisten, und für den hingebenden Eifer, den Sie bei Ihren Kranken entfalten. Möge der Herr Sie dafür belohnen und mit Seinen Wohltaten überschütten! Wir bitten Ihn inständig darum, während Wir zu gleicher Zeit als deren Unterpfand für Sie, für Ihre Familien und für alle, denen Ihre Sorge gilt, Unseren Apostolischen Segen erteilen.

34. Über genetische Probleme in der Hämatologie

Ansprache Papst Pius XII. am 5. September 1958 an den Internationalen Kongress für Blutübertragung

35. Über die Psychopharmakologie und ihre sittlichen Normen

Ansprache Papst Pius XII. am 9. September 1958 an den Kongress des "Collegium Internationale Neuro-Psycho-Pharmacologicum" in Rom

36. Die Vererbung krankhafter Anlagen und Möglichkeifen ihrer Vermeidung

Ansprache Papst Pius XII. am 12. September 1958 an den 7. Internationalen Kongress für Hämatologie

37. Die Bedeutung der Plastischen Chirurgie

Ansprache am 4. Oktober 1958

an die Teilnehmer des 10. Kongresses für Plastische Chirurgie
(Offizieller italienischer Text: AAS 46 [1958] 952-955)

(Quelle: Grundfragen der ärztlichen Ethik, Nr. 37, übersetzt von Herrn Kaplan Hermannn Thol, Gliederung vom Lukas-Institut)

Begrüßung

1. Zur lebhaften Genugtuung gereicht uns, Ihr Herren, Ihr Besuch, die Sie am X. Kongress der Plastischen Chirurgie teilnehmen. Sie sind in der Ewigen Stadt mit der doppelten Absicht zusammengekommen, mit dem Studium die vielfachen Aspekte dieses neuen Zweiges der medizinischen Wissenschaft zu ergründen und durch Ihre Gegenwart die feierliche Eröffnung der für die spezielle Chirurgie bestimmten und in der St.-Eugen-Klinik durch die Initiative der Römischen Krankenhaus-Vereinigung errichteten Abteilung hervorzuheben.

Die Bedeutung der Plastischen Chirurgie

2. Die Tatsache, dass eine öffentliche Krankenhausverwaltung, wie es die berühmte und wohlverdiente römische Anstalt ist, die Einrichtung einer Abteilung der Plastischen Chirurgie, die bis jetzt in dieser oder jener Klinik geübt wurde, gefördert hat, ist ein sprechender Beweis für die ernste und bedeutungsvolle Entwicklung, die von diesem Zweig der Chirurgie erreicht worden ist. In der Tat hat die Plastische Chirurgie, oder wie sie auch unter Berücksichtigung der leichten Verschiedenheiten dessen, was gemeint ist, genannt wird, Ästhetische oder Wiederherstellende Chirurgie, -- schon seit den ältesten Zeiten verhältnisweise und mit rudimentären Mitteln geübt - im gegenwärtigen Jahrhundert Riesenfortschritte gemacht, sich aber erst in den letzten 30 Jahren von der allgemeinen Chirurgie abgehoben. Zu einer solchen selbständigen Stellung hat zu einem Teile der allgemeine Fortschritt der medizinischen Wissenschaften mitgewirkt; zum anderen die Zunahme der Fälle, die ein Eingreifen des wiederherstellenden Chirurgen erfordern, Fälle, die sich ergeben aus der Vervielfachung von entstellenden Verwundungen, sei es als Auswirkung der beiden Weltkriege, sei es durch Unfälle bei der Bedienung von Arbeitsmaschinen oder Verkehrsmitteln. Aber als Hauptursache der Entwicklung dieser speziellen Chirurgie muss eine äußerst lebhafte Sorge des modernen Menschen für den ästhetischen Blickwinkel des eigenen Körpers, besonders des Gesichtes, genannt werden, wo entstellende Leiden, oft aus gerechten Gründen, schlecht hingenommen werden. Auf wissenschaftlichem Boden fundiert, Vorteile aus den Errungenschaften der modernen Chirurgie ziehend, ihre eigenen Methoden vervollkommnend, ist die Plastische Chirurgie als Zweig der allgemeinen nicht nur dazu gelangt, ein Teilgebiet des Universitätsunterrichtes zu bilden, wobei sie zu einer reichhaltigen Literatur Anstoß gegeben hat, sondern sie hat sich auch großes Vertrauen in der öffentlichen Meinung erworben, vor allem durch ihre fast immer zufrieden stellenden und manchmal ausgezeichneten und fast wunderbaren Resultate, wie z. B., um etwas davon zu erwähnen, in der Nasen- und Lippenplastik. Trotz des erwähnten Zutrauens bleiben immer noch Vorurteile zu überwinden, einige, die begründet sind in der Unwissenheit derer, die ihre wahren Fortschritte nicht kennen und ihr darum jede Fähigkeit zur Wiederherstellung abstreiten. Andere wurzeln in dem maßlosen Anspruch, dass von ihr jedes Organ oder jede verletzte bzw. zerstörte Haut wiederhergestellt werden müsse, ohne dass auch nur eine Spur des chirurgischen Eingriffes zurückbleibt. Solche Vorurteile sind aber kein Hindernis, die Plastische Chirurgie als eine Wissenschaft und eine Kunst zu bezeichnen, die zum Besten der Menschheit bestimmt ist, und außerdem, soweit sie die Person des Chirurgen betrifft, als einen Beruf, in dem sich auch wichtige ethische und psychologische Werte verkörpert finden.

