Dritte Pastoralreise von Papst Johannes Paul II. nach Österreich im Juni 1998

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Worte bei der
Dritten Pastoralreise nach Österreich

von Papst
Johannes Paul II.
19. - 21. Juni 1998

(Quelle: Die deutschen Fassungen auf der Vatikanseite; auch in: Der Apostolische Stuhl 1998, S. 284-317)
Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


Inhaltsverzeichnis

Freitag, den 19. Juni 1998

Ansprache bei der Ankunft und Begrüßung in Salzburg

Sehr geehrter Herr Bundespräsident!

1. Mit Freude betrete ich heute wiederum österreichischen Boden. Von Herzen grüße ich alle hohen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die mich hier durch ihre Anwesenheit beehren. Zugleich heiße ich alle Bürgerinnen und Bürger dieses schönen Landes willkommen, das ich als Bischof von Rom nun schon zum dritten Mal besuchen darf.

Ich danke Ihnen, verehrter Herr Bundespräsident, für ihre herzlichen Begrüßungsworte. Mit dem Gefühl brüderlicher Wertschätzung schaue ich auf die Bischöfe dieses Landes und danke ihnen für die erneute Einladung, nach Österreich zu kommen.

Pax! Pax vobis! So grüße ich Sie heute mit dem Wunsch des Auferstandenen: Der Friede sei mit Euch. Friede Ihrem Land! Friede der Kirche in Österreich! Friede den Gemeinschaften und Pfarren, Friede den Herzen der Menschen! Friede sei mit Euch allen!

2. Der wahre Friede kommt aus dem Herzen. "Liegst dem Erdteil du inmitten, einem starken Herzen gleich", heißt es trefflich in Ihrer Bundeshymne. In den vergangenen Jahren hat sich das Land im Herzen Europas in die Weggemeinschaft derer begeben, die sich die Einigung des Kontinents zum Ziel gesetzt haben. Um das neue Europa aufzubauen, werden viele Hände gebraucht, besonders aber Herzen, die nicht nur für Gewinn und Geld schlagen, sondern für Gott um des Menschen willen. Mein Wunsch ist es, daß das Herz Europas stark und gesund bleibe. Deshalb bete ich dafür, das Denken und Handeln aller Bürgerinnen und Bürger Österreichs möge vom festen Willen geleitet sein, die Würde jedes einzelnen Menschen zu achten und das Leben in allen seinen Formen und Phasen uneingeschränkt zu bejahen. Denn im Reichtum des christlichen Erbes ist es besonders das Verständnis vom Menschen, das die europäische Kultur entscheidend mitgeprägt hat.

Zur sinnvollen Planung eines Hauses gehört der richtige Maßstab. Denn wer kein Maß kennt, verfehlt auch das Ziel. Die Architekten des europäischen Hauses können dabei auf das christliche Menschenbild zurückgreifen, das der alten Kultur des Kontinents eingeprägt ist und der viel bewunderten Höhe ihrer Schaffenskraft und Leistung den Boden bereitet hat. Das Verständnis vom Menschen als Bild und Gleichnis Gottes ist daher kein antikes Museumsstück aus längst vergangenen Zeiten. Vielmehr stellt es die Grundlage für ein modernes Europa dar, in dem die zahlreichen Bausteine unterschiedlicher Kulturen, Völker und Religionen zur Errichtung des neuen Bauwerks zusammengehalten werden. Ohne diesen Maßstab ist das im Bau befindliche europäische Haus in Gefahr, aus den Fugen zu geraten und auf Dauer keinen Bestand zu haben.

3. Auf diese Weise weitet mein Besuch unseren Blick über die Grenzen dieses Landes auf ganz Europa hinaus, auf alle Völker dieses Kontinents mit ihrer Geschichte, vom Atlantik zum Ural, von der Nordsee bis zum Mittelmeer. Österreich hat in besonderer Weise dessen Geschicke geteilt und entscheidend mitbeeinflußt. Es zeigt exemplarisch, wie eine Vielzahl von Volksstämmen auf begrenztem Raum spannungsreich zusammenleben und mit schöpferischer Gestaltungskraft in der Vielfalt Einheit schaffen kann. Auf dem Territorium des heutigen, im Verhältnis zu anderen Ländern kleinen Österreich haben sich die Wesenszüge von Kelten und Romanen, von Germanen, Ungarn und Slawen eingeprägt und in der Bevölkerung lebendig erhalten. So wird Österreich zum Spiegel und Modell für ein vereintes Europa, das nicht ausgrenzt, sondern Platz hat für alle.

4. Veni Creator Spiritus! Komm Schöpfer Geist!

Diese Bitte wird wie ein Kehrvers die nächsten Tage durchziehen, die ich in Ihrem geschätzten Land verbringen darf. In den kommenden drei Tagen gehöre ich Österreich!

"Komm, Schöpfer Geist, und entzünde in uns das Feuer deiner Liebe!" Diese Bitte verknüpfe ich mit meinem innigen Dank Ihnen gegenüber, sehr verehrter Herr Bundespräsident, und an Sie, liebe Brüder im Bischofsamt. In der Vorfreude darauf, unsere Gemeinschaft im Glauben und Feiern zu leben, rufe ich den geliebten Bewohnern dieses Landes noch einmal zu: Der Friede sei mit euch!

Predigt bei der Heiligen Messe im Salzburger Dom

"Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen" (Ps 23, 1)

1. Die Worte, die der Psalmist auf Gott im Alten Bund bezieht, dürfen wir heute an unseren Hirten richten, das menschgewordene Wort Gottes: Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen. Dankbar schauen wir auf den Glauben, der wie ein starker Baum in dieser Gegend Früchte getragen und Geschichte gemacht hat: "Freue dich, Juvavum, denn am Ufer deiner Wasser hat der Herr Bäume gepflanzt, die niemals aufhören, Früchte zu tragen" (1. Antiphon der Lesehore zum Fest Rupert und Virgil).

Das Licht des Glaubens wurde hier wohl zum ersten Mal von dem berühmten Missionar Severin entzündet. Es war am Ende des fünften Jahrhunderts, in einer Zeit, als die römischen Provinzen dem Untergang geweiht waren. Mehr als zwei Jahrhunderte sollten vergehen, bis aus der Stadt Worms am Rhein wieder ein guter Hirte den Weg zur kleinen, weithin zerstörten Stadt an der Salzach fand: der Wanderbischof Rupertus. Er baute Kirchen und richtete geistliche Stützpunkte ein. Schon das erste Gotteshaus wurde dem heiligen Petrus geweiht.

Im Jahre 739 war es der heilige Bonifatius, der als Legat des Papstes für Germanien vier Diözesen errichtete: Regensburg, Passau, Freising und Salzburg. Heute sind die Oberhirten dieser altehrwürdigen Diözesen unter uns. So grüße ich neben Erzbischof Georg Eder, der heute unser Gastgeber ist, ganz besonders Herrn Kardinal Friedrich Wetter von München und Freising, Herrn Bischof Manfred Müller von Regensburg und Herrn Bischof Franz Xaver Eder von Passau.

Reich an Jahren und Glanz ist die Kirche von Salzburg! Nachdem der heilige Bischof Virgil, der aus Irland kam, den ersten Dom eingeweiht hatte, wurde vor 1200 Jahren durch Papst Leo III. Salzburg zur Metropole erhoben.

Die Glanzpunkte der Vergangenheit lassen uns heute am Hochfest des Heiligsten Herzens Jesu mit Recht das Te Deum auf den Herrn anstimmen, der als Guter Hirte die Kirche von Salzburg durch die Jahrhunderte getragen hat. Der Herr ist mein Hirte. Nichts wird mir fehlen.

2. Dieser Tag, an dem ich als Nachfolger des heiligen Petrus zum zweiten Mal das "deutsche Rom" besuchen darf, ist aber nicht nur der Erinnerung an eine stolze Geschichte gewidmet. Er soll jeden einzelnen dazu anregen, sich um eine ehrliche Erneuerung im Glauben und um die entschlossene Bündelung der eigenen Kräfte mit denen der anderen Gläubigen zu bemühen, damit es der neuen Evangelisierung dient.

Dabei weitet sich mein Blick über das Gebiet des Salzburger Landes hinaus. Ich grüße den Bundespräsidenten der Republik Österreich, Herrn Thomas Klestil. Ein herzliches Willkommen rufe ich neben den zahlreichen Brüdern im Bischofs- und Priesteramt, die aus Österreich und den Nachbarländern gekommen sind, sowohl dem Erzbischof von Wien, Kardinal Christoph Schönborn, zu als auch dem Vorsitzenden der Österreichischen Bischofskonferenz, Bischof Johann Weber von Graz-Seckau.

Im Licht der missionarischen Tätigkeit unserer Vorfahren wird uns eines neu bewußt: Wir dürfen den Glauben nicht einschließen in unsere Gotteshäuser. Wir sollen ihn hinaustragen in unsere kleine und große Welt. Der missionarische Einsatz hat in dieser Bischofsstadt eine lange Tradition. Die Bischöfe von Salzburg sind als gute Hirten weit in den Osten gezogen und haben die Frohe Botschaft nach Böhmen, Mähren und Ungarn gebracht. Sie haben ihre Helfer als Missionare ausgesandt bis nach Maribor an der Drau, nach Brixen, an den Lech und zur Donau.

Heute ist die Mutterdiözese Salzburg geographisch zwar kleiner geworden. Aber in den Steinen dieses ehrwürdigen Domes und der erhabenen Festung hat sich das eingeprägt, was Salzburg in der Geschichte war und in Zukunft sein soll: ein Missionszentrum, das ausstrahlt über die Grenzen der Diözese und des Landes hinaus. Salzburg, du Stadt auf dem Berg gebaut, du trägst in Deinem Namen das Salz: Deine Bewohner mögen auch in Zukunft das Salz des Evangeliums gläubig annehmen und durch ihr Zeugnis bestätigen. Denk an das Erbe, das dir die Vergangenheit vermacht hat: das Salz der Heilsbotschaft in das umliegende Gebiet hinauszutragen.

Du Sitz des Primas Germaniae, die Geschichte hat dir eine Art Vorsitz in der Mission übertragen: Die Christen dieser Erzdiözese mögen sich der Verpflichtung stets bewußt sein, die ein solches Vorrecht mit sich bringt.

Du hast eine Sendung gegenüber den Männern und Frauen, die einen Weg suchen, der sie "zum Ruheplatz am Wasser" führt. Durch das Zeugnis deiner Gläubigen mögen sie Dem begegnen, der sie auf rechten Pfaden führt, bis sie "auf grünen Auen lagern" und sich stärken können. (vgl. Ps 23, 2-3): Der Herr ist mein Hirte. Nichts wird mir fehlen.

3. "Muß ich auch wandern in finsterer Schlucht, ich fürchte kein Unheil" (Ps 23, 4). Wir wissen um die Gefahren, die sich in steilen Tälern bei Dunkelheit stellen. Das geographische Bild ist ein trefflicher Spiegel der Seele. Auch unser Inneres ist tückischen Abgründen ausgesetzt. Wir kennen die Dunkelheiten von Enttäuschungen, Schicksalsschlägen und Glaubenszweifeln. Die jedoch auf Gott vertrauen, finden Schutz und Sicherheit in der Obhut des Guten Hirten: "Dein Stock und dein Stab geben mir Zuversicht" (Ps 23, 4).

Spielen diese Worte aus der Heiligen Schrift nicht auf die Aufgabe des Lehramtes an, das Christus den Hirten der Kirche anvertraut hat? Dieses Amt ist nicht menschliche Erfindung, um in der Seelsorge Herrschaft auszuüben. Christus selbst hat uns zu diesem Dienst bestellt, damit Sein göttliches Wort aus menschlichem Mund weitergetragen werde und den Menschen "Stock und Stab", Halt und Orientierung sei.

Liebe Schwestern und Brüder!

Im Bewußtsein meiner Sendung, die mit meinem Amt als Nachfolger des heiligen Petrus verbunden ist, bin ich zu Euch nach Österreich gekommen, um Euch ein Wort des Zuspruchs und der Ermutigung zu bringen. Ich danke Euch für Euer Kommen, in dem ich ein Zeugnis dafür sehe, daß Ihr zu Christus gehören wollt. Wie im Evangelium der Hirte das Schaf auf seinen Schultern trägt, so habe ich auch Euch in den vergangenen Monaten in meinem Herzen getragen.

Das Herz des Hirten aus Rom schlägt für Euch alle!

Verlaßt die Herde des Guten Hirten nicht!

Tretet nicht aus, sondern tretet auf - für die Frohe Botschaft, die auch die Dunkelheiten unseres Lebens erleuchten kann: Der Herr ist mein Hirte. Nichts wird mir fehlen.

4. Es ist mir ein großes Anliegen, meine Wertschätzung allen gegenüber auszudrücken, die sich unermüdlich dafür einsetzen, daß die Pfarrgemeinden lebendig sind. Die Pfarren sind ja "die Kirche, die inmitten der Häuser ihrer Söhne und Töchter lebt" (Apostolisches Schreiben Christifideles laici, 26). Es ist erfreulich, daß sich nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil eine Vielzahl von Diensten entwickelt hat, denen sich unzählige Laien in hochherziger Weise widmen. Mit hohem Einsatz an Zeit nehmen sie die Mitverantwortung wahr, die ihnen aufgrund der durch Taufe und Firmung übertragenen Würde zukommt.

In der Verschiedenheit der Aufgaben das rechte Mit- und Zueinander zu finden, bereitet mitunter Schwierigkeiten. Gleichheit in der Würde bedeutet in der Herde des Guten Hirten nicht Gleichheit in den Ämtern und Tätigkeiten. So können die besonderen Aufgaben des bischöflichen und priesterlichen Hirtenamtes nicht einfach auf Laien übergehen. Andererseits haben die Hirten die spezifischen Aufgaben der Laien zu achten. Deshalb soll es auch nicht geschehen, daß Laien ihre Dienste an Priester, Diakone oder hauptberufliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter übertragen. Nur wenn jeder den Platz einnimmt, der ihm gebührt, wird der gemeinsame Weg von Hirte und Herde gelingen.

