Ansprachen an Neuvermählte Pius' XII.

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Anstecken des Ringes beim Eheritus

Pius XII. setzte die Gewohnheit seines Vorgängers des Papstes Pius XI. Brautleute zu empfangen fort. Diese konnten ohne Warten auf einen Audienzschein, allein sich mit dem Trauschein Punkt zwölf Uhr anmelden und zehn Minuten später zur Audienz gehen. Auch in Mittwochsaudienzen fanden sich zahlreiche Neuvermählte ein.[1]

Folgende Quellen enthalten Übersetzungen aus dem »Osservatore Romano«:

  • A) Das Ideal der christlichen Ehe Ansprachen an Braut- und Eheleute (1939-1940-1941), Rex-Verlag Luzern 1946 (224 Seiten; 2. Auflage; Die Übersetzung ins Deutsche besorgte Karl Schuler, Rom; Mit Druckerlaubnis des bischöflichen Ordinariates Basel vom 17. September 1943, Dr. Lisibach, Generalvikar).
  • B) Eheleben und Familienglück Ansprachen an Braut- und Eheleute (vollinhaltliche Originalübertragung der Papstansprachen von 1942), Rex-Verlag Luzern 1948 (248 Seiten; 2. Auflage; Die Übersetzung ins Deutsche besorgten Alumnen des Collegium Germanicum, Rom. Mit Druckerlaubnis des bischöflichen Ordinariates Basel vom 3. März 1944, Dr. G. Lisibach. Generalvikar).
  • C) Ansprachen Pius XII. an Neuvermählte, Übersetzt und eingeleitet von DDr. Friedrich Zimmermann, Druckund Verlag Josef Habbel Regensburg 1950 (310 Seiten, Imprimatur Regensburg, den 11. Juli 1949 J. Franz, Generalvikar). Die folgend verlinken Ansprachen oder Auszüge wurden aus dieser Quelle hinzugefügt, außerdem alle Texte des Jahres 1943: Ansprache A; Ansprache B; Ansprache C; Ansprache D; Ansprache F; Ansprache G; Texte des Jahres 1943.
Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


Inhaltsverzeichnis

1939

Das Ehesakrament - Quelle der Gnaden 26. April 1939

Eure Gegenwart, liebe Söhne und Töchter, erfüllt Unser Herz mit Freude. Denn, ist es auch immer schön und tröstlich, wenn die Kinder herbeieilen und sich um den Vater scharen, so ist es Uns doch ganz besonders lieb, wenn Wir Uns von diesen jungen Brautpaaren umgeben sehen. Sie kommen ja, um Uns an ihrer Freude Anteil zu geben und ein Wort des Segens und der Stärkung zu empfangen.

Ja, Stärke und Kraft müsst ihr schöpfen, liebe Brautleute, aus dem Gedanken, dass der göttliche Urheber des Ehesakramentes, Jesus Christus, unser Herr, es mit dem überströmenden Reichtum seiner himmlischen Gnaden ausgestattet hat. Das Sakrament der Ehe versinnbildet ja, wie ihr wisst, die geheimnisvolle Vereinigung Jesu Christi mit seiner Braut, der Kirche. Und wie Jesus Christus seine geheimnisvolle Ehegemeinschaft mit der Kirche durch kostbare Perlen göttlicher Gnaden schmückte, so wollte er auch das Sakrament der Ehe mit unaussprechlichen Gaben überschütten.

Im besondern bestehen diese Gaben in allen Gnaden, die den Gatten nötig und nützlich sind; Gnaden, die helfen, die gegenseitige Liebe zu bewahren, sie zu mehren, sie immer vollkommener, immer heiliger zu gestalten; die helfen, die versprochene Treue in der Ehe zu halten, die Kinder klug und mit aufmerksamer Sorgfalt zu erziehen und ihnen ein gutes Beispiel zu geben; die helfen, in christlicher Weise die Lasten zu tragen, die der neue Lebensstand auferlegt.

Gebe Gott, dass ihr nie die Größe eures Standes beschämt, sondern immer ein Leben führt, getreu der hohen Würde eurer heiligen Pflichten. ... (Segen)

Die Patronin der christlichen Familien 10. Mai 1939

Der Marienmonat gibt dem Heiligen Vater den Anlass, auf Maria, als die Patronin der Familie, hinzuweisen.

Maria hat so viele Titel, um als Patronin der christlichen Familie gelten zu dürfen, und die Familien haben ebenso viele Gründe, um von Maria einen besondern Beistand zu erhoffen.

Maria hat die Freuden und Leiden der Familie gekannt, die frohen und traurigen Ereignisse, die Mühsal der täglichen Arbeit, die Beschwerden und die Härte der Armut, den Schmerz der Trennung. Aber sie hat auch all die unsagbaren Freuden des häuslichen Zusammenseins verkostet, ein Familienleben, überstrahlt von der ganz lautern Liebe eines keuschen Gatten, vom Lächeln und der Zärtlichkeit eines Sohnes, der zu gleicher Zeit Sohn Gottes war.

Darum wird Maria aus ihrem mitleidigen Herzen heraus alle Nöten eurer Familien mitfühlen. Sie wird ihnen beistehen mit dem Trost, dessen sie bedürfen in den unvermeidlichen Leiden des irdischen Lebens, und auch die trauten Freuden des heimischen Herdes werden unter ihrem gütigen Mutterblick reiner und verklärter. Und das umso mehr, als die heiligste Jungfrau nicht nur aus eigener Erfahrung die drückenden Bedürfnisse der Familien kennt; nein, sie will, als Mutter voll teilnehmender Liebe und Barmherzigkeit, ihnen auch tatsächlich abhelfen.

Glücklich und wirklich gesegnet jene Brautleute, die sich für ihren neuen Stand eine kindliche und vertrauensvolle Verehrung zur Muttergottes vornehmen, die ihre Familie auf dieses heilige, unerschütterliche Fundament gründen wollen, die den lieben Kindern, die Gott ihnen schenken wird, diese Andacht einflößen und wie ein kostbares Erbe weiterreichen wollen.

Aber vergesst nicht, liebe Söhne und Töchter, dass wir auch das Leben der Muttergottes nachahmen müssen, wenn anders die Verehrung zu ihr lebendig sein soll. Dann erst ist diese Verehrung wirklich und fest gegründet, und erst dann wird sie kostbare Frucht und reiche Gnaden hervorbringen.

Die Gottesmutter ist besonders auch ein vollkommenes Vorbild der häuslichen Tugenden, der Tugenden, die den Stand der christlichen Eheleute veredeln sollen. Liebe: Maria liebte ihren keuschen Gemahl mit einer ganz lautern und treuen Liebe, mit einer Liebe, die voll Opferwillen und voll zarter Rücksichtnahme war. - Hingabe: Maria widmete sich ganz und ungeteilt den Sorgen um die Familie und den Haushalt, um den Gatten und vor allem um den lieben Jesusknaben. - Demut: Marias Demut offenbart sich in der liebenden Unterordnung unter den heiligen Josef und in der geduldigen Ergebung in das, was die göttliche Vorsehung anordnete, mochte es auch oftmals hart und mühsam sein. - Freundlichkeit: Alle, die im Hause von Nazareth verkehren durften, erfuhren Marias Freundlichkeit.

Möchte die Verehrung und Nachahmung Marias für euch, christliche Brautleute, eine stets lebendige Quelle himmlischer Gnaden und wahren Glückes sein! .,. (Segen).

Gründer von neuen Familien 24. Mai 1939

Bis gestern seid ihr, liebe Brautleute, Kinder der Familie gewesen, unterworfen den Kindespflichten. Aber vom Augenblick eurer Heirat an seid ihr Gründer von neuen Familien geworden, von ebenso vielen Familien, als jetzt Brautpaare Uns umgeben.

Diese neuen Familien sind dazu ausersehen, die Zukunft zu tragen, die sich Unserm Blick noch entzieht hinter den Geheimnissen der göttlichen Vorsehung. Sie sind dazu ausersehen, dem Staate gute Bürger zu stellen, Bürger, die besorgt sind um die Wohlfahrt und die Sicherheit der Gesellschaft, zwei Dinge, die man vielleicht nie als so nötig empfand wie heute. Diese neuen Familien sind ferner dazu bestimmt, die Kirche Jesu Christi zu nähren. Denn von eben diesen neuen Familien erwartet die Kirche neue Gotteskinder, die Gottes heiligen Gesetzen gehorchen. Und endlich sind sie dazu bestimmt, neue Bürger zu bereiten für die himmlische Heimat, die unser wartet, wenn dieses Leben zu Ende geht.

Groß sind also die Werte, die ihr im neuen Lebensstand verwirklichen sollt. Aber ihr könnt sie euch nur erhoffen, wenn ihr als christliche Gatten und als christliche Eltern lebt. Christlich leben in der Ehe heißt: außer den gewöhnlichen Aufgaben eines jeden Christen, eines jeden Kindes der katholischen Kirche, auch noch die Pflichten erfüllen, die dem Ehestande eigen sind. Als der heilige Apostel Paulus an die ersten christlichen Eheleute von Ephesus schrieb, hob er deren gegenseitige Pflichten hervor und fasste sie bündig so zusammen: »Ihr Frauen, seid euren Männern untertan wie dem Herrn. Denn der Mann ist das Haupt der Frau, wie Christus das Haupt der Kirche ist« (Eph. 5, 22 und 23). - »Ihr Männer, liebt eure Frauen, wie Christus die Kirche geliebt und das Leben für sie hingegeben hat (Eph. 5, 25). - »Und ihr Väter«:, schreibt der Apostel weiter, »Reizt eure Kinder nicht zum Zorne, sondern erziehet sie in der Zucht und Lehre des Herrn« (Eph. 6, 4) .... (Segen).

Die Kraftquelle der heiligen Eucharistie 7. Juni 1939

Da die Kirche am morgigen Tag das Fronleichnamsfest feiert, möchten Wir euch, liebe Söhne und Töchter, auf die heiligste Eucharistie hinweisen und euch zeigen, wie die heilige Kommunion ein wirksames Mittel ist, um die heilsamen Gnadenfrüchte des Ehesakramentes zu bewahren.

Jede christliche Seele hat die Eucharistie nötig; denn, so sagte unser Herr Jesus Christus selber: »Wenn ihr das Fleisch des Menschensohnes nicht esset und sein Blut nicht trinket, werdet ihr das Leben nicht in euch haben.« (Joh 6, 54-55) ...

Aber vor allem bedürfen die christlichen Eheleute und christlichen Eltern der Hilfe (die das heiligste Altarssakrament vermittelt). Besonders dann, wenn sie sich Rechenschaft geben über die schwere Verantwortung, die sie übernommen haben, und ihr mit ganzem Ernst begegnen wollen.

Die notwendige Grundlage einer Familie ist eine innige Gemeinschaft, eine Gemeinschaft vor allem der Seelen, nicht nur der Körper, eine Gemeinschaft, aufgebaut auf gegenseitige Liebe und gegenseitigen Frieden. Nun ist aber nach dem schönen Wort des heiligen Augustinus gerade die Eucharistie Zeichen der Gemeinschaft, Band der Liebe (signum unitatis, vinculum caritatis). Und darum eint und verfestigt sie gleichsam die Herzen miteinander.

Mag eine Familie auch noch so gut in Ordnung sein, sie kann den Lasten, den Prüfungen, den allgemeinen Leiden nicht entfliehen. Um all dem standzuhalten, braucht es täglich neue Kraft. Die heilige Kommunion erzeugt diese Kraft; sie gibt Mut und Geduld. Sie gießt wohltuende Freude in die aufnahmebereiten Seelen und lässt etwas von jener Ruhe und Heiterkeit verspüren, die der kostbarste Schatz am heimischen Herde ist.

Mit Freude denken Wir daran, liebe Söhne und Töchter, wie ihr in eure Städte, in eure Dörfer, in eure Pfarreien zurückkehrt und dort das schöne und erbauliche Schauspiel des öfteren Empfanges der heiligen Kommunion geben werdet. Und von der Kirche kehrt ihr in eure Häuser zurück und tragt in eure Stuben Jesus, und mit Jesus alles Gute.

Und dann kommen die Kinder an, die kleinen Kinder, die ihr in eurem eigenen Glauben erziehen und bilden wollt: im Glauben und in der Liebe zur Eucharistie. Frühzeitig werdet ihr sie zur Kommunion geleiten, überzeugt, dass es kein besseres Mittel gibt, euren Kindern die Unschuld zu bewahren. Ihr werdet sie mit euch hin zum Altare führen, wo sie Jesus empfangen, und euer Beispiel wird ihnen die beredteste und überzeugendste Lehre sein. ... (Segen).

Das Herz Jesu und die Familie 14. Juni 1939

In diesen letzten Zeiten hat sich die Herz-Jesu-Verehrung ganz wunderbar in der ganzen Kirche verbreitet und sich auf mannigfache Weise sinnigen Ausdruck geschaffen. Der göttliche Welterlöser selbst hat diese Verehrung gewollt und angeordnet. Er offenbarte auch, auf welche Art und Weise man seinem anbetungswürdigen Herzen huldigen sollte ...

Und um die Menschen seinen Wünschen geneigt zu machen, wollte er gnädig sie mit reichen Verheißungen bestärken. Unter diesen Versprechen sind einige, die in besonderer Weise die christlichen Familien angehen, also die Gatten, die Eltern und die Kinder, die morgen euer Heim mit Freude erfüllen sollen: »Ich werde ihren Familien (den Familien derer, die sein Herz verehren) den Frieden bringen und erhalten. - Ich werde die Häuser segnen, in denen mein Bild aufgestellt und verehrt wird.« 

Man kann sagen, dass von diesem Versprechen jene Andachtsform ausging, die man Weihe der Familie an das heiligste Herz Jesu nennt. Diese Weihe möchten Wir euch heute empfehlen, liebe christliche Brautpaare, die ihr eben zu Füßen des Altares neue Familien gegründet habt. Sie besagt eine vollständige Hingabe an das göttliche Herz. Durch sie will man die Herrscherrechte unseres Herrn in der Familie anerkennen. Durch sie will man voll Vertrauen ihn um seinen Segen für Haus und Heim und um die Erfüllung seiner Versprechen bitten.

Die Familie, welche sich dem göttlichen Herzen weiht, bekundet dadurch, dass sie das gleiche Leben wie Jesus Christus leben will, dass sie in ihrem Schoße die Tugenden, die er gelehrt und vorgelebt hat, erblühen lassen will. Jesus Christus führt fortan den Vorsitz, wenn die Familie zusammenkommt; er segnet, was sie unternimmt; er heiligt ihre Freuden; er lindert ihren Kummer; er stärkt die Sterbenden; er schenkt Ergebung denen, die zurückbleiben.

Habt ihr eure Familien dem heiligsten Herzen geweiht, dann wird Jesus die oberste Richtschnur eures Wandels und der wachsame Hüter eurer Interessen sein. ... (Segen).

Die Brautmesse 5. Juli 1939

Zweifellos ist die christliche Ehe, wenn sie mit der richtigen Bereitschaft geschlossen wird, jeweils ein Ereignis, umflossen von heiliger Freude, und es ist wohl billig anzunehmen, dass dies bei euch allen der Fall ist. Diese notwendige Bereitschaft und ebenso die unschätzbaren Wirkungen dieses Sakramentes finden Wir in beredter Weise ausgedrückt in den Zeremonien, mit denen die heilige Kirche den Eheabschluss umgeben hat. Diese Zeremonien, liebe christliche Brautleute, wollen Wir heute für wenige Augenblicke euch wieder ins Gedächtnis zurückrufen und euch zu überdenken geben. So mag dann die Würde und Heiligkeit dieses großen Sakramentes, dessen Spender ihr selber gewesen seid, immer größer und erhabener vor euch aufleuchten.

Drei Augenblicke sind es, die in der ergreifenden und ausdrucksmächtigen Feier besonders hervorgehoben werden: Der erste und zugleich grundlegende ist das gegenseitige Jawort. Die Brautleute sprechen es aus; der Priester und die Zeugen nehmen es entgegen; durch den Tausch der Ringe, den Sinnbildern der vollen und unvergänglichen Treue, wird es gleichsam bestätigt und rechtsgültig gemacht. - Alles dies vollzieht sich mit einer Feierlichkeit, die großartig und einfach zugleich ist: die Brautleute knien vor dem Altar des Herrn. Sie sind da in Gegenwart der Menschen (der Zeugen, Verwandten und Freunde), in Gegenwart der Kirche, vertreten vom Priester, in der Gegenwart Gottes, der, von Engeln und Heiligen unsichtbar umgeben, die eidlich eingegangenen Verpflichtungen bekräftigt und bestätigt (Zum Einzug: Der Gott Israels verbinde euch. Er sei mit euch, der euer sich erbarmte, der beiden einzigen Kinder. Nun mache auch Herr, dass sie Dich vollen Herzens preisen Tob. 7, 15; 8,19 - Glückselig alle, die den Herrn fürchten, die wandeln auf seinen Wegen. (Ps. 127, 1) Ehre sei ... Gebet: Erhöre uns, allmächtiger und barmherziger Gott: Was wir in unserem Amte dienend tun, das fülle Du mit Deinem Segen an. Durch unsern Herrn Jesus Christus …).

Es folgt sozusagen der lehrhafte Teil über die christliche Ehe. Paulus, der große Völkerlehrer, tritt auf und mahnt in der Lesung der Brautmesse die Neuvermählten mit festem Wort an die Pflichten, die beide auf sich genommen haben, und er erinnert sie an die Eigenart dieses Sakramentes, das da Sinnbild ist der geheimnisvollen Einheit zwischen Christus und der Kirche (Lesung: Brüder! Die Frauen sollen ihren Männern untertan sein, als ob es dar Herr wäre. Denn der Mann ist das Haupt der Frau, wie Christus das Haupt der Kirche ist, des Leibes, den er erlöst hat. Wie aber die Kirche Christus untertan ist, so sollen es die Frauen in allem ihren Männern sein. - Ihr Männer, liebet eure Frauen, wie auch Christus die Kirche geliebt und sich selbst für sie hingegeben hat, um sie zu heiligen. Er wusch sie rein durch das Bad der Wiedergeburt im Worte des Lebens, um sich eine herrliche Kirche zu schaffen, die unbefleckt, unverwelkt und ohne irgendein Gebrechen sei. Heilig und ohne Makel sollte sie sein. So müssen die Männer ihre Frauen lieben, als wären sie ihr eigener Leib. Wer seine Frau liebt, liebt sich damit selbst. Und sich selbst, seinen eigenen Leib, hat noch niemand gehasst. Im Gegenteil, er nährt und pflegt ihn, wie auch Christus die Kirche. Denn wir sind Glieder seines Leibes, von seinem Fleisch und von seinem Gebein. »Deswegen wird der Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seiner Frau anhangen, und die beiden werden zu einem Fleische werden.« Dieses Mysterium der Ehe ist groß, und zwar, so sage ich, im Hinblick auf Christus und die Kirche. Wenn dem so ist, dann sollt auch ihr, ein jeder einzelne, seine Frau wie sich selbst lieben. Die Frau aber soll dem Manne Ehrfurcht entgegenbringen Eph. 5, 22-23.)

Dann überlässt der Apostel ehrfürchtig dem Meister die Rede, und Jesus selber spricht im Evangelium das große entscheidende Wort: »Was Gott verbunden hat, soll der Mensch nicht trennen!« (Evangelium: In jener Zeil kamen die Pharisäer zu Jesus, um ihn zu versuchen und sagten: »Ist es dem Mann erlaubt, seine Frau zu entlassen aus jedwedem Grunde? « Er antwortete ihnen: Habt ihr nicht gelesen, dass er, der den Menschen schuf im Anbeginn, als Mann und Frau ihn schuf? Und er hat gesagt: Deshalb wird der Mann Vater und Mutter verlassen und seiner Frau anhangen, und die bei den werden zu einem Fleische werden. Also sind sie nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch. Was aber Gott verbunden hat, das soll der Mensch nicht trennen« ... Mt 19, 3-6) Damit aber der Gedanke an die schweren Pflichten und die große übernommene Verantwortung nicht zu schwer auf den Brautleuten laste, betet die Kirche für sie, fleht auf die neue Familie Gnaden herab und erinnert an den Lohn, der wahrhaft christlichen Eheleuten auch schon auf Erden zuteil wird (Zur Opferung: Auf Dich hoffe ich, o Herr! Ich sage: Du bist mein Gott! In Deinen Händen liegt mein Leben !; Stillgebel: Herr, wir bitten Dich, nimm die Gabe an, die wir für diesen heiligen Ehebund zum Opfer bringen, und wie Du dieses Werk in Deiner Freigebigkeit begonnen hast, so ordne und lenke es auch. Durch Jesus Christus ... ).

Und noch eine wichtige Eigenheit ist in der Liturgie dieser Messe: Nach dem Pater noster wendet sich der Priester zu den Brautleuten und ruft den Segen Gottes auf sie herab in einem Gebete, das an die tiefsten Fasern des Herzens rührt und überfließt von ergreifenden Glückwünschen (Brautsegen: Lasset uns beten ! Herr, sei unserm Flehen gnädig und stehe gütig dem Ehebunde bei, den Du selber eingesetzt hast, um dadurch die Verbreitung des Menschengeschlechtes zu ordnen, und was Deine Huld verbunden hat, behüte nun auch durch Deine Hilfe. Durch unsern Herrn Jesus Christus ...
Lasset uns baten ! Gott, mit Deiner gewaltigen Kraft hast Du alles aus dem Nichts erschaffen. Zuerst hast Du das Weltall planvoll geordnet. Dann schufest Du den Menschen zu Deinem Ebenbilde. Ihm gabst Du die Frau als unzertrennliche Gehilfin bei, indem Du es aus dem Fleische des Mannes hervorgehen ließest. So wolltest Du zeigen, dass es niemals erlaubt ist, zu trennen, was Du aus einem wolltest entstehen lassen. Gott, Du hast die eheliche Vereinigung durch ein gar hohes Mysterium geweiht. Denn im Ehebunde hast Du ein Vorbild au/gestellt der mystischen Verbindung Christi und der Kirche. Gott, durch Dich wird die Frau dem Manne verbunden, und durch Dich wird die Lebensgemeinschaft, die Du im Anfange planvoll eingerichtet hast, mit einem Segen beschenkt, der allein weder durch die Strafe für die Erbsünde, noch durch das Strafurteil der Sintflut weggenommen wurde: Siehe gnädig auf diese Deine Magd herab! Sie soll dem Gatten zur Lebensgemeinschaft verbunden werden und bittet Dich darum um Deinen Schutz und Schirm. Die Ehe sei ihr ein Joch der Liebe und des Friedens. Treu und keusch vermähle sie sich in Christus. Stets ahme sie die heiligen Frauen nach: Liebenswürdig sei sie ihrem Manne wie Rachel, weise wie Rebekka. An Jahren und an Treue sei sie Sara gleich. Keinen Anteil raube sich an ihr durch ihre Werke der Urheber der Sünde. Der Treue und ihren Pflichten bleibe sie innig verbunden. Dem einen Gatten vermählt, fliehe sie allen unerlaubten Umgang. Sie wappne ihre Schwäche mit kerniger Zucht. Sittsam sei sie und ernst, ehrwürdig durch keusche Scham, wohlunterrichtet in himmlischen Lehren. Sie sei mit Kindern gesegnet. Erprobt sei sie und makellos. So gelange sie zur Ruhe der Seligen und zum himmlischen Reiche. Beide aber mögen ihre Kindeskinder schauen bis ins dritte und vierte Glied und das erwünschte Greisenalter erreichen. Durch ihn, unsern Herrn Jesus Christus).

Dann geht die Messe weiter, und man betet um die Befreiung von allem Übel und um den Frieden, das höchste Gut auf Erden (Zur KommunIon: Seht, so wird jeder Mann gesegnet, der den Herrn fürchtet. Mögest du Kind und Kindeskinder sehen. Friede über Israel! (Ps. 127,4. u. 6)
Schlussgebet: Wir bitten Dich, allmächtiger Gott: Geleite den Bund, den Du selbst in Deiner Vorsehung eingesetzt hast, mit väterlicher Huld, und behüte diese beiden, die Du In gesetzlicher Ehegemeinschaft miteinander verbindest, im Frieden langer Jahre. Durch unsern Herrn ...
Vor dem Segen: Der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs sei mit euch! Er lasse seinen Segen sich an euch erfüllen! Ihr sollt die Kinder eurer Kinder sehen bis ins dritte und vierte Glied, und dann sollt Ihr das ewige Leben haben ohne Ende. Dazu helfe euch unser Herr Jesus Christus, der mit dem Vater und dem Heiligen Geist, lebt und herrscht, Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen).

Dieses Gebet um Frieden greifen Wir auf und formen darnach Unsern Glückwunsch für die Neuvermählten: »Friede!«, das heißt «wahres, christliches Glück!» Mögen die Tage eures Lebens, einer wie der andere, glücklich sein wieder Hochzeitstag! Möge das Lächeln von lieben Kleinen sie erheitern; denn sie sind die Bürgschaft für die gegenseitige Liebe und den Segen Gottes; der Herr wird sie wachsen lassen um den Tisch wie die jungen Schosse des Ölbaumes.

Und wenn auch nicht alle Tage so glücklich vorbeigehen werden wie die ersten, dann mögen sie wenigstens verklärt sein durch jenes Gottvertrauen, das allein Kraft gibt gegen die Übel dieser Welt!

Garantie der Heiligkeit 12. Juli 1939

Anfang und Grundlage der christlichen Familie ist ein Sakrament. Es handelt sich also bei der Ehe nicht um einen gewöhnlichen Vertrag oder um eine einfache Zeremonie oder um irgendein äußerliches Machwerk, mit dem man ein wichtiges Lebensdatum auszeichnen will. Nein, es geht um eine wirklich religiöse Handlung übernatürlicher Ordnung.

Und aus ihr fließt ein gewisses fortdauerndes, übernatürliches Recht auf jene Gnaden und göttlichen Hilfsmittel, die notwendig und nützlich sind zur Heiligung des Familienlebens, zur Erfüllung der Ehestandspflichten, zur Überwindung der Schwierigkeiten, zur Beobachtung der Vorsätze, zur Erreichung der höchsten Ideale (Casti connubii A. A. S. 1930, pp. 554-555). Gott selbst hat dafür die Bürgschaft übernommen, da er die christliche Ehe zum ewigen Symbol der unlösbaren Einheit zwischen Christus und der Kirche erhob, und darum behaupten wir mit Recht, dass die christliche Familie, wenn sie wirklich im Leben und in der Tat christlich ist, eine Garantie der Heiligkeit ist. Unter dieser heilsamen Wirkkraft des Sakramentes wachsen um den Familientisch herum die Kinder heran wie unter dem erfrischenden Tau der Vorsehung, ähnlich den Zweigen des Ölbaumes (Ps. 127, 3).

In einer christlichen Familie herrschen Liebe und gegenseitige Hochachtung; man erwartet und begrüßt dort die Kinder als Geschenke Gottes und als heilige Güter, die den Eltern zu behutsamer Pflege anvertraut sind; wenn Leiden und Prüfungen hereinbrechen, bewirken sie nicht Verzweiflung oder Auflehnung, sondern heiteres Gottvertrauen; das Vertrauen lindert den unvermeidlichen Schmerz und macht daraus zugleich ein gottgesandtes Mittel der Reinigung und des Verdienstes. - «Seht, so segnet Gott jene, die ihn fürchten!» (Ps. 127, 4) ...

 »Der Friede sei mit euch!« 19. Juli 1939

Was man den Neuvermählten immer wieder wünscht, ist stets und überall dasselbe: Glück! Der Glückwunsch ist der erste und erschöpfendste Ausdruck dessen, was alle: die Eltern, Verwandten, die Freunde und alle, die an der Freude teilnehmen, von Herzen euch gönnen möchten. - Ein Glückwunsch ist auch das Gebet, mit dem die Kirche die Brautmesse schließt: »Allmächtiger Gott, wir bitten Dich: schütze mit lang währendem Frieden jene, die Du in rechtmäßiger Gemeinschaft verbunden hast.« - Und das ist auch der väterliche Wunsch, den Wir an die Neuvermählten zu richten pflegen, wenn sie in Rom zusammenströmen, um sich den Apostolischen Segen zu erbitten, diesen Segen, der für alle ein Unterpfand ist himmlischer Gunst, des Friedens und des Glückes. Auch an euch richten Wir heute diesen Glückwunsch: Pax vobis - der Friede sei mit euch! Es ist das ein echt christlicher Wunsch, den uns der göttliche Meister als kostbares Erbe hinterlassen hat. Seine tiefe Bedeutung möchten Wir euch erklären.

Der Friede, die Quelle wahren Glückes, kann nur von Gott kommen, kann nur in Gott gefunden werden: »O Herr, Du hast uns für Dich gemacht, und unser Herz ist unruhig, bis es ruht in Dir! « Ja, den endgültigen Frieden, die volle und ungetrübte Glückseligkeit, werden wir erst im Himmel in der Anschauung der Wesenheit Gottes besitzen. Aber auch in diesem Erdenleben ist die Grundbedingung des wahren Friedens und der gesunden Freude die kindlich-liebevolle Unterordnung unter Gottes Willen: alles, was diese Gleichförmigkeit und die Einheit des menschlichen mit dem göttlichen Willen schwächt, bricht oder zerreißt, ist dem Frieden Fein«: so vor allem und in erster Linie die Sünde. Die Sünde ist Bruch und Uneinigkeit, Unordnung und Verwirrung, Gewissensqual und Furcht; wer dem Willen Gottes widersteht, hat nicht den Frieden, kann ihn nicht haben: »Wer wollte ihm trotzen und hat noch Frieden?« (Job 9, 4) - Nein, der Friede ist das glückliche Los jener, die das Gesetz Gottes beobachten: »Des Friedens voll sind, die Deine Satzung lieben.« (Ps. 118, 165).

Auf diesem festen Fundamente begründen die christlichen Brautleute, die christlichen Eltern, den Urquell des Glückes und die Stütze des Familienfriedens. Die christliche Familie flieht die Ichsucht und will nicht nur die eigene Befriedigung; sie ist vielmehr ganz durchdrungen von Menschen- und Gottesliebe. Mögen dann die flüchtigen Reize der Sinne sich verlieren, mögen die Blüten jugendlicher Schönheit eine nach der andern verwelken, mögen die trügerischen Traumbilder der Einbildung zergehen; was immer bleiben wird zwischen den Gatten unter sich, zwischen Kindern und Eltern, das ist ein festes Band der Herzen, eine unwandelbare Liebe; sie bleibt als die große Triebfeder des häuslichen Lebens und mit ihr das Glück und der Friede.

Wer aber in dem heiligen Ritus der christlichen Trauung nur eine einfache, äußerliche Formel sieht, die man aus Gewohnheit eben einhalten muss; wer mit einer gottverfeindeten Seele zum Altare kommt, der entweiht das Sakrament Christi und verschließt sich so die Quellen der übernatürlichen Gnaden, die doch nach dem wunderbaren Plane der Vorsehung bestimmt sind, den Garten der Familie zu befruchten und darin mit den Tugendblüten auch die Früchte wahren Friedens und reiner Freude wachsen zu lassen. - Familien, die in Schuld gegründet wurden. zerschellen an den Felsen beim ersten Sturm oder verlieren sich, wie ein verlassenes Schifflein im Spiel der Wellen, in Lehren, die bei aller verkündeten Freiheit und Zwanglosigkeit nur härteste Knechtschaft bringen. Wer die Familie entweiht, wird keinen Frieden haben; nur die christliche Familie, die den Gesetzen des Schöpfers und Erlösers gehorcht, kann mit Hilfe der Gnade den Frieden verbürgen.

Das, liebe Brautleute, ist der Sinn des väterlichen Glückwunsches, der aufrichtig und innig aus Unserem Herzen quillt: Friede mit Gott in der Unterordnung unter seinen Willen, Friede mit den Menschen in der Liebe zur Wahrheit, Friede mit sich selber im Sieg über die eigenen Leidenschaften: ein dreifacher Friede, der allein unser wahres Glück ist, das wir während dieses Erdenwallens verkosten dürfen! ... (Segen).

Der Anteil Gottes im Ehebund 8. November 1939

Die Ehe legt neue Pflichten auf. Bis jetzt haben viele von euch unter dem schützenden Dache ihres Vaters gewohnt, ohne eigene Verantwortung, zufrieden, nach Kraft und nach Alter einen lieben Vater, eine liebe Mutter unterstützen zu können, und diese hinwieder hielten für euch am häuslichen Herde und am Familientisch immer einen sichern Platz bereit. Nun aber habt ihr eine neue Familie gegründet, für die ihr vor Gott und den Menschen verantwortlich seid. Sorget dafür, dass euer Haus vom ersten Tage an eindeutig ein christliches Haus sei, nach innen und außen. Das Herz Jesu soll darin König sein; das Bild des gekreuzigten Heilandes und das der heiligsten Jungfrau Maria soll darin den Ehrenplatz haben; sie sollen vor aller Augen kundtun, dass man in eurem Hause dem Herrgott dient und dass Besucher und Freunde gleich euch alles fern halten müssen, was sein heiliges Gesetz verletzen könnte: unanständige Reden, Lügen, Wutausbrüche und sündige Schwäche. Aber nicht nur das. Sie sollen euch ebenso daran erinnern, dass Jesus und Maria treue und liebevolle Zeugen und gleichsam Teilnehmer aller Familienereignisse sind, der Freuden, die, so wünschen Wir, recht zahlrecht sein mögen, sowie der Prüfungen und Leiden, die auch nicht ausbleiben.

Ja, auch für euch werden, wie für alle auf dieser Welt, Stunden der Trauer kommen. Jetzt lebt ihr vielleicht in einem süßen Traum - aber welcher Traum kann bestehen vor der harten Wirklichkeit des Alltags? Doch ihr habt die Gnade des Sakramentes; sie macht euch stark in den unvermeidlichen Enttäuschungen und in den Schwierigkeiten, die das Eheleben mit sich bringt.

In allen Lagen eures Lebens, den frohen wie den traurigen, bleibt für euch die große Aufgabe der christlichen Ehe bestehen. Die Ehe ist für euch Christen nicht ein rein natürlicher Bund, ein rein menschlicher Vertrag; sie ist ein Vertrag, in dem auch Gott seinen Platz hat, und zwar den Platz, der ihm notwendig zukommt, den ersten! Vor seinem Altar habt ihr euch verbunden, nicht nur, um euch gegenseitig die Last des Lebens zu erleichtern, sondern auch, um mitzuarbeiten mit Gott bei der Fortsetzung seines Schöpfungs-, Erhaltungs- und Erlösungswerkes. Gott hat euer Gelöbnis angenommen und gesegnet: er hat euch auch eine besondere Gnade verliehen, die euch helfen soll, die neuen Pflichten von Tag zu Tag leichter zu erfüllen. ... (Segen).

Euer Heim 15. November 1939

Denkt daran, was von Jugend auf das Wort »Daheim« eurem Herzen sagte. Dort wohnte euer Herz: Vater, Mutter, Brüder und Schwestern; sie fassten in sich eure ganze Liebe zusammen. Eines der größten Opfer, die Gott von einer Seele verlangt, wenn er sie zu einem höhern Stand der Vollkommenheit beruft, ist das, Verlassen des Heimes. »Höre mein Sohn ... vergiss das Haus deines Vaters!« (Ps. 44,10) - »Wer sein Haus ... um meines Namens willen verlässt, der wird das ewige Leben haben.« (Mt 19, 29).

Und nun seht: auch euch, die ihr den gewöhnlichen Weg der Gebote geht, hat eines Tages eine neue und gebieterische Liebe aufgerufen: Verlass das Haus deines Vaters, sagte sie zu einem jeden von euch, du sollst ein anderes gründen, das dein Heim sein wird! Von da an war es euer brennender Wunsch, euch ein echtes »Daheim« zu bauen.

Kein Dach über dem Haupt!

Auch die Heilige Schrift sagt: »Die Hauptsache zum Leben ist ... das Brot, die Kleidung und ein Heim« (Sir. 29, 28). Kein Daheim haben, ohne Dach und ohne Herd sein - und leider geht es gar vielen Unglücklichen so - ist das nicht Ausdruck höchster Not und tiefsten Elends? - Aber auch das Beispiel des Gottmenschen habt ihr gewiss nicht vergessen: Jesus, unser Heiland, hat zwar die Süßigkeit des Vaterhauses erlebt in dem bescheidenen Hause von Nazareth; später aber, in seinem apostolischen Leben, wollte er ein Heimatloser sein. »Die Füchse«, so sprach er, »haben ihre Höhlen, und die Vögel des Himmels ihre Nester, aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlegen könnte!« (Mt 8, 20).

Wenn ihr an dieses Beispiel des göttlichen Heilandes denkt, dann werdet ihr euch leichter in die Gegebenheiten eures neuen Lebens schicken, auch wenn sie nicht sofort und in allem dem entsprechen, was ihr euch erträumt hattet.

Jedenfalls sollt ihr alle Sorge aufwenden, besonders ihr, junge Bräute, euer Heim angenehm und traulich zu gestalten; ihr sollt dafür sorgen, dass darin Friede und Einklang herrscht, zuerst zwischen zwei Herzen, die gerade und treu zu ihrem Versprechen stehen, und dann, so Gott will, in einem ehrenvollen und frohen Kranz von Kindern. In alter Zeit schon hat Salomon, enttäuscht von den irdischen Schätzen und wissend geworden um ihre Eitelkeit, den Ausspruch getan: » Weit besser ist ein trockener Bissen Brot und dabei Ruhe, als ein Haus voll Fleisch und dabei Hader« (Spr. 17, 1).

Wisset aber, dass alle Mühe umsonst wäre und ihr das Glück des Heimes nie erjagen könnt, wenn nicht Gott mit euch das Haus baut (vgl. Ps. 126, 1), um dann mit seiner Gnade darin zu wohnen. Ihr müsst gleichsam auch eine »Gotteshausweihe« vornehmen, d. h. ihr müsst unter Anrufung der heiligsten Jungfrau und eurer heiligen Schutzpatrone den kleinen Tempel eurer Familie Gott weihen; darin soll gegenseitige Liebe Friedenskönig sein und treue Beobachtung der Gebote Gottes sein Thron. ... (Segen).

Gleichklang der Seelen 22. November 1939

In euren Herzen singt die christliche Liebe ihren ewigen und doch immer jungen Hymnus, während die Kirche eben heute das Fest der Patronin der Musik feiert, der heiligen Cäcilia. Für Uns ist das ein willkommener Anlass, euch in wenigen Worten zu sagen, wie wichtig die einträchtige und dauerhafte Harmonie zwischen Mann und Frau ist. Vielleicht denkt ihr, es sei überflüssig, in diesen Tagen euch die Seelenharmonie anzuempfehlen, da doch eure Herzen in vollkommenem Gleichklang ineinander schlagen und nicht einmal wissen, was Missklang ist. Aber wisst ihr nicht, dass auch das beste Musikinstrument vom vielen Gebrauch bald verstimmt wird und dass man es daher oft neu stimmen muss? So geht es auch mit dem menschlichen Willen; auch seine guten Vorsätze sind dem Gesetze der Erschlaffung unterworfen.

Die erste Bedingung für den Einklang zwischen den Gatten und also auch für den häuslichen Frieden, ist ein dauerhafter, guter Wille von beiden Seiten. Die tägliche Erfahrung lehrt, dass man bei den Zwistigkeiten unter den Menschen, wie unser großer Manzoni sagt, »Recht und Unrecht nie mit einem Schnitt so sauber trennen kann, dass jeder Teil entweder alles Recht oder alles Unrecht hätte«. Die Heilige Schrift vergleicht wohl die böse Frau mit einem wackelnden Ochsenjoch (Sir. 26, 10), das mit seinem Schwanken die Arbeit hindert, und die streitsüchtige Frau mit einem Dach, das zur Regenzeit das Wasser durchlässt (Spr. 27, 15), aber sie bemerkt auch, dass der jähzornige Mann die Streitigkeiten entfacht (Sir. 28, 11). Schaut euch um, ihr werdet am Beispiel anderer lernen, dass es bei Ehestreitigkeiten meist am gegenseitigen Vertrauen, am Nachgeben und Verzeihen-können fehlt.

Umso mehr werdet ihr dann das Glück der Eintracht zwischen Ehegatten zu schätzen wissen. »An drei Dingen freut sich mein Herz«, sagen wiederum die Heiligen Bücher, »und drei Dinge sind wohlgefällig vor Gott und den Menschen: Eintracht unter Brüdern, Liebe zu den Nebenmenschen, und Mann und Frau in fester Einheit verbunden « (Sir. 25, 1).

Diesen kostbaren Zusammenklang, liebe Brautleute, sollt ihr sorglich behüten gegen alle Gefahren einer Verstimmung von außen oder von innen. Zwei Gefahren sind es vor allem, die euer Glück bedrohen: Misstrauen, das so schnell und leicht entsteht, und Empfindlichkeit, die so schwer vergeht. Von außen ist es oft die eifersüchtige Bosheit von Dritten, die Mutter der Verleumdung, die den Misston des Verdachtes in die friedvolle Harmonie der Ehe trägt. »Die Zunge eines Dritten trieb treffliche Frauen von Haus und Hof und raubte ihnen die Früchte ihrer Arbeit. Wer auf sie hört, der findet nie Ruhe.« (Sir. 28, 19-20). Reicht denn nicht die falsche Schwingung eines einzigen Instrumentes aus, um die ganze Harmonie einer Musikkapelle zu zerstören?

Aber die kurzen Dissonanzen, die bei einer musikalischen Darbietung das Ohr verletzen oder doch überraschen, werden ein Element der Schönheit, wenn sie in einer geschickten Modulation sich im erwarteten Akkord auflösen. So muss es auch sein mit den Zwisten und vorübergehenden Unstimmigkeiten, die aus menschlicher Schwäche zwischen Eheleuten entstehen können. Man muss die Dissonanzen sofort auflösen; man muss die wohltuende Modulation versöhnlicher Seelen erklingen lassen, und so sich im Einklang wieder zusammenfinden, der für einen Augenblick verloren schien; wieder zurückkehren zum Wohllaut ·des Friedens und der christlichen Liebe, der heute eure Herzen bezaubert. Der große Apostel Paulus verrät euch das Geheimnis dieses Wohlklanges; er sagt euch, wie ihr ihn am häuslichen Herde bewahren oder doch wieder erneuern könnt: »Wenn ihr euch erzürnt«, mahnt er, »so sündigt nicht! Die Sonne gehe nicht unter über eurem Zorne; gebt nicht Raum dem Teufel!« (Eph. 4, 26). Wenn die ersten Schatten des Abends euch zur Besinnung und zum Beten einladen, dann kniet nebeneinander hin vor den Gekreuzigten, der über eurer Nachtruhe wachen wird. Und aufrichtigen Herzens betet zusammen: »Vater unser, der Du bist im Himmel ... vergib uns ... wie auch wir vergeben ... « Dann werden die Misstöne der üblen Laune verstummen; die Dissonanzen werden sich auflösen in lauter Wohlklang, und eure Seelen werden wieder anstimmen das Hohelied des Dankes an jenen Gott, der euch einander geschenkt hat.

Heilige Keuschheit 6. Dezember 1939

Neu verbunden durch ein heiliges Versprechen, dem auch neue schwere Pflichten entsprechen, seid ihr, liebe Brautleute, zum gemeinsamen Vater der Gläubigen gekommen, um seine Mahnworte zu hören und seinen Segen zu empfangen. Und Wir möchten heute eure Blicke hinlenken auf die mildreiche Jungfrau Maria. Denn übermorgen wird die Kirche ihr Fest feiern unter dem Titel der Unbefleckten Empfängnis, dem lieblichsten ihrer Ruhmestitel. Er ist wie das Vorspiel all ihrer übrigen Herrlichkeit, ja so sehr ist das der einzigartige Vorzug Mariens, dass er fast identisch scheint mit ihrer eigenen Person: "Ich bin«, sprach sie selbst zur heiligen Bernardette in der Grotte von Massabielle, »die Unbefleckte Empfängnis.«

Eine unbefleckte Seele! Wer von euch hat nicht, wenigstens in den guten Stunden, gewünscht, es zu sein? Wer liebt nicht, was rein ist und fleckenlos? Wer bewundert nicht die strahlend weißen Lilien, die sich im kristallklaren Wasser eines Sees spiegeln, oder die schneeigen Berggipfel, die das Blau des Firmamentes wider strahlen? Wer beneidet nicht die reine Seele einer heiligen Agnes, eines Aloisius Gonzaga, einer Theresia vom Kinde Jesu, um nur diese drei edelsten Blüten zu nennen?

Makellos waren der Mann und die Frau, da sie aus Gottes Schöpferhand hervorgingen. Doch sie befleckten sich durch die Sünde, und nun mussten sie ihr Reinigungswerk beginnen. Sie taten es mit dem Sühneopfer makelloser Opfertiere. Aber erst das kostbare Blut Christi, des Lammes ohne Fehl und Makel (1. Petr. 1, 19), gab diesen Opfern Erlösungskraft. Und um sein Werk fortzusetzen, wollte Christus, dass die Kirche, seine mystische Braut, »weder Flecken noch Runzeln habe, sondern heilig und makellos sei« (Eph. 5, 27).

Und das, liebe junge Brautleute, ist eben das Ideal, das euch der große Apostel Paulus vor Augen stellt: »Ihr Männer«, so mahnt er, »liebet eure Frauen, wie auch Christus seine Kirche geliebt hat!« (Eph. 5, 25); denn das, was die Größe des Ehesakramentes ausmacht, ist eben seine Beziehung zu der Vereinigung zwischen Christus und seiner Kirche (Eph. 5, 32).

Ihr meint vielleicht, der Begriff »unbefleckte Reinheit« lasse sich nur auf die Jungfräulichkeit anwenden, das hohe Ideal, zu dem Gott nicht alle Christen beruft, sondern nur wenige auserwählte Seelen. Ihr kennt solche Seelen und bewundert sie vielleicht, doch dachtet ihr, eure Berufung sei nicht dieser Art. Ihr strebt nicht nach dem Gipfel des vollständigen Verzichtes auf Erdenfreuden. Da ihr dem gewöhnlichen Weg der Gebote Gottes folgt, tragt ihr in euch die rechtmäßige Sehnsucht, als Frucht eurer Vereinigung, einen herrlichen Kranz von Kindern um euch zu sehen. Doch kann und muss auch der Ehestand, der von Gott zum allgemeinen Nutzen der Menschen gewollt ist, seine unbefleckte Reinheit ohne Makel haben.

Unbefleckt ist vor Gott, wer immer treu und ohne Schwäche die Pflichten des eigenen Standes erfüllt. Gott ruft nicht alle seine Kinder zum Stand der Vollkommenheit, aber jeden ruft er zur Vollkommenheit in seinem Stande: »Seid vollkommen«, sagte Jesus, »wie euer Vater im Himmel vollkommen ist!« (Mt 5, 48). Die Pflichten der ehelichen Keuschheit sind euch bekannt. Sie erfordern echten Mut. manchmal Heldenmut und ein kindliches Vertrauen auf die Vorsehung. Aber eben dazu wurde euch die sakramentale Gnade gegeben, um diesen Pflichten nachkommen zu können.

Das rechte Beispiel und Gottes Befehl

Lasst euch darum nicht verführen von Vorwänden, die leider modern und verbreitet, und von Beispielen, die unglücklicherweise allzu häufig sind. Höret lieber, was der Engel Raphael dem jungen Tobias riet, als dieser zögerte, die tugendhafte Sara zur Frau zu nehmen: »Höre auf mich, und ich will dich lehren, wer die sind, über die der böse Geist Gewalt hat; es sind jene, die so die Ehe eingehen, dass sie dabei Gott aus Sinn und Herz verbannen« (Tob. 6, 16-17). Und Tobias, erleuchtet durch solche Engelsmahnung, sagte zu seiner jungen Frau: "Wir sind Kinder von Heiligen und dürfen uns nicht so vereinigen wie die Heiden, die Gott nicht kennen« (Tob. 8, 5). Vergesst nie, dass die christliche Liebe einen viel höheren Zweck hat, als bloß den einer flüchtigen Befriedigung.

Höret schließlich auf die Stimme eures Gewissens, die in euch Gottes Befehl an das erste Menschenpaar wiederholt: »Wachset und mehret euch!« (Gen. 1, 22). Dann wird nach des heiligen Paulus Wort »die Ehe in allem ehrbar und das Ehebett unbefleckt sein « (Hebr. 13, 4).

Erbittet diese besondere Gnade von der heiligen Jungfrau an ihrem bevorstehenden Festtag, umso mehr, da Maria unbefleckt war von ihrer Empfängnis an, um einst würdig Mutter des Erlösers zu werden. Deshalb betet die Kirche in ihrer Liturgie, in der die Dogmen unseres heiligen Glaubens nachklingen: »O Gott, Du hast durch die unbefleckte Empfängnis der Jungfrau Deinem Sohne eine würdige Wohnung bereitet ... « (Kirchengebet am Feste der Unbefleckten Empfängnis). Diese unbefleckte Jungfrau, die durch einen zweiten einzigartigen und göttlichen Vorzug Mutter wurde, kann darum sowohl eure Sehnsucht nach innerer Reinheit als auch euer Verlangen nach den Freuden des Familienlebens verstehen. Je mehr eure Vereinigung heilig und frei von Sünde sein wird, umso mehr wird Gott und seine reinste Mutter euch segnen, bis zu dem Tage, da der gute Gott für ewig jene im Himmel vereinigen wird, die sich auf Erden in christlicher Liebe liebten.

1940

Gedanken junger Eheleute an der Krippe über das Glück des eigenen Kindes 10. Januar 1940

Wenn es inmitten der Trübsale der Erde eine Gruppe Wesen gibt, die froh in die Zukunft schauen können, so seid ihr es wohl, scheint Uns, die ihr kürzlich durch das Band der christlichen Ehe verbunden wurdet und entschlossen seid, mit den göttlichen Gnaden, die das Sakrament verleiht, ehrlich die Pflichten zu erfüllen, die es verlangt. In den jüngst vergangenen Tagen habt ihr einen eurer süßesten Träume verwirklicht. Es bleibt noch ein Wunsch für das Jahr, das jetzt begonnen hat, nämlich jener, dass eure Verbindung, die bereits von Gott unsichtbar mit der sakramentalen Gnade gesegnet ist, den sichtbaren Segen der Fruchtbarkeit empfange.

Seht, da stellt euch die Kirche in dieser Weihnachtszeit zur Betrachtung hin eine Frau und einen Mann, die voll Liebe vor einem neugeborenen Kinde knien. Wenn ihr dieses Weihnachtsgeheimnis betrachtet, schaut also auf die Haltung von Maria und Joseph; sucht vor allem in ihre Herzen einzudringen und ihre Gesinnungen zu erforschen. Dann könnt ihr - trotz des unendlichen Unterschiedes zwischen der Geburt Jesu, des fleischgewordenen Wortes und Sohnes der reinsten Jungfrau, und der menschlichen Geburt des kleinen Wesens, dem ihr das Leben geben werdet - mit Vertrauen diese idealen Gatten, Maria und Joseph, zu eurem Vorbild nehmen. Schaut auf die Grotte von Bethlehem! Ist sie vielleicht eine passende Wohnung auch nur für kleine Handwerker? Wozu diese Tiere, wozu diese Reisesäcke, diese äußerste Armut? Vielleicht deshalb, weil Maria und Joseph von der Geburt des Jesuskindes in der heimeligen Annehmlichkeit ihres Häuschens in Nazareth geträumt hatten? Vielleicht hatte Joseph schon vor mehreren Monaten Stücke Holz des Landes genommen, hatte gesägt, gehobelt, poliert und eine Wiege daraus gemacht und sie an einer Wölbung verziert mit eingeflochtenen Weidenzweigen. Und Maria hatte - wir können es wohl denken-, von Kindheit an im Tempel an weibliche Arbeiten gewöhnt, wie jede Frau, die die Hoffnung hat, bald Mutter zu werden, geschnitten, gesäumt und mit einer gefälligen Stickerei versehen die Windeln für den Ersehnten der Völker!

Und nun sind sie nicht in ihrem Häuschen noch bei Freunden, auch nicht in einer einfachen Herberge, sie sind in einem Stalle! Um dem Gebot des Augustus zu gehorchen, hatten sie mitten im Winter eine mühsame Reise gemacht, wenn sie auch wussten, dass das so sehnlich erwartete Kind zur Welt kommen würde. Und sie wussten auch, dass dieses Kind, die jungfräuliche Frucht des Wirkens des Heiligen Geistes, mehr Gott gehörte als ihnen. Jesus selbst sollte sie zwölf Jahre später daran erinnern; die Ansprüche des himmlischen Vaters, des unumschränkten Herrn über die Menschen und Dinge, mussten vorgehen den Gedanken der Liebe, so rein und heilig sie auch waren, von Maria und Joseph. Seht, deshalb knien sie in dieser Nacht in einer elenden und feuchten Grotte in Anbetung vor dem neugeborenen göttlichen Kinde, das in einer harten Krippe lag, "positum in praesepio", statt in einer feinen Wiege, eingewickelt in grobe Windeln, "pannis involutum", statt in feine Wickel.

Auch ihr, teure junge Eheleute, habt euch süße Träume gemacht, macht sie euch jetzt und werdet sie euch machen über die Zukunft eurer Kinder. Traurig jene Eltern, die sie sich nicht machten! Aber gebt wohl acht, dass eure Träume nicht ausschließlich irdisch und menschlich sind. Angesichts des Königs der Himmel, der auf Stroh wimmerte und dessen Sprache wie die jedes Menschen, der in diese Welt kommt, noch das Weinen war: "und auch ich weinte den ersten allen gleichen Laut in gleicher Weise" (Weish. 7, 3), sahen Maria und Joseph - in einem inneren Licht, das auch den Anblick der erdhaften Wirklichkeiten erhellte -, dass das von Gott am meisten gesegnete Kind nicht notwendig jenes ist, das in Reichtümern und Wohlergeben zur Welt kommt; sie begriffen, dass die Gedanken der Menschen nicht immer den Gedanken Gottes entsprechen; sie fühlten tief, dass alles, was auf Erden geschieht, gestern, heute oder morgen, kein Werk des Zufalls ist oder eines guten oder bösen Geschickes, sondern das Ergebnis einer langen und geheimnisvollen Kette von Geschehnissen, die die Vorsehung des himmlischen Vaters herbeigeführt oder zugelassen hat.

Geliebte Neuvermählte, sorgt dafür, dass ihr Nutzen zieht aus dieser erhabenen Lektion! Kniet nieder vor der Krippe des Jesuskindes, wie ihr es einst so begeistert tatet in eurer Jugend, und bittet es, euch die großen übernatürlichen Gedanken einzuflößen, die in Bethlehem das Herz seines Nährvaters und seiner jungfräulichen Mutter erfüllten! In den teuren kleinen Wesen, die, Wir hoffen es, euer junges Heim mit Freude erfüllen, bevor sie der Stolz eurer reifen Jahre und die Stütze eures Alters werden, möget ihr sehen können nicht bloß die zarten Glieder, das anmutige Lächeln, die Augen, in denen sich wieder spiegeln die Züge eures Antlitzes und sogar die Gefühle eures Herzens, sondern über alles und vor allem die von Gott geschaffene Seele, den euch von der göttlichen Güte anvertrauten kostbaren Schatz! Wenn ihr eure Kinder erzieht zu einem tiefen und tapferen Christenleben, gebt ihr ihnen und euch selbst die beste Garantie für eine glückliche Existenz in dieser Welt und eine selige Wiedervereinigung in der anderen.

Die Christgeschenke der Brautpaare 10. Januar 1940

Die Kirche wiederholt in ihrer Liturgie während der feierlichen Oktav der Erscheinung des Herrn oft die Worte der heiligen Dreikönige: »Wir haben im Morgenlande den Stern des Herrn gesehen und sind gekommen mit Geschenken, ihn anzubeten.« (vgl. Mt 2, 2 u. 11). Als ihr, liebe Brautleute, am Altare und vor dem Angesichte Gottes euch das gegenseitige Versprechen gabet, sahet auch ihr einen Himmel voller Sterne, die voll strahlender Hoffnungen in eure Zukunft hineinleuchteten, und jetzt seid ihr gekommen mit Geschenken, um Gott zu ehren und den Segen seines Statthalters auf Erden zu empfangen.

Welches sind eure Geschenke? Wir wissen wohl, dass eure Ausrüstung nicht jenen Glanz aufweist. den Kunst und Überlieferung seit Jahrhunderten den Dreikönigen zuschreiben: ein Gefolge von Dienern, Tiere in prunkvoller Beschirrung, Teppiche, seltene Spezereien und, als Geschenke für das Christkind, Gold (wohl das Ophirgold, das schon Salomon schätzte (1. Kön. 9, 28), Weihrauch und Myrrhe: Geschenke, die sie selber von Gott bekommen hatten; denn alles, was ein Geschöpf darbieten kann, ist ein Geschenk des Schöpfers.

Auch ihr habt in der christlichen Ehe drei wertvolle Geschenke von Gott empfangen. Augustinus zählt sie auf: die eheliche Treue (fides), die sakramentale Gnade (sacramentum) und das Recht auf Nachkommen (proles): drei Güter, die ihr eurerseits wieder dem Herrgott zum Opfer bringen sollt; drei Geschenke, die in den Opfergaben der heiligen Dreikönige versinnbildet sind.

Euer Gold ist die eheliche Treue oder besser: sie ist ein Schatz, der mehr wert ist als alles Gold der Welt. Das Sakrament der Ehe bringt euch in den Besitz dieses Schatzes und kann ihn noch vermehren. Opfert ihn Gott auf, damit er euch helfe, ihn besser zu wahren! Das Gold ist wegen seiner Schönheit, seines Glanzes und seiner Unveränderlichkeit das kostbarste der Metalle; sein Wert dient als Grundlage und Maß für die andern Reichtümer. So ist auch die eheliche Treue Grundlage und Maß des häuslichen Glückes. - Im Tempel Salomons war alles, auch die letzte Ecke, mit Gold verkleidet, zum Schmucke des Ganzen und zur Erhaltung des Baustoffes (1. Kön. 6, 21). Gleicherweise muss auch das Gold der Treue die Ehegemeinschaft überkleiden und einhüllen, um ihre Festigkeit und ihren Glanz zu schützen. Das Gold muss rein sein, damit es seine Schönheit und seinen Glanz bewahre. Ebenso muss auch die Treue der Gatten unversehrt und unbefleckt sein; beginnt sie zu verblassen, dann ist es um das Vertrauen, den Frieden und das Glück einer ehelichen Gemeinschaft geschehen.

»Beklagenswert ist das Gold« - so weinte der Prophet (Klgl, 4, 1) - »wenn es dunkel geworden und seinen Glanz eingebüßt hat», aber noch beklagenswerter sind die Eheleute, deren Treue verblasst; »ihr Gold« - so spricht Ezechiel - »wandelt sich in Unrat« (Ez. 7, 19): der ganze Schatz ihrer schönen Eintracht zersetzt sich in ein trostloses Gemisch von Argwohn, Misstrauen, Vorwürfen und das Ende sind oft Übel, die nicht wieder gutzumachen sind. - Seht, darum soll eure erste Opfergabe für das göttliche Kind der feste Entschluss sein, dauernd und bewusst eurem Eheversprechen eine beständige, sorgsame Treue zu halten.

Die Könige brachten dem Jesuskind auch wohlriechenden Weihrauch. Mit dem Golde hatten sie es als König geehrt, mit dem Weihrauch huldigten sie seiner Gottheit. Auch ihr, liebe Brautleute, habt Gott eine Gabe zu bringen, reich an wohlriechendem Duft; das Sakrament der Ehe gibt euch die nötigen Mittel und Wege dazu. Dieser Weihrauch wird über euer ganzes Leben einen süßen Duft verbreiten und aus jedem Tagewerk, auch dem bescheidensten, ebenso viele Werke machen, die euch im Himmel die ewige Anschauung Gottes verdienen können. Dieser unsichtbare, aber doch wirkliche Weihrauch ist die übernatürliche Gnade. Diese Gnade, die euch in der Taufe gegeben, in der Beichte erneuert und in der heiligen Eucharistie vermehrt wurde, habt ihr nun im heiligen Sakrament der Ehe bekommen, mit einem besondern Anspruche auf neue Hilfen, die euren neuen Pflichten entsprechen. Und so werdet ihr noch viel reicher sein als die Könige. Denn der Stand der Gnade ist mehr als ein lieblicher Wohlgeruch, wie stark und eindringlich der auch sei; mehr als ein süßer Duft, der eurem Leben einen himmlischen Geschmack verleiht; nein, er ist eine wahre Erhebung eurer Seelen in die Ordnung der Übernatur; er macht euch der göttlichen Natur teilhaftig (2. Petr. 1, 4). Welche Sorgfalt müsst ihr deshalb aufwenden, um einen solchen Schatz zu bewahren und noch zu vermehren! Wenn ihr ihn Gott zum Opfer bringt, verliert ihr ihn nicht, sondern ihr vertraut ihn damit nur dem besten und sichersten Hüter an.

Schließlich wollten die Drei Weisen in Jesus aber nicht nur den König und Gott ehren, sondern auch den Menschen; darum brachten sie ihm als Geschenk noch die Myrrhe, d. i. eine Art Gummi oder Harz, das die Alten, besonders die Ägypter, brauchten, um die Leiber ihrer teuren Verstorbenen aufzubewahren. Vielleicht wundert ihr euch, dass Wir in diesem Salböl das Sinnbild der dritten Opfergabe sehen, des dritten Gutes der christlichen Ehe, das Sinnbild der Pflicht und der Ehre, Nachkommen zu haben. Doch seht: in jedem neuen Geschlecht wird die Reihe der Ahnen weitergeführt und verlängert. Die Kinder sind das lebendige Bild und wie eine Auferstehung der Ahnen, welche so durch die Generation von heute jener von morgen die Hand reichen. In den Kindern werdet ihr die Doppelreihe eurer Vorfahren wieder aufleben sehen, werdet ihr sie vor euch handeln sehen, oft mit denselben Gesichtszügen und sittlichen Eigenschaften, besonders aber mit ihrem überlieferten Erbgut von Glauben, Ehre und Tugend. In diesem Sinne erhält, verewigt und erneuert die Myrrhe ohne Unterlass das Leben einer Familie; denn die Familie ist wie ein Baum mit starkem Stamm und üppigem Blattwerk, und jede Generation ist ein neuer Zweig an ihm. Sein ununterbrochenes, beständiges Wachsen zu sichern ist eine hohe Ehre; ja, jene Familien gelten als die vornehmsten und edelsten, deren Stammbaum am tiefsten seine Wurzeln ins Erdreich der Ahnen treibt.

Es ist wahr, die Erfüllung dieser Pflicht bietet oft größere Schwierigkeiten als die Erfüllung der zwei vor genannten. Die Myrrhe, diese erhaltende und vor Fäulnis schützende Substanz, hat einen bitteren Geschmack; die Naturwissenschaftler, von Plinius angefangen, lehren das schon, und auch der Name legt es nahe. Aber die Bitterkeit erhöht nur ihre Heilkraft. Im Alten Testamente wurde die Myrrhe als eine wohlriechende Spezerei verwendet (Hld. 3, 6); ihre Blüten sind ein Sinnbild reiner und glühender Liebe (Hld. 1, 12). Im heiligen Evangelium lesen wir, dass die Soldaten dem göttlichen Heiland am Kreuze Wein, mit Myrrhe gemischt, zu trinken gaben (Mk. 1 5, 23), ein Trank, der den Verurteilten die Schmerzen lindern sollte; alles Sinnbilder, über die ihr nachdenken könnt.

Wir wollen hier nur bei dem einen stehenbleiben: Ja, die unleugbaren Schwierigkeiten, die eine große Kinderzahl mit sich bringt, besonders in unsern Zeiten der Teuerung und in armen Familien, fordern schon Tapferkeit, Opferwillen und nicht selten Heldenmut. Aber wie die heilsame Bitterkeit der Myrrhe, so hält auch diese zeitweise Härte der ehelichen Pflichten die Eheleute vor allem von einer schweren Schuld frei, die sonst zur unheilvollen Quelle des Verderbens für Familien und Völker wird. Außerdem sichern und bewahren diese Opfer, wenn man sie mutig auf sich nimmt, die sakramentale Gnade und vermitteln reiche Hilfe Gottes. Und endlich halten sie vom häuslichen Herde die vergifteten Keime der Zersetzung fern, den Egoismus, die stete Sucht nach Wohlleben, eine falsche und fehlerhafte Erziehung einer gewollt beschränkten Nachkommenschaft. Wie viele Beispiele können euch dagegen zeigen, wie die Anstrengungen der Eltern um das tägliche Brot für eine liebe und zahlreiche Kinderschar, die im heimischen Neste unter den Augen Gottes geboren wurde, auch eine Quelle natürlicher Freude und gegenseitiger Aufmunterung wird.

Seht, liebe Neuvermählte, das sind die Schätze, die ihr von Gott erhalten habt; nun sollt ihr selber sie in dieser Woche nach der Erscheinung des Herrn dem himmlischen Kinde in der Krippe zum Opfer bringen, mit dem Versprechen, mutig und tapfer die Pflichten der Ehe erfüllen zu wollen.

Glaube an die göttliche Hilfe 17. Januar 1940

Es ist der Vortag von Petri Stuhlfeier. Der Papst erklärt kurz den Sinn dieses Festes: Petrus hat in Rom seinen Bischofssitz aufgeschlagen und lehrt nun von da aus in seinen Nachfolgern die Gläubigen aller Zeiten den wahren Glauben. Auch den Brautleuten hat der heilige Petrus etwas zu sagen.

Es ist wohl wahr, dass in unserm grundkatholischen Italien unsere heilige Religion »die einzige Staatsreligion ist«, und dass der Ehe, »als der Grundlage der Familie«, »eine den katholischen Traditionen des Volkes entsprechende Würde« zuerkannt wird (vgl. Abkommen und Konkordat zwischen dem HI. Stuhl und Italien). Und doch könnt ihr, liebe Brautleute, auch hier eines Tages Menschen begegnen, die glaubenszerstörende Lehren verbreiten. Ihr könnt hören, wie man in eurer Umgebung die Religion als ein nebensächliches, wenn nicht gar schädliches Ding behandelt, weil sie den drängenden Sorgen um das materielle Leben im Wege stehe. Man rühmt sich vielleicht vor euch, eine Gefühlsreligion ohne Dogmen zu haben; man verbreitet Irrtümer und behauptet Dinge, die im geraden Gegensatz stehen zu dem, was euch der Katechismus unserer heiligen Kirche lehrt; ihr werdet sagen hören, die christliche Ehe lege den Gatten übertriebene und geradezu unerfüllbare Verpflichtungen auf.

Ja, unerfüllbar sind sie, wenn man nur die menschlichen Kräfte betrachtet; aber eben deshalb hat das Ehesakrament göttliche Kräfte in euch hineingelegt und bewahrt sie in euch, solange ihr im Stande der Gnade seid. Nichts von dem, was Gott vorschreibt, übersteigt diese übernatürlichen Kräfte, die in euch sind und mit euch wirken. »Alles kann ich in dem, der mich stärkt«, rief der Völkerapostel aus. (Phil. 4, 13) »Nein, nicht ich, sondern die Gnade Gottes, die mit mir ist.« (1. Kor. 15, 10).

Habt also keine Furcht vor euren Pflichten, wie schwer sie euch auch vorkommen mögen! Erinnert euch des Tages, an dem Petrus nach Rom kam. Er hatte vorher die Kirche von Antiochien gegründet und viele Gegenden durchwandert, und nun kam er, der Fischer von Galiläa, jeder menschlichen Hilfe bar, nach Rom, in die Stadt, die er endgültig für sich und alle seine Nachfolger zum Bischofssitz erheben wollte. Der heilige Leo der Große (S. Leo Magnus, Sermo 82 c. 3-5). vergleicht ihn mit einem Mann, der einen Wald voll von wütenden Tieren betritt, oder der auf einem Ozean daher schreiten will. Ja, ein Ozean war Rom, aufgewühlt von den mannigfachen Strömungen des Heidentums, die von allen Ecken und Enden des Kaiserreiches in der Hauptstadt zusammenflossen, und doch wandelte Petrus auf diesem Meere sicherer als damals auf dem See Genesareth; denn sein Glaube war nun gestärkt von göttlicher Kraft.

Bittet den heiligen Petrus um eine gleiche Festigkeit im Glauben! Dann werden euch eure Pflichten als christliche Brautleute nicht zu schwer erscheinen. Im Gegenteil, ihr werdet sie mit Freuden beobachten, und ihr werdet, mitten im 20. Jahrhundert, die Ermahnungen befolgen, die der erste Papst den Gatten seiner Zeit erteilte: »Ihr Frauen, seid euren Männern untertan! Dann werden solche, die dem Worte noch nicht gehorchen, durch den Wandel der Frauen auch ohne Wort gewonnen werden, wenn sie euren gottesfürchtigen, lautern Wandel sehen. Und ihr Männer sollt mit den Frauen, als dem schwächeren Teil, verständig umgehen. Erweist ihnen Amtung, denn sie sind Miterben der Gnade des Lebens!« (1. Petr. 3, 1-7). Nichts wird euch besser schützen vor eitlen Begierden nach Neuem, vor leichtfertigen Unbeständigkeiten, vor gefährlichen Abenteuern, als das Bewusstsein, dass ihr für immer miteinander verbunden seid in einem Stande, den ihr selbst frei gewählt habt. .... (Segen)

Treue Mitarbeit mit der Gnade 24. Januar 1940

Wie am letzten Mittwoch von Petri Stuhlfeier, so geht dieses Mal der Papst in seiner Ansprache aus vom Feste Pauli Bekehrung. Auch das Leben des heiligen Paulus hat den Brautleuten etwas zu sagen.

Die großen Lehren des heiligen Paulus, besonders über die Ehe, können nicht in einer kurzen Ansprache dargelegt werden. Wir werden Uns daher beschränken auf den einen oder andern Punkt aus seiner Bekehrung ...

Als Paulus nach dem geheimnisvollen Sturz vor den Toren von Damaskus sich wieder erhob, hätte er ja annehmen können, jener Blitzschlag allein habe genügt, um ihn, den Verfolger, endgültig in den Apostel zu wandeln.

Doch nein! Die Gnade Gottes verlangt, soll sie ihre volle Wirkung erhalten, eine freie und fleißige Mitarbeit in unserem persönlichen Willen. So blieb denn Saulus, obgleich völlig bekehrt und zum Apostolat gerufen, drei Tage lang unbeweglich in Damaskus, fastend und betend (Apg. 9, 9). Und bevor er nach Jerusalem zurückkehrte, lebte er drei Jahre zurückgezogen, erst in Arabien, dann in Damaskus ...