Methoden und Grundlagen der Plastischen Chirurgie

3. Die Plastische Chirurgie, deren Zweck zuweilen die funktionelle, zuweilen auch lediglich die ästhetische Wiederherstellung der äußeren Gestalt der menschlichen Glieder ist, sofern sie in folge angeborener oder erworbener Leiden schadhaft sind, leitet ihre Kenntnisse von der medizinischen Wissenschaft ab und leistet auch Mitarbeit in ihr. Da eine Empirik kaum vorhanden ist, erheischt sie die Kenntnis der allgemeinen Grundregeln der Medizin, besonders der Chirurgie und ihrer Technik. Teilgebiet der wiederherstellenden Chirurgie bildet die Anatomie der äußeren Organe, die Struktur der Gewebe, der Blutkreislauf, die Anästhesie und die Asepsis. Die hauptsächliche Technik der Plastischen Chirurgie betrifft jedoch das Pfropfen oder Verpflanzen: Diese - die Verpflanzungen - werden aus gesunden Stellen des gleichen Patienten herausgenommen und in die zu korrigierenden Stellen eingepasst; jene - die Pfropfungen - werden anderen Organismen, auch nicht-menschlichen, entnommen und deswegen Homo- oder Hetero-Pfropfungen genannt. Je nachdem verschiedenen Fällen wird der Chirurg zur freien Verpflanzung, d. h. zu Hautstücken, die von möglichst nahe dabeiliegenden und strukturmäßig den fehlerhaften analogen Stellen ganz abgehoben sind, seine Zuflucht nehmen; oder zur "gestielten" Verpflanzung, d. h. zu Hautstücken, die nicht sofort und nicht ganz von der hergebenden Stelle abgehoben werden, sondern überführt werden. Das geschieht u. U. in aufeinanderfolgenden Phasen, z. B. vom Unterleib zum Handgelenk und von diesem auf die zu reparierende Wange. Bei der Überführung der Hautstücke wird man das jeweils Günstige auswählen und der Methode von Celso für glatte Flächen oder der amerikanischen Methode für gewölbte Stellen folgen können; oder auch der italienischen Methode, die schon im 15. Jahrhundert in Mittelitalien und auf Sizilien geübt wurde, und die kürzlich mittels der Umbildung des flächenförmig herausgenommenen Hautstückes in ein röhrenförmiges Hautstück, das man durch Vernähen der beiden Längsränder erhält, vervollkommnet wurde. Diese Methode sichert, neben den anderen Vorteilen, die größte Lebensfähigkeit des Hautstückes und die geringste Gefahr der Infektion oder der Nekrosen in den Phasen der Verpflanzung und der Verpfropfung. Komplizierter und heikler ist der Eingriff, wo es sich darum handelt, dem Hautstück ein "Futter" zu verschaffen, d. h. es mit einer Knochen- oder Knorpelunterlage zu versehen, wie es die Wiederherstellung des Nasenbeines oder der Schädelbasis öfters erfordert. Besondere Aufmerksamkeit und genaue Kenntnis der möglichen Reaktionen sind erforderlich beim Vorbereiten der Stelle, die für die Verpflanzung infrage kommt, um eine vollkommene Blutstillung beim Vornehmen der Einschnitte und der Nähte sicherzustellen; beim Überwachen des Heilungsverlaufes der Wunde, bis das übertragene Hautstück in dem neuen Sitz Wurzel fasst, als sei es dort ursprünglich hervorgegangen, oder, wenn es sich um Homo- und Hetero-Verpfropfung handelt, dass es dort am Leben und gesund bleibt, bis der Absorptionsprozess von Seiten der Nachbargewebe, die von dem Hautstück selbst gelenkt und es zu ersetzen angereizt werden, abgeschlossen ist.

Die Grundregeln und die Normen der mehr zu diesem Spezialfach gehörenden medizinischen Wissenschaft müssen also dem Chirurgen helfen, wenn er zum ersten Male den Patienten untersucht, ob und in welchem Maße dieser die physischen und psychischen (Anstrengungen) Beanspruchungen des Eingriffes aushalten kann, ob die Gefahr schwerer Komplikationen für den gesamten Organismus oder für andere Glieder besteht, und welches Resultat man dabei voraussehen und erhoffen kann. Die gleichen Grundregeln leiten ihn beim Schneiden, bei der biologischen Wertbemessung der Hautstücke, bei der Anwendung der Anästhesierungsmittel, bei der Wahl des günstigsten Zeitpunktes, um die verschiedenen Phasen der Verpfropfung auszuführen. Bei der eigenen und bei anderen Wissenschaften holt sich der Chirurg Rat bei Komplikationen, die manchmal nicht ausbleiben, auch nachdem er alle guten Regeln beobachtet hat. Nach diesen kurzen Andeutungen ist leicht zu folgern, wie weit sich die heutige Plastische Chirurgie von der Behandlung und Instandsetzung entfernt hat, wie sie eine Zeitlang vorher von der allgemeinen Chirurgie gepflegt worden war, und noch mehr von der unüberlegten Meinung derer, die immer noch dafürhalten, ihr Werk bestehe, wie die Unwissenheit sich ausdrückt, in einer beliebigen Ersetzung der Haut und im Glätten der Runzeln, wobei sie Solcherweise sie mit der kosmetischen Pflege der Oberhaut durcheinanderbringen.