Mir liegt sehr daran, Euch, liebe Schwestern und Brüder im Laienstand, meine tiefempfundene Anerkennung auszusprechen. Euer Einsatz ist mit Geld nicht zu bezahlen. Ohne Euch wären unsere Pfarrgemeinden nicht nur ärmer. Ihnen würde etwas Wesentliches fehlen. Ich bitte Euch alle, Euer Apostolat auch in Zukunft ernst zu nehmen, sei es als Lektoren oder Kommunionhelfer, als Mitglieder von Kirchenchören und Gebetsgruppen oder bei der Hinführung der Kinder und Jugendlichen zur Erstkommunion und Firmung. Ausdrücklich ermutige ich die Laien dazu, aufs engste mit ihren Priestern zusammenzuarbeiten.

Dabei erinnere ich an die Bedeutung der Pfarrgemeinderäte, in denen die pastoralen Probleme “in gemeinsamer Beratung” zu prüfen und zu lösen sind (vgl. Apostolicam actuositatem, 10). Wagt den Dialog in Euren Gremien!

Nicht vergessen möchte ich die zahllosen Männer und vor allem Frauen, die sich ohne viele Worte, aber mit großer Hingabe im caritativen Bereich aufzehren. Sie kümmern sich um Alte, Kranke und Einsame. Auf diese Weise lassen sie gerade die Menschen auf der Schattenseite des Lebens spüren, was es heißt: Der Herr ist mein Hirte. Nichts wird mir fehlen.

5. “Du deckst mir den Tisch vor den Augen meiner Feinde” (Ps 23, 5). Auch wenn die Christen nicht gewaltsam verfolgt werden, ist es für sie nicht leicht, Zeugnis zu geben. Vielfach begegnet ihnen die Masse mit Gleichgültigkeit, einer Haltung, die nicht weniger schwer wiegt als offene Feindseligkeit. Die Priester und ihre Mitarbeiter decken den Tisch des Wortes und der Eucharistie. Dabei müssen sie die enttäuschende Erfahrung machen, daß die Zahl der Gäste, die der Einladung folgen, stetig abnimmt. Der Tisch des Wohlstandes und des Konsumismus scheint anziehender zu sein. Deshalb leben viele Zeitgenossen so, als wenn es Gott nicht gäbe. Gleichzeitig haben Formen weitverbreiteter Volksfrömmigkeit überdauert, denen allerdings die Grundlage bewußter Überzeugung fehlt. Deshalb besteht die Gefahr, daß sie in der Konfrontation mit der zunehmenden Säkularisierung austrocknen. Die Gleichgültigkeit gegenüber dem christlichen Erbe ist ebenso gefährlich wie eine offene Feindseligkeit.

Nur eine neue Evangelisierung wird die Vertiefung eines reinen und festen Glaubens gewährleisten, der die überkommenen Traditionen in eine befreiende Kraft verwandeln kann.

Haben wir noch Ressourcen, aus denen wir zehren können? Wo liegen die Quellen, aus denen wir schöpfen dürfen? Christen von Österreich, Ihr wißt, wo diese Quellen liegen!

Das alte Europa, das zu einer neuen Völkerfamilie zusammenwachsen will, scheint verkrustet. Der Kontinent schickt sich an, die Botschaft, die ihn seit den ersten Jahrhunderten der neuen Zeitrechnung erreicht hat, langsam zu vergessen. In vielen mittel- und osteuropäischen Ländern durfte mehr als fünfzig Jahre lang das Evangelium nicht mehr verkündet werden. Unter diktatorischen Machthabern ohne Gott ist das Licht in den Tabernakeln erloschen. Die Gotteshäuser sind zu Denkmälern vergangener Zeiten erstorben.

Heute dürfen wir jedoch feststellen: Diese Herrschaftssysteme sind untergegangen. Doch die alten Quellen fließen weiter in Fülle und Frische: die Heilige Schrift als Ader der Wahrheit; die Sakramente der Kirche, aus denen die Kraft der Gegenwart Christi fließt; das Gebet, bei dem die Seele Atem holen darf aus dem frischen Sauerstoff der Gnade Gottes.

6. Diese Quellen stehen offen für alle. Gerade Ihr, liebe Jugendliche, dürft daraus schöpfen. Ihr sollt wissen: Der Papst zählt auf Euch! Auch wenn Ihr Euch manchmal als kleine Herde fühlt, verliert den Mut nicht: Ihr seid das Kapital des Guten Hirten.

Zwölf Männer sind am Anfang in die ganze Welt hinausgezogen. Deshalb traut der Papst Eurer Jugend zu, dem alten Europa wieder ein christliches Gesicht zu geben. Setzt dabei auf Euer persönliches Zeugnis. Ihr seid "ein Brief Christi” (2 Kor 3,3), Seine Visitenkarte! Wer Euch begegnet, soll wissen, daß er eine gute Adresse hat.

Bei der Ausübung meines Hirtenamtes habe ich mich in den verschiedenen Gegenden der Welt immer mehr in die Wahrheit hineingehört, über die ich in der Enzyklika Redemptoris missio geschrieben habe: “Der Mensch unserer Zeit vertraut mehr den Zeugen als den Lehrern, mehr der Erfahrung als der Lehre, mehr dem Leben und den Taten als den Theorien” (N. 42). In der Begegnung mit Euch sollen Eure Altersgenossen spüren, daß etwas Besonderes in Euch steckt, was sie nicht erklären können. Ihr aber kennt es genau - dieses "Etwas", das der Psalm treffend ausdrückt: Der Herr ist mein Hirte. Nichts wird mir fehlen.

7. Aus den nie versiegenden Quellen der Gnade haben die Heiligen geschöpft. Deshalb sind sie wahre Missionare (vgl. Redemptoris missio, 2). So ist die Geschichte Eurer Heimat auch eine Geschichte Eurer Heiligen. Diese Geschichte reicht bis in die jüngste Vergangenheit.

Vor einigen Monaten wurden in Rom die Priester Otto Neururer und Jakob Gapp seliggesprochen. Am Sonntag werde ich in Wien neben zwei weiteren Dienern Gottes Schwester Restituta Kafka zur Ehre der Altäre erheben. In diesen Gestalten wird deutlich, worin jede Hirtenexistenz gipfelt: “Der Gute Hirt gibt sein Leben hin für die Schafe” (Joh 10, 11). Wenn die Kirche an dunkle Kapitel der Geschichte erinnert, dann will sie nicht alte Wunden aufreißen, sondern nur das Gedächtnis heilen. Die Täter der Gewalt haben die Bühne verlassen, gekommen sind die Helden der Liebe. Sie haben bezeugt, daß sich gerade in den tragischen Jahren unseres Jahrhunderts, als auch Euer Land vom Bösen mächtig geschüttelt wurde, das Gleichnis vom Guten Hirten erfüllt hat. In ihrem Leben und in ihrem Sterben spiegelt sich ihre Hoffnung wider: Der Herr ist mein Hirte. Nichts wird mir fehlen.

8. Liebe Schwestern und Brüder!

Euer Oberhirte, Erzbischof Eder, hat mich gebeten, die Statue Unserer Lieben Frau von Fatima zu krönen und die 1200 Jahre alte Erzdiözese Salzburg dem Schutz der Gottesmutter anzuvertrauen. Ich habe diese Bitte gern erfüllt. Eure altehrwürdige Kirche hat die Jungfrau Maria stets aufrichtig und tief verehrt. Ich bin sicher, daß die Gottesmutter Euren Wunsch nicht abweisen wird, Euch als Schutzfrau und Führerin auf Eurem Weg zu begleiten.

Ihr vertraue ich Eure Erzdiözese und jeden von Euch an. Maria möge Euch unter ihren Schutzmantel nehmen: "Unter deinen Schutz und Schirm fliehen wir, heilige Gottesmutter. Verschmähe nicht unser Gebet in unseren Nöten ..."

Unter dem Schutz deines Mantels, Maria, sind unsere Ängste und Sorgen gut aufgehoben. Wir schöpfen wieder Mut und Zuversicht. Wir schauen dich an und lernen von dir, uns neu in vollkommener Hingabe zu überantworten: Der Herr ist mein Hirte. Nichts wird mir fehlen. Amen.

Samstag, den 20. Juni 1998

Begegnung mit den Autoritäten und dem Diplomatischen Korps

Sehr verehrter Herr Bundespräsident!
Sehr geehrter Herr Bundeskanzler!
Sehr geehrte Damen und Herren!

1. Es ist für mich eine besondere Freude und Ehre, heute mit Ihnen, Herr Bundespräsident, den Mitgliedern der Bundesregierung sowie mit Vertretern des politischen und öffentlichen Lebens der Republik Österreich zusammenzutreffen. Unsere Begegnung unterstreicht ein weiteres Mal das gute partnerschaftliche Verhältnis, das seit langer Zeit zwischen Österreich und dem Heiligen Stuhl besteht.

Zugleich dürfen wir sichtbar erleben, wie dieses fruchtbare Miteinander eingebunden ist in das weit gespannte Netz diplomatischer Beziehungen, das Österreich zu Staaten auf der ganzen Welt mitknüpft. Ich danke den anwesenden Diplomaten für die Ehre, die Sie mir durch Ihr Erscheinen erweisen und für Ihren Einsatz in der "Kunst des Friedens".

Diese historische Stätte ist ein sehr passender Ort, zunächst den Blick über die Grenzen dieses Landes hinaus zu weiten auf das sich einigende Europa und dessen Einbindung in die Völkerfamilie aller Kontinente, um dann in das Innere Österreichs zu schauen.

2. Mein erster Pastoralbesuch in Österreich im Jahre 1983 wurde mit einer Europa-Vesper eröffnet, die wir im Zeichen des Kreuzes feiern durften. Damals hat Kardinal Franz König den Versammelten zugerufen: "In unserem kleinen Land an der Trennungslinie zweier Welten [...] kann man, muß man von Europa sprechen!"

Als gut sechs Jahre später die Mauer zu bröckeln begann und der Eiserne Vorhang fiel, schien die Trennungslinie zweier Welten der Vergangenheit anzugehören. Dennoch sind seither manche Euphorien verflogen und viele Hoffnungen wurden enttäuscht. Denn es reicht nicht aus, dem Menschen nur mit materiellen Gütern die Hände zu füllen, wenn sein Herz dabei leer bleibt und keinen Sinn entdeckt. Auch wenn es ihm nicht immer bewußt ist und er kurzlebige oberflächliche Vergnügungen nicht selten der dauerhaften inneren Freude vorzieht, muß er am Ende doch feststellen: Der Mensch lebt nicht nur von Brot und Spielen.

3. Tatsächlich ist die Trennungslinie zweier Welten weder aus der wirtschaftlichen Wirklichkeit noch aus dem Inneren der Menschen gewichen. Sogar in einem gesellschaftlich wohlgeordneten und wirtschaftlich blühenden Land wie Österreich greifen Orientierungslosigkeit und Zukunftsangst um sich.

Scheint es nicht, daß sich auch in das bislang bewährte Gebäude der Zusammenarbeit zwischen den gesellschaftlichen Gruppen, das zum Wohlstand des Landes und zur Wohlfahrt seiner Bürgerinnen und Bürger wesentlich beigetragen hat, gefährliche Risse eingeschlichen haben?

Greifen nicht, wenige Jahre nach dem Votum der Österreicher für den Beitritt zur Europäischen Union, Euro-Skeptizismus und Frustration um sich?

4. In der Geographie Europas ist Österreich nach vielen Jahrzehnten vom Grenzland zum Brückenland geworden. In wenigen Tagen übernimmt es turnusgemäß den Ratsvorsitz in der Europäischen Union. In der Vergangenheit oft Brennpunkt europäischer Geschichte, wird Wien nun zum Zentrum vieler Hoffnungen, vor allem für jene Länder, die gerade dabei sind, Beitrittsverhandlungen mit der Europäischen Union aufzunehmen. Ich hoffe, daß Schritte gelingen, um den Westen und den Osten dieses Kontinents einander näher zu bringen, jene beiden Lungen, ohne die Europa nicht atmen kann.

Die Verschiedenheit der östlichen und westlichen Traditionen wird die Kultur Europas bereichern sowie durch deren Bewahrung und gegenseitige Ausleuchtung als Grundlage für die ersehnte geistige Erneuerung dienen. Deshalb sollte vielleicht weniger von einer "Osterweiterung" als vielmehr von einer "Europäisierung" des gesamten Kontinents die Rede sein.

5. Lassen Sie mich diesen Gedanken ein wenig vertiefen: Am Anfang meines Pontifikates habe ich den auf dem Petersplatz in Rom versammelten Gläubigen zugerufen: "Öffnet die Tore für Christus!" (Homilie, 22. Oktober 1978). Heute spreche ich in dieser geschichtlich, kulturell und religiös so bedeutenden Stadt die Einladung an den alten Kontinent noch einmal aus: "Europa, öffne die Tore für Christus!"

Nicht Kühnheit oder Träumerei bewegen mich dazu, sondern Hoffnung und Realismus. Denn europäische Kultur und Kunst, Geschichte und Gegenwart waren und sind noch so sehr vom Christentum geformt, daß es ein völlig entchristlichtes oder gar atheistisches Europa nicht gibt.

Davon zeugen nicht nur Kirchen und Klöster in vielen Ländern Europas, Kapellen und Kreuze an den Wegen durch Europa, christliche Gebete und Gesänge in allen europäischen Sprachen. Noch eindringlicher sprechen die zahllosen lebendigen Zeugen: suchende, fragende, glaubende, hoffende und liebende Menschen; Heilige in Geschichte und Gegenwart.