So sollt auch ihr, liebe Brautleute, nicht glauben, es genüge, wie man so sagt, ein »coup de foudre«, ein »Herzensblitz«, um die Ausdauer in eurem Berufe, das heißt in den ehelichen Pflichten, zu sichern, oder um euch das Glück am heimischen Herd zu verbürgen. Auch in der Ordnung der natürlichen Gefühle lehrt uns die Erfahrung, dass eine erprobte Übereinstimmung der Anschauungen, der Überlieferungen und Ideale viel mehr wert ist, als eine plötzliche Aufwallung des Herzens und der Sinne. Gleich wie das künstliche Feuerwerk, an dem sich in Sommernächten unser Auge ergötzt, so kann auch eine Liebe, die aus einer schnellen Aufwallung geboren wurde, gar leicht wieder in sich zusammensinken und gar bald in eitel beißenden Raum aufgehen. Hingegen die echte und dauerhafte Liebe gründet, wie das Feuer in eurem Herd, auf Sorgfalt, auf Achtsamkeit und auf eine ständige Überwachung. Es erlischt nie, nicht nur wegen der dicken Holzscheiter, die sich unter der heißen Glut still und langsam verzehren, sondern auch wegen des kleinen Reisig, von dem das lustige Funkensprühen ausgeht.

Wie könnte die Gnade des Sakramentes der Ehe in euch leben und wirken, wenn ihr nicht beide eifrig Sorge darum tragt, sie in euch zu nähren und zu pflegen? Was werden eure Tage sein und was eure Nächte, wenn nicht die einen wie die andern in Gebet Gott geweiht sind? Warum und woher denn soviel Treulosigkeit selbst unter christlichen Eheleuten? Warum soviel Unglück, soviel Schiffbruch in der ehelichen Treue? Warum werden nach aufrichtigen, gegenseitig am Altare gegebenen Versprechen so viele Bande gewalttätig und schmerzlich zerrissen? Und wenn es auch nicht so weit kommt, wie viele junge Paare haben sich lebenslange, zarte Liebe geschworen, und schon bald zieht es den einen dahin und den andern dorthin in entgegen gesetzte Richtungen! Schuld daran ist ein immer neu auf tauchender Egoismus, verletzte Empfindlichkeit und voreilig verdächtigende Eifersucht. Wie viele Gatten und Gattinnen, noch jung und kurz vorher noch überschäumend von Freude, werden allzu früh enttäuscht; es fallen ihnen, wie dem heiligen Paulus, die »Schuppen von den Augen«, die Schuppen ihrer sinnlosen Träume! - Nun leben sie dahin, niedergedrückt von der schweren Last der Ketten, die sie sich so unbesonnen und ohne den Beistand des Gebetes geschmiedet haben.

Nein, ihr, meine lieben Söhne und Töchter, ihr werdet nicht zu diesen Unglücklichen zählen! Denn eure Seelen werden antworten auf die innige Einladung zum Gebete, auf die vornehm gebieterische und strenge Stimme der Pflicht, auf die zart zuredende Stimme der Familientradition und auf das überzeugende, nimmermüde Drängen des persönlichen Gewissens.

Vernünftige Erziehung 31. Januar 1940

Das Fest des heiligen Johannes Bosco bietet dem Heiligen Vater Gelegenheit, das Beispiel dieses großen christlichen Erziehers zu den Brautleuten sprechen zu lassen.

Vertraut Gott christlichen Eheleuten ein Kind an, so wiederholt er ihnen gleichsam, was die Tochter Pharaos der Mutter des kleinen Moses sagte: »Nimm dieses Kind und erziehe es mir!« (Ex. 2, 9). Die Eltern sind ja nach der Absicht des Schöpfers die ersten Erzieher des Kindes .

... Immer ist die erste Grundlage einer guten Erziehung die Religion. Ihr soll aber dann beigesellt sein die Vernunft, eine vom Glauben erleuchtete Vernunft. Die wahre Vernunft äußert sich vor allem im Maßhalten-können und in der Weisheit, in Ausgeglichenheit und Gerechtigkeit. Wäre es z. B. vernünftig, im Kinde Fehler verbessern zu wollen, die man selber jeden Tag vor seinen Augen begeht, es unterwürfig und gehorsam machen zu wollen, wenn man in seiner Gegenwart die Vorgesetzten, die kirchlichen und weltlichen Obrigkeiten kritisiert, den Anordnungen Gottes oder den gerechten Gesetzen des Staates nicht gehorcht? Wäre es vernünftig, von euren Kindern Redlichkeit zu verlangen, während ihr hinterlistig seid? Aufrichtigkeit, während ihr lügnerisch seid? Großmut, wenn ihr ichsüchtig seid? Nächstenliebe, wenn ihr geizig seid? Sanftmut und Geduld, wenn ihr jähzornig seid? Nein, die beste Lehre ist immer das gute Beispiel ...

Dem Vater oder der Mutter missfallen: das sei der größte Schmerz eines gut erzogenen Kindes! Das hat auch Johannes Bosco schon am heimischen Herd erfahren: Da genügte ein leises Zeichen, ein betrübter Blick der Mutter, und schon bereute er den Anflug kindlicher Eifersucht. Deshalb wollte er auch später, dass der Erzieher als erstes Erziehungsmittel eine beständige Wachsamkeit anwende, beseelt von einer wahrhaft väterlichen, zärtlichen Liebe. Die Eltern sollen den Kindern die beste Zeit schenken, die sie zur Verfügung haben, anstatt sie in gefährlichen Zerstreuungen zu verbringen, oder an Orten, wo sie erröten würden, ihre Kinder hinzuführen.

Ist also die Liebe von der Vernunft geleitet und die Vernunft vom Glaubensgeiste erleuchtet, so wird die Familienerziehung nicht mehr solch beklagenswerten Schwankungen unterworfen sein, die allen Erfolg wieder in Frage stellen: es gibt kein Entweder-Oder mehr zwischen nachgiebiger Schwäche und barscher Strenge; keine schroffen Übergänge mehr von schuldbarer Nachgiebigkeit, die das Kind führerlos lässt, zu heftiger Züchtigung, die es hilflos macht. Nein, der empfundenen, zärtlichen Liebe eines Vaters oder einer Mutter antwortet im Kinde aufrichtiges Vertrauen. Weil diese Liebe über sich selbst Herr ist, wird sie mit viel Mäßigung, und weil sie die Herzen der Kinder besitzt, mit ebenso viel Erfolg gleichmäßig das verdiente Lob und den notwendigen Tadel austeilen. »Sieh zu, dass man dich liebt«, sagte der heilige Don Bosco, »und man wird dir leicht und gerne gehorchen.« 

Das Frühlingslied von Glaube, Hoffnung, Liebe 3. April 1940

Geleitet von einem Gedanken des Glaubens, kommt ihr, liebe Brautpaare, um über den Frühling eures Lebens Unsern Apostolischen Segen herabzuflehen, an einem Tage, da der Frühling der Natur in verschwenderischster Weise seinen Zauber vor euch ausbreitet. Und es ist gleichfalls ein Gedanke des Glaubens, was Wir euch einflößen möchten, wenn Wir euch einladen, für einige Augenblicke um euch und in euch hineinzulauschen auf das, was Dichter und Künstler das Lied des Frühlings nennen.

Drei Noten sind notwendig und genügend, um in ihrem Zusammenklange die Tonart einer Musikschöpfung zu bestimmen. So ließe sich auch das Frühlingslied des Christen auf drei Noten zusammenbringen, deren Harmonie seine Seele zusammenklingen macht mit Gott selber: Der Glaube, die Hoffnung, die Liebe.

Der Glaube ist, wie ihr sehr wohl wisst, eine göttliche Tugend. Sie lehrt uns glauben an den Gott, den wir mit den Augen des Körpers nicht schauen; glauben an seine unendliche Güte, auch wenn seine Gerechtigkeit sie manchmal vor den menschlichen Blicken verschleiert; glauben an seine Allmacht, auch wenn sie - 60 scheint es sehr oft dem vorschnellen Urteilen des Menschen - seiner geheimnisvollen Langmut widerstreitet.

Die getreue Wiederkehr des Frühlings erinnert euch daran, dass Gott, obwohl er manchmal veränderlich scheint, in Wirklichkeit unveränderlich ist; denn er ist ewig. Sie erinnert euch daran, dass jede seiner Anordnungen recht kommt zu ihrer Zeit; dass ein jeder seiner Pläne sich erfüllt zu der Stunde, die seine Vorsehung festgesetzt hat.

Gestern, da war es noch Winter. Alles schien erstorben in der Natur. Der Himmel war von Wolken verschleiert, die Berge bedeckt mit Schnee, die Sonne matt und unfruchtbar. Aber auf einmal hellt sich der Himmel wieder auf. Der Sturmwind schweigt. Die Sonne wird leuchtender, und unter ihren warmen Strahlen beginnt sich das Leben im Schoße der Erde erneut zu regen. Ja, so ist das Werk Gottes: es stirbt nie; es gibt keinen Winter, auf den nicht der Frühling folgt. Was scheinbar den Tod der Natur bedeutete, war nur das Vorspiel einer Auferstehung.

So tretet denn ihr, liebe Neuvermählte, mit einem tiefen Glauben an Gott, mit einem festen Vertrauen auf seine Macht und seine Güte, ein in den Frühling des Lebens, der sich euch öffnet. Es mag sein, dass Prüfungen über euch kommen werden. Ja, zu gewissen Zeiten will es scheinen, als ließe euch Gott selber ganz allein im Kampf mit den Widerwärtigkeiten, so wie ein Vater sich gern einen Augenblick lang verbirgt, um die Kräfte seines Söhnchens zu messen. Es mag sein, dass Gottes Gerechtigkeit, eben wie die eines Vaters, dem körperlichen und dem seelischen Schmerz gestatten wird, euch zu läutern, um euch so das Mittel zu sühnender Buße in die Hand zu geben. Am Himmel eurer gegenseitigen Liebe, der heute so herrlich blau ist, können Wolken auftauchen und eine Zeitlang seinen Glanz verdüstern. Dann lasst euren Glauben an Gott wieder lebendig werden. Dann entfacht wieder den Glauben an eure Versprechen, den Glauben an die Gnade des Sakramentes, den Glauben an die Friedens bringende Süßigkeit einer sofortigen und aufrichtigen Versöhnung. Denn auch eine solche ist in gleicher Weise ein Frühling, weil sie nach Kälte und Stürmen den Frühlingswind, Licht und Frieden wieder bringt.

Der Lehre vom Glauben fügt der Frühling die Lehre von der Hoffnung hinzu. Schon vertreibt zwar die Sonne den Schlaf der Schollen und nimmt den Berghängen ihren weißen Mantel. Aber noch entfacht sie nicht ihre ganze Glut, die erst der Erde ihren strahlenden Schmuck verleihen und herrliches, furchtbares Sprießen entlocken wird. Schon macht der neue Saft die Stämme weich und öffnet auf den Zweigen feuchtlippige Knospen. Noch wiegen die Bäume keine Laubkrone im Winde. Aber gar bald schon werden die Nester widerhallen vom Gesang der Vögel. Das Leben geht weiter. Die Hoffnung bricht im Frühling durch in der ganzen Schöpfung. - Die Hoffnung ist Freude an dem ersehnten und erwarteten Glück, das man aber vorerst nur als Versprechen oder Unterpfand besitzt.

In der übernatürlichen Ordnung ist die Hoffnung - wie der Glaube - eine göttliche Tugend, das heißt eine Tugend, die den Menschen persönlich an Gott bindet. Noch hebt sie den Schleier des Glaubens nicht hinweg, um unsern Augen den ewigen und göttlichen Gegenstand der himmlischen Schau zu zeigen. Aber kraft der unfehlbaren Verheißung des Erlösers verbürgt sie der Gnade bereiten Seele, dass sie ihn einst sicher besitzen wird. Und als Unterpfand und gleichsam voraus genommenes Beispiel dafür weist sie auf die Auferstehung des Mensch gewordenen Gottes hin, die ja auch an einem Frühlingsmorgen geschah.

Das Lied der Hoffnung ertönt gewiss in diesem Frühling eurer Herzen. Heiraten heißt ja - gleich wie für die Tauben im April - ein Nest bauen. Ja, auch der häusliche Herd, dieses Nest einer jungen Familie, wird oft nur allmählich unter vielen Mühen und Sorgen erbaut. Wird erbaut in Höhlen zwischen harten Felsen oder auf einem vom Winde geschüttelten Zweig. Aber diese Arbeit tut man in Freude, weil man sie in der Hoffnung tut.

Eine Familie gründen heißt ja, nicht nur für sich selber leben, heißt nicht bloß, die Kräfte des Körpers, die Talente des Geistes, die übernatürlichen Eigenschaften der Seele in sich zum eigenen Nutzen entwickeln, nein, es heißt, das Leben vervielfachen, es heißt, ungeachtet der Zeit und des Todes, gleichsam wieder auferstehen und neu leben wollen in den nachkommenden Geschlechtern, in Geschlechtern, deren Entfaltung - und eben darüber freut man sich - in einer endlosen Reihe von Zeitaltern nicht überschaut und nicht ermessen werden kann.

Unglücklich die Brautleute, ,die die Süßigkeit einer solchen Hoffnung niemals verstanden und verkostet haben! Unglücklicher noch und schuldbeladener die, die ihr, entgegen den Gesetzen des Schöpfers, den Zugang zum Familiennest verengen oder verschließen! Vielleicht, wenn es einst zu spät ist, merken sie es, dass sie selbst um einer vergänglichen Freude willen in ihrem Heim das Tor aufgetan haben, durch das jede Hoffnung auszieht.

Auch die Liebe endlich gibt ihre Note - und man kann sagen die Dominante - zum Frühlingslied; denn es ist ja vor allem ein Hymnus der Liebe. Die wahre und reine Liebe ist die Selbsthingabe. Es ist das Verlangen nach einem vollständigen Sichverströmen und Sichverschenken, wie es der Güte wesentlich ist. Und aus solchem Verlangen ließ sich einst Gott, die unendliche Güte und die wesenhafte Liebe, bewegen, in der Schöpfung sich zu verströmen. Dieser Mitteilungswille der Liebe ist so groß, dass er keine Grenzen kennt. Von Ewigkeit her liebt Gott die Geschöpfe; nach ihnen geht das allmächtige Sehnen seiner Barmherzigkeit, um sie einmal in der Zeit aus dem Nichts zum Sein zu rufen: »In ewiger Liebe habe ich dich geliebt; darum zog im dich voll Erbarmen an mich.« (Jer. 31. 3). Und so auch das Fleisch gewordene Wort, das zu den Menschen gekommen war: Da er die Seinen, die in der Welt waren, liebte, so liebte er sie bis ans Ende (Joh. 13, 1).

Schaut, liebe Söhne und Töchter, wie dieses Bedürfnis, zu schenken und sich zu verschenken, jetzt in der Natur sich offenbart und aufleuchtet! »Die Luft und das Wasser und die Erde sind von Liebe voll!« (»L'aria e I'acqua e la terra è d'amor piena«; Petrarca, Sonelfo CCLXIX) ruft der Dichter aus, da er die Schönheit des Frühlings verherrlicht. Das Leben teilt sich mit, und diese seine Herrlichkeit im Sich-selber-schenken ist nur ein schwaches Abbild der Herrlichkeit Gottes.

Aber wenn schon in der natürlichen Ordnung eine solche Fülle der göttlichen Gaben kund wird, um wie viel wunderbarer sind sie erst in der Gnadenordnung! Denn die Gnadenordnung übersteigt ja alle Grenzen und alle Möglichkeiten, die das menschliche Geschöpf in sich trägt.

Und nun, liebe Brautleute, lauscht auf euer eigenes Herz! Ihr werdet es hören, wie es hochherzig und selbstlos den Hymnus singt, der nur in der vollen Selbsthingabe ausklingen will. Dieses mächtige Sehnen nach einem vollen gegenseitigen Opfer wird nur dann sich in euch erfüllen, wenn die beiderseitige, im heiligen Versprechen verbürgte Hingabe ungeteilt, vorbehaltlos, unwiderruflich ist; wenn sie gleich ist der Hingabe, womit ihr euch selbst Gott schenken sollt. Die Liebe ist eins. Das Eheband, das in der christlichen Ehe um euch geschlungen ist, hat in seinem Ursprung etwas Göttliches an sich, so wie die Religion selbst. Und darum etwas Ewiges in seinen Folgen.

Ungeachtet der Prüfungen, der Stürme und der Versuchungen, diesem Bande treu zu bleiben, ist ein Ideal, das menschliche Kräfte zu übersteigen scheint. Aber es wird zu einer übernatürlichen Wirklichkeit, wenn ihr auf die Gnade des Sakramentes antwortet. Sie ist euch ja gerade dazu gegeben, um eure Gemeinschaft im Blute des Erlösers zu festigen zu einer unauflöslichen Einheit, ähnlich der Gemeinschaft Christi mit seiner Kirche.

Die Familie »in Audienz« bei Gott 17. April 1940

In eurem ganzen spätern Leben wird euch, liebe Brautleute, die Erinnerung an den heutigen Tag im Gedächtnis haften bleiben als der Tag, an dem ihr eure Papstaudienz erlebt habt. Und ihr freut euch dieses Tages mit vollem Recht, weil ihr im Papst, wie immer auch sein Name lauten mag, den Stellvertreter Gottes auf Erden erblickt, den Statthalter Christi, den Nachfolger Petri ...

Bedenkt aber auch, liebe Söhne und Töchter, dass ihr oft und oft bei dem mächtigen und guten Gott selbst, dessen Stelle der Papst hienieden vertritt, Audienz erhalten könnt, und zwar eine wirkliche, freilich nicht so sinnenfällige Audienz.

Am wirklichsten und innerlichsten begegnet ihr Gott in der heiligen Kommunion, in der sich euch Jesus selbst darreicht mit seinem Leib und seinem Blut. seiner Seele und seiner Gottheit ...

Und noch eine andere Audienz bietet Gott euch an, jeden Tag und jede Stunde: die Audienz in seiner Natur, d. h. in den Dingen, die euch umgeben, seien sie belebt oder unbelebt, vernunftbegabt oder vernunftlos. Könntet ihr denn mit offenen Augen durch die Natur gehen, ohne die Macht und Güte des Schöpfers darin wiederzuerkennen? Wenn ihr vor der erhabenen GipfelweIt der Berge oder am unermesslichen Meer gestanden seid, habt ihr es doch gewiss das eine oder andere Mal gespürt, wie eine Flamme in euch aufloderte, ein Funke von jener Flamme, die im heiligen Franz von Assisi glühte, als er über den Fluren Umbriens seinen Sonnengesang erklingen ließ. Und wenn ihr beobachtet, wie die Elemente und die Naturkräfte aufeinander einwirken, wie sie alle, die Luft, das Wasser, das Feuer, die Elektrizität ganz bestimmten harmonischen Gesetzen gehorchen mit einer solchen Beständigkeit, dass die menschliche Wissenschaft an diesen Gesetzen eine zuverlässige Führung findet, erlebt ihr dann nicht eine Offenbarung der unendlichen Weisheit des allmächtigen Schöpfers?

Wir wissen jedoch sehr wohl, dass nicht alle Menschen dieses Sprechen mit Gott im Betrachten der Geschöpfe zustande bringen. Deshalb steht ihnen ein anderes vertrautes Mittel zu Gebote, mit dem sie leicht Gott ihre Bitten vortragen und seinen Worten lauschen können, eine göttliche Audienz, zu der ihr jeden Augenblick eingeladen und angenommen werdet. Es ist das schlichte Gebet, und Gott hat sich verpflichtet, euch in dieser Audienz nichts zu versagen, was ihr in rechter und ehrfürchtiger Weise von ihm erbittet (Vgl. Joh. 14, 13). Vor allem gilt das vom persönlichen und innerlichen Gebet. Beten heißt ja in erster Linie, sich sammeln im Angesichte des Herrn. Um Gott zu suchen, um Gott zu finden, genügt es, bei sich selber Einkehr zu halten, am Morgen, am Abend oder in irgendeinem Augenblick des Tages ...

Diese gesegneten Augenblicke der Sammlung werdet ihr aber nicht immer für euch allein auskosten. Auch zur Audienz beim Papste wolltet ihr, liebe Brautleute, nicht jeder allein kommen. So geht denn auch als Familie in die Audienz zum lieben Gott! Erinnert euch an das Wort des Heilandes im Evangelium: »Wenn zwei von euch sich zusammentun auf Erden und um irgend etwas bitten, so wird es ihnen von meinem Vater, der im Himmel ist, gegeben werden!« Und sind die zwei, die sich zusammentun müssen, nicht ganz besonders der Gatte und die Gattin, die Gott selbst ja verbunden hat? Und der Heiland fügt bei: »Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin im mitten unter ihnen« (Mt. 18, 19-20). Habt ihr das gehört? Wie der Statthalter Christi in diesem Augenblick, mitten unter euch weilt, so ist Christus selbst, obschon unsichtbar, in eurer Mitte zugegen, wenn ihr zusammen betet. Dann können auch die Sinne dem Glauben zu Hilfe kommen, und die äußere Wirklichkeit wird die Gottinnigkeit im Herzen mehren.

Zukünftige Väter und Mütter ! Bald werdet ihr kleine, irdische Engel neben euch knien sehen, mit gefalteten Händchen und die unschuldigen Äuglein fest auf das Bild Mariens geheftet. Dann werdet ihr zurückdenken an die Tage eurer eigenen Kindheit, an die reine Freude eines unschuldigen Herzens, an seine Leichtigkeit im Verkehr mit Gott.

Christliche Gatten, wenn ihr euch nebeneinander und inmitten eurer Kinder vor der göttlichen Majestät niederwerft, dann werdet ihr mit größerem Vertrauen flehen und bitten: »Vater unser ... gib uns das tägliche Brot für diese ganze Familie, die wir vor Dich hinstellen als lebendigen Beweis unserer Treue zu Deinem Gesetz.« Und weiter werdet ihr sprechen, vielleicht mit einem leisen Zittern in der Stimme: »Vater, vergib uns unsere Schuld, so wie wir uns gegenseitig die Beleidigungen, die Unstimmigkeiten, die Auseinandersetzungen vergeben!« 

Und endlich, ihr Familienväter, tut ihr einen Blick auf eure Frau: Nach einem mutig vollbrachten Tagewerk versammelt sie mit Sorgfalt die teuren Kinder, die Bürgen eurer gegenseitigen Liebe, und empfiehlt ihren Schlaf den himmlischen Wächtern. Und da mögt ihr euch erinnern, dass es dort oben im Himmel für alle Christen eine unendlich zartfühlende Mutter gibt, die immer bereit ist, ihren Kindern beizustehen, die ihnen besonders am Abend dieses raschen Tages, der das Leben ist, beistehen will. Und ihr werdet in einem Gefühl süßer Hoffnung sagen: »Heilige Maria, bitte für uns Sünder, jetzt und in der Stunde unseres Todes!« Dann könnt ihr mit einer großen Sicherheit im Herzen euch zur Ruhe begeben

Vom gütigen und wohltätigen Beistand des heiligen Erzengels Michael Mai 1940

In der Schar der Heiligen, welche die Kirche verehrt, schenkt sie den Gläubigen Schutzpatrone für die verschiedenen Stände und Altersstufen. Das wisst ihr, liebe Brautleute; aber ihr werdet vielleicht etwas überrascht sein, wenn ihr hört, dass heute über euch der Schutz des heiligen Erzengels Michael angerufen wird, dessen Erscheinung die Kirche am heutigen Tage feiert und für den ihr beim ersten Blick vielleicht nur das Gefühl scheuer Furcht habt. Die heilige Kunst stellt ihn dar mit den strengen Zügen eines Kriegers, der den Drachen niederwirft. Nach der Heiligen Schrift, die Michael einen der obersten Himmelsfürsten nennt (Dan. 10, 3) und den Anführer der himmlischen Heerscharen gegen den Satan (Apok. 12, 7), stellt ihn die Liturgie mit ähnlichen Zügen dar: Wenn er vom Himmel kommt, gerät das Meer in Wallung und erzittert die Erde; wenn er das Kreuz des Heils wie eine Siegesfahne aufpflanzt, schleudert er vom Himmelsfelsen die Geister des Aufruhrs (Röm. Brevier, 8. Mai) Aber mehr als andere, scheint es, müssen Mann und Frau die Vater und Mutter verlassen (vgl. 1 Mos. 2, 24), ungemeinsam den dunklen Weg des Lebens zu gehen, dieser Rächer der Rechte Gottes fürchten. Als solcher erinnert er sie in der Tat an den Cherub, der mit dem flammenden Schwerte das erste Elternpaar aus dem irdischen Paradies vertrieb (1 Mos. 3, 24).

Wenn auch diese Furcht nicht unbegründet erscheint, so sind doch noch stärker die Gründe des Vertrauens und der Hoffnung. Denn bereits in der Stunde jener Tragödie im Anfang der Menschheitsgeschichte, als unsere Stammeltern im trüben und kalten Nebel des Fluches sich verloren, erschien am Horizont eine leichte Wolke wie jene, die der Prophet Elias eines Tages sehen sollte (3 Kö. 18, 44), als Künderin der wohltätigen Erquickung der großen Verzeihung: Michael mit der Heerschar der treugebliebenen Engel sah das Wunder der göttlichen Menschwerdung und der Erlösung des Menschengeschlechtes. Weit entfernt, die Menschen um die Ehre der hypostatischen Union (gottmenschlichen Vereinigung) zu beneiden wie der stolze Luzifer, unterwarf er sich vielmehr, wie sein Name und seine Losung "Wer ist wie Gott?" besagt, dem Herrn, der nicht Seinesgleichen hat, und betete mit allen guten Engeln das fleischgewordene Wort an (Hebr. 1, 6). So hat er nicht aufgehört, die Menschen zu lieben, für die er eine fast brüderliche Liebe hegt; und je mehr der Teufel sich anstrengt, sie in die Hölle stürzen zu lassen, desto mehr bemüht sich der Erzengel, sie ins verlorene Paradies zurückzuführen.

Die Seelen zu Gott in die ewige Herrlichkeit zu führen, ist eine Aufgabe, welche die Liturgie und die Überlieferung dem heiligen Michael zuweisen. "Siehe!" sagt das heilige Offizium am heutigen Feste, "der Erzengel Michael, der Fürst der himmlischen Heerschar, dessen Verehrung eine Quelle von Wohltaten für die Völker ist und dessen Gebet zum Himmelreich führt . . ., der Erzengel Michael kommt mit einer Schar von Engeln; ihm hat Gott die Seelen der Heiligen anvertraut, dass er sie geleite in die Freude des Paradieses" (Röm. Brevier, a. a. O.). Und im Offertorium der Messe für die Verstorbenen bittet die Kirche den Herrn also: "Dass diese Seelen nicht ins Dunkel sinken, sondern der Bannerträger, der heilige Michael, sie geleite in das heilige Licht."

Doch glaubt nicht, dass dieser "Vorsteher des Paradieses", den Gott zum Fürsten über alle scheidenden Seelen bestellt hat, - "ich habe dich bestellt zum Fürsten über alle scheidenden Seelen" (Röm. Brevier, a. a. O.) - erst auf die Stunde des Heimganges wartet, um den Menschen seine Güte zu offenbaren. Wie teuer muss euch also, liebe Brautleute, seine Schutzherrschaft sein, die euch hilft, in dieser Welt die Seelen zu empfangen, denen ihr im Gehorsam gegen die Gesetze des Schöpfers eine körperliche Wohnung bereitet! Besonders seitdem der heilige Michael euch noch unterstützt in euerer Aufgabe, indem er Sorge trägt für euch und eure Kinder.

Es ist ja ein sehr alter Brauch (vgl. Acta Sanctorum, Sept. Bd. VIII, S. 49 ff, 65-66), den großen Erzengel anzurufen als Schützer des Heiles und als Patron der Kranken. Ihr alle habt, als ihr hierher kamet, das Grabmal des Hadrian sehen und auf seinen Zinnen die Bronzestatue grüßen können, von der das berühmte Grabmal seinen Namen "Engelsburg" hat. Dieses Bild scheint da oben zu wachen über das Leben und Wohl der Römer und sie daran zu erinnern, wie vor 1350 Jahren, nämlich im Jahre 590, als die Pest in der Stadt wütete, Papst Gregor der Große eine Prozession mit Klerus und Volk veranstaltete, um das Ende dieser Geißel zu erflehen, und nach der Überlieferung über dem Grabmal den heiligen Erzengel Michael erscheinen sah, der sein Schwert in die Scheide steckte zum Zeichen, dass die göttliche Heimsuchung ihr Ende habe (Acta Sanctorum 1. c. S. 72). Fleht also, geliebte Söhne und Töchter, die ihr mit den Freuden schon die Pflichten und Sorgen der Familie traget, den heiligen Michael an, dass er fernhalte aus eurem Heim die Sorge, die das unsichere Los der Kinder oder die Furcht vor Epidemien oder die Krisis der Entwicklung selbst im Herzen der Eltern verursacht.

Der wohltätige Schatten der Engelsburg breitet sich übrigens noch über die Grenzen der Stadt aus. Der heilige Michael, der Macht besitzt, der ganzen Welt zu helfen, scheint doch einen besonderen Schutz den Kindern unseres teuren Italien zu schenken, woran uns gerade das heutige Fest erinnert. Hundert Jahre vor der Pest in Rom gab eine wunderbare Erscheinung auf dem Gipfel des Monte (Berg) Gargano, deren Bericht auch im Brevier steht, zu verstehen, wie der Erzengel Michael diesen Ort unter seinen besonderen Schutz nahm und damit zu gleicher Zeit kundtun wollte, dass hier Gott besonders verehrt werden sollte zu seinem und der Engel Gedächtnis.

Aber die Kirche ruft den Erzengel vor allem an als Schützer des Seelenheiles, das ja weit kostbarer als das Wohl des Leibes und immer von der Ansteckung des Bösen bedroht ist. Ohne Zweifel ist die Kirche sicher, dass die höllischen Mächte nichts wider sie vermögen (Mt. 16, 18), aber sie weiß auch, dass sie besonders für die Erhaltung des christlichen Lebens in den einzelnen Menschen und Ländern die göttliche Hilfe anflehen muss und dass Gott die Engel zu seinen Dienern hat (Ps. 103,4). Deshalb betet alle Morgen am Ende der heiligen Messe der Priester zusammen mit den Gläubigen: "Heiliger Erzengel Michael, verteidige uns im Kampfe . . ., stürze den Satan und die anderen bösen Geister, welche durch die Welt ziehen, um die Seelen zu verderben, hinab in die Hölle!" Selten schien eine ähnliche Bitte dringender als heute. Die Welt, die vergiftet ist von der Lüge und getroffen von den Ausschreitungen der Gewalt, hat die sittliche Gesundheit und die Freude verloren, weil sie den Frieden verloren hat. Wenn die Erde nach der Erbsünde nicht mehr ein Paradies sein kann, so könnte sie doch wenigstens und müsste bleiben ein Ort brüderlicher Eintracht unter den Menschen und Völkern. Statt dessen lodert der Kriegsbrand unter verschiedenen Nationen empor und droht auch auf andere überzugreifen. Unser Herz ist besonders besorgt um euch, geliebte Söhne und Töchter, und um ebenso viele andere junge Eheleute aus jedem Lande, die in diesem tragischen Frühling den Bund fürs Leben schließen. Wie könnte man ohne Schrecken sehen, wie auf diesen jungen Familien, wo die Hoffnung lächelt, das Schreckensbild des Krieges, wenn auch von ferne, sich abzeichnet! Aber wenn gegenwärtig die menschlichen Anstrengungen für die schnelle Wiederherstellung eines wahren, gerechten und dauerhaften Friedens nicht zum Ziele zu führen scheinen, so ist es doch immer den Menschen möglich, das Eingreifen Gottes zu beschleunigen. Zwischen die Menschen und Gott hat der Herr als Mittlerin gestellt die liebe Mutter Maria. Möge in ihrer Güte diese "liebenswürdige Mutter", diese "mächtige Jungfrau", diese "Hilfe der Christen", die man mit größerem Eifer und voller Sorge im jetzigen Monat Mai anruft - und heute ganz besonders unter dem Titel einer Königin vom heiligen Rosenkranz von Pompeji - unter dem Mantel ihrer mütterlichen Liebe, im Frieden ihres Lächelns von neuem zur Einigkeit führen ihre so grausam getrennten Kinder! Möge in seiner Huld, wie die Kirche auch heute singt in der heiligen Liturgie, "der Engel des Friedens vom Himmel steigen in unsere Wohnungen und als Friedensbote in die Hölle verbannen die Kriege, die Ursache so vieler Tränen!"

Das Herz-Jesu-Bild in der christlichen Familie 5. Juni 1940

"Kommet zu mir ... und lernet von mir!"

Wie könnten Wir, liebe Brautleute, im Herz-Jesu-Monat, in der Oktav des Herz-Jesu-Festes, nicht zu euch vom Herzen Jesu sprechen? Wie könnten Wir zu euch nicht von ihm sprechen, der unerschöpflichen Quelle göttlicher und menschlicher Liebe, jetzt, da eure junge Liebe sich bangend fragt, ob es noch ein Flecklein Erde gebe, wo zwei Menschenherzen in Ruhe und Frieden sich gern haben können. - Helle Zukunftsträume stehen bisweilen leuchtend vor euch auf, und Hoffnung durchzittert euer Herz; aber dann wieder erbebt ihr in Furcht, wenn ihr seht, wie dunkle Gewalten hereinbrechen über unsere wirre Zeit. - Und da nun ladet Jesus Christus uns ein, den Frieden, wenigstens den Frieden der Seele, den keine Erschütterung der Welt draußen stören kann, bei ihm zu suchen, in der Verehrung seines Herzens. »Lernet von mir«, sagt er, »denn im bin milde und demütig von Herzen, und ihr werdet Ruhe finden für eure Seelen!« (Mt. 11,29). Bei Jesus in die Schule gehen, von seinem Herzen Milde und Demut lernen, das ist der Weg zum Frieden für die einzelnen und auch für die Völker. Denn aus der Gewalt und dem Stolz kommt alle Schuld und alles Unglück unter den Menschen (Sir. 10, 15). Gewalt und Stolz aber haben ihr göttliches Heilmittel in der Milde und Demut. Milde und Demut sind auch für euch die Quelle des Glückes, nach dem ihr euch sehnt und das Wir eurem Heim wünschen.

In den Offenbarungen voller Liebe, die in der Neuzeit der Verehrung des Herzens Jesu einen so starken Auftrieb gegeben haben, versprach unser Herr unter anderem, dass »das Bild seines Herzens, wo immer es aufgestellt und besonders verehrt wird, Segnungen jeglicher Art bringen werde.« Im Vertrauen auf Gottes Wort könnt ihr also und wollt ihr gewiss die Wohltaten eines solchen Versprechens euch sichern, und ihr werdet darum in eurer Wohnung ein Bild des heiligsten Herzens aufstellen und gebührend verehren.

In adeligen Familien wurde es immer als ein Ruhm angesehen, die Bilder großer Vorfahren, in Marmor gehauen, in Bronze gegossen oder auf Leinwand gemalt, zeigen zu können. Und mit berechtigtem Stolz betrachten und bewundern dann die Nachkommen in Palästen und Schlössern solche Bilder.

Aber muss man denn adelig sein oder muss denn das Familienbildnis notwendig ein Kunstwerk sein, damit das Herz vor dem Bilde eines Ahnen oder eines Vaters gerührt wird? In zahllosen armen Wohnungen, wird in einem schmucklosen Rahmen eine schlichte Photographie mit ehrfürchtiger Sorgfalt aufbewahrt. Vielleicht ist sie vergilbt, sind die Züge des Bildes verblasst. Und dennoch - es ist eine unschätzbar wertvolle Erinnerung an einen lieben Menschen. Eines Abends hat man traurig seine Lider und Lippen zugedrückt, seine Leiche hat man begraben, seine fühlbare Gegenwart verloren. So viele Jahre sind darüber verflossen, und doch glaubt man, wenn man jenes verblichene Bild anschaut, den sanften Blick des Verstorbenen noch zu sehen, seine vertraute Stimme zu hören, seine liebkosende Hand zu spüren.

So muss also, liebe Brautpaare und Brüder Jesu, das Bild des Herzens Jesu, des Herzens, »das die Menschen so sehr geliebt hatte, in eurer Wohnung aufgestellt und verehrt werden als das Bild des allernächsten und meistgeliebten Verwandten. Dieses Bild wird die Fülle seines Segens ausgießen auf euch, auf eure Kinder, auf eure Unternehmungen.

»Aufgestellt und verehrt«, das heißt: dieses Bild darf nicht nur in einem stillen Zimmer über eurer Ruhe wachen, sondern es muss wirklich in Ehren gehalten werden; über der Eingangstüre, im Speisezimmer oder im Empfangszimmer oder an einem andern Ort, wo man viel auf- und zugeht, muss es sich befinden. Sagt doch Jesus: ,Wer immer mich vor den Menschen bekennt, den werde ich auch vor meinem Vater bekennen, der im Himmel ist« (Mt. 10, 32).

»Verehrte, das heißt: Vor der kostbaren Statue oder vor dem einfachen Bild des heiligsten Herzens muss eine sorgliche Hand wenigstens von Zeit zu Zeit ein paar Blumen hinstellen, eine Kerze anzünden oder auch die Flamme einer Lampe wach halten zum beständigen Zeichen des Glaubens und der Liebe. Das heißt ferner: Jeden Abend soll sich die Familie um dieses Bild versammeln, soll es gemeinsam verehren, soll hier demütig und einfach Reue erwecken und um neuen Segen bitten. Mit einem Wort: In dem Hause wird das heiligste Herz in rechter Weise verehrt, wo es von allen und von einem jeden als »König der Liebe« anerkannt ist.

Das meint man, wenn man sagt, die Familie sei dem Herzen Jesu geweiht. Die Weihe bedeutet ja die vollständige Selbsthingabe an eine Sache oder an eine Person. Nun aber hat sich das Herz Jesu verpflichtet, mit besondern Gnaden die zu überschütten, die sich ihm in der genannten Weise anheimgeben. »Unser Herr hat mir versprochen«, schrieb die heiligen Margaretha Alacoque, »dass keiner, der sich diesem göttlichen Herzen weiht, jemals zugrunde geht.« 

Wer sich jedoch weiht, muss auch die Pflichten erfüllen, die sich aus einer solchen Hingabe ergeben. Wenn das heiligste Herz Jesu wirklich in einer Familie herrscht - und sicher muss es überall herrschen - dann müssen in jener gesegneten Wohnung die Personen und Dinge von einer Atmosphäre des Glaubens und der Frömmigkeit getragen sein. Weg darum aus dieser Wohnung mit allem, was das heiligste Herz betrüben könnte: gefährliche Vergnügungen, Untreue, Unbeherrschtheit, Bücher, Zeitschriften, Bilder, die der Religion und ihren Lehren feind sind! Und in den gesellschaftlichen Beziehungen:

Weg mit den heute nur zu oft gemachten Zugeständnissen, die alles versöhnen möchten: die Wahrheit mit dem Irrtum, die Ungebundenheit mit der Moral, die eigensüchtige und habgierige Ungerechtigkeit mit der Pflicht zu christlicher Liebe! Weg mit den Versuchen, auf halbem Wege zwischen Tugend und Laster, zwischen Himmel und Hölle zu wandeln!

In einer Familie, die sich dem Herzen Jesu geweiht hat, fühlen sich die Eltern und Kinder unter dem Blick Gottes, vertraut mit Gott. Und darum sind sie seinen Geboten und den Vorschriften seiner Kirche gehorsam. Vor dem Bilde des himmlischen Königs, der hienieden ihr Freund und ihr ständiger Gast wurde, nehmen sie furchtlos alles auf sich, was die täglichen Pflichten von ihnen fordern, alle Mühen des Alltags, alle Opfer bei außerordentlichen Schwierigkeiten, alle Prüfungen, die Gottes Anordnungen mit sich bringen. Sie nehmen auf sich auch den Schmerz und die Trauer; denn nicht nur der Tod, auch das Leben selbst streut ja unausweichlich Schmerz und Trauer wie quälende Dornen auf die irdischen Pfade.

Möge es auch mit euch so sein, liebe Söhne und Töchter! Wenn ihr schon in dieser Welt mit Jesus vereint lebt, wenn ihr ihn oft in der heiligen Kommunion empfängt, wenn ihr tagtäglich sein Bild verehrt, dann werdet ihr einmal diese Erde verlassen, um auf ewig die herrliche und beseligende Wirklichkeit dieses göttlichen Herzens im Himmel zu schauen. ... (Segen).

Gottes Herz liebt vor allem die Familie 19. Juni 1940

Gott hat den Menschen erschaffen, weil er ihn liebte und von ihm geliebt sein wollte. Und er hat sich dabei nicht nur an den Verstand und an den Willen des Menschen gewandt. Nein, er wollte auch sein Herz rühren und nahm darum selber ein Herz aus Fleisch an. Und da die volle Hingabe aneinander das offenkundigste Zeichen ist, dass zwei Herzen sich lieben, so will Jesus dem Menschen eben diesen Austausch der Herzen vorschlagen. Er hat das seine auf Kalvaria hingegeben; er schenkt es jeden Tag tausende von Malen hin auf dem Altare. Und zum Entgelt dafür begehrt er das Herz des Menschen: »Mein Sohn, gib mir dein Herz!« (Spr. 23, 26).

Dieser allgemeine Aufruf richtet sich in besonderer Weise an die Familie; denn ganz eigen sind die Gunsterweise, die das göttliche Herz ihr gewährt.

Der Mensch, des Schöpfers Meisterwerk, ist nach dem Bilde Gottes gemachf (Gen. 1, 26-27). In der Familie nun gewinnt dieses Abbild Gottes gleichsam eine neue und besondere Ähnlichkeit mit dem göttlichen Urbild. Wie nämlich die wesenhafte Einheit der göttlichen Natur in drei verschiedenen Personen besteht, die gleich wesenhaft und gleich ewig sind, so verwirklicht sich die Einheit der Familie in der Dreiheit von Vater, Mutter und Kindern. Die eheliche Treue und die Unauflöslichkeit der christlichen Ehe bilden ein Einheitsprinzip, das wohl dem Niedern im Menschen entgegenzustehen scheint, das aber seiner geistigen Natur ganz entspricht.

Auf der andern Seite wurde dem ersten Menschenpaare das Gebot gegeben: Wachset und mehret euch! (Gen. 1, 22); das macht die Fruchtbarkeit zum Gesetz und sichert und schenkt so der Familie eine Jahrhunderte lange Fortdauer, legt also in sie hinein gleichsam einen Widerschein der Ewigkeit Gottes.

Er gab ihr große Segnungen im Alten Bunde Der Familie wurden auch die grollen Segnungen des Alten Bundes verheißen und gegeben:

Noe wurde nicht allein aus der Sündflut errettet. Mit »seinen Söhnen, seiner Frau und den Frauen seiner Söhnen (Gen. 7,7) ging er in die Arche, um sie unversehrt wieder mit ihnen zu verlassen (Gen. 8, 18). Darnach segnete Gott ihn und seine Nachkommen und befahl ihnen, zu wachsen und sich zu mehren und die Erde zu erfüllen (Gen. 9, 1).

Die Verheißungen, welche in feierlicher Weise Abraham gemacht wurden - der heilige Paulus erinnert im Galaterbrief daran (Gal. 3,16) - diese Verheißungen waren nicht nur an ihn gerichtet, sondern auch an seine Nachkommen: Sie sollten das Gelobte Land in Besitz nehmen und sich mehren, sodass der Patriarch zum Vater vieler Völker würde (Gen. 15 und 17).

Als Sodoma wegen seiner Übeltaten und gerade wegen seiner Verbrechen an der Familie zerstört wurde, blieb der treue Lot, von den Engeln gewarnt. mit seinen Töchtern und Schwiegersöhnen verschont (Gen. 19, 12-14).

Der König David, Erbe der Verheißungen und der Auserwählung des Allerhöchsten, besang das göttliche Erbarmen, das über seinem Stamm von Geschlecht zu Geschlecht (Ps. 89, 1) sich ergießen würde (Ps. 17, 51). Denn als kleinen Hirten hatte ihn der Herr geholt, während er hinter der Herde einher schritt. Nachdem er ihm einen großen Namen gegeben und ihn von allen seinen Feinden befreit hatte, da tat er ihm kund, dass er ihm ein Haus bauen würde, d. h. eine Familie, die er selbst mit väterlicher Liebe umsorgen wollte. »Wenn deine Tage erfüllt sind und du bei deinen Vätern schläfst, dann will ich dir deinen Sohn zum Nachfolger geben « (2. Sam. 7, 8-12).

Im Neuen Bunde wurden der Familie auch neue Gnaden geschenkt: Das Sakrament macht aus der Ehe selbst für die Ehegatten ein Mittel der gegenseitigen Heiligung und ist eine unerschöpfliche Quelle übernatürlicher Hilfe. Es macht ihre Gemeinschaft zum Symbol der Gemeinschaft zwischen Christus und seiner Kirche. Es macht die Ehegatten zu Mitarbeitern an der Schöpferkraft des Vaters, am Erlösungswerk des Sohnes, am Erleuchtungs- und Erziehungswirken des Heiligen Geistes. Ist das etwa nicht wahre Vorliebe Gottes, nicht ein Liebeserweis seines Herzens? So verstand es der Psalmist, da er des göttlichen Herzens Gedanken über alle menschlichen Geschlechter schaute und sang: »Das Sinnen seines Herzens geht auf Geschlecht um Geschlecht « (Ps. 32, 11).

Aber das ist nicht alles. Den christlichen Familien gibt und verspricht dieses Herz noch mehr. Vor allem wollte es ihnen ein Vorbild geben, das sozusagen greifbarer wäre und leichter nachzuahmen als die erhabene und unnahbare Dreifaltigkeit. Jesus, »der Urheber und Vollender des Glaubens«, verzichtete zwar sonst auf menschliche Freuden und »obwohl die Freude vor ihm lag, nahm er den Kreuzestod auf sich, ohne der Schmach. zu achten« (Hebr. 12, 2). Aber die Süße des häuslichen Herdes zu Nazareth wollte er trotzdem verkosten. Nazareth ist das Idealbild der Familie. Denn hier vermählt sich eine klare und ruhige Autorität, ohne Härte, mit einem frohen und unverzüglichen Gehorsam. Hier vereint sich die Unversehrtheit mit der Fruchtbarkeit, die Arbeit mit dem Gebet, das gute Wollen des Menschen mit dem Wohlwollen Gottes. Seht, das ist das Beispiel und der Ansporn, den Jesus euch darbietet!

Aber sein Herz verwahrt euch, ihr Familienhäupter der neuen Zeiten, noch ausdrücklichere Segnungen. Dieses göttliche Herz hat sich verpflichtet, den Familien, die sich ihm weihen, beizustehen und sie zu beschützen, wenn sie in irgendeine Fährnis und Not kommen. Ach, wie viele und oft recht harte Nöte bedrücken heutzutage die Familien, wie viele andere stehen drohend über ihnen! Wohl niemand kann von sich sagen, er sei ohne Widerwärtigkeiten für das Heute und ohne Sorgen für das Morgen. Und in der Familie wird die Gefahr, die dem einen droht, zudem die Sorge aller, und die Gefahr, die allen droht, erhöht das Bangen eines jeden einzelnen.

Jetzt ist darum mehr als je der Augenblick da, euch an das heiligste Herz zu wenden und euch ihm zu weihen mit allem, was euch lieb ist. Vertraut ihm das neue Heim an, das ihr gegründet habt, und das auf nichts anderes wartet, als sich in Ruhe entwickeln zu können, auch inmitten aller Unruhen draußen in der Welt. Vertraut ihm das Haus an, das ihr verlassen musstet, wo ihr vielleicht alte Eltern zurückließet, die künftig ohne eure Hilfe sind.

Dann weitet sich der Blich des Papstes, und in brennender Hirtensorge bittet er die Brautpaare, zusammen mit ihm, nicht nur das neugegründete Heim, sondern auch die Heimat der einzelnen, die heilige Kirche und die ganze Menschheit dem Herzen Jesu anzuvertrauen, dem Herzen, das allen offen steht, das allein alles Elend der gequälten Menschheit heilen, alle Tränen trocknen und alles Zerschlagene wieder aufrichten kann.

Die Familie, das Grundelement der Gesellschaft 26. Juni 1940

Es besteht kein Zweifel: Will man für die Dauer aus der heutigen Krise herauskommen, dann muss man die Gesellschaft auf Fundamente bauen, die der Moral Christi, dem Urquell aller wahren Kultur, mehr entsprechen. Und es ist nicht weniger gewiss, dass man, um das eben genannte Ziel zu erreichen, damit anfangen muss, die Familien wieder christlich zu machen. Denn gar viele von ihnen haben zugleich mit der praktischen Nachfolge des Evangeliums auch die Liebe vergessen, die eine solche Nachfolge fordert, vergessen den Frieden, den sie bringt.

Die Familie ist der Ursprung der Gesellschaft. Wie der menschliche Leib aus lebendigen Zellen zusammengesetzt ist, die nicht bloß eine neben der andern stehen, sondern durch ihre innern und beständigen Beziehungen zueinander ein organisches Ganzes bilden, so ist es auch mit der Gesellschaft. Sie entsteht nicht dadurch, dass einfach Individuen angehäuft werden, verstreute Einzelwesen, die einen Augenblick auftauchen, um dann wieder zu verschwinden. Nein, die Gesellschaft entsteht aus einer wirtschaftlichen Gemeinsamkeit und der moralischen Gleichgesinntheit der Familien. Dadurch, dass diese die kostbare Erbschaft ein und desselben Ideals, derselben Kultur, desselben religiösen Glaubens von Geschlecht zu Geschlecht weiterreichen, sichern sie die Fortdauer der gesellschaftlichen Bande.

Das hat der heilige Augustinus schn vor 1500 Jahren hervorgehoben. Er schrieb schon damals, dass die Familie das Grundelement und gleichsam eine Zelle (particula) des Staates sein muss. Und weil jeder Teil auf das Ziel und die Vollständigkeit des Ganzen ausgerichtet ist, so folgerte er, dass der Friede, der am häuslichen Herde herrscht zwischen dem, der befiehlt, und dem, der gehorcht, die Eintracht unter den Bürgern fördert (Augustinus, Gottesstaat XIX, Kap, 16).

Das ist denen wohlbekannt, die Gott aus dem Leben der Gesellschaft vertreiben und sie in Unordnung stürzen möchten: So bemühen sie sich denn, der Familie die Ehrfurcht vor dem Gesetz Gottes, ja überhaupt die Erinnerung daran zu rauben. Darum verherrlichen sie die Ehescheidung und die freie Verbindung; darum halten sie die Eltern davon ab, ihre gottgegebene Aufgabe ihren Kindern gegenüber zu erfüllen; darum flößen sie den Eheleuten Furcht ein vor den materiellen Mühen und der moralischen Verantwortung, wie sie die herrliche Last zahlreicher Nachkommen mit sich bringt. Gegen solche Gefahren möchten Wir euch wappnen und euch auffordern zur Weihe an das hlst. Herz Jesu.

Der Heilige Vater erklärt dann den Sinn der Herz-Jesu-Verehrung gerade für unsere Zeit: das Herz Jesu lehrt die Menschen wieder das Opfer, den Verzicht, die Sühne. Auf Opfer und Verzicht allein aber kann wahres Glück und der Friede in den Seelen und in der Welt aufgebaut werden.

Erben des Blutes 3. Juli 1940

Der Monat Juli ist der Verehrung des kostbaren Blutes Jesu Christi geweiht. In der ersten Ansprache dieses Monats spricht der Heilige Vater zuerst vom unendlichen Wert dieses Erlöserblutes. Von da kommt er zu reden auf den Wert des Blutes überhaupt und seinen symbolischen Sinn.

Es ist ganz natürlich, dass jeder Mensch das eigene Blut als ein höchst wertvolles Gut schätzt. Es hat in der Tat eine wichtige Aufgabe: es muss nämlich den verschiedenen Geweben die Nährstoffe und den Sauerstoff zuführen, und zugleich verteidigen die weißen Blutkörperchen den Organismus gegen die Einbrüche von Bakterien. Deshalb besteht eine der Hauptsorgen der Eltern darin, ihren Kindern nicht ein Blut weiterzugeben, das durch Krankheiten von innen, Befleckung von außen oder durch fortschreitenden Zerfall verdorben oder geschwächt ist.

Wenn ihr eure Kinder Erben eures Blutes nennt, erinnert euch aber auch daran, dass ihr etwas Höheres meinen müsst als nur die körperliche Zeugung. Ihr seid ja - und eure Kinder sollen es werden Sprösslinge eines Geschlechtes von Heiligen, so wie Tobias, der zu seiner jungen Frau sagen konnte: »Wir sind Kinder von Heiligen.« (Tob. 8, 5). Das heißt für uns: Wir sind Kinder von Menschen, die geheiligt und durch die übernatürliche Gnade der göttlichen Natur teilhaftig wurden. Der Christ ist ja kraft der Taufe, die ihm die Verdienste des göttlichen Blutes zugewendet hat, Sohn Gottes. Er ist einer von denen, die nach dem Wort des heiligen Evangelisten Johannes »an seinen Namen glauben, die nicht aus dem Geblüt, nicht aus dem Wollen des Fleisches und nicht aus dem Wollen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind« (Joh. 1, 12-13).

Wenn man darum in einem Volk von Getauften spricht vom Weitergeben des Blutes der Ahnen an die Nachkommen, so darf man den Sinn dieser Worte nicht auf ein bloß biologisches und stoffliches Element einengen. Denn diese Nachkommen sollen ja nicht leben und sterben wie vernunftlose Tiere, sondern wie Menschen und Christen. Man muss daher den Sinn des Wortes ausdehnen auf das, was gleichsam der Nährsaft des geistigen und des geistlichen Lebens ist: auf das Erbe an Glaube, Tugend und Ehre, das die Eltern ihren Kindern weiterreichen und das tausendmal kostbarer ist als das Blut, das in ihren Adern fließt, so reich dieses auch sein mag.

Die Glieder adeliger Familien rühmen sich, aus berühmtem Geblüt zu sein. Und dieser Ruhm, der auf den Verdiensten der Vorfahren gründet, bedingt in den Erben noch etwas anderes als nur physische Vorteile. - Aber eigentlich können sich alle, die die Gnade der Taufe bekommen haben, »Prinzen von Geblüt« nennen, nicht nur von königlichem, nein, von göttlichem Geblüt. - Flößt darum, liebe Brautleute, den Kindern, die Gott euch schenken wird, eine solche Hochachtung ein vor diesem übernatürlichen Adel, dass sie bereit sind, lieber alles zu erdulden, als einen so kostbaren Schatz zu verlieren.

Damit wir aber »Prinzen von göttlichem Geblüt« wurden, musste Jesus sein eigenes Blut am Kreuze für uns vergießen. Das führt die Ansprache im weitem aus. So ist der Hassruf der Juden: »Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!« für uns ein Ruf der Erlösung und Liebe geworden, ein Gebet. Mit diesem Gedanken, mit einem Gebet der Eheleute. schließt die Ansprache: »Herr Jesus, Du hast Dein kostbares Blut für alle Sünder vergossen; gib, dass es als erlösende Gnade komme über uns, über unsere Lieben und besonders über die, die einst - wenn es Dir gefällt - die Erben unseres Blutes sein werden!« 

Verzeihen können! 10. Juli 1940

Noch einmal geht der Heilige Vater in seiner Ansprache aus vom kostbaren Blut Christi, dessen die Kirche in diesem Monat gedenkt. - Das Blut Christi ist ein Strom verzeihender Liebe. ... Aber nicht erst Christus lehrte das Verzeihen.

Es wäre ein Irrtum, zu glauben, dass nicht auch schon das Alte Testament das Verzeihen gelehrt habe. Gerade in dieser Hinsicht bringt das Alte Testament wertvolle und weise Ermahnungen, ganz besonders für euch, liebe Brautleute.

»Denk nicht mehr«, heißt es im Buch Sirach (Sir. 10, 6), »an jedes Unrecht, das dir dein Nächster zugefügt hat!« Nun ist es aber manchmal noch schwerer, zu vergessen, als zu vergeben. Zuerst also vergebt, und dann gibt euch Gott auch die Gnade, vergessen zu können. Vor allem andern aber vertreibt aus eurem Herzen die Rachsucht. Sie hat der Herr schon im Alten Testament verurteilt, wenn er sagt: »Sinne nicht auf Rache und sei nicht eingedenk des Unrechtes deiner Mitbürger"« (Lev. 19, 18). Mit andern Worten könnte man das heutzutage so ausdrücken: Hütet euch vor jedem Groll gegen eure Nachbarn: gegen jene Familie etwa, die über oder unter euch oder euch gegenüber wohnt; gegen jenen Besitzer, der mit euch eine Mauer gemeinsam hat, gegen jenen Geschäftsmann, dessen Handel euch Konkurrenz, gegen jenen Verwandten, dessen Benehmen euch Schande macht! - Und weiter mahnt die Schrift: »Sage nicht: Ich will ihm antun, was er mir angetan hat; einem jeden will ich nach seinen Werken vergelten« (Spr. 24, 29). Denn »der Rachsüchtige wird die Rache des Herrn verspüren; denn gar sorgsam hat er acht auf seine Sünden.« (Sir. 28, 1). Wie unsinnig ist doch der Groll in einer sündbeladenen Seele, die selber soviel Nachsicht nötig hat! Der heilige Schriftsteller unterstreicht diesen schreienden Gegensatz: »Ein Mensch hält gegen den andern am Zorne fest und will doch Heilung finden bei Gott? Mit seinesgleichen hat er kein Erbarmen; für die eigenen Sünden aber wünscht er Verzeihung?« (Sir. 28, 3-4).

Vor allem aber, seit im Blute Jesu Christi der Neue Bund zwischen Gott und Mensch besiegelt wurde (ygl. Lk. 22, 20), ist das Gesetz allgemein geworden, dass im Vergeben keiner müde werden und aller Groll in Liebe sich wandeln soll. »Petrus«, antwortete Jesus dem Apostel, als der ihn hierüber fragte, »nicht bis zu siebenmal sollst du verzeihen, sondern siebzig Mal sieben Mal« (Mt. 18, 22). Mit andern Worten: Der Christ muss immer und ohne Einschränkung bereit sein, die ihm zugefügten Beleidigungen zu verzeihen. Und weiter lehrt uns der göttliche Meister: »Wenn ihr betet und etwas gegen jemand habt, so vergebt ihm, damit euer Vater, der im Himmel ist, auch euch die Sünden vergebe« (Mk. 11, 25). Und es genügt nicht einmal, dass man Böses nicht mit Bösem vergilt: »Ihr habt gehört (so fügt Jesus hinzu), dass gesagt wurde: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde, tut Gutes denen, die euch hassen« (Mt. 5, 43-44). Seht, das ist die christliche Lehre über die Liebe und das Vergeben!

Es ist eine Lehre, die manchmal schwere Opfer fordert. Heute Beispielsweise besteht die Gefahr, dass das edle und berechtigte Gefühl der Vaterlandsliebe bei nicht wenigen ausartet in eine Sucht nach Rache, in unersättlichen Stolz bei den einen, in unheilbaren Groll bei den andern. Verteidigt auch der Christ treu und tapfer seine Heimat, so muss er sich doch enthalten, die zu hassen, mit denen er zu kämpfen hat. Man sieht doch, wie auf den Schlachtfeldern die Leute vom Ambulanzdienst, die Krankenwärter und -wärterinnen edelmütig sich verschwenden in der Sorge um die Kranken und Verwundeten ohne Unterschied der Nationalität. Aber müssen denn wirklich die Menschen zuerst an die Schwelle des Todes treten, um sich als Brüder zu erkennen?

Diese bewundernswerte, aber vielleicht schon zu späte Liebe genügt nicht. Durch Betrachten und Leben des Evangeliums muss die große Schar der Christen sich endlich bewusst werden, dass brüderliche Bande sie einen, dass das Blut Christi ihnen eine gemeinsame Erlösung verdient hat. In diesem selben Blute, das zum Tranke für sie wurde, müssen die Seelen die Kraft finden - eine heroische Kraft manchmal - zum gegenseitigen Verzeihen. (Das Verzeihen schließt übrigens nicht aus, dass die Gerechtigkeit oder ein verletztes Recht wieder hergestellt werde.) Ohne das wird niemals eine wahre und dauerhafte Eintracht möglich sein.

Doch kehren wir mit Unsern Gedanken zu euch zurück, liebe Brautpaare! Müsst nicht vielleicht auch ihr eines Tages auf dem Wege, den ihr beschritten habt, Beleidigungen vergessen können? Sie vergessen können in einem Maße, das, wie manche meinen, menschliche Kräfte übersteigt? - Ist dies Glücklicherweise unter wahrhaft christlichen Eheleuten auch selten der Fall, so ist es doch nicht unmöglich. Denn der Teufel und die Welt belagern das Herz, und die Triebe des Herzens sind beständig wach und bedrängen das schwache Fleisch« (vgl. Mk. 14, 38).

Aber es braucht gar nicht so weit zu kommen. Auch im Alltagsleben selbst, wie viele Gelegenheiten zu kleinen Misshelligkeiten gibt es da, wie viele leichte Zusammenstöße, die einen Zustand schleichender und bedrückender Abneigung zwischen den Eheleuten schaffen können, wenn man nicht zur rechten Zeit für Abhilfe sorgt! - Und dann zwischen Eltern und Kindern! Gewiss muss die Autorität sich geltend machen, muss ihr Anrecht auf Achtung betonen und es mahnend, tadelnd und, wo es nötig ist, strafend behaupten. Aber wie beklagenswert wäre doch bei einem Vater oder bei einer Mutter auch nur der geringste Schein von Groll oder persönlicher Rache! Er genügt oft, um in den Herzen der Kinder das Vertrauen und die kindliche Zuneigung zu erschüttern und zu zerstören.

Ja, liebe Söhne und Töchter, jeden Tag müsst ihr bereit sein, die Beleidigungen zu vergeben, die euch im gesellschaftlichen oder im Familienleben zugefügt wurden. Jeden Tag sollt ihr vor das Kreuz hinknien und stets die Worte wiederholen: »Vater unser ... vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.« (Mt. 6, 12) ... Dann wisst ihr, und ihr glaubt es fest und mit unbedingtem Vertrauen, dass von der göttlichen Stirne, von den Händen und Füßen Jesu, des Erlösers, aus seinem Herzen vor allem, das uns immer offen steht, das Blut der Erlösung seine verzeihenden Fluten umso reicher in eure Seelen hineingießt, je großmütiger ihr selber vergeben habt.

Liebe gegen die Schwachen 17. Juli 1940

Seitdem der Garten der Menschheit nicht mehr Paradies heißt, ist in ihm eine der bittersten Früchte der Erbsünde gereift und wird stets in ihm heranreifen: der Schmerz instinktiv schreckt der Mensch davor zurück und meidet ihn; er möchte am liebsten ihn ganz vergessen und aus den Augen verlieren.

Nachdem aber Christus in der Menschwerdung »sich zu einem Nichts machte und Knechtsgestalt annahm (Phil. 2, 7), nachdem es ihm gefallen hat, »das, was vor der Welt als schwach gilt, zu erwählen, um das Starke zu beschämen« (1. Kor. 1,27), nachdem »die Freude vor Jesus lag und er, ohne der Schmach zu achten, das Kreuz auf sich nahm« (Hebr. 12, 2), nachdem er den Menschen den Sinn des Schmerzes und die tiefe Freude einer Hingabe seiner selbst an die Leidenden geoffenbart hat, seitdem hat das Menschenherz ungeahnte Abgründe zarter, erbarmender Güte in sich aufgedeckt.

Gewiss, die Gewalt bleibt unbestrittene Herrscherin in der unvernünftigen Natur und in den heidnischen Seelen von heute. Sie gleichen denen, die der Apostel Paulus zu seiner Zeit kennzeichnete als Menschen »ohne Herz« und »ohne Erbarmen« mit den Armen und Schwachen (Röm. 1, 31).

Bei den wahren Christen jedoch gibt jetzt Schwachheit ein Anrecht auf Rücksicht und Krankheit ein Anrecht auf Liebe. Denn im geraden Gegensatz zum Eigennutzen und zum Egoismus sucht ja die Liebe nicht sich selbst (1. Kor. 13, 5). Nein, sie schenkt sich hin: je schwächer ein Wesen ist, je elender, notleidender und hilfsbedürftiger, um so mehr erscheint es dem gütigen Blick der Liebe als Gegenstand ganz besonderer Zuneigung ....

Nun gibt es für gewöhnlich in jeder Familie zwei Klassen von schwachen Wesen, die gerade darum eine größere Pflege und mehr Liebe nötig haben: die Kinder und die Alten.

Sogar den unvernünftigen Tieren flößt der Instinkt Liebe zu ihren Jungen ein. Wie sollte man deshalb euch, liebe Brautpaare und christliche Eltern von morgen, eine solche Liebe ans Herz legen müssen? Und doch kann es vorkommen, dass ein zuviel an Strenge, ein Mangel an Verständnis gleichsam eine Scheidewand aufrichten zwischen dem Herzen der Kinder und dem der Eltern. Der heilige Paulus sagt: ,Mit den Schwachen bin ich ein Schwacher geworden ... allen bin ich alles geworden, um alle zu retten« (1. Kor. 9, 22). Ja, es ist eine große Gabe, sich klein machen zu können mit den Kleinen, Kind zu werden mit den Kindern, ohne dadurch die väterliche oder mütterliche Autorität aufs Spiel zu setzen.

Sodann wird man immer im Kreise der Familie darauf bedacht sein müssen, den Alten jene Ehrfurcht zu sichern, jene Ruhe, jene zartfühlenden Rücksichten, möchten wir sagen, deren sie bedürfen. o ja, die Alten! Man ist doch. oftmals, vielleicht Unbewussterweise, hartherzig gegenüber ihren kleinen Wünschen, ihren unschuldigen Launen und Grillen, die die Zeit wie Falten in ihre Seele eingegraben hat; gleich. den Falten, die ihr Gesicht durchfurchen, und die doch eigentlich ein solches Antlitz für die Augen anderer verehrungswürdiger machen müssten. So leicht ist man geneigt, sie zu schelten für das, was sie nicht mehr tun. Und doch würden sie es statt dessen verdienen, dass man ihnen das aufzählt, was sie getan haben. Man lächelt vielleicht, weil sie das Gedächtnis verlieren, und man will die Weisheit ihres Urteils nicht immer anerkennen. In ihren von Tränen getrübten Augen sucht man umsonst flammende Begeisterung. Aber man versteht es nicht, darin das Licht der Ergebung zu erblicken, in welchem schon die Sehnsucht nach den ewigen Herrlichkeiten aufleuchtet.

Zum Glück sind diese Alten, die da mit schwanken Schritten zögernd die Treppe hinaufsteigen oder in einer Ecke der Stube sitzen und den grauen Kopf langsam hin und herwiegen, gar oft sind sie ench Großvater oder Großmutter, Vater oder Mutter, denen ihr alles verdankt. Ihnen gegenüber seid ihr gehalten durch jenes unter den zehn Geboten, das da heißt: »Ehre deinen Vater, ehre deine Mutter!« (Ex. 20, 12), ganz gleich, wie alt ihr selbst nun schon seid. Ihr werdet also nicht zu den undankbaren Kindern gehören wollen, die ihre alten Eltern vernachlässigen. Nicht selten fügt es sich nämlich dass solche Kinder einst im Alter, wenn sie der Hilfe bedürfen, sich ebenfalls vereinsamt und verlassen finden.

Der besondern Sorge eines jeden christlich denkenden Menschen empfiehlt sodann der Heilige Vater ferner die Kranken; gerade in ihnen haben die großen Heiligen der Nächstenliebe so leicht und so gern Christus selbst gesehen. - Auch die Eheleute - das ist der Schlussgedanke - sollen für fremde Not, für Werke der Barmherzigkeit, offene Hände und Herzen bewahren, um selbst einst Barmherzigkeit zu finden vor dem ewigen Richter.

Ernste Pflichten, die nie aufhören 24. Juli 1940

Da wir morgen das Fest des heiligen Jakobus des Älteren feiern, wollen Wir Uns mit euch, liebe Söhne und Töchter, im Geiste zu seinem Heiligtum nach Santiago de Compostela begeben, um dort einiges zu lernen, was für uns von Nutzen ist. ...

Der heilige Jakobus, dem Rufe Christi folgend, legte seine Zukunft voller Hoffnungen in die Hände des göttlichen Meisters. Gebt auch ihr, liebe Brautleute, euch ohne Zaudern Gott anheim in dem neuen Lebensstande, zu dem ihr berufen wurdet. Schon von heute an nehmt es ernst mit den Pflichten, die dieses Leben mit sich bringt. Hütet euch davor, ein Leben fortzusetzen, das vielleicht gedankenlos und leichtsinnig war: beim jungen Mann zügellos und bequemlich, beim jungen Mädchen leichtfertig und geziert. Spannt alle eure Energien an für die Aufgaben eures neuen Standes!

Zwar ist die Zeit vorbei, wo vielfach die Mädchen heirateten, fast ohne zu wissen, was die Ehe ist. Aber leider ist jene Zeit noch nicht vorbei, wo manche junge Eheleute glauben, sie könnten sich anfangs noch eine Zeitlang moralische Freiheiten gönnen und ihre Rechte genießen, ohne sich um ihre Pflichten zu kümmern. Schwer wiegt eine solche Schuld, und sie ruft dem Zorne Gottes. Quelle ist sie auch irdischen Unglückes und ihre Folgen sollten allen Furcht einjagen. Die Pflicht, von der man zu Anfang nichts wissen will, und die man zu Anfang verachtet, vernachlässigt man immer mehr und immer länger, so lange, dass man sie schließlich fast vergisst. Und damit vergisst man auch die Freuden, die dem zuteil werden, der tapfer diese Pflicht erfüllt. Wenn man sich dann wieder an sie erinnert, und wenn die Reue aufsteigt, dann reift unter nutzlosen Tränen hie und da die traurige Einsicht, dass es zu spät ist. Dem Ehepaar, das so seiner Sendung untreu war, bleibt kein anderer Ausweg, als ohne Hoffnung in der Öde seiner eigenen unfruchtbaren Ichsucht zu verdorren und zu verwelken.

Gut beginnen ist aber noch nicht alles: das Heil der Seele ist nur dem versprochen, der aushält.

Der heilige Jakobus hatte gut begonnen und eine Zeitlang auch gut weitergelebt, aber auf dem Ölberg wird er dennoch untreu ....

Um den Großmut des ersten Eifers wach zu halten, muss man machen und beten ... Gewiss, die meisten Kinder in unsern katholischen Ländern lernen das beizeiten. Aber wie leicht ist es vergessen! Es gibt junge Männer, die meinen, in der Welt sei von einem bestimmten Alter ab das Gebet ein Weihrauch, dessen wohlriechenden Duft man den Frauen überlassen müsse, so wie man ihnen diese und jene Modeessenzen überlässt. Andere gehen wohl manchmal zur Messe, wenn es ihnen gut passt. Aber sie kommen sich anscheinend zu groß vor, um niederzuknien, oder, wie einige sich ausdrücken, nicht mystisch genug, um zur heiligen Kommunion zu gehen. Und es fehlt nicht an jungen Frauen, die zwar mit aller Sorgfalt von ihrer Mutter oder bei guten Ordensschwestern erzogen wurden, die aber, wenn sie einmal verheiratet sind, sich von den allergewöhnlichsten Maßregeln der Klugheit befreit glauben: Bücher, Schauspiele, Tänze, gefährliche Zerstreuungen, alles ist ihnen erlaubt!