Die ästhetische und künstlerische Bedeutung der Plastischen Chirurgie

4. Aber die Plastische Chirurgie hat doch, wenn sie auch nur ein begrenztes Gebiet des großen und wunderbaren Gebietes der allgemeinen Chirurgie bearbeitet, die Besonderheit, um es so auszudrücken, einer Kunst, nicht nur im allgemeinen Sinn eines Werkes, das nach bestimmten Regeln ausgeführt wird, sondern infolge jenes "künstlerischen Sinnes", der erforderlich ist, und der in dem offenbar wird, der sich darauf legt, dauernd verschiedene Probleme geistreich zu lösen, wobei er darauf sieht, auch eine ästhetische Lösung zu geben. Bei der fast unbegrenzten Vielgestaltigkeit der Leiden ergeben sich kaum je zwei vollständig gleiche Fälle, sondern jeder erfordert eine angepasste, immer heikle und geduldige, manchmal geniale Behandlung. Um ein konkretes Beispiel zu erwähnen: Unter den vielen Fällen, die in den Uns liebenswürdigerweise übersandten Abhandlungen beschrieben sind, befindet sich der bekannte Fall eines Kindes, das durch eine vernarbte Missbildung im Gesicht grässlich entstellt ist. Sie erstreckt sich auf die Lippen und Wangen und hindert die freie Bewegung der unteren Kinnlade. Der Plastik-Chirurg sieht sich dem schwierigen Problem gegenüber, eine behutsame Operation der Fortnahme und der Rekonstruktion vorzunehmen. Seine geschickten Finger bewerkstelligen unter Zuhilfenahme des Instrumentariums die Selbstpfropfung in der Weise, dass die wiederhergestellte KörpersteIle, soweit das möglich ist, die normale Gestalt annimmt, während die Nähte in der Form angelegt werden, dass die Narben keine Unebenheiten erleiden, sondern im Rahmen des Möglichen einen ästhetischen Anblick bieten. Ein gutes Resultat, das einem jugendlichen Gesicht das Aussehen wiedergibt, genügt in sich, den Chirurgen für seine Mühen und den Patienten für seine eigenen Leiden zu entlohnen; aber es ist auch geeignet, Bewunderung für die Kunst zu erregen, die solches zu erreichen gewusst hat. Ehemals bot sich dem nachdenklichen Blick des Chirurgen das düstere Schauspiel eines kleinen Körpers mit Verbrennungen 3. Grades, die 35 % der Körperoberfläche einnahmen. Alles ist wieder auszubessern, denkt er bei sich. Er hat schon seinen Behandlungsplan ausgedacht, der darin besteht, die Auto- und Homo-Pfropfen in Streifen abwechselnd zu verpflanzen, die er durch geschickte Hautschnitte von gesunden Stellen des Betreffenden selbst oder von anderen erhalten hat. Das Werk ist damit kaum angefangen; geduldige und genaue Behandlung muss eine geraume Zeitlang folgen, bevor ein zufriedenstelIendes Resultat erreicht werden kann. Wenn bei anderen Unglücklichen der Lupus 1/3 der Nase zerstört hat, ergibt sich die Notwendigkeit, ein Stück Stirnbein hierher zu verpflanzen; wenn die Augenhöhle ungeeignet ist, eine Prothese aufzunehmen, ergibt sich als beste Methode, sie mit benachbarten Knochenstücken wiederherzustellen. Die Kunst und der Einfallsreichtum des Plastischen Chirurgen offenbart sich auf 1000-fache Art, ob es sich darum handelt, eine ganze Ohrmuschel herzustellen und diese einem Patienten zu verschaffen, dem sie aufgrund eines Geburtfehlers oder infolge einer Verwundung fehlt: oder das Greifvermögen der Hand wiederherzustellen, bei dem, der es durch Verstümmelung des Daumens verloren hat; oder den Kehlkopf-Luftröhren-Kanul wieder herzustellen; oder wundbedingter Loslösung der behaarten Haut abzuhelfen; oder einfach aus gerechten Gründen die äußere Linie der Nase und anderer Glieder zu korrigieren. In diesen letzten Fällen wird der Chirurg außer den Hilfsquellen der Wissenschaft auch jene mehr künstlerischen einsetzen und sich den ästhetischen Gesetzen des menschlichen Körpers anpassen.