6. Wir dürfen auch nicht vergessen, daß europäische Geschichte eng mit der Geschichte jenes Volkes verflochten ist, aus dem Jesus Christus hervorgegangen war. In Europa wurde dem jüdischen Volk unaussprechliches Leid zugefügt. Wir können nicht unbedingt davon ausgehen, daß alle Wurzeln dieses Unrechts unwiederbringlich ausgerissen sind. Aussöhnung mit den Juden gehört also zu den Grundpflichten gerade für die Christen in Europa.

7. Noch eine weitere große Aufgabe stellt sich den Baumeistern Europas: aus einer westeuropäischen Wohlstandsinsel eine gesamteuropäische Zone der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens zu schaffen. Materielle Opfer werden für die wohlhabenderen Länder unvermeidlich sein, um das unmenschliche Wohlstandsgefälle innerhalb Europas allmählich abzuflachen. Daneben ist geistige Hilfe nötig, um den weiteren Aufbau demokratischer Strukturen und deren Festigung voranzutreiben und eine Kultur der Politik im Sinne rechtsstaatlicher Verhältnisse zu fördern. In diesem Bemühen bietet die Kirche als Orientierung ihre Soziallehre an, in der die Sorge und Verantwortung für den ihr von Christus anvertrauten Menschen im Mittelpunkt steht: “Es handelt sich nicht um einen 'abstrakten' Menschen, sondern um den realen, 'konkreten' und 'geschichtlichen' Menschen”, den die Kirche nicht verlassen darf (Centesimus annus, 53).

8. Hier kommt der ganze Globus in den Blick, der sich mehr und mehr zu einem “Weltdorf” zu entwickeln scheint. Die Rede von der Globalisierung ist heute im Munde vieler, die sich den ökonomischen Prozessen in großen Dimensionen widmen. Wenn die Regionen der Welt wirtschaftlich zusammenrücken, soll dies allerdings nicht mit einer Globalisierung an Armut und Elend verbunden sein, sondern in erster Linie mit einer Globalisierung an Solidarität.

Ich bin überzeugt, daß sich Österreich nicht nur aus politischen und ökonomischen Gründen in den Globalisierungsprozeß einbringen wird, sondern auch aufgrund der Beziehungen, die dieses Volk mit anderen Nationen verbinden, wie sein beispielhafter Einsatz für die notleidenden Schwestern und Brüder in Südosteuropa ebenso gezeigt hat wie seine stete Unterstützung der Entwicklungsländer. Außerdem erinnere ich an die Bereitschaft Österreichs, seine Türen Menschen aus anderen Ländern zu öffnen, die dort ihrer Religionsfreiheit, ihrer Freiheit der Meinungsäußerung oder der Achtung ihrer Menschenwürde beraubt sind. Auch meine Landsleute haben Ihnen in der Vergangenheit viel zu verdanken. Bleiben Sie der guten Tradition dieses Landes treu! Bewahren Sie sich auch weiterhin die Bereitschaft, Ausländer aufzunehmen, die ihre Heimat verlassen mußten!

9. Mit diesem Wunsch wende ich mich nun einer Frage zu, die immer drängender wird. Nicht nur Sie, die Sie in diesem Land leben und Verantwortung tragen, sehen sich einem Problem gegenüber, das zunehmend die Herzen einzelner, aber und auch ganzer Familien und Gesellschaftsschichten belastet. Ich meine den fortschreitenden Ausschluß vieler, vor allem jugendlicher und älterer Menschen, vom Recht auf Arbeit.

Bedingt durch den wirtschaftlichen Wettbewerb, wird trotz positiver Bilanzen der Arbeitsmarkt nicht belebt. Deshalb erachte ich es als meine Pflicht, die Stimme für die Schwächeren zu erheben: Subjekt der Arbeit ist der Mensch als Person! Auch in der modernen Arbeitswelt soll Platz sein für Schwache und weniger Begabte, für Alte und Behinderte und für die vielen jungen Menschen, denen eine entsprechende Ausbildung vorenthalten wird. Selbst das Zeitalter hochentwickelter Techniken darf den Menschen nicht vergessen! Bei der Bewertung seiner Arbeit müßte neben dem objektiven Ergebnis auch Bemühen und Einsatz, Treue und Zuverlässigkeit ins Gewicht fallen.

10. Damit berühre ich noch einen letzten Themenkreis, der mir sehr am Herzen liegt. Zu den Grundanliegen meines Pontifikats gehört der Aufbau einer “Kultur des Lebens”, die einer sich ausbreitenden “Kultur des Todes” entgegenwirken soll. Daher werde ich nicht müde, den unbedingten Schutz des menschlichen Lebens vom Augenblick seiner Empfängnis an bis zum natürlichen Tod einzufordern. Die Zulassung des Schwangerschaftsabbruchs während der Frist der ersten drei Monate, wie sie in Österreich gilt, bleibt eine blutende Wunde in meinem Herzen.

Darüber hinaus stellt sich das Problem der Euthanasie: Auch Sterben ist ein Teil des Lebens. Jeder Mensch hat ein Recht, in Würde zu sterben, wann Gott es will. Wer daran denkt, einem Menschen dieses Recht zu nehmen, nimmt ihm letztlich das Leben. Jeder Mensch hat einen so hohen Wert, daß er mit Geld nie aufzuwiegen ist. Deshalb darf er weder einer schrankenlosen Privatautonomie noch irgendwelchen Sachzwängen gesellschaftlicher oder wirtschaftlicher Art geopfert werden. Manche ältere Zeitgenossen kennen nicht nur aus den Geschichtsbüchern die dunklen Kapitel, die das zwanzigste Jahrhundert auch in diesem Land geschrieben hat. Wenn das Gesetz Gottes außer acht bleibt, wer kann dann garantieren, daß nicht irgendwann eine menschliche Macht wieder das Recht für sich beansprucht, über den Wert oder Unwert einer Phase menschlichen Lebens zu befinden?

Verehrter Herr Bundespräsident!
Sehr geehrte Damen und Herren!

11. Treu zur Heimat und offen für Europa, der Vergangenheit verpflichtet und bereit für die Zukunft - das waren Stichpunkte meiner Gedanken, die ich Ihnen heute vorlegen wollte.

Bei allem Stolz, mit dem ich dankbar auf den reichen Schatz des Christentums blicke, bitte ich, dieses Erbe als Angebot zu verstehen, das die Kirche am Ende des zweiten christlichen Jahrtausends lebendig darstellen möchte. Niemand möchte die Universalisierung dieses Erbes als Sieg oder Bestätigung einer Überlegenheit werten. Das Bekenntnis zu bestimmten Werten soll lediglich auf das Bemühen hindeuten, am Aufbau einer wirklichen universalen menschlichen Gemeinschaft mitarbeiten zu wollen: einer Gemeinschaft, die keine Trennungslinien verschiedener Welten mehr kennt.

So wird es auch von uns Christen abhängen, ob Europa sich bei seinen zeitlichen Bestrebungen in sich und seine Egoismen einkapselt, wobei es auf seine Berufung und seine Rolle in der Geschichte verzichten würde, oder ob es in der Kultur des Lebens, der Liebe und der Hoffnung seine Seele wiederfindet.

Österreich im Herzen Europas hat Brückenfunktion.

Wie meine Aussage über den Menschen, so ist auch diese Feststellung nicht abstrakt, sondern sehr konkret: Ich wünsche Ihnen allen viel Mut zum Brückenbauen!

Predigt bei der Messe im Landhauspark in St. Pölten

“Der Geist des Herrn ruht auf mir: denn der Herr hat mich gesalbt” (Lk 4, 18).

1. Das ganze Leben Jesu steht unter dem Einfluß des Heiligen Geistes. Am Anfang ist er es, der die Jungfrau Maria im Geheimnis der Menschwerdung umschattet. Am Jordan ist es wieder der Geist, der auf Jesus herabkommt, während der Vater den geliebten Sohn bezeugt. Dann führt der Geist den Sohn in die Wüste. In der Synagoge von Nazareth bestätigt Jesus von sich selbst: “Der Geist des Herrn ruht auf mir” (Lk 4, 18).

Diesen Geist verspricht Jesus den Aposteln als fortwährenden Garanten seiner Gegenwart in ihrer Mitte. Am Kreuz gibt der Sohn den Geist an den Vater zurück (vgl. Joh 19, 30). So besiegelt er den Neuen Bund, der aus dem Osterereignis hervorgeht. Am Pfingsttag schließlich gießt er den Heiligen Geist über die Urgemeinde aus, um sie im Glauben zu festigen und die Apostel als lebendige und mutige Zeugen auf die Straßen der Welt hinauszusenden.

2. Von damals bis heute wird der mystische Leib Christi, seine Kirche, auf ihrem Weg durch die Zeit vom Wehen desselben Geistes angetrieben. Die Kirche erleuchtet die Geschichte mit dem glühenden Feuer des Wortes Gottes und reinigt die Herzen der Menschen mit den Strömen reinen Wassers, die aus ihrem Innern fließen (vgl. Ez 36, 25). So wird sie “das durch die Einheit des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes geeinte Volk” (Cyprian, De Dom. Orat., 23).

In dieser Gemeinschaft des dreifaltigen Gottes hat jeder Getaufte die Möglichkeit, unter “dem Gesetz des Geistes, der Leben in Christus Jesus schenkt” (Röm 8, 2) zu leben. Unter der Führung des Geistes tritt der Christ in den "geistlichen Raum" ein, in dem sich der Dialog mit Gott ereignet. Die Fragen, die der Mensch stellt, sind eigentlich Anrufe, die Gott im Innern des Menschen weckt: Woher komme ich? Wer bin ich? Wohin soll ich gehen?

Liebe Schwestern und Brüder! Ihr seid Gesprächspartner Gottes! Seit Ihr in der Taufe zu Christus gehört, hat Gott Euch in Christus zu seinen Söhnen und Töchtern adoptiert. Seid Euch dieser hohen Würde bewußt! Verspielt nicht diese große Ehre!

Gott hat mit jedem von Euch einen ganz persönlichen Plan. Sein Auge ist jedem liebend zugewandt. Er schenkt allen immer sein Ohr. Wie ein treusorgender und feinfühliger Vater ist Er Euch nahe. Er gibt Euch das, was Ihr zum neuen Leben braucht: Seinen Heiligen Geist.

3. Mit Eurer Eingliederung in die Kirche habt Ihr nicht nur den Namen “Christen”, “Gesalbte” erhalten, sondern auch die Salbung des Heiligen Geistes. Deshalb sollt Ihr nicht nur Christen heißen, sondern es in Wahrheit sein. Der Geist Gottes ruht auf Euch. Denn der Herr hat Euch gesalbt (vgl. Lk 4, 18).

Im neuen Leben, das der Taufe entspringt und sich durch das Wort und die Sakramente entfaltet, finden die Gnadengaben, die Ämter und die verschiedenen Formen des gottgeweihten Lebens ihre Nahrung. Schon der Völkerapostel Paulus hat im Blick auf die Gemeinde von Korinth festgestellt: “Es gibt verschiedene Gnadengaben, aber nur einen Geist” (1 Kor 12, 4).

Neue Berufungen sind auch heute möglich durch den Heiligen Geist. Dafür muß man eine Umgebung schaffen, die dem Hören auf Gottes Anruf förderlich ist. Große Bedeutung kommt dabei den Pfarrgemeinden zu. Wenn dort eine Haltung wahrer Treue zum Herrn gelebt wird und ein Klima tiefer Religiosität und ehrlicher Bereitschaft zum Zeugnis herrscht, ist es für einen Berufenen leichter, mit "Ja" zu antworten. Die Lebendigkeit einer Pfarrgemeinde wird ja nicht nur an der Anzahl ihrer Aktionen gemessen, sondern an der Tiefe ihres Gebetslebens. Das Hören auf Gottes Wort auf der einen und die Feier und Anbetung der Eucharistie auf der anderen Seite sind die beiden tragenden Säulen, die einer Pfarrgemeinde Halt und Festigkeit geben.

Das Klagen über den Mangel an Priestern und Ordensleuten hilft wenig. Berufungen sind menschlich nicht zu “machen”. Berufungen können aber von Gott erbeten werden. Mein Wunsch ist es, daß Ihr den Herrn der Ernte inständig und stetig um neue Berufungen zum Priestertum und zum gottgeweihten Leben bittet.

4. Als Jesus am Kreuz seinen Geist an den Vater zurückgab, machte er aus allen Jüngern “ein Reich von Priestern und ein heiliges Volk” (Ex 19, 6). Er baute sie zu einem “geistigen Haus” auf, “zu einer heiligen Priesterschaft, um geistige Opfer darzubringen, die Gott gefallen” (1 Petr 2, 5). Dies ist das gemeinsame Priestertum, zu dessen Dienst er die Zwölf berufen hat, daß sie “mit ihm seien” (Mk 3, 14). Dann sandte er sie aus, damit sie in seinem Namen und an seine Stelle handelten.

Durch das Amtspriestertum führt Christus bis heute seine Heilssendung ununterbrochen fort. Er hat dafür Bischöfe und Priester eingesetzt, die “in der Kirche und für die Kirche eine sakramentale Vergegenwärtigung Jesu Christi, des Hauptes und Hirten, sind; sie verkündigen mit Vollmacht sein Wort, sie wiederholen sein vergebendes Wirken und sein umfassendes Heilsangebot” (Apostolisches Schreiben Pastores dabo vobis, 15). Sie sind gesandt, um den Armen eine gute Nachricht zu bringen, um den Gefangenen die Entlassung zu verkünden und den Blinden das Augenlicht und um die Zerschlagenen in Freiheit zu setzen (vgl. Lk 4, 18). Das Amt in der Kirche ist also keine menschliche Errungenschaft. Es ist eine göttliche Stiftung.

Bei aller Anerkennung und Wertschätzung für die kostbaren Dienste der Laien in den Pfarrgemeinden darf man nicht vergessen: Im sakramentalen Bereich kann der Laie nie das ersetzen, was den Priester auszeichnet. Letztlich kann ein Priester nur von einem Priester ersetzt werden.