In einer wirklich christlichen Familie dagegen weiß der Mann, dass seine Seele von gleicher Natur und nicht minder schwach ist als die seiner Frau und seiner Kinder. Darum vereint er sich auch mit ihnen im Gebet. Und wie er sie gern um sich an der Familientafel versammelt sieht, so will er auch mit ihnen an den Tisch der heiligen Eucharistie treten. Und die Frau sagt sich selber - noch ehe auf ihr die Verantwortung für die Erziehung der Kinder lastet - das, was sie auch. diesen später sagen muss: Wer mit dem Feuer spielt, der verbrennt sich, und wer die Gefahr liebt, kommt darin um (Sir. 3, 27). Sie hört auf die göttliche Weisheit, die da verkündet, dass die Tugend der Klugheit aus der Gattin ein besonders wertvolles Geschenk Gottes für den Gatten mach (Spr. 19, 14). Und nicht ohne Furcht kann sie an die ernste Mahnung denken, die schon in der Heiligen Schrift des Alten Testamentes anklingt und im Neuen ausdrücklich ausgesprochen ist: dass ungeordnete Liebe zur Welt Feindschaft mit Gott bedeutet (vgl. Jak. 4, 4).

Der heilige Jakobus starb als Märtyrer in der Gnade und Liebe des Herrn, der ihm, wie auch den andern Aposteln, alle Untreue verziehen hatte.

Und wenn auch auf euch, liebe Söhne und Töchter, alle Sündenschuld der ganzen Welt läge, legt nicht noch die eine dazu, dass ihr die Güte Gottes nicht für größer haltet als eure Schuld, dass ihr Gott nicht für fähig erachtet, euch zu verzeihen! Erfüllt eure Aufgaben bereit und großmütig! Seid treu im Gebet und wacht über euch selbst! Macht euch das demütige Gebet zu eigen, das der Priester in der heiligen Messe vor der Kommunion betet: »Herr Jesu ... der Du mit Deinem Tode der Welt das Leben wiedergegeben hast, befreie mich durch Deinen hochheiligen Leib und Dein hochheiliges Blut von allen meinen Missetaten und von allem Bösen. Gib, dass ich allezeit Deinen Geboten anhange, und lass nicht zu, dass ich mich jemals von Dir trenne!« Nein, niemals lass es zu, nie, nicht in dieser Welt und nicht in der ewigen!

Vom Segen des guten Buches 31. Juli 1940

Der Sommer ist gewöhnlich die Zeit der Ferien. Ihr Name klingt wie eine freudige Glocke in den Ohren vieler, denn er kündet nach langen Monaten der Arbeit eine Zeit der Ruhe an. Auch ihr freut euch darüber, geliebte Neuvermählte, auf dieser wenn auch kurzen Hochzeitsreise, die euch in die Ewige Stadt geführt hat. Einigen Familien bieten die Ferien Gelegenheit zu einem Aufenthalt auf dem Lande oder in einem gastlichen Ort in der Nähe oder in den schönen Bergen und an den Meeresufern Italiens. Für andere weniger Begüterte, die ihre Wohnung nicht verlassen können, sind die Ferien wenigstens die Zeit, in der Eltern und Kinder sich recht lange wieder zusammenfinden im Frieden des häuslichen Heiligtums.

Der Friede! Wie viele Familien sehnen sich heute nach ihm! Wie vielen Bräuten, Müttern und Verlobten, wenn sie auch fest entschlossen und bereit sind zu den äußersten Opfern in der Erfüllung der Pflicht und aus Liebe zum Vaterland, ist das Herz zerrissen wegen der Abreise eines geliebten Wesens zu einer fernen, vielleicht unbekannten, oft gefahrvollen Bestimmung! Anderen krampft sich noch mehr das Herz zusammen, weil ihre unruhigen Gedanken sich verlieren in der Nacht einer bangen Ungewissheit, und sie bestürmen Himmel und Erde, um wenigstens Gewissheit zu erlangen über das wenn auch tragische Los des geliebten Menschen, von dem sie ohne Nachricht sind! Der Friede! Das ist die weiße Taube, die nicht mehr findet, wohin sie ihren Fuß setzen kann auf der mit Leichen bedeckten und in die Sintflut der Gewalt versunkenen Erde und darum zurückgekehrt zu sein scheint in jene Arche des Neuen Bundes, die das Herz Jesu ist ("Herz Jesu, Arche des Gesetzes", usw. - Off. v. heiligen Herzen Jesu, Laudes), um sie erst wieder zu verlassen, wenn sie endlich vom Baum des Evangeliums den wieder grün gewordenen Ölzweig der brüderlichen Liebe unter den Menschen und Völkern pflücken kann. Doch trotz der Trauer der Stunde wird es nicht wenigen unter euch, besonders den jungen Eheleuten, gegeben sein - wie Wir euch von Herzen wünschen - sich einigen Trostes zu erfreuen. Aber sich ausruhen bedeutet für den Menschen nicht nur ein behagliches Ausstrecken der müden Glieder und Hingabe an einen erquickenden Traum! Die menschliche Ruhe bringt gewiss Zerstreuungen und gewöhnlich auch Zeit zum Lesen. Und da es heute kaum eine Familie gibt, in die nicht Bücher, Schriften und Zeitungen hineinkommen, und da während der Muße der Ferien die Gelegenheiten zum Lesen zahlreicher sind, mochten Wir heute eine kurze Mahnung über diesen Punkt an euch richten.

Der erste Mensch, der andern Menschen seine Gedanken mitzuteilen wünschte in einer dauerhafteren Form, als sie der flüchtige Laut der Worte ist, ritte, vielleicht mit einem rauen Kiesel, verabredete Zeichen auf die Wand einer Höhle. So wurden zur selben Zeit die Schrift und die Kunst des Lesens erfunden. Lesen heißt durch schriftliche, mehr oder weniger verwickelte Zeichen in die Gedankenwelt eines andern eintreten. Da nun "die Gedanken des Gerechten Gerechtigkeit sind, die Ratschläge der Gottlosen aber Betrug", so folgt daraus, dass es Bücher und Worte gibt, die eine Quelle von Licht, Kraft, geistiger und sittlicher Freiheit sind, während andere nur Trug und Gelegenheit zur Sünde bringen. Das ist die Lehre der Heiligen Schrift: "Die Gedanken der Gerechten sind Gerechtigkeit und die Ratschläge der Gottlosen sind Trug. Der Frevler Worte lauern auf Blut, der Mund der Gerechten bringt ihnen Rettung" (Spr. 12, 5-6). Es gibt also gute und schlechte Bücher, wie es gute und schlechte Worte gibt.

Das Wort ist nicht selten wie ein Blitz in Nacht und Sturm kann er dem Wanderer genügen, den richtigen Weg wiederzufinden, wie anderseits auch auf dem sichersten Weg ein Blitz genügen kann, einen unvorsichtigen Wanderer zu erschlagen. Das ist die Wirkung des guten oder schlechten Wortes. Das Buch hingegen wirkt weniger schnell, aber sein Einfluss wird mit der Zeit stärker; es ist eine Flamme, die unter der Asche glimmen oder wie ein mattes Nachtlicht brennen und dann wieder plötlich aufflammen kann, wohltuend oder zerstörend; es wird die Lampe des Heiligtums sein, bereit, dem Gläubigen, der sich naht, das heilige Zelt und seinen göttlichen Gast zu zeigen, oder es wird der Vulkan sein, dessen furchtbare Ausbrüche ganzen Städten Verwüstung und Tod bringen. Ihr wünscht angenehme Unterhaltungen, kluge und ermunternde Worte und verabscheut mit Recht Fluchen und verführerische Reden. Sucht denn auch gute Bücher und meidet die schlechten!

Es ist heute morgen nicht Unsere Absicht, euch die Schäden zu schildern, welche die schlechte Presse verursacht, sondern euch das Gute zu zeigen, das vom guten Schriftum kommt, um euch aufzufordern, es zu lieben und seine Verbreitung zu fördern. Der Heilige, dessen Fest die Kirche heute feiert, bietet in dieser Hinsicht in seinem Leben ein leuchtendes Beispiel.

Als ruhmbegieriger und ehrgeiziger Offizier, als unerschütterlicher Verteidiger Pamplonas gegen die Soldaten des Königs von Frankreich, war Ignatius von einem Bleigeschoss getroffen worden, das ihm das rechte Bein gebrochen und das linke arg verwundet hatte. Als die Franzosen in die Stadt eingedrungen waren, behandelten sie ihn ritterlich in rechter Würdigung der Tapferkeit, die er bewiesen hatte, und ließen ihn in einer Sänfte zur Burg Loyola bringen. Als er dort nach sehr schmerzlichen Operationen allmählich genas, hätte er sich gerne zur Vertreibung der Langeweile auf seine Ritterbücher, liebes- und Heldenromane gestürzt, die damals im Schwange waren, wie "Amadigi di Gaula", aber in dieser düsteren Burg gab es keine; statt dessen wurden ihm in die Hand gegeben das "Leben Christi" von Ludolf von Sachsen und die Heiligenlegende von Jakobus da Voragine, auch "goldene Legende" genannt. Mangels anderer gab sich Ignatius dran, diese Bücher zu lesen. Aber sehr bald senkte sich unmerklich in seine redliche Seele, die zuerst überrascht, dann überwältigt ward, ein Licht, das reiner, süßer und glänzender war als all das eitle Blendwerk der Liebesgeschichten, Ritterturniere und Bravourstücke. Vor seinen noch fieberglühenden Augen verblasste das bis dahin so sehr bewunderte Bild der großen Ritter in ihrem Damaszenerschmuck, an ihre Stelle traten andere Helden, die er vorher kaum in flüchtigen Augenblicken des Gebetes wahrgenommen; in den langen schlaflosen Nächten nahmen nach und nam Gestalt an die Schatten der blutigen Märtyrer, der Mönche in ihrer groben Kutte, der Jungfrauen in lilienweißem Gewand, wie sie Jakobus da Varagine gezeichnet hatte, ihre kalten Bilder gewannen Leben, ihre Bewegungen bekamen Ausdruck und Ansehen; dann erhob sich über ihnen, auf den Blättern des Ludolf, das Bild eines edlen Königs, der zur Eroberung des ganzen Landes der Ungläubigen zur Nachfolge aufrief Legionen bereitwilliger Soldaten und eine kleine Schar begeisteter Ritter, die voll Verlangen waren, sich in besonderer Weise in seinem Dienste auszuzeichnen. Aber dieser erhabene König und ewige Herr sprach nicht mehr von Heldengedichten und blutigen Kämpfen, in denen man sich verwundete mit Hieb und Stim. Er sagte: "Wer mir nachfolgen will, muss sich mit mir mühen, damit er mir folgt in der Glorie, wenn er sich mit mir abgemüht hat." Erleuchtet von diesem neuen Licht, rückte die Seele des Ignatius so nach und nach ab von ihren trügerisrchen Erdenträumen und vollzog die gänzliche Hingabe an den Herrn aller Dinge (vgl. Exerc. spir., de regno Christi).

Geliebte Söhne und Töchter! Sammelt euch einen Augenblick und denkt einmal ehrlich darüber nach: Woher kommt das, was das Beste in euch ist ? Warum glaubt ihr an Gott, an seinen Sohn, der für die Erlösung der Welt Mensch geworden ist, an seine Mutter Maria, die er zu eurer Mutter gemacht hat? Warum gehorcht ihr seinen Geboten, liebt ihr eure Eltern, euer Vaterland, euren Nächsten? Warum seid ihr entschlossen, einen Hausstand zu gründen, daß Jesus als König in ihm herrsche und ihr in ihm euren Kindern den Familienschatz der christlichen Tugenden übergeben könnt? Gewiss deshalb, weil in der heiligen Taufe der Glaube euch eingegossen worden ist, weil eure Eltern, euer Pfarrer und eure Lehrer und Lehrerinnen in der Schule euch durch ihr Wort und ihr Beispiel gelehrt haben, das Gute zu tun und das Böse zu meiden. Aber forscht noch weiter nach in euren Erinnerungen; unter den wertvollsten und entscheidendsten werdet ihr vielleicht finden die an irgendein gutes Buch, den Katechismus, die Heilige Geschichte, das heilige Evangelium, das Römische Messbuch, die Kirchenzeitung, die Nachfolge Christi, das Leben jenes Heiligen oder jener Heiligen; ihr werdet mit den Augen eures Geistes vor allem eines jener Bücher wieder sehen, vielleicht ist es nicht das schönste noch das reichste noch das gelehrteste, aber über seinen Blättern wurde eines Abends mit einem Male das Lesen unterbrochen, euer Herz klopfte stärker, eure Augen füllten sich mit Tränen, und dann wurde in eure Seele, unter dem unsichtbaren Antrieb des Heiligen Geistes, eine tiefe Furche gegraben, die trotz der Jahre, die vergangen, und trotz der mehr oder weniger längeren Ablenkungen noch als Führer auf eurem Wege zu Gott dienen kann. Wenn ihr, besonders die jüngeren, noch nicht eine ähnliche Erfahrung gemacht habt, werdet ihr wahrscheinlich eines Tages die tiefe Wonne empfinden, wenn ihr auf einem verstaubten Büchergestell oder in einem alten Schrank ein kleines Buch eurer ersten Jahre wiederfindet und mit Rührung auf seinen vergilbten Blättern wie eine vertrocknete Blume aus dem Garten eurer Kindheit entdeckt jene erbauliche Geschichte, jene Lebensweisheit, jenes fromme Gebet, die ihr unter dem Staub der Beschäftigungen und den Sorgen des täglichen Lebens habt begraben werden lassen, die aber nun plötzlich den Duft, den Geschmack und die lebhaften Farben wiedergewinnen, die einst einmal eure Seele in Entzücken versetzt und gestärkt hatten. Seht! Das ist einer der großen Vorzüge des guten Buches. Der Freund, dessen kluge Mahnungen und gerechten Tadel ihr in den Wind schlagt, verlässt euch, aber das Buch, von dem ihr fortgeht, bleibt euch treu. Wiederholt vernachlässigt oder abgewiesen ist es immer bereit, die Stütze seiner Lehren, die heilsame Bitterkeit seiner Vorwürfe, das klare Licht seiner Ratschläge euch wiederzuschenken. Hört also auf seine Ansichten, die ebenso verschwiegen wie unmittelbar sind! Der Vorwurf, oft genug verdient, den es euch macht, die Pflicht, oft genug vergessen, an die es euch erinnert, es hat sie schon vielen andern vor euch ausgesprochen, aber es offenbart euch ihre Namen nicht, wie es auch den eurigen keinem enthüllt; und während es unter der schweigenden Lampe durch eure Augen, die auf ihm ruhen, euch ermahnt oder euch tröstet, hört keiner seine Stimme außer eurem Herzen ganz allein.

Von den schweren Schäden eines unsittlichen Schrifttums für die Seelen der Menschen und Völker 3. August 1940

Wenn ein Kind unter der heißen Sonne des August zeitweilig die Familie verläßt zum Aufenthalt in einer Sommerkolonie im Gebirge oder am Meere, würde sein Vater es für überflüssig halten ihm zu sagen: "Liebes Kind, tue keine Schlange in dein Köfferchen, und wenn du eine findest auf deinen Spaziergängen, hüte dich, sie mit beiden Händen aufzunehmen, um sie zu prüfen!" Und doch gibt Uns die väterliche Liebe einen derartigen Rat für euch ein. In der Audienz des vergangenen Mittwoch sezten Wir kurz den Nutzen des guten Buches auseinander; heute möchten Wir euch an die Gefahr der schlechten Bücher erinnern, eine Gefahr, gegen die die Kirche niemals aufgehört hat, ihre Stimme zu erheben, deren Ernst aber trotz dieser Mahnungen nicht wenige Christen verkennen oder bestreiten.

Ihr müsst euch also überzeugen, dass es schlechte Bücher gibt, die schlecht sind für alle, ähnlich jenen Giften, gegen die keiner sich gesichert nennen kann. Da bei jedem Menschen das Fleisch den Schwachheiten unterworfen und der Geist zur Auflehnung geneigt ist, so bilden solche Bücher eine Gefahr für jeden Menschen. Die Apostelgeschichte erzählt, dass, während der heilige Paulus in Ephesus predigte, viele von denen, die sich mit Zauberkünsten abgegeben hatten, ihre (Zauber-) Bücher brachten und sie vor aller Augen verbrannten; man schätzte den Wert dieser Zauberbücher, die so zu Asche wurden, und kam auf die Summe von 50 000 Denaren (AG 19,19).

In der Folge haben die römischen Päpste im Laufe der Jahrhunderte dafür Sorge getragen, ein Verzeichnis oder einen "Index" derjenigen Bücher veröffentlichen zu lassen, deren Lesung den Gläubigen verboten ist, mit dem gleichzeitigen Hinweis, dass viele andere, wenn sie auch nicht ausdrücklich genannt sind, unter dasselbe Urteil und Verbot fallen, weil sie dem Glauben und den guten Sitten schaden. Wer könnte sich wundern über ein solches Verbot von Seiten jener, die das Seelenheil der Gläubigen schützen sollen? Erlässt denn nicht auch die bürgerliche Gesellschaft kluge gesetzgeberische und vorbeugende Maßnahmen, um die zerstörende Wirkung der Gifte in der Hauswirtschaft und Industrie zu verhüten und um den Verkauf und Gebrauch der Gifte, besonders der schädlichsten, mit Sicherungen zu umgeben?

Wenn Wir euch an diese ernste Pflicht erinnern, so geschieht es deshalb, weil die Ausbreitung des Übels in der Gegenwart erleichtert wird durch die ständig wachsende Bücherproduktion wie auch durch die Freiheit, die viele für sich in Anspruch nehmen, alles zu lesen. Nun kann es aber keine Freiheit geben, alles zu lesen, wie es auch keine Freiheit gibt, alles zu essen und zu trinken, was man unter Händen hat, wäre es auch Kokain oder Blausäure.

Liebe Brautpaare, diese väterlichen Mahnungen sind besonders an euch gerichtet. Ihr seid zum größten Teil in einem Alter und in einer Lage, in der der Geist um so mehr Freude hat an romantischen Erzählungen, als die Menge der Wünsche Nahrung findet in bisweilen trügerischem Glück und die raue Wirklichkeit ab geschwächt wird durch süße Träume. Gewiss ist es euch nicht verwehrt, den Zauber der Erzählungen von reiner und echter menschlicher Liebe zu verkosten; die Heilige Schrift selbst bietet ähnliche Szenen, die durch die Jahrhunderte ihre idyllische Frische bewahrt haben, wie die Begegnung zwischen Jakob und Rachel, (1. Mos. 29, 9-12), die Heirat des jungen Tobias (Tob. 7), die Geschichte der Ruth (Ruth 3). Und es hat auch Schriftsteller von Geist gegeben, die gute und sittenreine Romane geschrieben haben, es möge genügen, unsern Manzoni zu nennen. Aber welch ein üppiges Sprossen giftiger Pflanzen gibt es neben diesen reinen Blüten auf dem weiten Felde der Romanliteratur! Nun werden gerade diese, leichter zugänglich und auffälliger, allzu oft gepflückt und ihr Duft lieber geatmet, weil er scharf und betäubend ist.

"Ich bin kein Kind mehr", sagt jene junge Frau, "und kenne das Leben, im habe doch nur den Wunsch und das Recht, es besser kennen zu lernen". Aber die Arme merkt nicht, dass ihre Sprache die der Eva ist angesichts der verbotenen Frucht, und glaubt sie vielleicht, um das Leben kennen zu lernen, es zu lieben und auszuwerten, es sei notwendig, seinen Verirrungen und Hässlichkeiten nachzuspüren? "Ich bin kein Kind mehr", sagt ebenso jener junge Mann, "und meinem Alter schaden die sinnlichen Schilderungen und wollüstigen Szenen nicht mehr". Ist er dessen wohl sicher? Wenn er es wäre, dann wäre das ein Zeichen einer unbewussten Verdorbenheit' die Frucht einer früheren schlechten Lektüre. So pflanzte nach einigen Geschichtsschreibern Mithridates, der König von Pontus, giftige Kräuter, bereitete sie zu und erprobte auch an sich selbst die Wirkung der Gifte, um sich an sie zu gewöhnen; daher der Name Mithridatismus.

Aber glaubt nicht, ihr jungen Männer und Frauen, die ihr euch bisweilen verleiten lasst, verdächtige Bücher, vielleicht im geheimen, zu lesen, glaubt nicht, dass ihr Gift ohne Wirkung an euch sei, fürchtet vielmehr, dass diese Wirkung, wenn auch keine unmittelbare, doch sehr schlimm ist. Es gibt in den tropischen Ländern Afrikas einige Zweiflügler, bekannt unter dem Namen tsè-tsè Fliege, deren Stich zwar keinen plötzlichen Tod verursacht, aber dem Blut tödliche Krankheitskeime einimpft, obwohl es sich nur um eine einfache und vorübergehende lokale Entzündung handelt; wenn die Symptome des Übels sich offen zeigen, ist es bisweilen zu spät, um Heilung zu bringen mit den Mitteln der Wissenschaft. In ähnlicher Weise scheinen die unreinen Bilder und die schädlichen Gedanken, die ein schlechtes Buch erzeugt, in euren Geist einzudringen, ohne ihm, wie man zu sagen pflegt, eine merkliche Wunde beizubringen. Ihr werdet dann leicht rückfällig und macht euch kein Gewissen darüber, dass auf diese Weise durch die Fenster der Augen der Tod eindringt in das Haus eurer Seele (vgl. Jer. 9, 21); wenn ihr nicht sofort ein starkes Gegenmittel braucht, wird diese wie ein von der "Schlafkrankheit" erschlaffter Organismus kraftlos in die Todsünde und die Feindschaft mit Gott hinab gleiten.

Die Gefahr der schlechten Bücher ist in gewisser Hinsicht sogar unheilvoller als die Gefahr der schlechten Gesellschaften, weil sie in hinterlistiger Art sich einzuschleichen versteht. Wie viele Mädchen oder junge Frauen in der Einsamkeit ihres Zimmers mit dem kleinen Mode gewordenen Buch lassen sich von ihm in roher Weise Dinge sagen, die andere in ihrer Gegenwart nicht sagen dürften, oder lassen sich Szenen beschreiben, deren Mitwirkerinnen oder Opfer sie um keine Sache in der Welt sein möchten. Ach! so bereiten sie sich vor, morgen solche zu werden!

Andere, Christen oder Christinnen, die von Kindesbeinen an auf dem rechten Weg gegangen sind, klagen dann, dass unversehens die Versuchungen wachsen, die sie plagen und vor denen sie sich immer schwächer fühlen. Wenn sie aufrichtig ihr Gewissen fragten, würden sie vielleicht erkennen, dass sie einen sinnlichen Roman gelesen, in einer unsittlichen Revue geblättert, ihren Blick auf ungeziemende Bilder geworfen haben. Arme Seelen! Können sie sich denn gerechter und logischerweise beklagen, dass eine Flut von Schmutz sie zu ersticken droht, während sie selbst die Deiche eines vergifteten Meeres durchstoßen haben?

Aber vergeßt auch nicht, liebe Brautpaare, die ihr jetzt eure Zukunft vorbereitet und unter anderen göttlichen Gnaden den Segen der Fruchtbarkeit über eure Verbindung herabruft, vergesst nicht, dass die Seele eurer Kinder der Widerschein eurer eigenen sein wird. Wohl seid ihr gewiss entschlossen, sie christlich zu erziehen und ihnen nur gute Grundsätze mitzugeben. Ein sehr guter Vorsatz, aber wird er immer genügen? O weh! Bisweilen kommt es vor, dass christliche Eltern, die viel Sorgfalt auf die Erziehung eines Sohnes oder einer Tochter verwandt, die sie von gefährlichen Vergnügungen und schlechten Gesellschaften ferngehalten haben, sehen müssen, dass sie mit einem Male um die achtzehn oder zwanzig herum Opfer eines beklagenswerten und bisweilen ärgerniserregenden Falles werden: der gute Same, den sie ausgestreut haben, ist so vom Unkraut verdorben worden. Wer ist der "feindlich gesinnte Mensch" gewesen, der dieses große Übel verursacht hat? In den häuslichen Herd selbst, in dieses kleine Paradies hat sich heimlich der listige Versucher eingeschlichen und hat dort schon gereift gefunden die verführerische Frucht, um sie in jene unschuldigen Hände zu spielen: ein Buch, das sorglos liegen blieb auf dem Schreibtisch des Vaters und im Sohn dem Glauben seiner Taufe gefährlich geworden ist; ein auf dem Sofa oder Kamingesims der Mutter liegengebliebener Roman, der in der Tochter die Reinheit ihrer ersten Kommunion getrübt hat. Leider ist das Übel, das mit Schrecken sich zu erkennen gibt, um so schwerer zu heilen, je tiefer der Flecken im Glanz einer jungfräulichen Seele sitzt.

Aber neben diesen Schriften, welche die Gottlosigkeit und die schlechte Sitte verbreiten, können Wir nicht unterlassen, jene anderen zu erwähnen, welche die Lüge ausbreiten und Hass erzeugen. Die Lüge, verabscheuungswürdig in den Augen Gottes und von jedem gerechten Menschen verabscheut (vgl. Spr. 6, 17 u. 13, 5), ist es noch mehr, wenn sie Verleumdung ausstreut und Zwietracht unter den Brüdern sät (vgl. Spr. 6, 19). Wie jene wahnsinnigen anonymen Schreiber, deren in Galle und Schmutz getauchte Feder das Glück des häuslichen Lebens und den Frieden der Familien zusammenbrechen lässt, so scheint eine gewisse Presse es sich als Aufgabe gestellt zu haben, in der großen Völkerfamilie die brüderlichen Beziehungen unter den Kindern desselben himmlischen Vaters zu zerstören. Dieses Werk des Hasses übt zuweilen auch das Buch, noch öfter die Zeitung. Wenn in der Eile der drängenden täglichen Arbeit einem Schriftsteller ein Irrtum unterläuft, wenn er eine schlecht verbürgte Auskunft aufnimmt, wenn er ein ungerechtes Urteil ausspricht, so kann das nicht selten mehr Flüchtigkeit als Schuld bedeuten und sein. Er müsste aber bedenken, dass Leichtfertigkeiten dieser Art besonders in Zeiten ernster Spannung schwerwiegende Rückwirkungen heraufbeschwören können. Gebe Gott, dass die Geschichte keinen Krieg verzeichne, der durch eine geschickt verbreitete Lüge heraufbeschworen worden ist!

Ein Publizist, der um seine Sendung und seine Verantwortiichkeit weiß, fühlt sich verpflichtet, die Wahrheit wiederherzustellen, wenn ihm ein Irrtum unterlaufen ist. Er ist dazu verpflichtet angesichts von Tausenden von Lesern, die er mit dem, was er schreibt, erreicht, um nicht in ihnen und ihrer Umgebung das heilige Erbe der befreienden Wahrheit und der versöhnenden Liebe zu vernichten, das neunzehn christliche Jahrhunderte mühsam dem menschlichen Geschlecht erworben haben. Man hat gesagt, dass die Sprache mehr Menschen getötet hat als das Schwert (vgl. Eccl. 28, 227). Ähnlich kann die lügnerische Literatur nicht weniger mörderisch werden als die Panzerwagen und die Bombenflugzeuge.

Das Evangelium von der Verklärung des Herrn, das wir gestern in der Heiligen Messe gelesen haben, erzählt, wie der göttliche Meister, um seine Herrlichkeit den drei bevorzugten Aposteln zu offenbaren, damit begann, sie von den andern weg beiseite zu nehmen und sie mit sich auf einen hohen Berg zu führen (Mk. 9, 1). Wenn ihr wollt, dass auch euer Heim heimgesucht werde vom Segen Gottes, von dem besonderen Schute seines Herzens und von den Gnaden des Friedens und der Einigkeit, die dem verheißen sind, der es verehrt, dann sondert euch von der Menge, indem ihr verwerfliche und verführerische Druckwerke zurückweist. Wenn ihr in diesem wie in allem das Gute sucht und euch daran gewöhnt, unter dem Auge Gottes und in der Beobachtung seines Gesetzes zu leben, dann macht ihr aus eurem Hause einen vertrauten Tabor, wohin die Ansteckungsstoffe aus der Ebene nicht dringen und wo ihr mit dem heiligen Petrus sprechen könnt: "Meister, es ist gut für uns, dass wir hier sind!" (Mk. 9, 4).

Das gefährliche Buch 7. August 1940

Die Ferienzeit bietet dem Papst den Anlass, über gute und schlechte Arten der Ausspannung zu sprechen. Eine große Rolle spielt dabei das gute und das schlechte Buch. In der vorhergehenden Audienz hatte der Heilige Vater vom Wert des guten Buches gesprochen. Jetzt warnt er vor dem schlechten. Wir beschränken uns in der Übersetzung auf den Teil der Ansprache, die sich im engern Sinn an die Brautleute richtet.

Seid überzeugt, liebe Brautleute: Es gibt schlechte Bücher, und zwar solche, die für alle schlecht sind, so gut wie es Gifte gibt, gegen die niemand gefeit ist. Weil in jedem Menschen das Fleisch schwach und der Geist zu Aufruhr geneigt ist, so stellt das Lesen dieser Bücher für jeden eine Gefahr dar ...

Wenn Wir euch daran erinnern, so geschieht es deshalb, weil es da um ein weitverbreitetes Übel geht. Die Verbreitung des schlechten Buches wird heute erleichtert durch die täglich noch wachsende Buchproduktion und anderseits durch die vermeintliche Freiheit vieler, die glauben, alles lesen zu dürfen. Und doch gibt es ebenso wenig eine Freiheit, alles zu lesen, wie es eine Freiheit gibt, alles zu essen und zu trinken, was einem unter die Hände kommt, wäre es auch Kokain oder Blausäure ...

Liebe Brautleute, diese väterlichen Warnungen richten sich in besonderer Weise an euch. Ihr seid zumeist in einem Alter und in einer Lage, wo die Phantasie ihre Lust hat an romantischen Erzählungen; denn da, in solchen erdichteten Glücksschilderungen, finden die Sehnsüchte und Wünsche reiche Nahrung, und in süßen Träumen kann man dabei die harte Wirklichkeit verschmerzen.

Gewiss verbietet euch niemand, den Zauber einer Erzählung zu verkosten, in der reine und gesunde, menschlich zarte Gefühle zum Ausdruck kommen. Auch die Heilige Schrift schildert ja solche Szenen, die über die Jahrhunderte hinweg ihre idyllische Frische bewahrt haben: so die Begegnung zwischen Jakob und Rachel (Gen. 29, 9-12), die Verlobung des jungen Tobias (Tob. 7), die Geschichte der Ruth (Rut 3). Und es hat auch Schriftsteller von großem Namen gegeben, die gute und sittlich hochstehende Romane geschrieben haben; es genügt da, unsern Manzoni zu nennen.

Aber neben diesen reinen Blüten auf dem weiten Felde der Romanliteratur, welch üppiges Sprießen von verderblichen Giftpflanzen! Und gar zu oft pflückt man sie, da sie viel leichter zur Hand sind und auch mehr in die Augen stechen als die andern, und gar zu gern atmet man ihren scharfen und berauschenden Geruch ein.

»Ich bin doch kein Kind mehr!« sagt jene junge Frau, »ich kenne das Leben; ich will es also noch besser kennenlernen, und ich habe auch das Recht dazu!« - Die Törichte! Sie merkt nicht, dass sie genau so redet wie Eva von der verbotenen Frucht.

Und glaubt sie denn wirklich, um das Leben zu kennen, zu lieben und zu leben, müsse man es in allen seinen Verirrungen und Entgleisungen erforschen?

»Ich bin kein Kind mehr!« sagt Gleicherweise auch jener junge Mann, »und in meinem Alter machen sinnliche Darstellungen und lüsterne Szenen keinen Eindruck mehr!« - Ist er dessen so sicher? - Und wäre es wahr, so wäre das das Zeichen einer unbewussten Verdorbenheit, die Frucht vieler schon vor aufgegangener schlechter Bücher ....

Glaubt doch nicht, junge Männer und junge Frauen, wenn ihr euch - vielleicht im geheimen manchmal dazu verführen lässt, verdächtige Bücher zu lesen, glaubt doch nicht, dass ihr Gift ohne Wirkung auf euch sei! Nein, fürchtet ihren Einfluss, der wohl nicht gleich sichtbar, dafür aber umso verderblicher ist ...

Und noch etwas, liebe Brautleute! Ihr seid jetzt daran, eure Zukunft zu bereiten und erfleht von Gott, nebst andern Himmelsgaben, auch den Segen der Fruchtbarkeit für euren Bund. Denkt daran, dass die Seele eurer Kinder ein Widerschein der euren sein wird! Gewiss seid ihr fest entschlossen, eure Kinder christlich zu erziehen und ihnen nur gute Leitsätze mitzugeben. Das ist gewiss ein herrliches Vorhaben; wird es aber immer genügen?

Da sind manchmal gute christliche Eltern; sie haben viel Vorsicht und Sorgfalt aufgewendet in der Erziehung ihres Sohnes oder ihrer Tochter; sie haben ihr Kind ferngehalten von gefährlichen Vergnügungen und verdorbenen Kameraden. Und jetzt, da der Junge oder das Mädchen gegen achtzehn oder zwanzig Jahre alt wird, müssen sie plötzlich zusehen, wie diese elend zu Fall kommen, vielleicht gar öffentlich Anstoß erregen. Der gute Same, den die Eltern gesät haben, ist also vom Unkraut verdorben worden.

Wer war der »böse Feind«, der ein so großes Unheil verursacht hat? - Ins Heim selbst, in dieses kleine Paradies, hat sich der Verführer eingeschlichen und hat dort schon die Frucht gepflückt vorgefunden; er brauchte sie nur in die kleinen unschuldigen Hände zu legen. Es war ein Buch; der Vater hatte es nachlässigerweise auf dem Schreibtisch liegen gelassen, und nun hat es den Taufglauben des Sohnes untergraben. - Oder es war ein Roman; die Mutter hatte ihn auf dem Sofa oder auf ihrem Tisch vergessen, und nun hat er in ihrer Tochter die Reinheit des Erstkommuniontages befleckt. - Leider ist dann das mit Schrecken entdeckte Übel umso schwerer heilbar, je tiefer die Wunde ist, die der Reinheit einer unberührten Seele geschlagen wurde.

Die Ansprache wendet sich im folgenden noch mit ernsten Worten an jene Verleger, die in ihrer Presse systematisch Lüge und Hass und Unfrieden unter den Völkern verbreiten. Diese Lügen- und Hetzpresse, der er eine große Schuld an Kriegsausbrüchen und am Hass der Völker zuschreibt, nennt der Papst eine Waffe »nicht weniger mörderisch als Panzerwagen und Bombenflugzeuge«. Die Ansprache schließt mit der Mahnung an die Brautleute, von ihrem Heim alle verführerische und verderbliche Literatur fernzuhalten, damit Jesus mit seinem Segen darin wohnen könne.

Der Rosenkranz christlicher Brautleute 16. Oktober 1940

Von ganzem Herzen heißen Wir euch willkommen, liebe Neuvermähle, scheint es doch, als habe die Jungfrau des heiligen Rosenkranzes euch zu Uns hergeführt in diesem Monat, der ihr geweiht ist.

Schon als Kinder habt ihr am Rosenkranz, diesem weltumspannenden und unaufhörlichen Gebet, Anteil genommen. Eure Mütter haben euch gelehrt, langsam die Perlen des Rosenkranzes zwischen den Kinderfingerchen hindurch gleiten zu lassen und dabei die einfachen und erhabenen Worte des Herrengebetes und des Engelgrußes zu sprechen. Etwas später dann, bei eurer ersten heiligen Kommunion, habt ihr euch der himmlischen Mutter geweiht. Da hat man euch zur Erinnerung an diesen großen Tag einen Rosenkranz geschenkt, und ihr habt daran gebetet mit einem großen, durch die zierlich schönen Perlen in naiv-kindlichter Weise gemehrten Eifer. Und wie oft habt ihr später eure doppelte Hingabe an Jesus und an seine Mutter vor dem Tabernakel oder in der Marianischen Kongregation erneuert!

Und jetzt, da ihr einander das Sakrament der Ehe gespendet habt, in diesem Monat, der Maria geweiht ist, jetzt scheint es Uns, als sei das ganze Leben, das nun vor euch liegt, wie ein Kranz von Rollen. - Ja, ein Rosenkranz, den ihr miteinander und für immer damals zu beten angefangen habt, als zu Füßen des Altares eure Herzen eins wurden, als ihr zu neuen und schweren Aufgaben euch verbunden habt und Gott eurem freien Entschluss eurem ehelichen Jawort, seinen Segen gab.

In der Tat hat euer sakramentales Jawort etwas vom »Vater unser« an sich: Es verpflichtet euch, miteinander den Namen Gottes zu heiligen, im Gehorsam gegen seine Gesetze (geheiligt werde Dein Name); es verpflichtet euch, in eurem Heim sein Reich aufzurichten (zu uns komme Dein Reich); es verpflichtet euch, tagtäglich einander die gegenseitigen Kränkungen oder Verfehlungen zu verzeihen (vergib uns ... wie auch wir vergeben); es verpflichtet euch, gegen die Versuchungen zu kämpfen (führe uns nicht in Versuchung) und das Böse zu meiden (sondern erlöse uns von dem Übel). Aber besonders verpflichtet euch dieses Jawort zu einem entschlossenen und vertrauenden: »Es geschehe!« (Dein Wille geschehe ... auch auf Erden), in dessen Kraft ihr der Zukunft und ihren Geheimnissen ohne Furcht entgegengehen sollt.

Auch wie ein Widerklang des Engelgrußes ist dieses Ja. Denn es eröffnet euch eine neue Quelle der Gnade, die Maria, die Gnadenvolle (voll der Gnade), die mächtige Gnadenvermittlerin "euch austeilt, und durch die Gott in uns wohnt (der Herr ist mit dir). Dieses Ja ist weiter ein besonderes Unterpfand des Segens, nicht nur für euch, sondern auch für die Frucht eurer Gemeinschaft (du bist gebenedeit ... und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes).

Es gibt ein neues Anrecht auf Nachlassung der Sünde hienieden und ein neues Anrecht auf den Beistand eurer himmlischen Mutter in der letzten Stunde (bitt für uns Sünder, jetzt und in der Stunde ... ).

So werdet ihr den Aufgaben eures neuen Standes treu bleiben. Ihr werdet im Geiste des heiligen Rosenkranzes leben und eure Tage werden sein wie eine Kette von Glaubensakten und Liebestaten gegen Gott und Maria all die Jahre hindurch, die vielen und reichgesegneten, die Wir euch wünschen.

Die dreifach geteilten Geheimnisse des Rosenkranzes leuchten in jedem Christenleben auf. Auch im Leben der Eheleute. Auch ihr Leben hat somit etwas von der Freude, dem Schmerz, der Herrlichkeit des Rosenkranzes; eine Herrlichkeit freilich. die nicht der Welt Ruhm sucht.

»Dem Herrn zu folgen, das ist ein großer Ruhm!« (Sir. 23, 28) In einer Familie, wo Gott verehrt wird, da »sind die Kindeskinder der Eltern Krone und die Väter sind der Ruhm der Söhne« (Spr. 17, 6). Je reiner eure Augen sind, ihr jungen Mütter von morgen, umso besser werdet ihr in den lieben kleinen Wesen, die eurer Hut anheimgegeben werden, Seelen erblicken, die dazu auserwählt sind, mit euch den zu preisen, der allein jeder Ehre, jeglichen Ruhmes würdig ist. Statt euch dann an der Wiege eines Neugeborenen, gleich vielen andern, in ehrgeizige Wunschträume hineinzuverlieren, werdet ihr euch ergebenen Sinnes über das schwache Herzchen beugen, das eben zu schlagen beginnt, und ohne nutzlose Unruhe werdet ihr an die Geheimnisse seiner Zukunft denken und sie der

Liebe der Jungfrau des heiligen Rosenkranzes anheim stellen. Denn ihre Liebe ist noch mütterlicher und weit mächtiger als die eure.

Der heilige Rosenkranz lehrt euch, dass die Verherrlichung des Christen sich nicht auf seiner irdischen Pilgerschaft verwirklicht ... So möge der Rosenkranz eures Lebens sich durch eine lange und gesegnete Kette von Jahren hindurch fortsetzen, um an dem Tag glücklich vollendet zu werden, da für euch der Schleier der Geheimnisse fallen wird und ihr im ewigen Licht der heiligsten Dreifaltigkeit eure Verherrlichung finden werdet: Ehre sei dem Vater und dem Sohne und dem Hl. Geiste. Amen.

Wunderkraft der Liebe 23. Oktober 1940

Das erste Wort, das heute aus Unserm Herzen und von Unsern Lippen ausgehen soll, liebe Brautleute, ist ein Dank gegen Gott. Hat doch seine väterliche Vorsehung euch mitten im Toben des Haders und der Waffen die Gnade gewährt, vor seinem Altare das Lied eurer Liebe zu singen, und uns schenkt sie inmitten so vieler Trauer die Freude, Zeugen eures Glückes zu sein. Möge Gott, der selbst Urheber eures Bundes gewesen ist, mit seiner göttlichen Hilfe ihn auch bewahren, wie die Kirche in der Liturgie der Brautmesse sagt: »Damit jene, die durch Dich als Urheber verbunden werden, durch Deine Hilfe auch bewahrt bleiben« (»Ut qui te auctore iunguntur, te auxiliante servenlur«)

»Gott ist die Liebe«, schreibt der heilige Johannes (1. loh. 4, 8). Seinem Wesen nach Liebe und unendliche Liebe, gefällt er sich ewig, ohne Wunsch und ohne Überdruss, in der Schau seiner ewigen Vollkommenheit. Und weil er das einzige absolute Sein ist, außer dem nichts ist, kann er nur aus seinem eigenen Reichtum andere Wesen bilden, wenn er sie ins Dasein rufen will. So stammt jede Kreatur mehr oder weniger unmittelbar aus der unendlichen Liebe, ist also Frucht der Liebe und bewegt sich nur aus Liebe.

Im chaotischen Nebel sammelte eines Tages eine erste Anziehungskraft, die .man als Ursymbol der Liebe bezeichnen kann, rings um einen Kern die kosmischen Elemente und bildete einen Stern. Darauf rief die Anziehungskraft dieses ersten einen zweiten hervor. Und als dieser wiederum seinerseits einen andern anzog, da begann der wunderbare Zug der Welten seinen Lauf rings um das Firmament.

Aber das Meisterstück Gottes ist der Mensch, und diesem Meisterstück der Liebe gab Gott eine Liebeskraft, die die unvernünftige Kreatur nicht hat. Die Liebe des Menschen ist persönlich, d. h. bewusst; sie ist frei, d. h. sie steht unter der Kontrolle seines verantwortlichen Willens. Und gerade dieses Vermögen, aus sich selber heraus sich bestimmen zu können, ist, wie Dante Alighieri singt, »das größte Geschenk, das Gott in seiner Weitherzigkeit erschaffend bildete, das seiner Güte am meisten entspricht, das er selbst am höchsten schätzt.« (»Lo maggior don, che Dio per sua larghezza - fesse creando, e alla sua bontate - più conformato, e quel ch'ei più apprezza.« Dante, Div. Comm., Parad. V, 19-21).

Mit dem Leibe und mit der Seele hatte Gott dem Menschen all das gegeben, was seiner menschlichen Natur zukam. Die Ansprüche des Menschen waren erfüllt. Aber nicht so das göttliche Wollen. Um in der Liebe noch weiter zu gehen, gab er dem menschlichen Geschöpf ein neues und übermenschliches Geschenk: die Gnade. Die Gnade - unerforschliches Wunder der göttlichen Liebe, in dessen Geheimnis menschliches Denken nicht einzudringen vermag. »Übernatürlich« nannte es der Mensch, und er wollte damit eben demütig eingestehen, dass es seine menschliche Natur übersteigt.

Kirchenväter, Kirchenlehrer und Heilige haben breite Abhandlungen über diese Erhebung des Menschen zu einem höhern Leben geschrieben. Aber in Wirklichkeit sagt ein Dorfkind dasselbe, wenn es aus dem Katechismus den Satz aufsagt: »Die heiligmachende Gnade macht den Menschen der göttlichen Natur teilhaftig.« 

In tausend, in zehntausend Jahren vielleicht, wenn der Mensch, inmitten dieser rastlos in ihren unermesslichen Liebeskreisen gegeneinander geschleuderten Welt, staunend die ununterbrochene Kette von Geschöpfen entdeckt haben wird, die in wohl geordneter Stufenfolge über und unter ihm stehen, - wenn durch die wissenschaftliche Forschung, durch die Fortschritte der Mechanik und die spekulativen Überlegungen das menschliche Wissen unsern modernen Kenntnissen so hoch überlegen sein wird, wie diese uns heute überlegen erscheinen gegenüber dem Dämmerlicht der vorgeschichtlichen Zeit - dann vermag vielleicht ein Genie, eine Seele, überströmend vor Gottesliebe, etwas von den uns noch verborgenen Reichtümern der göttlichen Liebe zu ihrem Lieblingsgeschöpf in menschliche Worte zu fassen. Aber wenn dieser Erforscher der physischen und geistigen Welt viele erhabene Gipfel überwunden hat und dann hinkommt vor den unzugänglichen und unberührten Gipfel, der da Gnade heißt, dann wird auch er wieder nur die drei kurzen Worte des Apostelfürsten Petrus finden, um diesen Gipfel zu beschreiben: ,Divinae consortes naturae´ (2. Petr. 1, 4) - die Gnade macht uns teilhaft der göttlichen Natur.« 

Schon die bloße Sinnenliebe hat ihre zarte, ergreifende Schönheit; vergleicht doch der Herr selbst sich mit dem Adler, der seine Jungen zum Fliegen anleitet und schützend über ihnen die Flügel schlägt (Deut. 32, 31). Dennoch ist die menschliche Liebe, weil an ihr unter dem Antrieb des Herzens der Geist Anteil hat, unvergleichlich edler. Gerade das Herz ist es ja, das die Einheit von Leib und Seele in so feiner Weise bezeugt und veranschaulicht und die stofflichen Eindrücke des ersteren mit dem höheren Fühlen der letzteren in Einklang bringt. Dieser Zauber der menschlichen Liebe war seit Jahrhunderten das fruchtbare Thema, das bewundernswerte Geistesschöpfungen inspiriert hat, in der Literatur, in der Musik, in den gestaltenden Künsten - ein Thema immer alt und immer neu, das die Zeitalter in den erhabensten und dichterischsten Weisen abgewandelt haben, ohne es je zu erschöpfen.

Doch welch neue und unsagbare Schönheit erwächst dieser Liebe zweier Menschenherzen, wenn ihr Gesang zusammenklingt mit dem Hymnus zweier Seelen, in denen übernatürliches Leben schwingt! Auch hier vollzieht sich ein gegenseitiger Austausch der Gaben. Nichts geht verloren von der sinnengebundenen Zärtlichkeit und ihren gesunden Freuden, von der natürlichen Herzlichkeit und ihrer Frische, von der geistigen Einheit und ihren Wonnen. Vielmehr werden dann die zwei sich liebenden Wesen auch noch in all dem eins, was ihr Eigenstes und Tiefstes ist: von den Tiefen ihrer unerschütterlichen Glaubensüberzeugungen bis zum unüberschreitbaren Gipfelpunkt ihrer Sehnsüchte.

Gemeinsamkeit im ganzen Leben, Mitteilung göttlicher und menschlicher Rechte (Consortium omnis vitae, divini et humani iuris communicatio - fr. 1 D. de ritu nupt., XXIII, 2): das ist die christliche Ehe; ein Nachbild der Vereinigung Christi mit seiner Kirche, wie der heilige Paulus sich ausdrückt (Eph. 5, 32). Hier wie dort ist die Hingabe vollständig, ausschließlich, unwiderruflich. Hier wie dort ist der Bräutigam das Haupt der Braut, und sie ist ihm untertan als ihrem Herrn (vgl. Eph. 5, 22-23). Hier wie dort wird das beiderseitige Sichschenken Ausgangspunkt und Quellgrund neuen, reicheren Lebens.

Die ewige Liebe Gottes ließ die Welt und die Menschheit aus dem Nichts erstehen. Die Liebe Christi zu seiner Kirche gebiert die Seelen zum übernatürlichen Leben. Die Liebe des christlichen Bräutigams zu seiner Braut nimmt an diesen beiden göttlichen Liebeserweisen teil, dann, wenn nach dem ausdrücklichen Willen des Schöpfers Mann und Frau das Wohngefäß für eine Seele bereiten, in der der Heilige Geist mit seiner Gnade leben wird. So sind die Eheleute durch die Sendung, die ihnen die Vorsehung bestimmt hat, recht eigentlich die Mitarbeiter Gottes und seines Gesalbten, Christus. Ihr Tun selbst hat etwas Göttliches an sich. Auch hier kann man sie »der göttlichen Natur teilhaftig« nennen.

Muss man sich da etwa wundern, dass solch herrliche Auszeichnungen auch ernste Pflichten auferlegen? Der Adel der Gotteskindschaft verpflichtet die christlichen Eheleute zu manchem Verzicht. Er verpflichtet sie zu vielen Taten hohen Mutes, damit der Stoff nicht dem Geiste den Aufstieg verwehre zur Wahrheit und Rechtschaffenheit und ihn mit seiner Last nicht in die Abgründe ziehe. Aber Gott befiehlt ja niemals Unmögliches, und mit dem Gebot, das er auferlegt, gibt er auch die Kraft, es zu erfüllen. So bringt die Ehe, die doch ein großes Sakrament ist, mit den Pflichten, die übermenschlich erscheinen können, auch Hilfen, die sich als übernatürlich wirksam erweisen. ... (Segen).

 »Kinder von Heiligen sind wir!« 6. November 1940

Ihr seid zu Uns gekommen, liebe Brautleute, um Unsern Segen zu erbitten für die Zukunft, die voller Hoffnungen vor euch liegt. Ihr seid in diesen ersten Novembertagen gekommen, da die Gläubigen dem Rufe der Kirche folgen und ihre Schritte zu dem Winkel geweihter Erde lenken, wo unsere Vorfahren ruhen; an ihren Gräbern weinen wir nun und beten. Bei der Erinnerung an die lieben Dahingeschiedenen erwacht in aller Herzen aufs neue der Trennungsschmerz. Aber dennoch bleibt keine Bitterkeit zurück in den Seelen, die der Glaube verklärt. Im Gegenteil - für euch ist der Gedanke an jene, die euch den Weg des Lebens eröffnet und euch ein Erbgut christlicher Tugend übermittelt haben, süß und heilsam. Ja gerade jetzt, wo ihr eine Familie gründen wollt, ist er es in besonderer Weise. Denn wenn ihr die bleichen Züge eurer lieben Verstorbenen im Geiste wieder so vor euch seht, wie ihr sie als Kinder vielleicht betrachtet oder in ehrfürchtiger Liebe euch ausgemalt habt, so könnt ihr in der Tat eines dem andern mit Stolz und Zuversicht gestehen, was der junge Tobias seiner Frau sagte: » Wir sind ja Kinder von Heiligen!« (Tob. 8, 5).

Ihr wisst, dass die heilige Liturgie den Allerseelengedenktag eng anschließt an das Fest Allerheiligen... Alle Heiligen: was heißt das? Gewöhnlich und in erster Linie meint man damit die Helden christlichen Lebens, die nach einer letzten und endgültigen Erklärung des unfehlbaren Lehramtes in die triumphierende Kirche aufgenommen sind und deren Verehrung nun der ganzen streitenden Kirche vorgeschrieben ist (vgl. Benedikt XIV., De Serv. Dei Beatif. et Beat. Canoniz., liber I., cap. 39 und 42).

Unter ihnen fehlen gewiss nicht besondere Vorbilder und Schutzheilige, die gerade für euch bestimmt sind. Eine jede christliche Familie erhebt wie von selbst ihren Blick zunächst zur Heiligen Familie von Nazareth und schreibt sich ein besonderes Anrecht zu auf den Schutz von Jesus, Maria und Josef. Jedoch nach ihnen sind noch viele andere Männer und Frauen durch ein gottgefälliges Familienleben zur Heiligkeit gekommen. So die heiligen Eheleute Chrysanz und Daria, die unter Kaiser Numerianus gemartert wurden. Es gibt im Himmel Heilige, die bewundernswerte Familienväter waren, so ein heiliger Ferdinand III., König von Kastilien und Léon, der seine vierzehn Kinder in heiliger Gottesfurcht erzog. Es gibt dort heldenhafte Mütter, wie die heilige Felizitas von Rom. Nach dem Bericht ihrer Märtyrerakten sah sie mit eigenen Augen zu - es war unter Kaiser Antonius - wie ihre sieben Söhne schrecklich gemartert und getötet wurden, bis man zuletzt auch sie selbst enthauptete. Diese Mutter voll Starkmut - so erzählt der heilige Petrus Chrysologus - stand zwischen den zermarterten Leichen ihrer Söhne und empfand dabei größere Freude als damals, wo sie zwischen den trauten Wiegen ihrer schlafenden Kinder weilte. Denn sie betrachtete die Dinge mit den innern Augen des Glaubens und sah in den Wunden ihrer Söhne ebenso viele Siegespalmen, in den Martern ebenso viele Lorbeeren, in den Opfern ebenso viele Kronen (HI. Petrus Chrysologus, 134. Rede - Migna P. L., t. 52, col.566).

Da jeder Heilige während des Jahres seinen Festtag hat, darf man annehmen, dass die Kirche am Allerheiligenfest über ein bloßes Gesamtgedächtnis hinausgehen will. Denn außer den großen Siegern, die durch ihre Heiligsprechung oder doch Seligsprechung lichtumstrahlt vor uns stehen, gibt es im Himmel noch Scharen von Seelen, die auf Erden ungekannt, aber in der Anschauung Gottes selig sind. Das bezeugt in der Geheimen Offenbarung der heilige Apostel Johannes, der ihre Herrlichkeit geschaut hatte. Und er sagt auch, dass ihre Zahl alle menschlichen Berechnungen überschreitet: »Darauf sah ich eine große Schar, die niemand zu zählen vermochte. Sie standen vor dem Throne und vor dem Lamme, angetan mit weißen Gewändern und mit Palmen in den Händen.« Und diese Auserwählten, ohne Namen und Kennzeichen, waren »aus allen Geschlechtern und Stämmen und Völkern und Sprachen« (Offb. 7, 9).

... In diesem glorreichen Heer, sind da nicht vielleicht Ahnen von euch dabei? Oder gar schon nächste Anverwandte? - Ja, wenn ihr in diesen Tagen Auge und Seele zum Himmel erhebt, könnt ihr im Geiste manche von denen, die euch lieb waren, dort oben im ewigen Glück erblicken. Und mit ihnen eine noch viel größere Zahl lieber Menschen, die von Geschlecht zu Geschlecht in ununterbrochener Kette ihren Kindern den heiligen Glauben eingepflanzt haben, den gleichen heiligen Glauben, den ihr nun andern weiterreichen sollt. Welche Kraft und welchen Trost gibt euch der Gedanke, dass sie, wenn auch aus dieser Welt geschieden, euch doch nicht vergessen haben, ja, dass sie euch noch immer mit der gleichen Zärtlichkeit lieben! Nur sind sie unvergleichlich hellsichtiger geworden, um eure Not wahrzunehmen und unvergleichlich mächtiger, um ihr abzuhelfen. Vom Himmel her wird ihr Lächeln und ihr Segen wie ein unsichtbarer Gnadenstrahl auf jede neue Wiege in ihrer Nachkommenschaft herniedersteigen.

Wohl ist es wahr, dass ihr keine unbedingte Sicherheit über die endgültige Verherrlichung dieser Seelen haben könnt. Man muss ja so ganz und gar fleckenlos sein, bevor man auf immer und unverhüllt Gott schauen darf, der selbst in Engeln noch Unvollkommenes findet (vgl. Job. 4, 18). Vielleicht ist ein ehrwürdiger Ahne, dessen Leben euch wert und reich an Verdiensten erschien, vielleicht ist eine gute Großmutter, deren arbeitsreiche Tage mit einem frommen und sanften Tod zur Neige gingen, noch nicht im Himmel. Aber ihr dürft sie dann doch wenigstens mit gutem Grund an dem Ort der letzten Reinigung, im Fegfeuer vermuten. Denn auf die Versprechen, die Gott dem Glauben und den guten Werken eines echt christlichen Lebens gemacht hat, dürft ihr ganz fest bauen. So werdet ihr eine heilige Freude empfinden beim Gedanken, dass jene lieben Seelen nunmehr ihres ewigen Heiles sicher sind und befreit von der Sünde, von der Gelegenheit zur Sünde, von Drangsal, Not, Krankheit und von allem Elend.

Aber schaut auch auf die Leiden, durch die sie nach und nach von ihren Makeln befreit werden sollen. In eurer Liebe und Anhänglichkeit wird euer Ohr hellhörig werden für die vertrauten Stimmen, die um Hilfe zu euch rufen, so wie Job aus dem Abgrund seiner Schmerzen das Mitleid seiner Freunde anrief (vgl. Job. 19, 21). Und dann werdet ihr begreifen, warum die Freude des Allerheiligenfestes in der Liturgie acht Tage hindurch anhält, das Gebet aber für die leidende Kirche einen ganzen Monat lang. Der ganze Monat November ist ja in besonderer Weise diesem frommen Fürbittgebet geweiht. - Wenn ihr also die Heiligen im Himmel um Schutz bittet, dann vergesset nicht, durch Gebet, Almosen und vor edlem durch das heilige Messopfer euren Lieben im Fegfeuer zu Hilfe zu kommen. Dann werden auch sie, wie wir gläubig annehmen dürfen, für euch eintreten, und sobald sie zum Quell aller Gnaden Zutritt haben, seine erquickenden Wasser auf alle ihre Nachkommen zurückleiten können.

Kinder von Heiligen sind wir! Und darum müsst ihr, liebe Söhne und Töchter, fest davon überzeugt sein, dass eure junge Familie eine heilige Familie sein kann und sein muss. Eine Familie also, die unverbrüchlich mit Gott verbunden ist durch die Gnade. Unverbrüchlich, weil jenes selbe Sakrament, das die Unauflöslichkeit des Ehebandes fordert, euch auch eine übernatürliche Kraft verleiht, vor der Versuchung und Verführung ohnmächtig bleiben werden, wenn ihr nur wollt. Niedrige Anfechtungen, aus dem Ärger des Alltags, aus Ermüdung oder Sucht nach Neuerung und Abwechslung geboren, der Hunger nach gefährlichen Abenteuern, die Lockungen der verbotenen Frucht werden keinerlei Gewalt über euch erlangen, solange ihr euch den Gnadenstand bewahrt, solange ihr wacht, kämpft, Buße tut und arbeitet. Verbunden mit Gott werdet ihr heilig sein, und nach euch werden es eure Kinder. . .. (Segen).

1941

Aus dem Leid die Freude 8. Januar 1941

Einen zweifachen Eifer zu bezeugen seid ihr, liebe Brautpaare, zu Uns hergekommen: den Eifer der Jugend und den Eifer eures Glaubens und eurer Frömmigkeit. Mit jugendlicher Furchtlosigkeit habt ihr den Härten der Winterszeit getrotzt und sie überwunden, und gläubigen Herzens bittet ihr nun um den Segen des gemeinsamen Vaters der Gläubigen für die Familien, die ihr mit dem unwiderruflichen Jawort gegründet habt. - Auch die Fahrt nach Rom hat dann eure glühenden Herzen nicht abgekühlt. Denn zu sehr geht ihr jetzt auf im Glück eures jungen und einmütigen Bundes, träumend von einer purpurnen Morgenröte froher Hoffnungen für den eben begonnenen Lebensweg. So habt ihr auch auf der Reise nicht viele Blicke übrig gehabt für die vorüber fliehenden Felder, für die gefrorenen und schneebedeckten Ebenen und weißen Berge, für die trauernden Bäume, die da die nackten Arme ihrer Äste gegen einen grauen Himmel reckten.

Doch unter diesem Leichentuch von Kälte und Schnee lebt die Natur; sie schläft einen Schlaf, der des Todes scheint. Aber ihr stilles Schweigen ist auch ein Reden. Und was es sagt, das ist für euch und für alle, die von Gott berufen sind, das Leben weiterzugeben, eine große, von der göttlichen Vorsehung den Seelen gegebene Lehre.

Es ist die gleiche Lehre, an die auch unser Herr die Apostel vor seinem Leiden erinnert hat: »Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es für sich allein. Wenn es aber stirbt, bringt es viele Frucht« (Joh. 12, 24). Und wenig später ergänzte und erklärte der gute Meister noch sein Wort: »Ihr werdet traurig sein, aber eure Trauer wird sich in Freude wandeln. So hat auch die Frau, wenn sie gebiert, Trauer, weil ihre Stunde gekommen ist. Hat sie aber das Kind geboren, so gedenkt sie nicht mehr der Not, aus Freude darüber, dass ein Mensch zur Welt gekommen ist« (Joh. 16, 21).

Eine tiefe Wahrheit, menschlich und christlich zu gleicher Zeit: Das Leben wird nicht weitergegeben ohne Opfer. Und dennoch ist das Weitergeben des Lebens eine unsagbare Freude, die jede Erinnerung an den Schmerz auslöscht.

Seht die Felder und das wunderbare Werk der Natur! Das Weizenkorn wird ins Erdreich gelegt, anvertraut der Sorgfalt der Natur; es legt sich hin, gleichsam wie in ein Grab; es scheint zu sterben und sich aufzulösen. Das alles geschieht aber nur, damit der Keim, den es in sich birgt, sich entwickeln, erwachen, zum Lichte durchdringen, grünen und zu einem kräftigen Halm emporwachsen kann. Bevor jedoch in gelinder Frühlingswärme und flimmernder Sommerglut der Keim sich zur Blüte wandelt und die Blüte zur Frucht, mut! der Winter über das Weizenkorn kommen und über ihm lasten.

In der höhern Ordnung, da wo die Natur lebendig und für den Schmerz empfindlich ist, ist jede Geburt mehr oder weniger schmerzhaft; aus dem Schmerz aber wird die Liebe geboren. So seht ihr, dass die Mutter sich hingibt an ihre Kleinen, sie wachsam behütet, sie nährt mit der eigenen Milch, oder sie erwärmt unter ihren Flügeln; denn nur so kann sie das Leben, das sie den Kindern mitgeteilt hat, in ihnen bewahren und kräftigen. - Ja, gleichwie vor jedem Frühling ein Winter kommt, so gehen auch in diesem geheimnisvollen Schenken des Lebens die Mühen den Freuden voraus, die jeder Fruchtbarkeit versprochen sind.

Seht den Landmann! In der Erwartung und in der Sehnsucht auf die kommende Ernte opfert er seinen besten Samen, ohne es sich reuen zu lassen; im Gegenteil, er ist dabei voll freudiger Hoffnung. Noch ist die Ernte weit; noch weiß er nicht, welches Wetter ihm die Vorsehung schicken wird; er weiß nicht, wie die Ernte ausfallen wird, leicht oder schwierig. Und doch zögert er nicht: mit weitem Schwung streut er die Samenkörner auf die bearbeiteten Schollen des Feldes; auserlesene Körner, Handvoll um Handvoll, alle dazu bestimmt, Kälte, Reif und Schnee über sich zu fühlen, sich aufzulösen in den feuchten Furchen. Erst dann werden sie ihre grünen Halme aufrichten, und die Halme werden, beladen mit schweren Ähren, als Sieger über den vergangenen Winter ihr Haupt neigen, gleichsam dankend dem Himmel und dem fruchtbringenden Boden, die sie genährt haben.

Für euch, liebe junge Ehegatten, ist die gegenwärtige Stunde wie der freudige Augenblick, da ihr den Samen aussät auf ein mit Liebe bearbeitetes Feld. Aber mag auch noch unbeschwerte Jugend aus eurem Auge leuchten, die Schule der Erfahrung und ein Blick in die Welt haben euch doch schon soviel gelehrt, dass die Zukunft, die sich vor euch auftut; - und die Wir euch voll christlichen Glückes wünschen - nicht nur Genuss und Freude bringen wird. Vor allem in diesen bewegten Zeiten werdet ihr die euch anvertraute erhabene Sendung nicht ohne Mühen erfüllen können: unschuldigen Kindern, Himmelsgaben, das Leben zu schenken, sie großzuziehen und zu unterweisen in der Frömmigkeit durch Wort und Beispiel; Kinder, die dazu bestimmt sind, euch und ·dem Vaterland Stütze zu sein und eines Tages mit euch die ewige Herrlichkeit und Glückseligkeit zu genießen.

Der Ackersmann zaudert nicht, mutig ans Werk zu gehen, obschon er alle Wahrscheinlichkeiten: Gewittertage, Tage der Trockenheit und Kälte voraussieht; denn er weiß wohl, dass Gott in seiner barmherzigen Vorsehung sie zählen wird und dass er den nicht zu Schanden werden lässt, der ihm dient und auf ihn hofft; der gleiche Gott lässt ja auch die Spatzen nicht Hungers sterben, die über dem Acker um seinen Pflug herumflattern.

Auch ihr wisst, dass der Herr euch nicht über eure Kraft versuchen lassen wird (1. Kor. 10, 13), und dass die Geduld Vollkommenheit bewirkt (Jak. 1, 2). Zweifelt also nicht daran: er, der unendlich Gute, wird die Prüfungen euren Kräften anmessen, oder besser: er wird sie anmessen den Kräften und Stärkungen, die er selbst euch mit seiner Gnade geben wird. Dieser Glaube an ihn, der heute Quelle eures Vertrauens ist, wird euch Hilfe sein bei eurer Arbeit von morgen.

Eines aber dürft ihr nicht vergessen: Auch in den härtesten Augenblicken, die euch die Zukunft bereit hält, werden beglückende Tröstungen nicht fehlen.

Auf dem Land - ihr wisst es wohl - hat auch der Winter seine Freuden. Gerade im Winter findet sich die Familie, die in den andern Jahreszeiten durch die verschiedene Arbeit auseinander gerissen ist, wieder öfter um den Herd zusammen. Gerade das ist die Zeit der langen Feierabende mit Eltern und Geschwistern, an denen die Herzen näher schlagen, sich einander näher fühlen. Im Reden und im noch beredteren Schweigen durchdringen sich tiefer die Seelen, begegnen sich inniger die Gefühle und Gedanken. Vergangenes lebt wieder auf mit seinen frohen Erinnerungen, Gegenwärtiges und Zukünftiges geht durch die frohen Gespräche.

So wird denn auch für euch, liebe Söhne und Töchter - selbst in den schwierigsten Augenblicken, die euer warten - der Himmel nicht weniger freigebig sein an Stärkung und Trost. Fürchtet nicht! Gott schickt die Betrübnisse, um eure Tugend zu vollenden, und wenn ihr sie als vertrauensvolle und starke Christen aus der Hand Gottes annehmt, dann werden solche Prüfungen nicht - wie es leider so oft vorkommt - Grund zu gegenseitigen Beschuldigungen und Klagen, zu Zwistigkeiten und Unstimmigkeiten sein; nein, sie werden eure Herzen einander nur noch näher bringen und das Leid in gemeinsamer Hingabe verkosten lassen. - Ohne Schmerz gibt es kein Leben in der Liebe! Dann erst werdet ihr euch kennenlernen, werdet miteinander sprechen, einander besser verstehen und fester euch aufeinander stützen auf dem Wege des Lebens. Dann wird die Liebe, die euch eint, im Feuer der Heimsuchung geläutert, ihre endgültige Festigkeit bekommen. Nichts vermag dann mehr die bei den Seelen zu trennen, die so tapfer gelitten und, mit Christus vereinigt, das Kreuz getragen haben.

Solche Gedanken, die Unser Vaterherz Uns auf die Lippen legt als Andenken für euch, mögen euch vielleicht zu ernst scheinen in diesen Tagen eurer Freude, und doch, im Lichte des Glaubens, der euch zu Uns hergeführt hat, sind sie allein die Quelle des wahren Glückes. Das wahre Glück kann nur dort entspringen, gedeihen und bleiben, wo der hohe Sinn des jetzigen Lebens zutiefst begriffen, bejaht und geliebt wird; es ist ein Glück: weniger kindisch, weniger leichtsinnig, weniger eitel, dafür aber inniger und echter und sicherer; denn es gründet in der Fülle des christlichen Geistes, der von keinem Winde der Widerwärtigkeiten zerzaust wird und der die Freuden und die Schmerzen dieser Welt nutzbar macht für ein besseres Leben .... (Segen).

Geistige und leibliche Vater- und Mutterschaft 15. Januar 1941

Zu den Audienzen, die Uns besonders lieb und willkommen sind, zählen Wir mit Vorliebe jene, in denen die Neuvermählten sich um Uns scharen. In dem Augenblick, da ihr ein neues Wegstück eures Lebens beginnt, kommt ihr, beseelt von lebendigem Glauben, zu Uns und bietet eure Seelen Unserem Vatersegen dar; eure Seelen sind nun vom göttlichen Tau der Gnade benetzt in dem Sakrament, das euch endgültig in die Stufenordnung der Gesellschaft eingereiht und euch einen Platz im mystischen Leibe der Kirche zugewiesen hat.

Habt ihr, liebe Brautleute, nie beachtet, dass es unter den vielen Ständen, unter den vielen christlichen Lebensformen, nur zwei gibt, für die unser Herr ein Sakrament eingesetzt hat: das Priestertum und die Ehe. Ihr schaut ohne Zweifel staunend auf die zahlreichen Orden und geistlichen Genossenschaften, männliche und weibliche, die in der Kirche soviel Gutes und Ruhmvolles tun. Und dennoch ist das Ordensgelübde kein Sakrament. Gewiss ist es eine ergreifende Feier voll tiefer Symbolkraft und erhaben bräutlicher Bedeutung. Aber obwohl unser Herr und die Kirche die Jungfräulichkeit und die vollkommene Keuschheit mit lobenden Worten überreich preisen, und obwohl die gottgeweihten Ordensleute im Leben und katholischen Apostolat eine überragende Stellung einnehmen, trotz alle dem ist das Ordensgelübde kein Sakrament.

Betrachtet demgegenüber einmal auch die bescheidenste Vermählung! Sie mag in einem armen und abgelegenen Landkirchlein oder in der einfachen und schmucklosen Kapelle eines Arbeiterviertels gefeiert werden, zwischen zwei Brautleuten, die vielleicht sofort wieder zu ihrer Arbeit zurückkehren müssen, vor einem einfachen Priester, in Gegenwart weniger Verwandten oder Freunde; dieser heilige Vorgang, ohne Glanz und ohne äußern Prunk, hat doch die Würde eines Sakramentes und steht daher auf gleicher Stufe mit der erhabenen Pracht einer feierlichen Priester- oder Bischofsweihe, die in einer herrlichen, von Geistlichen und Gläubigen gedrängt vollen Kathedrale vorgenommen wird vom Oberhirten der Diözese im Schmuck und Glanz seines bischöflichen Ornates. - Priesterweihe und Ehe, ihr wisst es, krönen die Sieben zahl der Sakramente.

