Barmherzigkeit

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Barmherzigkeit ist eine menschliche Charaktereigenschaft, die ihren Ausdruck als Tugend in barmherzigem Handeln findet. Die Barmherzigkeit des Menschen hat Ursprung und Maßstab in der Barmherzigkeit Gottes: "Der Herr ist ein barmherziger und gnädiger Gott, langmütig, reich an Huld und Treue." (Ex 34,6 EU) Für Christen ist wie für Juden und Muslime die Barmherzigkeit eine Eigenschaft Gottes.

Inhaltsverzeichnis

Die innere Haltung: Vom Elend anderer betroffen

Der heilige Augustinus erklärt: "Wenn dein Herz angerührt wird, vom Elend anderer betroffen wird, siehe, das ist Barmherzigkeit.“ (Augustinus von Hippo, Predigt 358A).[1] Vor allem in Zeiten großer gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Probleme und bei den Folgen von Naturkatastrophen findet sich oft eine Welle von Solidarität jenseits von Sprache, Rasse, Religion und Herkunftsland. Man entdeckt, dass es ein Gefühl gibt, das Männer und Frauen verbindet, nur weil sie alle Teil der Menschheit sind. Man ist gerufen, auf jeden Menschen und auf alle Menschen zu achten. Die Barmherzigkeit ist ein selbstloser Dienst, eine Berufung, auf die wir antworten müssen, die sich nicht auf materielle Bedürfnisse beschränken darf, sondern fähig ist, auch die Seele einzubeziehen, bei der oft die Notwendigkeit von Hilfe am dringendsten ist.[2]

Möglichkeiten Barmherzigkeit zu üben

Es gibt eine dreifache Möglichkeit Barmherzigkeit zu üben:

erstens, das barmherzige Wort - durch Vergebung und Trost;
zweitens, wo Worte nichts ausrichten, beten - auch das ist Barmherzigkeit;
drittens, barmherzige Taten. (Heilige Sr. Maria Faustyna Kowalska, Tagebuch 1158).

Etymologische Bedeutung der Barmherzigkeit[3]

In der lateinischen Sprache setzt sich das Wort "Barmherzigkeit", misericordia, aus zwei Worten zusammen, nämlich miser (Elend, Misere) und cor (Herz). "Elend" bezeichnet jenen extremen Mangel, der Erbarmen und Mitleid verlangt, ein Mitgefühl, um das jemand in höchster Angst und Not bittet. "Elend" drückt also eine Bedürftigkeit aus, die ganz grundlegend die Existenz desjenigen Menschen bedroht, der sich in dieser Lage befindet, weil er gezwungen ist, am Rande des menschlichen Daseins zu leben und ihm das sozusagen die Luft zum Leben abschnürt. Der andere Begriff, der mit dem des Elends gekoppelt wird, ist das Herz. Wenn das Elend dem Herzen nahekommt (das im Lateinischen von der Wurzel urere, brennen, abgeleitet ist), wird es zerstört, als ob ein Brand darüber hinweggegangen sei. Wenn also das Herz das Elend bei einem Menschen wahrnimmt, urteilt es nicht darüber, sondern verbrennt und zerstört es. Und das ist Barmherzigkeit. Deshalb wird das "Herz" als der Sitz der Gefühle betrachtet, also von Freude, Schmerz, Liebe, Gelassenheit oder Erregung. In seinen Bekenntnissen (3,2,2) erklärt der hl. Augustinus von Hippo: Im Allgemeinen definiert miser das eigene Leiden, während man die Leiden mit den anderen und für sie als "Mitleid" zu definieren pflegt.

Auf Griechisch, der Sprache des Neuen Testaments, heißt Barmherzigkeit "eleos". Wir kennen dieses Wort aus dem Gebet des "Kyrie eleison", der Anrufung des Erbarmens des Herrn. Es ist seinerseits die Übersetzung des hebräischen Wortes "hesed", einem der schönsten Worte der Bibel, das die Treue von Gottes Barmherzigkeit für jeden Menschen betont. Deshalb wird es oft ganz einfach mit "Liebe" oder "Treue der Liebe Gottes" zur Menschheit übersetzt. Das griechische "eleos" übersetzt aber noch einen weiteren hebräischen Begriff, nämlich "rachamim", der eine "hesed" (treue Liebe) voller Gefühle umschreibt und ursprünglich die "Eingeweide" des Mutterschoßes bezeichnet. Gottes Treue in ihrer Barmherzigkeit wird in den Gebetsversammlungen der Israeliten mit den Psalmen 117 und 135 gepriesen.