Der Grund für das Interesse an der Plastischen Chirurgie

6. Wenn man angesichts der Fülle der schon erreichten glänzenden Resultate überlegt, dass die Plastische Chirurgie ihren wissenschaftlichen Anlauf erst in den letzten Jahrzehnten genommen hat, ist es erlaubt, einen noch wunderbareren Fortschritt in der Zukunft zu erwarten, dank der ständigen Forschung und der vollkommeneren technischen Methoden ihrer hervorragenden Jünger, deren Interesse von einem hohen humanitären und oft religiösen Sinn gelenkt wird. Auf der einen Seite die Analogie - sei sie auch sehr blaß und fernliegend - zwischen dem Schaffen der Plastischen Chirurgie und dem göttlichen Werk des Schöpfers, der den ersten menschlichen Leib aus dem Erdenstaub bildete und ihm das Leben einhauchte; auf der anderen Seite der Trost, der einer so großen Zahl von Leidenden daraus zuströmt; schließlich die unbegrenzte Verschiedenheit der einzelnen Behandlungen: Das alles wirkt zusammen zur Steigerung des großen Interesses an diesem Zweige der Chirurgie.

Die Verantwortlich keit des Chirurgen

6. Aber der Plastische Chirurg ist, wie jeder Arzt, nicht nur ein Wissenschaftler und Techniker, ein Gefangener seines Berufes in der Weise, dass seine Rechtschaffenheit einzig und allein nach seiner Treue zu den Vorschriften seiner Wissenschaften und Kunst bemessen würde. Kein Gut und kein Wert des Menschen und in der Welt ist so in sich selbst eingeschlossen, dass er nicht irgendwelche Beziehungen mit allen anderen hätte. Reale Beziehungen und Verantwortlichkeiten binden den Chirurgen: Als Mensch an Gott und seine Gebote, als Berufsangehöriger an die Gesellschaft, deren Gliedern seine Arbeit gewidmet ist. Das menschliche und berufliche Gewissen muss ihm infolgedessen bei seinen Entscheidungen und Handlungen Wegweiser sein, noch bevor seine segenspendende Hand sich auf den Körper legt, um die von der Wissenschaft und Technik diktierten Änderungen vorzunehmen. Die vielfachen Überlegungen, die sich bei einem chirurgischen Eingriff ergeben, müssen deswegen im Lichte des christlichen und beruflichen Gewissens betrachtet werden, damit das Werk des Plastischen Chirurgen unter jedem Gesichtspunkt vollkommen sei. Darunter sind einige sehr eng mit seinem Beruf verbundene wichtige Überlegungen moralischer und psychologischer Natur, betreffs welcher wir einen kurzen Fingerzeig geben wollen.

Die Frage der Erlaubtheit von "Verschönerungsoperationen"'

7. Die Entwicklung all des Neuen in der Plastischen Chirurgie und insbesondere der Ästhetischen Chirurgie hat im christlichen Gewissen lange Zeit das Interesse und die Frage bezüglich der Erlaubtheit der von ihr vorgenommenen Eingriffe lebendig gehalten, besonders bezüglich jener, die nicht so sehr auf die funktionelle Wiederherstellung als vielmehr auf eine positive Schönermachung der Person gerichtet sind, z. B. durch eine Modifizierung der Gesichtszüge, oder einfach durch eine Beseitigung der Runzeln, die sich im Laufe der Zeit natürlicherweise eingestellt haben.

Das Wesen der Schönheit des Menschen

8. Die physische Schönheit des Menschen, die sich hauptsächlich im Gesicht offenbart, ist in sich selbst ein Gut, wenn sie auch anderen höheren Werten untergeordnet ist, und sie ist deswegen kostbar und wünschenswert. Sie ist in der Tat ein Abbild der Vervollkommnung des menschlichen Gesamtbildes, normales Zeichen der körperlichen Gesundheit. Wie eine stumme Sprache der Seele, allen verständlich, ist die Schönheit dazu angetan, die inneren Vorzüge der Seele nach außen hin auszudrücken, da, wie der Englische Lehrer es ausdrückt, der finis proximus (das nächste Ziel) des Leibes die vernunftbegabte Seele ist; deswegen kann er sich in-soweit vollkommen nennen, als er alles besitzt, was erforderlich ist, um ihn zu einem geeigneten Instrument der Seele und ihrer Handlungen zu machen (Vgl. S. Thomas I p. q. 91, a. 3). Abgesehen nun von Untersuchungen über den psychologischen Ablauf in der Person, dass das Schöne sich nach außen hin enthüllt, wie es das Gefallen des Auges bezeugt, entsprechend der bekannten Bestimmung: "Schön ist das, was beim Sehen gefällt" (S. Thom. 1. p. q. 5 a. 4 ad 1), besteht kein Zweifel darüber, dass in der äußeren Wirklichkeit des Körpers Elemente vorhanden sind, die beim Anblick Empfindungen des Wohlgefallens bereiten, und die weit davon entfernt sind, sich alle und für immer, wie es eine besondere psychoanalytische Schule behauptet, auf eine Sphäre des Naturtriebes zurückführen zu lassen, der bei der Erhaltung des Einzelwesens die Führung inne habe. Wenn wir nun auf unseren Gegenstand die klassische Analyse der drei Wesensbestandteile des Schönen anwenden (Vergl. S. Th. 1 p. q. 39, a. 8 in c.), dann erfordert die physische Schönheit des Körpers und des menschlichen Antlitzes die Vollkommenheit der einzelnen Glieder oder Teile, ihre Harmonie unter sich, und vor allem den redlichen Ausdruck der inneren Seelenwerte; das letztere ist doch die vornehmste Aufgabe des Antlitzes. Betreffs der ersten beiden Elemente bestehen schon seit den ältesten Zeiten Maßstäbe, die den Künstlern und Euch, die lhr die Plastische Chirurgie fördert und ausübt, wohlbekannt sind, wie z. B. jener, dass sich das Gesichtsprofil vom Augenbrauenbogen bis zum Kinn in 6 gleiche Maßteile aufteilt; oder der andere, der die Vollkommenheit der Nasenlinie in ihrer Geradheit bestimmt. Dennoch wollen diese und ähnliche Vorschriften nicht einen einzigen Schönheitstyp aufstellen, erst recht nicht für alle menschlichen Rassen, aber die Grenzen, jenseits derer Unvollkommenheit und Entstellung ihren Platz finden. Während jedoch die Vollkommenheit und Harmonie der Teile leicht erkennbar ist und dies gewissermaßen Maßstäbe sind, wird die Wahrhaftigkeit des Ausdruckes nur durch die Intuition des Beobachters erfasst. Und doch ist sie das am meisten bestimmende Element beim Einprägen des Schönheitswertes in ein Gesicht, wobei sie einer fast unbegrenzten Verschiedenheit für die Typen Raum läßt.