Doch weshalb hat Gott dem Priestertum und der Ehe eine so besondere Stellung in seiner Kirche gegeben? Gewiss wäre es verwegen von unserer Seite, wollten wir vom Schöpfer Rechenschaft verlangen über sein Schaffen und Wählen und ihn fragen: Warum hast Du das so gemacht? Indessen dürfen wir doch auf den Spuren der großen Kirchenlehrer und besonders des heilige Thomas nach dem tiefen Sinn der göttlichen Gedanken und Ratschlüsse forschen und ihre verborgene Schönheit kosten; wir werden daraus neues, liebevolles Vertrauen schöpfen und die empfangenen Gnaden höher einschätzen lernen.

Als der Sohn Gottes sich dazu herabließ, Mensch zu werden, da gab er, der Erlöser des Menschengeschlechtes, durch sein Wort dem ehelichen Band zwischen Mann und Frau, das menschliche Leidenschaft seines ursprünglichen Adels beraubt hatte, seinen ersten Glanz wiederum zurück und er erhob es zu einem Sakrament und gab ihm ein großes Vorbild in der Vereinigung seiner selbst mit seiner Braut, der Kirche, die er befruchtet hat durch sein göttliches Blut. Sie aber gebiert uns durch das Wort des Glaubens und im Bad des Heiles und gibt Macht, Kinder Gottes zu werden, denen, die an seinen Namen glauben; denn sie sind »nicht auf dem Wege des Blutes, noch aus dem Verlangen des Fleisches, noch aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren« (Joh. 1, 12-13).

In diesen feierlichen Worten spricht das Johannes-Evangelium von einer zweifachen Vaterschaft: der Vaterschaft des Fleisches durch den Willen des Mannes und der Vaterschaft Gottes durch die Macht des Geistes und der göttlichen Gnade. Diese zweifache Vaterschaft erheischt und verbürgt jedem Christen einen Vater des übernatürlichen Lebens dem Geiste nach, nämlich im Priestertum, und einen Vater des natürlichen Lebens dem Fleische nach, nämlich in der Ehe. Diese zwei Sakramente hat Christus in seiner Kirche niedergelegt, um für alle Zeiten Geburt und Wiedergeburt der Gotteskinder sicherzustellen.

Zwei Sakramente, zwei Vaterschaften, zwei Väter, die sich brüderlich vereinen und sich gegenseitig ergänzen in der Erziehung der Nachkommen, die, als Kinder Gottes, die Hoffnung von Familie und Kirche, von Erde und Himmel bedeuten. Das ist der tiefe Sinn von Priestertum und Ehe, den uns die Kirche lehren will.

Der heilige Johannes schaute die Kirche als die heilige Stadt, das neue Jerusalem, das vom Himmel herabsteigt, geschmückt wie eine Braut und bereit für ihren Bräutigam (Offb. 21, 2). Aus lebendigen Steinen, den getauften und geheiligten Seelen, baut sie sich im Laufe der Jahrhunderte auf und wächst bis zum Tage, da der Zeiten Lauf sich schließt. Dann wird sie emporsteigen und sich mit Christus vereinen im Jubel ewiger Hochzeit im Himmel.

Und wer sind denn die Arbeiter, die an ihrem langsamen Aufbau mithelfen? Vor allem sind es die Nachfolger der Apostel, der Papst und die Bischöfe mit ihren Priestern. Sie verteilen, reinigen und mauern die Steine ein nach dem Entwurf des Baumeisters; denn sie sind vom Heiligen Geist bestellt, Gottes Kirche zu leiten (Apg. 20, 28). Doch was könnten sie tun, wenn sie nicht an ihrer Seite andere Arbeiter hätten, die die Steine ausbrechen, sie behauen und glätten, so wie der Bau es verlangt? Und wer sind diese andern Arbeiter? Es sind die Eheleute, die der Kirche ihre lebendigen Bausteine geben und sie mit Sorgfalt betreuen; ihr seid es, liebe Söhne und Töchter.

Deshalb vergesset nicht, dass in der zukünftigen Vater- und Mutterschaft eure Mühe sich nicht darin erschöpfen darf, bloße rohe Steinblöcke auszuhauen und bereitzustellen; vielmehr müsst ihr sie auch zerkleinern, sie zubereiten, sie so formen, dass sie sich gut in den Bau eingliedern lassen. Eben für dieses zweifache Amt hat Gott das heilige Sakrament der Ehe eingesetzt. Klar sagt der heilige Kirchenlehrer Thomas: Dieses Sakrament, das eure Verbindung geheiligt hat, macht euch zum Werkzeug der »Fortpflanzung und Erhaltung des geistigen Lebens in einem Amt, das leiblich und geistig zugleich ist«, und das besteht in der »Zeugung der Nachkommenschaft und ihrer Erziehung zum Dienste Gottes« (S. Thoma, Summe wider die Heiden IV, 58).

Ja, mehr noch! Unter der Leitung des Priesters seid ihr auch die ersten und nächsten Erzieher und Lehrer der Gotteskinder, die euch geschenkt und anvertraut werden. Im Aufbau der Kirche Gottes, des Tempels, nicht aus toten Steinen, sondern aus Seelen, die ein neues und himmlisches Leben leben, in diesem Aufbau der Kirche seid ihr gleichsam die Wegbereiter der Priester, seid ihr selbst die Priester der Wiege, der Kindheit und der ersten Jugend, der ihr den Weg zum Himmel zeigen müsst. Eure Aufgabe in der Kirche als christliche Gatten beschränkt sich also nicht darauf, das Leben zu schenken und die lebendigen Bausteine herbeizutragen für das Werk der höher gestellten Diener Gottes, der Priester. Durch das Sakrament der Ehe ist euch ein Übermaß an Gnade zuteil geworden, nicht nur, damit ihr stets dem Gesetze Gottes ganz treu bleibt, in dem heiligen Augenblick, da ihr euern Kindern das Leben schenkt, und damit ihr die Mühen, Nöte und Sorgen, die sie nicht selten mit sich bringen, mutig auf euch nehmt und tapfer ertragt; nein, diese Gnaden sind euch ebenso sehr gegeben zur Heiligung, als Hilfe und Licht in eurem leiblichen und geistigen Amt. Denn es ist eure heilige Pflicht, als Gottes Werkzeuge in den Kindern, die er euch schenkt, mit dem natürlichen Leben auch das geistige Leben weiterzupflanzen, zu erhalten und zum Wachstum zu bringen: jenes geistige Leben, das in sie eingegossen wurde im Bad der heiligen Taufe. Ja, nähret die auf diese Weise neu zum Heil geborenen Kinder auch mit der lautern geistigen Milch (1. Petr. 2, 2); machet sie zu lebendigen Bausteinen des Göttestempels, ihr, die ihr nach den Worten des heiligen Petrus durch die Gnade der Ehe erbaut seid zu einem geistigen Haus, einem heiligen Priestertum (1. Pelr. 2, 5), kraft jener Teilnahme am Priestertum, zu der euch der Ehering erhoben hat vor dem Altar.

In der christlichen Erziehung der kleinen Seelen, die Gott euch anvertrauen wird in dem Augenblick, da er sie erschafft als Lebensträger der von euch geformten Körperchen - in ihrer christlichen Bildung hat er euch eine Stellung vorbehalten, ein Erzieheramt, das ihr nicht vernachlässigen dürft, und in dem euch niemand völlig ersetzen kann. In dieser heiligen Aufgabe werdet ihr gewiss Hilfe suchen bei seeleneifrigen Priestern, Katecheten und bei den als vorzügliche Erzieher bewährten Ordensleuten. Aber so groß und wertvoll und reich auch diese Hilfe sein mag, sie entbindet euch nicht von eurer Pflicht und eurer Verantwortung. Wie oft klagen christliche Lehrer über die Schwierigkeiten, auf die sie stoßen; ja, manchmal sogar über Unmöglichkeit, wenn sie in der Erziehung der ihnen anvertrauten Kinder das gut machen und ersetzen sollen, was doch Pflicht der Familie gewesen wäre, was aber diese Familie gar nicht oder schlecht gemacht hat.

Behütet die kleinen Engel, die der Himmel euch schenken wird, erhaltet sie dem Herrn, dem himmlischen Jerusalem und der heiligen Mutter, der Kirche! Vergesset nie, dass an der Seite einer jeden Wiege zwei Väter, zwei Lehrer stehen müssen: ein natürlicher und ein anderer, geistiger Vater und Lehrer. Und vergesset nie: So wie nach dem gewöhnlichen Gang der göttlichen Vorsehung außerhalb der Kirche und ohne die Hilfe der geweihten Priester die Seelen nicht christlich leben und nicht gerettet werden können, so können sie auch für gewöhnlich außerhalb des heimischen Herdes und ohne die Hilfe der im Ehesakrament gesegneten und geeinten Eltern nicht als Christen aufwachsen.

Liebe Neuvermählte! Christus, unser gütiger Herr und Meister, der das Band der Ehe in seiner ursprünglichen, gottgegebenen Einheit wiederhergestellt hat, er möge euren Herzen das Verstehen und die Liebe eingießen zu jener unvergleichlichen Sendung, die er euch durch dieses Sakrament in der Kirche anvertraut hat, und er möge euch die Seelengröße, den Mut und das Vertrauen geben, dieser heiligen Sendung stets treu zu bleiben.

Natürliche Liebe und gnadenhafte Liebe 29. Januar 1941

Die heilige Liturgie weiht den heutigen Tag der Verehrung des gütigen und großen Bischofs von Genf, des heiligen Franz von Sales. Die Kirche preist aber nicht nur seine überragenden Tugenden und seinen brennenden Hirteneifer, sondern sie verehrt auch zugleich sein Wissen und seine Weisheit als Meister christlicher Lebensführung und stellt ihn den katholischen Schriftstellern als Patron und Vorbild vor.

Es will uns scheinen, liebe Brautleute, als ob der milde Blick des großen Kirchenlehrers heute vom Himmel aus auf euch ruhe, wie ihr so um Uns versammelt seid, und als ob der Heilige für euch in Unser Herz und auf Unsere Lippen jene »Mahnungen« lege, die er selber in seinem unvergesslichen Werk, betitelt »Anleitung zum frommen Leben«, an die Eheleute richtete. Ja, in jenen Seiten, da lebt er, da spricht er, da lehrt, führt und mahnt er als euer Vater, euer Lehrer und freund. Auch Philothea, für welche das Buch zunächst bestimmt war, war ja eine Familienmutter, die Frau von Charmoisy. Und in den folgenden Bearbeitungen blieb der Zweck des Buches derselbe: Leute, die in der Welt leben, zu unterrichten, - damit sie jene kostbare Frömmigkeit lieben und üben lernen, - die schließlich nichts anderes ist als die Ganzheit des christlichen Gesetzes und Lebens.

Dieses Buch des milden Bischofs von Genf galt bei den Zeitgenossen des Heiligen als das Vollkommenste in seiner Art, und unser großer Vorgänger Pius XI. schätzte es sehr hoch. Schrieb er doch, es sollte heute noch durch aller Hände gehen (vgl. Acta Apost. Sedis vol. XV. 1923, p. 56). So fordern Wir denn euch auf, liebe Brautleute: Lest und lest sie wieder, jene Seiten, die ebenso köstlich wie gründlich geschrieben sind: sie sollten euch zu einer Lieblingslektüre werden, wie sie es für jenen ausgezeichneten Familienvater waren, der als Oberst während des Weltkrieges nach dem Orient geschickt wurde und dabei gerade dieses kleine Bändchen in seinem Offizierskoffer mit sich führte. Es sollte ihn begleiten und ihn aufrichten bei seinen harten Arbeiten und in den Gefahren, die ihn erwarteten.

Aber für heute wollen Wir Uns darauf beschränken, von den Unterweisungen des großen Bischofs euch nur seine besondern Ratschläge für die Eheleute vorzulegen (Philothea, 3. Teil, 38. Kap.). Und hauptsächlich den ersten, den wichtigsten von allen: »Ich ermahne die Eheleute vor allem zu gegenseitiger Liebe, die der Heilige Geist in der Heiligen Schrift ihnen so sehr empfiehlt.« 

Aber was ist das für eine Liebe, die der fromme Lehrer des christlichen Lebens euch so ans Herz legt? »Ist es vielleicht« - so schreibt er - »eine bloß natürliche, triebhafte Liebe, wie die des Taubenpaares, oder doch eine rein menschliche Liebe, wie sie auch die Heiden gekannt und geübt haben?« Nein, das ist nicht die Liebe, die der Heilige Geist den Eheleuten empfiehlt. Vielmehr ist es jene, die zwar die rechte natürliche Liebe nicht verkennt, aber sich dann hoch über sie hinaus erhebt, um »ganz rein, ganz heilig, ganz göttlich« zu sein in ihrem Ursprung und in ihrem Ziel, in ihren Eigenschaften, in ihrer Form und in ihrem Inhalt, ähnlich der Liebe, die Christus mit seiner Kirche verbindet.

Eine gegenseitige Liebe, die geboren wäre aus der bloßen Zuneigung, die euch zueinander hindrängt, oder aus dem bloßen Gefallen an den menschlichen Gaben, die ihr aneinander mit so großer Genugtuung entdeckt, mag auch eine solche Liebe noch so schön und tief sich offenbaren und aufklingen in der Heimlichkeit vertrauter Zwiesprache zwischen Neuvermählten, genügen kann sie doch niemals. Und sie wäre auch nie imstande, eure Seelen in der vollen Einheit zusammenzufügen, welche die liebevolle Vorsehung für euch ausgedacht und gewollt hat, als sie euch zueinander führte. Einzig die übernatürliche Liebe, das Band der Freundschaft zwischen Gott und Mensch, kann Knoten flechten, die alle Erschütterungen überdauern, alle Wechselfälle des Geschickes, alle unvermeidlichen Prüfungen während eines langen Leben zu zweit. Nur die göttliche Gnade kann euch erhaben machen über alle kleinen, täglichen Armseligkeiten, über alle aufsteigenden Gegensätze und Unterschiede in Geschmack und Ansichten, die wie Unkraut aufsprießen aus der Wurzel der armen Menschennatur.

Und ist denn diese Liebe und diese Gnade nicht gerade jene Kraft und Stärke, die ihr begehrt habt von dem grollen Sakrament, das ihr empfangen? Ja, göttliche Liebe, die mehr noch ist als Glaube und Hoffnung, das braucht die Welt und die Familie.

Reine, heilige, göttliche Liebe! Ist das nicht werdet ihr vielleicht sagen - für uns ein gar zu hohes Ding? Eine Liebe, so über die Natur hinaus - so fragt ihr weiter - bleibt die denn noch jene echt menschliche Liebe, die der Schlag unserer Herzen war, jene Liebe, die unsere Herzen suchen und in der sie zur Ruhe kommen, derer sie bedürfen und die sie jetzt als ihr Glück gefunden haben? Seid beruhigt: Gott zerstört und ändert mit seiner Liebe nicht die Natur, sondern er vervollkommnet sie. Und der heilige Franz von Sales, der das menschliche Herz gut kannte, schloss seine herrliche Seite über die Heiligkeit der ehelichen Liebe mit dem doppelten Rat: »Bewahret, o Gatten, eine zärtliche, beständige und herzliche Liebe zu euren Frauen! Und ihr, Gattinnen, liebt zärtlich und herzlich, aber mit einer Liebe voll Ehrfurcht und Ergebenheit die Gatten, die euch Gott gegeben hat.« 

Herzlichkeit und Zärtlichkeit von der einen wie von der andern Seite! »Liebe und Treue«, bemerkt Franz von Sales, »erzeugen immer Heimischkeit und Vertrauen. Darum pflegten die Heiligen in ihrer Ehe recht viele Liebeserweise zu geben, wirkliche Erweise voll Zutraulichkeit, aber auch keusch, zart und aufrichtig.« Und er weist hin auf das Beispiel des großen heiligen Königs Ludwig, der gegen sich selber ebenso streng, wie voll zärtlicher Liebe gegen seine Gemahlin war. Er wusste seinen tapfern Kriegsgeist auch gefügig zu machen für die kleinen, der Erhaltung der ehelichen Liebe notwendigen Obliegenheiten, jene »kleinen Bezeugungen reiner und offenherziger Freundschaft», welche das Herz dem Herzen so nahe bringen und das Zusammenleben zweier Menschen so lieb gestalten.

Was kann mehr und besser als die wahre christliche Liebe die kleinen wachen Aufmerksamkeiten, diese feinfühligen Liebeszeichen eingeben und lenken, die christliche Liebe, die so ergeben, demütig, geduldig ist, die die Natur überwindet und beherrscht, die sich selbst vergisst und immer und in jedem Augenblick auf das Wohl und die Freude der andern bedacht ist? Was kann besser als die christliche Liebe diese Aufmerksamkeiten und Liebeszeichen auch zugleich ungezwungen aufrichtig, maßvoll erhalten, sodass sie nie lästig sind, sondern immer wieder froh und dankbar aufgenommen werden? Was könnte besser als die Gnade, die Quelle und Seele dieser christlichen Liebe, euch lehren und führen, dass ihr fast instinktiv den rechten Ort und die rechte Stunde herausfühlt für solch menschlich-göttliche Zärtlichkeit!

Aber der Heilige drang noch tiefer in die Geheimnisse des Menschenherzens ein. Zur Herzlichkeit und gegenseitigen Zuneigung fügte er noch, wenn er zu Männern sprach, die Beständigkeit, wenn er zu Frauen sprach, die Achtung und Ergebenheit hinzu. Fürchtete er hauptsächlich Unbeständigkeit von der einen und Unbotmäßigkeit von der andern Seite? Oder wollte er uns nicht viel eher zu verstehen geben, dass beim Mann die Kraft, die er hat als das Haupt der Frau, nie losgelöst werden darf von der zärtlichen Liebe gegen jene, die als die schwächere sich auf ihn stützt? Ja, darum empfiehlt er den Männern, doch recht nachsichtig zu sein, voll trauten, liebevollen Mitfühlens für ihre Frauen, und diese wiederum erinnert er daran, wie ihre Liebe umkleidet sein soll von Ehrfurcht gegen den Mann, den Gott ihnen als Haupt gegeben hat.

So soll denn die zärtliche Herzlichkeit unter den Gatten gegenseitig ausgetauscht werden und beiden, Mann und Frau, eigen sein. Trotzdem begreift ihr wohl, dass sie zwei Blumen von verschiedenartiger Schönheit sind, weil sie ja beim Mann und bei der Frau aus einer verschiedenen Wurzel sprießen. Beim Mann muss eine volle und unverletzliche Treue ihre Wurzel sein; eine Treue, welche sich nicht den geringsten Makel erlaubt, den man an der eigenen Gefährtin nicht dulden würde; eine Treue, die sich für das Haupt ziemt, die das offene Beispiel gibt für das, was sittliche Würde und männlich-mutiger Freimut heißt, die kein Abweichen und Abbiegen von der Pflichterfüllung kennt. Bei der Frau muss diese Wurzel sein eine weise und kluge und wachsame Zurückhaltung, eine Zurückhaltung, die sogar den Schatten und Schein alles dessen sorglich von sich fernhält, was den Glanz eines makellosen Rufes verdunkeln oder ihm auf irgendeine Weise zur Gefahr werden könnte.

Diesen zwei Wurzeln entsprosst auch das gegenseitige Vertrauen, das da ist der Ölzweig ständigen Friedens im Eheleben und im Blühen seiner Liebe. Oder ist es vielleicht nicht wahr, dass ohne Vertrauen die Liebe schwindet, sich abkühlt, gefriert, erlischt, sich zersetzt, die Herzen zerbricht, quält und mordet? »Darum«, so bemerkt der heilige Bischof, »wenn ich euch ermahne in der gegenseitigen Liebe, die ihr einander schuldet, immer zu wachsen, gebt wohl acht, dass sie sich nicht in eine Art Eifersucht wandle; denn wie der Wurm gerade die besten und reifen Äpfel sich aussucht, so kommt es nicht selten vor, dass die Eifersucht gerade aus der glühendsten und eifrigsten Liebe hervor wächst. Doch verdirbt und zerstört sie dann ihr Wesen, indem sie nach und nach Zwietracht, Zank, ja Scheidung erzeugt. Nein, die Eifersucht, dieses Zeichen eines schwachen Herzens, gedeiht nicht, wo eine Liebe brennt, die den Kern wahrer Tugend in sich reifen lässt und behütet. »Denn«, so fügt der Heilige bei, »die vollkommene Freundschaft setzt Gewissheit voraus über das, was man liebt, während die Eifersucht seine Unzuverlässigkeit voraussetzt.« Ist nicht das der Grund dafür, dass die Eifersucht, weit entfernt davon, ein Zeichen der Tiefe und wahren Kraft einer Liebe zu sein, gerade ihre unvollkommenen und niedrigen Seiten offenbart? Steigt sie doch zu Verdächtigungen herab, welche die Unschuld tief kränken und ihr blutige Tränen auspressen. Ist die Eifersucht nicht meistens ein verkappter Egoismus, der die Liebe verfälscht? Ein Egoismus, der ganz bar ist jener Mitgift der christlichen Liebe, die der heilige Paulus an ihr so rühmte: weil sie eben auf sich selbst vergisst, alles glaubt, nichts Übles argwöhnt, sondern stets gütig und wohlwollend ist (1. Kor. 13, 4-7). Das macht aus der Liebe schon hienieden einen tiefen und unerschöpflichen Quellbrunn und den sichersten Schutzwall der vollkommenen ehelichen Verbundenheit, wie sie der heilige Bischof so schön beschrieben hat.

Ihn bitten wir, liebe Brautleute, er möge euer Fürsprecher sein bei Gott, dem Urheber aller Gnade und dem Ursprung jeder wahren Liebe, auf dass der Bund eurer Herzen, der zugleich übernatürlich und zärtlich ist, göttlich in seinem Ursprung und doch von einer innigen und herzlichen Menschlichkeit in seinen edlen Äußerungen, dass dieser Bund sich froh und ruhig erhalte und stets behütet bleibe zwischen euch! Und nicht bloß das: Er möge auch bewirken, dass eure gegenseitige Liebe immer mehr wachse, je weiter ihr im Leben fortschreitet, je inniger ihr euch kennenlernt, dass sie zunehme an Kraft und Festigkeit, indem sie sich ausdehnt auf eure Kinder; sie sollen eurer Liebe Krone sein, die Stütze eurer Sorgen, der Segen Gottes! ... (Segen).

Gemeinsames Beten 12. Februar 1941

Es ist für Unser Herz eine große und eine tröstliche Hoffnung, euch, liebe Brautleute, so um Uns versammelt zu sehen; denn es erscheint Unserem Auge wie ein Zusammenkommen werdender christlicher Familien, auf die der Herr seine Gnadenströme ausgießen möchte. Diese habt ihr ja an den Stufen des Altares, vor dem Priester, der eure Ehe einsegnete, auf euch herabgerufen. Euer Flehen, das sich so mit dem des Stellvertreters Gottes vereinigte, war Gebet; mit Gebet seid ihr in euer neues, gemeinsames Leben eingetreten. Werdet ihr wohl fortfahren, zu beten, den Vater im Himmel anzurufen, die Quelle jeder Vaterschaft in der natürlichen, wie in der Gnadenordnung? Ja! - Zeichen eures Versprechens ist diese eure Bitte um Unsern Vatersegen für euer neues Heim, der euer und des Priesters Gebet bekräftigen und ihm Wert verleihen soll für euern ganzen Lebensweg.

Wir haben in Unserer letzten Ansprache an die Brautleute, die wie ihr, liebe Söhne und Töchter, hergekommen waren, Unsern Segen zu erbitten, kurz die »Ermahnungen des heiligen Franz von Sales an die Eheleute« erklärt. Der Heilige malt dort auch ein bezauberndes Bild vom Gebete der Ehegatten, und dieses möchten wir euch vorlegen. Er schreibt:

»Die größte und fruchtbarste Vereinigung des Mannes und der Frau vollzieht sich in der heiligen Andacht, zu welcher sie einander um die Wette aneifern sollten. - Es gibt Früchte, z. B. die Quitten, welche ihres sauren Saftes wegen nur gut schmecken, wenn sie eingezuckert werden. Es gibt auch andere, welche, ihrer Zartheit und Weichheit wegen, sich nicht halten, wenn man sie nicht ebenfalls einmacht, so die Kirschen und Aprikosen. Also sollen auch die Frauen wünschen, dass ihre Männer ganz mit dem Zucker der Frömmigkeit gewürzt seien; denn ein Mann ohne Frömmigkeit ist ein hartes, raues und grobes Wesen. Auf gleiche Weise müssen die Männer wünschen, dass ihre Frauen fromm seien; denn ohne die Frömmigkeit ist die Frau gar sehr gebrechlich und stets geneigt, in der Tugend abzunehmen und schwach zu werden.« (Philofhea, 3. Teil, 38. Kap. )

Eine große Tugend und die Schutzwehr aller andern Tugenden ist die Frömmigkeit. Ihr schönster und natürlichster Ausdruck ist das Gebet. Das Gebet ist für den Menschen, der ja aus Seele und Leib besteht, die tägliche Nahrung der Seele, wie das irdische Brot die tägliche Nahrung des Leibes ist. Und weil Einheit uns stark macht, so hat auch das gemeinsame Gebet größere Macht über Gottes Herz. Daher hat unser Herr jedes gemeinsame Gebet ganz besonders gesegnet, da er zu seinen Jüngern sprach: »Weiter sage ich euch: Wenn zwei von euch auf Erden um irgend etwas einmütig bitten, so wird es ihnen von meinem himmlischen Vater zuteil werden. Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.« (Mt. 18, 19-20).

Welche Seelen aber werden echter und vollkommener im Namen Christi sich zum Gebet vereinigen können als jene, die das heilige Ehesakrament zum lebendigen und ewigen Abbild gemacht hat der geheimnisvollen Vereinigung Christi mit seiner geliebten Braut, der Kirche, die auf Kalvaria aus seiner geöffneten Seite geboren wurde? Ja, eine große und fruchtbare Einheit ist es, liebe Brautleute, die euch nebeneinander vor Gott hinknien lässt. Er hat euch einander gegeben, damit ihr ihn um Schutz und Wachstum und Segen für euern Lebensbund bittet. Schon jeder Christ, der für sich die stille Sammlung im Gebet liebt, ist doch verpflichtet, auch dem gemeinsamen Gebet in seinem Leben einen Platz einzuräumen. So soll der einzelne daran erinnert werden, dass alle Brüder in Christus sind und gehalten, ihre Seelen zu retten, nicht jeder für sich allein, sondern mit gegenseitiger Hilfe; wie viel mehr aber gilt das dann von eurem Gebet! Es darf euch nicht trennen wie Klausner; es darf euch nicht in einsamer Betrachtung abschließen, so, dass es euch hinderte, euch öfter vor Gott und seinem Altar gemeinsam einzufinden! Und wo könnten denn eure Herzen, euer Denken und euer Wollen tiefer, stärker und fester sich verknüpfen und in eins verschmelzen, als in jenen Gebeten zu zweit, wo die gleiche göttliche Gnade auf beide herabsteigt, um alle eure Gedanken, all euer Fühlen und Sehnen gleich zu stimmen? Welch feines Schauspiel ist im Angesichte der Engel so ein Gebet zweier Gatten, die den Blick zum Himmel erheben, um Gottes Auge und seine schützende Hand auf sich und auf ihre Hoffnungen herabzurufen!

Wenige Szenen der Heiligen Schrift kommen dem ergreifenden Gebet des Tobias und seiner jungen Gattin Sara gleich: Im klaren Wissen um die Gefahr, die ihr Glück bedrohte, setzten sie ihre ganze Zuversicht auf das Gebet, worin sie sich vor Gott über alle Niedrigkeiten des Fleisches erheben. Sie fassen Mut im Gedanken, dass es ihnen, als Nachkommen von Heiligen, nicht zieme, sich »nach Art der Heiden, die Gott nicht kennen«, zu vereinigen (Tob. 8, 4-5).

Auch ihr kennt, wie Tobias und Sara, den Gott, der stets von neuem die Sonne, wenn auch hin und wieder verschleiert, über eurem Morgen aufgehen lässt. Mag euer Tagewerk auch voll, übervoll sein von Arbeit und Mühen, so sollt ihr doch wenigstens einen Augenblick finden, wo ihr zusammen niederkniet und so den Tag beginnt, wo ihr eure Herzen zum himmlischen Vater erhebt und bittet um seine Hilfe und seinen Segen. Wenn am Morgen die tägliche Arbeit euch gebieterisch ruft und bis zum Mittag, ja vielleicht bis zum Abend euch trennt, wenn ihr nach einem eilig verzehrten Frühstück einen kurzen Blick und einige Worte wechselt vor dem Auseinandergehen, dann vergesst nie, gemeinsam noch etwas zu beten, sei es auch nur ein einfaches »Vater unser« oder »Gegrüßt seist du, Maria«, um so dem Himmel zu danken für das Brot, das er euch geschenkt hat.

Die lange, vielleicht harte Tagesmühe hält euch voneinander fern, aber nah oder fern, immer seid ihr unter den Augen Gottes. Werden da nicht eure Herzen sich erheben, sich gemeinsam zu ihm aufschwingen, zu ihm, in welchem ihr vereint bleibt, zu ihm, der über euch und eurem Glück wacht?

Und wenn dann der Abend hernieder sinkt und ihr schließlich nach beendigtem hartem Tagewerk zwischen euren heimeligen vier Wänden euch zusammenfindet, voller Freude, einander ein wenig besitzen und die Tageserfahrungen austauschen zu dürfen, dann gebt in diesen süßen und kostbaren Augenblicken vertrauter Liebe und Ruhe auch Gott den gebührenden Platz. Fürchtet nicht: Gott wird euer vertrauliches Zwiegespräch nicht stören; im Gegenteil: er, der euch ja schon immer zugehört und in seinem Herzen diese Augenblicke bereitet und geschenkt hat, er wird sie euch unter seinen Vateraugen noch süßer und tröstlicher empfinden lassen.

Im Namen unseres Herrn bitten Wir euch, liebe Brautpaare, macht es euch zur Herzenssache, jene schöne christliche Familientradition, das gemeinsame Abendgebet, zu hüten, den Segen Gottes herabzuflehen und die unbefleckte Jungfrau im Rosenkranzgebet zu ehren und zu loben. Das gemeinsame Abendgebet soll am Ende eines jeden Tages alle versammeln, die unter dem gleichen Dache einschlafen werden: euch beide und später auch die Kleinen, die euch die Vorsehung anvertrauen wird, sobald sie von euch gelernt haben, die Händchen zu falten - weiter eure Dienstboten und Angestellten, wenn der Herr euch solche zur Seite gestellt, dass sie euch in den Hausarbeiten behilflich seien; auch sie sind eure Brüder in Christus und haben Gott nötig. Vielleicht lassen die harten und unerbittlichen Anforderungen des modernen Lebens euch nicht mehr die Muße, diese Zeit eines frommen Lobens und Dankens länger auszudehnen; vielleicht lassen sie euch nicht mehr die Muße, auch noch - wie unsere Väter so gerne taten - in einem kurzen Heiligenleben zu lesen, vom Tagesheiligen beispielsweise, den uns die Kirche jeweils als Vorbild und als besondern Beschützer vor Augen stellt. Opfert aber doch nicht vollständig diesen Augenblick - wie kurz er auch sei - den ihr gemeinsam Gott weiht, um ihn zu loben, eure Wünsche vor ihn hinzutragen, eure Nöte, eure Mühen, eure Sorgen von heute und morgen.

Durch solche Übung der christlichen Frömmigkeit wird das Haus nicht in eine Kirche oder Kapelle verwandelt, aber es geht von dieser Andacht eine heilige Stoßkraft aus, weil hier Seelen sich offenbaren, die in sich die Stärke und die Lebendigkeit des Glaubens spüren.

Auch im alten heidnischen Rom hatte das Heim der Familie eine Nische und einen Altar, die den Hausgöttern geweiht waren. Besonders an den Festtagen waren sie geschmückt mit Blumenkränzen, und man verrichtete dort Gebete und brachte Opfer dar (vgl. Plauti Aulularia, Prof. v. 13-26; Cotonis de Agricoltura, c. 143 n. 2). Das war freilich ein vom Götzentum befleckter Kult, aber wie viele, viele Christen müssten bei der Erinnerung daran erröten: Sie tragen das Zeichen der Taufe auf der Stirne, finden aber in ihren Stuben keinen Platz, um das Bild des wahren Gottes anzubringen, und in den 24 Stunden des Tages keine Zeit, um ihm im Kreise der Familie die Ehre zu geben.

Liebe Söhne und Töchter, in euren Herzen brennt die christliche Glut, entfacht von den Gnaden des heiligen Ehesakramentes. So soll denn der Mittelpunkt, von dem euer ganzer Lebensweg ausgeht, das Kreuz sein oder das Bildnis des heiligsten Herzens Jesu; dieses soll herrschen über eurem Heim; es soll euch jeden Abend zu sich rufen; in ihm werdet ihr eine Stütze in eurem Hoffen und Trost in eurem Kummer finden; denn auch der schönste Tag des menschlichen Lebens vergeht nie ganz heiter und wolkenlos.

Aber um euch noch mehr zu vereinen im heiligen Wettstreit der Gottinnigkeit, wollen Wir euch noch einen höhern Weg zeigen, den Weg, der euch aus eurem Heim hinausführt in jenes Haus, das das eigentliche Vaterhaus ist: in eure liebe Pfarrkirche. Dort ist die Quelle der Segnungen des Himmels; dort wartet auf euch jener Gott, der euren Bund geheiligt hat, der euch schon so viele, viele Gnaden geschenkt hat; dort ist der Altar, um den die Festtagsmesse das christliche Volk versammelt, und dahin ruft euch die Kirche, Christi Braut, in feierlicher Einladung. Ihr werdet immer, wenn es möglich ist, gemeinsam daran teilnehmen. Und es wird ein Bild der Erbauung sein jedes Mal - O möge es oft, sehr oft geschehen! - wenn ihr, vereint in der Andacht und also tiefer vereint als je, zum heiligen Tische hintretet, um den Leib unseres Herrn zu empfangen.

Dieser heiligste Leib ist ja das mächtigste Band der Einheit unter allen Christen, die sich von ihm nähren und als Glieder Christi leben von seinem Leben. Dieses Leben erst wird in euch die Verschmelzung eurer Seelen göttlich vollenden in der Tiefe des Geistes. - Und wie werdet ihr jubeln in unvergleichlicher Freude, wenn ihr einmal zwischen euch zweien einem strahlenäugigen Engelsköpfchen Platz machen dürft, das an eurer Seite sich emporreckt, die schneeweiße Hostie auf die unschuldigen Lippen zu empfangen, die schneeweiße Hostie, worin es gläubig seinen lieben Heiland gegenwärtig weiß; denn so habt ihr es ja gelehrt. Und eure Freude wird wachsen und sich vervielfachen von Mal zu Mal, wenn wieder eines eurer Kleinen in der heiligen Taufe wiedergeboren wird und wenn sein Herzchen wächst und sich bereitet, mit euch an diesem göttlichen Mahle teilzunehmen.

Doch, ohne Zweifel, werden es euch des Lebens Wechselfälle und Notwendigkeiten nicht immer ermöglichen, gemeinsam vor dem heiligen Altar zu knien. Mehr denn einmal werdet ihr genötigt sein, diese religiösen Übungen jedes für sich allein zu erfüllen; vielleicht wird euch die Berufspflicht oder, heute vor allem, der Krieg und seine Forderungen langes Fernsein voneinander auferlegen. Doch welch besseres Stelldichein können sich gerade dann eure von der Trennung gequälten Herzen geben, als in der heiligen Kommunion, wo Jesus selbst sie über alle Entfernungen hinweg in dem seinigen vereinigt!

Als junge Ehegatten schaut ihr nun vom Altar und von der Einsegnung eurer heiligen Ehe aus in die Zukunft und erträumt euch leuchtende und rosige Morgenhelle vieler Jahre. - Der heilige Franz von Sales schließt seine Ermahnungen an die Eheleute mit der Aufforderung, den Jahrestag der Hochzeit mit einer gemeinsam empfangenen heiligen Kommunion zu begehen. Dies ist ein so schöner Rat, dass Wir Uns nicht enthalten können, ihn zu wiederholen und auch euch zu empfehlen. Wenn ihr zurückkehrt zu den Stufen des Altares, wo ihr einst einander euer Versprechen ausgetauscht habt, werdet ihr euch selbst wieder finden, werdet ihr von neuem den Eingang finden in eure Herzen! Und mit den Gnaden dieser Vereinigung in Christus werdet ihr Dauer und unerschütterliche Stärke sichern jenem gefühlten und gewollten gegenseitigen Vertrauen, jener tiefinnern und sturmfesten Liebe, jenem vorbehaltlosen gegenseitigen Sich-Schenken, das die Treue der ersten Tage eures Lebens zu zweit in eurem Geist und eurem Herzen so strahlend und hell macht. Und unser Herr will, dass das gleiche Vertrauen, die gleiche Liebe und Hingabe auch fürderhin Quell und Stütze eurer Treue sei, solange eure Pilgerreise hienieden währt. ... (Segen).

Spender des Ehesakramentes Mitarbeiter in Gottes Schöpfungsplan 5. März 1941

Das heilige Versprechen, das ihr, liebe Brautleute, an den Stufen des Altares vor dem Priester einander gegeben habt, hat eure innige Freude gekrönt und eure Herzen und eure Lebenswege in eins verschmolzen. Auf dieses Versprechen hat Gottes Stellvertreter dadurch geantwortet, dass er die Fülle der himmlischen Segens auf euch herabrief: auf euch selber, auf das unlösliche Band eurer Ehe, auf euer neues Heim, das eines Tages Kinder »gleich den Schösslingen des Ölbaumes« um den Tisch in Freude füllen sollen. In jenem Augenblick habt ihr es verspürt, wie eure Herzen zusammenschlugen, wie eure Seelen und eure Willen in eins verwuchsen, wie sich eure Glücksträume erfüllten; ihr habt es verspürt, wie der Himmel eurer Zukunft sich aufhellte im Lichtglanz der heiligen Kirche, damals, als ihr dastandet inmitten eurer Verwandten, inmitten des christlichen Volkes, das eure Namen nunmehr für immer miteinander verknüpft sieht.

In euren Herzen jedoch verbarg sich, eingeflößt vom Geiste des Glaubens, auch noch ein anderes zartes Fühlen, das gleiche, das euch zu ergebenen Kindern der Kirche macht. Das hat in euch die kindliche Ehrfurcht erweckt, mit der ihr nun hergekommen seid, um vom Stellvertreter Christi, vom gemeinsamen Vater aller Gläubigen, einen besondern Apostolischen Segen zu erbitten. Dieser Segen soll dann Bürge eurer Einigkeit und Freude sein; er soll eure Vorsätze bestärken und gleichsam besiegeln und soll kraft der Binde- und Lösegewalt, die dem heiligen Petrus verliehen ward, auch euern Bund noch fester und inniger machen.

Und doch, so fruchtbar an göttlichen Gnaden der Segen des Priesters und des Stellvertreters Christi sein mögen, nicht sie bilden den Hauptquell der Gnadengeschenke Gottes, die euch auf eurem Lebenswege führen und aufrichten sollen. Hoch über jeden Segen, der da im Namen des Herrn erteilt wird, erhebt sich das Sakrament, das ihr empfangen habt; denn in ihm hat Gott unmittelbar auf eure Seelen eingewirkt und sie geheiligt und gefestigt für die neuen Aufgaben, die euer harren.

Oder wisst ihr nicht, dass in jedem Sakrament der Spender nur ein Werkzeug ist in Gottes Hand? Gewiss, auch der Mensch ist tätig. Er vollzieht eine sinnbildliche Zeremonie; er spricht Worte aus, welche die dem Sakrament eigene Gnade bezeichnen. Der aber diese Gnade verleiht, ist Gott allein. Er bedient sich dabei allerdings des Menschen, der in seinem Namen und als sein Stellvertreter handelt. Der Mensch gleicht dem Pinsel, dessen sich der Maler bedient, wenn er das Bild, das sein künstlerischer Geist schaut, in Linien und Farben auf die Leinwand malen will. Daher kommt es denn, dass Gott die Hauptursache ist, die durch eigene Kraft wirkt, indes der Diener oder Stellvertreter nur werkzeugliche Ursache ist und in der Kraft Gottes wirkt. Darum gleicht sich denn die Gnadenwirkung, die das Sakrament verursacht und die uns der göttlichen Natur teilhaftig macht, der göttlichen Ursache an und nicht dem Stellvertreter (Thomas, S. theol. P. III. qu. 62, art. 1). Und ebenso kann auch die geistige Wirkkraft des Sakramentes nicht vom Stellvertreter geschmälert werden. Sie ist wie das Sonnenlicht, das die Dinge, auf die es scheint, rein in sich aufnimmt (vgl. Augustinus, In loanni, Evang. Iract. V, n. 15 - Migne PL. t. 35, col. 1422).

Wer ist aber nun in dem großen Sakrament der Ehe das Werkzeug Gottes gewesen, das in euren Seelen die Gnade hervorgebracht hat? War es etwa der Priester, der euch eingesegnet und euch zur Ehe verbunden hat? Nein! Wohl gebietet - abgesehen von einigen bestimmten Ausnahmefällen (vgl. CIC. can. 1099) - die Kirche den Brautleuten, das Eheband vor dem Priester zu knüpfen und vor ihm die gegenseitigen Verpflichtungen einzugehen und auszutauschen, um sie so gültig und zum Träger der sakramentalen Gnade zu machen. Der Priester vertritt dabei die Kirche als befugter Zeuge und vollzieht die heiligen Zeremonien, die den Ehevertrag begleiten. Jedoch Spender des Sakramentes seid, der Anordnung Gottes gemäß, ihr selber in Gegenwart des Priesters. Euer hat Gott sich bedient, um euch in unlösbarer Gemeinschaft aneinander zu binden und in euren Seelen die Gnaden auszugießen, die euch standhaft und treu euren neuen Pflichten gegenüber machen sollen.

Ja, Gott hat euch zu großer Ehre und Würde erhoben! Und scheint es nicht, als wolle der Herr euch gleich vom ersten Schritte an, den ihr, gestärkt mit dem priesterlichen Segen, vom heiligen Altare weg tut, zu seinen neuen und bleibenden Mitarbeitern machen, in jenem Dienst, zu dem er euch den Weg eröffnet und geheiligt hat?

Im Sakrament der Ehe war es eine äußere Handlung, die auf euch die göttliche Gnade herabgezogen hat: die gegenseitige Hingabe und Hinnahme der Personen und die in Worten kundgegebene Einwilligung. - In eurem ehelichen Leben werdet ihr Werkzeuge des göttlichen Künstlers sein, wenn er den stofflichen Leib eurer Kinder formt. Ihr werdet in das Fleisch von eurem Fleische eine geistige und unsterbliche Seele herabrufen. Auf eure Bitte hin wird Gott sie erschaffen, er, der auf das Zeichen des Sakramentes hin getreulich die Gnade bewirkt hat. Und wenn dann euer Erstgeborner das Licht der Welt erblickt, dann wird die neue Mutter der Stammmutter des Menschengeschlechtes das Wort nachsprechen: »Durch Gottes Geschenk erhielt ich einen Menschen zu eigen« (Gen. 4, 1). Gott allein kann Seelen erschaffen; Gott allein kann die Gnade hervorbringen. Aber er wird sich herablassen und eure Hilfe in Anspruch nehmen, wenn er die Seelen aus dem Nichts hervorbringt, so wie er sich auch euer bedient hat, um euch die Gnade zu schenken.

Bei der einen wie bei der andern Mitarbeit wartet Gott auf euer Jawort, um seine schöpferische Allmacht zu gebrauchen. Er, der seine Kraft zu bändigen weiß und uns mit Milde und mit großer Nachsicht regiert (Weish. 12, 18), will euch nicht als starre oder vernunftlose Werkzeuge behandeln, als glimet ihr nur dem Pinsel in der Hand des Malers. Sein Wille ist es, dass ihr frei die Tat setzt, auf die er wartet, um sein schöpferisches und heiligendes Werk zu vollführen.

So steht ihr denn, liebe Söhne und Töchter, vor dem Schöpfer, dazu ausersehen, seine Wege zu bereiten. Aber ihr steht da in Freiheit und innerer Verantwortlichkeit. Hängt es doch auch von euch ab, ob jene »einfachen Seelen, die nichts noch wissen« (»quelle anime semplicette, che nulla sanno«, vgl. Dant., Purg. XVI, v. 87) über die Schwelle des Lebens treten werden. So gern möchte Gott sie aus dem Nichts rufen und mit unendlicher Liebe sie umfangen, damit sie eines Tages als Auserwählte ihn selbst besitzen sollen in der ewigen Seligkeit des Himmels. Von euch hängt es aber ab, ob diese Seelen nur herrliche Bilder in Gottes Gedanken bleiben, sie, die leuchtende Strahlen hätten sein können jener Sonne, die jeden Erdgeborenen erleuchtet. So aber werden sie nur Lichter bleiben, die menschliche Feigheit und Ichsucht ausgelöscht haben.

Habt ihr euch nicht frei als Gottes Helfer im Sakrament miteinander verbunden, um von ihm in heiliger Freiheit und getreu dem unsern Stammeltern gegebenen Befehl die Seelen zu erbitten, die Gott euch anvertrauen möchte? Nur euer freies Wollen allein war imstande, euch vor dem Altare mit dem Band der Ehe zusammenzuschließen. Kein fremder Wille konnte den euren ersetzen. Andere Sakramente - nämlich die unbedingt notwendigen können durch die Macht der göttlichen Barmherzigkeit ersetzt werden, wenn der Spender fehlen sollte. Diese Barmherzigkeit schreitet dann auch über die äußern Zeichen hinweg und trägt auch ohne sie die Gnade in die Herzen hinein. Dem Verlangen und der Liebe des Katechumenen, dem niemand das Wasser über das Haupt gießt, dem Verlangen und der Liebe des Sünders, der keinen Priester findet, der ihn von seinen Sünden lossprechen kann, gewährt Gott in seiner Güte doch die Gnade, die sie zu seinen Freunden und Kindern macht, auch ohne die wirkliche Taufe und Beichte. Aber im Sakrament der Ehe gibt es keinen Ersatz für den Spender, wie es auch keinen Ersatz für die Personen gibt. Hier behauptet des Menschen größte Gabe unbestritten den ersten Platz: die Freiheit des Wollens. Und damit auch eine erschreckende Verantwortung, die dem vernünftigen Menschen auferlegt wurde. Erschreckend, weil sie ihn zum Herrn macht über sich selbst und über das Leben, sein eigenes und das anderer, über das Leben, das der Ewigkeit zustrebt und dessen Lauf er bei andern in Auflehnung gegen Gott aufhalten kann.

In den unvernünftigen Lebewesen sichert ein blinder Instinkt die Weitergabe des Lebens. Im Menschengeschlechte dagegen, das in Adam fiel, im Sohne Gottes aber, dem fleischgewordenen Worte, erlöst und geheiligt wurde, können kalte und boshafte Berechnungen einer genießerischen und entarteten Ichsucht es fertig bringen, die Blüte eines körperlichen Lebens, das sich nach Entfaltung sehnte, abzubrechen. Und ein solches Verbrechen hindert den Arm des Allmächtigen, das Lächeln unschuldiger Seelen ins Dasein zu rufen, die jene Körper belebt und jene Glieder zu Werkzeugen des Geistes und der Gnade erhoben hätten, bis ihnen eines Tages der Preis ihres Strebens und der Anteil an der ewigen Freude und Herrlichkeit der Heiligen geworden wäre.

Ihr habt, liebe Brautleute, das Sakrament vollzogen und wollt nun, seinem unverletzlichen Ziele gemäß, den Geschenken der göttlichen Allmacht eine Wiege bereiten. Freilich lässt die göttliche Vorsehung es manchmal zu, dass eure brennenden Wünsche und euer Beten unerhört bleiben, dass die Wiege, die ihr mit viel Liebe bereitgestellt habt, leer bleibt. Und mehr denn einmal werdet ihr gewiss auch sehen, wie die Gnade hochherzigen Seelen eingibt, auf die Freuden einer Familie zu verzichten. Denn sie sollen Mütter werden, aber Mütter mit einem weiteren Herzen, Mütter von einer übernatürlichen Fruchtbarkeit.

Euch jedoch ist in der schönen und heiligen Gemeinschaft der christlichen Ehe die Möglichkeit gegeben, die Lebenskräfte weiterzureichen, nicht nur in der natürlichen Ordnung, sondern auch in der geistigen und übernatürlichen. Zugleich ist euch aber auch die schreckliche Macht gegeben, dem Lauf des Lebens Einhalt zu tun. Diese Macht, das Leben weiterzuleiten, gibt euch eine neue Würde, unterstellt euch aber auch in ihrem Gebrauch dem göttlichen Gesetz. Da darf es euch nicht wundernehmen, wenn dieses Gesetz sehr streng ist gegenüber denjenigen, die in verabscheuungswürdiger Schuldbarkeit diese Macht von ihrem hohen und wahren Ziel abbiegen. Ja, »sie sollen sich nur fürchten!« (vgl. Gen. 38, 10).

Ihr aber, als aufrechte Christen, die Gott gehorchen, fürchtet euch nicht! Ihr habt ein für allemal das enge Zusammenarbeiten zwischen Mensch und Gott bei der Weitergabe des Lebens erfasst. Euch hat der Glaube den Verstand erleuchtet, und ihr könnt es gar nicht begreifen, dass Gott es dem Menschen gestatten sollte, die Bestimmungen seiner Vorsehung und seiner Herrschaft ungestraft zu verletzen, Bestimmungen, die Gott seit dem ersten Tage, da Mann und Frau auf Erden erschienen sind, tief im Eheband verankert hat. Und Christus hat dieses Band zu einem großen Sakramente erhoben. Mit seiner Hilfe will Gott Seelen in das Leben hienieden berufen, Seelen, die er dazu bestimmt hat, sich in Kampf und Sieg über das Böse zu heiligen und ihn dereinst in seliger Ewigkeit zu schauen, zu lieben und zu loben.

Ja, erhebt euren Blick zum Himmel, liebe Brautleute! Im Sakrament der Ehe, das ihr euch gespendet, wies und gab euch der Herr den Weg, um in diesen Himmel hineinzukommen. Möge er euch lehren, stets besser die Macht zu amten und zu verstehen, die da von ihm kommt! Möge er euch zu getreuen Werkzeugen seiner Vorsehung machen für die erhabene Aufgabe, die euch im Schöpfungswerk der allerheiligsten Dreifaltigkeit selbst anvertraut wurde! ... (Segen).

Vaterschaft 19. März 1941

Der Glaube an Christus und seine Braut, die Kirche, hat euch, liebe Brautleute, geleitet und zu Uns hergeführt als zu eurem gemeinsamen Vater, dem Vater aller Gläubigen. Ihr bittet Uns, vor Gott und dem christlichen Volke, in Christi Namen euren heiligen Bund zu segnen und ihn durch Unser Gebet neu zu bestärken und zu bestätigen. Und segnen sollen Wir auch euer Hoffen, dass euer Bund erblühe und sich ausweite in einer zahlreichen Kinderschar. Denn ist auch das Glück schon groß, das euch der Herr erleben lässt im Einssein eurer Seelen, ohne Kinder würde doch diesem Glück die eigentliche Krone der Freude fehlen.

Euer Glaube geht nicht irre, wenn ihr im Papste vor allem den Vater seht. Doch wie groß auch diese geistliche und weltumfassende Vaterschaft sein mag, sie ist doch nur ein ferner Widerschein der höchsten, überirdischen, unendlichen Vaterschaft Gottes, jenes Geheimnisses, das der heilige Völkerlehrer Paulus anbetete, da er seine Knie beugte vor dem Vater unseres Herrn Jesus Christus: »Darum beuge im meine Knie vor dem Vater unseres Herrn Jesus Christus, von dem jede Vaterschaft im Himmel und auf Erden ihren Namen hat« (Eph. 3, 14-15).

Es ist das erhabene Geheimnis der Vaterschaft, das vom Himmel her, aus den Abgründen der Ewigkeit in unzugänglichem, göttlichem Lichte erstrahlt. Dort, im undurchdringlichen und unfassbaren Geheimnis der glückseligen Dreifaltigkeit, teilt sich alles Sein, alles Leben, alle die unendliche Vollkommenheit des Vaters, dem Sohne mit, um sich wieder zu ergießen in ihre gemeinsame unendliche Liebe, und diese Liebe ist der Heilige Geist. - Ewige Vaterschaft, die die ewige Weisheit zeugt und mit ihr sich ausgießt in die ewige Liebe! Vollendete, unendliche, unaussprechliche Vaterschaft! Der Sohn, den sie hervorbringt, ist nicht bloß ähnlich, sondern gleich dem Vater und eins mit ihm in der Gleichheit der ungeteilten Natur; nur als Person unterscheidet er sich vom Vater, als Person, die den Vater erkennt und in grenzenloser Liebe ihn umfasst. Vaterschaft der Ewigkeiten, nicht vorübergehende, zeitliche Vaterschaft, wo die Frucht sich abtrennt und ein eigenes Leben lebt, sondern Vaterschaft, die ein Zeugen ist, das nie aufhört, das alle Zeiten beherrscht und überragt, das immer da und immer lebendig ist im endlosen Jetzt der Ewigkeit. Seit dem Uranfang ist sie da, seit die Welt ihren Lauf begann, hervorgegangen aus der unermesslichen Schöpfergüte. Und der Geist, der mit seinem göttlichen Lebenshauch über den Wassern der neugeborenen Schöpfung schwebte, er strahlt diese Vaterliebe aus über die Werke seiner allmächtigen Hände.

Ehre und Ruhm ist für Gott das Geheimnis der Vaterschaft; denn so rief der Herr aus durch den Mund des Isaias: »Ich, der den andern die Kraft des Zeugens gibt, im sollte unfruchtbar sein?« (Jes. 66,9). Und darum sprach er zu seinem Sohn, dem wesensgleichen in der Göttlichkeit und Ewigkeit: "Ich habe Dich gezeugt aus meinem Schoße vor dem Morgenstern« (Ps. 109, 3).

Was ist Vaterschaft anders als ein Mitteilen des Seins? Oder besser noch: geheimnisvolles Einstrahlen des Lebens in ein neues Sein?

Gott ist Vater des Weltalls: "Wir haben nur einen Gott, den Vater, aus dem alles ist.«! (1. Kor. 8, 6).

Gott ist Vater: er erschafft den Himmel, die Sonne, die Sterne, die da leuchten vor seinem Angesicht und seinen Ruhm künden. Gott ist Vater: er hat diese Erde gebaut und geformt; er hat Blumen und Wälder darauf gepflanzt, hat Fruchtbarkeit und Wachstum gegeben den Vögeln im luftigen Nest, den Fischen in unzugänglichen Schlupfwinkeln, den Korallen in unterseeischen Tiefen, den Lämmern in der Hürde und dem Vieh in den Herden, den wilden Tieren in den Höhlen, den brüllenden Löwen, die da flink und mit gewaltigem Sprung aus ihrem Versteck sich auf die Beute stürzen. Dieses ganze vielfältige und unermessliche Leben ist Kind der Liebe Gottes, geleitet, erhalten, umhüllt von seiner väterlichen Vorsehung in seinem ganzen Wachsen und Werden.

Aber die Vaterschaft erhebt sich noch viel höher. Vaterschaft heißt: mit dem Sein, mit dem vegetativen oder sinnlichen Leben auch das höhere Leben des Erkennens und Liebens mitteilen.

Kinder Gottes sind auch die Engel. Sie sind reine Geister, frei von der Last des Leibes, erhabene Abbilder der Dreifaltigkeit, die sie schauen und lieben. So nehmen sie in ganz eigener Weise teil an der göttlichen Vaterschaft. »Denn« so lehrt der heilige Thomas (vgl. Exposit. super Epist. ad Ephes., c. 3, lect. 4) - »indem der eine Engel den andern erleuchtet und vervollkommnet mit dem Licht des Verstandes, wird er dessen Vater, ähnlich wie der Lehrer Vater des Schülers wird, da er ihm neue Anregungen für das Leben des Geistes mitteilt.« 

Kind Gottes ist auch der Mensch, Abbild der heiligsten Dreifaltigkeit in seiner Erkenntnis- und Liebeskraft. Er ist mit dem Stofflichen verbundener Geist. Als solchen hat Gott ihn also um ein weniges unter die Engel gestellt. Aber Vater sein kann er in einem gewissen Sinne mehr als der Engel. Denn der Engel kann nur das lichthafte Tun seines eigenen Verstandes andern mitteilen, während der Mensch Gott seine Beihilfe leiht im Erschaffen und Eingießen ,des Verstandes selbst in dem Augenblick, da er das Gefäß des Geistes, den Körper seiner Kinder zeugt.

Denkt einmal zurück, liebe Brautleute, an den großen Tag der Erschaffung des Menschen und seiner Gefährtin. Es ist, wie wenn die göttliche Dreifaltigkeit vor dem großen Werk, den Geist mit dem Stoff zu vereinen, still bei sich überlegend sagte: »Lasst uns den Menschen nach unserem Bild und Gleichnis machen!« - Um den ersten Menschen, das erste menschliche Leben zu formen, nimmt Gott ein wenig Schlamm. Aber dann will er, dass jenes erste Leben sich ausbreite und vervielfache - und nun seht: nicht mehr aus dem reglosen Staub, sondern aus der lebendigen Seite des Mannes nimmt er das zweite Leben, das die Frau, die Gefährtin des Mannes, werden soll. Und er macht sie zu einem neuen Lichtstrahl des Erkennens und Liebens, zur Mithelferin Adams bei der Weitergabe des Lebens, sie, die selbst aus Adam gebildet und ihm ähnlich ist in ihrer ganzen künftigen Nachkommenschaft. - Und dann führt Gott Eva dem Adam zu, und er verkündet ihnen sein hohes Gebot, die Quelle des Lebens: »Wachset und mehret euch!« 

Scheint euch nicht, dass der Schöpfer mit diesen Worten seinen ureigensten, erhabenen Vorzug der Vaterschaft auf den Menschen übertrage, da er es von nun an ihm und seiner Gefährtin anheimstellt, im Menschengeschlecht in vollen Strömen die Wasser des Lebens, welche seiner eigenen Liehe entquellen, weiter fließen zu lassen!

Aber die unendliche Liebe eines Gottes, der die Liebe selbst ist, hat noch viel höhere und geheimnisvollere Wege, um sein Licht und sein Feuer auszugießen, wenn er als Vater ein Leben, ähnlich dem seinen, mitteilen will. Engel und Mensch sind Kinder Gottes, und sie geben das kund in dem Bild und der Ähnlichkeit, die sie in der natürlichen Ordnung, als Geschöpfe schlechthin, von ihm empfangen haben. Doch Gott besitzt noch eine höhere Vaterschaft; sie zeugt Adoptivsöhne, Kinder der Gnade, in einer Ordnung, die über der Menschen- und Engelsnatur steht. Durch diese Vaterschaft macht er diese Kinder teilhaft der göttlichen Natur selbst und beruft sie dazu, sein eigenes Glück mit ihm zu teilen in der Schau seiner Wesenheit. In jenem unzugänglichen Lichte enthüllt er den Kindern der Gnade sich seIbst und das innerste Geheimnis seiner Vaterschaft und zugleich den Sohn und den Heiligen Geist. In jenem erhabenen Lichte, da herrscht Gott, Schöpfer, Heiligmacher und Seligmacher. Da, in diesen seinen Tiefen, liebt er das letzte seiner vernunftbegabten Geschöpfe, den Menschen. Und er gebiert ihn, der hienieden durch die Urschuld des Stammvaters Adam geboren wird als Kind des Zornes (Eph. 2, 3), er zeugt ihn neu zu einem Kinde der Gnade durch die Wiedergeburt im Wasser und im Heiligen Geist; er macht ihn zum Bruder Christi, zu einem neuen Adam ohne Makel, zum Miterben seiner Herrlichkeit im Himmel.

Und wie beim natürlichen Leben, so wollte Gott, dass auch bei der Weitergabe des übernatürlichen Lebens der Mensch selbst mitwirke, dass er Vater sei bei der Bewahrung und Vervollkommnung dieser göttlichen Herrlichkeit.

In die Tiefen eines solchen, unvergleichlichen Geheimnisses hinein führt euch, liebe Söhne und Töchter, euer Ehebund. Tretet hinein wie in ein Heiligtum der allerheiligsten Dreifaltigkeit, durchdrungen von Ehrfurcht, von kindlich ehrerbietiger und vertrauender Liebe. Seid euch voll bewusst eurer Verantwortung und der Größe des Amtes, das ihr auszufüllen habt. Auch ihr könnt und werdet die Worte nachsprechen: »Lasst uns den Menschen machen nach unserem Bild und Gleichnis!« Himmlische Worte und menschliche Worte, die auf euren Lippen und in eurer Brust ineinander übergehen; wägt und überlegt sie, diese Worte von Gottes Vaterschaft und von eurer eigenen Vaterschaft: »Eure Kinder werden sein nach eurem Bild und Gleichnis!« 

Ja, eure Kinder werden euch ähnlich sein. So wie ihr werden sie sein; die menschliche Natur werden sie haben, die ihr ihnen in der Zeugung mitteilt.

Und im übernatürlichen Leben? Werden sie auch darin euch ähnlich sein? Wir zweifeln nicht daran: Ihr werdet darum besorgt sein, dass sie die Taufe empfangen, die einst auch euch in Gott wiedergeboren hat zu Kindern der Gnade und Erben des Himmels. Ihr werdet ihnen die Tore des Paradieses öffnen, auch wenn dabei einer eurer kleinen Engel von eurer Treue und eurer Liebe einen Schmerz oder ein Opfer fordern sollte. - Lasst sie im heiligen Glauben, in der Gottesfurcht und Gottesliebe aufwachsen! Flößt ihnen die Lebensweisheit ein, die den echten Christen ausmacht, die ihnen Wegweiser und Führer ist zur Tugend inmitten so vieler hinterlistiger Feinde der Jugend! Seid ihnen Vorbilder auf dem Weg des Guten! Bleibt immer so, dass eure Kinder nur euch ähnlich zu werden brauchen; dass man sie loben kann, weil sie eure Abbilder sind. Dann erfüllen sich die Pläne Gottes, die er mit ihnen vorhatte, als er ihnen durch euch ein Leben schenkte, ähnlich dem euren. Licht auf ihrem Wege sei ihnen ein Blick hinauf zu den Eltern, zu ihrem Beispiel. Licht auf ihrem Weg wird ihnen die Erinnerung an eure Mahnworte sein, wenn ihr selbst eines Tages nicht mehr an ihrer Seite stehen werdet, besonders dann, wenn sie eure Mahnungen in eurem Leben betätigt und bekräftigt gefunden haben; wenn sie an euch erlebt haben, was es heißt, alle Christenpflichten ganz zu erfüllen, ein zartes und tief verwurzeltes, vorbehaltloses Pflichtgefühl zu haben; wenn sie an euch selbst erlebt haben, was es ist um den Glauben und das unerschütterliche Gottvertrauen in den härtesten Prüfungen, um die gegenseitige, im Lauf der Jahre noch immer wachsende herzliche Zuneigung, um die mildtätige Liebe, die an alle Not sich verschwenden möchte.

Viel erwarten eure Kinder von der wachen Sorge, mit der ihr liebend ihre ersten Schritte umhegt und schützend über dem ersten Erwachen und Aufgehen ihres Verstandes und Herzens steht. Später werdet ihr sie den Händen von Lehrern übergeben, die das Vertrauen christlicher Eltern verdienen; aber auch dann, wenn sie schon größer sind, werdet ihr ihnen beistehen mit Rat und Aufmunterung. Doch viel mehr als alle Worte wird euer laut sprechendes Beispiel vermögen. Es wird sein wie ein Spiegel, in dem vor den Augen eurer Kinder viele Jahre hindurch euer ganzes praktisches Leben wider strahlt, so wie ihr es lebt im vertrauten und ungehemmten Kreis um den heimischen Herd, und sie werden mit der erschreckenden Hellsichtigkeit und unerbittlichen Schärfe ihres jugendlichen Blickes euer Beispiel bis auf den Grund durchschauen und beurteilen.

Wie wunderbar schön und wahrhaft bewundernswert ist der Segen Rachels, den sie über den jungen Tobias spricht, als sie vernimmt, wessen Kind er ist: »Gesegnet seist du, mein Sohn; denn du bist der Sohn eines rechtschaffenen und guten Mannes!« (Tob. 7,7). Der alte Tobias war nicht mehr reich an Glücksgütern. Gott hatte ihn heimgesucht, hatte das Unglück der Verbannung und der Blindheit über ihn gebracht. Aber er war reich an etwas anderem: Sein Reichtum war das wunderbare Beispiel seiner Tugend und die weisen Ermahnungen, die er seinem Sohne gab.

Auch wir leben in schweren Zeiten. Vielleicht werdet ihr euren Kindern nicht immer ein wohlhabendes und schönes Leben verschaffen können, wie ihr es für sie erträumt. Über das tägliche Brot hinaus, das ihnen die göttliche Vorsehung - so hoffen Wir - nie versagen wird, werdet ihr sie vielleicht nicht satt und zufrieden machen können mit den Gütern, die ihr ihnen sichern möchtet. Doch die Güter dieser Erde können ja nie, auch nicht für die Reichen und Prasser, aus diesem Tränental ein Freudenparadies machen. - Von euch hängt es also ab, ob ihr euren Kindern und Erben viel bessere Güter hinterlassen wollt: das Brot und den Reichtum des Glaubens, eine Atmosphäre der Hoffnung und der Liebe, den Antrieb zu einem tapfern, treuen und beständigen Christenleben. Ja, zu einem solchen Christenleben sollt ihr eure Kinder erziehen im Bewusstsein eurer heiligen Vater- und Mutterpflichten und der Größe eurer Vaterschaft, die vom Himmel stammt. Dann werden sie zu eurem Trost heranwachsen und gedeihen vor Gott und den Menschen. ... (Segen).

Vom Gottvertrauen in der jungen Ehe 7. Mai 1941

Ewig ist das Leben, liebe Brautleute, im Kommen und Gehen der Jahreszeiten, die das Jahr wechselvoll gestalten und den neuen Frühling bringen. Und wie das Jahr, so hat auch der Tag seine Jahreszeiten: Im Morgen erleben wir den Frühling, im Mittag den Sommer, im Abend den Herbst und in der Dämmerung den Winter. Das wahre Beispiel neu erwachenden Lebens ist aber doch die schöne Jahreszeit: der Frühling! Da kehrt die Natur zurück zu ihrem Lächeln; sie nimmt wieder den grünen Schmelz an und schmückt sich mit dem Laubwerk der Wälder, mit blühenden Wiesen und Gärten, mit den Blütensträußen wiegender Fruchtbäume und es kehrt wieder der Gesang der Vögel und die liebe, warme Sonne. Im Glanz ihrer Majestät steigt sie herauf am Himmelsbogen und grüßt die Natur, schmückt und färbt und befruchtet sie mit ihren lebenspendenden Strahlen. Über die ganze Erde breitet der Frühling seinen Prunkmantel und weckt in unsern Herzen ein Loblied auf den Schöpfer, der da vor uns im Buch der Natur seine Güte und Freigebigkeit ausbreitet, damit wir in unserm Geistes- und Glaubensleben lernen, auch selber wieder neu zu werden.

Auch die heilige Mutter Kirche hat ihren Frühling: den Frühling des nicht endenden Alleluja ihrer Osterliturgie; es ist wie ein immer neuer Aufruf zur Freude; Freude über die sieghafte Auferstehung Christi, der die jungfräuliche Blüte der Jungfrau-Mutter ist und die göttliche Lilie der blutroten Talgründe der Passion (Hld. 2, 1); Freude über jenen Frühling der ersten Christengemeinden, deren ergreifende Einzelerlebnisse wir in der Apostelgeschichte nachgelesen haben. Sie kamen uns vor wie Verheißung und Erstlingsfrucht der kommenden Erneuerung der Völker, wie Blüte und Frucht der Eroberungen des katholischen Apostolates.

Und ihr selber steht auch in einem Frühling des Lebens; ihr lebt den Frühling der Familien, die ihr eben gegründet habt, in der Freude jener ersten Schritte, die euer bei der wonniges Geheimnis sind, umwoben vom Wohlgeruche der Hoffnung auf ein Leben, das um euch sprossen soll wie Schösslinge um den Ölbaum. Und Gott ruft euch, durch eure Vereinigung, dieses Leben zu vermehren mit dem allerschönsten Leben, das es hier auf Erden geben kann: dem Leben christlicher Seelen.

Frühling voll Liebreiz in der Natur, Frühling der Osterfreude, Frühling jungen Eheglückes! Ihr genießt jetzt diesen dreifachen Frühling und freut euch daran, als ob die Welt um euch sich ganz nur mehr auf euer eigenes Leben beschränkte. Wenn ihr aber für einen Augenblick eure süße bräutliche Zwiesprache unterbrecht und eine Zeitung zur Hand nehmt, dann begegnet ihr in ihren Spalten einem andern Leben und einer andern Welt: Kriegstaten, ungeheuren Kämpfen auf der Erde, in der Luft und auf den Meeren, aber auch herrlichen Beispielen von edlem Großmut gegen Notleidende, von Hingabe, Heldentum und Opfersinn.

Ihr selber, liebe Söhne und Töchter; steht mitten in diesen riesigen Umwälzungen und habt - in einer großen Tat edlen, christlichen Vertrauens doch nicht gezögert, eure jungen Familien zu gründen. Ihr wisst ja und glaubt: Wenn mitten im Durcheinander der Geschehnisse ungestört der Frühling sich erneut, so ist das nicht Spott und Hohn noch kalte Teilnahmslosigkeit einer blinden Natur, nicht das Wahnbild einfältiger Träumer - nein, diese wirkliche Neugeburt des Lebens und der Schönheit ist uns greifbares Zeugnis und Offenbarung jener höchsten Vaterliebe, »die die Sonne treibt und alle Sterne« (»I Amor, che muove iI sole e l´altre stelle«. Dante, Parad. XXXIII, Schlussvers). Auch nicht einen Augenblick lässt die Sorge dieser Vaterliebe nach in der Leitung des Universums, und ihre Barmherzigkeit beherrscht und zügelt alle Unrast der Menschen. Was ist denn euer Glaube anders als Vertrauen auf die liebevolle und mächtige Herrscherhand Gottes, die da wachsam und aufmerksam und ohne Unterlass die Geschicke dieser Erde, große und kleine, freudige und traurige, lenkt und leitet. Ja, nehmt sie zu Herzen, diese köstliche und tiefe Lehre, die Gott euch geben will im dreifachen Frühling, den ihr in diesen Tagen erlebt, und die euer Vertrauen festigen kann.