5. An dieser Stelle grüße ich Herrn Bischof Kurt Krenn, der zusammen mit seinem Weihbischof Heinrich Fasching nicht nur mit Sorgfalt dieses heutige Fest des Glaubens vorbereitet hat, sondern sich mit allen Kräften bemüht, auch in Zukunft den Gläubigen in den vielen Pfarren der ihm anvertrauten Diözese Sankt Pölten Priester zu senden. Ich grüße alle Brüder im Bischofsamt, besonders den Metropoliten, Herrn Kardinal Christoph Schönborn, und den Vorsitzenden der Österreichischen Bischofskonferenz, Bischof Johann Weber.

Ich freue mich, daß der verehrte Herr Bundespräsident Thomas Klestil bei dieser Feier unter uns ist. Mit ihm grüße ich die Vertreter des politischen und öffentlichen Lebens, die uns die Ehre ihrer Anwesenheit geben.

Wenn ich mich an die Priester und Diakone wende, verbinde ich damit ein Wort der Anerkennung und Dankbarkeit: Diese Gefühle weite ich auf alle geweihten Amtsträger aus, die in den verschiedenen Diözesen dieses Landes wirken. Wie in Sankt Pölten, so gibt es auch in den anderen Teilen Österreichs viele, die sich mit unermüdlicher Hingabe in der Seelsorge aufzehren und sich weder Krankheit noch fortgeschrittenem Alter beugen. Mit Bewunderung blicke ich ebenso auf jene Priester, die bereit sind, sich über die ihnen anvertrauten Pfarren hinaus auch um Nachbargemeinden zu kümmern, damit den Gläubigen die Heilsmittel nicht fehlen. Lob gebührt auch den vielen Ordensleuten, die sich in der Seelsorge einsetzen. Zudem möchte ich die Priester nicht vergessen, die aus anderen Ländern kommen; einige davon sind aus meiner Heimat. Sie alle leisten einen wertvollen Beitrag zur Pastoral.

Liebe Priester, die jungen Menschen schauen auf Euch. Sie sollen feststellen, daß Ihr trotz Eurer Arbeitslast frohe Diener des Evangeliums seid und in der Wahl Eurer Lebensform Erfüllung und Zufriedenheit findet. An Eurem Zeugnis sollen die jungen Menschen sehen: Das Priestertum ist kein Auslaufmodell, sondern eine Berufung mit Zukunft!

6. Wie sollte man hier nicht auch in Dankbarkeit gegenüber dem Heiligen Geist an die vielen Ordensgemeinschaften denken, die in der Geschichte gerade dieser Diözese für die Seelsorge so wichtig geworden sind! Liebe Brüder und Schwestern, ich grüße Euch aus ganzem Herzen. Ihr lebt nach den evangelischen Räten und bemüht Euch, durch Euer Verhalten den Weg zum Himmelreich zu weisen. Das gottgeweihte Leben gehört ins Herz der Kirche als ein Element, das für die Erfüllung ihrer Sendung entscheidend ist. Es drückt das Wesen christlicher Berufung und die Spannung der ganzen Kirche aus, die als Braut zur Vereinigung mit ihrem einzigen Bräutigam drängt.

7. Nicht vergessen möchte ich die christlichen Eheleute. Auch Eure Lebensform ist eine Berufung! Ich spreche Euch mein Lob aus und ermutige Euch in allen Euren Anstrengungen, aus der Gnade des Ehesakramentes zu leben. Eure Familien mögen “Hauskirchen” sein, in denen die Kinder lernen, den Glauben zu leben und zu feiern.

Ihr Väter und Mütter seid die erste Schule für Eure Kinder. Bemüht Euch um Eintracht im Hause, um den Geist des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe, um die regelmäßige Teilnahme am kirchlichen Leben, um Gelassenheit und Stärke bei der Lösung der täglichen Schwierigkeiten. Bittet den Herrn, daß Eure Kinder einmal den Weg wählen, den Gott mit ihnen plant! Laßt ihnen auch die Freiheit, in die radikale Nachfolge Jesu Christi zu treten, wenn sie Gottes Ruf dafür verspüren. Kinder sind kein Besitz. Sie sind Euch von Gott für eine bestimmte Zeit anvertraut. Eure Sendung besteht darin, sie in die Freiheit hineinwachsen zu lassen, aus der heraus sie sich verantwortlich binden können.

8. In den Familien entscheidet sich auch die Zukunft von Kirche und Gesellschaft. Neben den vielen pastoralen Initiativen und Hilfen erwähne ich besonders das Internationale Theologische Institut für Studien zu Ehe und Familie, das als junge Pflanze in Gaming eingesetzt wurde und von den Bischöfen Österreichs mitgetragen wird. Gebe Gott, daß daraus ein starker Baum werde, der viele Früchte zugunsten der Wertschätzung von Ehe und Familie hervorbringt.

9. Liebe Schwestern und Brüder!

“Wir wollen einander lieben; denn die Liebe ist aus Gott” (1 Joh 4, 7). Viele unserer Zeitgenossen haben Gott als Vater verloren. Deshalb fehlt ihnen auch die Muttersprache des Glaubens. Helfen wir ihnen, sich in das Alphabet des Glaubens einzulesen. Zuneigung, Anteilnahme und Liebe gehören in den religiösen Grundwortschatz, den jeder versteht. Darauf kann man eine Grammatik des Lebens aufbauen, die dem Menschen hilft, den Plan, den Gott mit ihm hat, im Heiligen Geist zu buchstabieren.

Lebt in Taten vor, was ihr mit Worten lehrt. Zeigt, daß eine Frucht des Geistes auch die Freude ist. An der Schwelle des dritten Jahrtausends muß der Gedanke wieder neu ins Bewußtsein rücken: Wie Gott mit jedem einen Plan hat, so hat er für jeden auch eine Sendung. Ihr seid nicht nur Nachlaßverwalter der Vergangenheit, sondern auch Wegbereiter einer Zukunft, in die der Heilige Geist die Kirche führt!

Euer Landespatron, der heilige Leopold, möge Euch Vorbild und Fürsprecher sein. Er war nicht nur Vater seiner Familie, sondern auch Landesvater. Sein Gedenkstein, den ich bei meinem letzten Pastoralbesuch in Österreich segnen durfte, steht heute hier in diesem neuen Regierungsviertel. Er soll Euch allen Ansporn und Ermutigung sein!

Wir schauen auf die heilige Jungfrau Maria, deren Leben ein Weg im Heiligen Geiste war.

Maria, Magna Mater Austriae, dir vertrauen wir die Sorge um die Berufungen in den Priester- und Ordensstand an.

Maria, Mutter Gottes, trete bei deinem Sohn für die Kirche in Österreich ein. Bewirke, daß ihr viele junge Menschen geschenkt werden, die bereit sind, sich für die Nachfolge Christi zu entscheiden und sich selbst hinzugeben für das Reich Gottes.

Maria, Mutter der Kirche, bitte für uns! Amen.

Sonntag, den 21. Juni 1998

Seligsprechung der Diener Gottes Restituta Kafka, Jakob Kern und Anton Maria Schwartz auf dem Wiener Heldenplatz

1. "Für wen halten mich die Leute?" (Lk 9, 18)

Diese Frage hat Jesus einmal seinen Jüngern gestellt, die mit ihm unterwegs waren. Auch den Christen auf den Straßen unserer Zeit legt Jesus die Frage vor: "Für wen halten mich die Leute?"

Wie vor fast zweitausend Jahren in einem versteckten Winkel der damals bekannten Welt, so scheiden sich auch heute an Jesus die Geister: Die einen billigen ihm die Fähigkeit prophetischer Rede zu. Andere halten ihn für eine großartige Persönlichkeit, ein Idol, das Menschen zu fesseln vermag. Wieder andere trauen ihm sogar zu, eine neue Epoche einzuleiten.

"Ihr aber, für wen haltet ihr mich?" (Lk 9, 20)

Die Frage kann man nicht neutral beantworten. Sie verlangt eine Grundsatzentscheidung und geht alle persönlich an. Auch heute stellt Jesus die Frage: Ihr Katholiken Österreichs, ihr Christen dieses Landes, ihr Bürgerinnen und Bürger, für wen haltet ihr mich?

Es ist eine Frage, die aus dem Herzen Jesu kommt. Wer sein eigenes Herz öffnet, der wünscht sich, daß das Gegenüber nicht nur mit dem Kopf antwortet. Die Frage aus dem Herzen Jesu muß uns selbst zu Herzen gehen: Wer bin ich für Euch? Was bedeute ich Euch? Kennt Ihr mich eigentlich? Bekennt Ihr Euch zu mir? Habt Ihr mich lieb?

2. Damals hat Petrus als Sprecher der Jünger geantwortet: Wir halten dich "für den Messias Gottes" (Lk 9, 20). Etwas ausführlicher gibt Matthäus das Bekenntnis des Petrus wieder: "Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes" (Mt 16, 16).

Heute bekennt der Nachfolger des Apostels Petrus, der ich durch Gottes Gnade bin, stellvertretend für Euch und gemeinsam mit Euch: Du bist der Messias Gottes. Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes.

3. Im Laufe der Jahrhunderte wurde immer wieder um das richtige Bekenntnis gerungen. Dank sei Petrus, dessen Worte einen Maßstab gesetzt haben!

An ihm müssen sich die Bemühungen messen lassen, mit denen die Kirche auf ihrem Weg durch die Zeit versucht auszudrücken, was ihr Jesus bedeutet. Dabei genügt das Lippenbekenntnis allein nicht. Die Kenntnis von Schrift und Tradition ist wichtig, das Studium des Katechismus ist wertvoll, aber was nützt das alles, wenn dem Glaubenswissen die Taten fehlen?

Das Christusbekenntnis ruft in die Christusnachfolge. Zum richtigen Bekenntnis muß das richtige Leben treten. Rechtgläubigkeit verlangt Glaubwürdigkeit. Diese anspruchsvolle Wahrheit hat Jesus den Seinen gegenüber von Anfang an nicht verschwiegen. Gerade hat Petrus ein außerordentliches Bekenntnis abgelegt. Im gleichen Atemzug müssen er und der ganze Jüngerkreis sich von Jesus erklären lassen, was ihr Meister sich von ihnen erwartet: "Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach" (Lk 9, 23).

Wie es am Anfang war, so ist es bis heute geblieben: Jesus Christus sucht nicht nur Menschen, die ihm zujubeln. Er sucht Menschen, die ihm nachfolgen.

4. Liebe Schwestern und Brüder! Wer die Geschichte der Kirche mit liebendem Auge betrachtet, darf dankbar entdecken, daß es trotz aller dunklen Punkte und Schattenseiten immer und überall Menschen gegeben hat und gibt, deren Leben neues Licht auf die Glaubwürdigkeit des Evangeliums wirft.

Heute wird mir die große Freude geschenkt, drei Christen aus der Kirche Eurer Heimat in das Buch der Seligen eintragen zu dürfen. Jeder von ihnen hat auf eigene Weise das Messiasbekenntnis mit dem persönlichen Lebenszeugnis eingelöst. Alle drei zeigen uns, daß mit "Messias" nicht nur ein Titel für Christus gemeint ist, sondern die Bereitschaft, an der messianischen Ordnung mitzuarbeiten: Große werden klein und Schwache kommen zum Zug.

Auf dem Heldenplatz, hier und heute, haben nicht die Helden der Welt das Wort, sondern die Helden der Kirche, drei neue Selige. Vor sechzig Jahren hat vom Balkon dieses Platzes aus ein Mensch für sich das Heil proklamiert. Die neuen Seligen haben eine andere Botschaft. Sie sagen uns: Nicht in einem Menschen liegt das Heil, sondern: Heil Christus, dem König und Erlöser!

5. Jakob Kern entstammt einer einfachen Wiener Arbeiterfamilie. Aus seinem Studium im Knabenseminar in Hollabrunn reißt ihn der erste Weltkrieg heraus. Eine schwere Kriegsverletzung macht sein kurzes Leben im Priesterseminar und im Prämonstratenser-Stift Geras zu einer, wie er selber sagt, "Karwoche". Um Christi willen hält er sein Leben nicht fest, sondern opfert es bewußt auf für andere. Zunächst wollte er Weltpriester werden. Doch ein Ereignis sollte für ihn andere Weichen stellen: Ein Prämonstratenser verläßt sein Kloster und schließt sich der neu entstandenen, von Rom getrennten tschechischen Nationalkirche an. In diesem traurigen Vorfall entdeckt Jakob Kern seine Berufung: Er will für den Ordensmann Sühne leisten. Gewissermaßen an seiner Stelle tritt Jakob Kern ins Kloster Geras ein. Gott hat das Geschenk des "Stellvertreters" angenommen.

Der selige Jakob Kern steht vor uns als Zeuge für die Treue zum Priestertum. Ursprünglich war es ein Kindertraum: Schon als kleiner Junge hat er Pfarrer gespielt. Im Laufe seines Lebens ist dieser Wunsch immer reifer geworden. Im Leiden geläutert, ging dem Ordensmann der tiefe Sinn priesterlicher Berufung auf: das eigene Leben mit dem Kreuzesopfer Christi zu vereinen und für das Heil anderer stellvertretend hinzugeben.

Möge der selige Jakob Kern, der ein lebensfroher, "farbtragender" Student war, vielen jungen Männern Mut machen, dem Ruf Christi zum Priestertum hochherzig zu folgen. Seine Worte von damals sind uns gesagt: "Heute braucht man mehr denn je ganze und heilige Priester. Jedes Gebet, jedes Opfer, jede Mühe und Plage werden, wenn mit der richtigen Intention verbunden, heiliges Saatgut Gottes, das früher oder später seine Frucht bringt".