Die Stellung der körperlichen Schönheit in der Skala der Werte

9. Nun besteht kein Zweifel darüber, das das Christentum und seine Moral die Wertschätzung und geordnete Pflege der körperlichen Schönheit niemals als in sich unerlaubt verurteilt hat. Im Gegenteil, die die Selbstverstümmelung verbieten, die nur Gott die volle Herrschaft über den Leib zuerkennen, die die geordnete Pflege der leiblichen Gesundheit fordern, schließen selbstverständlich auch die Beachtung all dessen mit ein, was eine Vervollkommnung des Leibes bedeutet. Ist es notwendig, daran zu erinnern, wie sehr ästhetisches Verständnis und Bemühen eine Besonderheit der nach außen in Erscheinung tretenden Tätigkeit der Kirche und ihrer Kunst ist! So kann die christliche Moral, die auf das letzte Ziel hinblickt, und die Fülle der menschlichen Werte liebevoll bejaht und ordnet, nicht umhin, physischer Schönheit den Platz einzuräumen, der ihr zukommt, der freilich nicht an der Spitze der Wertskala steht, da sie weder ein geistiger noch wesensnotwendiger Wert ist. Die Rücksichtnahme auf diese Einstufung erklärt dieses oder jenes Misstrauen oder auch die Geringschätzung der körperlichen Schönheit, der man bisweilen in der moralischen und aszetischen Literatur und, in Heiligen-Biographien begegnen kann. Und da nun der Aufschwung der Ästhetischen Chirurgie in der letzten Zeit die Stellungnahme der christlichen Moral herausfordert, braucht man nur zu fragen, auf welche Stufe der Wertskala die körperliche Schönheit hingestellt werden muss. Die christliche Moral antwortet, dass diese ein Gut ist, aber ein körperliches, auf den ganzen Menschen ausgerichtetes Gut, und wie die anderen Güter der gleichen Art des Missbrauches fähig. Als Gut und Gabe Gottes wird sie geachtet und gepflegt, ohne darüber hinaus aber die pflichtmäßige Zuhilfenahme außerordentlicher Mittel zu verlangen.