Euer Vertrauen ist nicht kindliche Einfalt, die sich einbildet, der Frühling werde ewig dauern, seine zauberhafte Schönheit nie vergehen, seine Blumen würden nimmer welken und es würden nicht mehr Schnee, glühende Hitze und Kälte wiederkehren; es ist nicht Einfalt, die, von der Gegenwart berauscht, nicht an die Zukunft denkt, die sich nicht müht, die Seele stark zu machen, sie zu bereiten und zu schützen gegen Not und kommende Prüfungen.

Euer Vertrauen ist nicht leichtsinnige Unbekümmertheit, die in den Tag hinein lebt und sich mit dem Traumgedanken täuscht, es sei noch immer früh genug, zu erwachen beim Krachen des Donners, um sich vor dem Sturme zu schützen; es sei im Augenblick das Beste, alle Sorgen abzuschütteln und die Ruhe der Gegenwart, den Sonnenstrahl von heute, wie flüchtig er auch sei, zu genießen.

Euer Vertrauen ist auch nicht traurige Ergebung eines Fatalismus, der untätig verharrt in der Überzeugung, gegen den blinden Ansturm der Ereignisse könne man doch nichts tun als den Rücken beugen, um nur den schwächsten Stoß aufzufangen, und man müsse womöglich die Härte des Stoßes lindern und nachgiebig, wie ein Spielball, sich von allen Seiten ohne Widerstand rollen und stoßen lassen.

Was ist also dieses Vertrauen? Es ist der Glaube an die Liebe Gottes: »Wir haben erkannt die Liebe, die Gott zu uns hat, und haben an sie geglaubt.« (1. Joh. 4, 16).

Erhebt euren Geist über den Orkan und die Stürme, die über die Erde fegen! Aus ganzer Seele glaubt ihr, dass der Weltlauf, der uns in seinen Wirbel hineinreißt, der uns verwirrt und betäubt, nicht ein sinnloses Überborden oder zufälliges Gegeneinanderprallen blinder Kräfte ist, sondern dass da, trotz all der schwarzen Abgründe und Sinn verwirrenden Schläge, doch die Allmacht einer unbegrenzten Liebe und Weisheit alles leitet, über alles wacht, alles schließlich zu einem guten Ende führt und über der Gerechtigkeit hell die Sonne des Erbarmens aufstrahlen lässt.

Ihr wisst, Gott vergißt nie die Ziele seines Handelns; seine Weisheit wird einmal leuchtend vor uns aufgehen im Himmel, wenn wir dort oben in der Anschauung Gottes auch auf die Wege dieses Lebens zurückschauen dürfen, die gezeichnet sind mit den blutigen Spuren unserer Füße und bestreut von den Blumen der Gnade Gottes.

Ihr wisst, es gibt auf Erden nichts, nicht die Liebe einer jungen Mutter, noch die Zärtlichkeit junger Ehegatten, die auch nur von ferne sich messen könnte mit der Liebe und der unendlichen Zärtlichkeit, mit der Gott jede unserer Seelen umhegt und umarmt.

Ihr wisst, diese Liebe ist göttlich groß in ihrem ewigen, wunderbaren und erhabenen Ratschluss über die Geschicke der Menschheit und der Welt. Aber während sie sich in weiser Fürsorge herabneigt zu den Lilien des Feldes und den Vögeln der Luft, hat sie doch ihre besonderen Pläne mit jeder einzelnen eurer Seelen, und sei sie auch die unbekannteste und geringste in den Augen der Menschen. Pläne, die mit soviel liebender und weiser Sorgfalt gezeichnet und gefärbt sind, wie ihr selber sie nie aufwenden werdet, wenn es gilt, alles das zu bereiten, was die Ankunft lieber, mit soviel freudiger Hoffnung erwarteter Kinder erfreuen und verschönern kann. Keinen Schritt und keinen Augenblick eures Lebens, so gering und verborgen er auch sei, überlässt Gott dem Spiel des Zufalls oder des Schicksals; alles ist gewollt oder zugelassen mit weiser und mächtiger Güte, die auch das Böse zum Guten zu lenken versteht. In keinem Augenblick eures Tagewerkes nicht in den Stunden strenger Arbeit, und nicht, wenn ihr ruht oder schlaft - hört die wache Liebe des Auges und der Hand Gottes auf, eurem Leben und dem eurer Kinder Stütze und Führung zu sein.

Ihr beide, Braut und Bräutigam, habt an eure gegenseitige Liebe geglaubt und habt einander Glück und Leben anvertraut: ein noch stärkeres und unerschütterlicheres Vertrauen fasst und bewahrt nun zu der Liebe Gottes; ein Vertrauen, das in unmessbare Höhen sich erhebt, so dass es sieghaft auch den ungeteilten und tiefsten Herzschlag jeder menschlichen Liebe übersteigt.

Ihr habt euch einander geschenkt: schenkt euch beide zusammen Gott! Könntet ihr etwa von heute ab euer Glück noch sichern, wenn jedes für sich leben wollte, nach eigenem Willen, ohne sich darum zu sorgen und zu kümmern, was jenes andere Herz denkt und wünscht, das doch mit dem euren verwachsen ist? Nein, gewiss nicht! Noch viel weniger aber werdet ihr eurem gemeinsamen Leben das wahre Glück sichern können, wenn ihr es nur nach eigenem Vergnügen, entgegen den Plänen der Liebe Gottes mit euch, lebt; wenn ihr Gottes Wünsche und Erwartungen enttäuscht und missachtet. Lasst euch von Gott leiten: die Gebote des Gesetzes Christi, die Führungen und Ratschläge der Kirche, die Anordnungen der Vorsehung werden euch Tag für Tag leuchten auf jedem Schritt eures Lebensweges. Vertrauet auf Gott, vertrauet auf den Erlöser: Er hat die Welt besiegt! Erwartet nicht, dass euch· die Pläne, die Gott mit euch hat, durch außerordentliche Offenbarungen kundgetan werden; ihr werdet sie erfahren, allmählich, durch die Folge der Geschehnisse und durch die Wechselfälle des Alltags und des Lebens, Glaubet an die Liebe Gottes, die euch den rechten Weg vorgezeichnet hat; geht ihn gerade und rechtschaffen, nicht nach eigener Launenhaftigkeit; denn sonst sind Störungen und Unstimmigkeiten in der göttlichen Harmonie unvermeidlich: eure Stimme wäre ein Missklang in dem süßen Lied, das Gott in eurer Familie erklingen lassen will. Ist nicht das gar oft die traurige, geheime Ursache und Wurzel so vieler Lebenswege, die in strahlendem Glücke begannen und in dunklem Elende endeten? Seid nicht wie eigenwillige, launische Kinder, die sich sogar den liebevollen Armen der Mutter entwinden wollen. Ahmt nicht jene vielen nach, die wie Pharao ihr Herz verhärten und sich der Hand Gottes entwinden. Anstatt sich wie ein Kind von ihm führen zu lassen, lehnen sie seine Gesetze ab; sie sind taub für die Anregungen seiner Gnade, die sie zu einem folgerichtigen Christenleben anleiten will. So entstehen dann Unstimmigkeiten und Zusammenstöße, Krankheiten und Zusammenbrüche.

Liebe Brautleute, dieser vertrauensvolle Glaube an die Liebe Gottes, diese fügsame, seelenvolle Treue, mit der ihr euch von Gott führen lässt, mit der ihr seinen Geboten gehorcht und mit kindlicher Ergebung annehmt, was die Vorsehung für euch bestimmt hat, diesen Glauben und diese Treue daran zweifeln Wir nicht - habt ihr euch vorgenommen für das gemeinsame Leben, in das ihr mit dem Segen des Priesters eben eingetreten seid. Aber woher werdet ihr diese erhabenen und wichtigen Tugenden nehmen? Ihr werdet sie schöpfen, bewahren und vermehren nur an den tiefen und klaren Brunnen des lebendigen Wassers, das empor strömt ins ewige Leben: indem ihr häufig das Wort Gottes anhört; indem ihr euch immer besser in der Lehre der Kirche unterrichten lässt; indem ihr täglich, abends und morgens, zum Beten zusammenkommt; indem ihr die heilige Messe besucht, häufig die Sakramente der Buße und des Altares empfangt, mit einem Wort: indem ihr ein tätiges und echtes Christenleben führt. Dann, ja dann wird der Frühling, ,der heute blüht, fortdauern, fortblühen, weitergrünen in euren Seelen; er wird nur aufhören, um sich zu verwandeln in einen Kranz leuchtender Früchte und goldener Ernten jenes Sommers, auf den kein Herbst und kein Winter folgt, der auf ewig die Seligen im Himmel beglückt.

Von der Wirksamkeit des Gebetes 2. Juli 1941

Wie vieles habt ihr, geliebte Neuvermählte, in diesen Tagen von Gott zu erbitten bei eurem frommen Besuch der großen Heiligtümer Roms! Diese Besuche sind ebenso viele heilige Pilgerfahrten, wie auch das Leben hier auf Erden eine Pilgerfahrt zu Gott ist unter dem Wechsel von Freude und Leid. Ihr wandert jetzt in dem Morgenrot der Freude. Vor den heiligen Altären habt ihr gebetet für euch selbst, für euer jüngst gegründetes Heim, für die Kleinen, die es euch mit Freude erfüllen sollen. Die Erde, auf die ihr euren Fuß gesetzt habt, ist ein berühmtes Land, das schon seit Jahrhunderten betreten ist von tausend Völkern, von Millionen Pilgern, von jenen nämlichen Blutzeugen, die ihr in den Katakomben, Basiliken und Kirchen verehrt habt. Sie sind es, die der Apostel Johannes bereits mit lauter Stimme rufen hörte: "Heiliger und wahrhaftiger Herr, wie lange richtest du nicht und rächst nicht unser Blut an den Erdbewohnern? Aber es wurde ihnen gesagt, sie sollen sich noch kurze Zeit gedulden, bis die Zahl ihrer Mitknechte und Brüder vollzählig würde" (vgl. Geh. Off 6, 10 f.). Auch sie beten, aber für den Herrn ist noch nicht die Stunde gekommen, sie zu erhören. Sie haben ein unzerstörbares Vertrauen auf die göttliche Verheißung, sie sind der Erhörung gewiss, wie sie schon Erhörung fanden im Triumph ihres Glaubens vor den Tyrannen. Auch ihr habt gebetet, habt Vertrauen gehabt zu Gott, und nun seht ihr die Gebete erhört, die ihr vielleicht seit langer Zeit zum Himmel geschickt habt, um die Gnade zu er· langen, daß jener heilige von euch ersehnte Bund Wirklichkeit werde, auf den ihr jetzt euer Glück baut.

In der Tat hilft uns nichts so sehr, mit Vertrauen zu beten, als die persönlich gemachte Erfahrung von der Wirksamkeit der Gebete, auf welche die gütige Vorsehung geantwortet hat, indem sie reich und voll das gewährte, um was man sie bat. Aber öfter noch wird auch uns wie den Märtyrern der Altäre von der Vorsehung gesagt, dass wir uns noch gedulden für eine von ihr bestimmte Zeit. Weil sie sehen, dass die Erhörung ihres Gebetes sich verzögert, fühlen nicht wenige ihr Vertrauen merkwürdig erschüttert noch können sie Geduld haben, wenn Gott für all ihre Bitten taub zu sein scheint. Nein, verliert doch nie euer Vertrauen auf jenen Gott, der euch erschaffen, der euch geliebt hat, bevor ihr Ihn lieben konntet, und der euch zu seinen Freunden gemacht hat! Ist es denn nicht der Freundschaft eigen, dass der Liebende den Wunsch des Geliebten erhört zu sehen wünscht, weil er gerade dessen Glück und Vervollkommnung erstrebt? Liebt Gott nicht sein Geschöpf? Und bedeutet nicht die Liebe ein Wohlwollen? Und hängt das Glück des Geschöpfes nicht ganz von der göttlichen Güte ab? (vgl. S. Thomas, Contra Gent. 1, 3, c. 95).

Vertraut auf Gott: "tarde non fur mai grazie divine" "nie kamen göttliche Gnaden zu spät" (Petrarca, Trionfo delI' Eternità, 13). Und doch scheinen vielen, die beten, die göttlichen Gnaden zu lange auf sich warten zu lassen. Das, was sie erbitten, scheint ihnen gut, nützlich, notwendig, und gut nicht nur für den Leib, sondern auch für ihre Seele, für die Seelen jener, die ihnen teuer sind, sie beten inbrünstig, wochen-, monatelang, und haben noch nichts erlangt. Die Gesundheit, die nötig ist für die Arbeit in der Familie, ist dieser Mutter noch nicht gewährt worden. Jener Sohn, jene Tochter, deren Betragen ihr ewiges Heil in Gefahr bringt, sind noch nicht zu besserer Gesinnung zurückgekehrt. Jene materiellen Nöte, mit denen die Eltern zu kämpfen und zu ringen haben, um den Kindern den Bissen Brot zu sichern, sind nicht geringer, sondern nur härter und bedrohlicher geworden. Die ganze Kirche mit allen Völkern verdoppelt ihre Gebete, um das Ende der Leiden zu erlangen, welche die große Menschenfamilie heimsuchen, und doch naht sich noch immer nicht jener gerechte Friede, der so innig ersehnt, erfleht und unter Seufzern begehrt wird und der so notwendig scheint für das Heil aller und auch für das Heil der Seelen. Unter dem lastenden Druck dieser Gedanken blicken viele verwundert auf die heiligen Altäre, vor denen man betet, und sind vielleicht verärgert und verwirrt darüber, dass bei der heiligen Liturgie ständig die Verheißungen des göttlichen Erlösers ins Gedächtnis gerufen und verkündet werden: "Alles, um was ihr vertrauensvoll im Gebete bittet, werdet ihr erhalten" (Mt. 21, 22). "Bittet, und ihr werdet empfangen ... Wer immer bittet, der empfängt" (Mt. 7, 7). "Alles, um was ihr den Vater in meinem Namen bittet, will ich tun ... Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: wenn ihr den Vater in meinem Namen um etwas bittet, so wird er es euch geben" (Joh. 14, 13; 15, 16; 16,23). Hätten die Verheißungen des Erlösers deutlicher, klarer, feierlicher sein können? Werden nicht vielleicht einige versucht sein, darin etwas wie einen bitteren Spott zu sehen angesichts des Schweigens Gottes gegenÜber ihren Gebeten?

Aber Gott lügt nicht und kann nicht lügen; was er versprochen hat, wird er halten, und was er gesagt hat, wird er tun. Richtet auf euren Geist und hört auf das, was der große Lehrer, der heilige Thomas von Aquin lehrt (Contra Gent. 1. 3c. 96), wenn er erklärt, warum die Gebete nicht immer von Gott erhört werden: "Gott erhört die Wünsche des vernünftigen Geschöpfes, wenn es das Gute erstrebt. Aber bisweilen kommt es vor, dass das, um was man bittet, kein wirkliches Gut ist, sondern nur ein scheinbares, ja sogar ein wirkliches Übel. Also kann eine solche Bitte von Gott nicht erhört werden. Drum steht geschrieben: Ihr bittet und erhaltet es nicht, weil ihr schlecht betet (Jak. 4, 3). Ihr begehrt und verlangt ein Gut, wie ihr meint. Aber Gott sieht tiefer bei euch in dem, was ihr begehrt. Es kommt bisweilen vor, fügt derselbe heilige Lehrer hinzu, dass einer aus Freundschaft das abschlägt, was der Freund erbittet, weil er weiß, dass es ihm schädlich sein wird, obwohl diesem das Gegenteil vorteilhafter erscheint; so verweigert bisweilen der Arzt dem Kranken das, was dieser wünscht, in der Überzeugung, dass es ihm für die Wiedererlangung der körperlichen Gesundheit nichts nützt. Da nun Gott aus Liebe zu dem vernünftigen Geschöpf die ihm im Gebete vorgetragenen Wünsche erfüllt, so ist es nicht zu verwundern, wenn er zuweilen die Bitte jener, die er in besonderer Weise liebt, nicht erhört, ihnen aber dafür das gibt, was in Wirklichkeit ihnen am meisten nützt. Drum nahm er dem heiligen Paulus nicht "den Stachel im Fleische" (2 Kor. 12, 7) - es handelte sich sehr wahrscheinlich um eine lästige körperliche Krankheit -, obwohl dieser dreimal ihn darum gebeten hatte, damit er ihm nützlich würde für die Erhaltung der Demut. So wurde der große Apostel zwar nicht erhört nach seinem Willen, "ad voluntatem", weil er nicht von dem Leiden befreit wurde, das ihn quälte, sondern er wurde erhört "ad salutern" "zu seinem Heile", weil Gott ihn in noch vollkommenerer Weise erhörte, indem er versprach, ihn durch seine Gnade zu stärken, um mit größerem Verdienst das ersehnte Ziel zu erreichen (vgl. S. Augustinus, in Epist. Joannis ad Parthos, tr. VI, n. 6-7 - Migne PL. t. 35, col. 2023).

Wache also auf, gläubiger Mensch, und höre mit wachen Ohren, was der göttliche Meister lehrt: "Wenn ihr erbittet, was ihr wünscht, erbittet es nicht in irgendeiner Weise, sondern in meinem Namen, "in nomine meo". Welches ist denn sein Name? Christus Jesus; Christus bedeutet König, Jesus Heiland. Sicherlich wird uns nicht irgend ein König selig machen, sondern der König, der zugleich Heiland ist; daher bitten wir nicht im Namen des Heilandes, was wir erbitten entgegen dem Nutzen des Heiles. Und doch ist Er der Heiland, nicht bloß wenn Er tut, um was wir bitten, sondern auch, wenn Er es nicht tut; denn wenn Er sieht, dass man um etwas bittet, was gegen das Heil ist, dann zeigt Er durch Nichterfüllung sich viel mehr als Heiland. Ist Er nicht der göttliche Arzt des ewigen Heiles? Er weiß ja, was uns nützt oder schadet zum Heile . . . Er ist nicht bloß Heiland, sondern auch der gute Lehrer. Damit Er tun kann, um was wir bitten, hat Er in dem uns gegebenen Gebete erklärt, um was wir bitten sollen, um uns auch darüber zu unterrichten, dass wir um das nicht im Namen des Lehrers bitten, um was wir bitten gegen Seine Lehrvorschrift. Da Jesus Heiland und Lehrer ist, kennt er die annehmbare Zeit und die Stunde des Heiles; drum tut Er auch dann, wenn wir etwas in Seinem Namen erbitten, es nicht immer zu der Stunde, wenn wir beten, sondern zu Seiner Stunde; was aufgeschoben wird, wird drum nicht abgeschlagen (S. Augustinus, in Joannis Evang. tract. 73, n. 3-4 Migne, PL. t. 35, col. 1825-1826).

Im Namen Jesu wollen wir also unser Gebet an Gott richten; denn es ist kein anderer Name den Menschen auf Erden gegeben, in dem sie selig werden können (AG. 4, 12). Sein Name ist es, der unsere Wünsche bei Gott gültig und wirksam macht und so bewirkt, dass die guten Wünsche die Ursache davon sind, dass Gott in Seiner Vorsehung angeordnet hat, dass wir sie durch Gebet erlangen. Dieses ändert zwar nicht mehr die von Ihm festgesetzte unveränderliche Ordnung, sondern erfüllt sie, insoweit Gott in Seine Vorsehungsordnung die Gewährung unserer Bitten mit dem Gebete, das wir an Ihn richten, aufgenommen hat. Daher sagt auch der heilige Alfons von Liguori (DeI gran mezzo della preghiera, am Ende): wer betet, wird gerettet, wer nicht betet, wird verdammt; zu behaupten, man brauche nicht zu beten, um eine Gnade von Gott zu erlangen, weil die Ordnung Seiner Vorsehung unveränderlich ist, würde dasselbe sein - bemerkt der englische Lehrer, der heilige Thomas - wie behaupten, es sei nicht nötig zu gehen, um irgend wohin zu gelangen, noch zu essen, um sich zu ernähren; offenbar alles törichte Dinge (Contra Gent. L, 3, c. 96).

Ihr seht also, geliebte Neuvermählte, wie die Wirksamkeit des Gebetes verknüpft ist mit seiner Notwendigkeit, und dass nicht alle Gebete, die an Gott gerichtet werden, im Namen Unseres Herrn Jesus Christus geschehen und deshalb nicht alle erhört werden. Sprecht also zum Erlöser, indem ihr die Bitte der Apostel erneuert: "Herr, lehre uns beten" - "Domine, doce nos orare" (Lk. 11, 1). Zu Ihm steige euer Gebet wie Rauchopfer empor und eure ausgebreiteten Hände wie ein Abendopfer (Ps. 141, 2) und auf euch und eure jungen Familien steige herab Seine göttliche Gnade wie der Tau des Hermon, der herabsteigt auf die Sionsberger (Ps. 133, 3)!

Noch einmal von der Wirksamkeit des Gebetes 9. Juli 1941

Es ist immer ein großer Trost für Uns, eine so schöne Zahl junger christlicher Eheleute um Uns versammelt zu sehen, die aus allen Gegenden kommen und wünschen, dass mit dem Segen, den sie für ihren heiligen Bund schn vom Priester empfangen haben, sich verbinde jener des gemeinsamen Vaters der gesamten christlichen Familie. Wie viele Häuser frommer Söhne sehen Wir in euch! Wie viele Hoffnungen baut die Kirche, das Vaterland, der Himmel auf euch! Zum Himmel erheben Wir Unsern Blick, und es scheint Uns, daß Über euch, geliebte Eheleute von lebendigem Glauben und wahrer Frömmigkeit, jener tiefe und wirksame Segen herabsteigt, den der Herr denen gewährt, die Ihn fürchten. Ist nicht die Furcht Gottes der Anfang der Weisheit, jener Weisheit, die sich das Haus baut, das nicht getragen wird von den gebrechlichen Stützen der Welt, sondern von den sieben Säulen der theologischen und Kardinaltugenden? Jenes Haus, das wie ein Heiligtum wird, wo das Opfer der Liebe und gegenseitigen Geduld, der Eintracht und des Vertrauens herrscht, wo die Eltern zu Lehrern werden, die den Kindern den Weg zeigen zu einem Vater und zu einer Mutter im Himmel; wo das Gebet, das im Leid tröstet und die Hoffnungen des Lebens stärkt, das Tagewerk beginnt und beschließt. Das Gebet war gerade der Gegenstand Unserer Worte in der Audienz des vergangenen Mittwoch, in der Wir sprachen über seine Wirkung und Notwendigkeit und auch zeigten, dass nicht alle Gebete, die an Gott gerichtet werden, im Namen Jesu Christi geschehen und deshalb nicht alle erhört werden. Was Wir damals sagten, möchten Wir heute wieder aufgreifen und kurz vervollständigen, auf daß Gedanke und Erinnerung daran euch durchs ganze Leben begleiten, als Führer auf eurem Wege oder als Leuchte eures Hauses oder als Segen in euren Freuden und Stärkung in euren Leiden oder als unerschütterliche Stütze eures Gottvertrauens.

Unser Herr hat uns nirgends verheißen, uns in dieser Welt unfehlbar glücklich zu machen; Er hat uns verheißen, so lesen wir im Evangelium, uns zu erhören wie der Vater, der seinem Sohne, auch wenn er ihn darum bäte, als Speise weder einen Stein noch eine Schlange noch einen Skorpion geben wird, sondern Brot, Fisch und Ei, die ihn nähren und sein Leben und Wachstum fördern (vgl. Lk. 11, 11-13). Was Jesus, unser Heiland, uns als Frucht unserer Gebete unfehlbar zu gewähren sich verpflichtet hat, sind nicht jene Gnaden, welche die Menschen häufig erbitten aus Unkenntnis dessen, was ihrem Heile wirklich nützt, sondern das ist jener "gute Geist", jenes Brot übernatürlicher für unsere Seelen notwendiger oder nützlicher Gaben, jener von Ihm bereitete Fisch, der in Zukunft sein Bild wurde und den der auferstandene Christus den Aposteln an den Ufern des Sees von Tiberias als Speise reichte; jenes Ei als Speise für die, welche im Glauben und der Frömmigkeit noch unmündig sind und das die Menschen oft nicht unterscheiden von den ihrem Seelenheil sehr schädlichen Steinen, die Satan, der Versucher, ihnen darreicht. Der große Apostel Paulus gestand den Römern: "Wir wissen ja nicht, was rechtes Beten ist; da tritt der Geist für uns ein mit unaussprechlichen Seufzern. Der aber die Herzen erforscht, weiß, was der Geist begehrt, weil er im Sinne Gottes für die Heiligen eintritt" (Röm. 8, 26-27). Die Menschen sind oft wie die Kinder, die nicht wissen, was für sie gut ist und um was man bitten muss; unpassend sind oft die Gebete, die sie an den himmlischen Vater richten. Aber der Heilige Geist, der mit seiner Gnade in unserer Seele wirkt und unser seufzendes Flehen lenkt, weiß wohl, ihm den wahren Sinn und die wahren Werte zu geben; und der Vater, der im Grunde unserer Seelen liest, sieht klarer als die Sonne, was in unsern Gebeten und Wünschen sein göttlicher Geist durch uns und in uns erfleht, und solche Bitten des Geistes, die tief in uns ruhen, erhört Er ohne allen Zweifel.

Seht ihr also nicht in diesem Geiste, der in euch die unerschütterliche Kraft eures Vertrauens auf das Gebet bewirkt, seht ihr nicht das starke Band, womit das Gebet an seine Erfüllung geknüpft ist?

Ihr wißt, ihr glaubt aus ganzem Herzen, daß keines eurer Gebete wirkungslos bleibt. Wenn ihr nicht gerade die Gnade erlangt, die ihr erbeten habt, müßt ihr entweder erkennen, dass ihr nicht wißt, was euer wahres Wohl ist, oder denken, dass die Gnade euch zuteil wird in dem von Gott bestimmten Augenblick; denn einige Gnaden werden nicht verweigert, sondern zu gelegener Zeit gegeben, während ihr unterdessen etwas Besseres empfangt, viel Besseres, d. h. das, was der Heilige Geist in euch erfleht hat mit Seufzern, die er euch eingab. Das will die Überzeugung und Weisheit des Christen sein, das der Führer, der Halt und das Licht eures Gebetes in dem Dunkel des Glaubens; ein Licht, das nie in eurem Herzen auslöschen dürfen die aufgeschobenen oder nicht erlangten Gebetserhörungen noch die Leiden oder die Trübsale eures Geistes, der vielmehr dadurch gestärkt werden soll zum beharrlichen Beten.

Warum - so ist noch zu fragen - erlangt ihr so oft nicht, um was ihr bittet? Aus diesem Grund: Während der Heilige Geist euch antreibt und anleitet zum Beten, hört ihr auf, seiner Eingebung und seinem Antrieb zu folgen, und fahrt nicht fort beständig zu beten. Deshalb bleibt die ersehnte Wirkung aus. Unser Herr hat wiederholt gesagt, daß das beharrliche Gebet unfehlbar erhört wird; denn die Beharrlichkeit ist jenes Drängen, das Seinem Herzen Gewalt antut und darum triumphiert. Er, der aus der Höhe und aus der Ferne die Dinge und ihre Verflechtungen sieht und alles Gute schaut, das eure Seele gewinnt aus dem beharrlichen Beten, dem zuversichtlichen Flehen, den Verdemütigungen vor Ihm, aus dem starken Glauben, der eure Ausdauer stützt, wollte nicht die unmittelbare Gewährung der erbetenen Gnade versprechen; und warum? Weil er ein Herz hat, das zarter ist als das einer Mutter, jener klugen und zarten Mutter, die nicht zögert, mit der Nahrung für ihr liebes Kind zu warten und es auch ein wenig weinen zu lassen, weil sie weiß, dass die Milch, die es sofort haben wollte, ihm besser bekommt, wenn sie einen Augenblick damit wartet.

Das Gebet will also sein ein Bitten um das, was gut ist für unsere Seelen, ein Bitten mit Beharrlichkeit, aber auch ein andächtiges Bitten: das ist die dritte Bedingung, die der heilige Thomas aufstellt unter den vier, die er nennt für die Wirksamkeit des Gebetes: pro se, necessaria ad salutern, pie et perseveranter - "für sich, notwendig zum Heile, andächtig und beharrlich" (S. Thomas, 2a, 2ae, q. 83, a 15, ad. 2). Das andächtige Gebet! Wie sieht es aus? Es ist kein bloßes Wortgeklingel, während Herz und Geist abwesend sind und die Augen nach allen Seiten abschweifen; sondern es ist das gesammelte Gebet, das vor Gott ganz mit kindlichem Vertrauen erfüllt, von lebendigem Glauben erleuchtet und von der Liebe zu Ihm und den Brüdern durchdrungen ist; es ist das Gebet, das immer in der Gnade Gottes verrichtet wird, immer verdienstreich ist für das ewige Leben und immer demütig ist im gleichen Vertrauen; wenn ihr niederkniet vor den Altären oder dem Bilde des Gekreuzigten und der heiligen Jungfrau in euerm Hause, dann kennt dieses Gebet nichts von der Anmaßung des Pharisäers, der sich rühmt, besser zu sein als die andern Menschen, sondern lässt euch, ähnlich dem armen Zöllner, in eurem Herzen fühlen, dass alles, was ihr empfangen werdet, nur lauteres Erbarmen Gottes gegen euch ist (vgl. Lk. 18, 9-14).

Das andächtige, beharrliche und übernatürliche Gebet, das ihr für euch selbst verrichtet, wird immer erhört werden, versichert der englische Lehrer (a. a. O.); aber für die anderen, für jene Seelen, deren Rettung euch so am Herzen liegt, deren Gemeinschaft in der himmlischen Seligkeit ihr erhofft und ersehnt, die Seelen von Bräutigam und Braut, von Sohn und Tochter, von Vater und Mutter, von Freunden und Bekannten? Was bedeutet für sie euer Gebet? Was wirkt es am Throne Gottes? Hier kann ohne Zweifel jene schreckliche Möglichkeit eintreten, den mächtigen und vielfachen Gnaden zu widerstehen, die eure Gebete für jene Seelen erlangt haben; aber die unendlichen Geheimnisse des allmächtigen Erbarmens Gottes übersteigen all unser Denken und gestatten allen Müttern, auf sich die Worte anzuwenden, die ein frommer Bischof zur heiligen Monika sprach, als diese um seine Hilfe bat und bitterlich vor ihm weinte wegen der Bekehrung ihres Sohnes Augustinus: "Ein Kind so vieler Tränen kann unmöglich verloren gehen" - "Fieri non potest, ut filiud istarum lacrimarum pereat" (S. Aug. Conf. 111, 12). Und wenn es euch auch nicht vergönnt wäre, in diesem Leben mit eignen Augen den Triumph der Gnade in den Seelen zu sehen, für die ihr gebetet und so lange geweint habt, so darf euer Herz doch nie die feste Hoffnung aufgeben, dass in jenen geheimnisvollen Augenblicken, in denen Gott in der Stille des Todeskampfes eines Verscheidenden die Seele, das Werk seiner Hände, zu sich rufen will, seine unendliche Liebe schließlich doch unsichtbar für eure Blicke den Sieg davonträgt, jenen Sieg, für den eure Dankbarkeit Ihn ewig im Himmel preisen wird.

In eurem Leben zu zweien, das ihr, teure Neuvermählte, beginnt, werden nicht fehlen, wie sie in keinem Menschenleben fehlen, die harten und schweren Stunden, die trostlosen und bitteren Augenblicke; in solchen Stunden richtet die Augen zum Himmel! Euer erster und tiefster Trost und Halt wird das vertrauensvolle Gebet sein; da ihr derLiebe Gottes gegen euch immer sicher seid, wisst ihr wohl, dass keines eurer Gebete umsonst sein, dass Gott alle erhören wird, wenn nicht in der Stunde und der Art, wie ihr es euch gewünscht und vorgestellt habt, so doch zu einer Zeit, die passender ist für euch, und auf eine Art, die unendlich besser ist für euch, wie die göttliche Weisheit und Macht Seiner Liebe es zu eurem Nuten festzusetzen wissen.

Unterdes bitten Wir selbst den Herrn, dieses Vertrauen in euren Herzen immer lebendig zu erhalten, und erteilen euch mit väterlicher Liebe den Apostolischen Segen.

Christliche Gattenliebe geht weit über heidnische 30. Juli 1941

Bei euren Spaziergängen durch Rom konnte es nicht ohne Eindruck auf euch bleiben, liebe Brautleute, wie in dieser auf der Welt einzigartigen Stadt die Erinnerungen an ihre heidnische Vergangenheit und die Wirklichkeiten ihres christlichen Gestern und Heute sich durchdringen, vermischen und überschneiden.

Beim Gedanken an eure eigene christliche Gattenliebe und an eure werdende christliche Familie mussten aber die Ruinen der herrlichen Paläste und alten Tempel eure Gedanken ganz besonders zurücklenken auf die sittlichen Zustände des kaiserlichen Rom. Hatte sich doch damals, inmitten einer Hochblüte der Literatur und Kunst, der Verfall der überlieferten Strenge und Reinheit des Lebens und damit die Verderbnis wie eine Flut derart ausgedehnt, dass der Dichter Horaz ausrufen konnte »Geschlechter, an Lastern reich, befleckten zuerst die Ehe, die Reinheit des Stammes und die häusliche Zucht. Der Fluch, der aus dieser Quelle floss, ergoss sich über Volk und Vaterland. Das Mädchen liebt es, in den (ausgelassenen) jonischen Tänzen unterwiesen zu werden ... und schon als Kind sinnt es auf unerlaubte Liebe« (Horaz, Carm. III, 6, 17-24).

Gewiss habt ihr euch im Geiste abgewandt von solchen Bildern und ihr gedachtet viel lieber jener ersten, starken und strengen römischen Familien, welche die Macht und Größe der weltbezwingenden Stadt schufen; »durch diese wurde das Reich gegründet und gemehrt.«: (»per quos viros ... et partum et auctum imperium«, Tit. Livii, Ab Urbe condita libri, Praefatio). So, wie sie in den Erzählungen des Titus Livius lebendig sind, so habt ihr sie wiedererkannt: strenge Familienväter, mit einer unbedingten und unangefochtenen Autorität, treue Hüter der Überlieferungen ihres Stammes, ganz hingegeben dem Dienst an der Allgemeinheit. Und an ihrer Seite in vornehmer Unterordnung untadelige Frauen, nur bedacht auf die Sorge für ihr Hauswesen; Frauen, die gleich Cornelia, der Mutter der Grachen, auf ihre Kinder hinwiesen, als auf ihre schönste Zier, ihr kostbarstes Geschmeide: "Das sind meine Schmuckstücke! (»Haec ornamenta sunt mea«, Valer. Maxim. lib. IV, cap. 4 init.).

Aber auch im kaiserlichen Rom fehlte es nicht ganz an vorbildlichen Familien, in denen die Gatten in glücklicher Eintracht lebten und einander an Liebe überboten. Da war denn das Verdienst einer guten Gattin umso höher anzuschlagen, je schwerer die Schuld einer schlechten wog (Tacitus, Agricol. c. 6). Frauen waren das, die ihren Gatten Vorbilder an Mut und Opfergeist wurden; auch in jenen Schreckenstagen, da man sie anklagte und tötete, nur weil sie den Tod ihrer Kinder beweinten (Tacitus, Annal. lib. VI. n. 10). Mütter waren das, die ihre Kinder auf der Flucht begleiteten, Frauen, die ihren Männern in die Verbannung folgten (Tacit. Historiar. lib. 1. n. 3), keusche Gattinnen gleich jener Ostoria, deren Lob als einer »Frau von unvergleichlicher Keuschheit« (»Inconparabilis castitatis femina«) eingemeißelt steht auf einem Steinsarg, der vor kurzer Zeit in den Tiefen der Vatikanischen Grotten aufgefunden wurde.

Und dennoch - wenn ihr den Blick von diesen heidnischen Familien weglenkt auf die herrlichen, durch und durch christlichen Familien, wie ihr sie alle kennt, dann spürt ihr von selber, dass jenen ersten etwas fehlt; etwas, das noch stärker ist als die Stärke der Quiriten, etwas innerlich Mächtigeres, etwas, das aber zu gleicher Zeit wärmer, durchdringender, besser und zutiefst menschlicher ist. Sollte nicht vielleicht der Mangel, das unheilbare Übel der heidnischen oder ins Heidentum zurückfallenden Gemeinschaften gerade darin bestehen, dass sie es nicht vermögen, stark und kraftvoll zu bleiben und zugleich sich ein wirklich menschliches Herz zu bewahren, ein Herz, das einer reinen und wahren Liebe und Güte fähig ist?

Schallt euch jene alten römischen Familien an, deren strenge Haltung Wir eben erwähnten. An dem Tage., da sie mit den ausgesuchten Verfeinerungen der griechischen und orientalischen Kultur in Berührung kamen und vom Heißhunger nach Edelsteinen und Perlen und Gold gepackt wurden (Horaz, Carm. III, 24, 48), lockerte sich die Zucht, und sehr viele stürzten in abgrundtiefe Verderbnis (Iabente paulatim disciplina, ire coeperunt praecipites, Tit. Liv. I. c.), deren entrüsteter Zeuge auch der Völkerapostel wurde (vgl. Röm. 1, 24 ff). - Die Strenge schwand dahin, aber es erstand auch nicht die wahre Herzensgüte. »Ohne Liebe, ohne Erbarmen«, so charakterisierte der heilige Paulus die Heidenwelt seiner Zeit. - Wohl aber wurden nun die niedrigsten Leidenschaften entfesselt. Vergeblich suchte der große Kaiser Augustus, der mit Recht um das Gemeinwohl ernstlich bekümmert war, ihnen durch Gesetze Schranken zu legen, um so der Familie Kraft und Zusammenhalt wiederzugeben. Berühmt blieben seine Julischen Gesetze über die Heirat der Stände und gegen den Ehebruch (de maritandis ordinibus: de adulteriis coercendis), sowie das Gesetz Papia Poppaea.

Doch erst der Glaube an Jesus Christus sollte das Ziel erreichen. - Die wahre Herzensgüte, ohne Härte und ohne Schwäche, die wahre Liebe, eingegeben und erhöht durch Christus, erblicken wir in den ersten Familien römischer Neubekehrter, wie die Flavier und Acilier zur Zeit der Domitianischen Verfolgung; in ihrem hellen Glanz steht eine heilige Paula, eine heilige Melania.

Aber warum brauchen wir zu so fernen Jahrhunderten hinaufzusteigen? Hat man nicht in Zeiten, die uns noch nahe sind, in den Straßen unseres Rom eine andere Frau gesehen, deren Leben allen Familienmüttern wohlbekannt ist oder doch bekannt sein sollte: die selige Anna Maria Taigi?

Wir gedenken nicht, euch jetzt ihre Visionen zu schildern und die Fülle der außerordentlichen Gaben, mit denen sie von Gott überschüttet wurde. Wir wollen nur einmal das Bild der Gattin schauen, der Gattin des rechtschaffenen, aber rauen und jähzornigen Dieners Domenico im Hause Chigi. Immer gütig ist sie, immer lächelnd; bis in die späten Nachtstunden hinein wartet sie auf die Rückkehr ihres Mannes. Wenn er dann müde, verdrossen, mit allem unzufrieden heimkommt, umsorgt sie ihn zart und rücksichtsvoll, erträgt alles und nimmt alles in engelgleicher Sanftmut hin. Und dabei hält sie mit unermüdlicher Kraft die Ordnung in der zahlreichen Familie aufrecht, gewöhnt ihrem Gatten die groben Worte ab und ist eine regsame und vorsorgliche Hausfrau. Trotz ihrer Armut weiß sie es einzurichten, dass mit ihren Kindern auch ihre Mutter noch bei ihr wohnen kann; ja später nimmt sie sogar die Familien der Tochter und der Schwiegertochter noch auf. Gegen alle, auch gegenüber seltsamen, schwierigen und rauen Charakteren, ist sie eine liebende Tochter, eine treue Gattin, eine bewundernswerte Mutter, Schwiegermutter und Großmutter.

Und das Geheimnis eines solchen Lebens? Stets das gleiche, das Geheimnis eines jeden heiligen Lebens: Christus, lebendig und strahlend, mit seiner alles beherrschenden Gnade in einer Seele, welche seinen Anregungen und Antrieben gehorsam folgt. Das konnte nur unser Herr allein: in armen, durch die Urschuld verwundeten und irregeleiteten Menschenherzen eine Liebe erwecken, die rein und stark bleibt, ohne starr und hart zu werden. Eine Liebe, die geistig genug ist, um sich von den brutalen Sinnenreizen loszulösen und sie zu beherrschen, und die dennoch ihre Wärme unversehrt und ihre feine Zartheit unangetastet bewahrt. Er allein konnte durch sein Beispiel und aus der innersten Kraft seines liebeentbrannten Herzens das Versprechen einlösen, das einst an Israel ergangen war: »Herausreißen will ich aus eurem Leib das Herz von Stein und euch geben ein Herz von Fleisch« (Ez. 36, 26). Christus allein weiß die wahre Herzensgüte, die weich und stark zugleich ist, in den Seelen zu wecken und lebendig zu erhalten. Denn er allein kann sie durch seine Gnade von jener angeborenen Ichsucht befreien, die, mehr oder weniger unbewusst, alle rein menschliche Liebe vergiftet und erniedrigt.

Darum richten Wir, liebe Söhne und Töchter, unaufhörlich die eindringliche Mahnung an euch und an alle, die kommen, um für ihr neues Heim Unsern Vatersegen zu erbitten: Gebet immer in euren Häusern den ersten Platz Christus, dem Erlöser, dem König und Herrn eurer Familien! Er ist das Licht, das sie erleuchtet, die Flamme, die sie erwärmt und erfreut; er ist das allmächtige Schutzpfand, das ihren Frieden und ihr Glück behüten wird.

Die Liebe, die euch eint, und die Gott durch sein Sakrament besiegeln wollte, wird dauern in dem Maße, als sie christlich bleibt. Weit entfernt davon, abzunehmen und sich aufzulösen, wird sie vielmehr innerlicher und stärker werden, indes ihr allmählich in den Jahren mitsammen voranschreitet.

Verteidigt diese Liebe gegen alles, was darauf ausgeht, sie heidnisch zu machen! Wie viele getaufte Christen wissen sich nur mehr auf heidnische Weise zu lieben! Sie habenden wahren Sinn ihrer Gemeinschaft, den der Glaube sie lehrte, aus dem Auge verloren. Sie entbinden sich von den strengen, aber heilsamen und wohltuenden Pflichten des Gesetzes Christi und verwandeln dabei nach und nach die Ehe, welche der Segen Christi schön und groß gemacht, in eine niedrige Genuss- und Interessengemeinschaft, die jede wahre Liebe ertötet.

Bei euch, liebe Brautleute, wird das nicht so sein, Eure Liebe wird leben, wird dauern, wird euer Glück bilden, auch inmitten der unvermeidbaren Schicksalsschläge des Lebens. Denn eure Liebe wird christlich bleiben. Ihr werdet stets die innere Kraft bewahren, weil ihr sie aus der echten Quelle schöpft: aus einem tiefen Glaubensgeiste, aus der treuen Erfüllung der religiösen Übungen, die euch die Kirche vorschreibt oder anempfiehlt, aus einer unverletzlichen Treue gegenüber den Pflichten eures Standes. ... (Segen).

Heldentum im Christenleben 13. August 1941

Wie oft hat man euch, liebe Brautleute, das Wort gesagt und wiederholt: »Ein Kriegsdienst ist das Leben des Menschen auf Erden!« (Job 7, f) - Wenn dem nun so ist, so hat der Mensch, da er aus Leib und Seele besteht, auf zwei Schlachtfeldern zu kämpfen: das eine ein Feld leiblichen Kampfes auf materiellem Gebiet, das andere ein Feld geistigen Kampfes im Innern der Seele. Jeder Kampf und jedes Feld hat seine Gefahren und seine Tücke, seine Tugenden, seine Helden und Heldentaten, seine Triumphe und seine Lorbeeren.

Die leiblichen Kämpfe sind vor aller Augen offenbar; auf dem inneren Kampffeld dagegen ist oft alles verborgen: heimliche Kämpfe, Siege und Lorbeeren, alles geheim und nur Gott allein bekannt, von ihm allein belohnt. Er allein kennt auch in ihrer ganzen Größe die Verdienste, die die Helden der Tugend adeln und auf die Altäre erheben.

Wie viel Heldenmut offenbart sich heute auf den Schlachtfeldern, in der Luft, auf den Meeren! Wie viel Tapferkeit und Seelenstärke, die offen dem Tode ins Auge schaut! Unleugbare Heldentaten junger Soldaten, furchtloser Hauptleute, Heldentaten ganzer Kompagnien und Legionen; Heldentaten von Priestern, die mitten im wütenden Schlachtgetümmel Verwundete und Sterbende trösten; Heldentaten von Krankenwärtern und Krankenschwestern, die zahllose Gebrechen und Wunden heilen und pflegen. Jeder hereinbrechende Völkerkrieg lässt alle edlen Herzen schmerzlich erschauern; denn es lebt und drängt und brennt in ihnen die Liebe Christi, die da Freunde und Gegner umfasst. Und doch ist es auch unleugbar: Diese wilden und blutigen Stürme, mit ihren harten Pflichten für Kämpfende und Nichtkämpfende, sie beschwören auch Stunden und Augenblicke herauf, in denen Mut und Tapferkeit leuchtende Proben bestehen. Oft enthüllt sich dann eine unvermutete und ungeahnte Größe in manchen Heldenseelen. Alles, auch das eigene Leben, opfern sie hin in der Erfüllung ihrer Pflichten, getreu dem Befehl ihres christlichen Gewissens.

Wer jedoch glauben wollte, Seelengröße und Heldenmut seien, gleich seltenen Blumen, nur den blutigen Schlachtfeldern, Kriegs-, Katastrophen- und Verfolgungszeiten, Zeiten sozialer und politischer Umbrüche vorbehalten, würde sich sehr täuschen. Neben den offenen und sichtbaren Heldentaten, neben solchem Mannesmut, neben den ruhmreichen Wagestücken gibt es gar viele Taten, die nicht weniger heldenhaft sind. Gleich Schattenblumen sprossen und wachsen sie freilich in abgeschiedenen Tälern und Landdörfern, auf den Straßen und in der Sonnenarmut der Städte. Sie sind verborgen und wie zertreten von harten Alltagstritten. Aus schweigsamen, aber deswegen nicht minder großen und starken Seelen gehen sie hervor und wetteifern in der Stille mit den alleredelsten Großtaten, vor denen die Welt bewundernd steht.

Da ist z. B. ein Geschäftsmann, Besitzer großer Industrie-Unternehmungen. Infolge widriger, unvorhergesehener Geschäftskrisen sieht er sich in die Enge getrieben und dem Zusammenbruch nahe. Der sichere Rettungsweg wäre die Zuflucht zu einem jener Mittel, die die leichte Welt entschuldigt und verzeiht, wenn sie von Erfolg gekrönt sind. Der Mann weiß aber auch, dass die christliche Moral diese Mittel verwirft. Er geht nun in sich und befragt als gläubiger Christ sein Gewissen. Und wenn er dann nach dessen Urteil handelt und ein Mittel, das die Gerechtigkeit verletzt, zurückweist, wenn er Zusammenbruch und Elend einer Beleidigung Gottes und der Schädigung des Nächsten vorzieht, ist ein solcher Mann nicht ein Held?

Da ist ein armes Mädchen: Mit dem kargen Lohn, den es erhält, kann es kaum der alten Mutter und den vaterlosen Geschwistern ein Stück Brot geben. Aber tapfer behütet es seine Ehre und sein Herz und weist jede leichte Willfährigkeit entschieden zurück. Unerschrocken verschmäht es das Angebot eines sittenlosen Arbeitgebers und verachtet die reichlichen, aber unsauber erworbenen Gewinne, obwohl diese es doch aus seiner Not befreien könnten. Ist so ein Mädchen nicht eine Heldin?

Und ist nicht eine Heldin das Mädchen, das Märtyrin der Reinheit - Gott die von seinem eigenen Blute purpurn gerötete Lilie seiner jungfräulichen Tugend opfert?

Heldentaten der Gerechtigkeit sind das; Heldentaten christlicher Frauenwürde, Heldentaten, würdig der Engel, Taten verborgener Größe, und sie geseIlen sich zu den Heldentaten in Spitälern und Lazaretten, draußen in den Ländern der Ungläubigen; kurz, wo immer die Seelenstärke sich mit der Liebe zu Gott und zum Nächsten verbindet, wo immer heldenhafter Glaube, heldenhaftes Vertrauen auf Gott, heldenhafte Geduld, heldenhafte, werktätige Liebe die Pfade der Herolde Christi begleitet.

Es kann also nicht überraschen, wenn auch im Schatten der häuslichen Wände ein Heldentum sich verbirgt, das Heldentum der Familie; es kann nicht verwundern, wenn auch das Leben der christlichen Ehegatten sein verborgenes Heldentum hat; außergewöhnliche Heldentaten in harten und tragischen und oft der Welt unbekannten Lagen; ein tagtägliches Heldentum in der unentrinnbaren Aufeinanderfolge von Opfern, die sich stündlich erneuern; Heldentum des Vaters, Heldentum der Mutter, Heldentum bei der zusammen. In einer Unserer nächsten Ansprachen wollen Wir solche Heldentaten der christlichen Ehegatten mehr im einzelnen und eingehender aufzeigen und darlegen.

Indes möchten Wir aber nicht eure Herzen verwirren, liebe Söhne und Töchter, wenn Wir von notwendigen Heldentaten und Heldenopfern sprechen, die euer warten. Noch seid ihr ja ganz der Freude geöffnet über den heiligen Bund, den ihr vor Gott und seinem Diener eben eingegangen seid. Im Gegenteil, Wir möchten nur eure Freude mehren durch Unser Wort. Denn gerade wenn Wir euern Bund tiefer betrachten, sehen Wir, wie er von Christus zum Sakrament erhoben und so zu einem unversieglichen Quell mächtiger Gnaden wurde. Diese Gnaden sind nun immer da, euch zu erleuchten und zu stärken, in jeder Stunde des Opfers, au des außergewöhnlichen, wenn Gott ein solches von euch verlangt.

Das enggeschlungene und unverletzliche Eheband ist Zeichen und Symbol der unauflöslichen Vereinigung Christi mit der Kirche (vgl. Eph, 5. 32), und die christliche Ehe ist für die Kirche nicht weniger als für das christliche Volk die Quelle der Größe und der Unvergänglichkeit.

Auch Weg zur Heiligkeit ist der Bund der christlichen Ehegatten; daher preist und ehrt die Kirche und das gläubige Volk die Helden des Familienlebens und erhebt sie in ihren Tempeln auf die Altäre.

Aus der christlichen Familie holt und sammelt der göttliche Bräutigam der Kirche die Kinder Gottes, gebiert er sie neu im Wasser und im Heiligen Geiste. Aus der christlichen Familie wählt er seine Leviten, ruft er seine Helden der Wohltätigkeit, seine geweihten Jungfrauen, seine Heldinnen der Liebe, seine Priester, die Verbreiter seiner Frohbotschaft, seine Kämpfer, seine Helden im Mönchskleid, die Hirten und Bischöfe seiner Schafe, die Nachfolger seines ersten Stellvertreters in der weltumspannenden Leitung seiner ganzen Herde.

Empor die Herzen, empor den Sinn! Lasst nicht den Mut sinken an der Schwelle eures neuen Lebens! Blickt männlich und tapfer der Zukunft ins Auge!

Gebt sie getrost dem Schutz der gütigen Vorsehung Gottes anheim. In Gottes Händen ruht euer Glück und das Morgenrot eines jeden eurer Tage, sei er gewöhnlich oder außergewöhnlich, sei er heiter oder wolkig. Nie wird Gott zugeben, dass die Prüfung, welcher Art sie auch sei, die Kräfte übersteige, die er euch in seiner nimmermüden Gnade und väterlichen Freigebigkeit schenkt. Ja, seine Gnade ist weit und großzügig im Wohltun. Durch sie werdet ihr schon hienieden in der Treue zu den schwierigsten Pflichten eine der süßesten und tiefsten Freuden eures Lebens finden und verkosten.

Heldentum in der christlichen Ehe 20. August 1941

Wenn Wir so zahlreiche und ergebene christliche Brautpaare hier um Uns versammelt sehen, dann jubelt Unser Herz in freudigem Dank gegen Gott. Denn von Gott stammen die kostbaren Gaben: der Glaube, die Hoffnung und das besondere Vertrauen, das ihr in jenen göttlichen Segen haben dürft, den Unsere Vaterliebe so gern auf euch und eure Wünsche herab ruft. Und wenn göttliches Erbarmen mit dem menschlichen Elend Unserm Flehen Macht und Kraft verleiht, dann wird allmächtig der Segen, der da von Gott hernieder steigt; denn auf sein Wort hin erstehen aus dem Nichts Himmel und Erde, aus der Finsternis die Sonne; aus Erde und Wasser ersteht die ganze lebende Natur. Dann erhebt sich, vom Schöpfer geformt, aus dem Staub der Mensch und empfängt - einem Haue gleich aus göttlichem Munde - eine unsterbliche Seele (Gen. 2,7). Dann vernimmt er, zusammen mit der ihm ähnlichen, aus seiner Seite gebildeten Gefährtin den Segen, der Befehl ist, zu wachsen, sich zu mehren und die Erde zu füllen (Gen. 1, 28).

Ihr aber, liebe Brautpaare, glaubt an den Namen Jesu Christi, unseres Heilandes und Erlösers, und in diesem Namen seid ihr am Altare gesegnet worden, damit durch die Heerschar der Kinder Gottes wachse und die Zahl der Auserwählten voll werde. Diesen hohen Zweck hat Gott verfolgt bei der naturgesetzlichen Einrichtung der Ehe und bei ihrer Erhöhung zur übernatürlichen Würde eines Sakramentes, und zu diesem hohen Zweck hat euch der Herr in Gnade berufen, indem er jenes heilige, unauflösliche Band um euch schlang, das nun eure Herzen und eure Lebenswege in eins verbindet.

Es ist deshalb nicht zu verwundern - darauf wiesen Wir schon in Unserer letzten Ansprache hin - dass ein so adeliger Stand auch Heldenopfer verlangt: außergewöhnliche Heldenopfer in außergewöhnlichen Umständen und Heldenopfer, auferlegt vom täglichen Leben. Heldenopfer, oft verborgen, aber deshalb nicht weniger bewundernswert. Auf sie möchten Wir heute etwas ausführlicher eure Aufmerksamkeit lenken.

Wie in den ersten Jahrhunderten des Christentums, so brechen auch in modernen Zeiten in manchen Ländern der Erde Religionsverfolgungen herein, hier und dort, offen oder hinterhältig, aber deshalb nicht weniger hart. Da können dann die einfachsten Gläubigen von einem Augenblick zum andern sich einer unausweiIichen und entscheidenden Wahl gegenüber finden: Auf der einen Seite steht ihr heiliger Glaube, den sie unversehrt bewahren sollen, auf der andern ihre Freiheit, die Mittel für ihren Lebensunterhalt, ja ihr Leben selbst.

Aber auch in normalen Zeiten, in den gewöhnlichen Wechselfällen und Lagen der christlichen Familie, kommt es manchmal vor, dass sich die Seelen schroff und plötzlich vor die Wahl gestellt sehen, entweder eine unumgängliche Pflicht zu verletzen, oder sich harten und schmerzlichen Opfern und Gefahren auszusetzen. Gefahren für die Gesundheit, das Eigentum, die Stellung in Familie und Gesellschaft; so sind sie denn gezwungen, heldenhaft zu sein und heldenhaft sich zu erweisen, wenn sie treu ihren christlichen Pflichten und standhaft in der Gnade Gottes bleiben wollen.

Als Unsere Vorgänger seligen Angedenkens, besonders Papst Pius XI. in seiner Enzyklika »Casti connubii« die heiligen und unausweichlichen Gesetze des ehelichen Lebens wieder dem Gedächtnis einprägten, da überlegten sie gut und gaben sich vollständig Rechensaft darüber, dass in nicht wenigen Fällen von den christlichen Eheleuten ein wahrer Heroismus verlangt werde, wenn sie diese Gesetze unverbrüchlich beobachten wollen. Oft mag es darum gehen, den von Gott gewollten Zweck der Ehe zu achten oder den brennenden und verführerischen Stürmen der Leidenschaften und Triebe zu widerstehen, die einem unruhigen Herzen einflüstern möchten, anderswo zu suchen, was es in der gesetzmäßigen Vereinigung nicht gefunden oder nicht so vollständig gefunden zu haben glaubt, wie es gehofft hatte.

Dann wieder mag es darum gehen, die Stunden des Verzeihens herbeizuführen, einen Streit, eine Beleidigung, einen vielleicht schweren Zusammenstoß vergessen zu können, um nicht das Band der Herzen und der gegenseitigen Liebe zu zerreißen oder zu lockern. Wie viele Seelenkämpfe entstehen da, Kämpfe, die hinter dem Schleier des täglichen Lebens ihre Bitterkeit und Not entfalten! Wie viele verborgene Heldenopfer! Wie viele Seelennot, wenn man treu christlich zusammenleben und auf seinem Posten und in seiner Pflicht ausharren will!

Und das tägliche Leben selbst: wie viel Seelenkraft verlangt es oft! Wenn man so jeden Morgen zur gleichen, vielleicht groben und in ihrer Eintönigkeit widrigen Arbeit zurückkehren muss; wenn man, noch mit einem Lächeln auf den Lippen, freundlich und froh die gegenseitigen Mängel erdulden, die nie überwundenen Gegensätze, die kleinen Verschiedenheiten in Geschmack, Gewohnheiten und Ideen ertragen soll, die doch nicht selten im gemeinsamen Leben auftauchen; wenn man bei allerlei kleinen Vorfällen und oft unvermeidlichen Schwierigkeiten die Gelassenheit, die gute Laune, nicht verderben und schwinden lassen soll; wenn es gilt, bei einer kalten Begegnung sich zu helfen mit weisem Schweigen, zeitigem Einstellen der Klagen; wenn man das harte Wort, das wohl die gereizten Nerven entspannen könnte, dafür aber eine dumpfe Wolke in der Atmosphäre der häuslichen Wände verbreiten müsste, in ein gütiges umändern soll! Tausend kleine Nebensachen, tausend flüchtige Augenblicke des täglichen Lebens, von denen jeder eine Kleinigkeit ist, fast ein Nichts; aber wenn sie ständig aufeinanderfolgen und sich häufen, werden sie schließlich zu einer schweren Last. Und doch ist zu einem weitaus großen Teil der Friede und die Freude eines Heimes gestützt und auf gebaut nur auf das gegeneitige Ertragen der Fehler und Schwächen.

Quell, Nahrung und Halt der Freude und des Familienfriedens ist aber in besonderer Weise die Frau, die Gattin, die Mutter. Ist nicht sie es, die den Vater mit den Söhnen eint und bindet und in der Liebe zusammenwachsen lässt? Die in ihrer Liebe gewissermaßen die Familie in sich zusammenfasst, sie überwacht und behütet, sie beschützt und verteidigt? Sie ist das Lied der Wiege, das Lächeln der Kinder, der rotbackigen und muntern, der weinenden und kranken; sie ist die erste Lehrerin, die ihnen vom Himmel erzählt; sie heißt Buben und Mädchen vor dem Altar niederknien; sie gibt ihnen nicht selten die edelsten Gedanken und Wünsche ein. Gebt uns eine Mutter, die in ihrem Herzen ebenso tief die geistige wie die natürliche Mutterschaft fühlt, und Wir werden in ihr die Heldin der Familie sehen, die starke Frau, die Frau, der man lobsingen kann mit dem Lied des Königs Samuel im Buch der Sprüche: »Ihr Gewand ist Kraft und Adel. So schaut sie froh in die Zukunft. Sie tut in Weisheit auf ihren Mund. Auf ihrer Zunge ist das Gesetz der Güte. Sie achtet auf des Hauses Ordnung, genießt nicht in Trägheit ihr Brot. Und ihre Söhne stehen auf und preisen sie glücklich; ihr Mann, er spendet ihr Lob.« (Spr, 31, 25-28).

Und noch ein anderes Lob lasst Uns der Mutter und der starken Frau singen: das Lob im Heldentum des Leidens. Denn oft ist sie in der Schule des Unglücks, der Trauer und der Mühsale furtloser, unerschrockener und gefasster als der Mann, weil sie es versteht, aus der Liebe das Leiden zu lernen.

Schaut die frommen Frauen im Evangelium, die Christus nachfolgen, die ihm mit ihrem Vermögen dienen und ihn auf dem Weg nach Kalvaria wehklagend begleiten bis zum Kreuz. (Lk, 8,1-3; 23, 27). Das Herz Christi ist ganz Barmherzigkeit für die Tränen der Frau; das erfuhren die weinenden Schwestern des Lazarus, die trauernde Witwe von Naim; das erfuhr Magdalena, als sie an seinem Grabe weinte. Und auch heute, in dieser so blutigen Stunde: Wer kann sagen, wie vielen Witwen von Naim, wie vielen Müttern die Güte des Erlösers - auch wenn er ihnen den gefallenen Sohn nicht auferweckt - den Balsam seines trostvollen Wortes ins Herz träufelt: »Weine nicht!« (Lk, 7, 13).

Zweifelt nicht, liebe Brautpaare, und schaut vertrauensvoll auf zum hohen Ziel des Heldentums auf dem Lebensweg, den ihr gehen wollt. Es war noch immer so, dass man von den kleinsten Dingen zu den großen fortschreitet und dass die Tugend eine Blume ist, die den bereits gewachsenen Stengel krönt, nachdem ihn die ausdauernde Mühe eines jeden Tages begossen hat. Das ist das alltägliche Heldentum der Treue zu den gewohnten und einfachen Pflichten des gewöhnlichen Lebens, ein Heldentum, das die Seelen formt und bereitet, sie erhebt und stählt für die Tage, in denen Gott von ihnen vielleicht ein außergewöhnliches Heldentum verlangt.

Sucht nicht anderswo die Quelle solchen Heldentums! In den Wechselfällen des Familienlebens, wie überhaupt in allen Umständen des menschlichen Lebens, hat das Heldentum seine wesentliche Wurzel im tiefen und alles beherrschenden Gefühl der Pflicht, jener Pflicht, mit der sich nicht verhandeln und markten lässt, die allem und jedem vorzugehen hat. Dieses Pflichtgefühl bedeutet für den Christen: bewusste Anerkennung der Hoheitsgewalt Gottes über uns, seiner herrschaftlichen Autorität, seiner herrscherlichen Güte; es lehrt uns, wie der klar geoffenbarte Wille Gottes kein Verhandeln duldet, sondern jedem Ding auferlegt, sich ihm zu beugen. Dieses Gefühl lässt vor allem andern eines begreifen, dass nämlich dieser göttliche Wille die Stimme einer unendlichen Liebe für uns ist. In einem Wort: Es ist nicht das Gefühl einer nackten Pflicht oder eines übermächtigen, unerbittlichen und feindseligen Gesetzes, das die menschliche Freiheit des Wollens und Handeins erdrückt, sondern es ist das Gefühl, das Antwort und Ja sein will zu den Forderungen einer Liebe, einer großzügigen Freundschaft, die die mannigfaltigen Weschelfälle unseres Lebens hienieden überragt und lenkt.

Ein so mächtiges christliches Pflichtgefühl wird in euch wachsen, liebe Söhne und Töchter, und stärker werden mit der ausdauernden Treue zu euren, auch den niedrigsten Amtspflichten und täglichen Obliegenheiten. Die geringsten Opfer, die kleinen Siege über euch selber verwurzeln und verstärken von Tag zu Tag mehr die edle Gewohnheit, euch nicht um Eindrücke, Anstoß oder Widerwärtigkeiten zu kümmern - mögen sie sich no so oft auf dem Pfad eures Lebens erheben -, wenn es sich darum handelt, eine Pflicht, einen Willen Gottes zu erfüllen. Das Heldentum ist nicht Frucht eines Tages, noch reift es an einem Morgen. Nein, in langsamen Aufstiegen formen sich und wachsen die großen Seelen, um bereit zu sein - wenn sich die Gelegenheit bietet - zu glorreichen Taten und zu Triumphen, die uns mit Bewunderung erfüllen. ... (Segen).

Unterordnung und Überordnung: 1. Mann und Frau 10. September 1941

Vor einigen Tagen habt ihr, liebe Brautleute, vor Gottes Angesicht und in Gegenwart des Priesters ein großes Sakrament empfangen. Ihr selbst seid seine Spender gewesen, in dem Augenblick, da ihr euer feierliches und freies Jawort ausgetauscht und euch so zu einer unauflöslichen Lebensgemeinsaft verpflichtet habt. Bei dieser heiligen Handlung habt ihr euch vollkommen gleichberechtigt gefühlt im Sein und im Tun; der Ehevertrag ist also von euch geschlossen worden in voller Unabhängigkeit, als ein Vertrag zwischen Personen von vollkommen gleichen Rechten. Eure menschliche Würde offenbarte sich da in der ganzen Größe ihres freien Willens. Aber in demselben Augenblick habt ihr ach eine Familie gegründet. Nun ist aber jede Familie eine Lebensgemeinschaft, und jede wohlgeordnete Gemeinschaft verlangt ein Haupt; alle Gewalt des Hauptes kommt von Gott. Also hat auch die Familie, die ihr gegründet, ein von Gott mit Autorität ausgestattetes Haupt: Autorität hat dieses Haupt über jene, die sich ihm zur Gefährtin gegeben und die mit ihm den ersten Kern der neuen Gemeinsaft bildet und Autorität hat es über jene, die, wenn der Herr den Segen gibt, sie vermehren und erfreuen werden wie üppige Schösslinge am Stamme des Ölbaums.

Und diese Autorität des Familienhauptes kommt von Gott, wie einst von Gott die Würde Adams kam und seine Autorität als erstes Haupt des Menschengeschlechtes. Als solches ward Adam ausgestattet mit zahlreichen Gaben, die er seinen Nachkommen übermitteln sollte: »Darum ward er auch zuerst erschaffen«, sagt der heilige Paulus »und dann erst Eva, und nicht Adam ließ sich betören, sondern die Frau ward verführt und kam zu Fall.« (1. Tim, 2, 13-14). Wie viel Schaden hat doch der Vorwitz der Eva, ihre Neugier, die schöne Frucht des irdischen Paradieses zu sehen, und das Gespräch mit der Schlange in die Welt gebracht: wie viel Unheil über den ersten Mann, über Eva selbst, über alle ihre Kinder und auch über uns! Nicht nur Kummer und Schmerzen ohne Zahl hat es Eva gekostet; nein, nach Gottes Wort sollte sie nun auch ihrem Manne untertan sein (Gen. 3. 16).

Christlie Gattinnen und Mütter, nie soll euch das Verlangen ankommen, das Szepter in der Familie euch anzumaßen. Euer Szepter - ein Szepter der Liebe - sei jenes, das der Völkerapostel euch in die Hand gibt: euer Heil zu erlangen durch Erfüllung der Mutterpflicht, wenn ihr im Glauben, in der Liebe und in der Selbstheiligung und in einem sittsamen Leben verharrt (1. Tim. 2, 15).

Was die Heiligkeit betrifft, sind beide Gatten in gleicher Weise unmittelbar mit Christus verbunden durch die Gnade. Denn tatsächlich sind »alle, die in Christus getauft sind und Christus angezogen haben, Kinder Gottes» schreibt der heilige Paulus - »da gibt es keinen Unterschied: Mann oder Frau; alle sind eins in Christus Jesus.« (Gal. 3, 26-28). Anders verhält es sich dagegen mit der Stellung in der Kirche und in der Familie, insofern Kirche und Familie sichtbare Gemeinschaften sind. Darum mahnt der gleiche Apostel: »Ich möchte aber, dass ihr es wohl beamtet: Das Haupt eines jeden Mannes ist Christus, das Haupt der Frau ist der Mann, das Haupt Christi ist Gott.« (1. Kor, 11,3). Wie Christus als Mensch Gott unterworfen ist, wie jeder Christ Christus unterworfen ist als dessen Glied, so ist die Frau dem Manne untertan, der kraft der Ehe mit ihr »ein Fleisch« (Mt. 19, 6) geworden ist. Der große Apostel fühlte, dass er diese Wahrheit und diese Grundtatsache den Neubekehrten von Korinth einschärfen musste. Denn gar viele Ansauungen der heidnischen Welt konnten sie das leicht vergessen und nicht oder falsch verstehen lassen.

Fände nicht Paulus, wenn er zu vielen Christen von heute zu sprechen hätte, das Bedürfnis nach ähnlichen Mahnungen vor? Weht nicht durch unsere Zeit eine ungesunde Luft wiedererstandenen Heidentums? Durch die Zulassung zu vielen Berufen, zu Kunst und Handwerk, durch die Aufnahme von Männern und Frauen in Werkstätten, Büros und in viele Ämter haben die wirtschaftlichen und sozialen Zustände vielfach ganz neue Lebensbedingungen geschaffen. Sie zielen darauf ab, praktisch eine weitgehende Angleichung des Arbeitsfeldes von Mann und Frau herzustellen und einzuführen. Nicht selten kommt es dann so, dass die Gatten sich in einer Lage befinden, die schon fast Gleichheit zu nennen ist. Oft üben ja Mann und Frau gleichartige Berufe aus und leisten mit ihrer persönlichen Arbeit zum Familienhaushalte fast den gleichen Beitrag, Gleichzeitig zwingt sie die Arbeit, ziemlich unabhängig voneinander zu leben.

Und die Kinder, die Gott ihnen schickt? Wer bewacht sie, wer behütet, erzieht und belehrt sie? Ihr seht sie, Wir wollen nicht sagen verwahrlost, wohl aber sehr oft gleich von Anfang an fremden Händen anvertraut, mehr von andern geformt und geführt als von ihrer Mutter. Die Mutter wird ja durch die Ausübung ihres Berufes von ihnen ferngehalten. Kein Wunder, wenn der Sinn für Familienunterordnung abnimmt und überhaupt allmählich verloren geht, da keine Herrschaft des Vaters und keine Umsicht der Mutter mehr das häusliche Zusammenleben froh und liebenswürdig gestalten.

Und doch könnte die christliche Eheauffassung, wie sie der heilige Paulus seine Jünger zu Ephesus und ebenso zu Korinth lehrte, nicht deutlicher und klarer sein: »Die Frauen sollen ihren Männern untertan sein wie dem Herrn; denn der Mann ist das Haupt der Frau, wie Christus das Haupt der Kirche ist ... Wie die Kirche Christus untertan ist, so sollen es auch die Frauen in allem ihren Männern gegenüber sein. Und ihr Männer, liebt eure Frauen, wie Christus die Kirche geliebt und sich für sie hingegeben hat... Ein jeder von euch soll seine Frau lieben wie sich selbst. Die Frau aber soll Ehrfurcht haben vor ihrem Manne.« (Eph, 5, 22-25. 33).

Was ist diese Lehre Pauli anders als die Lehre Christi? Darum kam der göttliche Erlöser in die Welt, um wieder herzustellen, was das Heidentum niedergerissen hatte.