Antike Philosophie

Mit Platon (428-348 v. Chr.), aber vor allem später mit der Stoa, welche die Barmherzigkeit als eine Krankheit der Seele betrachtete (aegritudo animi), hatte die Philosophie das Mitleid und die Barmherzigkeit wie irgendeine andere menschliche Schwäche betrachtet (vgl. Apologie 34c.ff). Für den Philosophen waren Mitleid und Barmherzigkeit unvereinbar mit einem Verhalten, das von der Vernunft und der Suche nach Gerechtigkeit geleitet wurde; und für die Menschen der Antike war die Gerechtigkeit grundsätzlich eine vergeltende: "Man muss jedem geben, was ihm zusteht" (suum cuique - Jedem das Seine).[4]

Bei Aristoteles (384-322 v. Chr.) wurde das Mitleid nicht als eine Tugend betrachtet, und dennoch besaß es einen positiven Aspekt: Nach Aristoteles bewegt die Erfahrung eines unverdienten Leidens den Geist dessen, der es sieht, weil ein ähnliches Übel auch ihn treffen könnte, und bringt ihn so dazu, etwas zu tun und mit dem ungerecht Leidenden solidarisch zu werden (vgl. Rhetorik 1385b). Für die Stoiker ist die Emotion, die im menschlichen Geist durch das Mitleid erweckt wird, völlig unvereinbar mit den Grundsätzen der verstandesmäßigen Beherrschung der Gefühle, mit der Autarkie (Selbstgenügsamkeit), der Ataraxie (Unerschütterlichkeit) und der Seelenruhe, zu der die Anhänger der Stoa gerufen waren. Das verhinderte aber nicht, dass die stoische Philosophie die Übung der Milde (clementia), der Philanthropie (humanitas; Menschenfreundlichkeit) und der wohlwollenden Bereitschaft, anderen Menschen zu helfen (benignitas), umfassend befürwortete (vgl. Seneca, Über die Milde, 2,6).[5]

Cicero (106-43 v. Chr.), der oft von Augustinus und anderen Kirchenvätern des lateinischen Abendlandes zitiert wird, verwendet die stoische Definition von Barmherzigkeit - Mitleid als Krankheit der Seele; dennoch drückt er in seinen Schriften eine hohe Wertschätzung für die barmherzigen Menschen aus. In seiner Rede für Murena distanziert er sich von den Übertreibungen der stoischen Position seines Gegners Cato, und unter Berufung auf das traditionelle römische Misstrauen gegenüber dem griechischen Denken zitiert er Zenon (336-263 v. Chr.) und die orthodoxen Stoiker, die vertraten, "dass der Weise sich niemals vom Mitleid bewegen lässt, niemals irgendjemand eine Sünde vergibt, und dass nur ein Törichter und ein Oberflächlicher mitleidig ist" (XXIX,61).[6]

Gerechtigkeit und Barmherzigkeit

Die Gerechtigkeit ist ein grundlegendes Konzept der Zivilgesellschaft, in der man sich normalerweise auf eine Rechtsordnung bezieht, in deren Rahmen das Gesetz angewendet wird. Unter Gerechtigkeit versteht man auch, dass einem jeden das gegeben werden muss, was ihm zusteht. Gerechtigkeit ohne Barmherzigkeit führt zum Legalismus und zur Grausamkeit. Gerechtigkeit und Barmherzigkeit sind zwei Dimensionen einer einzigen Wirklichkeit, die sich fortschreitend entwickelt, bis sie ihren Höhepunkt in der Fülle der Liebe erreicht hat.[7] Der Barmherzige überschreitet das bloße Gesetz der Gerechtigkeit und tritt in eine Liebesordnung ein, die man „die Goldene Regel“ nennen könnte. Diese besagt: „Alles, was ihr von anderen erwartet, das tut auch ihnen!“ Diese ist seit Jahrtausenden in verschiedenen Kulturen und Religionen zu finden.

Anmerkungen

  1. Dann zählt er die sieben leiblichen Werke der Barmherzigkeit auf. aus: Kirchenväter und die Barmherzigkeit, S. 42-43.
  2. vgl. aus: Päpstlicher Rat zur Förderung der Neuevangelisierung: Geistige und leibliche Werke der Barmherzigkeit. Jubiläum der Barmherzigkeit 2015-2016. Schwabenverlag 2015, S. 5 (80 Seiten; ISBN 978-3-7966-1686-0).
  3. Kirchenväter und die Barmherzigkeit, S. 13-15.
  4. Kirchenväter und die Barmherzigkeit, S. 9.
  5. Kirchenväter und die Barmherzigkeit, S. 10.
  6. Kirchenväter und die Barmherzigkeit, S. 10.
  7. Verkündigungsbulle Misericordiae vultus des Außerordentlichen Jubiläums der Barmherzigkeit vom 11. April 2015, Nr. 20; Isaak von Ninive (7. Jahrhundert): "Wenn der Barmherzige nicht die Gerechtigkeit überwindet, ist er nicht barmherzig" (Aszetische Reden, 4): aus: Kirchenväter und die Barmherzigkeit, S. 9.