Bedingungen für die Bewertung der moralischen Qualität plastischer Operationen

10. Man setze den Fall, dass ein Mensch von der Ästhetischen Chirurgie die Vervollkommnung seiner Gesichtszüge fordert, die schon mit den Richtlinien der normalen Ästhetik übereinstimmen. Jede unrechte Absicht sei dabei ausgeschlossen. Ferner jedes gesundheitliche Risiko und jede andere Überlegung, die der Tugend entgegensteht; er will es nur - weil ein Grund notwendigerweise vorliegen muss - wegen der Wertschätzung der ästhetischen Vervollkommnung und wegen der Freude, sie zu besitzen. Welches wird das Urteil der christlichen Moral sein ? Ein solcher Wunsch oder eine solche Handlung, wie sie in der Hypothese zum Ausdruck kommt, ist in sich weder moralisch gut noch böse, sondern lediglich die Umstände, denen sich im konkreten Falle keine Handlung entziehen kann, werden diesem Wunsch oder dieser Handlung den moralischen Wert des Guten oder den Unwert des Bösen, des Erlaubten oder Unerlaubten geben. Daraus ergibt sich, dass die moralische Qualität der Handlungen, die die Ästhetische Chirurgie betreffen, von den konkreten Umständen der einzelnen Fälle abhängt. Bei dieser Bewertung sind die hauptsächlichsten Bedingungen, die sehr eng zur Materie gehören und in der überaus großen Zahl der von der Ästhetischen Chirurgie herangezogenen Fälle entscheidend sind, die folgenden: dass die Absicht recht sei, dass der allgemeine Gesundheitszustand des Patienten vor einschneidenden Risiken geschützt werde, dass die Gründe vernünftig und dem "außerordentlichen Mittel", zu dem man die Zuflucht nimmt, angemessen seien. Es ist z. B. die Unerlaubtheit eines Eingriffes offensichtlich, um den mit der Absicht nachgesucht wird, die eigene Verführungsmacht zu vergrößern und so andere leichter in die Sünde führen zu können; oder um einen Schuldigen der Gerechtigkeit zu entziehen; oder dass der Eingriff dem regelrechten Funktionieren der physischen Organe Abbruch tue; oder wenn er aus purer Eitelkeit oder einer Modelaune zuliebe beabsichtigt wird. Auf der anderen Seite machen manchmal viele Gründe den Eingriff rechtmäßig, manchmal raten sie den Eingriff positiv an. Manche Entstellungen oder auch nur Unvollkommenheiten sind Herde psychischer Störungen im Menschen, oder werden ein Hemmnis in den sozialen und familiären Beziehungen, oder ein Hindernis - besonders bei Personen im öffentlichen Leben oder in der Welt der Kunst - für die Entfaltung ihrer Aktivität. Auf der anderen Seite, wo die Wiederherstellung nicht möglich wäre, sind die christlichen Grundsätze in ihrem unerschöpflichen Reichtum imstande, die Motive vorzubringen und die Kraft einzuflößen, die die physischen Mängel mit Heiterkeit ertragen machen, welche nach Gottes geheimnisvollem Plan zugelassen werden. Wenn man die leibliche Schönheit in einer solchen Weise im Lichte des Christentums betrachtet, und wenn die aufgezeigten moralischen Bedingungen beobachtet werden, scheint die Ästhetische Chirurgie - geschweige dass sie dem Willen Gottes widerspreche, wenn sie dem höchsten Werk der sichtbaren Schöpfung, dem Menschen, die Vollkommenheit wiedergibt - ihm zur Seite zu stehen und seiner Weisheit und Güte ein höchst offenkundiges Zeugnis zu bereiten.

Psychologische Überlegungen bei der Plastischen Chirurgie

11. In gleicher Weise wichtig und in mancher Beziehung unmittelbarer mit der Ausübung der Plastischen Chirurgie verknüpft sind die psychologischen Überlegungen.

Die Plastische Chirurgie findet sich nicht selten vor Probleme gestellt, die nicht nur von einer einwandfreien Technik und der Kunstfertigkeit des Chirurgen abhängen, der die physischen Mängel eines Menschen zu korrigieren weiß, indem er ihm seinen normalen Zustand und seine normale Gestalt wiedergibt. Schon bei diesem Tun scheint die Hand des Chirurgen in mancher Beziehung die Tätigkeit der göttlichen Hand zu wiederholen, die den Menschen gebildet.

Es gibt aber auch Umstände, in denen der Plastische Chirurg auf Verhältnisse stößt, die höher liegen, die geistiger Art sind und von denen er notwendigerweise eine volle Kenntnis besitzen muss, auf die er vorbereitet sein muss, um auch hier gewissermaßen Gottes Mitarbeiter zu sein.

Seelische Belastungen durch physische Mängel

12. In der Tat, wie uns mitgeteilt wurde, werden manchmal äußerst schwerwiegende Phänomene, "durch die Erkenntnis hervorgerufen, dass die Kranken physische Mängel besitzen, an denen sie schwer zu tragen haben". Verhältnisse dieser Art, charakterisiert durch seelische Erschütterungen, trifft der Plastische Chirurg nicht selten. Sie sind hier vielleicht noch häufiger als in den anderen Zweigen der Chirurgie. Wenn die Alten, mit der eigenen Mentalität der nichtchristlichen Kulturen, immer wieder den Ausspruch taten: "Hüte dich vor den Gezeichneten", so zeigten sie auf empirischer Grundlage die Realität einiger Phänomene an, welche die moderne Experimentalpsychologie einer genauen Untersuchung unterzieht, und von denen sie die Ursachen erforscht und die Möglichkeiten einer wirksamen Heilung ausfindig zu machen sucht. Es sind Phänomene, die in ihrer Entstehung meist unbemerkt, aber darum doch nicht weniger sicher und schadenbringend sind. Sie gehen meist aus einem Gefühl der physischen oder ästhetischen Unterlegenheit Gleichaltrigen oder sonstwie Gleichen gegenüber hervor. Dieses Gefühl macht zunächst das Leben dessen, der nicht die moralische Kraft seiner Überwindung hat, traurig. Darüber hinaus zeigt es aber auch die Tendenz, sich zu verwurzeln und in Komplexen festzusetzen, die weiterhin zu enormen Anomalien des Charakters und der Verhaltungsweise bis hin zu Psychosen führen können. Bisweilen - Gott möge es verhüten - führt dieses Gefühl selbst zum Verbrechen und zum Selbstmord.