Athen und Rom, diese Leuttürme der Kultur, hatten wohl viel natürlies Licht über den Aufbau der Familie verbreitet. Aber weder mit dem hohen Geistesflug der Philosophie noch mit der Weisheit der Gesetzgebung, noch mit der Strenge der Strafen gelang es ihnen, der Frau ihren eigentlichen Platz in der Familie anzuweisen.

In der römischen Welt war die Familienmutter zwar geachtet und geehrt. Der Name Frau »besagt Würde, nicht Lust« (Spartiani Aelius Verus 5, 12: »Uxor dignitatis nomen est non voluptatis«). Aber nach dem alten römischen Gesetz war sie rechtlich doch völlig der unbegrenzten Gewalt des Gatten oder Familienvaters ausgeliefert; er übte im Hause die volle Herrschaft aus (Ulpianus L. 195, 2 D. De v. s. 50, 16; »... qui in domo dominum habet«). Denn auch die Gattin stand »in der Gewalt und Botmäßigkeit des Gatten oder jenes Mannes, in dessen Gewalt und Botmäßigkeit der Gatte stand.« (Gellii Noctium Attic. XVIII, 6,9: » ... in mariti manu mancipioque, aut in ejus, in cujus manu mancipioque maritus esset«) Darum rief der strenge Sittenrichter Cato vor dem rörnischen Volk aus: »Unsere Ahnen ließen die Frauen kein Geschäft, auch kein privates, selber erledigen ohne ihren Vormund; sie sollten ganz in der Gewalt der Eltern, Brüder oder Gatten stehen.« (Tit, Liv, Ab Urbe cond. I. 34 c. 2: »Majores noslri nullam, na privatam quidem rem aqgere feminas sine tutore auctore voluerunt; in manu esse parentum, fratrum, virorum«).

Aber in den spätern Jahrhunderten geriet das ganze Familienrecht der Alten außer Gebrauch (Galii institut, III 17); jene eiserne Disziplin verschwand, und die Frauen wurden praktisch unabhängig von jeder Autorität des Gatten.

Zweifellos gab es noch immer vorbildliche, edle Frauen und ausgezeichnete Mütter, Nachfolgerinnen der alten Matronen, so jene Ostoria, eine Frau aus vornehmer Familie, von der ein neu entdeckter Sarkophag in den Vatikanischen Grotten kündet. Wir haben ihn schon ein andermal erwähnt; er stammt wahrscheinlich aus dem 3. Jahrhundert nach Christus und trägt in seiner Inschrift folgendes Lob: »Ostoria, eine Frau von unvergleichlicher Keuschheit und beispielhafter Gattenliebe« (Inconarabilis (sic) castitatis et amoris erga maritum exempli feminae). Das ist für uns auch ein Beleg, dass soIche Tugenden der Keuschheit und ehelichen Treue, obwohl damals schon recht selten geworden, doch den Römern immer noch Achtung abnötigten.

Aber zu solch untadeligen Charakteren stand in scharfem Gegensatz die stets wachsende Zahl von Frauen, besonders aus der höheren Gesellsaft, die Abneigung und Abscheu vor den Mutterpflichten empfanden und nach Beschäftigungen und Stellungen strebten, die bis anhin ausschließlich den Männern zukamen. Die Ehescheidungen mehrten sich; die Familie löste sich mehr und mehr auf; weibliche Sitte und weibliches Empfinden glitten weit ab vom geraden Weg der Tugend, so weit, dass Seneca in die bekannte bittere Klage ausbrach: »Gibt es wohl noch eine Frau, die sich schämen würde, die Ehe aufzulösen, jetzt, nachdem hochstehende und vornehme Damen ihre Jahre nicht mehr nach den Konsuln, sondern nach der Zahl ihrer Männer zählen; Damen, die sich scheiden, um zu heiraten und heiraten, um sich zu scheiden? (Seneca, De beneficis lib. III, 16, 2).

Die Frau hat eine große Macht über die öffentliche und private Sitte; denn sie hat eine große Macht über den Mann. Erinnert euch, dass Eva, von der Schlange verführt, die verbotene Frucht dem Adam gab, und erst dann aß auch Adam davon.

Die rechte Über- und Unterordnung in der Familie ist zu ihrer Einheit und zu ihrem Glück unerlässlich. Sie wieder herzustellen und zugleich der ehelichen Liebe ihre ursprüngliche, wahre Größe wiederzugeben, das war eine der größten Taten des Christentums. Sie begann an jenem Tage, da Christus den Pharisäern und der ganzen Welt offen erklärte: »Was Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen« (Mt. 19, 6).

Die wesentliche, naturhafte Rangordnung liegt in der Reinheit der Ehe beschlossen. Um ihretwillen hat die göttliche, schöpferische Vorsehung Mann und Frau mit verschiedenen Eigenschaften ausgestattet, die sich aber gegenseitig ergänzen sollten. »Weder der Mann ohne die Frau, noch die Frau ohne den Mann, im Herrn« (Mt. 19, 6), rief der heilige Paulus aus. Dem Mann eignet der Vorrang in der Einheit, die Körperkraft, die nötige Arbeitsfähigkeit, mit der er den Unterhalt der Familie erwerben und sicherstellen soll; zu ihm wurde ja gesagt: »Im Schweiße deines Angesichtes wirst du dir dein Brot verdienen« (Gen. 3, 19)! Der Frau hat Gott vorbehalten die Leiden der Geburt, die Beschwerden des Stillens und der ersten Erziehung der Kinder. Keine, auch die größte Sorgfalt fremder Personen kann je all den hingebenden Eifer der Mutterliebe ersetzen.

Wir haben also gesehen, dass der Völkerapostel entschieden an der Abhängigkeit der Frau vom Manne festhält, wie sie schon auf den ersten Seiten der Offenbarung (Gen. 3. 16) festgelegt ist. Aber er erinnert auch daran, dass Christus, voll Erbarmen für uns und für die Frau, uns gelehrt hat, das Restchen Bitterkeit, das im alten Gesetz noch auf dem Grunde zurückblieb, zu versüßen, zu versüßen durch die Liebe. Er selbst hat das vorgebildet in seiner göttlichen Vereinigung mit der Kirche, die er durch sein gebenedeites Blut sich angetraut hat: ja, eine starke Liebe, eine Liebe gleich jener, die Christus mit seiner Kirche verbindet, die kann die Autorität des Hauptes und die Untertänigkeit der Frau verklären, ohne sie im geringsten herabzumindern. In der tätigen wechselseitigen Liebe können und sollen die feste Führung des Gatten und der fügsame, ehrerbietige Gehorsam der Gattin zu selbstloser und großmütiger, gegenseitiger Hingabe gelangen. So soll auch der häusliche Friede geboren und gefestigt werden. Der Friede ist ja die Frucht aus Ordnung und Liebe; er wird vom heiligen Augustinus genannt: eine geordnete Eintracht im Befehlen und Gehorchen zwischen denen, die zusammenleben (Augustinus, De civit. Dei I. 19, c. 14: Ordinata imperandi oboediendique concordia cohabitantium). So soll das Muster einer christlichen Familie sein.

Ihr, junge Männer, seid mit Befehlsgewalt ausgestattet worden. An eurem Herd ist jeder von euch Haupt, mit allen Pflichten und mit der ganzen Verantwortung, die dieser Titel in sich schließt. Zögert und zaudert also nicht, diese Gewalt auszuüben, entzieht euch diesen Pflichten nicht, flieht nicht vor der Verantwortung! Nie soll Lässigkeit, Gleichgültigkeit, Ichsucht oder Zeitvertreib euch das von Gott anvertraute Steuerruder eures Familienschiffleins aus den Händen nehmen.

Aber wenn ihr eure Autorität nun geltend macht und ausübt über jene, die ihr zu eurer Lebensgefährtin erwählt habt, von wie viel Zartgefühl, von wie viel Achtung und Liebe muss sie da jederzeit, in Freud oder Leid, geleitet sein!

Euer Befehl - so lehrt der große Bischof von Hippo, den Wir eben nannten - sei so gütig wie ein Rat; dann wird er zum Gehorsam ermutigen und ihn erleichtern. Im Hause des Christen der im Glauben lebt und noch fern von der himmlischen Heimat als Fremdling wandert, da sind auch die Befehlenden Diener jener, denen sie zu befehlen scheinen. Denn sie befehlen nicht aus Herrschsucht, sondern weil es ihre Pflicht ist, zu raten, nicht aus Stolz, sondern weil ihr Herz ihnen die Sorge eingibt (Ebd.).

Nehmt euch ein Beispiel am heiligen Josef! Mit sich selbst verglichen, hielt er die heilige Jungfrau für besser als sich selbst, für heiliger, erhabener; in unbeschränkter Hochachtung verehrte er in ihr die Königin der Engel und Menschen, die Mutter seines Gottes. Und doch blieb er auf seinem Posten als Haupt der Heiligen Familie und kam all den hohen Pflichten nach, die dieses Amt ihm auflud.

Und ihr, junge Frauen, erhebt eure Herzen! Seid nicht damit zufrieden, diese Autorität des Gatten hinzunehmen oder gewissermaßen sie zu ertragen, wo Gott selber in der Natur- und Gnadenordnung euch dieser Autorität unterstellt hat; nein, ihr sollt sie in aufrichtiger Unterwerfung lieben, lieben mit der gleichen ehrfürchtigen Liebe, die ihr zur Autorität unseres Heilandes selber hegt; denn von ihm stammt die Gewalt eines jeden Hauptes.

Wir wissen sehr wohl: die Gleichstellung in den Studien, in Schule und Wissenschaft, in Sport und Wettkampf weckt in nicht wenigen weiblichen Herzen ein stolzes Gefühl. Auch ihr seid moderne, unabhängige, junge Frauen, und so mag vielleicht eure argwöhnische Empfindsamkeit nur schwer sich einer häuslichen Unterordnung fügen. Rund um euch werden viele Stimmen euch die Unterwerfung als etwas Ungerechtes schildern; sie werden euch die Idee von einer stolzeren Herrschaft über euch selber beibringen wollen, immer wieder werden sie es euch vorsagen, dass ihr in allem euren Gatten gleich, ja in mancher Hinsicht ihnen überlegen seid. Lasst euch nicht wie Eva von diesen verführerischen und verlockenden Schlangenstimmen betören; lasst euch nicht abbringen vom Wege, der allein auch hienieden euch zum wahren Glück führen kann!

Es gibt eine wichtige Unabhängigkeit, auf die ihr ein heiliges Recht habt; das ist die Unabhängigkeit einer standhaft christlichen Seele gegenüber den Zumutungen des Bösen. Da, wo eine Pflicht aufsteht und euch Sinn und Herz zur Wachsamkeit aufruft; dann wenn man von euch irgend etwas fordert, was gegen die unausweichlichen Gebote des göttlichen Gesetzes, gegen eure unveräußerlichen Pflichten als christliche Gattinnen und Mütter wäre, da steht fest, da verteidigt taktvoll, ruhig, in Liebe, aber entschieden und unbeugsam die ganze, unveräußerliche, heilige Unabhängigkeit eures Gewissens. Es gibt im Leben oft Tage und Stunden, in denen ein Heldenmut aufleuchtet und ein Sieg erfochten wird, dessen einzige, unsichtbare Zeugen nur die Engel und Gott sind.

Im übrigen aber, wenn man von euch verlangt, dass ihr einen Wunschtraum oder eine persönliche Vorliebe opfert, sei sie auch noch so berechtigt, dann freut euch! Denn dieser geringe Verzicht findet seinen Lohn. Ihr gewinnt dadurch von Tag zu Tag mehr das Herz des Mannes, das sich euch hingegeben hat; dadurch wächst und festigt sich ständig das innige Einssein im Denken, Fühlen und Wollen.

Dieses Einssein allein ist imstande die euch anvertraute hohe Sendung an euren Kindern euch leicht und lieb zu machen; dagegen würde jede Misshelligkeit unter euch diese Sendung aufs empfindlichste stören.

In jeder Familie und überall, wo zwei oder mehr Personen sich zusammenfinden und ein gemeinsames Ziel erstreben, ist eine Führung, eine Autorität unumgänglich notwendig. Sie muss die Einheit wirksam behüten, sie muss die Einzelglieder auf das gemeinsame Ziel ausrichten und zu ihm hinleiten. Darum müsst ihr dieses Band, das aus beiden ein einziges Wollen macht, lieben, mag auf dem Pfad des Lebens der eine vorangehen, der andere nachfolgen; ihr müsst es lieben mit der ganzen Liebe, die ihr zu eurem heimischen Herde hegt. .... (Segen)

Unterordnung und Überordnung: 2. Eltern und Kinder 24. September 1941

Mit viel Freude und großer Hoffnung habt ihr, liebe Brautleute, vor dem Priester, zu Füßen des Altares eine Familie gegründet. Um jede Familie, die da heranwächst, schlingt sich für gewöhnlich ein starkes Doppelband: das Band, das die Gatten unter sich und die Eltern mit ihren Kindern unter einem gemeinsamen Dach innig zusammenschließt.

Beim ersten Kinderweinen aus der Wiege frohlockt die Mutter, frohlockt der Vater, frohlocken die Verwandten und Freunde. Und indes so das Morgenrot aufgeht über einem jungen Leben, da macht auch zum ersten Mal die Autorität des Vaters und dann die der Mutter sich geltend. In heiligem Pflichtgefühl sind sie eifrig darum besorgt, dass bald durch die Taufe aus dem Neugeborenen ein Gotteskind werde, dass das Taufwasser seine Erbsünde abwasche, ihm das Leben der Gnade mitteile und die Pforten des Paradieses öffne; denn der Kinder ist ja das Himmelreich (Mt. 19, 14). Wie muss dieser Gedanke einen Vater mit Stolz erfüllen, der sich seines Glaubens an Christus rühmt; wie muss er eine Mutter aufrichten, der das Heil ihrer Kinder lieb ist! Jedes Kind, das so in der Taufe das Siegel göttlicher Kindschaft empfängt und am Quell übernatürlichen Wassers trinkt, tritt gleichsam seinen Lebensweg an im Schoß der Kirche und aus der Kirche wandert es hinaus auf die unsichern und gefährlichen Straßen der Welt.

Was wird aus diesem Kinde werden? (Lk. 1, 66) Kinder sind wie Schilfrohre, die vom Wind hin und her bewegt werden; sind wie Blumen, denen stürmische Winde manchmal die Blütenblätter zerzausen; sind wie unberührte Gartenbeete, in die Gott die Samenkörner des Guten gelegt hat. Aber auch die Hoffart des Lebens, die Augenlust und Genusssucht (vgl. 1. Joh. 2, 16) wohnen schon von Jugend auf im menschlichen Herzen und sein Sinnen und Denken ist zum Bösen geneigt (Gen. 6, 21). Wer wird diese Schilfrohre kräftigen? Wer wird diese Blüten beschützen? Wer wird diese Beete pflegen, die Samenkörner des Guten zum Keimen bringen und die Nachstellungen des Bösen von ihnen fernhalten? In erster Linie ist es die Autorität, die über die Familie und die Kinder gesetzt ist: eure Autorität, o Eltern!

Väter und Mütter beklagen sich heutzutage oft, sie brächten es nicht mehr zustande, dass ihre Kinder ihnen gehorchten. Störrische Kinder, die sich von niemand etwas sagen lassen. Eine heranwachsende .lugend. die jede Führung verschmäht. Jungen und Mädchen, die sich keinen Rat gefallen lassen, die taub sind für jedes Mahnwort, voll eifersüchtigen Ehrgeizes bei Spiel und Wettkampf. Alles wollen sie nach ihrem eigenen Kopf machen und meinen, sie allein verstünden die Erfordernisse des modernen Lebens. Kurz - so behauptet man - das neue Geschlecht ist für gewöhnlich (es gibt auch viele herrliche Ausnahmen) nicht geneigt, sich der Autorität des Vaters und der Mutter zu beugen.

Und was ist der Grund für dieses unbotmäßige Verhalten? Meistens antwortet man auf diese Frage, es gehe den Kindern heutzutage der Sinn ab für Unterordnung, für die schuldige Achtung gegenüber den Eltern und ihrer Stimme. Ein glühender, jugendlicher Stolz ist gleichsam die Luft, in der sie leben; in ihr zielt alles darauf ab, jede Ehrerbietung den Eltern gegenüber zu untergraben und auszurotten. Alles, was sie um sich sehen und hören, ist dazu angetan, ihren natürlichen und ungebändigten Drang nach Unabhängigkeit, ihre Verachtung alles Vergangenen, ihre Gier nach dem Kommenden zu mehren, zu entflammen und zu verschärfen.

Wenn Wir nun zu Kindern oder Jugendlichen sprächen, dann würden Wir jetzt den Ursachen einer solchen Widerspenstigkeit und des weitverbreiteten Ungehorsams nachgehen und sie untersuchen. Da Wir aber das Wort an euch richten, liebe Brautpaare, die ihr recht bald die väterliche und mütterliche Autorität auszuüben habt, wollen Wir eure Aufmerksamkeit auf eine andere Seite dieses so wichtigen Gegenstandes lenken.

Ob eine Autorität unter normalen Umständen Geltung hat, hängt nicht nur von denen ab, die gehorchen müssen, sondern auch und in hohem Maße, von jenen, die zu befehlen haben. Um es deutlicher auszudrücken: es sind zwei ganz verschiedene Dinge, das Recht auf Autorität, das Recht zu befehlen, und jene moralische Überlegenheit, die der Autorität Kern und Stern ist. Erst diese Überlegenheit gibt ihr Geltung und Wirkung, macht, dass sie bei den andern durchdringt und sich tatsächlich Gehorsam zu verschaffen weiß. Das erste, das Recht auf Autorität, wird euch von Gott verliehen in dem Augenblick, da ihr Vater und Mutter werdet. Das zweite, die moralische Überlegenheit, müsst ihr euch selber erwerben und dann bewahren; sie kann verlorengehen; sie kann auch vermehrt werden. Das erste allein, das Recht zu befehlen, wird bei euren Kindern wenig erreichen, wenn es nicht Hand in Hand geht mit dem zweiten, einem ganz persönlichen Einfluss und einer persönlichen Autorität über sie. Diese erst wird euch einen wirklichen Gehorsam verbürgen.

In welcher Weise, mit welch kluger Kunst könnt ihr nun eine solche moralische Macht euch aneignen, erhalten und vertiefen? - Manchen Menschen hat Gott die natürliche Gabe geschenkt, befehlen zu können. Es ist eine kostbare Gabe. Oft ist es schwer zu sagen, ob sie ganz in der Seele wurzelt oder ob sie zum großen Teil in der äußern Erscheinung, im Gehaben, im Wort, im Blick, in der Miene gründet. Auf jeden Fall aber ist sie auch zugleich eine Gabe, die man fürchten muss. Wenn ihr sie besitzt, so missbraucht sie nicht im Umgang mit euren Kindern! Es könnte sonst Furcht deren Seelen verschließen und verriegeln und ihr könntet wohl Sklaven aus ihnen machen, nicht aber anhängliche Söhne und Töchter. Bändigt diese Kraft durch eine wachsende Liebe! Die Liebe soll die Anhänglichkeit der Kinder erwidern mit einer milden, geduldigen, besorgten und ermutigenden Güte. Hört, wie der große Apostel Paulus euch mahnt: »Ihr Väter, erbittert eure Kinder nicht, damit sie nicht mutlos werden.« (Kol. 3, 21). Denkt daran, ihr Eltern, dass die Strenge nur dann verdienstlich ist, wenn sie sich paart mit der Milde des Herzens. Milde mit Autorität verbinden, heißt siegen und triumphieren in dem Kampf, den eure Elternpflicht euch auferlegt.

Übrigens ist für alle, die befehlen, die grundlegende Bedingung einer heilsamen Herrschaft über die Willen anderer, die Herrschaft über sich selber, über die eigenen Leidenschaften und Launen. Eine Autorität ist nur dann stark und geachtet, wenn die Untergebenen es in ihrer Seele spüren, wie sie geleitet ist von der Vernunft, vom Glauben und vom Pflichtbewusstsein; dann empfinden sie nämlich, dass der Pflicht von der andern Seite auch die Pflicht von ihrer Seite zu entsprechen hat. Wenn ihr euren Kindern befehlt, ihnen Verweise erteilt, und das alles nur aus Augenblickseindrücken entspringt, aus Ungestüm und Ungeduld, aus Einbildungen oder blinden, schlecht beherrschten Gefühlen, so kann es gar nicht anders sein, als dass diese Befehle und Verweise sich zuallermeist als willkürlich, zusammenhanglos, vielleicht auch als ungerecht und schlecht angebracht erweisen. Heute z. B. stellt ihr an diese armen Kleinen ganz unvernünftige Anforderungen mit unerbittlicher Strenge; morgen lasst ihr ihnen alles durchgehen. Zuerst schlagt ihr ihnen die kleine Bitte ab und einen Augenblick später gewährt ihr sie, müde gemacht von ihrem Weinen und Trotzen und überhäuft sie dabei noch mit einem Erguss von Zärtlichkeiten, nur um endlich Schluss zu machen mit einer Szene, die euch auf die Nerven geht. Ja, warum versteht ihr es denn nicht, eure Laune zu beherrschen, eure Phantasie zu zügeln, euch selbst in der Gewalt zu haben, während ihr euch abmüht. eure Kinder im Zaun zu halten? - Wenn ihr in manchen Augenblicken euch selbst nicht ganz in der Gewalt zu haben glaubt, dann verschiebt auf später, auf eine bessere Stunde, den Tadel, den ihr aussprechen wollt, die Strafe, die ihr auferlegen zu müssen glaubt. In der gelassenen, ruhigen Festigkeit eures Geistes wird euer Wort und eure Züchtigung ganz anders, viel erzieherischer und einflussreicher wirken als die Ausbrüche einer schlecht beherrschten Leidenschaftlichkeit.

Bedenket stets: die Kinder, selbst die kleinsten, sehen alles, beobachten alles und merken es sofort, wenn eure Laune umschlägt. Von der Wiege an, kaum dass sie ihre Mutter von jeder andern Frau unterscheiden können, werden sie schnell der Macht inne, die eine Laune oder ein Tränenstrom auf schwache Eltern ausübt und sie zaudern nicht, in ihrer unschuldigen Boshaftigkeit das auszunützen.

Nehmt euch in acht vor allem, was eure Autorität bei den Kindern herabmindern könnte. Hütet euch, diese Autorität zu vergeuden mit der Gewohnheit, immer und beständig und eindringlich ihnen zuzusprechen, in jedem Augenblick eine neue Warnung anzubringen. Das muss schließlich die Kinder ermüden. Sie gewöhnen ihr Ohr daran und legen solchen Zusprüchen keinen Wert mehr bei.

Hütet euch, eure Kinder zu täuschen und in die irre zu führen mit wenig stichhaltigen und trügerischen Gründen und Erklärungen, die man so von ungefähr hinwirft, um sich aus der Verlegenheit zu ziehen oder sich lästige Fragen vom Hals zu schaffen. Wenn ihr es nicht für gut findet, ihnen die wahren Ursachen eines Befehls oder einer Sache auseinanderzusetzen, so beruft euch auf ihr Vertrauen, auf ihre Liebe zu euch; das wird viel mehr nützen. Fälscht nie die Wahrheit, höchstens dürft ihr sie verschweigen! Ihr ahnt vielleicht gar nicht, welche Verwirrung und welche Krise eines Tages in diesen kleinen Seelen entstehen kann, wenn sie erfahren, dass man ihre natürliche Leichtgläubigkeit missbraucht hat.

Hütet euch ferner, auch das kleinste Zeichen von Uneinigkeit unter euch durchscheinen zu lassen, den kleinsten Unterschied in der Behandlung eurer Kinder; sie würden sehr schnell merken, dass sie die Autorität der Mutter gegen jene des Vaters oder die des Vaters gegen die der Mutter ausspielen können, und schwerlich würden sie der Versuchung widerstehen, diese Uneinigkeit zu benützen, um alle ihre Wünsche zu befriedigen.

Hütet euch endlich davor, zu warten, bis eure Kinder herangewachsen sind, um erst dann über sie eure gütige und ruhige, aber zugleich feste und entschiedene Autorität auszuüben, eine Autorität, die keinem Tränenausbruch oder Kinderzorn nachgibt. Nein, gleich von Anfang an, von der Wiege an, vom ersten Aufdämmern ihrer kindlichen Vernunft an, sollen sie erfahren und spüren, wie über ihnen Hände und Herzen wachen, die wohl liebkosen und zärtlich sein, aber auch weise und klug und entschieden zugreifen können.

Eine Autorität ohne Schwäche soll eure Autorität sein, aber eine Autorität, die aus der Liebe geboren, die ganz von Liebe durchtränkt und auf Liebe gegründet ist. Ihr sollt die ersten Lehrer und die ersten Freunde eurer Kinder sein! Eure Vater- und Mutterliebe soll in jeder Hinsicht eine christliche Liebe sein und nicht eine mehr oder weniger bewusste ichsüchtige Selbstliebe, Wenn wahre Liebe eure Befehle beseelt, so werden eure Kinder das herausspüren und sie werden ihnen mit ganzem, willigem Herzen nachkommen, ohne dass ihr viele Worte zu machen braucht. Die Sprache der Liebe ist ja beredter im Schweigen der Tat als im Wort der Lippen, Ein Aufleuchten von tausend kleinen Zeichen, ein anderer Klang in der Stimme, eine kaum merkliche Handbewegung, ein leiser Ausdruck im Gesicht, ein Zeichen der Billigung offenbaren euren Kindern besser als alle Beteuerungen, wie viel Herzensgüte durchklingt in einem Verbot, das sie betrübt, wie viel Wohlwollen sich verbirgt unter einem Mahnwort, das ihnen lästig fällt. So wird ihr Herz das Wort der Autorität nicht empfinden als eine schwere Last oder ein verhasstes Joch, das man so bald wie möglich abschüttelt, sondern vielmehr als höchsten Erweis eurer Liebe.

Und mit dieser Liebe muss das Beispiel Hand in Hand gehen. Kinder sind von Natur bereitwillige Nachahmer. Wie könnten sie nun gehorchen lernen, wenn sie bei jeder Gelegenheit sehen, wie die Mutter sich gar nichts aus den Anordnungen des Vaters macht und sich im Gegenteil über ihn beklagt; wenn sie innerhalb der häuslichen vier Wände nichts als ein beständiges, ehrfurchtsloses Aburteilen über jegliche Autorität hören; wenn sie bemerken, dass ihre Eltern die ersten sind, die sich über die Gebote Gottes und der Kirche hinwegsetzen?

Nein, die Kinder sollen vor ihren Augen einen Vater und eine Mutter haben, die in ihrer ganzen Art zu sprechen und zu handeln ein Beispiel dafür geben, wie man die rechtmäßige Autorität achten und den eigenen Pflichten stets treu bleiben soll. An einem so erbaulichen Bild lernen sie mit viel mehr Erfolg als aus jeder noch so gut überlegten Mahnrede, was der echte, christliche Gehorsam ist, und wie sie selbst ihn ihren Eltern gegenüber üben müssen.

Ja, seid überzeugt, liebe Brautpaare, dass das gute Beispiel das köstlichste Erbe ist, das ihr euren Kindern geben und hinterlassen könnt. Es ist der unauslöschliche Eindruck von kostbaren Werken und Taten, Worten und Ratschlägen, von frommem Tun und tugendhaftem Wandel, der sich auf immer lebendig in ihr Gedächtnis und in ihre Seele einprägt als eine der rührendsten und liebsten Erinnerungen. In den Stunden des Zweifelns und Schwankens zwischen Gut und Bös, zwischen Gefahr und Sieg werdet ihr und euer Beispiel immer wieder auferstehen in ihrem Gedächtnis. In den dunklen Augenblicken, wenn der Himmel sich verdüstert, steht euer Bild auf am heimlichen Himmel der Seele eurer Kinder und der Weg, den ihr einst gegangen seid, wird ihnen Licht und Wegweiser sein. Denn so wie der eure wird auch der ihre ein Weg der Arbeit und Mühsal sein, weil Arbeit und Mühsal eben der Kaufpreis sind für das Glück hienieden und im Himmel.

Ist das etwa ein Traum? Nein, das Leben, das ihr mit eurer neuen Familie beginnt, ist kein Traum; es ist ein Weg, den ihr wandelt, bekleidet mit einer Würde und einer Autorität, die Schule und Lehre sein muss für die Nachkommen.

Der himmlische Vater hat euch zur Teilnahme an der Größe seiner eigenen Vaterschaft gerufen und euch damit auch von seiner Autorität mitgeteilt. Möge er euch verleihen, sie nach seinem Vorbild in Weisheit und Liebe auszuüben! ... (Segen).

Wer soll den Rosenkranz beten ? 8. Oktober 1941

Ihr seid, liebe Brautleute, nach Rom gekommen, um vom gemeinsamen Vater der Gläubigen den Segen für euer neues Heim zu empfangen. Wir möchten nun, dass ihr zugleich aus Rom eine größere Verehrung des heiligen Rosenkranzes mit nach Hause nehmet, gerade in diesem Monat Oktober, der ja dem Rosenkranz Unserer Lieben Frau geweiht ist. Denn eben das Frömmigkeitsleben Roms ist durch viele Erinnerungen an die Rosenkranzandacht geknüpft, und sie lässt sich auch so schön einbauen in die Ordnung des häuslichen Lebens, in alle Bedürfnisse und Neigungen eines jeden Familiengliedes.

Beim Besuche der Heiligtümer dieser Ewigen Stadt hat gewiss die eine oder andere ihrer altehrwürdigen Basiliken oder irgendeines ihrer ruhmvollen Heiligengräber besondern Eindruck auf euch gemacht. Dann habt ihr euch, nicht zufrieden mit einem kurzen Besuch, in innigem Gebete für eure gemeinsamen Anliegen länger dort aufgehalten. Und war nicht das Gebet, das oft fast wie von selbst auf eure Lippen kam, eben ein Gesetzlein des Rosenkranzes?

Der Rosenkranz, das Gebet der Neuvermählten. Ihr betet ihn nebeneinander im Frührot eurer werdenden Familie, bei Anbruch des Lebens, das sich euch auftut mit all seinen frohen Ausblicken, aber auch mit seinen Geheimnissen und mit seiner Verantwortung! Es ist so süß, in der Freude dieser Tage eures restlosen Zusammengehörens, auf solche Weise Hoffnungen und Vorsätze unter den Schutz der ganz reinen und mächtigen Jungfrau, der liebenden und erbarmenden Mutter stellen zu dürfen, ihre Freuden, ihr Leid und ihre Herrlichkeit vor eurer Seele vorüberziehen zu lassen, während die Ave Maria, zehn zu zehn, aufeinanderfolgen und euch an das Beispiel der heiligsten aller Familien erinnern!

Der Rosenkranz ist das Gebet der Kinder, das Gebet der Kleinen! Zwischen den noch ungeschickten Fingerchen halten sie die Perlen und langsam, mit Mühe und Eifer, aber auch schon mit sehr viel Liebe beten sie die Vaterunser und Gegrüßt seist du, Maria, nach, die die Mutter mit viel Geduld sie gelehrt hat; manchmal fehlen sie; ja, sie stocken und es geht durcheinander, aber es liegt viel vertrauensvolle Unschuld in dem Blick, den sie auf das Bild Mariens heften, denn sie erkennen in ihr schon ihre große Himmelsmutter.

Dann kommt der Rosenkranz der Erstkommunion. Er wird einen besonderen Platz einnehmen in den Erinnerungen an jenen großen Tag; seine Perlen werden schön sein, aber doch so, dass er immer das ist, was er sein soll: ein Mittel, das beten hilft und die Erinnerung an Maria wachruft und nicht ein eitler Luxusgegenstand.

Der Rosenkranz ist das Gebet des Mädchens! Schon ist es erwachsen; es ist froh und heiter, aber zu gleicher Zeit ernst im Gedanken an die Zukunft; vertrauensvoll erzählt es Maria, der weisen und guten, der unbefleckten Jungfrau, von seiner Sehnsucht des Sichhingebens, des Sichschenkenwollens, für das sein Herz sich auftun will; es betet für den, der ihm noch unbekannt, von Gott aber gekannt und von der Vorsehung für es bestimmt ist; es möchte, dass auch er ein eifriger und auf rechter Christ sei. So gern betet es Sonntags den Rosenkranz zusammen mit seinen Freundinnen; während der Woche aber wird es ihn oft beten müssen zwischen den Hausarbeiten an der Seite der Mutter, zwischen den Arbeitsstunden im Büro, oder auf dem Felde, wenn es einen Augenblick Zeit findet, zur nahen Kirche zu gehen.

Der Rosenkranz, das Gebet des jungen Mannes! Er ist Lehrling, Student, Bauer; in tüchtiger Arbeit bereitet er sich vor, einmal für sich und die Seinen das Brot zu verdienen. Den Rosenkranz trägt er bei sich wie eine Kostbarkeit, als Schutzwehr der Reinheit, die er am Hochzeitstage unversehrt zum Altare bringen will; er betet ihn ohne Menschenfurcht in den Augenblicken, da er Zeit findet, sich zu sammeln. - Als Soldat begleitet ihn der Rosenkranz unter der Uniform in den Mühen und Kämpfen des Krieges. Und wenn vielleicht das Vaterland das höchste Opfer von ihm fordert, wird er ein letztes Mal nach seinen Perlen greifen, und wenn dann seine Kameraden ihn finden, werden sie tiefbewegt um die kalten, blutigen Finger den Rosenkranz gewickelt sehen.

Der Rosenkranz, das Gebet der Familienmutter, der Arbeiterin oder Bäuerin. Ihr Rosenkranz ist schmucklos, stark und schon längst abgenützt; sie kann ihn vielleicht erst am Abend zur Hand nehmen, wenn sie, müde von des Tages Arbeit und mit dem Schlafe kämpfend, aus ihrem Glauben und ihrer Liebe heraus noch die Kraft schöpft, ihn zu beten. Sie betet ihn für all ihre Lieben, vor allem für jene, die sie in besondern Gefahren der Seele oder des Leibes weiß, von denen sie fürchtet, sie könnten in Versuchung oder Trübsal sein, für jene vor allem, die sie mit wehem Herzen von Gott sich trennen sieht.

Und der Rosenkranz ist auch das Gebet der Weltdame, die vielleicht reichlicher ist, aber oft nur noch schwerere Kümmernisse und Ängste zu tragen hat.

Der Rosenkranz ist das Gebet des Familienvaters, des arbeitenden, kraftvollen Mannes. So wenig wie die Füllfeder und die Geschäftsnotizen, vergisst er, den Rosenkranz mitzunehmen; sei er nun ein hervorragender Professor, ein berühmter Ingenieur, ein bekannter Arzt, ein beredter Rechtsanwalt, ein genialer Künstler oder ein erfahrener Landwirt - er schämt sich nicht, in andächtiger Einfalt den Rosenkranz zu beten in den kurzen Augenblicken, die er sich in der Hetze der Berufsarbeit aufspart, um seine Christenseele im Frieden einer Kirche, zu Füßen des Tabernakels neu zu stärken.

Der Rosenkranz ist das Gebet der Greise, das Gebet des alten Großmütterchens! - Solange die steif gewordenen Beine es noch zur Kirche tragen, sitzt es dort in den hintersten Bänken oder in dem großen Lehnstuhl nahe beim Herde und lässt in den langen Stunden einer unfreiwilligen Ruhe unaufhörlich die Rosenkranzperlen durch die welken Finger gleiten. Er ist auch das Gebet einer alten Tante; alle ihre Kräfte hat sie in den Dienst der Familie gestellt und ihr ganzes Leben hat sich erschöpft in guten Werken. Und noch jetzt, da ihr Lebensende naht, hat ihre Hingabe keine Grenze: die kleinen Dienste, die sie noch leisten kann, lösen sich immer wieder ab mit den Gesetzchen des Rosenkranzes, mit vielen, endlosen »Gegrüßt seist du, Maria«.

Der Rosenkranz ist das Gebet der Sterbenden! Wie einen letzten Halt umfassen ihn die zittrigen Hände, während um das Sterbebett die Angehörigen ihn halblaut beten. Zusammen mit dem Sterbekreuz wird dann der Rosenkranz auf der Brust des Verstorbenen ruhen und Zeugnis ablegen, dass das Herz, das nun zu schlagen aufgehört hat, voll war von Vertrauen auf die Barmherzigkeit Gottes und auf die Fürbitte der heiligsten Jungfrau.

Der Rosenkranz ist das Gebet der ganzen Familie! Gemeinsam wird er gebetet von den Großen und Kleinen; er versammelt abends alle zu Füßen Mariens, die die Arbeit des Tages getrennt und verstreut hatte; er vereinigt sie mit den Abwesenden und Verstorbenen, deren Andenken in einem innigen Gebet wieder lebendig wird; er weiht auf diese Weise das Band, das unter dem mütterlichen Schutz der Unbefleckten, der Rosenkranzkönigin, alle umschließt.

In Lourdes und Pompei hat Maria durch zahllose Erhörungen gezeigt, wie lieb ihr das Rosenkranzgebet ist. Sie selbst hat ihre Vertraute, die heilige Bernardette, aufgemuntert, ihn zu beten und begleitete dann die Ave Maria des Mädchens mit dem langsamen Gleiten ihres schönen Rosenkranzes, der leuchtete und funkelte wie die goldenen Rosen auf ihren Füßen.

Liebe Brautleute, nehmt die Einladung eurer Himmelsmutter an und räumt ihrem Rosenkranz einen Ehrenplatz ein im Beten eurer Familien! ... (Segen.)

Offene Herzen! 12. November 1941

Es ist etwas Großes, liebe Brautleute, um das Herz des Mannes und der Frau, wenn sie sich vereinen zu einem gemeinsamen Leben, zur Gründung einer Familie. Aus dem Herzen wird die erste Sehnsucht geboren, erblühen die ersten Blicke, die ersten Worte, und wenn dann aus einem andern Herzen eine Antwort aufsteigt und über die Lippen kommt, dann begegnen sich die Worte in wechselseitigem Austausch, und dann schließen sich beide Herzen einander auf, und beide träumen vom Glück eines gemeinsamen Heimes.

Aber was ist überhaupt das Herz? - Das Herz ist Quelle des Lebens; denn vom Herzen nimmt der Kreislauf des Lebens seinen Ausgang, strömt weiter, erstarkt, reift, weitet sich aus, erlahmt dann wieder und endet im Tode.

Und wieder ist es das Herz, das alle Wechselfälle, alle Schwankungen, alle Veränderungen im Auf und Ab der Leidenschaften nachempfindet. Die Leidenschaften wecken sein Pochen und Schlagen, sie zwingen seine Fasern in den Dienst der widersprechendsten Gefühle, zu Liebe oder Hass, zu Sehnsucht oder Flucht, zu Freude oder Trauer, zu Hoffnung oder Mutlosigkeit, zu Demut oder Stolz, zu Furcht oder Wagemut, zu Milde oder Zorn.

Ein Herz, das sich aufgeschlossen hat, ist im gemeinsamen Leben zweier Eheleute Quelle des Glücks; ein Herz aber, das sich verschließt, untergräbt den Frieden und die Freude,

Seid euch klar darüber, was man meint, wenn man vom Herzen spricht: Das Herz ist Symbol und Bild des Willens. Wie vom leiblichen Herzen alle körperliche Bewegung ausgeht, so geht vom Willen aller geistige Impuls aus. Der Wille bewegt den Verstand; er bewegt die niedern Fähigkeiten und die Leidenschaften; er treibt die äußern Kräfte zu dem an, was der Verstand und die innern und die äußern Sinne erstreben (vgl. S. Thomas, Summa theol., la, lia., qu. 17, art. 9, od 2).

Armes menschliches Herz! So oft bist du sogar dem ein Rätsel, der dich in der Brust trägt. Wer soll dich denn durchschauen? Und doch mühen so viele sich ab, sogar in fremde Herzen einzudringen und ihre Gefühle und ihre Regungen aufzudecken.

Mehr als einmal haben berühmte Schriftsteller in ihren Erzählungen, Novellen und in Dramen das scheinbar widersinnige und nicht selten auch tragische Verhältnis zweier ausgezeichneter Gatten dargestellt, zweier Menschen, die eigentlich von Natur vollkommen aufeinander abgestimmt sind und es doch nicht verstehen, sich einander zu eröffnen. So bleiben sie sich fast fremd, obwohl sie zusammenleben, lassen Unverstandensein und Missverständnis in sich aufkommen und groß werden und so wird ihre Einigkeit allmählich zerrüttet und zerstört. Und nicht selten gleiten sie ab auf Wege, die in traurigen Katastrophen enden.

Leider ist ein solcher Geisteszustand zweier Gatten nicht nur die Erfindung der Romane, nein, er besteht in Wirklichkeit, und man begegnet ihm im täglichen Leben, auch unter guten Christen.

Was mag wohl die Ursache davon sein? Hie und da ist es eine Art natürlicher Schüchternheit: Manche Männer und Frauen empfinden einen instinktiven Widerwillen davor, ihre innersten Gefühle zu offenbaren und jemanden mitzuteilen. Ein andermal mag der Grund ein Mangel an Einfachheit sein, der in der Eitelkeit oder in verstecktem, vielleicht unbewusstem Stolz wurzelt. In andern Fällen ist es eine fehlerhafte Erziehung; sie war vielleicht betont hart und allzu äußerlich und hatte die Seele daran gewöhnt, sich in sich selber zurückzuziehen, ohne sich aufzuschließen und sich hinzugeben, aus Furcht, sie möchte etwa in ihrem Tiefsten und Zartesten getroffen werden.

Und doch, liebe Söhne und Töchter, müsst ihr lernen, einander zu vertrauen, voreinander euch aufzuschließen, in aller Einfachheit eure Gedanken, euer Sehnen, eure Sorgen, eure Freuden und Leiden gegenseitig auszutauschen. Das ist eine notwendige Bedingung, ja ein wesentliches Element für euer Glück. Eine bloß äußerliche Verbindung eurer Lebenswege genügt niemals, wenn ihr euren neuen Aufgaben und Verantwortlichkeiten gerecht werden wollt. Es genügt nicht, um eure Herzen tapfer und bereit zu machen für die hohe Sendung, die Gott euch anvertraute, als er euch eingab, eine Familie zu gründen; es genügt nicht, um den Segen des Herrn über euch zu erhalten, euch in seinem Willen feststehen, euch in seiner Liebe weiter leben zu lassen.

In der Liebe Gottes leben, das heißt für euch nichts anderes, als eure Liebe zueinander in der Liebe zu ihm überhöhen. Eure Liebe soll nicht nur Wohlwollen sein, sondern erhabene eheliche Freundschaft zweier Herzen, die sich voreinander aufschließen, die dasselbe wollen und dasselbe nicht wollen, die immer mehr sich aneinander anschmiegen und eins werden in der Liebe, die beide beseelt und bewegt. Schon im äußerlichen Leben, um den materiellen Nöten begegnen zu können, müsst ihr euch ja gegenseitig stützen, euch die Hand reichen, einander zur Seite stehen: der Gatte, indem er die Familie leitet und ihr durch seine Arbeit die notwendigen Mittel zum Unterhalt sichert; die Gattin, indem sie für alles im innern Familienleben sorgt und über alles wacht.

Noch nötiger aber ist es, dass ihr einander selbst versteht, einander aufrichtet und helft in den sittlichen und geistigen Schwierigkeiten eurer eigenen Seelen und derer, die Gott eurer Sorgfalt anvertrauen will, der Seelen eurer lieben kleinen Engel.

Wie aber könntet ihr nun einander auf solche Weise Stütze und Hilfe sein, wenn eure Seelen einander fremd blieben, wenn ihr ein jedes in Geschäftssachen, in Erziehungsangelegenheiten, im sonstigen gemeinsamen Leben eifersüchtig seine eigenen Geheimnisse verwahren wollte? Sollt ihr nicht wie zwei Bächlein sein, aus dem Quell zweier christlicher Familien entsprungen, die nun durch das Tal der menschlichen Gesellschaft fließen, ihre lautern Wasser vermischen und den Garten der Kirche befruchten? Sollt ihr nicht sein wie zwei Blumen, die ihre Köpfchen einander zuneigen, sich im Schatten des häuslichen Friedens öffnen und miteinander sprechen in der Sprache ihrer Farben, im Verströmen ihrer Düfte?

Wir sagen nicht, dass das gegenseitige Erschließen der Herzen keine Grenzen kennt, dass ihr ohne jede Einschränkung laut voreinander alles ausbreiten und enthüllen müsst, was euch durch den Kopf ging oder geht, was euer Denken oder eure Aufmerksamkeit wachhält.

Es gibt unverletzliche Geheimnisse, bei denen die Natur oder ein Versprechen oder ein geschenktes Vertrauen Mund und Lippen verschließen und verstummen machen. Vor allem können euch, dem einen wie dem andern, Geheimnisse anvertraut werden, die nicht euch gehören. Ein Gatte, der Arzt, Advokat, Offizier, Staatsbeamter, Verwaltungsangestellter ist, wird immer vieles wissen und zu wissen bekommen, von dem er unter dem Siegel seines Berufsgeheimnisses niemand Mitteilung machen darf, auch seiner Frau nicht. Wenn diese übrigens vernünftig und klug ist, wird sie ihrem Mann das eigene Vertrauen eben dadurch beweisen, dass sie sein Schweigen gewissenhaft achtet und bewundert und sie wird nichts tun oder unternehmen, um es aufzudecken. - Bedenkt immer, dass in der Ehe eure Persönlichkeit und eure Verantwortlichkeit nicht aufgehoben werden.

Aber auch in dem, was euch persönlich angeht, kann es vertrauliche Dinge geben, die ohne Nutzen und nicht ohne Gefahr mitgeteilt würden, Dinge, die schädlich und störend für eure Gemeinschaft sein könnten, statt sie enger, einiger, froher zu gestalten. Gatte und Gattin sind noch keine Beichtväter. Beichtväter findet ihr in den Kirchen, im Beichtstuhl. Sie sind daselbst durch ihren priesterlichen Charakter auf eine Ebene erhoben, die über dem Leben der Familie liegt, in der Ebene der übernatürlichen Wirklichkeiten. Sie haben die Macht, die Wunden des Geistes zu heilen; dort, im Beichtstuhl, können sie alles entgegennehmen, was ihnen anvertraut wird, können über jede Elend sich niederbeugen; sie sind die Väter, die Lehrer, die Ärzte eurer Seelen.

Aber abgesehen von diesen persönlichen, unantastbaren Geheimnissen des innern und des äußern Lebens, müsst ihr eure Seelen einen, gleichsam, als würdet ihr aus zwei Seelen eine einzige machen. Ist es etwa nicht von größter Wichtigkeit für zwei Verlobte, sich zu vergewissern, dass ihre Leben in einem vollen harmonischen Gleichklang zusammenpassen? Wenn von beiden der eine aufrichtig und tief christlich und der andere - wie es leider vorkommen kann - wenig oder gar nicht gläubig ist, sich wenig oder gar nicht um seine religiösen Pflichten und Übungen kümmert, dann versteht ihr gut, dass ein bedrückender Missklang zwischen diesen bei den Seelen bleibt, trotz all der Liebe, die sie füreinander hegen. Erst dann wird sich dieser Missklang in vollkommene Harmonie auflösen, wenn der Tag kommt, an dem das Wort des heiligen Paulus in seinem vollen Sinne wahr wird: »Der ungläubige Mann ist durch die gläubige Frau geheiligt; die ungläubige Frau wird durch den gläubigen Mann geheiligt« (1. Kor. 7, 14).

Wenn hingegen in einem Haus schon ein gemeinsames Lebensideal beide Gatten eint, wenn beide durch die heiligmachende Gnade Kinder Gottes und Wohnstätten des Heiligen Geistes sind, dann wird es leicht und süß für sie, einander alles anzuvertrauen: Freude und Schmerz, Befürchtungen und Hoffnungen, Gedanken und Pläne, alle Sorgen um die innere Ordnung des Hauses, die Zukunft der Familie, die Erziehung der Kinder. Gemeinsam, in Vertrauen und Einmütigkeit, werden die Gatten alles ausdenken, besprechen, besorgen, ausführen.

Sollte es dann doch einmal eine Misshelligkeit geben, so wird die gegenseitige Liebe und der gemeinsame christliche Sinn sie schnell wieder auswischen. Vielleicht ist in euch anfangs noch ein unsicheres Zweifeln und Zögern, entsprungen aus einer natürlichen Schüchternheit, die ihrer Schritte nicht recht sicher ist; vielleicht seid ihr von früher her geneigt und gewohnt, euch abzuschließen und euch auf das eigene Ich zurückzuziehen. Dann gilt es, über solche Gewohnheiten Herr zu werden, sonst könnten sie gar leicht eine heimliche Unzufriedenheit schaffen und großziehen. Die Hilfe und Kraft aber zu solcher Selbstüberwindung werdet ihr wiederum schöpfen aus eurer Liebe und aus eurem christlichen Sinn. Ihr werdet nicht zurückweichen vor der Selbstzucht, die eine solche Haltung und ein solcher Sieg erfordern; denn ihr habt nun ihre hohe Wichtigkeit begriffen.

Aus derselben Liebe, der das Sehnen nach einer innigen Verschmelzung eurer Lebenswege entspross, sollt ihr auch den Schwung und den Mut schöpfen, in geeigneter Weise euren Geschmack, eure Gewohnheiten, eure natürlichen Lieblingsbeschäftigungen und Liebhabereien zu ändern und einander anzupassen. Alles andere wäre ein schmähliches Nachgeben gegenüber den Einflüsterungen der Ichsucht und Bequemlichkeit.

Fordert nicht die· göttliche Vorsehung, die euch ja zusammenführte, das alles von der Großmut eures Herzens? Gehört es nicht notwendig zu dem Geist wahrer Lebensgemeinschaft, der den Wunsch des Lebensgefährten zu dem seinen macht?

Entspricht nicht das der Absicht, die Gott mit eurer Gemeinschaft verfolgt: dass der Mann Anteil nimmt an den Interessen der Frau und die Frau an denen des Mannes? Gleichgültigkeit und Vernachlässigung, das sind vielleicht die schlimmsten der mannigfachen Äußerungen menschlicher lchsucht. Nichts macht euch den vertraulichen Verkehr leichter, als wenn ihr wahre, einfache, aufrichtige, herzliche Anteilnahme für all das aufbringt und zeigt, was dem Gefährten eures Lebens am Herzen liegt.

Jener Beruf, jene Studien, jene Arbeit, jenes Amt, jene Anstellung, o ja, sie sind nicht die euren, ihr Frauen und an und für sich werden sie euch nichts sagen. Aber es ist doch der Beruf, es sind die Studien, es ist die Arbeit, das Amt, die Anstellung eures Mannes. Dafür setzt er sich leidenschaftlich ein, dafür arbeitet er; daran knüpft er seine Zukunftsträume, die Hoffnungen auf Besserstellung seiner Familie und seiner selbst. Und das könnte also für euch Gattinnen ohne Gewicht und ohne Bedeutung bleiben?

Und euch, ihr Gatten, fehlen gewiss nicht schwere Berufssorgen. Aber dennoch - wollt ihr darüber kalt, vergesslich, vielleicht sogar barsch und missmutig werden gegenüber all den tausend Sorgen eurer Gattinnen? Gegenüber ihren Sorgen, das Innere eures gemeinsamen Hauses bequemer und ruhiger zu gestalten? Gegenüber ihrem Bemühen, euch in allen Dingen mehr und mehr zu gefallen, gegenüber ihrer wachsamen Sorgfalt um die Erziehung der Kinder, ihrem Eifer in guten und religiösen, sowie sozial nützlichen Werken?

Aber die neue Familie, die ihr eben eingeweiht habt, ist auch das Kind zweier anderer Familien, jener, in denen ihr aufgewachsen seid, in denen ihr erzogen und unterrichtet wurdet. In gewisser Weise seid ihr einer in des andern Familie eingetreten. Diese andere Familie wird euch von nun ab nicht mehr fremd sein. Im Gegenteil, ihr könnt sie die eure nennen; denn in jenem Heim habt ihr euren Gefährten oder eure Gefährtin gefunden. Vernachlässigt deshalb nicht die, die mit euch verschwägert sind; jenen Vater, jene Mutter, die euch ihre liebe Tochter oder ihren lieben Sohn gegeben haben. Nehmt Anteil an allem, was sie interessiert, an ihrer Freude und an ihrer Trauer. Gebt euch Mühe, ihre Ideen, ihren Geschmack, ihre Art zu verstehen. Beweist ihnen durch eure einmütige Liebe, dass ein Band euch an sie kettet. Auch in jener Familie möge euer Herz sich aufzuschließen wissen und zu einem weiten und vertrauensvollen Austausch der Seelen und Gedanken kommen. Welcher Kummer wäre es für euren Mann, für eure Frau, wenn ihr teilnahmslos jenen Personen, jenem Haus, wo die ihren leben, aus dem Wege ginget!

Von allen Schriftstellern, die im Laufe der Jahrhunderte das Lob der Freundschaft geschildert und besungen haben, wurde die Offenheit des Herzens genannt und gepriesen als das Fundament des Bandes, das zwei Seelen in der Liebe aneinander bindet. Aber unter dem Dache, wo zwei Eheleute zusammenleben, ist die Offenheit des Herzens noch mehr. Da wird sie zum Gipfelpunkt des Heiligtums häuslichen Friedens und häuslicher Freude. Ja, dort ist ein Herz, das dem deinen offen steht, und dem auch du das deine in jedem Augenblick öffnen kannst: am Morgen, am Mittag, am Abend deines Tages. Aus einem offenen Herzen entspringt und wächst dort jenes Glück, das man, mehr no als in der einfachen Freundschaft, in der christlichen und in der christlich gelebten Ehe genießt.

Möge euch, liebe Brautleute, der Herrgott die Gnade geben, mit einem immer hochherzigeren Mut die kleinen Opfer auf euch zu nehmen, die ein so großes Glück manchmal fordert, wenn es voll ausgekostet werden will. Ja, darum bitten Wir ihn, während Wir euch von Herzen Unsern väterlichen Apostolischen Segen erteilen.

1942

Des Heiligen Vaters heiliger Dienst am Worte Gottes 21. Januar 1942

Eure wohltuende Anwesenheit, liebe Neuvermählte, weckt in Unserem Sinn und Gedanken die lebendige Erinnerung an die großen Scharen all der andern Brautpaare, die bis dahin zu Uns gekommen sind, um sich, wie ihr heute, den Apostolischen Segen auf das blütenfrische Frührot und die glühenden Hoffnungen ihrer neuen Familien zu erbitten. Die Worte, die Wir dabei schon öfters an diese Brautpaare gerichtet haben, sind bereits in katholischen Zeitungen oder in kleinen Sammelbändchen erschienen und in dieser Form möglicherweise auch euch schon unter die Augen gekommen.

Aber heute - so möchte es Uns scheinen habt ihr, zusammen mit dem Verlangen nach Unserem Segen, verborgen in eurem Herzen auch eine Frage mitgebracht, die Frage, wie es denn komme, dass Wir e s Uns so sehr angelegen sein lassen, so häufige Unterweisungen an die lieben Brautleute zu richten.

Was können Wir, was sollen Wir antworten? - Ihr wollt eindringen in Unser Herz, wollt ergründen, was dieses Herz zutiefst bewegt, an was für Gedanken das Wort sich entzündet, das aus diesem Herzen auf die Lippen kommt; es ist ja dieses Herz das Herz eines Vaters, des Vaters der weltumspannenden Christusfamilie. Gleich dem Herzen Petri, dessen Nachfolger er ist, brennt dieses Vaterherz von der Liebe zu Christus und dessen Braut, der Kirche, von dieser Liebe, die es die Schafe und Lämmer Christi lieben heißt. Es ist das Herz eines Vaters, des Vaters, der in der christlichen Familie den Garten des Glaubens und der Gnade sich ausbreiten sieht, den Ort, wo neue Gotteskinder geboren werden, wo die Himmelsblüten heranwachsen und sich vermehren; das Herz eines Vaters, der mit seinen Kindern, das heißt mit euch, Familienangelegenheiten bespricht.

So auch heute. Heute ruft der Vater in euch eine Erinnerung wach, die ihm durch die Seele geht, eine alte und schöne Familienerinnerung, die zurückreicht auf die Zeiten der Apostel, auf die eigentlichen Uranfänge der großen Mutter der christlichen Familie, auf die Urzeit der Kirche:

Eines Tages kamen die Häupter dieser Familie, die zwölf Apostel - unter ihnen war als erster Petrus, dessen Stelle Wir jetzt als unwürdiger Nachfolger inne haben - zusammen und erklärten, inmitten der mühevollen Missionstätigkeit und bei der von Tag zu Tag wachsenden Zahl der Jünger könnten sie nicht mehr selber für alle Bedürfnisse ihrer Herde Sorge tragen, besonders nicht für die tägliche Almosenverteilung an die Witwen und den Gemeindetisch. Deshalb riefen sie die Gläubigen zusammen und forderten sie auf, aus ihrer Mitte sieben Diakone zu wählen, Männer, die in gutem Rufe ständen und voll des Heiligen Geistes und der Weisheit wären. Diesen sollte jene Aufgabe übertragen werden, während sie selbst - Petrus und die andern Apostel - fortfahren wollten, »dem Gebet und dem Dienst des Wortes zu obliegen« (Apg. 6,4). - Sie waren ja Apostel, von Christus auserwählt und bestellt zu Lehrern aller Völker; war es da nicht ihre vornehmste Pflicht, von Jesu göttlicher Sendung Zeugnis zu geben und seine Frohe Botschaft anderen weiterzureichen ? Und in der Tat ließen sie niemals davon ab, sondern taten das in Wort und Schrift, in Gefahren und Verfolgungen, innerhalb und außerhalb des römischen Kaiserreiches, bereit, das Wort, das sie laut und unermüdlich den Völkern verkündigten, auch mit dem Blute zu besiegeln.

19 Jahrhunderte sind seitdem verflossen. Das Wort dieser Apostel, ihr Wort vom Weg, von der Wahrheit und vom Leben, hat sich von Palästina aus weiter verbreitet. Von Jahrhundert zu Jahrhundert, von Gegend zu Gegend, von Gebirge zu Gebirge, von Meer zu Meer, von Erdteil zu Erdteil, von Volk zu Volk, von Mund zu Mund ist es widerhallt. Herolde voll glühenden Glaubens haben es aufgenommen und weiter getragen bis an die Grenzen der Erde. Das Senfkörnlein, das einst in Jerusalem aufkeimte, ist angewachsen zu einem unermesslichen Baum; seine Äste überdecken heute die Erde; unter seinem Laubwerk bergen sich gegen 400 Millionen Gläubige.

Das ist das Reich Gottes, das Reich des himmlischen Vaters, um das uns der göttliche Erlöser im Herrengebet bitten heißt, es möge kommen auf die Erde. - Es ist zweifellos ein geistiges Reich; aber sein Werden und Wirken spielt sich ab in dieser Welt, wo wir Pilger sind auf dem Wege zu einer Heimat über den Sternen; es ist ein großes Reich, zu dem die einst kleine Familie der ersten Jahre angewachsen ist, und voll mutiger Gewissheit geht es einer Zukunft entgegen, die erst am Ende der Menschheitszeiten ihren Abschluss finden wird.

Diese RiesenfamiIie, bestehend aus Menschen, sichtbar geeint gleich einer unermesslichen Herde unter einem einzigen Hirten, braucht naturnotwendig eine ordnende Regierung, eine Unterordnung der Glieder und einen Verwaltungsapparat. Und tatsächlich ist auch die Zahl der Männer groß, die, sei es hier in Rom oder zerstreut in der ganzen Welt, so wie einst die ersten Diakone, mit viel Eifer den Papst, den Nachfolger Petri, in der Erfüllung seiner schweren Aufgabe unterstützen.

Aber wie ausgedehnt und vielfältig auch seine Sorge um die Leitung der Kirche geworden sein mag, könnte wohl der, welcher auf dem Apostolischen Stuhle sitzt, je den «Dienst am Worte» vergessen, den der heilige Petrus zugleich mit dem Gebete als die hauptsächlichste seiner Apostelpflichten betrachtete? Hatte denn nicht Christus ihm und den andern Jüngern gesagt: Gehet hin, seid allen Völkern Lehrer dessen, was ich euch gelehrt habe? (vgl. Mt. 28, 19). Und hat nicht der Apostel Paulus ausgerufen: Schuldner bin ich Weisen und Ungebildeten; Schuldner meines Wortes? (vgl. Röm. 1,14) - Findet denn nicht der Glaube durch das Ohr Eingang in die Herzen? Und ist das Wort Gottes nicht der Weg, die Wahrheit und das Leben? Ja «lebendig ist es, wirksam und schärfer als jedes zweischneidige Schwert. Es dringt durch, bis es Seele und Geist, Mark und Bein voneinander scheidet. Richter ist es über die Gedanken und Gesinnungen des Herzens (Hebr. 4,12). - Wir lieben das Wort Gottes, denn in ihm leuchtet auf und offenbart sich das Göttliche Wort, ja es nimmt in ihm gleichsam ein zweites Mal für uns Fleischesgestalt an.

Ohne Zweifel üben Wir dieses Amt in erster Linie dann aus, wenn Wir Uns bei feierlichen Anlässen an die ganze Kirche, an die Bischöfe, unsere Brüder im Episkopat wenden. Aber Wir sind Vater aller, auch der Unscheinbarsten, Hirt nicht nur der Lämmer, nein ebenso gut auch der Lämmlein. Wie könnten Wir es da übers Herz bringen, auf den einfachen und heiligen Dienst am Worte zu verzichten und nicht unmittelbar, mit eigenem Mund, den Kindern die Lehren zu überbringen, die Christus Unser Lehrer Uns anvertraut hat? Hat denn nicht Gott in das Herz eines jeden Priesters, eines jeden Bischofs mit der Gnade der Priester- und Bischofsweihe zugleich einen unauslöschlichen Durst hineingesenkt und entzündet, den Durst nach diesem heiligen Dienst inmitten des christlichen Volkes? Ist nicht jeder Diener Gottes auch ein Lehrer der Seelen?

Von da aus versteht ihr, liebe Söhne und Töchter, weIch' innige Freude und wie viel echter Trost Unsere Seele durchdringt und entflammt, wenn Wir, mitten aus den großen Sorgen um die Gesamtkirche heraus, einmal hierher zu euch kommen dürfen; ganz wie der Vater, der sich freut, mit seinen Kindern sich zu unterhalten; ganz wie der Priester, der den Zuhörern, die Gott ihm schickt, das lebendige und nährende Brot des Wortes von der Frohbotschaft bricht. Das ist ja die Priesterfreude: unmittelbar zusammenwirken dürfen mit der Gnade, in gläubigen Seelen das Gottvertrauen und die Gottesliebe kräftigen, stärken und zur Reife bringen dürfen, damit ihnen durch diese Tugenden das Leben hienieden - sei es, wie der Herr will, freudig oder traurig, - ein heiliger Weg werde zum Himmel.

Seht, das ist - so ganz aus dem Herzen geredet - der Grund, warum Wir so gerne zu euch sprechen. - Und auch dieses Mal lassen Wir euch nicht von dannen ziehen ohne eine Unterweisung für eure Seelen. Ja sind denn nicht gerade diese Enthüllungen schon eine Unterweisung? Zeigen sie euch nicht den großen Wert des Wortes Gottes? Zeigen sie euch nicht, wie hoch ihr es immerdar schätzen müsst, auch wenn es euch gereicht wird in der einfachsten und schmucklosesten Form und in der unscheinbarsten eurer Pfarreien? Der heilige Apostel Paulus dankte dem Herrn, dass seine lieben Thessalonicher «die Predigt vom Worte Gottes nicht als Menschenwort aufgenommen haben, sondern als das, was es in Wahrheit ist: als Wort Gottes. Es zeigt sich ja auch wirksam in denen, die gläubig wurden« (1. Thess. 2,13).

In diesen Zeiten, da das Leben so schwer ist, war einer eurer ersten Gedanken bei der Gründung des neuen Herdes die Frage nach den Möglichkeiten und Aussichten, wie ihr eurer Familie das tägliche Brot würdet sicherstellen können. Nicht weniger aber sollt ihr auch darum besorgt sein, euren Seelen ein gesichertes geistiges Brot zu verschaffen. Die schwerste der Geißeln, die Gott durch den Mund des Propheten Amos dem Volke Israel als Strafe für seine Missetaten androhte, war, dass er über die Erde den Hunger schicken würde: «nicht Hunger nach Brot noch Durst nach Wasser, sondern Hunger und Durst, die Worte des Herrn zu hören ... Dann werden sie umherirren auf der Suche nach dem Worte Gottes; doch sie werden es nicht finden.« (Amos 8, 11-12).

Mehr als alle Schwierigkeiten und Entbehrungen in der materiellen Versorgung, denen euch die gegenwärtigen Zeitumstände aussetzen können, fürchtet, liebe Brautleute, den Hunger, das Fehlen des Wortes Gottes! Liebet, suchet das Brot für eure Seelen, das Wort des Glaubens, die Erkenntnis der Wahrheit, die dem Menschen notwendig ist zu seiner Rettung! Dann wird keine Unwissenheit euren Geist verdunkeln, und die Erfinder von Trugschlüssen und Unsittlichkeit werden euch nicht irreführen. Nie sollen eure Seelen und die Seelen eurer Söhne lind Töchter auf dem Wege der Tugend, der Pflicht und des Guten ohnmächtig zusammensinken müssen, nur weil sie sich nicht gesättigt hatten an der Speise des Wortes Gottes. Diese überirdische Speise allein gibt Kraft und Stärke, den Weg dieses Lebens zu vollenden und so die Stadt der Seligen zu erreichen, wo die Auserwählten »nicht mehr Hunger noch Durst haben werden. « (Offb. 7, 16)

Seid nicht nachlässig, nicht träge und nicht taub für das Wort Gottes! Die leidschwere Stunde der Geschichte, die wir durchleben, ist die Stunde, in der Gott spricht. Mehr als in den weichen Genüssen der Freude spricht Gott heute in den blutgetränkten Feldern des Riesenkampfes und in der Öde zerstörter Städte. Gott ist der Herr der Nebel und der Stürme; sein Wort ist ihnen Befehl. Einst hat Gott am Sinai unter Wolken und Blitzen und Donnern geredet, da er sein Zehntafelgesetz - das von den Menschen so oft verletzte - verkündete; heute gibt er das Wort den Winden und Stürmen, zum Schrecken der Sterblichen. Und er scheint zu schweigen, während er einherschreitet auf den ungewissen Wassern der Ozeane, mitten im Toben der Stürme, seiner Stürme, die da wie Schalen die Schiffe schütteln, die Menschenhände in Menschenwerkstätten gebaut haben.

Beten wir sein Schreiten und sein Schweigen an! Diese sturmerfüllte Stunde ist die Stunde der Rückkehr zu Gott, die Stunde des Denkens an Gott (vgl. Ps. 77, 34-35); es ist die Stunde, zum Allerhöchsten zu beten und zu ihm zu rufen; es ist die Stunde, in der das Wort wahr wird, das da verkündet, dass »der Herr verwirrt der Heiden Pläne und vereitelt die Ratschlüsse der Völker» (Ps. 32, 10). Er allein steht am Steuer eines jeden Menschenschiffes und leitet und lenkt es durch die Fluten zu dem guten Ziel, das er seit je beabsichtigt und gewollt hat.

In diesen Zeiten so großer Prüfungen ist das Wort Gottes, das demütig angehörte, in glühendem Beten betrachtete Wort Gottes, die einzige Stimme, die tief im Herzen alle Angst und alles Bangen zur Ruhe bringen und neues Vertrauen und neue Gottergebung darin wecken kann; es ist die einzige Stimme, die den Geist zu erleuchten vermag über die Geheimnisse des unerforschlichen Ratschlusses Gottes; es ist die einzige Stimme, die eure Seelen, liebe Brautleute, stärken, stützen und erwärmen kann, die in euch den Glauben, die Hoffnung und die Liebe wach und lebendig erhält.

So hört denn auf dieses Wort und erlauscht es begierig von den Lippen eurer Hirten! Möge es tief in euch hineinfallen, in eure wohl bereiteten Herzen! Möge es in euch überreiche Frucht tragen, dreißig-, sechzig-, hundertfach, wie Unser Herr in seiner Parabel sagt! (Mt. 13, 8. 23) Möge er, der göttliche Meister - so beten Wir - die gute Saat mit reicher Gnade befruchten und möge der Apostolische Segen, den Wir euch von Herzen erteilen, dieser Gnadenfülle sicheres Unterpfand sein!

Die Frau in der Familie

Ihre Verantwortung für das häusliche Glück 25. Februar 1942

Das Leben des Menschen auf Erden ist ein Kriegsdienst, so habt ihr, liebe Brautleute, zweifellos schon oft sagen gehört. Aber auch das Leben zweier christlicher Ehegatten ist ein Kriegsdienst, ein Kriegsdienst, zu dem sich zwei Seelen in hochherzigem Entschluss zusammengetan haben, um die Proben und Kämpfe auf sich zu nehmen, die es nicht selten im innern Bereich der Familie zu bestehen gilt. Nach dem Wort des Apostels Paulus bleiben ja Trübsale und Kümmernisse dort nicht fern (1. Kor. 7 28).

Ihr tretet mit Freuden ein in das Eheleben; der Priester hat ja den Bund eurer Herzen gesegnet; auch Wir segnen euch und wünschen euch all jene Gnade und Kraft, die das Gebet der Kirche auf euch herabgefleht hat, damit euer Herd ein glücklicher sei.

Aber von der Schwelle eures Heimes tut ihr einen Blick um euch, - einen Blick auf die vielen Familien, die ihr kennt, die ihr gekannt, von denen ihr sprechen oder deren Geschichte ihr erzählen gehört habt, Familien in der Nähe und in der Ferne, Familien niedrigen und hohen Standes. Waren und sind die Ehen, die sie begründeten, alle glücklich? Alle voll heiteren Friedens und ungetrübter Ruhe? Gingen alle ihre Sehnsüchte und rosenfarbenen Wünsche der Erstlingszeit in Erfüllung? - Es wäre eitel, dies zu hoffen ! Die Unannehmlichkeiten stellen sich nämlich ein, auch ohne dass man sie sucht, auch ohne dass man ihnen Gelegenheit oder Anlass gibt, nein, ganz von selber kommen sie manchmal und suchen die Familienstuben heim. - «Oft kommt zwar das Unheil» - so möchten Wir mit dem großen christlichen Romanschriftsteller sagen - «weil man es selbst verursacht hat; doch auch der vorsichtigste und makelloseste Wandel vermag es nicht ganz fern zu halten. Ist es aber - ob mit, ob ohne Schuld da, so kann immer das Gottvertrauen es erträglich und nutzbringend machen für ein besseres Leben« (Manzoni, «Die Verlobten«, am Schluss).

Eure Ehen, liebe Söhne und Töchter, das wollen Wir gerne glauben, sind alle glückliche Ehen. Über ihnen lächelt im Herrn gegenseitiges Vertrauen, gegenseitige Zuneigung, geeintes Wollen und mutiges Bejahen der Zukunft, wie der Himmel sie euch bereitet. Ihr steht im Frühlicht eines neuen gemeinsamen Lebens, und dieser schöne Morgen verheißt auch einen schönen Tag. Jedermann wünscht euch, dass die Mittagshelle eines langen Lebenstages euch allzeit strahlend und ruhig leuchte, dass nie keine Nebel und Winde, keine Wolken und Stürme ihn trüben möchten!