6. In Wien hat sich vor hundert Jahren Pater Anton Maria Schwartz vom Los der Arbeiter anrühren lassen. Vor allem den jungen Menschen in der Ausbildung, den Lehrlingen, widmet er sein Leben. Seine Herkunft aus ärmlichen Verhältnissen vergißt er nie, so daß ihn mit den Bedürftigen aus dem Arbeitermilieu eine Herzensverwandtschaft verbindet. Um ihnen zu helfen, gründet er die "Kongregation der frommen Arbeiter" nach der Regel des heiligen Josef von Kalasanz, die bis heute blüht. Eine große Sehnsucht erfüllt ihn: eine Gesellschaft im Umbruch zu Christus zurückzuführen und sie in Christus zu erneuern. Er hat Verständnis für die Not der Lehrlinge und Arbeiter, denen oft Halt und Orientierung fehlt. Mit Phantasie und Liebe wendet er sich ihnen zu. Er findet Mittel und Wege, "die erste Arbeiterkirche Wiens" zu bauen. Verborgen und bescheiden, ohne sich abzuheben zwischen Häusern mit kleinen Wohnungen, gleicht das Gotteshaus dem Wirken dessen, der es errichtet und vierzig Jahre lang mit Leben erfüllt hat.

Am "Arbeiterapostel" Wiens schieden sich aber auch die Geister. Vielen ging sein Einsatz zu weit. Andere schlugen ihn für höchste Auszeichnungen vor. Pater Schwartz blieb sich treu und scheute nicht davor zurück, auch mutige Schritte zu wagen. Mit seinen Forderungen nach Ausbildungsplätzen für Jugendliche und nach einem arbeitsfreien Sonntag ist er bis in den Reichstag vorgedrungen.

Er hinterläßt uns eine Botschaft: Unternehmt alles, was Euch möglich ist, um den Sonntag zu schützen! Zeigt, daß dieser Tag zu Recht arbeitsfrei bleiben muß, weil er als Tag des Herrn gefeiert wird! Helft vor allem den Jugendlichen, denen das Recht auf Arbeit vorenthalten wird! Wer dafür sorgt, daß die Jugend von heute Brot hat, der trägt dazu bei, daß die Erwachsenen von morgen ihren Kindern Sinn vermitteln können. Ich weiß, daß es dafür keine einfachen Lösungen gibt. Deshalb wiederhole ich ein Wort, unter das der selige Pater Schwartz seine vielfältigen Bemühungen gestellt hat: “Wir müssen mehr beten”.

7. Schwester Restituta Kafka war noch nicht volljährig, als sie den Wunsch äußerte, ins Kloster zu gehen. Die Eltern sind dagegen. Aber die junge Frau hält unbeirrt an ihrem Ziel fest, "aus Liebe zu Gott und den Menschen" Schwester zu werden. Besonders in den Armen und Kranken möchte sie Christus dienen. Bei den "Franziskanerinnen der christlichen Liebe" findet sie den Weg, ihre Berufung im nüchternen, oft harten Spitalsalltag zu leben. Mit Leib und Seele Krankenschwester, wird sie in Mödling bald zur Institution. Ihre fachliche Kompetenz, ihre Durchsetzungskraft und ihre Herzlichkeit tragen dazu bei, daß sie von vielen nicht mehr Schwester Restituta, sondern Schwester Resoluta genannt wird.

Ihr Mut und ihre Unerschrockenheit lassen sie auch vor der nationalsozialistischen Herrschaft nicht schweigen. Schwester Restituta setzt sich über das Verbot der politischen Führung hinweg und läßt in allen Krankenzimmern Kreuze anbringen. Am Aschermittwoch 1942 wird sie von der Gestapo abgeholt. Im Gefängnis beginnt für sie eine mehr als einjährige "Fastenzeit", die am 30. März 1943 auf dem Schafott endet. Als letzte Worte sind uns überliefert: "Für Christus habe ich gelebt, für Christus will ich sterben".

An der seligen Schwester Restituta können wir ablesen, zu welchen Höhen innerer Reife ein Mensch an der Hand Gottes geführt werden kann. Für das Bekenntnis zum Kreuz hat sie ihren Kopf hingehalten. Sie hat es im Herzen bewahrt und vor der Hinrichtung noch einmal leise ausgesprochen, als sie den Gefängnispfarrer um ein "Kreuzerl auf die Stirne" bat.

Man kann uns Christen vieles nehmen. Aber das Kreuz als Zeichen des Heils lassen wir uns nicht nehmen. Lassen wir nicht zu, daß man es aus der Öffentlichkeit entfernt! Hören wir auf die Stimme des Gewissens, die uns sagt: "Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen!" (Apg 5, 29).

8. Liebe Schwestern und Brüder! Die heutige Feier bekommt eine europäische Note. Neben dem verehrten Herrn Bundespräsidenten der Republik Österreich, Herrn Thomas Klestil, geben uns auch Vertreter des politischen Lebens aus dem In- und Ausland die Ehre ihrer Anwesenheit. Ich grüße sie herzlich und mit ihnen die Völker, die Sie vertreten.

In der Freude, daß uns heute drei neue Selige geschenkt wurden, wende ich mich an alle Schwestern und Brüder des Volkes Gottes, die hier versammelt sind oder sich über Radio und Fernsehen mit uns verbunden haben. Ich grüße den Oberhirten der Erzdiözese Wien, Herrn Kardinal Christoph Schönborn, und den Vorsitzenden der Österreichischen Bischofskonferenz, Herrn Bischof Johann Weber, sowie alle Brüder im Bischofsamt, die aus nah und fern zum Heldenplatz gekommen sind. Nicht vergessen möchte ich die vielen Priester und Diakone, die Ordensleute und die pastoralen Mitarbeiter der Pfarren und Gemeinschaften.

Liebe Jugendliche! Einen besonderen Gruß schulde ich heute Euch. Ich freue mich, daß Ihr in so großer Zahl anwesend seid. Wieviele von Euch sind von weither gekommen! Ich meine das nicht nur geographisch ... Aber Ihr seid da: das Geschenk der Jugend, auf die das Leben wartet!

Die drei Helden der Kirche, die wir gerade in das Buch der Seligen eingeschrieben haben, können Euch eine Lebenshilfe sein: der junge Jakob Kern, der gerade in seiner Krankheit das Vertrauen der Jugend gewann; Pater Anton Maria Schwartz, der es verstand, die Herzen der Lehrlinge zu erreichen; Schwester Restituta Kafka, die den Mut aufbrachte, für ihre eigene Meinung einzustehen.

Sie waren keine "fotokopierten Christen", sondern jeder für sich ein Original, unauswechselbar und einzigartig. Sie haben angefangen wie Ihr: als junge Menschen, voller Ideale und auf der Suche nach einem Sinn, für den es sich zu leben lohnt.

Noch etwas macht die drei neuen Seligen so anziehend: Ihre Lebensgeschichten zeigen uns, wie sie als Persönlichkeiten nach und nach gereift sind. Auch Euer Leben ist noch keine reife Frucht. Deshalb kommt es darauf an, daß Ihr das Leben pflegt, damit es zur Blüte und Reife kommen kann. Nährt es mit dem Saft des Evangeliums! Haltet es Christus hin, der Sonne des Heiles! Pflanzt das Kreuz in Eurer Leben ein - das Kreuz als wahren Baum des Lebens!

9. Liebe Schwestern und Brüder! "Ihr aber, für wen haltet ihr mich?"

Wir werden in wenigen Augenblicken das Glaubensbekenntnis beten. In diesem Bekenntnis, mit dem wir uns in die Gemeinschaft der Apostel und der Überlieferung der Kirche sowie in die Schar der Heiligen und Seligen stellen, soll auch unsere persönliche Antwort vorkommen. Die Überzeugungskraft der Botschaft ist auch an die Glaubwürdigkeit ihrer Botschafter gebunden. Deshalb fängt die Neuevangelisierung bei uns selber an, bei unserem Lebensstil.

Die Kirche von heute braucht keine Teilzeitkatholiken, sondern Vollblutchristen! Die drei neuen Seligen waren es. An ihnen können wir Maß nehmen.

Danke, seliger Jakob Kern, für Deine priesterliche Treue!

Danke, seliger Pater Anton Maria Schwartz, für Deine Begleitung der Arbeiter!

Danke, selige Schwester Restituta Kafka, für Dein Schwimmen gegen den Strom der Zeit!

Ihr Heiligen und Seligen Gottes, bittet für uns. Amen.

Angelus in Wien - Heldenplatz

Liebe Schwestern und Brüder!

Am Ende dieser erhebenden Feier wenden sich unsere Gedanken Maria zu, der Magna Mater Austriae. Seit Jahrhunderten bis heute stellt sich das österreichische Volk unter ihren Schutz und Schirm. Auch die drei neuen Seligen haben sich selbst und ihre Anliegen ihrer mütterlichen Fürbitte anvertraut. Sie haben das Jawort, das Maria auf die Botschaft des Engels gab, für ihre eigene Sendung nachgesprochen:

Der selige Pater Anton Maria Schwartz hat "ja" gesagt zu den täglichen Herausforderungen, die er durch die Seelsorge an den Arbeitern kennenlernte.

Der selige Priester Jakob Kern hat "ja" gesagt zu Krankheit und Leid, die ihm in jungen Jahren auferlegt wurden.

Die selige Schwester Restituta Kafka hat "ja" gesagt zum Kreuz, das für sie nicht nur ein Schmuckstück war, sondern zur Lebensform wurde.

Die drei neuen Seligen mögen Euch allen Vorbild und Ansporn sein, "ja" zu sagen zu dem Weg, den Gott mit Euch gehen will.

Angelus Domini ...

Ansprache beim Treffen mit österreichischen Bischöfen im Erzbischöflichen Palais

Meine lieben bischöflichen Mitbrüder!

1. Ich bin dankbar, daß uns diese Begegnung als Möglichkeit geschenkt wird, um im kleinen Kreis über die Verantwortung nachzudenken, die wir als Nachfolger der Apostel auf unseren Schultern tragen. Von Herzen grüße ich Euch alle als Gemeinschaft und jeden einzelnen. Ich mache mir die Worte des heiligen Petrus zu eigen: "Gottes Macht behütet Euch durch den Glauben [...]. Deshalb seid ihr voll Freude, obwohl Ihr jetzt vielleicht kurze Zeit unter mancherlei Prüfungen leiden müßt" (1 Petr 1, 5-6).

2. Ihr seid unter vielerlei Hinsicht geprüft worden. Selbst wenn dies nicht der Augenblick ist, um eine allgemeine Wertung vorzunehmen, möchte ich Euch dennoch versichern, daß ich Euch in dieser ganzen Zeitspanne mein besonderes Gebetsgedenken geschenkt habe. Als Wegbegleiter in bedrängter Zeit hat mein Herz in Rom unablässig für Euch geschlagen, denen die Hirtensorge in diesem geschätzten Land übertragen ist. Wenn ich vor dem Allerheiligsten innehielt, habe ich Euch oft vor den Herrn getragen und dabei die Priester, Diakone und Mitarbeiter in der Seelsorge sowie die Euch anvertrauten Männer und Frauen, Alt und Jung, Glaubende, Zweifelnde und Verunsicherte eingeschlossen. Diese ständige Nähe im Geist kann ich nun durch meine Anwesenheit bei Euch auch sichtbar unter Beweis stellen. So sollt Ihr noch mehr spüren, mit welcher Anteilnahme ich Euch zur Seite stehe. Ja, ich verstehe mich als "Helfer zu Eurer Freude" (2 Kor 1, 24).

Auf unserem persönlichen Weg ebenso wie auf den Straßen, die sich die Kirche durch die Geschichte bahnt, gibt es Strecken, auf denen es schwer fällt, von der Freude zu künden. Es gibt Momente, in denen sich durch das Gestrüpp dorniger Probleme die Ausübung unseres Amtes auch deshalb als besonders schwierig erweist, da es Mißverständnissen und falschen Deutungen ausgesetzt ist. Wie bedrückend Erfahrungen solcher Art auch empfunden werden, so stehen wir doch unter dem gemeinsamen Auftrag, "Freudenboten" (Röm 10, 15) zu sein für Kirche und Welt, mithin für alle, die sich Großes erwarten vom anbrechenden dritten Jahrtausend. In Zeiten, in denen die Würde des Bischofsamtes in erster Linie als Bürde auf unseren Schultern lastet, empfiehlt es sich, das Herz und die Gedanken in dankbarer Erinnerung an den Anfang zurückwandern zu lassen, um dadurch die Gnade wieder zu entfachen, die uns durch die Handauflegung zuteil geworden ist. Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit (vgl. 2 Tim 1, 6-7).

3. Wenn wir an den Tag zurückdenken, an dem wir durch die Handauflegung zunächst in den priesterlichen und dann in den bischöflichen Dienst eingeweiht wurden, dann wird in uns das beredte Zwiegespräch lebendig, in dem wir vor dem Empfang der Weihe dem Bischof gegenüber unser Adsum gesprochen haben: Hier bin ich. Ich bin bereit. In diesem Zwiegespräch hatten nicht wir selbst das erste Wort. Unser Part lag in der hochherzigen Antwort: Ich bin bereit, mich in den Dienst Gottes zu stellen mit meinen Anlagen und Fähigkeiten, mit meinen Hoffnungen und meinem Bemühen, mit meinem Licht und meinem Schatten. Alles haben wir mitgebracht, als wir freudig Adsum sagten.