Die Notwendigkeit des chirurgischen Eingriffs aus einem geistigen Grunde

13. Wenn diesen Kranken gegenüber die Pflicht zur Hilfeleistung viele angehen kann: vom Priester zum Psychotherapeuten und zum Freund; wenn die Ursache in einem physischen Leiden besteht, welches die Plastische Chirurgie zu beseitigen in der Lage ist, dann kann jeder ersehen, dass der chirurgische Eingriff nicht nur von einer medizinischen Indikation angeraten wird, auch nicht nur von einer ästhetischen Indikation, sondern auch aus einem geistigen Grunde, der auf die Liebe zu Christus zurückgeht, die sich auf alle Gebiete des menschlichen Lebens erstreckt, und die nach dem Beispiele des göttlichen Lehrmeisters jeden Schmerz zu erleichtern sucht, auch die verborgenen, unbekannten oder umgewandelten Schmerzen.

Die Wichtigkeit von psychologischen Kenntnissen für den Chirurgen

14. Diese besonderen Gesichtspunkte erheischen offensichtlich eine vertiefte Kenntnis der eigenen Möglichkeiten und Verantwortlichkeiten sowie eine Übung und Erfahrung über die streng technischen Zuständigkeiten hinaus, um Motive und Verhaltungsmethoden aufzugreifen, die sich auf andere Wissensgebiete beziehen. Im übrigen ist in unserer Zeit, wo auf jedem Gebiete immer mehr die spezialisierte Kompetenz verlangt wird, und wo diese die wissenschaftlichen und technischen Erfolge bedingt, die Anstrengung höchst angemessen und verdienstvoll, eine umfassendere Erkenntnis aus anderen Disziplinen oder Spezialgebieten zu gewinnen, die den Menschen betreffen, wie die Psychologie und die Religion.

15. Die moderne Psychologie (Man schaue z. B. nach bei C. G. Jung, Psychologie des Unbewußten, Genf 1952, S. 220) beschäftigt sich mit dem Studium der wechselseitigen Beziehungen zwischen Leib und Seele. Sie enthüllt, wie eine fehlerhafte seelische Handlung dem Leib beträchtlichen Schauen zufügen kann und wie umgekehrt ein physisches Leiden Ursache einer seelischen Störung sein kann. Man behauptet deswegen, dass sich selten der Fall ergebe, wo eine körperliche Krankheit, auch wenn sie nicht aus psychischen Ursachen hervorgeht, nicht psychische Komplikationen verschiedener Art hervorruft, welche ihrerseits wieder auf das organische Leiden zurückwirken. Diese und ähnliche Behauptungen zeitgenössischer Schriftsteller verpflichten das Handeln des Arztes auf allen Gebieten, auf denen er in der Lage ist, dem Leib und indirekt auch der Seele die Gesundheit wiederzugeben, und sie verlangen, in den einzelnen Fällen richtig gegeneinander abgestimmt zu werden. Es ist beispielsweise notwendig, dass man zu unterscheiden weiß, ob es sich um einen Konstitutions-Psychopathen handelt, genauer, um einen solchen, der an Komplexen des Unbewussten leidet, oder einfach um einen Kranken, der psychische Phänomene aufweist, die wesenhaft reaktiver Natur sind, vor allem solche, die an eine körperliche, angeborene oder erworbene Beeinträchtigung gebunden sind, welche die Plastische Chirurgie zu beseitigen sich vornimmt. Es ergibt sich so eine Serie verschiedener Umstände, welche der Arzt mit seiner Analyse, mit seinen objektiven Untersuchungen ergründen muss und die er bei seiner Heilmethode in Rechnung stellt, um nicht nur auf den Leib, sondern auch auf den bewussten und unbewussten seelischen Zustand des Kranken Einfluss auszuüben, im Hinblick auf dessen Gefühle, seine äußeren Lebensumstände und auf seine Zukunft.

Die große Bedeutung und Wirkungsmöglichkeit der Plastischen Chirurgie

16. Aus diesen Hinweisen kann man leicht folgern, wie wichtig, wie heikel und wie verdienstvoll Euer Beruf ist. Als ein Ausdruck des in der letzten Zeit von der medizinischen Wissenschaft erreichten Fortschrittes krönt die Plastische Chirurgie, um es so zu sagen, ihr segenbringendes Schaffen. Harmonie und Schönheit gibt sie den Gliedern und manchmal auch der Seele wieder. Wie viele Seelen, die niedergedrückt sind von Komplexen der Minderwertigkeit und in ihrer Aktivität geradezu gehemmt sind, gewinnen Heiterkeit und Lebenskraft unter Euren geschickten und brüderlichen Händen wieder! Wie viele Antlitze von Gotteskindern, denen das Geschick die Gabe versagt hat, seine Schönheit wiederzuspiegeln, gewinnen das verlorengegangene Lächeln durch Eure Wissenschaft und Kunst wieder! Seid stets dessen eingedenk, dass Eure Sendung sich jenseits der Gewebe und Formen bis hin zur Seele auswirken kann und muss, deren innere Schönheit zu schätzen Ihr lehren werdet!

Segen

17. Mit diesen Wünschen und in dem Vertrauen, dass Eure Forschungen diese spezielle Chirurgie immer größere Fortschritte wird verzeichnen lassen, rufen Wir die Gunst des Himmels über Euch herab, über Eure Familien und Eure Patienten.