Um aber eurem jetzigen Glück Festigkeit und Dauerhaftigkeit zu sichern, ist es da nicht vielleicht gut, nach den Ursachen zu forschen, die dies Glück mindern und trüben könnten und nach den Gefahren zu fragen, durch die es, mehr oder weniger schnell, ganz verloren gehen könnte?

Die unglücklichsten Ehen sind jene, in denen Gottes Gesetz schwer verletzt wird, sei es von einem oder von beiden Ehegatten. Derartige Verschuldungen sind die unheilvollste Quelle von Familienzerwürfnissen. Doch wollen Wir heute nicht bei ihnen stehen bleiben. Wir denken jetzt vielmehr an jene Ehegatten, die ein geordnetes Leben führen und treu die wesentlichen Standespflichten erfüllen, aber doch dabei in ihrer Ehe nicht glücklich sind, sondern gegeneinander Groll, Unbehagen, Entfremdung, Kälte und Widrigkeit spüren. Wer ist da verantwortlich, wer ist schuldig an einer so unerquicklichen Trübung des ehelichen Lebens?

Sicher und unzweifelhaft ist, dass die Frau für das Glück eines heimischen Herdes mehr vermag als der Mann. Dem Manne kommt in erster Linie die Sorge um den gesicherten Unterhalt des Hauses und der Familienglieder zu und die Entscheidungen, die seine und der Kinder Zukunft festlegen. Der Frau aber jene wache Sorgfalt um tausenderlei Einzelheiten, jene unwägbaren täglichen Aufmerksamkeiten und Obliegenheiten, die die Bestandteile der Innenatmosphäre einer Familie ausmachen. Je nachdem diese Bestandteile richtig zusammenwirken oder aber durcheinander geraten oder ganz fehlen, ist die Atmosphäre gesund, erfrischend, stärkend oder aber drückend, schlecht und ungenießbar. - Die Tätigkeit der Gattin innerhalb der häuslichen Wände soll stets dem von der Heiligen Schrift so sehr gelobten Tun der starken Frau gleichen; der Frau, «auf die das Herz ihres Gatten vertrauen kann, die Liebes nur ihm tut, nicht Übles, alle Tage ihres Lebens.:.

Ist es nicht eine alte und immer neue Wahrheit: dass die Frau das Heim ausmacht, dass ihr die Sorge dafür obliegt und dass der Mann sie hierin nie ersetzen kann? Schon in den körperlichen Anlagen der Frau ist diese Wahrheit verankert. Unerbittlich wird sie verkündet von der Erfahrung, gerade auch von der Erfahrung der letzten Jahrhunderte, von unserer Epoche mit ihren alles fressenden Industrien, mit ihrem Ruf nach Gleichberechtigung und ihren Sportwettkämpfen. - Die Frau macht das Heim aus; das ist die Sendung, die ihr die Natur und der Bund mit dem Manne auferlegt, zum Wohle der Gesellschaft.

Allzu zahlreich sind heute die Ursachen, die um die Wette darauf ausgehen, die Frau aus der Familie herauszulocken und sie dann zu umstricken und zu umgarnen. Wo jedoch die Frau aus der Familie herausgerissen wird, wird sie den heimischen Herd vernachlässigen. Ohne sie aber erlischt alsbald das Feuer, das die Luft des Hauses erwärmte. Das Heim hört praktisch auf zu bestehen; es wird zu einem fragwürdigen Unterschlupf für ein paar Stunden. Der Mittelpunkt des täglichen Lebens aber verlagert sich für den Mann, für die Frau selbst und für die Kinder bald anderswohin.

Ob man nun will oder nicht, immer bleibt es wahr, dass für jeden, sei es Mann oder Frau, der verheiratet und entschlossen ist, den Pflichten seines Standes treu zu bleiben, das schöne Gebäude des Glückes sich nur erheben kann auf der festen Grundlage des Familienlebens. Wo aber fände sich wahres Familienleben ohne Heim und Herd, ohne einen sichtbaren, wirklichen Sammelpunkt, in dem dieses Leben sich vereint, zusammenströmt und wurzelt, ohne einen Mittelpunktt, der es zusammenhält, vertieft, entfaltet und zur Blüte bringt?

Sagt nun nicht, dass dieser Herd ja doch besteht seit dem Tage, da die zwei Hände durch die Ringe verbunden und verflochten wurden und seit dem Tage, da die zwei Brautleute ein gemeinsames Zimmer unter dem gleichen Dache haben, einen eigenen Haushalt, eine eigene Wohnung, sei sie nun weiträumig oder eng, reich oder arm. Nein, für das geistige Gebäude des Glückes genügt dieser erst materielle Herd nicht. Die Materie muss hineingehoben werden in eine höhere Ebene, wo es sich leichter atmen lässt, und aus dem bloß irdischen Feuer muss die lebendige und lebenspendende Flamme der neuen Familie herausschlagen. - Das wird nicht das Werk eines Tages sein, besonders wenn man nicht in ein schon von vorausgegangenen Generationen bereitetes Heim einziehen kann, sondern in einer Mietwohnung vorübergehende Unterkunft beziehen muss, wie das heute, wenigstens in den Städten, der häufigere Fall ist. Wer wird dann nach und nach, in täglichem Aufbau das wahre geistige Heim schaffen, wenn nicht vor allem die Hände jener, die nunmehr »Hausherrin» geworden ist? Jene, auf die das Herz ihres Mannes baut?

Ist der Gatte Arbeiter, Bauer, Handwerker, Gelehrter oder Wissenschaftler, Künstler, Angestellter oder Beamter, so spielt sich sein Tagewerk unvermeidbar größtenteils außer Hause ab, oder wenn im Hause, dann zieht er sich auf lange Stunden vom Familienleben zurück in die Stille seines Studierzimmers. Für ihn wird der heimische Herd der Ort, wo er nach beendeter Tagesarbeit in Erholung, Ruhe und inniger Freude seine geistigen Kräfte wieder auffrischt.

Für die Frau hingegen bleibt das Heim für gewöhnlich der Ort und das Nest ihrer Haupttätigkeit. Und die besteht darin, dass sie aus ihm, wie arm es auch sein mag, nach und nach eine Wohnstatt für ein frohes und ruhiges Zusammenleben schafft. Zu diesem Zwecke soll man die Wohnung nicht mit stillosen, unpersönlichen und nichtssagenden Hotelmöbeln und Warenhausartikeln ausstatten, sondern mit Andenken, die die Geschehnisse des gemeinsam verbrachten Lebens festhalten. Allerlei Spuren und Zeichen auf den Möbeln oder an den Wänden sollen erinnern an Lieblingsdinge und -ideen, an gemeinsam durchlebte Freuden und Leiden. Dadurch bekommt dann mit dem Flügelschlag der Zeit der materielle Herd seine Seele eingehaucht.

Die eigentliche Seele aber von allem muss die frauliche Hand und Kunst der Gattin sein, die jede Ecke des Hauses reizvoll machen kann, wäre es auch mit nichts anderem als durch Sorgfalt, Ordnung, Sauberkeit, durch Bereithalten und Zubereiten eines jeden Dinges für den Augenblick, da man es wünscht und braucht: das Essen zur Stärkung des Ermüdeten, das Bett für den Ruhebedürftigen. Der Frau hat Gott mehr als dem Manne die Gabe verliehen, mit ihrem Sinn für Anmut und Gefälligkeit die einfachsten Dinge frohmütig und angenehm zu gestalten. Und das eben deshalb, weil sie, die dem Manne nachgebildet und ihm beigegeben ist als Hilfe zur Gründung der Familie, zum vornherein dazu geschaffen ist, rings um den Herd ihres Gatten Freundlichkeit und Trautheit zu verbreiten. So soll durch ihr Wirken daselbst das Leben zu zweit Gestalt annehmen, Früchte tragen und erblühen in echter Entfaltung.

Und wenn der Herr in seiner Güte der Gattin die Mutterwürde schenkt, so wird das Weinen des Neugeborenen in der Wiege das Glück des Heimes nicht mindern noch zerstören; im Gegenteil, das Glück wird vielmehr wachsen und wird hineingehoben in jenes göttliche Lichtreich, wo die himmlischen Engel erstrahlen und von wo ein Lebensstrahl hernieder steigt, der die Natur besiegt und die Menschenkinder zu Kindern Gottes wieder gebiert. - Das ist die Heiligkeit des Ehegemaches! Das die Hoheit der christlichen Mutterschaft! Das das Heil der verheirateten Frau! Denn, so verkündet der große Apostel Paulus, die Frau erlangt das Heil durch Erfüllung ihrer Muttersendung; nur muss sie demütig im Glauben und in der Liebe und in der Selbstheiligung verharren (vgl. 1. Tim. 2, 15). Jetzt versteht ihr, «wie die Frömmigkeit zu allem nütze ist, denn sie hat eine Verheißung des Lebens für jetzt und für die Zukunft« (1. Tim. 4,8), und wie sie - nach der Erklärung des heiligen Ambrosius - die Grundlage aller Tugenden ist (Expos. in Psalm. CXVUI, Serm. 18, n.44 - Migne PL. I. 15, col. 1544).

Eine Wiege weiht die Frau zur Familienmutter und mehrere Wiegen heiligen und verherrlichen sie vor dem Gatten und den Kindern, vor Kirche und Vaterland. Darum sind töricht und unglücklich jene Mütter, die, ihr eigentliches Wesen verkennend, sich beklagen, wenn ein neues Kind sich an ihre Brust schmiegt und um Nahrung bittet vom Quell ihres Busens. Darum ist ein Feind für das Glück des heimischen Herdes, wer sich beklagt über den Segen Gottes, der den Herd umgibt und vermehrt.

Das Heldentum der Mutterschaft ist ein Ruhm und eine Ehre der christlichen Gattin. Ist ihr Haus öde, weil es noch ohne die Freude eines Engelchens geblieben ist, so wird ihre Einsamkeit Gebet und Ruf zum Himmel; ihre Träne vereinigt sich mit dem Weinen der Anna, die an der Tempelpforte den Herrn um das Geschenk ihres Samuel bestürmte (1. Sam. 1).

Richtet also, liebe Brautleute, euer Sinnen ohne Unterlass empor und bedenket ernstlich, dass ihr Sorge tragen müsst für eine freudige Atmosphäre im ehelichen Leben, wie ja auch dessen harte und schwere Seite euch nicht unbekannt ist.

Gern erbitten Wir euch heute vom Herrn, indes Wir euch in Vaterliebe den Apostolischen Segen erteilen, die auserlesensten Gunsterweise seiner Gnade als stärkende Kraft gegen alles, was eure Freude je trüben könnte.

Sie ist die Sonne und Freudenquelle des Heimes 11. März 1942

Die Erinnerung an das Haus des gemeinsamen Vaters und an seinen Apostolischen Segen, die ihr, liebe Brautleute, mit nach Hause tragt, wird euch als süßer Trost und Glückwunsch durch euer ganzes Leben begleiten. WohI sind die Zeiten stürmisch. Doch ihr schreitet mit tausend frohen Hoffnungen hin ein, vertrauend auf den Machtschutz Gottes, einem Ziel entgegen, das euch, mehr oder weniger deutlich, düstere Zukunftsnebel erahnen lässt. Aber euer Herz zagt nicht vor diesem Nebel; euch steht ja zur Seite die Glut und das kühne Wagen der Jugend. Der Bund eurer Herzen und Wünsche, die Vereinigung eurer Schritte und eurer Leben, die Gemeinsamkeit des Weges, den ihr schreitet, trüben ja die Gelassenheit eurer Seele nicht, sondern machen sie im Gegenteil neu und weit und groß.

Innerhalb der häuslichen vier Wände seid ihr glücklich; da seht ihr nichts von Nebeln; eure Familie hat ja eine eigene Sonne: die Gattin! - Hört, wie die Heilige Schrift über sie denkt und spricht: »Die Anmut der Frau ergötzt ihren Mann; ihre Klugheit hält seine Glieder frisch. Eine schweigsame Frau ist ein Geschenk des Herrn und eine eingezogene Seele ist unbezahlbar. Anmut über Anmut ist eine keusche Frau, und nichts wiegt eine züchtige Seele auf. Wie die Sonne, die auf des Herren Höhen erstrahlt, so ist die Schönheit einer guten Frau ein Schmuck in seinem Hause (Sir. 26.16-21).

Ja, die Gattin und Mutter ist die Sonne der Familie. Sie wird zur Sonne durch ihre Großmut und Hingabe, durch ihre immerwährende Bereitschaft durch ihre wache F einfühIigkeit, mit der sie genau errät, was dem Gatten und den Kindern das Leben froh macht. Rund um sich verbreitet sie Licht und Wärme.

Man pflegt zu sagen, eine Ehe sei dann glückverheißend, wenn keiner der Gatten sie eingeht, um sich selbst, sondern jeder nur, um den andern glücklich zu machen. Ziemt nun so edles Fühlen und solch reine Absicht auch bei den Gatten, so ist es doch vorzüglich die Tugend der Frau. Die Frau besitzt ja von Geburt auf das warme Schlagen und Empfinden eines Mutterherzens; ein solches Herz mag Bitterkeit empfangen: es will doch nichts als Freude geben; es mag Verdemütigung erfahren: es will doch nichts als Ehre und Achtung erweisen. Es gleicht der Sönne, die die Morgennebel mit ihrem Frühlicht verklärt und die Abendwolken mit ihren Abschiedsstrahlen vergoldet.

Die Gattin ist die Sonne der Familie durch die Klarheit ihres Auges und durch die Wärme ihr es Wortes. Sanft dringen ihr Auge und ihr Wort in die Seele ein, biegen und erweichen sie und heben sie heraus aus dem Sturm der Leidenschaften. Sie wecken im Mann die Freude am Guten und die Freude an der abendlichen Unterhaltung in der Familie, sodass er gern dahin zurückkehrt, nachdem ununterbrochene und mühselige Arbeit in der Werkstatt oder auf dem Felde oder drängende Geschäfte des Handels und der Industrie ihn einen langen Tag hindurch in Bann gehalten haben. Ein Licht geht aus von der Gattin Auge, tausendfach leuchtend in einem einzigen Strahl und ein Wohllaut von ihren Lippen, tausendfach ergreifend in einem einzigen Klang. Es sind Strahlen und Klänge, die dem Mutterherzen entströmen, es sind die Strahlen und Klänge, die die Kinderjahre zum lebendigen Paradies machen. Denn sie strahlen immer nur Güte und Milde aus auch dann, wenn sie ermahnen und tadeln. Die Kinderherzen, die die Liebe stärker herausfühlen, erfassen auch deren Befehle ungleich inniger und tiefer.

Die Gattin ist die Sonne der Familie durch ihrer eine Natürlichkeit, durch ihre würdevolle Schlichtheit und durch ihren christlichen und ehrbaren Liebreiz. Dieser offenbart sich sowohl in der Sammlung und Rechtschaffenheit des Geistes, wie in der feinen Harmonie ihres Benehmens und ihrer Kleidung, ihres Schmuckes und ihres Auftretens, das zurückhaltend und gewinnend zugleich ist. Zartes Fühlen, anmutig sprechendes Mienenspiel, ungekünsteltes Schweigen und Lächeln, beifälliges Nicken des Kopfes geben ihr den Liebreiz einer erlesenen und doch einfachen Blume, die ihre Blütenkrone öffnet, um die Farben der Sonne aufzunehmen und wider zu strahlen. O, wenn ihr wüsstet, wie tief das Bild einer solchen Gattin und Mutter sich einprägt im Herzen des Familienvaters und der Kinder und wie viel Liebe und Dankbarkeit es in ihnen weckt! - O Engel, die ihr wacht über ihrem Haus und ihre Gebete hört, breitet himmlischen Duft um einen solchen Herd christlichen Glückes!

Was geschieht aber, wenn der Familie diese Sonne genommen ist? Wenn die Gattin immerfort und bei jeder Gelegenheit, auch in den intimsten Beziehungen, unmissverständlich zu merken gibt, wie viele Opfer das eheliche Leben sie kostet? Wo bleibt ihre liebevolle Güte, wenn überspitzte Härte in der Erziehung und Gereiztheit und Kälte in Blick und Wort in den Kindern das glückliche Gefühl, bei der Mutter sei Freude und Trost zu finden, ersticken? Wenn sie nichts anderes tut, als mit harter Stimme, mit Klagen und Vorwürfen das traute Zusammenleben im Familienkreis in unseliger Weise zu zerstören und zu verbittern? Wo bleibt jene großmütige Feinfühligkeit und jene zarte Liebe, wenn sie - anstatt mit natürlicher und umsichtiger Schlichtheit eine Atmosphäre angenehmer Ruhe in Haus und Heim zu schaffen - das Gebaren einer ruhelosen, nervösen und anspruchsvollen Modedame annimmt? Ist das etwa ein Verbreiten wohltuender und lebenspendender Sonnenstrahlen? Ist das nicht vielmehr eisiger Nordwind, der den Familiengarten gefrieren macht?

Was Wunder dann, wenn der Mann, so oft er kann, von zu Hause fortgeht, da er ja in diesem Heim nichts findet, was ihn anziehen, stärken und zum Verbleiben bewegen könnte. Sein Fortgehen aber beschwört ein gleiches Weggehen der Gattin und Mutter herauf, wenn es nicht gar umgekehrt war und ihr Ausbleiben das des Mannes vorbereitet hat. So machen er und sie - nicht ohne schwere Gefahr für die Seele und zum Schaden des Familienganzen sich auf, um anderwärts die Ruhe, die Entspannung und die Freude zu suchen, die ihnen das eigene Haus nicht gibt. Jene aber, die am meisten unter einem solchen Zustand leiden sind ohne Zweifel die unglücklichen Kinder.

Da seht, o Gattinnen, in welchem Maße ihr mitverantwortlich werden könnt für das häusliche Einvernehmen und Glück! Sache des Gatten und seiner Arbeit ist es, eurem Herd die Lebensmöglichkeit zu schaffen und zu sichern; euch aber und eurer Umsicht steht es zu, im Heim die rechte Wohligkeit zu verbreiten und so ein friedsames, frohes Zusammengehen eurer zwei Lebenswege zu verbürgen.

Dies ist für euch nicht nur ein natürlicher Beruf, nein, auch die Religion und die christliche Tugend legen euch diese Pflichten auf, sodass alles, was ihr in dieser Absicht tut, euch Verdienste erwirkt und euch in der Liebe und Gnade Gottes wachsen lässt.

,Aber' - so wird vielleicht eine von euch sagen - ,auf diese Weise verlangt man von uns geradezu ein Opferleben!' - Ja, euer Leben ist ein Opferleben, freilich nicht nur ein solches. Glaubt ihr denn, man könne hienieden ein wahres und fest gegründetes Glück genießen, ohne es durch irgendwelche Entbehrung und Entsagung erobern zu müssen? Glaubt ihr, in irgend einem Winkel dieser Erde sei noch das volle und ungetrübte Paradiesesglück zu finden? Und meint ihr etwa, euer Gatte müsse seinerseits nicht auch Opfer bringen, oft viele und schwere, um der Familie ein ehrbares und sicheres Brot zu verschaffen?

Gerade diese beidseitigen Opfer aber, zusammen und zum gemeinsamen Nutzen ertragen, verleihen der ehelichen Liebe und dem Glück der Familie die rechte Innigkeit und Beständigkeit, eine heilige Tiefe und jene erlesene Vornehmheit, die sich auswirkt in der Hochachtung der Gatten voreinander und die ihren Triumph erlebt in der Liebe und Dankbarkeit der Kinder. - Wenn das empfindlichste und leidvollste Opfer das der Mutterschaft ist, so ist auch stets die Kraft von oben da, es zu mildern.

Aus ihrem Opfer lernt die Frau Mitleid zu haben mit fremden Schmerzen. Die Liebe zum Glück ihres eigenen Hauses macht sie nicht verschlossen, vielmehr öffnet die Liebe zu Gott, welche in ihrem Opfer sie über sich selbst hinaushebt, ihr Herz zu jeglichem Mitfühlen und heiligt sie.

,Aber' - so wird vielleicht noch jemand entgegenhalten - ,die moderne soziale, wirtschaftliche und berufliche Struktur zwingt zahllose, auch verheiratete Frauen, aus der Familie herauszugehen und sich in den Kreislauf der Arbeit und des öffentlichen Lebens einzuschalten'. Wir wissen das sehr wohl, liebe Töchter. Ob eine solche Sachlage für eine verheiratete Frau nun gerade ein gesellschaftliches Ideal darstellt, ist wohl sehr zweifelhaft; doch der Tatsache muss nun einmal Rechnung getragen werden.

Immer steht die Vorsehung wachend und führend über der Menschheit; sie hat auch für diesen Fall in der Seele der christlichen Familie Kräfte niedergelegt, die stärker sind als ein solcher sozialer Zustand, Kräfte, die seine Härten zu mildern und zu überwinden und den Gefahren zu begegnen vermögen, die er ohne Zweifel in sich birgt. Oder habt ihr nicht bemerkt, wie das Opfer einer Mutter, die besonderer Gründe wegen neben ihren häuslichen Pflichten auch noch in harter, täglicher Arbeit und Plage für die Ernährung der Familie sorgen muss, wie ein derartiges Opfer der Mutter in den Kindern die Verehrung und Liebe zu ihr nicht bloß erhält, sondern auch nährt und mehrt. Und noch größere Dankbarkeit für ihre Plage und Mühe wird ihr zuteil, wenn christliches Empfinden und Gottvertrauen die Grundlage des Familienlebens bilden.

Wenn also in eurer Ehe solche Umstände zutreffen, dann fasst vor allem ein volles Vertrauen zu Gott; er hilft immer dem, der ihn fürchtet und ihm dient. Dann aber, in den Stunden und Tagen, die ihr ganz euren Lieben widmen könnt, fügt ein mehreres hinzu: Mit verdoppelter Liebe seid sorgend darauf bedacht, dem wahren Familienleben nicht nur das Unerlässlichste und Allernotwendigste zu sichern, sondern darüber hinaus in das Herz des Gatten und der Kinder soviel leuchtende Sonnenwärme hineinzustrahlen, dass durch sie der geistige Zusammenhalt des Herdes auch für die Stunden der äußeren Trennung gestärkt, durchglutet und befruchtet bleibe.

Und ihr, o Gatten, die ihr von Gott zum Haupt eurer Frauen und eurer Familien bestellt seid, ihr sollt - indes ihr mit eurer Arbeit zu ihrem Unterhalt beitragt - auch eurerseits euren Gattinnen in der Erfüllung ihrer heiligen und hehren und nicht -elten mühevollen Sendung zur Seite stehen. Ihr sollt mit ihnen zusammenarbeiten mit jener Sorge und Liebe, die aus zwei Herzen ein einziges schmiedet, eine einzige Kraft und eine einzige gleiche Liebe. - Doch über diese Zusammenarbeit, über die Pflichten und Verantwortlichkeiten, die sich daraus für den Mann ergeben, wäre zu viel zu sagen; darum behalten Wir uns vor, in andern Audienzen davon zu sprechen.

Wenn Wir euch sehen, liebe Brautpaare, wie ihr euch hier den andern Scharen anreiht, die vor euch schon an Uns vorübergegangen sind und von Uns gesegnet wurden, so geht Uns der große Ausspruch des Ekklesiastes durch den Sinn: »Geschlechter gehen, Geschlechter kommen, die Erde aber steht ewig» (Koh. 1,4) So schwinden die Jahrhunderte dahin; Gott aber ändert sich nicht; nicht ändert das Evangelium sich, noch die Bestimmung des Menschen zur Ewigkeit. Nicht ändert sich das Gesetz der Familie; nicht ändert sich das wundersame Beispiel der Familie von Nazareth, die große Sonne aus drei Sonnen, von denen die eine göttlicher leuchtet und glüht als die bei den andern, die sie umgeben.

Schaut hin auf jene bescheidene und unscheinbare Wohnstatt, o Väter und Mütter! Betrachtet den, den man für den »Sohn des Zimmermanns hielt« (Mt. 13,55), der aber geboren ist aus dem Heiligen Geist und der Jungfrau, der Magd des Herrn! Da holt euch Kraft für die Opfer und Mühen des Lebens! Kniet euch vor diese Familie hin wie Kinder; ruft sie an und bestürmt sie! Und lernt von ihr, dass die Mühsale des Familienlebens nicht erniedrigen, sondern adeln, dass sie weder Mann noch Frau vor dem Himmel weniger groß und lieb machen, dass sie vielmehr eine Glückseligkeit aufwiegen, die man vergebens unter den Annehmlichkeiten dieser Erde sucht, wo doch alles nur vergänglich und flüchtig ist!

Zum Schluss kommend, erheben Wir ein inniges Gebet zur Heiligen Familie von Nazareth für alle und jedes eurer Heime: Möget ihr, liebe Söhne und Töchter, eure Aufgabe nach dem Vorbild von Maria und Joseph treu erfüllen; möget ihr dort christliche Kinder erziehen und wachsen sehen, lebendige Glieder Christi, (vgl. 1. Kor. 6, 15) dazu bestimmt, eines Tages im Himmel mit euch das ewige Glück zu genießen. Darum bitten Wir den göttlichen Meister, indes Wir euch von Herzen Unsern Apostolischen Vatersegen spenden.

Die Zusammenarbeit der Ehegatten 18. März 1942

Ein Joch ist des Menschen Leben auf Erden, liebe Brautleute. Laut verkündet dies der Heilige Geist auf den Blättern der Heiligen Schrift. Er sagt: «Ein schweres Joch liegt auf den Menschenkindern von dem Tage an, da sie den Mutterschoß verlassen, bis zu dem Tage, da sie zur Allmutter zurückkehren. Es sind ihre Gedanken, ihre Herzensängste und die Besorgnis um den Tag des Todes. Von dem, der auf erhabenem Throne herrscht, bis herab zu dem, der in Staub und Asche sitzt; von dem, der Purpur trägt und Krone, bis herab zu dem, der sich in grobes Linnen hüllt: für alle ist nur Zorn und Eifersucht, ist Unruhe, und Todesfurcht, ist Zank und Streit. Ruht einer auf dem Lager aus, so verwirrt ihm der nächtliche Schlaf noch den Sinn (Sir. 40, 1-5).

Aber dieses Joch des Elends, diese kummervolle Last der Schuld Adams, erleichtert der neue Adam, unser Herr Jesus Christus; er erleichtert es mit dem Joch seiner Gnade und seiner Frohbotschaft. Sagt er doch: «Kommet alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid, und ich will euch erquicken. Nehmt mein Joch auf euch und lernet von mir, denn ich bin sanft und demütig von Herzen und ihr werdet Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft und meine Bürde ist leicht» (Mt. 11, 28-30). - O seliges Joch Christi! Es verwirrt uns nicht den Geist und das Herz, es erniedrigt uns nicht, nein, es erhöht uns in seinen Augen, es bringt unsere Seele zur Ruhe im Frieden und in der Freundschaft Gottes!

Gemeinsames Lasttragen unter dem Joch der Ehe. Ein Joch der Gnade ist für euch, liebe Brautleute, auch das große Sakrament der Ehe. Vor dem Priester und dem Altare Christi hat es euch mit unauflöslichem Band vereint zu einem Leben zu zweit, auf dass ihr nun zusammen den Weg hienieden schreitet und einander in treu er Zusammenarbeit helfet, die Last der Familie, der Kinder und ihrer Erziehung zu tragen.

Es gibt im Familienleben Pflichten, die dem Manne und andere, die der Frau und Mutter zustehen. Aber die Frau darf nicht der Arbeit des Gatten, noch der Gatte den Sorgen der Gattin ganz fremd bleiben. Was immer in der Familie getan wird, soll in gewisser Weise Frucht der Zusammenarbeit, soll in gewissem Grade gemeinsames Werk beider Ehegatten sein.

Was heißt das: Zusammenarbeiten? - Bedeutet es vielleicht einfach die Summe zweier Kräfte, von denen eine jede für sich wirkt; etwa so, wie man an einen zu schweren Zug zwei Lokomotiven spannt, die dann ihre Kräfte vereinen und so den Zug ziehen? Nein, das ist noch kein eigentliches Zusammenarbeiten. Wohl aber arbeiten der Maschinist und der Heizer auf den einzelnen Maschinen (in der modernen elektrischen Lokomotive der erste und der zweite Maschinist) wirklich und bewusst zusammen und verbürgen so das gute Funktionieren. Ein jeder von ihnen tut zwar seine eigene Arbeit; dabei lässt er jedoch seinen Gefährten nicht außer acht; im Gegenteil, er regelt sein eigenes Tun nach dem des andern, nach dem, was dieser braucht und von ihm erwarten kann.

Menschliches Zusammenarbeiten muss den Verstand, den Willen und das Werk umfassen. Den Verstand: tatsächlich können nur vernünftige Geschöpfe miteinander zusammenarbeiten; nur sie können ihr freies Tun verbinden. Wer mit jemand zusammenarbeitet, fügt nicht bloß nach Belieben seine eigenen Kräfte zu denen des andern hinzu, sondern er passt sich ihnen an, will sie unterstützen und verschmelzen, um eine gemeinsame Wirkung zu erzielen. So besteht denn das Zusammenarbeiten in einem organischen Unterordnen und Hinordnen des Einzelwerkes unter einen gemeinsamen Gedanken, auf ein gemeinsames Ziel hin. Dieses gemeinsame Ziel misst allem seine bestimmte Rangstufe zu. Und dadurch, dass alle es erstreben, bringt ein gleiches Interesse das Denken aller einander näher und neigen sich die Herzen aller einander zu. Um des Zieles willen verzichten sie auf die eigene Unabhängigkeit und beugen sich jeder Notwendigkeit, die zur Erreichung desselben erfordert ist. Immer ist ein gemeinsamer Gedanke, gleiches Glauben und gleiches Wollen die Wurzel einer wahren Zusammenarbeit. Und diese wird umso enger und fruchtbringender sein, je eindringlicher der Gedanke, das Glauben und Lieben einwirken und je lebendiger sie bei der Ausführung fortdauern. - Von da aus versteht ihr, dass das Zusammenarbeiten, weil es den Verstand, den Willen und die Tat umspannen muss, nicht immer leicht und auf vollendete Weise durchführbar ist.

Mit der großen Idee von der Vereinigung und dem Zusammenwirken der Kräfte, mit dem tief innern Erfassen des zu erreichenden Zieles, mit dem glühenden Verlangen, um jeden Preis dorthin zu gelangen, ist es zudem noch nicht getan. Das Zusammenarbeiten setzt auch noch manches andere voraus: gegenseitiges Verstehen, auf richtige Hochachtung, Sinn dafür, dass das, was die andern zur Erreichung des gemeinsamen Zieles leisten und leisten müssen, notwendig sei, ferner eine weitherzige und kluge Bereitschaft, die unvermeidbaren Verschiedenheiten unter den Mitarbeitern zu sehen und zuzugeben; nicht um sich darüber zu entrüsten, sondern um daraus Nutzen zu ziehen. Und deshalb braucht es ferner persönliche Selbstverleugnung: anstatt in allem mit der eigenen Ansicht durchdringen zu wollen, anstatt sich immer die Arbeiten auszuwählen, die einem mehr gefallen und zusagen, muss man vielmehr sich überwinden und nachgeben können. Ja, manchmal muss man auch dazu bereit sein, zu verschwinden und die Frucht der eigenen Mühen sozusagen im Namenlosen, im unbestimmten Incognito des gemeinsamen Vorteils sich verlieren zu sehen.

Und doch, wie schwer solch einträchtiges und inniges Zusammenarbeiten auch sein mag, es ist für das Gut, das Gott in der Familie verwirklichen will, unerlässlich. Es sind eben zwei, der Mann und die Frau, die den gleichen Weg schreiten, die sich die Hand reichen und sich binden mit dem Band eines Ringes; einem Knoten der Liebe, den auch das Heidentum ohne Zögern «vinculum jugale», ein jochartiges Band nannte (Virgil, Aeneis lib. IV, v. 16 und 59).

So ist deutlich die Frau die Hilfe des Mannes, sie ist jene, der Gott die heiligen Gaben verliehen hat, den Menschen zur Welt zu bringen, eine Schwester jener großen Frau, die, «niedriger und höher als je sonst ein Geschöpf, ewigen Ratschlusses festes Ziel« (»Umile ed alta piú che creatura, termine fisso d'eterno consiglio«, Dante, Paradiso XXXIII, 2-3), uns den Erlöser des Menschengeschlechtes geben und durch dessen erstes Wunder das »Jochband« der Hochzeit zu Kana froh machen sollte.

Gott hat bestimmt, dass zum wesentlichen und ersten Zweck des Ehebundes, d. i. zur Zeugung der Kinder, der Vater und die Mutter zusammenwirken sollten. Frei eingegangen und gewollt sollte dieses Zusammenwirken sein. Freiwillig sollten die Gatten sich allem unterziehen, was ein so wunderbarer Zweck an Opfern auferlegen würde. - Ja, wunderbar ist dieser Zweck! Denn der Schöpfer macht die Eltern hier sozusagen teilhaftig an jener höchsten Kraft, mit der er den ersten Menschen aus dem Staub gebildet. Sich selbst behält er dabei vor, die Seele, den Hauch unsterblichen Lebens einzugießen. So macht er sich zum obersten Mitarbeiter am Werk, das Vater und Mutter tun - so wie er ja Ursache alles Wirkens überhaupt ist und in allen Wirkenden wirkt (S. Thomas, Summe wider die Heiden, III, 66-.67).

Sein ist also eure Freude, o Mütter, wenn ihr, alle Schmerzen vergessend, bei der Geburt eines Kindes freudig ausruft: Ein Mensch ist zur Welt gekommen! (vgl. Joh. 16, 21) Es ist da an euch jener Segen in Erfüllung gegangen, den Gott schon im irdischen Paradies unsern Stammeltern gegeben, und den er nach der Sintflut Noe, dem zweiten Vater des Menschengeschlechtes wiederholt hat: «Wachset und mehret euch und erfüllet die Erde!« (Gen. 1,28; 8,17).

Aber außer zur Geburt des Kindes ins körperliche Leben und zu seiner Gesundheit müsst ihr noch zusammenarbeiten zu seiner Erziehung im geistigen Leben. In der zarten Kinderseele lassen ja die ersten Eindrücke gar mächtige Spuren zurück. Und Hauptzweck der Ehe ist nicht nur die Zeugung von Kindern, sondern auch deren Erziehung (Codex iuris canonici, Can. 1013, § 1), ihre Erziehung in der Furcht Gottes und im Glauben.

So muss die Zusammenarbeit das ganze Eheleben durchziehen und beleben und ihr sollt in solcher Zusammenarbeit jenes Glück finden und verkosten, dessen Samenkörner die göttliche Vorsehung so zahlreich in der christlichen Familie niedergelegt und mit ihrer Gnade befruchtet hat.

Die Geburt eines Kindes krönt und heiligt die Verbindung zweier Gatten. Aber der Gedanke und die Sorge um das Kind allein vermöchten noch nicht, sie von selbst und ohne weiteres für ihr ganzes Leben zu Mitarbeitern zu machen, wenn der Will e und der Drang des Herzens zur Zusammenarbeit fehlten oder wieder vergingen. Dem Willen entspringt der Vorsatz; dem Vorsatz aber muss die feste Überzeugung von der Notwendigkeit des Zusammenarbeitens vorausgehen.

Hat etwa jener diese Notwendigkeit erfasst, der in das Eheleben eintritt mit dem Anspruch, seine eigene Freiheit darin eifersüchtig zu wahren und zu behaupten und nichts von der eigenen persönlichen Unabhängigkeit zu opfern? Hieße das nicht, eine in der Wirklichkeit des gemeinsamen Lebens unmögliche und hirngespinstige Haltung erträumen und einnehmen wollen?

Man muss also die Notwendigkeit des Zusammenarbeitens, diese Grundbedingung des gewählten Lebens erfassen und sie dann ehrlich und voll Liebe und Bereitwilligkeit und nicht nur mit müder Ergebung bejahen. Und alles, was diese Zusammenarbeit möglich, einträchtig und angenehm macht, muss man großherzig und mit Mut und Freude auf sich nehmen; wäre es auch der Verzicht auf Liebhabereien, Wünsche und Eigengewohnheiten; wäre es auch die tägliche Eintönigkeit unscheinbarer, ungesehener und mühevoller Arbeiten.

Wille zur Zusammenarbeit I - Was also muss man wollen? Man muss zusammenarbeiten wollen und zusammenzuarbeiten suchen auf folgende Weise: man muss das gemeinsame Arbeiten lieben, ohne Rücksicht auf das, was eben dargeboten oder erfordert oder auferlegt ist; man muss es anpacken, man muss, um wirklich einmal den Anfang zu setzen, nötigenfalls die ersten Schritte tun; man muss gegebenenfalls nach diesen ersten Schritten lebhaft deren Fortsetzung ersehnen; man muss mit wacher und angespannter Sorge durch halten und so die Weise herausfinden, wie euer beider Wirken tatsächlich am besten verknüpft werden könne; man darf keine Entmutigung noch Ungeduld aufkommen lassen, wenn eine Hilfe oder Unterstützung des andern Teiles ungenügend und zum eigenen Kräfteaufwand in keinem Verhältnis stehend erscheint. - Wollet nie - das sei der Entschluss, an dem ihr euch immer aufrichtet - einen Preis zu hoch erachten, der euch das so ersehnte Ziel erreichen hilft: die unerlässliche und förderliche Einmütigkeit im Tat verbundenen Streben nach dem Wohl der Familie.

Drang des Herzens nach Zusammenarbeit! Wir meinen da jenen Drang, der nicht aus den Büchern gelernt, sondern vom Herzen gelehrt wird, der das wirksame Einverständnis und Zusammenklingen in der Führung und im Gang des heimischen Herdes liebt; jenen Drang, welcher gegenseitige Liebe, geteilter Eifer und geteilte Sorge um das gemeinsame Nest ist; jenen Drang, der beobachtet um zu lernen, der lehrt um zu handeln, der handelt, um dem andern an die Hand zu gehen; kurz: jenen Drang zur Zusammenarbeit, der eigentlich eine langsame und gegenseitige Erziehung und Formung der Gatten untereinander darstellt. Nur so, sich gegenseitig lehrend, können zwei Seelen zu einer wahren und tiefgehenden Zusammenarbeit kommen.

Bevor das gemeinsame Leben unter dem gleichen Dache begann, hat nämlich jede der zwei Seelen ihre eigenen Tage gelebt und sich selber geformt. Die eine wie die andere kommen aus zwei Familien, die, wie sehr sie sich auch gleichen mögen, doch nie dieselben sind; jede der beiden Seelen bringt somit in das gemeinsame Heim ihre eigene Art zu denken, zu fühlen, zu handeln und zu behandeln mit, - zwei Arten also, die im Anfang nie voll übereinstimmen und zusammenklingen werden.

Ihr seht nun wohl, dass es demnach, um einmütig wirken zu können, vor allem notwendig sein wird, sich gegenseitig tiefer kennen zu lernen, tiefer als das während der Verlobungszeit möglich war: Es gilt, Tugenden und Fehler, Fähigkeiten und Unvermögen von Gelegenheit zu Gelegenheit zu erforschen und zu entdecken. Nicht etwa, um Kritiken und Streitigkeiten vom Zaune zu brechen oder um sich selber ins gute Licht zu setzen, indem man im Lebensgefährten nichts anderes sieht als seine Schönheitsfehler; nein vielmehr dazu, um sich Rechenschaft zu geben über das, was man von ihm erwarten darf und über das, was man vielleicht ergänzen oder ausgleichen muss.

Hat man einmal die Gangart erkannt, nach der man den eigenen Schritt auszurichten hat, dann heißt es, in frisch angepackter Kleinarbeit die Gedanken und Gewohnheiten umzubilden, gleichzurichten und aufeinander abzustimmen. Die gegenseitige Herzensliebe bringt diese Kleinarbeit unmerklich voran. Und jene notwendigen Umbildungen, Umstellungen und Opfer werden das Gleichgewicht nicht stören. Sie sollen ja nicht alle nur auf einem der beiden Teile lasten, sondern ein jeder von ihnen wird mit viel Liebe und Vertrauen seinen Anteil auf sich nehmen - im Gedanken an den nahen Anbruch des Tages, an dem die vollkommene Übereinstimmung der zwei Seelen im Denken, Wollen und Tun erreicht sein wird. Von da an wird dann das Zusammenarbeiten zum Wohl gedeihen und zum Glück der Familie leicht sein und seine Früchte voll und köstlich.

Alle Menschen sind hienieden Pilger, fern von Gott, (vgl. 2. Kor. 5, 6) sind auf dem Weg zu ihm auf der Straße der Lebenden. Einer der Pfade und ein viel begangener ist nun der des Ehelebens. Durch die große Verschiedenheit im Charakter der zwei Weggenossen kann aber manches Mal die Reise auf ihm für den einen von ihnen zu einer solchen Tugendübung werden, dass der Pfad zum Lichtweg der Heiligkeit auswächst. - Wer im Leben der seligen Anna Maria Taigi liest, steht staunend vor den großen Unterschieden in Abstammung, Temperament, Erziehung, Neigungen und Geschmack, die zwischen ihr und ihrem Gatten, dem Dienstmann Domenico, bestanden. Und nichtsdestoweniger hat sie sich wunderbar ihm angefügt und sich in Einklang gebracht mit dieser von der ihrigen so verschiedenen Seele.

Möge diese heldenhafte Familienmutter einem jeden von euch, liebe Brautleute, eine Überfülle an himmlischen Gnaden erwirken, und möget ihr auf diese Gnaden gestützt in allen euren Familien eine solche pflichtbewusste und christliche Zusammenarbeit zum Lob und Dienste Gottes aufblühen lassen! Eben diese Gnaden erbitten und erflehen auch Wir euch von Herzen, während Wir euch mit väterlich liebendem Herzen Unsern Apostolischen Segen spenden.

Der »Herrgottsteil« in der christlichen Familie 25. März 1942

Heute wollen Wir, liebe junge Brautpaare, euch ein Wort sagen, von dem Wir wünschen, es möchte nicht nur euch, sondern alle Ehegatten von nah und fern erreichen; es soll ihnen etwas wieder in Erinnerung bringen, was von jeher eine Ehrensache christlicher Familien und Eheleute gewesen ist. Es ist das Wort vom «Herrgottsteil« am Familienmahle, von jenem Anteil, den bisweilen Jesus sich aufgespart wissen will, als dem Familienfreund oder fast wie einem Hilfsbedürftigen.

Das schöne Buch Tobias, das Gott selbst dem heiligen Schreiber eingegeben hat, um die Menschen die Tugenden des häuslichen Lebens zu lehren; dieses Buch erzählt, wie Tobias einst an einem Festtage, da man im Haus ein großes Mahl bereitet hatte, zu seinem Sohne sprach: «Geh hin und führe jemand von unserem Stamm herein, einen gottesfürchtigen Mann, auf dass er mit uns das Festmahl halte» (Tob. 2,2).

Und so war es ehemals auch in vielen christlichen Familien frommer und liebgewonnener Brauch, bei feierlichen Anlässen einen Teil des Mahles für den Armen aufzuheben, den die Vorsehung schicken würde; der sollte dann auf diese Weise an der allgemeinen Freude teilhaben. Das war, wie man in einigen Gegenden zu sagen pflegte, der «Herrgottsteil« am Familientische.

Wer kann nun wissen, ob nicht einmal der Herr auch in euer Heim kommen wird, um sich einen ähnlichen Anteil zu erbitten; dann, wenn schon blühende, frohe Söhne und Töchter euern Familientisch erfreuen, glühende und ernste Jungen- und Mädchengesichter, junge Seelen, deren Denken und Fühlen ein Leben und einen Weg verraten lassen, der sie den Engeln an die Seite stellt.

Jesus ist es ja, der eure Verbindung gesegnet, der euer Brautgemach fruchtbar macht, der aus euch wie am Fuße des Ölbaums die frohen Schösslinge eurer Hoffnung wachsen lässt. Dieser Jesus wird vielleicht einmal vorüberkommen und zu einer Stunde, die er allein weiß, an die Türe eures Hauses klopfen. Dann wird es sein wie damals an den Ufern des Sees von Tiberias, als er die beiden Söhne des Zebedäus berief, ihm nachzufolgen, (Mt. 4, 21) oder wie in Bethanien, als er Martha bei ihren Hausgeschäften ließ und Maria zu sich nahm, damit sie zu seinen Füssen Worte höre und verkoste, die die Welt nicht versteht (Lk. 10, 39). Er ist ja derjenige, der einst zu den Aposteln gesagt hat: «Die Ernte ist wahrhaft groß, aber der Arbeiter sind wenige. Bittet darum den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte sende« (Mt. 9, 37. 38). Er ist der Erlöser, dessen Auge das unermessliche Feld der mit seinem Blute erkauften Seelen überschaut: und immer wieder geht er durch die Welt, über das Land und durch die Städte, vorbei an den Türen der Menschen, entlang den Ufern der Seen und Meere und immer wieder wendet er sich an seine, Erwählten, und immer wieder ergeht an sie seine verborgene Gnadenstimme, das «Komm und folge mir nach» des Evangeliums (Mt. 19,21). Die einen ruft er, um die noch brachliegenden Felder urbar zu machen und zu bearbeiten, andere, um das schon reifende Korn einzubringen.

Die «Felder» Christi, sein «Weinberg«, das ist ein Bild der in Zeit und Raum alles umfassenden Kirche, ein lebendiges Bild des Gottesvolkes, das den Hirten der Kirche zur Pflege anvertraut wird. Auch der heilige Gregor der Große vergleicht die Kirche mit einem Weinstock, der, angefangen vom gerechten Abel bis zum letzten Auserwählten am Ende der Zeiten, soviel Rebschösslinge hervorbringt, als sie Heilige zeugt (Homil. XIX in Evang. n. 1; Migne PL. 1. 76, col. 1154). Diese Kirche, ihr wisst es, liebe Söhne und Töchter, ist auch das Feld Unserer Sorge als des Stellvertreters Christi: Christi Eifer und Gebet, Christi Liebe und Schmerz wird also zu Unserer Liebe und Unserm Schmerz, zu Unserm Eifer und Unserm Gebet. Mächtig fühlen Wir in Uns die »Liebe Christi«, die «Uns drängt (2. Kor. 5, 14).

Die wunderbaren Fortschritte des menschlichen Geistes haben über Länder, Meere und Lüfte hinweg die Entfernungen verkürzt und so unsere Erdkugel gleichsam enger und kleiner gemacht. Vor Uns tun sich daher unaufhörlich neue Wege auf für die Predigt des Evangeliums unter den fernen, noch heidnischen Völkern, aber auch für das Apostolat unter den aufgewühlten, aus ihrer Bahn geworfenen Seelen unseres eigenen Erdteils, die von einem göttlichen Trieb geleitet vielleicht unbewusst nach der ewigen Wahrheit hungern.

Bei diesem Anblick überkommt Uns immer eine große Trauer; Wir haben das heiße Verlangen, allen zu helfen und wissen doch, dass die Zahl jener großherzigen Seelen, die Wir ihnen zu Hilfe schicken können, an der Not gemessen viel zu klein ist.

Wer weiß nun, ob nicht das Heil irgendeiner für den Himmel bestimmten Seele, die da irgendwo unter dem christlichen Volk oder einsam in ungläubigen Gegenden irre Wege geht, in den göttlichen Plänen gebunden ist an das Wort und das Hirtenamt eines der Söhne, die der Herr euch schenken will ? Wer vermag je die Tiefen des Ratschlusses Gottes, unseres Heilandes, zu ergründen, «der da will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen? 8) - Vergesst es nicht, liebe Söhne und Töchter: die Familie, die da nach Gottes Willen gegründet ist auf die rechtmäßige Verbindung von Mann und Frau, sie muss Christus und der Kirche die Diener und Apostel des Evangeliums, die Priester und Herolde geben, die das christliche Volk weiden, die Meere überqueren und den Seelen das Licht und das Heil bringen.

Was werdet ihr also tun, wenn einmal der göttliche Meister kommt und euch um den «Herrgottsteil« bittet, d. h., wenn er das eine oder andere eurer Kinder, einen Sohn oder eine Tochter, von euch zurückfordert, - er hat sie ja zuvor geschenkt - um sich aus ihm einen Priester, einen Ordensmann oder eine Ordensfrau zu machen? Was werdet ihr antworten, wenn diese Kinder euch in kindlichem Vertrauen ihr Herz eröffnen und euch die heilige Sehnsucht ihrer Seele verraten, weil darin eine Stimme liebend leise gebettelt hat: «Willst du?»

O Wir flehen euch an im Namen Gottes: verwehrt dann nicht mit einer rohen und ichsüchtigen Gebärde dem göttlichen Ruf den Eingang in eine Seele! Ihr kennt ja nicht den Auf- und Untergang der göttlichen Sonne über dem See eines jungen Herzens; ihr kennt nicht seinen Kummer und seine Kraft, seine Wünsche und seine Hoffnungen, sein Auflodern und In-Asche-Sinken. Das Herz hat Tiefen, unergründlich auch für einen Vater und eine Mutter; aber «der Heilige Geist, der unserer Schwachheit zu Hilfe kommt, er bittet für uns mit unaussprechlichen Seufzern und er, der die Herzen erforscht, er weiß, was der Geist begehrt.« (Röm. 8, 26-27).

Gewiss, wenn ein Sohn oder eine Tochter den Wunsch nach dem Priester- oder Ordensstand äußert, so haben die Eltern das Recht - und in gewissen Fällen auch die Pflicht - sich zu vergewissern, dass es sich dabei nicht um eine bloße Anwandlung der Phantasie oder des Gefühls handelt, um einen schönen Wunschtraum nach Freiheit von den Bindungen des Hauses, sondern, dass es ein ernster, wohl erwogener, übernatürlicher Entschluss ist, der von einem weisen und klugen Beichtvater oder geistlichen Führer geprüft und gebilligt wurde.

Ist aber die Sehnsucht echt und wollte man dennoch ihre Erfüllung willkürlich, durch unbegründete und unvernünftige Vorwände verzögern, so hieße das, sich Gottes Plänen widersetzen. Schlimmer noch wäre es, wollte man sich vermessen, durch unnütze, gefährliche und gewagte Prüfungen ihre Festigkeit und Standhaftigkeit auf die Probe zu stellen. Man würde Gefahr laufen, dabei nicht nur den Berufenen zu entmutigen und zu verängstigen, man würde damit sogar das Heil seiner Seele aufs Spiel setzen.

So ,seid denn wahre Christen, voll großen, tiefen und erlebten Glaubens an die göttliche Leitung der Familie und der Kirche. Und wenn dann Gott euch eines Tages die große Ehre erweisen sollte, sich eines eurer Kinder für seinen Dienst zu erbitten, so wisset den Wert und den Vorrang einer solchen Gnade für den Erwählten selbst wie für euch und eure Familie zu schätzen! Ein großes Geschenk des Himmels begehrt damit Einlass in euer Haus. Euer Kind wird sein wie eine Blume, erwachsen aus eurem Blute, benetzt von himmlischem Tau, duftend von jungfräulichem Wohlgeruch, eine Blume, die ihr ergebenen Herzens am Altar dem Herrn darbietet, damit daraus sich ein Leben entfalte, das Gott und dem Dienste an den Seelen geweiht ist.

Ein schöneres und wahrhaft glücklicheres Leben kann es für den, der Gottes Einladung voll entspricht, nicht geben; es ist ein Leben, das auch für euch und die Euren ein Quell des Segens sein wird. Wohl fordert der Herr im Augenblick, da ihr ihm euer Kind darbietet, ein großes Opfer von eurer Liebe. Aber es ist Uns, als sähen Wir zum Lohne dafür euren Sohn oder eure Tochter, die ihr so Gott geschenkt habt, sich vor Gott niederwerfen und auf euch die Fülle der himmlischen Gnaden herab rufen. Ja, wie viel Wünsche, wie viel Gebete wird so ein Kind für euch, für seine Brüder und Schwestern zum Himmel schicken ! Jeden Tag werden diese Gebete eure Schritte, eure Arbeiten und eure Nöte begleiten; kommen schwierige und traurige Stunden, so werden sie noch glühender und zahlreicher sein. Sie werden euch folgen und euch stärken auf eurem ganzen Lebensweg, bis zu eurem letzten Atemzug, ja noch weiter, bis hinein in jene Welt, wo Gott - und er allein alles ist.

Glaubt nicht, dass solche Herzen, die sich ganz unserem Herrn und seinem Dienst geweiht haben, euch mit weniger oder minder zärtlicher Liebe lieben müssten. Nein, die Liebe zu Gott leugnet und zerstört nicht die Natur: sie vervollkommnet sie und hebt sie auf jene höhere Ebene, wo die Liebe Christi und der warme Herzschlag des Menschen sich begegnen, wo die Gottesliebe die menschliche Liebe heiligt und sie sich vereinen und umarmen.

Wenn auch die Würde und der Ernst des Priester- oder Ordensstandes den Verzicht auf diese oder jene Äußerungen der Kindesliebe erfordern, so zweifelt nicht: die Liebe selbst wird nicht geringer oder lauer werden, vielmehr wird ihr aus dem Verzicht eine stärkere und tiefere Glut erwachsen; sie wird freier sein von jeder Selbstsucht und von jedem menschlichen ZerspaItensein (vgl. 1. Kor. 7, 32-34), indes nur Gott allein die geliebten Herzen mit euch teilen wird.

Lasst eure Herzen von der Liebe zu Gott und vom wahren Geist des Glaubens durchdringen, liebe Gatten und fürchtet euch nicht vor dem Geschenk einer heiligen Berufung, die da vom Himmel unter eure Kinder herabsteigt.

Ist es für einen glaubenden und liebenden Menschen nicht ein Trost, ein Stolz und ein Glück, in ein Gotteshaus eintreten zu können und dort am Altare den eigenen Sohn sehen zu dürfen, wie er, bekleidet mit den priesterlichen Gewändern, das unblutige Opfer darbringt und Gott Vater und Mutter anempfiehlt? Ist es nicht ein Trost, der eines Mutterherzens geheimste Tiefen erzittern macht, in der Zurückgezogenheit eines Klosters eine Tochter zu wissen als wundersame Braut Christi, die ihren Bräutigam liebt und bedient in den Hütten der Armen, in den Spitälern, in den Asylen, in den Schulen, in den Missionen, ja sogar draußen auf den Schlachtfeldern und auf den Verbandsplätzen der Verwundeten und Sterbenden?

Gebt Gott die Ehr e und danket ihm, dass er aus eurem Blut sich seine liebsten Helden und Heldinnen erwählt und in seinen Dienst nimmt! Steht nicht zurück hinter den vielen christlichen Eltern, die innig darum bitten, der Herr möge sich seinen Anteil aus dem schönen Kranz ihrer Familie nehmen, hinter jenen, die bereit sind, auch den einzigen Spross, ihre einzige Hoffnung ihm anzubieten.

Euer Gebet, das Gebet echt christlicher Eltern um einen geistlichen Beruf ihres Kindes, muss bewegt und geleitet sein von den hohen Gedanken des Gottesgeistes. Es gab Zeiten, - und sie sind auch heute noch nicht überall vorbei - wo die Lage des Klerus ziemlich gesichert war, wo der Priester- und Ordensstand auch den Außenstehenden noch als ein erstrebenswerter Beruf vorkommen mochte; da konnte denn der Wunsch nach einem geistlichen Kind bei manchen Eltern aus mehr oder weniger menschlichen und gewinnsüchtigen Motiven entspringen, etwa der Verbesserung und Erhöhung des Familienstandes dank der Vorteile und dem Einfluss eines Priestersohnes oder der Hoffnung, bei ihm für sich selbst in den alten Tagen, nach einem arbeitsreichen Leben, ein ungestörtes Ruheplätzchen zu finden. Wenn auch solche Gesinnungen, wie sie in weiter zurückliegenden Zeiten leider noch häufig waren, heute für gewöhnlich nicht den Charakter von niedrigen, ehrgeizigen oder gewinnsüchtigen Berechnungen tragen, so bleiben sie doch immer sehr irdisch und haben für unser Beten im Angesichte Gottes keinen Wert.

Sursum corda! Empor die Herzen! Höher muss euer Geist und das Sinnen eures Herzens sich erheben. Wie die Familien den »Herrgottsteil« von den Gütern für Gott aufheben, weil sie dieselben von ihm zum Gebrauche erhalten haben, so soll es auch bei euch sein: Das was in erster Linie den heiligen Ehrgeiz nach einem so schönen Beruf für eines eurer Kinder wecken soll, ist der Gedanke an die vielen Gnaden, die Christus euch so überreichlich im geistlichen Leben vermittels seiner Kirche, seiner Priester und Ordensleute schenkt. Ihr lebt in Ländern alten katholischen Glaubens, wo eifrige Diener Gottes über euch wachen und euch stärken in euren Arbeiten und Mühen, wo euer frommer Sinn und eure Andacht in Kirchen und Kapellen, in den Sakramenten, im Gottesdienst, in der Messe, in Predigten und frommen Werken reichliche Weide findet, wo für euch all die mannigfache Hilfe bereit liegt, die die mütterlich sorgende Kirche in jeder frohen oder traurigen Stunde des Lebens für das Wohl der Seelen aufwendet. - Wie viel Sorge für euch und eure Kinder, für euer aller Glück lebt im Herzen jenes frommen Priesters, der euch besucht, der um alle sich kümmert, die ihm anvertraut sind! Aus welcher Familie ist er hervorgegangen? Von wo ist er zu euch gekommen? Wer hat ihn gesandt? Wer hat ihm die väterliche Liebe zu euch eingegeben, das Wort und den freundschaftlichen Rat?

Die Kirche, Christus ist es, der ihn schickt. Aber sollen es nun immer nur die andern sein, die Gott ihre Söhne und Töchter schenken und euch unaufhörlich diese Fülle geistlicher Wohltaten zuleiten und verbürgen? - Könnte sich denn euer vaterländischer Stolz damit begnügen, müßig zu stehen und die ganze Opferlast für den Wohlstand und die Größe eurer Heimat den andern zu überlassen? Und auf die Kirche angewendet: wo bliebe eure christliche Großherzigkeit, wenn ihr euch der Ehre entziehen wolltet, auch eurerseits beizutragen, mitzuarbeiten und mitzuhelfen an der Verherrlichung und an der Ausbreitung des Glaubens und der Katholischen Kirche? Wo bliebe euer Anteil an der Erfüllung ihrer göttlichen Mission in der Welt, euer Beitrag zum Wohl der Seelen eurer Brüder, wenn ihr nicht bereit wäret, ihr ein Geschenk zu geben, weit wertvoller als materielle Gaben: euer Kind, das Gott vielleicht von euch verlangen wird?

Helft der Braut Christi, liebe Eheleute, helft Christus, dem Erlöser der Menschen, auch mit den Kindern eures Blutes! Und helft auch Uns, Christi unwürdigem Stellvertreter: Wir tragen ja im Herzen alle Menschen als Unsere Söhne: alle sind sie Unsere Schäflein; mögen sie schon versammelt sein im einzigen Schafstall Christi, oder noch einsam über dürre Weiden irren. Allen sind Wir den Weg, die Wahrheit und das Leben Christi schuldig. Erzieht eure Söhne und Töchter im wahren Glauben, denn er ist der Sieg, der die Welt bezwingt (vgl. 1. Joh. 5, 4). Unterdrückt nicht in ihren Seelen den Geist, der vom Himmel kommt, pflanzt in ihnen jenen ungeheuchelten, aufrichtigen Glauben, den der Apostel Paulus in seinem geliebten Schüler Timotheus wusste, und den dieser ererbt hatte von seiner Großmutter Lois und seiner Mutter Eunike (2. Tim. 1, 5). Seid nicht geizig mit Gott, gebt ihm den Anteil am Segen, den er von eurer Familie vielleicht einmal zu fordern kommt!

Wir werden nun euch und schon jetzt auch euren kommenden Kindern mit ganzer Hingabe Unseres Vaterherzens Unsern Apostolischen Segen erteilen; und es soll euch nicht ungelegen sein, wenn Wir, liebe Brautpaare, dazu die Bitte fügen, der göttliche Meister möge, wenn es ihm gefällt, euch die Ehre und die Gnade erweisen, sich aus euren Kindern seinen Anteil zu erwählen und euch möge er genug Glauben und Liebe geben, diesen Anteil nicht zu verweigern, sondern ihm dafür zu danken; es ist dieser Anteil ja gewiss nicht nur die beste seiner Wohltaten, sondern auch das sicherste Unterpfand seiner besondern Liebe zu euch und das Unterpfand des Lohnes, den er euch im Himmel bereit hält.

Der Mann in der Familie

Seine Verantwortung für das häusliche Glück 8. April 1942

Es darf euch nicht wundern, liebe Brautleute, wenn in diesen allwöchentlichen Audienzen gerade ihr es seid unter Unsern gläubigen Söhnen und Töchtern, an die Wir mit besonderer Vorliebe das Wort richten, wenn Unsere vielfältig bewegten Gedanken immer wieder zurückkehren in den Kreis eurer werdenden Familien. Unter allen Schöpfungen des Weltalls ist ja die menschliche Familie das letzte erhabene Wunder, das Gottes Hand gebildet, das letzte wundersame Werk, das er gesetzt hat zur Krone der sichtbaren Welt am siebenten und letzten Tage der Schöpfung. Zuerst hatte er den Garten der Wonne gepflanzt und bereitet. Alsdann aber bildete er den Mann und die Frau und setzte sie über den Garten, ihn zu bebauen und zu hüten (vgl. Gen. 2, 8. 15) und gab ihnen die Herrschaft über die Vögel des Himmels, die Fische des Meeres und die Tiere der Erde (vgl. Gen. 1, 28).

Ist das nicht königliche Größe? Und hat nicht der Mann, auch nach seinem Falle an der Seite der Frau, die Zeichen dieses Königtums bewahrt? Der Mann, der hoch über die Erde sich erhebt, der das Firmament und die Sterne erkundet der die Weltenmeere in kühner Fahrt bezwingt, dessen Fuß die Erde durchforscht und sie beherrscht im Schweiß und in der Arbeit und ihr das Brot abringt, das Brot, das ihn stärken und ihm das Leben erhalten soll?

Wir haben jüngst über die Verantwortung der Frau für das häusliche Glück gesprochen. Als, ihr, liebe junge Gattinnen, diese Worte last, da habt ihr vielleicht im Herzen widersprochen und gedacht, dass doch diese Verantwortung nicht bloß die Frau treffe, sondern dass sie gegenseitig sei und den Gatten nicht weniger angehe als die Gattin. Und dabei stand vor eurem Geist das Bild so mancher Frau, die ihr selbst kennt, oder von der ihr erzählen gehört: eine vorbildliche Frau und Gattin, bis an die Grenzen ihrer Kraft voll Hingabe und Sorge für die Familie. - Und doch: nach mehreren Jahren des Zusammenlebens mit ihrem Manne steht sie noch immer vor seiner teilnahmslosen, groben, vielleicht gar gewalttätigen Selbstsucht, vor einem Egoismus, der, statt mit den Jahren abzunehmen, nur noch größer geworden ist.

Ja, auch Wir wissen, dass es solche heldenmütige Familienmütter gibt: Töchter der Eva ja, aber starke Frauen, großmütige Nachahmerinnen der zweiten Eva, Marias, die der verführerischen Schlange den Kopf zertritt und den Schmerzensweg nach Kaivaria hinaufsteigt bis hin zu den Füßen des Kreuzes. Und Wir wissen ebenfalls, wie Ehemänner sich verhalten können: zuweilen zärtlich und liebevoll, zuweilen gleichgültig und hart. Schon bei verschiedenen Gelegenheiten haben Wir kurz hingewiesen auf ihre Verantwortung in der Leitung der Familie und dabei Uns vorbehalten, einmal eingehender darüber zu sprechen. Das wollen Wir nun in Unserer heutigen kurzen Ansprache tun.

1. Die Verantwortung des Mannes erwächst in erster Linie aus seiner PfIicht, für das Leben von Frau und Kindern zu sorgen. Dazu hat er zumeist seinen Beruf, seine Kunst oder sein Handwerk. Mit seiner Berufsarbeit muss der Mann den Seinen eine Wohnstatt und die tägliche Nahrung, die notwendigen Mittel für einen gesicherten Unterhalt und eine rechte Kleidung verschaffen. Die Familie soll sich glücklich und ruhig fühlen unter dem Schutz, den ihr der vorsorgliche Sinn und die geschäftige, werkende Hand des Mannes verbürgt.

Der Mann, der für Frau und Kinder zu sorgen hat, findet sie hin einer ganz andern Lage als der ledige. So z. B. wenn er vor einem gewagten Unternehmen steht. Gar sehr lockt da die Aussicht auf hohe Gewinne; das Unternehmen könnte aber leicht auch, auf scheinbar unverdächtigen Wegen, zum Ruin führen. - Öfter ist die Sehnsucht und der Traum nach Glück größer und sinnbetörender als deren Erfüllung. Wer darum das Herz und seine Träume zu mäßigen weiß, besitzt eine Tugend, die nie schadet, denn die Mäßigung ist eine Tochter der Klugheit. - Der verheiratete Mann darf daher auch dann, wenn sonst keine Schranken sittlicher Ordnung im Wege stehen, bestimmte Grenzen nicht überschreiten, jene Grenzen, die ihm die Pflichten gegenüber seiner Familie auferlegen; ohne sehr schwerwiegenden Grund darf er den gesicherten und notwendigen Unterhalt seiner Gattin und seiner schon zur Welt gekommenen oder noch zu erwartenden Kinder nicht in Frage stellen.

Etwas anderes ist es freilich, wenn ohne seine Schuld oder Mitwirkung äußere, von seinem Willen und seiner Macht unabhängige Umstände das Glück der Familie gefährden, wie das besonders leicht in Zeiten großer politischer oder sozialer Umwälzungen vorkommt, die die Welt überfluten und über Millionen von Häusern ein Meer von Trauer und Angst, von Elend und Tod bringen. Was immer aber der verheiratete Mann tut oder unterlässt, unternimmt oder wagt, stets muss er sich fragen: Kann ich das meiner Familie gegenüber verantworten?

Aber nicht bloß an seine Familie, auch an die Gesellschaft binden den verheirateten Mann mancherlei sittliche Bande. So die Treue in der Ausübung seines Berufes, seiner Kunst oder seines Handwerks; die Zuverlässigkeit, auf die seine Vorgesetzten sich unbedingt stützen können; die Korrektheit und Geradheit im Benehmen und Handeln, die ihm das Vertrauen all jener gewinnen, die mit ihm zu tun haben. Sind das alles nicht hervorragende soziale Tugenden? Und bilden so edle Tugenden nicht das Bollwerk zur Verteidigung des häuslichen Glückes und des friedlichen Bestandes der Familie, deren Sicherheit nach Gottes Gesetz erste Pflicht eines christlichen Vaters ist.

Und noch eines könnten Wir hinzufügen: Weil die öffentliche Tüchtigkeit und Hochschätzung des Gatten der Gattin zur Ehre und Zierde gereicht, so soll auch mit Rücksicht auf sie der Mann bemüht sein, sich unter seinen Berufskameraden hervorzutun und auszuzeichnen. Im allgemeinen möchte doch jede Frau auf ihren Lebensgefährten stolz sein dürfen. Also ist es nur lobenswert, wenn der Gatte aus edlem Empfinden und aus Liebe zu seiner Gattin sich Mühe gibt, ins einem Beruf sein Bestes zu leisten, wenn er nach Kräften bestrebt ist, etwas Bedeutendes zu schaffen und seine Stellung zu verbessern.

2. Ja, wenn der Mann auf eine würdige und ehrenhafte Weise, durch Beruf und Arbeit in der Gesellschaft emporkommt, so gereicht das seiner Gattin und seinen Kindern zur Ehre und zum Trost; denn «der Kinder Ruhm sind ihre Väter« (Spr. 17, 6).

Aber ebenso wenig darf der Mann vergessen, wie viel es zu einem glücklichen häuslichen Zusammenleben beiträgt, wenn er jederzeit, im Herzen sowohl wie im äußern Tun und Reden, seiner Gattin, der Mutter seiner Kinder, Rücksicht und Hochachtung bekundet und entgegenbringt. Die Frau ist nicht bloß die Sonne, sie ist auch das Heiligtum der Familie; sie trocknet die Tränen der Kleinen, sie lenkt die Schritte der Größeren, tröstet ihren Kummer, beschwichtigt ihre Zweifel und gibt ihnen Zuversicht für ihre Zukunft. Und wie sie die Herrin der Güte ist, so ist sie auch die Herrin des Hauses.

Die Hochachtung, die ihr, liebe Familienhäupter, für eure Gattin hegt, soll man auch nach außen wahrnehmen können: An eurem Gesicht und eurem Verhalten, an eurem Blick und euren Lippen, eurer Stimme und eurem Gruß sollen eure Kinder im Hause sie merken, sehen und heraushören. Nie darf es vorkommen, dass, wie man zu sagen pflegt, ein verheiratetes von einem unverheirateten Paar sich unterscheidet durch die gleichgültige, wenig rücksichtsvolle oder überhaupt unhöfliche und grobe Art, wie der Mann die Frau behandelt. Nein, das ganze Verhalten des Gatten gegen seine Gattin darf nie des Charakters einer natürlichen, edlen und würdigen Aufmerksamkeit und Herzlichkeit entbehren. Das geziemt sich für Männer von unbescholtenem Sinn und gottesfürchtigem Herzen; für Männer, die mit klarem Geist den unvergleichlichen Wert zu schätzen wissen, den ein aufrechtes und feines gegenseitiges Verhalten der Gatten für die Erziehung der Nachkommen hat. Mächtig wirkt auch in dieser Hinsicht das väterliche Beispiel auf die Kinder ein; es ist für sie ein kräftiger, lebendiger Antrieb, mit Ehrfurcht, Verehrung und Liebe zur Mutter und auch zum Vater aufzuschauen.

3. Aber das Mitwirken des Mannes am häuslichen Glück darf nicht stehen bleiben bei der bloßen Rücksicht und darf sich nicht beschränken auf die Achtung, die er seiner Lebensgefährtin entgegenbringt. Nein, die Teilnahme muss weiter reichen: der Mann muss es sehen, Schätzen und anerkennen, wie seine Frau in stiller und emsiger Arbeit und Mühe sich hingibt, um das gemeinsame Heim bequemer. angenehmer und froher zu gestalten.