Dieses Wort der Bereitschaft, das jeder unverwechselbar in seinem eigenen Namen öffentlich ausgesprochen hat, bekam für mich noch eine besondere Bedeutung, als ich es als junger Bischof auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil gemeinsam mit den anderen Mitgliedern der ökumenischen Versammlung wiederholt habe: Adsumus, Domine, Sancte Spiritus! Hier sind wir, Herr, Heiliger Geist! So haben wir alle Sitzungen des Konzils begonnen. In diesem Gebet habe ich erfahren und begriffen, daß das persönliche Adsum in das Adsumus der Gemeinschaft eingebettet ist. Wie Jesus Christus selbst seine Apostel persönlich beim Namen gerufen und sie zugleich als "die Zwölf" eingesetzt hat (vgl. Mk 3, 13- 19), so bilden bis heute die Berufung des Herrn und die hochherzige Antwort des einzelnen die Grundlage für unsere persönliche Hingabe und für die Bildung einer unverbrüchlichen Gemeinschaft, die durch Handauflegung und Gebet besiegelt wird. Der Ruf des Herrn und die Sendung zum gemeinsamen Werk stiften Gemeinschaft. Denn von den Ursprüngen der Kirche an ist der Hirtendienst nicht nur einzelnen individuell aufgetragen, sondern jedem von ihnen als Teil einer Gemeinschaft, die Kollegium heißt. Mit Recht können wir deshalb sprechen: Adsumus. Wir sind bereit. Ein Bischof allein verwirklicht den Plan Christi nicht. Die Bischöfe in Einheit untereinander mit Christus in ihrer Mitte bilden das volle Subjekt des Hirtendienstes in der Kirche, wie es dem Plan ihres Stifters entspricht.

4. Bei der gegenseitigen Verwiesenheit, in der Adsum und Adsumus zueinander stehen, ist es geboten, diese enge Verbindung noch etwas näher auszuleuchten, um ihre Bedeutung für unsere Tage zu erhellen. Wie jede Gemeinschaft Raum gewähren muß für die Entfaltung des einzelnen, so hat innerhalb des Adsumus auch das unverwechselbare Adsum sein Recht und seinen Platz. Denn bei aller Gemeinsamkeit bedarf es der Ehrfurcht vor der je eigenen Berufung und Sendung. Im Raum des Gemeinsamen soll der einzelne Bischof sich selbst entfalten und die eigene seelsorgerliche Verantwortung wahrnehmen können. Abgesehen von den Unterschieden an Fähigkeiten und Charakteren, die sie in ihr bischöfliches Wirken einbringen, haben die einzelnen Bischöfe ja eine ihnen eigene Vollmacht inne und heißen daher mit Recht Vorsteher des Volkes, das sie leiten (vgl. Lumen gentium, 27). Diese Vollmacht, die sie im Namen Christi persönlich ausüben, ist jedoch nicht auf das Herrschen ausgerichtet, sondern nimmt Maß am Beispiel des guten Hirten, der nicht gekommen ist, sich bedienen zu lassen, sondern zu dienen (vgl. Mt 20, 28). Jedem Bischof ist deshalb das Wort des heiligen Petrus gesagt: "Seid nicht Beherrscher Eurer Gemeinden, sondern Vorbilder für die Herde!" (1 Petr 5, 3).

Wenn das Adsumus gebührend Raum für das Adsum des einzelnen läßt, muß es gleichzeitig geprägt sein vom Bemühen aller um Einheit. Andernfalls zerfällt das einzige Lehramt Jesu Christi in ein Vielerlei einzelner Stimmen. Anstelle eines symphonischen Zusammenklangs entsteht ungeordneter Lärm. Das ist denen nicht angemessen, die gemeinsam in der langen Reihe apostolischer Sukzession stehen, deren Anfang im Herrn der Kirche selbst liegt. Das innige Band des einzelnen mit Christus bedeutet Verpflichtung aller füreinander. Deshalb gehört es zum bischöflichen Wirken, einander Beistand zu leisten, Beistand im pastoralen Dienst, Beistand im brüderlichen Austausch, Beistand im öffentlichen Leben und nicht zuletzt Beistand im Gebet füreinander. Denn es tut jedem gut zu wissen, daß er nicht allein steht. Eine wertvolle Hilfe ist dabei das Organ der Bischofskonferenz, die nach dem Wunsch des Zweiten Vatikanischen Konzils durch den Austausch von Kenntnissen und Erfahrungen und durch gegenseitige Beratung unter den Bischöfen "ein heiliges Zusammenwirken der Kräfte zum gemeinsamen Wohl der Kirchen" fördern soll (Christus Dominus, 37). Als Hirten der Euch anvertrauten Herden steht Ihr ja gemeinsam vor Gott, aneinander gebunden in der bischöflichen Gemeinschaft, in die jeder sich selbst unverwechselbar einbringt. Ein schönes Zeichen, daß Ihr in Eurer jeweiligen Diözese das in Österreich pilgernde Gottesvolk gemeinsam begleitet, könntet Ihr dadurch setzen, daß Ihr Euch miteinander als Bischofskonferenz für einige Tage zurückzieht und auf den Weg geistlicher Exerzitien begebt.

5. Das Adsumus auf dem Konzil war nicht nur Gebet, sondern gleichzeitig Programm. Wie sich die Bischöfe zu ihren Beratungen als Gebetsgemeinschaft versammelten, so stellten sie sich auch als Dialoggemeinschaft unter den Schutz und Beistand des Heiligen Geistes. So ist es nicht verwunderlich, daß die Beziehung des dreifaltigen Gottes zum Menschen wiederholt als dialogisches Geschehen umschrieben wurde (vgl. Gaudium et spes, 19; Dei Verbum, 8. 21. 25). Im Licht des Heilsgeheimnisses vollzieht sich dann die Sendung der Kirche als dialogische Vermittlung. In Christus, dem einzigen Mittler zwischen Gott und Mensch, findet die Kirche, sein mystischer Leib, ihren Platz als umfassendes Heilssakrament für die Welt (vgl. Lumen gentium, 1. 9. 48. 59; Gaudium et spes, 42. 45; Ad gentes, 15; Sacrosanctum Concilium, 5. 26).

So ist es der Kirche aufgetragen, sowohl nach innen als auch nach außen einen "Dialog des Heiles" zu pflegen, damit alle in ihr “den unergründlichen Reichtum Christi” (Eph 3, 8) finden können. Für diesen Dialog habe ich mich von Anfang meines Pontifikates an eingesetzt und versucht, während meiner bald zwanzigjährigen Amtszeit zu seinem Gelingen beizutragen (vgl. Enzyklika Redemptor hominis, 4). Dabei möchte ich an meinen Vorgänger seligen Angedenkens Papst Paul VI. erinnern, der seine erste Enzyklika Ecclesiam suam dem Thema des aufrichtigen Dialogs gewidmet und im Verlauf seines Pontifikats kompetente und wirkungsvolle Dialogorgane eingeführt hat. Ich war in diesen Jahren bestrebt, mich der bestehenden Einrichtungen zu bedienen, um das Gespräch besonders auf den Gebieten anzustoßen, auf denen es etwas ins Stocken geraten war (vgl. zuletzt Enzyklika Ut unum sint, 28- 39).

Mit Anerkennung und Dankbarkeit blicke ich auch auf die zahlreichen Strukturen, die dem Dialog der Kirche nach innen und nach außen auf vielen Feldern eine Form geben und ihn so fruchtbar werden lassen. Auch Ihr habt Euch, liebe Brüder, auf der Ebene Eurer Bischofskonferenz zu einer Initiative entschlossen, die den Dialog anregen und vertiefen soll. Im Dialog für Österreich wollt Ihr die Ortskirchen, denen Ihr vorsteht, die Orden, die geistlichen Gemeinschaften, Bewegungen und Gruppen miteinander ins Gespräch bringen. Zu diesem Zweck habt Ihr den Kreis der möglichen Dialogteilnehmer sehr weit gezogen und Euch an Pfarrgemeinderäte und apostolische Gruppen, an öffentliche Körperschaften und Verbände, an Einzelpersonen und Gemeinschaften gewandt (vgl. Grundtext zum “Dialog für Österreich”, S. 3).

6. Mit dieser Initiative zum Dialog, aus dem Ihr niemand ausschließen wollt, beabsichtigt Ihr, nicht nur eine heute allgemein gepflegte Umgangsform oder eine neutrale Methode zu fördern, um das Zusammentreffen verschiedener Menschen zu erleichtern. Die Palette der Gesprächsformen ist breit. Sie kennt freundschaftlichen Gedankenaustausch, sachliche Erörterung, wissenschaftliche Diskussion oder Prozesse gesellschaftlicher Konsensbildung. Auch wenn das Wort Dialog in den letzten Jahrzehnten unter mancherlei Mißverständnis und Entstellung zu leiden hatte, darf man es dennoch nicht von seinem Mißbrauch her bestimmen. Der Dialog, den die Kirche führt und zu dem sie einlädt, ist niemals nur eine harmlose Form des Sich-Öffnens auf die Welt hin oder gar eine Spielart oberflächlicher Anpassung. Vielmehr wird damit ein Sprechen und Handeln beschrieben, das vom Tun Gottes gehalten und vom Glauben der Kirche geprägt ist. In diesem Sinn soll der Dialog für Österreich ein “Dialog des Heiles” werden, der dann zu flach geriete, würde er sich mit einem ausschließlich horizontalen Verlauf begnügen und auf den Austausch von Standpunkten im Sinne eines anregenden Miteinanderredens beschränken. Vielmehr wird er eine vertikale Dimension anstreben, die ihn auf den Erlöser der Welt und Herrn der Geschichte hinlenkt, der uns mit Gott und untereinander versöhnt (vgl. Enzyklika Ut unum sint, 35).

7. Ein solcher Dialog ist für alle Beteiligten eine Herausforderung, wirlich eine Art geistliches Experiment. Es geht darum, auf den anderen zu hören und sich im persönlichen Zeugnis selbst zu öffnen, aber auch im Wagnis zu lernen, den Ausgang des Dialogs Gott zu überlassen. Im Unterschied zu einem Gespräch lockerer Fügung zielt der Dialog auf das gemeinsame Finden und Anerkennen der Wahrheit. Wie oft habt Ihr als Hirten versucht und seid bis heute dabei, die Euch anvertrauten Priester und Laien mit Hilfe des geduldigen Gesprächs in Liebe zur Wahrheit zu führen. Ihr wißt aus Erfahrung, daß ein geglückter Dialog einem zuvor bestehenden offenen Problem oder einer Streitfrage ein Ende zu setzen vermag. Zugleich kennt Ihr aber auch die mitunter schmerzliche Kehrseite Eurer Bemühungen: Statt Wahrheitsfindung und Verständigung kommt das Gespräch nicht über einen substanzlosen Diskurs hinaus, der letztlich an der Wahrheit uninteressiert ist.

Eine solche Konzeption entspricht dem Dialog des Heiles nicht. Dieser steht für alle Beteiligten immer unter dem Wort Gottes. Deshalb setzt er ein Minimum an vorgängiger Kommunikationsgemeinschaft und fundamentaler Gemeinsamkeit voraus. Es ist der lebendig überlieferte Glaube der Gesamtkirche, der für alle Partner die Grundlage des Dialogs bildet. Wer diese gemeinsame Basis preisgibt, nimmt jedem Gespräch in der Kirche die Voraussetzung, zum Dialog des Heiles zu werden. Darum wird es immer wieder darauf ankommen, in Erfahrung zu bringen, ob ein bestimmter Dissens möglicherweise auf grundlegende Differenzen zurückzuführen ist. Ist dies der Fall, müssen solche Differenzen im Vorfeld gelöst werden. Ansonsten droht der Dialog entweder in Unverbindlichkeit zu verflachen oder sich in marginalen Spitzfindigkeiten zu verflüchtigen. Jedenfalls kann keiner in ehrlicher Weise eine Rolle in einem dialogischen Prozeß übernehmen, wenn er nicht bereit ist, sich der Wahrheit auszusetzen und immer mehr in sie hineinzuwachsen.

Öffnung gegenüber der Wahrheit bedeutet Bereitschaft zur Umkehr. Darum wird der Dialog nur dann zur Wahrheit führen, wenn er über den erforderlichen Sachverstand hinaus von Aufrichtigkeit und Freimut, von Aufnahmebereitschaft im Hören der Wahrheit und vom Willen zur Selbstkorrektur gehalten wird. Ohne Bereitschaft, sich zur Wahrheit bekehren zu lassen, verkümmert jeder Dialog. Ein fauler Kompromiß wäre ein Hohn auf ihn. Deshalb muß gewährleistet sein, daß die Zustimmung der Redenden nicht bloß vorgetäuscht oder erschlichen ist, sondern aus deren Herzen kommt. In diesem Zusammenhang trifft Euch Bischöfe die Aufgabe der Unterscheidung, wodurch Ihr zu “Mitarbeitern für die Wahrheit” werdet (3 Joh 8).

8. Der Dialog des Heiles ist ein spirituelles Unternehmen: Er vertieft die Einsicht in den Reichtum der kirchlichen Gemeinschaft und die Geheimnishaftigkeit des Glaubens. So eröffnet er denen, die sich ehrlich darauf einlassen, einen fruchtbaren Raum der Kommunikation in der einen Wahrheit. Die Beteiligten erfahren ihn als geistlichen “Austausch von Gaben und Geschenken” (Lumen gentium, 13). Wird der Dialog nach innen überzeugend geführt, bleibt auch seine Wirkung nach außen nicht aus. So ist der Dialog ein pastorales Mittel und dient der Evangelisierung. Denn einem Dialog mit Profil wird es an Strahlkraft nicht mangeln. Selbstverständlich wird er in Ehrlichkeit zu führen sein. Bei aller Offenheit soll das kirchliche Bekenntnis dabei seine Entschiedenheit bewahren. Dialogpartner mit klaren Konturen haben eine hohe Chance, sich verständlich zu machen und dafür auf ehrlichen Respekt zu stoßen, selbst wenn der Dialog in der Sache streckenweise hart und mühsam sein mag und sich das Gegenüber wenigstens zum gegebenen Zeitpunkt nicht in der Lage sieht, den angebotenen Standpunkt anzunehmen.

9. Wenn ich zum Dialog ermutige, steht außer Zweifel, daß ich damit nicht einfach meine, wir sollten noch mehr reden. Es wird ja in unserer Zeit sehr viel gesprochen, und doch verbessert dies die gegenseitige Verständigung oft nicht. Leider gibt es auch das Scheitern des Dialogs. Deshalb möchte ich auf zwei Gefährdungen besonders hinweisen, die Euch sicher nicht unbekannt sind.