Aus dem Vorwort

Der Therapeut orientiert sich an den Seinsgesetzen

Viele Ärztinnen und Ärzte wollen wissen, in welchem Zusammenhang und mit welchen Begründungen der Papst seine Stellungnahme zu den Fragen des ärztlichen Berufes bekanntgegeben hat. Pius XII. beruft sich in seinen Argumentationen nicht vornehmlich auf die Offenbarung und die positive Moraltheologie, sondern in gleichem Maße auch auf die Vernunft und das natürliche Erkenntnisvermögen des Arztes. Die christliche Ethik macht sich hier zum Anwalt der natürlichen Seinsordnung, die allerdings ihren Ursprung im Schöpfer hat und als solche begriffen und dargelegt wird. Die Seinsordnung der menschlichen Natur ist objektiv unabhängig von der weltanschaulichen Einstellung des Arztes und Wissenschaftlers. Die seelisch-körperliche Natur des Menschen fordert, wenn sie erkrankt ist, eine ärztliche Therapie, die sich nach den Seinsgesetzen orientiert. Diese im Sein wurzelnden Gesetze werden nicht vom Arzt geschaffen, sondern vorgefunden; er hat die Aufgabe, sie zu erkennen und anzuerkennen. Die vorgefundene Ordnung und Struktur des Seins muss dem Arzt Grundlage und Richtschnur seines Handeins werden. In diesem Sinne gilt: ordo essendi est ordo agendi. Dieser scholastische Kernsatz darf als ein Grundsatz angesehen werden, der alle Ärzte, welcher religiös-weltanschaulichen Richtung sie auch angehören mögen, in ihren Bemühungen um die ärztliche Betreuung des Menschen verbinden könnte. Nichts dürfte dem ärztlichen Beruf auf die Dauer schädlicher sein als Nichtkennen oder Nichtbeachten der Seinsgesetze, denen die Menschennatur unterworfen ist. Die Therapie ist seinsgebunden; sie vom Sein loslösen und an dessen Stelle ein autonomes, rein subjektives Ermessen des Arztes setzen, wie Nietzsche gefordert hat, wäre ordnungs- und vernunftwidrig. Der Arzt ist nicht der Herr der menschlichen Natur und ihres Lebens, sondern ihr Diener, - oder er hört letztlich auf, Arzt zu sein.

Verbindlichkeit der Ansprachen

Die Ansprachen als solche sind keine unfehlbaren Lehrentscheidungen des oberhirtlichen Lehramtes, wohl aber sind sie eine Lehrbetätigung des obersten Lehrers und Hirten. Der Papst spricht autoritativ, darum haben seine Worte eine größere und anders geartete Bedeutung als sie einer rein privaten theologischen Meinungsäußerung des Papstes zukommen würde. Darüber hinaus enthalten die Ansprachen eine Fülle von Lehräußerungen, die der Christenheit längst als sichere und unfehlbare Lehre von der Kirche zu glauben vorgelegt ist, so z. B. die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele und der leiblichen Auferstehung des Menschen.

Andere Lehräußerungen der Ansprachen haben ihre allgemeine Verbindlichkeit wiederum dadurch, dass sie nichts weiteres künden als die Stimme des menschlichen (nicht nur des christlichen) Gewissens, der anima humana naturaliter christiana (Tertullian, Apol. 17). Das an der Natur der Dinge (einschließlich der Menschennatur) und den sie beherrschenden Seinsgesetzen orientierte Gewissen ist aber übergeordnete, allgemein· verbindliche sittliche Norm des Denkens und Handelns (vgl. Ansprache Nr. 2).

Schließlich werden in den Lehräußerungen des Papstes, wie sie sich in den Ansprachen an die Ärzte finden, allgemeine ethische Prinzipien auf konkrete biologische und psychologische Tatbestände angewandt, - auf Tatbestände, die erst durch die modernen Wissenschaften vom Menschen bekannt geworden sind. Es ist Aufgabe der Wissenschaften, die Seinsstruktur des Menschen in leiblicher und seelischer Hinsicht im einzelnen aufzuhellen; die Ergebnisse jedoch unterliegen bei ihrer Anwendung in Forschung und Praxis, insofern sie menschliches Handeln bestimmen, dem Urteil des sittlichen Gewissens. In der Verknüpfung des Normativen mit dem Tatsächlichen, des Institutionellen mit dem Psychologischen, des Überzeitlichen mit dem von der Zeitsituation Geforderten findet der Arzt in den hier dargebotenen Ansprachen eine feste Richtschnur für sein Handeln, die ihn vor Irrungen und Fehlentwicklungen bewahrt. Die feststehenden ethischen Normen und ihre Anwendung im ärztlich-medizinischen Bereich sind aber sowohl in ihrer Gesamtheit wie auch in allen wesentlichen Punkten für jeden ethisch und seinsgerecht orientierten Arzt von objektiv bindender Bedeutung. Sie werden sich ihm auf die Dauer nicht als Hemmnis, sondern als Hilfe und Sicherung erweisen.

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