Die erste Gefahr liegt im Machtanspruch. Er entsteht dort, wo sich Gesprächspartner nicht mehr vom Verstehenwollen leiten lassen, sondern den Raum des Dialogs einzig und allein für sich beanspruchen. Prägt sich diese Linie ein, findet bald kein offener Austausch mehr statt. Die bereichernde Andersheit wird zum kämpferischen Gegensatz, der die Bühne der eigenen monologischen Selbstdarstellung sucht. Zwischen die Gesprächspartner tritt eine kalte Mauer, die in sich geschlossene Welten voneinander trennt. In das redliche gemeinsame Ringen um die Wahrheit mischen sich Ansprüche, Drohungen und Diktate. Dies widerspricht dem Sinn des Heilsdialogs, der im Glaubenden die Bereitschaft beansprucht, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die ihn erfüllt. Dabei soll er sich an die Weisung des Apostels Petrus erinnern, der darauf hingewiesen hat, bescheiden und ehrfürchtig zu bleiben (vgl. 1 Petr 3, 15f.).

Eine weitere Gefahr liegt in dem Umstand, daß am laufenden Dialog die öffentliche Meinung beteiligt ist. Die Kirche unserer Zeit möchte immer mehr eine "gläserne Kirche" sein, transparent und glaubwürdig. Das ist nur zu begrüßen. Wie aber jedes Haus besondere Räume kennt, die nicht allen Gästen von Anfang an zugänglich sind, so darf und soll es auch im häuslichen Dialog der Kirche Räume zu Gesprächen hinter verschlossenen Türen geben, was nichts mit Geheimhaltung, sondern mit gegenseitigem Respekt zum Nutzen der Sache zu tun hat, die untersucht wird. Das Gelingen des Dialogs ist nämlich gefährdet, wenn er sich vor einer unzureichend qualifizierten oder zu wenig vorbereiteten Öffentlichkeit und unter nicht immer unparteiischem Einsatz der Massenmedien abspielt. Eine voreilige oder unangemessene Befassung der Öffentlichkeit kann einen an sich hoffnungsvollen Dialogprozeß empfindlich stören.

Angesichts dieser Gefährdungen wird es Euch ein Anliegen sein, mit Einfühlsamkeit und Ehrfurcht Eure Dialoge des Heiles fortzuführen. Die Kirche in Österreich soll immer mehr “Zeichen jener Brüderlichkeit [sein], die einen aufrichtigen Dialog ermöglicht und gedeihen läßt. Das aber verlangt von uns, daß wir vor allem in der Kirche selbst, bei Anerkennung aller rechtmäßigen Verschiedenheit, gegenseitige Hochachtung, Ehrfurcht und Eintracht pflegen, um ein immer fruchtbareres Gespräch zwischen allen in Gang zu bringen, die das eine Volk Gottes bilden, Geistliche und Laien. Stärker ist, was die Gläubigen eint als was sie trennt. Es gelte im Notwendigen Einheit, im Zweifel Freiheit, in allem die Liebe” (Gaudium et spes, 92).

Liebe Brüder im Bischofsamt!

10. Nachdem ich Euch heute ein wenig mein Herz geöffnet und Euch meine Anliegen und Sorgen im Hinblick auf die Kirche in Eurem geschätzten Land mitgeteilt habe, schließe ich mit dem Aufruf: Gebt dem Heiligen Geist in Euch Raum! Ahmen wir Maria nach, deren ganzes Leben ein Dialog des Heiles war. Im Heiligen Geist hat sie das Wort empfangen, damit es Fleisch werden konnte. Lernen wir von ihr, die still und schweigend bis zum Äußersten unter dem Kreuz stand, als Er Seinen Geist für uns Menschen dahingab. Schauen wir auf sie, die unter den Aposteln betend zugegen war, als diese auf die junge Kirche den Heiligen Geist herabbeteten. Die Jungfrau Maria ist nicht nur unsere Fürsprecherin, sondern Modell für ein Leben im Heiligen Geist. Von ihr können wir lernen, was Mitwirkung am Heil der Welt bedeutet. So werden wir zu Helfern für die Freude und zu Mitarbeitern der Wahrheit. Wie Maria sich als “Magd des Herrn” (Lk 1, 38) verstand, so sollen auch wir uns stets bewußt bleiben, daß wir bescheidene “Diener Christi” und treue “Verwalter von Geheimnissen Gottes” sind (1 Kor 4, 1).

Ich lege Euch die Bitte ans Herz: Gebt den Dialog nicht auf! Auch in Zukunft werde ich Euch im Gebet nahe sein: Laß alle eins sein, damit Österreich glaube! Mit diesem Wunsch erteile ich Euch von Herzen den Apostolischen Segen.

Besuch im Hospiz Rennweg in Wien

An die geliebten Schwestern und Brüder im Caritas Socialis Hospiz Rennweg und an alle, die in der Welt der Krankheit und des Leidens leben und arbeiten

1. Im Namen unseres Herrn Jesus Christus, der "unsere Krankheiten getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen hat" (Jes 53, 4), grüße ich Euch mit tiefer Zuneigung. Meinem Pastoralbesuch in Österreich würde etwas Wesentliches fehlen, wäre mir nicht die Gelegenheit zur Begegnung mit Euch Kranken und Leidenden geschenkt. Ich wende mich mit dieser Botschaft an Euch und nütze zugleich die Gelegenheit, um allen, die in den Krankenhäusern, Kliniken, Altenheimen und Hospizen hauptberuflich oder ehrenamtlich tätig sind, meine tiefe Anerkennung für ihren aufopferungsvollen Dienst auszudrücken. Meine Anwesenheit und mein Wort sollen sie in ihrem Einsatz und ihrem Zeugnis stützen. An einem Tag wie heute, an dem ich meine Schritte in das Caritas Socialis Hospiz setzen darf, ist es mir ein Anliegen darzulegen, daß die Begegnung mit dem menschlichen Leid eine Frohe Botschaft in sich birgt. Denn das "Evangelium vom Leiden" (Apostolisches Schreiben Salvifici doloris, 25) ist nicht nur in den Heiligen Schriften aufgezeichnet, sondern wird an einem Ort wie diesem täglich neu geschrieben.

2. Wir leben in einer Gesellschaft, in der Schmerz, Leid, Krankheit und Tod gern aus dem persönlichen und öffentlichen Bewußtsein verdrängt werden. Gleichzeitig jedoch wird das Thema in der Presse, im Fernsehen und auf Tagungen vermehrt aufgegriffen. Die Verdrängung des Sterbens zeigt sich auch darin, daß viele Patienten in Krankenhäusern oder anderen Institutionen außerhalb ihres gewohnten Lebensbereiches sterben.

In Wirklichkeit aber wünschen sich aber die meisten Menschen, ihre Augen auf dieser Erde in ihrer häuslichen Umgebung zu schließen, umsorgt von vertrauten Angehörigen und treuen Freunden. Die Familien fühlen sich jedoch oft seelisch und körperlich überfordert, um diesen Wunsch zu erfüllen. Besonders hart trifft es Alleinstehende, die keinen haben, der ihnen am Ende ihres Lebens seine Nähe schenkt und sie begleitet. Auch wenn sie mit einem Dach über dem Kopf sterben, ihr Herz ist obdachlos.

Um dieser Not abzuhelfen, haben sich in den vergangenen Jahren kirchliche, kommunale und private Initiativen gebildet, um die häusliche, aber auch die stationäre Begleitung, medizinische Betreuung und Pflege sowie den seelsorgerlichen Beistand Sterbender besser zu ermöglichen und betroffenen Angehörigen kompetente Hilfen anzubieten. Eine dieser wertvollen Initiativen ist die Hospizbewegung, die im Haus der Caritas Socialis im Rennweg eine beispielhafte Verwirklichung gefunden hat. Dabei haben sich die Schwestern vom Anliegen ihrer Gründerin Hildegard Burjan leiten lassen, die als “charismatische Künderin sozialer Liebe” an den Brennpunkten menschlicher Not präsent sein wollte.

Wer wie ich dieses Hospiz besuchen darf, geht nicht entmutigt nach Hause. Im Gegenteil: Der Besuch ist mehr als eine Besichtigung. Er wird zur Begegnung. Die kranken, leidenden und sterbenden Menschen, die der Besucher hier antrifft, laden ihn durch ihr selbstverständliches Dasein dazu ein, Leiden und Tod nicht totzuschweigen. Er wird ermutigt, die Grenzen des eigenen Lebens wahrzunehmen und sich damit ehrlich auseinanderzusetzen. Das Hospiz läßt die Erfahrung reifen, daß Sterben Leben vor dem Tod ist. Hier kann auch der letzte Teil des irdischen Lebens bewußt erlebt und individuell gestaltet werden. Weit davon entfernt, ein "Sterbehaus" zu sein, wird diese Stätte zu einer Schwelle der Hoffnung, die über das Leiden und den Tod hinausführt.

3. Die meisten Menschen, denen nach medizinischen Untersuchungen die Diagnose der Unheilbarkeit mitgeteilt wurde, leben in der Angst vor dem Fortschreiten ihrer Krankheit. Zu den momentanen Beschwerden tritt die Furcht vor einer weiteren Verschlechterung. In einer solchen Situation wird für viele der Sinn ihres Lebens brüchig. Sie fürchten sich vor dem möglichen bevorstehenden Leidensweg. Die bedrohliche Zukunft überschattet die noch erträgliche Gegenwart. Wem ein langes und erfülltes Leben geschenkt wird, mag dem Tod vielleicht gelassener entgegensehen und “lebenssatt” (Gen 25, 9) sein Sterben akzeptieren. Für die meisten Menschen jedoch kommt der Tod immer zu früh, auch wenn sie hochbetagt sind. Viele Zeitgenossen wünschen sich einen kurzen und schmerzlosen Tod, andere erbitten sich Zeit zum Abschiednehmen. Fast immer werden Fragen und Ängste, Zweifel und Wünsche die letzte Etappe des Lebensweges begleiten. Selbst den Christen bleibt die Angst vor dem Tod oft nicht erspart, der nach dem Zeugnis der Heiligen Schrift der letzte Feind ist (vgl. 1 Kor 15, 24; Offb 20, 14).

4. Das Ende des Lebens stellt dem Menschen tiefgreifende Fragen: Wie mag das Sterben sein? Werde ich allein sein oder liebe Menschen um mich haben? Was erwartet mich danach? Wird mich Gott in seine Arme nehmen?

Sich behutsam und sensibel diesen Fragen zu stellen, darin besteht die Aufgabe besonders derer, die im Krankenhaus und im Hospiz tätig sind. Besonders kommt es darauf an, so über Leiden und Tod zu sprechen, daß diese ihre Schrecken verlieren. Denn auch das Sterben ist ein Teil des Lebens. Unsere Zeit ruft geradezu nach Menschen, die dieses Bewußtsein wieder neu zu wecken vermögen. Während es im Mittelalter eine “Kunst des Sterbens” gab, wird in unseren Tagen auch unter Christen die bewußte Annahme des Sterbens und die Einübung darin nur zögernd gewagt. Zu sehr ist der Mensch darauf ausgerichtet, das Leben auszukosten. Er geht lieber in der Gegenwart auf und lenkt sich durch Arbeit, beruftliche Bestätigung und Vergnügen ab. Trotz oder gerade wegen der vorfindlichen Konsum-, Leistungs- und Erlebnisgesellschaft wird jedoch der Durst nach Transzendenz eher noch größer. Auch wenn deren konkrete Jenseitsvorstellungen mitunter sehr diffus zu sein scheinen, gibt es zunehmend weniger Menschen, die glauben, daß mit dem Tod alles aus sei.

5. Zwar verstellt der Tod auch dem Christen den unmittelbaren Einblick in das, was kommen wird, aber er darf sich an die Zusage Christi halten: “Ich lebe, und auch ihr werdet leben” (Joh 14, 19). Die Worte Jesu und das Zeugnis der Apostel spiegeln in reicher Bildersprache die neue Welt der Auferstehung wider, aus der die Hoffnung spricht: “Dann werden wir alle beim Herrn sein” (1 Thess 4, 17). Um den Schwerkranken und Sterbenden diese Botschaft nahezubringen, müssen diejenigen, die sich der Patienten annehmen, mit ihrem eigenen Verhalten zeigen, daß ihnen die Worte des Evangeliums ernst sind. Deshalb zählen Sorge und Begleitung von Menschen im Angesicht des Todes zu den wichtigsten Kriterien kirchlicher Glaubwürdigkeit. Denn wer sich in der letzten Phase dieses Lebens von überzeugenden Christen getragen weiß, der kann leichter darauf vertrauen, daß nach dem Tod Christus als das neue Leben auf ihn wartet. So breitet sich über allem gegenwärtigen Schmerz und Leid der Glanz einer Frohen Botschaft aus: “Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung und Liebe, diese drei; doch am größten unter ihnen ist die Liebe” (1 Kor 13, 13). Und die Liebe ist stärker als der Tod (vgl. Hld 8,6).

6. Wie das Wissen, geliebt zu sein, die Angst vor dem Leiden mindern kann, so bewirkt die Achtung vor der Würde des Leidenden, daß er auch in dieser anspruchsvollen und schwierigen Phase des Lebens einen Gewinn für seine menschliche und christliche Reife zu entdecken weiß. Den Menschen vergangener Zeiten war klar, daß das Leiden zum Leben gehört. Dies wurde auch allgemein akzeptiert. Heute zielt das Bestreben eher dahin, das Leiden zu umgehen. Die vielen schmerzstillenden Medikamente sind ein beredtes Beispiel dafür. Ohne die Nützlichkeit, die ihnen in vielen Fällen zukommt, zu schmälern, sollte man jedoch nicht vergessen, daß ein vorschnelles Abstellen des Leidens die Auseinandersetzung mit ihm und die damit verbundene Erlangung einer größeren menschlichen Reife verhindern kann. Damit der Patient auf diesem Weg wachsen kann, braucht er an seiner Seite kompetente Menschen, die ihn wirklich begleiten. Eine Voraussetzung, dem anderen tatsächlich beizustehen, liegt daher im Respekt vor seinem besonderen Leiden und in der Anerkennung der Würde, die der Kranke auch in dem Verfall bewahrt, die das Leiden bisweilen mit sich bringt.

7. Die Hospizarbeit knüpft an dieser Überzeugung an. Sie zielt darauf ab, alte, kranke und sterbende Menschen in ihrer Würde zu achten und ihnen zu helfen, ihr Leiden als Reifungs- und Vollendungsprozeß ihres Lebens zu erfassen. Was ich in der Enzyklika Redemptor hominis als Leitmotiv formuliert habe, daß nämlich im Menschen der Weg der Kirche liegt (vgl. N.5), wird im Hospiz eingelöst. Nicht die hochentwickelte Technik der Apparatemedizin steht im Mittelpunkt, sondern der Mensch in seiner einzigartigen Würde.

Die Bereitschaft, die mit Geburt und Tod verfügten Grenzen anzunehmen und zu einer grundlegenden Passivität unseres Lebens "ja" sagen zu lernen, führt deshalb zu keiner Entfremdung des Menschen. Vielmehr geht es um die Annahme des eigenen Menschseins in seiner vollen Wahrheit und mit den Schätzen, die jeder Phase des irdischen Lebenslaufes je eigen sind. Auch in seiner letzten Gebrochenheit wird ja menschliches Leben niemals "sinnlos" oder "unnütz". Gerade von den kranken und sterbenden Patienten wird unserer Gesellschaft ein grundlegender Unterricht erteilt. Diese sieht sich ja den Anfechtungen der modernen Mythen wie Lebenslust, Leistung und Konsumismus ausgesetzt. Die kranken und sterbenden Menschen erinnern uns daran, daß keiner über den Wert oder Unwert des Lebens eines anderen Menschen zu befinden hat, selbst nicht über das eigene. Das Leben ist Geschenk Gottes, ein Gut, über das nur Er allein bestimmen kann.

8. In dieser Perspektive stellt die Entscheidung zum aktiven Töten immer eine Willkür dar, auch wenn man sie als Geste der Solidarität und des Mitleids ausgeben will. Der Kranke erwartet von seinem Nächsten eine Hilfe, um das Leben bis zuletzt durchzustehen und es in Würde zu beschließen, wann Gott es will. Die künstliche Verlängerung des Lebens um jeden Preis auf der einen und die Beschleunigung des Todes auf der anderen Seite mögen unterschiedlichen Grundeinstellungen entspringen. Sie stimmen aber darin überein, daß sie Leben und Tod als Wirklichkeiten sehen, die vom Menschen selbst in Freiheit zu setzen seien. Diese falsche Sicht gilt es zu überwinden. Es muß wieder klar werden, daß das Leben ein Geschenk ist, das der Mensch in seiner Verantwortung vor Gottes Angesicht führen soll. Hier entspringt der Einsatz für eine humane und christliche Sterbebegleitung, wie sie im Hospiz umgesetzt wird. Von unterschiedlichen Richtungen herkommend, sind Ärzte und Pflegende, Seelsorger und Schwestern, Angehörige und Freunde bestrebt, Kranke und Sterbende zur persönlichen Gestaltung ihrer letzten Lebensphase zu befähigen, so gut dies im Nachlassen ihrer körperlichen und geistigen Kräfte möglich bleibt. Dieses Engagement hat hohen menschlichen und christlichen Wert. Er zielt darauf ab, Gott als "Freund des Lebens" (Weish 11, 26) entdecken und im Leiden die Frohe Botschaft herauslesen zu helfen: "Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben" (Joh 10, 10).

9. Diesem Antlitz Gottes, der ein Freund des Lebens und der Menschen ist, begegnen wir vor allem in Jesus von Nazareth. Zu den ausdrucksstärksten Ausfaltungen dieses Evangeliums zählt das Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Der Leidende am Straßenrand weckte das Mitleid des Samariters: "Er ging zu ihm hin, goß Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie. Dann hob er ihn auf sein Reittier, brachte ihn zu einer Herberge und sorgte für ihn" (Lk 10, 33f.). In der Herberge des barmherzigen Samariters liegt eine der Wurzeln des christlichen Hospizgedankens. Gerade entlang der großen mittelalterlichen Pilgerwege boten die Hospize denen Rast und Ruhe, die unterwegs waren. Den Müden und Erschöpften waren sie Stätten erster Hilfe und Erholung, den Kranken und Sterbenden wurden sie zu Orten des körperlichen und seelischen Beistandes.

Bis heute ist die Hospizarbeit diesem Erbe verpflichtet. Wie der barmherzige Samariter auf seinem Weg stehenblieb und den Leidenden umsorgte, so ist es auch den Begleitern der Sterbenden angeraten, innezuhalten, um die Wünsche, Bedürfnisse und Anliegen der Patienten zu erspüren. Aus dieser Wahrnehmung kann eine Vielfalt geistlichen Tuns erwachsen wie das Hören auf das Wort Gottes und das gemeinsame Gebet. Auf menschlicher Ebene tut es gut, sich im Gespräch auszutauschen oder einfach anteilnehmend dazusein, ohne dabei die zahllosen kleinen Dienste und Aufmerksamkeiten zu vergessen, die von Wärme und Zuneigung zeugen. Wie der Samariter den Verletzten mit Öl behandelte, so sollte auch die Kirche das Sakrament der Krankensalbung denen nicht vorenthalten, die es wünschen. Auf dieses Angebot des unverbrüchlichen Zeichens der Nähe Gottes hinzuweisen, gehört zu den Pflichten wahrhaftiger Seelsorge. Denn die palliative Betreuung sterbender Menschen braucht wesentlich ein spirituelles Element. Der Sterbende soll das "Pallium" spüren, die Ummantelung, in der er sich im Augenblick seines Hinscheidens bergen darf.

Wie das Leid des Verletzten das Mitleid des Samariters geweckt hat, so möge aus der Begegnung mit dem Leiden im Hospiz eine Leidensgemeinschaft aller werden, die einen Patienten auf der Lebensetappe seines Sterbens begleiten. Gefühle der Nähe und Anteilnahme mögen daraus erwachsen, wie sie der wahrhaft christlichen Liebe entsprechen. Denn die Tränen dieser Welt trocknen nur die, die selbst weinen können. Eine besondere Rolle kommt in diesem Haus den Schwestern der Caritas Socialis zu, denen die Gründerin geschrieben hat: “In den Kranken können wir immer den leidenden Heiland pflegen und so recht mit Ihm verbunden sein” (Hildegard Burjan, Briefe, 31). Hier findet die Frohe Botschaft ihr Echo: "Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan" (Mt 25, 40).

10. Allen, die sich in der Hospizbewegung unermüdlich einsetzen, gilt meine höchste Wertschätzung. Darin schließe ich alle ein, die in Krankenhäusern und Pflegeheimen Dienst tun, und auch jene, die ihre schwerkranken und sterbenden Angehörigen nicht allein lassen. Besonders danke ich den Kranken und Sterbenden, die unsere Lehrer sind, wenn wir das Evangelium vom Leiden besser verstehen wollen. Credo in Vitam. Ich glaube an das Leben. Schwester Leben und Bruder Tod nehmen uns in die Mitte, wenn unser Herz unruhig wird angesichts der letzten Aufgabe, vor die jeder von uns auf dieser Erde einmal gestellt wird: "Euer Herz lasse sich nicht verwirren. [...] Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen" (Joh 14, 1f.).

Ich segne Euch von ganzem Herzen.

Abschiedsrede in Wien

Sehr geehrter Herr Bundespräsident!
Liebe Brüder im Bischofsamt!
Meine Damen und Herren!

1. Meine dritte Pastoralreise in dieses schöne und geschätzte Land Österreich neigt sich dem Ende zu. Die Stunde des Abschieds ist da. Dankbar und bewegt blicke ich auf die vergangenen Tage in Ihrer Mitte zurück. Ich bin gekommen als Pilger im Glauben, Diener der Freude und Mitarbeiter an der Wahrheit. Reich beschenkt und mit vielen schönen Eindrücken im Herzen kehre ich nun wieder in meine Bischofsstadt Rom zurück.

2. Der Abschied ist Anlaß zu einem aufrichtigen und umfassenden "Vergelt's Gott". An erster Stelle danke ich Gott, dem Geber alles Guten, für die Tage intensiver geistlicher Begegnung, liturgischen Feierns und gemeinsamer Besinnung für einen neuen Aufbruch der Kirche in Österreich.

Ein besonderes Wort des Dankes gilt meinen geliebten Brüdern im Bischofsamt, die unter Einsatz aller ihrer Kräfte nicht müde werden, sich in diesen nicht immer leichten Zeiten dem Dienst an der Einheit in Wahrheit und Liebe zu widmen. Die Einladung zu dieser Pastoralreise und das Zusammensein mit der Bischofskonferenz, das ich in den vergangenen Tagen erleben durfte, waren für mich ein Zeichen des Trostes und der Ermutigung. Denn sie bestätigen mich darin, daß die Bischöfe in Gemeinschaft untereinander und mit dem Nachfolger des heiligen Petrus fest entschlossen sind, zusammen mit den Priestern, Diakonen, Ordensleuten und Laien die Zukunft der Kirche Österreichs zu gestalten.

Mein tiefempfundener Dank gilt auch Ihnen, sehr geehrter Herr Bundespräsident, und damit den Vertretern des öffentlichen Lebens und allen Bürgerinnen und Bürgern dieses geschätzten Landes. Auch diesmal haben Sie mir in wahrhaft hochherziger Weise Ihre Gastfreundschaft gewährt. Dabei möchte ich die ungezählten Helferinnen und Helfer nicht vergessen, die sich seit Wochen mit großer Sorgfalt um den reibungslosen Ablauf dieser Reise gemüht und dabei wohl so manche Überstunde geleistet haben.

An dieser Stelle verdienen gerade diejenigen ein Wort der Anerkennung, die im Verborgenen zum Gelingen meines Besuches beigetragen haben: der Sicherheits- und Ordnungsdienst, die Bereitschaft zur Ersten Hilfe und die unzähligen Frauen und Männer, die unauffällig im Hintergrund wirkten.

3. Mit meinem Besuch wollte ich dem Land und der Kirche in Österreich meine tiefempfundene Wertschätzung bekunden und gleichzeitig einige Perspektiven für den Weg in die Zukunft weisen. Während wir uns in Salzburg dem Thema Mission widmeten, haben wir in Sankt Pölten über die Frage der Berufungen nachgedacht. Schließlich wurde es mir geschenkt, daß ich heute morgen in Wien drei Diener Gottes aus Eurem Land in das Buch der Seligen eintragen konnte. Im Laufe der beeindruckenden Feier auf dem Heldenplatz konnte ich wiederum feststellen, daß das "Heldentum der Kirche" ihre Heiligkeit ist. Die "Helden der Kirche" sind nicht unbedingt diejenigen, die nach menschlichen Maßstäben bedeutende Seiten der Weltgeschichte geschrieben haben, sondern Frauen und Männer, die in den Augen vieler vielleicht klein erscheinen, aber vor Gott groß sind. In den Reihen der Mächtigen mögen wir sie vergeblich suchen, im Buch des Lebens aber sind ihre Namen groß geschrieben.

4. Die Lebensgeschichten der Seligen und Heiligen sind glaubhafte Dokumente, die auch die Menschen von heute lesen und verstehen. Angesichts der geschichtlichen und geographischen Offenheit Ihres Landes gewinnt dieser Gedanke eine besondere Note. Die Fundamente Österreichs wurden von Märtyrern und Bekennern aus der Zeit des verfallenden römischen Reiches gelegt. Dann kamen irische Mönche und schottische Missionare aus dem christlichen Westen hierher. Die Slawenapostel Cyrill und Method erreichten mit ihrem Christianisierungswerk den Umkreis von Wien. So lag es nahe, daß ich während meines Aufenthaltes in Ihrem Land, dort, wo der Donaustrom West und Ost miteinander verbindet, an der einstigen Trennungslinie zweier Welten auch auf das Europa der Zukunft zu sprechen kam. Nach der “sanften Revolution” und dem Fall des Eisernen Vorhangs haben wir Europa neu geschenkt bekommen.

Dieses Geschenk ist Aufgabe und Verpflichtung. Europa braucht ein geistiges Antlitz. Bei allen politischen Planungen und ökonomischen Konzepten, die gegenwärtig die Diskussionen beherrschen, gilt es zu bedenken: Europa hat dem Christentum viel zu verdanken. Aber auch das Christentum schuldet Europa vielfachen Dank. Denn von Europa aus wurde es in viele andere Teile der Welt getragen. Deshalb kann und darf sich auch in unseren Tagen Europa seiner geistigen Verantwortung nicht entziehen. Voraussetzung dafür aber ist eine Rückbesinnung auf seine christlichen Ursprünge. Den Christen im Europa der Zukunft kommt also eine hohe Aufgabe zu.

5. Die vielen Gedanken, die mich in diesem Augenblick bewegen, fasse ich nochmals in dem Dankeswort zusammen, das von Herzen kommt: “Vergelt’s Gott!”. Zugleich wünsche ich Ihnen allen: “Segne’s Gott!”.

Das gute Wollen im Überlegen und Planen: Gott segne es.

Das gute Wort in Begegnungen und Dialogen: Gott segne es.

Das gute Vollbringen der Ideen und Vorsätze: Gott segne es.

Gott segne das viele Gute in Ihrem Land. Er segne das Gute, das die Kirche in Österreich wirkt.

Gott segne Sie alle und jeden einzelnen.

"Vergelt’s Gott!"

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