Da hat vielleicht eine junge Frau mit viel liebender Sorgfalt alles hergerichtet, um so froh, wie die Umstände es ihr erlauben, den Jahrestag der Hochzeit zu feiern, den Tag, da sie vor dem Altar dem Manne sich verband, der ihr Gefährte im Leben und im Glück sein sollte. - In kurzem wird er nun von seinem Büro oder aus seiner Werkstatt nach Hause zurückkehren. Schaut den Tisch dort: mit köstlichen Blumen hat sie ihn geziert und ihm so ein frohes Aussehen gegeben. Das Mittagsmahl hat sie mit aller Sorgfalt zubereitet: das Beste hat sie gewählt und das, was der Mann am liebsten hat. - Aber sieh, da kehrt er zurück, später als gewöhnlich, müde von den langen Stunden harter Arbeit vielleicht war diese eben heute noch besonders hart - gereizt durch unvorhergesehene Widerwärtigkeiten, finster und ganz mit andern Gedanken beschäftigt. - Da empfangen ihn frohe und zärtliche Worte, doch sie fallen ins Leere und lassen ihn stumm. Der Tisch ist mit soviel Liebe bereitet. Er scheint nichts von alle dem zu sehen; er merkt nur, dass jenes Gericht zu lange auf dem Feuer gestanden hat und beklagt sich darüber; - und sie hatte es doch so gut zubereiten wollen, um ihm eine Freude zu machen. - Es kommt ihm gar nicht in den Sinn, dass nur seine Verspätung und das lange Wartenmüssen die Ursache des Mangels ist. -

In aller Eile isst er und sagt, er müsse gleich nach dem Essen ausgehen. Und wirklich, kaum ist das Mahl vorbei, da ist die arme, junge Frau wieder allein - und sie hatte doch von einem trauten, gemeinsam verbrachten Abend voll seliger neu auflebender Erinnerungen geträumt. Und nun ist sie wieder allein im einsamen Zimmer und muss all ihren Glauben und all ihren Mut zusammennehmen, um die Tränen zurückzuhalten, die ihr in die Augen steigen. -

Eine solche oder eine ähnliche Szene bleibt wohl selten einem Gatten im Lauf des Lebens erspart. - Der große Philosoph Aristoteles hat einen Grundsatz aufgestellt, der heißt: So wie ein jeder in sich ist, so sieht er auch das Ziel des Handelns (Ethica Nicomachea lib. 3, c.7 - Ed. Lipsiae 1912, pag. 55). Mit andern Worten: die Dinge erscheinen dem Menschen recht und schicklich oder nicht, je nach seinen natürlichen Veranlagungen oder nach den Leidenschaften, die ihn gerade bewegen (S. Thomas, Summa theol. la, qu. 83, art. 1, ad 5; Ia IIae, qu. 9, art. 2). Ihr könnt das auch selbst beobachten: eine Leidenschaft, auch eine unschuldige, ein Geschäft, ein Ereignis kann ebenso wie eine Gemütswallung Ideen und Neigungen eines Menschen ändern, kann ihn so beherrschen, dass er alle Schicklichkeiten und schuldigen Rücksichten vergisst und alle Liebenswürdigkeiten abweist oder übersieht. Gewiss, der Gatte kann Entschuldigungen geltend machen: die schwere Last eines angestrengten Arbeitstages, Ärger und Verdrießlichkeiten, welche die Bürde noch drückender machten. Aber glaubt er denn, dass seine Gattin nie keine Müdigkeit verspürt, dass ihr nie keine Unannehmlichkeit begegnet?

Nein, stärker als jede Müdigkeit muss im Mann wie in der Frau die wahre und tiefe Liebe sein. Sie muss stärker sein als die täglichen Vorkommnisse und Widerwärtigkeiten, stärker als der Wechsel des Wetters und der Jahreszeiten, stärker als das Auf und Ab der persönlichen Launen und stärker als unvermutet eingetroffenes Missgeschick. Man muss sich selbst beherrschen, sich selbst und die äußeren Ereignisse; man darf sich diesen nicht ergeben und sich von ihnen nicht hin und her werfen lassen. Aus den quellenden Tiefen der gegenseitigen Liebe muss man das Lächeln und das Danken zu schöpfen wissen; in der Kraft dieser Liebe muss man Liebeserweise und Gefälligkeiten zu schätzen wissen, muss man das Freudemachen lernen, auch wo man Leid erfährt. Immer soll das Heim durch Unterhaltung und Ruhe den abgespannten Nerven Erholung bringen.

So geht denn, ihr Männer, wenn ihr nach Hause kommt, nicht nur darauf aus, überall kleine Fehler zu suchen und zu entdecken; die lassen sich bei keinem menschlichen Tun ganz vermeiden. Achtet vielmehr auf alles, was sich euch Gutes bietet, sei es viel oder wenig und bedenkt, dass es die Frucht ist von mühseligen Anstrengungen, von wachsamer Sorge, von liebender fraulicher Aufmerksamkeit und dass es geschehen ist, um aus eurem Heim, so bescheiden es auch sein mag, ein kleines Paradies von Glück und Friede zu machen.

Begnügt euch aber nicht damit, all das viele Gute zu sehen und es bloß im Grunde des Herzens und in verborgenen Gedanken freudig hinzunehmen. Nein, lasst die Anerkennung auch nach außen sichtbar und spürbar werden, zeigt sie eurer Gattin, die keine Mühe gescheut hat, euch diese Annehmlichkeiten zu verschaffen! Wisset, dass die beste und schönste Belohnung für sie ein liebevolles Lächeln ist, ein freundliches Wort, ein aufmerksamer, zufriedener, froher Blick, aus dem alle eure Dankbarkeit durchscheint.

Noch ein paar andere Dinge hätten Wir für die Männer anzufügen. Doch wollen Wir sie auf die nächste Audienz versparen, damit die versprochene Kürze dieser Ansprache nicht leide. Den Apostolischen Segen, den Wir nun erteilen werden, möchten Wir ausgedehnt wissen auf alle, die Uns hier zuhören und auf alle ihre Lieben. Besonders möge dieser Segen - so beten Wir heute - herabsteigen auf die Männer. Nicht nur in der Leitung der Familie und für deren Unterhalt haben sie eine oft gar schwere Last zu tragen, auch gegenüber der Gesellschaft und dem Allgemeinwohl haben sie - besonders in diesen Zeiten großer Entscheidungen - schwere Pflichten und Aufgaben. Pflichten, die sie häufig weit weg von Haus und Heim in Opfer und Entbehrungen führen; Pflichten, deren Erfüllung wahres Heldentum verlangt. Zum Heldentum aber gesellt sich stets auch die eheliche Liebe, die durch die Entfernung nicht abnimmt, sondern neu belebt und erhoben wird in eine erhabene Innigkeit des Glaubens und der Tugend.

Seine Mitarbeit im Heim und Haus 15. April 1942

Wenn ihr, liebe Brautleute, die ganze geschaffene Welt beobachtet und betrachtet, so könnt ihr nur mit höchstem Staunen vor der unendlichen Vielfalt stehen, die sich euren Augen darbietet, sei es in der Welt der unbelebten Dinge, der Mineralien und Erdarten, sei es im unermesslichen Reich der Pflanzen mit seinen Gräsern, Blumen und Früchten, seinen Saaten und Bäumen, oder im weiten Reich der Tiere, die da Lüfte und Gewässer, Berge, Wälder und Felder bevölkern. Und in dieser ganzen Mannigfaltigkeit ist es auffallend, wie selbst innerhalb der gleichen Gattung die Einzelwesen sich voneinander unterscheiden in Gestalt und Körper, in Kraft, Farbenreichtum und Formschönheit.

Und auch an den Kindern, die der Herr euch gnädig schenken wird, werdet ihr bei rechtem Beobachten jene ungleichen Neigungen merken und entdecken können, die einen Jungen von einem Mädchen unterscheiden und die von Anfang an Mann und Frau verschiedenartig prägen und ihrem Leben je eine andere gottgesetzte Richtung weisen.

Ebenso tritt der Unterschied hervor in der ehelichen Gemeinschaft: »Der Mann ist das Haupt der Frau« (1. Kor. 11, 3) und für gewöhnlich übertrifft er sie auch an Stärke und Körperkraft. Dieser Unterschied bedeutet aber keine Herabsetzung der Frau; denn mag diese oft scheinbar leichte Arbeiten erledigen, in Wirklichkeit verrichtet sie doch große und starke Dinge, weil sie mit ihrem Tun die Verantwortung trägt für das Glück der Familie und weil sie sich damit den Dank des Gatten verdient.

Und doch: mag eure Dankbarkeit, ihr Männer, auch noch so herzlich sein, ihr könnt und müsst noch mehr tun. Euer Vorzug als Haupt der Familie besteht nicht bloß darin, dass ihr alles, was mit eurem Beruf, eurem Handwerk oder eurer besondern Kunst zusammenhängt in und außer dem Hause gut verrichtet. Nein, auch im Hause selbst, im eigentlichen Herrschaftsbereich eurer Gattin, habt ihr tätige Mithilfe zu leisten. Ihr seid ja stärker, kräftiger und meist geschickter im Umgang mit Instrumenten und Werkzeugen: Es gibt nun so viele kleine Arbeiten bei der Instandhaltung eurer Wohnung, die eher für Männer als für Frauenhände passen; da bietet sich euch Ort und Gelegenheit, zuzugreifen. - Gewiss, es handelt sich nicht um Mühen und Unternehmen, wie sie euer Amt, eure Werkstatt oder euer Laboratorium von euch verlangen; aber es sind Dinge, die anderseits auch eurer Würde gar keinen Eintrag tun. Und vor allem ist es eine Anteilnahme an den Mühen eurer Lebensgefährtin, die doch oft mit Sorgen und Arbeit überladen ist.

Durch eine freundliche Handreichung helft ihr z. B. eine Last heben: für die Frau ist es tatsächlich eine Hilfe, für euch dagegen fast eine Erholung, eine Art Abwechslung in eurer Beschäftigung. - Hier ist ein Obst- oder Ziergarten zu pflegen, dort eine Verschönerung anzubringen, eine Reparatur zu machen, oder irgendetwas anderes, was irgendwie schwer zu bewerkstelligen, einzurichten oder zu ordnen ist. Sollten dafür nicht eure Hände geeigneter und geschickter sein als die eurer Gattin? Und überhaupt, wo und wann es eine Arbeit zu besorgen gibt, die mehr Kraft erfordert, werdet ihr da nicht so edelmütig und vernünftig sein, sie euch vorzubehalten?

Es gibt ein Bild, das bei einigen Völkern lange Zeit nur allzu häufig Wirklichkeit war, bevor das Licht des göttlichen Geheimnisses von Nazareth sie erleuchtet und ihren rohen Sinn gemildert hatte: Eine Frau schreitet daher wie ein Lasttier, gebeugt unter einer schweren Bürde; hinter ihr folgt, seelenruhig rauchend, der Mann, sie zu überwachen. - Könnte es je in einem christlichen Heim etwas Traurigeres und dem katholischen Geiste widersprechenderes geben als alles, was in irgendeiner Form an dieses Bild erinnerte?

Eine der großen sozialen Wohltaten der Vergangenheit war die Heimarbeit, einstmals vielfach das Normale auch für den Mann. Sie vereinigte Mann und Frau bei der gleichen Arbeit, nebeneinander, im gleichen Haus, am gleichen Herd, um den auch die Kinder spielten. Aber der Fortschritt der Technik, das gigantische Anwachsen der Fabriken und Büros, das Überhandnehmen von Maschinen aller Art, all das hat heute - Landwirtschaftsbetriebe ausgenommen - eine solche gemeinsame Heimarbeit äußerst selten gemacht; gar oft reißt heute der Beruf die Eitern auseinander und führt sie für viele Stunden des Tages weit weg von den Kindern. - «O Bedürfnis, tyrannischer Herrscher - Der elenden Sterblichen: - Nichts kann je dein ungebändigt Wesen bezwingenr («Oh tiranno signore - De' miseri mortali, ... - Bisogno, e che non spezza - Tua indomita fierezza"« Parini, Ode »Ill bisogno.«).

Ja, ihr Männer, eure Berufsarbeit, die euch für einen Großteil des Tages von euren Lieben fernhält, ist oft unerbittlich. Und gleichwohl zweifeln Wir nicht, dass auch dann eure innige Liebe immer noch Kraft, Fertigkeit und Aufmerksamkeit genug aufbringen wird für kleine häusliche Dienstleistungen. Sie werden euch auch umso herzlicheren und wohlwollenderen Dank eintragen, je mehr man weiß, dass ihr sie vollbringt unter Überwindung aller Müdigkeit und aller Ruhebedürftigkeit, getrieben vom Geist des beständigen Einander-helfen-wollens; das nämlich ist der Geist, der alle eint in Sorge um das Wohl und das Glück der Familie.

Es kommen aber in jedem Familienleben auch schwere Stunden und Zeiten. Zeiten, in denen Freude und Schmerz, Mühe und Pein, Not und Tränen sich mischen: Stunden einer Geburt, einer Krankheit, eines Sterbefalles. Dann wohl gibt es viel zu tun. Dann werden die vielen Pflichten der Frau noch schwerer und drückender, und sie kann ihnen nicht mehr oder nur mit größter Mühe und ungewöhnlicher Anstrengung gerecht werden. Da müssen dann alle Hausgenossen, bis hinab zu den Jüngsten mit ihren kleinen Handreichungen, ihr Bestes hergeben. Aber der erste bei der Arbeit muss das nicht der Vater sein, das Familienoberhaupt? Ja in jedem heiklen Augenblick muss er das rechte Beispiel geben, das BeispieI der Hingabe, des Weitblicks und der Fürsorge, indem er sofort und ohne Rückhalt seine ganze Person einsetzt. Bei solchen Gelegenheiten und Prüfungen offenbart sich die väterliche Weisheit und Würde in einer kräftigen und wirksamen Führung der Familie.

Bereitet euch, liebe Ehemänner, auf solch wichtige und unerlässliche Proben vor! Werdet stark an Herz und Sinn! Denn das, was euer wartet wird schwerlich verschieden sein von dem, was irgend einmal über jedes Haus und jede Stube kommt. Aus dem, was andere durchmachen, lernt euch selbst lenken und führen! Und ebenso sei der gewöhnliche Alltag des Lebens euch Leuchte und Führung!

Innerhalb eures Heimes darf es kein Rechnen, kein Abmessen und kein Vergleichen darüber geben, wer sich denn mehr aufreibe und abmühe, wer mehr opfere an Zeit und Kräften. Die wahre Liebe kennt solche Rechnereien und solche Vergleiche nicht; sie tut nichts als sich verschenken, im Glauben, es sei stets zu wenig, was sie für den Geliebten tut. Was die Nachfolge Christi von der göttlichen Liebe sagt, das lässt sich auch auf eine so tiefe und heilige Liebe wie die der Ehegatten anwenden: «Die Liebe fühlt keine Last, sie kennt kein Ermüden; sie verlangt noch mehr zu tun, als sie kann; sie entschuldigt sich nicht mit der Unmöglichkeit ... Sie kann alles, sie vollendet vieles und bringt zustande, was jeder, der nicht liebt, ohnmächtig liegen Iässt (3. Buch, 5. Kap.). - Wundert euch daher nicht, dass der Völkerapostel die Liebe der Männer zu ihren Frauen mit der Liebe Christi zur Kirche zu vergleichen wagte (vgl. Eph. 5, 25-29). Und das, trotzdem er die Liebe zu Christus über die Prophetengabe, über die Geheimnisse und den Wunderglauben, über die Sprachengabe und alle Wissenschaft, über die Freigebigkeit für die Armen und über die Selbsthingabe zum Martyrium erhob; denn so sehr füllte diese Liebe zu Christus des Apostels Herz und Sinn (vgl. 1. Kor. 13, 1 ff.).

O ja liebet eure Gattinnen! Die Liebe ist für euch Pflicht und ihr seid dafür verantwortlich wie für das kostbarste und notwendigste Geschenk; das Geschenk der Liebe nämlich schützt die eheliche Keuschheit und den häuslichen Frieden; die Liebe festigt die Treue, beglückt die Nachkommen und erhält unversehrt die Kraft des Sakramentes, das einst Mann und Frau im Angesichte Gottes vereinigt hat.

Heiligt eure Gattinnen durch euer Tugendbeispiel ! Gönnt ihnen den Stolz, euch nacheifern zu können im Guten und im religiösen Leben, im unermüdlichen Arbeitseifer und in der Unerschütterlichkeit des Herzens, wenn einst Prüfung und Leid kommen, die unausbleiblichen Begleiter im Menschenleben.

Könnte denn der Gatte je vergessen, was für die Frau die Mutterschaft mit sich bringt? Mit wie viel Lasten und Schmerzen, ja oft mit wie viel Gefahren und heldenmütigen Opfern die Frau dem Gatten die Freude erkauft hat, Vater zu sein und sich Vater nennen zu dürfen? Und sollte dort, wo Instinkt und Mutterliebe ohne Rücksicht auf sich selbst zu allem ja gesagt hat, soll dort die Gatten- und Vaterliebe mit der eigenen Hingabe knausern?

Die hohe Stellung der Frau im Mittelalter. Werfet einen Blick auf die Geschichte der Kirche, der Braut Christi! Wie viel Helden und Heldinnen im stillen Heiligtum der Familie! Wie viel Tugenden, von denen Gott und die Engel allein wissen! Schaut hinein in die manchmal raue Zeit des Mittelalters, schaut unter das Volk, in die Stammschlösser, in die Königsburgen, - von den Klöstern ganz zu schweigen! Was waren da für Frauenseelen, denen man huldigte in Ehrerbietung und mit Zärtlichkeit zugleich! Junge Mädchen, Verlobte, Gattinnen, Mütter, sie alle schienen von himmlischem Lichtglanz umgeben; es war, als ob über allen Evatöchtern ein Abglanz jener Liebe läge, die die gläubigen Herzen jener Zeiten zur neuen Eva, zu der Mutter Christi und Mutter der Menschen hegten. Dieser oder ein anderer Gedanke - gleich diesem entsprungen aus einem tiefen Glauben und christlichen Gemüt - hatte damals einen Geist ehrerbietiger und zärtlicher Hochachtung gegen über der Frau aufblühen lassen. So etwas war und ist dem alten und modernen Heidentum fremd; jenem heidnischen Geist, der da prahlt mit seinem männlichen Hochmut und mit dem Aufruhr weiblichen Stolzes. Damals aber, im Mittelalter, war es im Angesicht der Frau dass der Glaube den Dichter begeisterte; vor ihr jubelte er auf und sang sein Loblied auf die «Jungfrau Mutter, die Tochter dessen, den sie gebar« (»Vergine madre, figlia del tuo figlio«, Dante, Paradiso XXXIII, 1), auf die »holde Jungfrau, mit der Sonne umkleidet«, auf dass sie ihn (den Dichter) «empfehle ihrem Sohn, dem wahren Gott, dass er seinen letzten Hauch aufnehme in Frieden« (»Vergine bella, di sol vestita ... commandi al tuo figlio .. che accolga ... lo spirto ultimo in pace«, Petrarca, Il canzoniere, »Vergine bella«).

Ihr Männer, richtet eure Blicke nach Nazareth! Tretet ein in das kleine, bescheidene Heim, schaut den Zimmermann, den heiligsten Hüter göttlicher Geheimnisse: mit seinem Schweiß erhält er die Familie, jene heilige Familie, die viel niedriger und doch viel höher ist als die der römischen Cäsaren. Schaut, mit wie viel Hochachtung und Hingabe er die Mutter, seine unbefleckte und unversehrte Braut ehrt und ihr beisteht! Und bewundert den, der für «des Zimmermanns Sohn» gehalten wurde, ihn, die allmächtige Kraft und Weisheit, der Himmel und Erde erschuf, ohne den nichts geschah und geschehen kann von Menschenhand; und dennoch scheut er sich nicht, in Haus und Werkstatt seine Dienste zu leisten und Maria und Josef untertan zu sein.

Ja, betrachtet dieses hohe Vorbild heiligen Familienlebens, ein Schauspiel, vor dem alle Engelchöre bewundernd und anbetend stehen! Möchte doch dieses heilige Vorbild in euren Herzen jenen dankbaren und innigen Selbsthingabewillen erhalten, der in seinen täglichen Äußerungen euren großherzigen Beitrag zum Glück und zum Frieden des Hauses bildet. Und wenn ihr es in eurem Berufsleben als eine Ehre erachtet, euch keiner auferlegten Verantwortung zu entziehen, so soll es in eurem Christenleben ein Zeugnis eures Edelmutes und der Stolz eures Gewissens sein, mit liebendem und bereitem Sinn teilzunehmen, mitzuarbeiten und mitzusorgen am Aufbau des häuslichen Glückes.

Indes Wir Gott bitten, er möge euch, liebe Söhne und Töchter, die notwendigen Gnaden zu solch fruchtbarer und heiliger Zusammenarbeit geben, erteilen Wir euch von Herzen Unsern Apostolischen Vatersegen.

Einheit und Unauflöslichkeit

Einheit und Unauflöslichkeit als die Grundlage der christlichen Ehe 22. April 1942

Es wird euch, liebe Brautleute, nicht schwer fallen, einen hohen Begriff von der Heiligkeit des begonnenen Ehelebens zu bekommen; ihr braucht nur aufmerksam und besinnlich an Hand eures Gebetbuches die ergreifenden Zeremonien der Trauung wieder zu betrachten: die ganze Trauungsliturgie spricht eigentlich nur von einem: von dem Bund, der von nun an Braut und Bräutigam eint.

Wie war doch der Weg zum Altar voll süßer Gedanken, voll heißer Sehnsucht! Wie viele Hoffnungen, wie viel glückliche Zukunftsbilder haben an eurem Wege geleuchtet! - Und jetzt ist der Bund geschlossen, der unauflösliche Bund zwischen Braut und Bräutigam. »Ich vereinige euch im Namen Gottes«, so hat der Priester als befugter Zeuge des eingegangenen Bundes gesprochen, und die Kirche hat diesen Bund, den ihr durch ein Sakrament geweiht und gefestigt habt, unter ihren Schutz und ihre Obhut gestellt; sie hat eure Namen in das große Buch der christlichen Ehen eingetragen und am Schluss des Trauritus hat sie euch im Gebete Gott empfohlen: «Auf dass, was Du selbst verbunden hast, durch Deine Hilfe auch behütet bleibe!» (Aus der Brautmesse, beim Brautsegen nach dem Pater noster).

Die erste Eigenschaft des Ehebundes ist die Einheit. Ihr könnt sie schon sehen beim ersten Band, mit dem der Schöpfer Mann und Frau verbunden hat, im Paradies, wo zugleich auch das erste Vorbild des Familienparadieses war. Von jenem Bund sollte eines Tages der fleischgewordene Gottessohn das Wort sprechen: «Was Gott verbunden, das darf der Mensch nicht trennen«, denn »sie sind nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch« (Mt. 19, 6). - In jener Vereinigung unserer Stammeltern im Garten der Wonne war schon das ganze Menschengeschlecht einbeschlossen, die ganze Reihe der kommenden Generationen, die die Erde erfüllen und kämpfend erobern sollten, die Generationen von Menschen, die zur Strafe für die gepflückte Paradiesesfrucht, im Schweiße ihres Angesichtes dem Boden das tägliche Brot abringen sollten, ein Brot, eingetaucht in die Bitterkeit der ersten Schuld.

Wozu hat denn Gott im Paradies Mann und Frau vereinigt? Nicht nur, weil sie jenen Garten des Glücks behüten sollten; nein, auch deshalb, weil sie - nach den Worten des großen Kirchenlehrers von Aquin (vgl. S. Thomas, Suppl. qu. 44, art 1) - durch ihre eheliche Verbindung hingeordnet wurden auf die Zeugung und Erziehung von Nachkommen und darüber hinaus auf ein gemeinsames Familienleben.

Die Einheit des Ehebandes trägt zugleich das Siegel der Unauflöslichkeit. Die Ehe gründet zwar auf einer Neigung der Natur, aber sie entsteht doch nicht mit naturgesetzlicher Notwendigkeit. Sie kommt vielmehr zustande durch den freien Willen. Doch kann der freie Wille der Vertragschließenden das Band nur eingehen, nicht aber es wieder lösen. Das gilt nicht nur für die christliche Ehe, sondern ganz allgemein für jede gültige Ehe, die irgendwo auf Erden durch das gegenseitige Jawort der Ehegatten geschlossen wurde. Das Ja, das vom Willen gelenkt eure Lippen geformt haben, knüpft um euch das eheliche Band und bindet zugleich euren Willen auf immer. Seine Wirkung ist unwiderruflich: wohl geht der Laut, der fassbare Ausdruck eurer Zustimmung vorüber; die Zustimmung als solche aber bleibt und vergeht nicht; sie ist ewig, denn es ist eine Zustimmung zur ewigen Dauer des Bundes. Ein Jawort zu einer nur zeitweiligen Lebensgemeinschaft würde noch keine Ehe begründen. Die Einheit eures beidseitigen Jawortes ist also unteilbar; daher gibt es keine wahre Ehe ohne Unauflöslichkeit, noch gibt es eine Unauflöslichkeit ohne wahre Ehe (vgl. S. Thomas, Suppl. qu.41, art. 1; qu. 49, art. 3).

Erhebt eure Gedanken, liebe Ehegatten, und erinnert euch, dass die Ehe nicht nur eine Einrichtung der Natur ist: für christliche Seelen ist sie vielmehr ein großes Sakrament, ein großes Zeichen der Gnade und das Symbol eines heiligen Geheimnisses, nämlich der Brautschaft Christi mit der Kirche. Christus hat sich die Kirche zur Braut erworben und erkauft mit seinem Blute. Mit ihr wollte er die Menschenkinder neu gebären zu einem Leben des Geistes, jene, die an seinen Namen glauben, die nicht auf dem Wege des Blutes, nicht aus dem Begehren des Fleisches noch durch den Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind (Joh. 1,12-13). Dadurch dass die Ehe Siegel und Kraft eines Sakramentes erhält, wird diese Einrichtung der Natur gleichsam über sich selbst hinausgehoben und bekommt einen vornehmen Adel und erhabene Würde. Diese umschließt und umgreift nicht nur die Unauflöslichkeit, sondern auch alles, was sich auf den ZeichengehaIt des Sakramentes bezieht (vgl. S. Thomas, Suppl. qu. 49, art. 2, ad 4 et 7).

Der Wille der Gatten vermag also - wie Wir sagten - den einmal geschlossenen Ehebund nicht zu lösen. Kann es dann vielleicht die von Christus für das religiöse Leben der Menschen eingesetzte, den Ehegatten übergeordnete Obrigkeit? - Nein, das christliche Eheband ist so stark, dass keine Gewalt der Erde, nicht einmal die Unsere, d. h. die Macht des Stellvertreters Christi, es zu lösen vermag, so bald es einmal seine volle Festigkeit durch den Gebrauch der ehelichen Rechte erlangt hat. Wohl können Wir eine Ehe für ungültig erklären, d. h. Wir können feststellen, dass eine scheinbar gültig eingegangene Ehe in Wirklichkeit nichtig war wegen eines trennenden Hindernisses oder wegen eines Mangels in der Ehezustimmung oder wegen eines Fehlers in der wesentlichen Form; Wir können auch in bestimmten Fällen aus gewichtigen Gründen Ehen auflösen, die des sakramentalen Charakters entbehren. Endlich können Wir, wenn eine gerechte und entsprechend wichtige Ursache vorliegt, den Ehebund christlicher Gatten und ihr vor dem Altare gesprochenes Jawort lösen, wenn feststeht, dass es nicht zu seiner Vollendung gelangt ist durch den Vollzug der Ehe. Ist dieser jedoch einmal geschehen, so bleibt die betreffende Ehe jedweder menschlichen Einmischung entzogen.

Hat nicht Christus die eheliche Gemeinschaft wieder emporgehoben zu der ursprünglichen Würde, die ihr der Schöpfer verliehen hatte am Paradiesesmorgen des Menschengeschlechtes, zur unverletzlichen Würde der einen und unauflöslichen Ehe? Jesus Christus, der Erlöser der gefallenen Menschheit, war ja nicht gekommen, das Gesetz Gottes aufzuheben, sondern es zu vollenden und wiederherzustellen. Gesetzgeber mehr als Moses, Weiser mehr als Salomon, Prophet mehr als die Propheten, war er gekommen, alles das zu erfüllen, was von ihm vorausgesagt worden war. Gleich einem Moses würde er sein, erweckt aus dem Hause Israel, - so lauteten die Prophezeiungen - auf seine Lippen würde der Herr sein Wort legen, und jeder, der nicht auf ihn hören würde, sollte aus dem Gottesvolke ausgestoßen werden (vgl. Dtn. 18, 15 ff; Apg. 3, 22-23).

Ja, Christus hat durch sein unvergängliches Wort über die Ehe den Mann erhöht und auch die Würde der Frau wieder aufgerichtet; war doch in den vorhergehenden Jahrhunderten die Frau zur Sklavin erniedrigt worden, und der strengste römische Kritiker hatte sie verglichen mit einer «entfesselten Natur« und einem »ungebändigten Tier« (T. Livii ab Urbe condita, lib. XXXIX, c. 2). Der Erlöser aber hat schon in seiner eigenen Person nicht bloß den Mann geadelt, sondern auch die Frau. Denn von einer Frau nahm er die menschliche Natur an, und diese Frau, seine Mutter, erhob er zur Gebenedeiten unter den Frauen; er machte sie für die christlichen Familien aller Jahrhunderte zum unbefleckten Spiegel jeglicher Tugend und Gnade und krönte sie im Himmel zur Königin der Engel und Heiligen.

Durch ihre Gegenwart heiligten Jesus und Maria die Hochzeit zu Kana. Damals wirkte der göttliche Sohn der Jungfrau sein erstes Wunder; gleichsam als wollte er recht früh dartun, dass seine Sendung in der Welt und das Reich Gottes seinen Ausgang nehmen müsse von der Heiligung der Familie und der Ehegemeinschaft als dem Quell des Lebens. Kana war der Beginn der Erhöhung der Ehe; später sollte sie noch höher steigen in der übernatürlichen Welt; sie sollte eines jener Zeichen werden, welche die Gnade bewirken, ja sie sollte das Symbol der Vereinigung Christi mit der Kirche werden (Eph. 5, 32).

Diese Vereinigung aber ist unauflöslich und untrennbar, weil sie genährt wird von der vorbehaltlosen und ewigen Liebe, die da hervorquillt aus dem Herzen Christi. Wie könnte demnach die eheliche Liebe das Symbol einer solchen Vereinigung sein und heißen, wenn sie vorsätzlich begrenzt, bedingt und auflösbar wäre, eine Flamme der Liebe nur auf bestimmte Zeit? Nein, nachdem sie zur hohen und heiligen Würde eines Sakramentes erhoben wurde und nachdem sie in so innige Verbindung mit der Liehe des Erlösers und seinem Heilswerk gebracht wurde, kann sie niemals anders sein und bleiben als unauflöslich und dauerhaft.

Zu allen Zeiten haben die menschlichen Leidenschaften dieses Gesetz von der Unauflöslichkeit der Ehe als eine Last empfunden; sie glaubten sich durch dasselbe behindert und in der ungehemmten Befriedigung ihrer ungeordneten Begierden eingeschränkt. Und zu allen Zeiten haben sie versucht, auf alle Art und Weise dieses Joch abzuschütteln. Sie wollten darin nichts anderes erblicken als eine harte Tyrannei, die willkürlich die Gewissen bedrücke mit einer untragbaren Last, mit einer grausamen Sklaverei, die den heiligen Rechten der menschlichen Person widerspreche. Ja, es ist wahr: ein Band kann bisweilen eine Last darstellen, eine Knechtschaft, eine Bedrückung, so wie die Ketten für den Gefangenen. Aber es kann auch eine mächtige Hilfe und ein Unterpfand der Sicherheit sein, wie das Seil, das den Bergsteiger beim Aufstieg an seine Gefährten bindet, oder wie die Bänder, die die Glieder des menschlichen Körpers verbinden und diesen in seinen Bewegungen frei und flink machen.

Und so ist es auch mit dem unauflöslichen Band der Ehe. Das Gesetz der Unauflöslichkeit ist der Ausdruck einer wachen Mutterliebe und wird als das empfunden und verstanden werden vor allem dann, wenn ihr es in jenem übernatürlichen Lichte schaut, in das Christus es hineingestellt hat. - Wohl wird das Leben manche Schwierigkeiten auf euren Weg säen, manchen Zusammenstoß, manch ungehöriges Verlangen: aber dann werden sich eure beiden Seelen, die sich zu so untrennbarer Einheit verbunden haben, nie allein noch entwaffnet finden. Denn die allmächtige Gnade Gottes, die eigentliche Frucht des Sakramentes, wird beständig bei euch sein; sie wird bei jedem Schritt eurer Schwäche beistehen, sie wird jedes Opfer versüßen, sie wird eure Seelen stärken und trösten auch in den längsten und härtesten Prüfungen.

Wenn es, um Gottes Gesetz zu gehorchen, den Verlockungen irdischer Freuden, die in der Stunde der Versuchung aufsteigen, zu widerstehen gilt, wenn es gilt, auf ein Sichausleben zu verzichten, dann wird wiederum die Gnade da sein und euch die Lehren des Glaubens in ihrer ganzen Bedeutung in Erinnerung bringen. Und diese Lehre besagt: dass das einzig wahre Leben, das man nie aufs Spiel setzen darf, jenes des Himmels ist, eben jenes Leben, das ihr euch durch diese wenngleich harten Verzichte sichert. Auch solche Verzichte sind, wie alle Ereignisse des gegenwärtigen Lebens, etwas Vorübergehendes, etwas, das einfachhin dazu da ist, den endgültigen Zustand des künftigen Lebens vorzubereiten. Und dieses künftige Leben wird umso glücklicher und strahlender sein, je mutiger und großherziger ihr die unvermeidlichen Betrübnisse des irdischen Lebensweges auf euch nehmt.

»Das sind aber ernste Erwägungen», seid ihr nun vielleicht versucht zu sagen, «jetzt, da doch alles uns entgegenlächelt auf dem Weg, der sich vor uns auftut. Verbürgt denn nicht unsere gegenseitige Liebe, deren wir so sicher sind, allein schon die Unvergänglichkeit unseres Herzensbundes? - Liebe Söhne und Töchter, denkt an die Mahnung des Psalmisten: «Wenn der Herr das Haus nicht bewacht, so wachen die Wächter vergebens« (Ps. 126, 1). Auch die schöne und starke Stadt eures gegenwärtigen Glückes kann nur Gott allein mit seiner Gnade und durch sein Gesetz unversehrt erhalten. Alles, was bloß menschlich ist, ist zu gebrechlich und zu unsicher, um sich selbst genügen zu können. Aber die Treue zu den göttlichen Geboten wird den unverletzlichen Bestand eurer Liebe und eurer Freude sichern durch alle Wechselfälle des Lebens hindurch.

Das ist es, was Wir vom Herrn erbitten, während Wir euch aus vollem Herzen Unsern Apostolischen Vatersegen erteilen.

Die wohltätigen Wirkungen der Einheit und Unauflöslichkeit 29. April 1942

Ihr alle, liebe Brautleute, die ihr hier im Hause des gemeinsamen Vaters euch zusammenfindet, woher ihr auch immer kommen möget, nie seid ihr Fremde für Uns. Denn Gott hat in seiner unendlichen Güte Uns ein Herz gegeben, das für alle in gleicher Liebe schlägt, das nicht unterscheidet nach Kleidung, nach hoher oder niedriger Abstammung, nach Himmelsgegenden und Ländern. Immer wieder weitet es sich beim Anblick eurer großen Zahl; warm und innig antwortet es auf eure kindliche Liebe, und aus seinen Tiefen steigt auf Unsere Lippen ein begeistertes Loblied zu Gott, ein Ruf des Dankes: «Wie schön und strahlend im Lichte des Glaubens sind doch die weiten Gezelte der christlichen Familien!»

In euch erstrahlt Unserm Auge die erhabene Würde christlicher Ehegatten: nicht bloß seid ihr, nach den Worten des Apostels Petrus, gezeichnet mit dem mystischen Chrisma zu einem heiligen Volk, einem königlichen Priestertum, wie alle andern Gläubigen (vgl. Petr. 2, 9), nein, ihr seid auch im heiligen Trauakt durch euer freies und gegenseitiges Jawort zu Spendern des Ehesakramentes geworden: und das ist eine gar hohe Würde, weil ja die Ehe Symbol ist der vollkommenen Vereinigung Christi mit der Kirche und wie diese kann darum auch eure Ehe nicht anders sein als unauflöslich und dauerhaft.

Aber was sagt die Natur zu dieser Unauflöslichkeit? Die Gnade ändert sonst - so sagt man die Natur nicht; sie vervollkommnet nur die Natur, wo immer sie eingreift. Sollte es nun hier anders sein? Sollte die Unauflöslichkeit der Ehe in der Natur eine Widersacherin finden? Nein, Gottes Gnadenwerke sind wunderbar und ohne Bruchstellen; es ist unmöglich, dass sie mit der Natur in Zwiespalt stehen, da Gott doch bei des, die Werke der Natur und der Gnade, geschaffen hat. Und tatsächlich ist die Dauerhaftigkeit und Unauflöslichkeit der Ehe nicht bloß durch Christi Willen und die innere mystische Bedeutung der Ehe gefordert, sie ist auch von der Natur gewollt. Die Gnade erfüllt eigentlich nur das Sehnen der Natur und gibt ihr die Kraft, das zu sein, wonach ihr besseres Wissen und Wollen strebt.

Befragt einmal euer Herz, liebe Gatten; unerforschlich für andere, ist es doch nicht so für euch. Denkt zurück an den Augenblick, da ihr fühltet, wie eurer Neigung eine volle Gegenliebe antwortete. Und von jenem Augenblick an bis zum gemeinsamen Jawort vor dem Altare war es da nicht wie ein ständiges Vorwärtsschreiten für euch, von Stunde zu Stunde, mit Schritten voll banger Hoffnung und zitternder Erwartung? - Jetzt aber ist diese eure Hoffnung nicht mehr grünende Knospe; jetzt ist sie erblühte Rose und sie geht voller Erwartung andern Freuden entgegen. Ist darum euer Traum vielleicht verflogen? Nein, er ist Wirklichkeit geworden, nun, da ihr euch vereint habt vor dem Altar.

Was war es, das ihn hat Wirklichkeit werden lassen? Es war eure Liebe, eure Liebe, die nicht geschwunden ist, nein, die geblieben, die stärker und fester geworden ist, so fest und stark, dass eure Herzen sich zurufen: «Unsere Liebe muss unverändert, unversehrt und unverletzt bleiben auf ewig!« 

Die Gattenliebe kennt also Aufgang und Frühlicht; aber es darf für sie keinen Untergang und keinen Wechsel der Gezeiten, keine umwölkte und trübe Tage geben, denn die Liebe will stets jung sein, unerschütterlich in allen Stürmen und Winden. Wenn ihr das erkannt habt, so habt ihr unvermerkt, sozusagen getrieben von heiliger Eifersucht, von eurer bräutlichen Liebe das ausgesagt, was der Apostel Paulus zum Kennzeichen der Liebe überhaupt macht, da er sie preisend ausruft: »Die Liebe vergeht nie!» (1. Kor. 13, 8). Die reine und wahre Gattenliebe ist wie ein kristallklarer Bach, der mit Naturgewalt aus dem unerschütterlichen Fels der Treue entspringt, dann ruhig zwischen den Blumen und den Dornen des Lebens dahin fließt, bis er sich verliert über einem stillen Grab. - So ist denn die Unauflöslichkeit der Ehe nur die Erfüllung dessen, wozu das reine und unverdorbene Herz, wozu die »von Natur aus christliche Seele« (»Anima naturaliter christiana«) drängt, in einer Sehnsucht, die nur der Tod zur Ruhe bringt.

Im künftigen Leben dann, in der Auferstehung, wird es keine Ehen mehr geben; «da nehmen die Menschen nicht mehr zur Ehe, noch werden sie zur Ehe genommen, sondern sie werden sein wie die Engel im Himmel (Mt. 22, 30). Ja, die Gattenliebe, insofern sie eheliche Liebe ist, wird auf hören, sobald der Zweck, dem sie hier auf Erden gedient hat, nicht mehr bestehen wird. Sofern sie jedoch in die Seelen der Ehegatten eingedrungen ist und diese aneinander geknüpft hat durch jenes stärkere Band der Liebe, das die Herzen mit Gott und untereinander verbindet, insofern wird diese Liebe bleiben auch im andern Leben; sie wird weiter bestehen, so wie die Seelen selbst weiter bestehen, in denen sie hienieden gewohnt hatte.

Aber noch aus einem andern Grunde ist die Unauflöslichkeit der Ehe von der Natur gewollt: die Ehe bedarf einer solchen Eigenschaft um die Würde der menschlichen Person zu schützen. Das eheliche Zusammenleben ist eine göttliche Einrichtung, verwurzelt in der menschlichen Natur als Bund zweier nach Gottes Bild und Gleichnis geformter Wesen, die der Schöpfer beruft zur Fortsetzung seines Werkes in der Erhaltung und Ausbreitung des Menschengeschlechtes. Bis hinein in ihre intimsten Äußerungen erscheint diese Gemeinschaft als etwas außerordentlich Feines und Zartes. Sie vermag die Seelen wahrhaft zu beglücken, zu adeln und zu heiligen, sie vermag sie auf den Flügeln der gegenseitigen, selbstlosen, seelischen Hingabe über die sinnenhaften Dinge zu erheben, dann, wenn beide Ehegatten im tiefsten Herzen es wissen, dass sie einander ganz und restlos angehören wollen, dass sie einander treu bleiben wollen in allen Ereignissen und Wechselfällen des Lebens, in guten und traurigen, in gesunden und kranken Tagen, in jungen Jahren und im Alter, ohne Grenzen und ohne Vorbehalte, bis es Gott gefällt, sie in die Ewigkeit abzuberufen. Ein solches Wissen und ein solches Wollen, das erhöht die Menschenwürde, das erhöht die Ehe, das erhöht die Natur, die darin sich selbst und ihre Gesetze geachtet sieht. Und auch die Kirche frohlockt darüber, denn sie sieht in einer solchen ehelichen Lebensgemeinschaft das Morgenrot der ersten gottgegebenen Ordnung der Familie wieder aufleuchten und den Mittagsglanz ihrer göttlichen Wiederherstellung in Christus.

Wo man aber nicht so von der Ehe denkt, da besteht große Gefahr, dass das gemeinsame Leben in den Schlamm selbstsüchtiger Leidenschaft abgleitet, die nichts anderes sucht als nur die eigene Befriedigung, die nie an die persönliche Würde und die Ehre des Gatten denkt.

Tut nur einmal einen Blick hinein in die moderne Gesellschaft in den Ländern, in denen die Ehescheidung Rechtskraft hat und fragt euch: Ist sich die Welt wirklich bewusst und klar darüber, wie oft und oft in der Ehescheidung die Würde der Frau erst geschändet und geschmäht, zerstampft und zertreten wird, um schließlich verscharrt und begraben in der Erniedrigung und Verlassenheit liegen zu bleiben? Wie viele heimliche Tränen haben darob so manche Schwelle, so manche Kammer benetzt! Wie viele Seufzer, wie viele Bitten, wie viele Schreie der Not und Verzweiflung sind über Menschenlippen gekommen bei so mancher Begegnung, in Straßen und Gassen, an Häuserecken und auf einsamen Wegen! Nein, die persönliche Würde des Gatten wie der Gattin, vor allem aber der Gattin, besitzt keine bessere Verteidigung und keinen bessern Schutz als die Unauflöslichkeit der Ehe. Einem verhängnisvollen Irrtum unterliegen alle jene, die da glauben, man könne die Kultur der Frau und ihre weibliche Ehre und Würde erhalten, schützen und heben, ohne ihr als Grundlage die Einheit und Unauflöslichkeit der Ehe zu setzen.

Die Kirche hat in Erfüllung ihrer von ihrem göttlichen Stifter empfangenen Sendung stets machtvoll und unerschrocken, mit heiliger und unbeugsamer Energie in der Welt die Untrennbarkeit der Ehe behauptet und vertreten. Dafür gebührt ihr wahrhaft Lob und Preis, Denn sie hat dadurch in hohem Maße dazu beigetragen, das Recht des Geistes gegenüber dem Ansturm der Sinne im ehelichen Leben zu schützen. Gleichzeitig hat sie dadurch mit der Würde der Ehe auch die der Frau und nicht minder die der menschlichen Person gerettet und gewahrt.

Wenn der Vorsatz, das Eheband ewig und unverletzt zu behüten, nicht tief und fest im Willen verankert ist, so beginnt schon von Anfang an eine der tiefsten und wesentlichsten Säulen des häuslichen Glückes zu wanken: Der Vater, die Mutter und die Kinder haben nicht mehr das Bewusstsein einer ruhigen und gesicherten Zukunft; es fehlt das stärkende Gefühl eines unbedingten gegenseitigen Vertrauens; es fehlt das Band einer engen und unwandelbaren inneren und äußeren Verbundenheit über alle kommenden Wechselfälle des Lebens hinweg.

Weshalb - mögt ihr vielleicht fragen - reden Wir auch von trüben Folgen für die Kinder? - Weil die Kinder von den Eltern drei sehr wichtige Dinge empfangen: das Dasein, die Nahrung und die Erziehung (S. Thomas, Suppl. qu. 41, art. 1), so dann brauchen sie für ihre gesunde Entwicklung eine Atmosphäre der Freude. Nun ist aber eine heitere Jugendzeit, eine harmonische Formung und Unterweisung nicht vorstellbar ohne eine über allen Zweifel erhabene eheliche Treue der Eltern. Sind nicht die Kinder wie ein Kräftezustrom für das Band der ehelichen Liebe? Der Bruch dieses Bandes aber wird umgekehrt ihnen gegenüber zur Grausamkeit, zur Verkennung ihres Blutes, zur Schande ihres Namens und zur Schamröte ihres Antlitzes; er trägt Zwiespalt in die Herzen, trennt Geschwister voneinander und von Haus und Heim, verbittert das Jugendglück und wird was für die junge Seele das allerschlimmste ist - zum sittlichen Ärgernis. Wie viel Wunden werden so geschlagen in Millionen von Kinderseelen! Welch traurige und beklagenswerte Ruinen bleiben in vielen Fällen zurück! Wie viel unerbittliche Gewissensbisse fressen sich in die Seele ein!

Die seelisch gesunden, sittlich reinen Menschen, jene, auf die die Kirche und der Staat ihre Hoffnung setzen, die kommen zumeist nicht aus Stuben, in denen Zwietracht und wankelmütige Liebe den Frieden stören, sondern aus Familien, in denen tiefe Gottesfurcht und unverletzte Gattentreue herrschen.

Wer heute den schuldbaren Ursachen des sittlichen Niedergangs nachgeht und nach dem Gifte sucht, das einen nicht unbedeutenden Teil der Menschheitsfamilie langsam verdirbt, der wird bald eine der unheilvollsten und schuldbarsten Quellen finden in der Gesetzgebung und Praxis der Ehescheidung. Die Einrichtungen und Gesetze Gottes sind immer von einer wohltätigen und mächtigen Wirkkraft; wenn jedoch menschliche Unbedachtsamkeit oder Bosheit sich darein mischen und Störung und Unordnung darin hervorrufen, dann verschwindet die heilsame Frucht und an ihre Stelle tritt eine unabsehbare Menge von Schäden. Es ist als ob die Natur entrüstet sich erhebe gegen das Werk der Menschen. Dass aber die Unauflöslichkeit der Ehe eine Einrichtung der Natur und ein Gesetz Gottes ist, wer könnte das je leugnen oder anzweifeln? Sie allein ist zugleich auch die stärkste Stütze der Familie, die GrundIage für die Größe einer Nation, für die Sicherheit des Vaterlandes, das in der tapfern Brust mutiger junger Männer stets den Panzer und den wehrhaften Arm seines Geschickes finden wird.

Ihr, liebe Neuvermählte, danket dem Herrn für die rechtschaffene Familie, in der ihr, umgeben von der Liebe gottesfürchtiger Eltern, heranreifen durftet zu vollen und ganzen Christen und Katholiken! Setzt eure Ehre und euren Stolz darein, in eurem ganzen Zusammensein und -leben das große Ideal der Ehe, wie sie von Christus eingesetzt wurde, zu entfalten, zu verwirklichen und zu bekennen, auch in unserer Zeit, die leider gezeichnet ist durch ein so weites Abweichen von Gottes Gesetzen! Erhebt im täglichen gemeinsamen Gebet eure Herzen zu Gott, damit er, der euch in seiner Güte das Beginnen gab, mit der mächtigen Hilfe seiner Gnade auch ein glückliches Vollbringen gewähren möge!

Mit diesem Wunsch und zum Unterpfand auserlesener, himmlischer Gnaden erteilen Wir euch von Herzen Unsern väterlichen Apostolischen Segen.

Die Feinde der unauflöslichen Einheit

Entfremdung der Herzen durch die verborgene Ichsucht 17. Juni 1942

Wie groß auch die Betrübnis unserer Zeit ist, sie vermag doch das Schlagen eines Herzens, das in seinen Tiefen glüht von Glauben, Hoffnung und Liebe nicht aufzuhalten; sie vermag nicht, die Flamme christlicher Herzensliebe herabzumindern, auszulöschen oder zu ersticken, die eure Lebenswege, liebe Brautleute, vereint hat in Freude.

In der Freude seid ihr auch hierher, nach Rom, zum Herzen der Kirche gekommen, um über eure Gemeinschaft den väterlichen Segen des Statthalters Christi anzurufen, gleichsam als Siegel eures heiligen und unauslöschlichen Ehebundes.

Ja, eine heilige Freude ist in euch, eine Freude ohne Einschränkung und Vorbehalt. Und dennoch - so sagt Uns Unser Herz - habt ihr nicht ohne Rührung die Schwelle eures elterlichen Hauses überschritten, um von nun an einen neuen Weg zu gehen, Seite an Seite nebeneinander, untrennbar vereint bis zum Tod. Ja in euren Augen glänzte gewiss ein Träne, als ihr beim Weggang von Vater und Mutter den Abschiedskuss empfinget. In jenem Kuss, in dem die trautesten Erinnerungen eurer Kindheit und Jugendzeit nachzitterten, spürte eure Brust die Wunde der Trennung. Wer möchte euch dafür tadeln? Welcher Gatte, welche Gattin möchte darob eifersüchtig sein? Wohl will ja eure gegenseitige Liebe stark sein, so stark, dass sie dem neuen gemeinsamen Leben ohne Zaudern alles, auch die trauten Bande der Kindesliebe zum Opfer bringt. Aber sollte sie nun deswegen alle diese Bande verleugnen und zerreißen, die doch die Natur selbst in die Kinder hineingelegt?

Wenn ein Gebot Gottes befiehlt, das Vaterhaus zu verlassen, so gibt es doch auch ein anderes Gebot, das dem ersten nicht widerspricht und das da gebietet, Vater und Mutter zu lieben und zu ehren. In seinem erhabenen und weisen Ratschluss über das Menschengeschlecht legt Gott den Kindern die Pflicht auf, in kindlicher Anhänglichkeit jene zu lieben, die ihnen das Leben gaben, und anderseits befiehlt der gleiche Gott, dass die Söhne von Vater und Mutter sich trennen und ihrer Frau anhangen sollen,(vgl. Gen. 2, 24) wie in Gleicherweise die Frau ihrem Manne auf allen Wegen und durch alle Wechselfälle des Lebens folgen soll.

Diese zwei Arten von Liebe sind also von Gott gewollt. Weit entfernt der Gattenliebe zu widersprechen, ist die Kindesliebe sogar eine der sichersten Bürgschaften ehelicher Eintracht und ehelichen Glückes. Denn wer möchte wohl an die gegenseitige Verbundenheit und Treue von Menschen glauben, die in der Ehe nichts anderes sehen und suchen als eine Gelegenheit, sich loszulösen und freizumachen vom süßen und sanften Joche des Familienlebens um den väterlichen Herd? Eine solche Gesinnung, die leider nicht ohne Beispiel ist, entwürdigt und entehrt den jungen Mann, die junge Frau. Sie ist ein trauriges Vorzeichen und lässt voraussehen, dass jene, die keine ehrfurchtsvollen und liebevollen Kinder waren, auch keine treuen und tugendhaften Gatten sein werden.

Nicht eine Liebe, die stärker war als die Anhänglichkeit an die Familie, hat sie zueinander hingezogen, sondern Ichsucht, faule und wurmstichige Ichsucht. Diese verlangt gar nicht so sehr danach, sich zu vereinen, als vielmehr, nebeneinander «das eigene Leben zu leben». Unter dem äußern Schein einer unfruchtbaren und widerrufbaren Gemeinschaft besiegelt sie die stille und oft sogar ausdrückliche Abmachung über eine erlogene und geheuchelte eheliche Liebe und gegenseitige Unabhängigkeit. Sind etwa das die Ehen, die echt christlicher Sinn für heilig erklärt, die Ehen auf denen Gottes Segen ruht?

Glückselig aber seid ihr, liebe Brautleute, die ihr dem Gesetze Gottes folgt, die ihr seine Heiligkeit begriffen und seine Süße verkostet habt; glückselig, die ihr nicht gezaudert habt, im Sakrament vor Gott und den Menschen den Vertrag über die lebenslängliche, gegenseitige Hingabe zu besiegeln, den Vertrag fruchtbarer, inniger Liebe, die sich darnach sehnt, aufzublühen und Frucht zu tragen in einer zahlreichen und gesegneten Familie.

In Gottes Gesetz, das die Unauflöslichkeit der Ehe verkündet, habt ihr den Weg eures neuen Lebens angetreten; in diesem Gesetz zu wandeln und voranzuschreiten habt ihr geschworen. Nicht als ein hartes Joch habt ihr es auf euch genommen, sondern als ein Joch der Liebe, nicht als einen Zwang für euren Willen, sondern als die Bekräftigung des Himmels auf eure unabänderliche Hingabe aneinander, nicht als eine aufgebürdete geistige Knechtschaft, sondern als göttliche Bürgschaft, als die Quelle unerschütterlichen Vertrauens darauf, dass nie etwas eure felsenfeste Einheit bedrängen oder bedrohen werde.

Dieses Vertrauen in euch zu nähren, dazu habt ihr das volle Recht. Aber zum Vertrauen auf den Machtschutz Gottes soll auch immer Demut und Klugheit sich gesellen. Die Geschichte kennt so manche Beispiele junger Ehepaare: Sie waren vielleicht mit den gleichen guten Gesinnungen, wie sie euch heute beseelen, in das Eheleben getreten; innig und zart war einst ihre Gemeinschaft gewesen. Aber im Laufe der Zeit nistete sich ein verderbenbringender Wurm ein und verschlang und verzehrte Tag um Tag etwas von der ursprünglichen Kraft und der quellfrischen Einigkeit des Bundes. Die Zeit erst brachte es an den Tag; die Zeit, «der auch du, o Schönheit des Universums erliegest«, wie ein großer italienischer Dichter singt; »denn die gefräßige Zeit, dieser verhängnisvolle Feind mit seiner schwieligen Hand bekämpft und besiegt und tötet dich. Mögen noch so sehr lächeln die Wangen, blütenweiß und rosenrot, alles erreicht seine Sichel, Verderben bringend und Tod» (»Agguato che anche tu, o Bellezza dell universo soffri; dacchè - il Tempo edace, - fatal nemico colla man rugosa - ti combatte, ti vince e ti disface. - Egli il color deI giglio e della rosa - toglie alle gote più ridenti, estende - dappertutto la falce ruinosa.« Monti, Ode »Bellezza dell' universo.«).

Und nicht anders ist es jenen Gatten ergangen. Allmählich, ganz allmählich begannen sie ihr Eheband als eine Knechtschaft anzuschauen.

Schließlich versuchten sie mit Eifer und Fleiß, es, wenn nicht zu zerreißen, so doch in seiner Festigkeit zu lockern, da es ja für sie nun kein Band der Liebe mehr war.

Sollten solch schmerzliche Beispiele euch vielleicht entmutigen oder den Frohsinn eurer Seelen trüben? Nicht doch! Wohl ist das arme menschliche Herz unbeständig und wankelmütig. Das sagt euch eure eigene Selbstkenntnis und diese Erfahrung werdet ihr immer wieder machen. Soll aber euer Vertrauen deshalb geringer werden? Nein. Nur bescheidener, wachsamer, demütiger, klüger soll es werden, weniger täuschend, weniger anmaßend, weniger trügerisch. Es soll eure Seelen offen machen und euern Kindessinn aufnahmebereit für die väterlichen Ratschläge, durch die Wir euch vor solch einem Elend in der Ehe bewahren möchten. Klar und deutlich möchten Wir euch jetzt nämlich die Wurzeln und Ursachen einer so beklagenswerten Verkümmerung des Ehelebens aufzeigen und euch die Mittel und Wege weisen, wie ihr der Gefahr zuvorkommen, euch davor schützen oder sie nötigenfalls rechtzeitig aufhalten könnt.

Von wo nimmt denn, liebe Söhne und Töchter eine solche Wendung, eine solche Entwicklung zum Schlimmen ihren Ausgang? eine Entwicklung, die dann Schritt für Schritt und Stufe um Stufe zur Antipathie, zur Entzweiung und zur seelischen Trennung führt? Wo beginnt dieses oft so traurige Vorspiel eines noch größeren und schwereren Bruches? Hatte alles in einer plötzlichen Laune seinen Ursprung, in einer plötzlich entdeckten Unverträglichkeit im Charakter, in einem unglücklichen Zwischenfall? - Nein. Zwei Herzen, die sich am Hochzeitstage so fest und so liebeglühend zum gemeinsamen Leben entschlossen haben, schlagen gewöhnlich den Weg zur Entfremdung, zur kalten Gleichgültigkeit nicht in dieser Weise ein. Jene Launen, jene Entdeckungen, jene tragischen Zwischenfälle, die den Beginn der Wendung zu kennzeichnen schienen, waren tatsächlich nur die Gelegenheit, die den Bruch offenbarte und beschleunigte. Unter der trügerischen Asche aber hatten schon vorher die glühenden Kohlen geglommen.

Durchforscht und ergründet also besser die Tiefen jener Herzen! Was jetzt bewusste seelische Trennungen sind, mehr oder weniger öffentlich bekannt, oder auch noch innerhalb der vier Wände des Hauses verborgen - oft wahrt man ja behutsam den äußern Schein - dem ging stets ein Missklang schon voraus. Anfangs war er vielleicht den Eheleuten selber unbewusst, gleich einem verborgenen Sprung einer schönen Alabastervase.

Ja wäre die Liebe eine vollkommene und eine unbedingte gewesen, wäre es die Liebe gewesen, die in der Selbsthingabe besteht, hätte diese Liebe außer der Gottesliebe keine andere Grenze gekannt, oder besser noch: hätte sich diese menschliche Liebe über die Sinnlichkeit erhoben und sich auf eine gemeinsame, vollständige und unbedingte Liebe zu Gott aufgebaut, hätte sie mit dieser Gottesliebe sich verschmolzen und wäre sie in ihr aufgegangen, dann, ja dann hätte kein Tumult von außen die Harmonie stören, kein Stoß sie zerbrechen, keine Wolke hätte den Himmel verdunkeln können. - Auch wo Liebe ist, lebt man zwar nicht immer ohne Schmerz. In seiner gewohnt kräftigen Sprache sagt das der heilige Augustinus: «Wo die Liebe herrscht, da gibt es kein Leid, oder das Leid selber wird geliebt.« (De bono viduitatis, c. 21. - Migne PL. t. 40, co1. 448).

Wer also hatte denn jener Liebe, jener heiligen Gemeinschaft zweier Seelen, die unsichtbare und oft verhängnisvolle Wunde geschlagen? Man braucht nicht in die Weite zu gehen. Suchet in der Nähe: suchet im Herzen drin! Dort wohnt der Feind, dort ist der Schuldige. So verschieden er auch auftritt und so verschlagen er sich auch äußert, immer ist es die Eigenliebe, jene Liebe zum eigenen Ich, die mit dem Menschen geboren wird, an seiner Seite lebt und kaum mit ihm sterben mag.

Aber ihr werdet einwenden: Sollen wir denn uns selber hassen? Drängt uns nicht die Natur selbst dazu, unser Wohl zu lieben und zu suchen? Gewiss, die Natur gibt dem Menschen ein, sich selber zu lieben. Aber er soll jenes Gut bei sich lieben, das die Vernunft als des Menschen ureigenstes erklärt. Nun lehrt jedoch die Vernunft den Mann und die Frau, dass es nicht nur ein Einzelwohl, sondern auch ein Familienwohl gibt, das seinerseits in der ehelichen Gemeinschaft und Treue wieder gipfelt im Wohle des Kindes.

Es gibt eben, liebe Brautleute, eine Selbstliebe, die gut und eine, die schlecht ist. Letztere ist eigentlich nur ein besseres Wort für die Ichsucht, aber deshalb nicht weniger schlimm als diese.

Mann und Frau sind von Gott erschaffen. Er schuf ihre Natur, aber nicht die Verderbnis der Natur. Die Verderbnis kam von der Schuld Evas und Adams. Wir müssen in uns die von Gott geschaffene Natur, nicht aber die von unsern Stammeltern verschuldete Verderbnis der Natur lieben. Wir müssen unsere Seele und unseren Leib, unsere Verwandten und den Nächsten lieben mit jener hingebenden, sich verströmenden Liebe, mit der wir die Dinge Gottes und Gott selbst lieben (S. Thomas, Summa theol. IIa IIae qu. 25, art. 4-5) - Was ist das für eine Liebe? Es ist die Liebe, die unsere Seele rettet, die im Zusammenleben der Gatten und der Familie die Einheit der Herzen verbürgt. Es ist deshalb eine Liebe, die alles in der Welt hasst, was die Seele zugrunde richtet, um eben diese Seele für das ewige Leben zu retten, nach dem Wort Christi: «Wer seine Seele in dieser Welt hasst, wird sie für das ewige Leben retten (Joh. 12, 25).

Dieser heiligen und heilsamen Liebe steht eine andere, eine verkehrte Liebe gegenüber. Wer mit dieser verkehrten Liebe «seine Seele liebt, der wird sie zugrunde richten (Joh. 12,25). - Was ist das für eine Liebe? Es ist die Liebe der Verderbnis; es ist der Egoismus, die Ichsucht; es ist die Eigenliebe, die Quelle allen Übels. Und darum sagt der engelgleiche heilige Thomas, dass »die Liebe zu sich selbst die Wurzel aller Schlechtigkeit sei » (»Radix autem totius iniquitatis est amor sui ipsius». In Epist. II Tim. 3, 2; cap. 3, lect. 1). Sie ist - das möchten Wir euch, liebe Brautleute einprägen - der größte Feind eurer Einigkeit, das Gift für eure heilige Liebe. Zwei ichsüchtige Herzen hassen die Opferhingabe ihrer selbst. Sie wachsen niemals zu einer festen Gattenfreundschaft zusammen, in der es nur ein Wollen und ein Nichtwollen gibt, in der alles gemeinsam ist: Freud und Leid, Kummer und Trost, Not und Hilfe. Die Eigenliebe zersetzt das Zusammenleben. Nicht immer ist die Ichsucht gleich groß beim Mann und bei der Frau; in die Schuld aber teilen sich manchmal die zwei Herzen brüderlich genau.

Die Eigenliebe wird leicht zur Verführerin in alle menschlichen Leidenschaften. Sie macht ja das Ich zum Mittelpunkt aller Gedanken, aller Wünsche und allen Strebens; und das Ich erhebt sich dann nicht selten geradezu zum Götzen, dem man auf alle Weise huldigt: Man erweist ihm den Kult des Schönen, das das Auge sättigt, des Harmonischen, das dem Gehör schmeichelt, des Süßen, das den Geschmack erfreut, des Duftenden, das den Geruch erfrischt, des Weichen, das den Tastsinn liebkost, den Kult des Lobes und der Bewunderung, die das Herz berückt. Das ganze Denken, Tun und Leben lenkt die ungeordnete Eigenliebe zur eigenen Lust, zum eigenen Vorteil, zur eigenen Bequemlichkeit. Sie folgt mehr den verdorbenen Trieben als der Vernunft und dem Anstoß der Gnade. Unbekümmert überhört sie das, was ihr die Pflicht gegenüber Gott und dem andern Ehegatten gebietet.

Das Eheleben aber, das unauflösliche Eheband, fordert, dass die Eigenliebe geopfert werde. Das Ich muss zurücktreten gegenüber der Pflicht, gegenüber der Liebe zu Gott, der euer gemeinsames Sehnen erhört und gesegnet hat, gegenüber der Liebe zu den Kindern, deretwegen ihr den Segen des Priesters und den des Himmels empfangen habt. O ihr Mütter, schreckt nicht zurück vor dem Schmerz, wenn er auch einen Augenblick lang eure Stirne durchfurcht, er führt euch doch zur Freude einer Wiege. Ein Kinderweinen wird euer Herz auf jubeln machen, Kinderlippen werden eure Brust suchen, ein Händchen wird euch liebkosen, und ein Engellächeln wird euch Paradiesesfreuden verkosten machen.

Vor dem Neugeborenen in der Wiege, liebe Brautleute, schenkt euch erneut eure Liebe! Hier bringt eure Selbstliebe zum Opfer und mit ihr alle ihre Träume! Eure Mutterfreude, eure Vaterfreude möge jede dunkle Spur der Ichsucht verwischen, so wie der Nebel sich auflöst und verschwindet vor der aufsteigenden Sonne!

Wir haben euch heute die verführerische Natur der Eigenliebe für eure untrennbare Gemeinschaft nur ganz im allgemeinen vor Augen geführt. In der nächsten Audienz werden Wir mehr im einzelnen von ihr sprechen. - Euer Sieg über diese Eigenliebe, liebe Söhne und Töchter, besteht im Opfer, das euer Zusammenleben Tag für Tag begleitet. Es ist ein Opfer gemischt aus Freude und Leid, ein Opfer, das im Gebet und in der göttlichen Gnade Stärke und Halt findet. Diese Gnade flehen Wir in einem mächtigen und reichlichen Maße auf euch herab, indes Wir euch mit voller Hingabe des Herzens Unsern Apostolischen Vatersegen erteilen.

Die Quälereien der ungezügelten Selbstliebe 8. Juli 1942

Sehr gern sehen Wir euch, liebe Brautleute, hier um Uns versammelt; ihr schließt euch so den frohen und frommen Reihen derer an, die euch vorausgegangen sind und aus Unserm Munde einen väterlichen Gruß und Wunsch vernommen und den Apostolischen Segen auf den neuen Lebensweg mitbekommen haben.

Schon bevor ihr gekommen seid, habt ihr eure werdenden Familien der unendlichen Liebe des Herzens Jesu geweiht und anvertraut, dieser Liebe, die stärkt und begnadet, dieser Liebe, die Demut und Sanftmut ausstrahlt, dieser göttlichen Liebe, die die menschliche Liebe zu adeln und zu heiligen vermag und eure Herzensneigung rein, tief, unerschütterlich und beständig machen kann.

In der letzten Audienz sprachen Wir zu den Brautleuten von der ungeordneten Selbstliebe (die gut zu unterscheiden ist von der rechten und heilsamen Selbstliebe) als der Feindin der unauflöslichen Einheit in der christlichen Ehe im allgemeinen. Heute wollen Wir euch mehr im einzelnen ihr übles Verhalten aufzeigen und dartun, wie sehr sie mit ihren kleinen und kleinlichen Ansprüchen, Willkürlichkeiten und Grausamkeiten im Gegensatz steht zu den erhabenen Tugenden, die Jesus euch in so warmer Weise zur Nachahmung empfiehlt und die da sind: großmütige Güte, herzliche Sanftmut und Demut.

Solange andere, sei es aus Pflicht oder Güte, für uns sorgen und denken, werden die Neigungen, Sehnsüchte und Bedürfnisse der Eigenliebe befriedigt, und sie scheint zu schlafen. So leben sehr oft Braut und Bräutigam, fast ohne es gewahr zu werden, bis zur Hochzeit von der Arbeit des Vaters und der Sorge der Mutter und sind es deshalb seit der Kindheit und der Jugendzeit still gewohnt, sich auf sie und die andern Angehörigen zu verlassen. Von jetzt an aber muss jeder, Braut wie Bräutigam, in seinen Gedanken sich selber ein wenig vergessen, um dem gemeinsamen Wohle zu dienen. Jetzt erst beginnt man zu verstehen, was die Arbeit und Mühe den Vater gekostet hatte, wie viel beständiges Verzichten die Sorge der Mutter beseelt hatte. Und man begreift, wie leicht und gern die selbstsüchtige Natur, wollte man auf sie hören, andern die Sorge und Beschwernis überlassen möchte, an alles zu denken. Merkt ihr nicht, wie auf diesem Wege die ungeordnete Selbstliebe sich in die wahre Liebe einschleicht? Noch ist es nur wie ein kleiner Sprung an einer kostbaren Vase, gering, aber eben doch ein Sprung, der die Liebe aufritzt. - Vom Herzen Jesu lernt darum von Anfang an jene hochherzige Opfergesinnung, die die Ansprüche der Eigenliebe mäßigt durch die Güte und Liebenswürdigkeit des Herzens.

Die wahre Liebe pflegt die Liebenden zu einer edlen und tiefen Gemeinsamkeit im Denken und Fühlen zu führen. Für die Selbstsüchtigen dagegen besteht diese Angleichung in einer völligen Unterwerfung und Unterordnung des andern Teiles unter den eigenen Geschmack oder die eigenen Abneigungen. So wenig merkt das der Selbstsüchtige in seiner Eigenliebe, dass er, wenn er ein Geschenk oder eine Freude machen will, eher von der eigenen, persönlichen Vorliebe sich beraten lässt als vom Geschmack dessen oder derjenigen, die durch das Geschenk beglückt werden soll. - Und ebenso ist es mit der Verschiedenheit in den Ansichten: Erst hatte man sie ausgetauscht zur Erweiterung des Horizontes. Dann hatte man sie diskutiert. Aber sehr bald wurde die Diskussion abgelöst vom unumstößlichen Schiedsspruch der tyrannisierenden Eigenliebe des Selbstsüchtigen.

Und doch hatte am Anfang der Sprung ganz harmlos ausgesehen. - Die Demut des Herzens Jesu lehrt euch, wie man auch diesen Stolz des Obenaufseinwollens in kleinen Kämpfen und Liebhabereien mäßigen kann. Wer in solchen kleinen Dingen nachzugeben versteht, erringt keinen geringen Sieg über die Eigenliebe.

Niemand auf Erden ist vollkommen. Während der Verlobungszeit war die Liebe oft blind; sie sah die Fehler nicht, oder diese erschienen ihr gar als Tugenden. Die Eigenliebe aber ist ganz Auge. Sie beobachtet und entdeckt die kleinsten Unvollkommenheiten, die unschuldigsten Eigenheiten des andern Teiles, auch wenn sie in keinerlei Weise darunter leidet. Verursachen sie dann auch nur ein wenig Missfallen oder Ärger, gleich lässt man es merken, - erst durch einen leicht ironischen Blick, dann durch ein etwas beißendes Wort, vielleicht sogar durch einen schnell, in Gegenwart anderer hingeworfenen Spott. Niemand denkt weniger als der Selbstsüchtige an den Pfeil, den er abdrückt, an die Wunde, die er schlägt. Dabei sind doch manchmal auch seine Fehler andern sehr lästig. Entdeckt sie aber jemand, auch ohne etwas zu sagen, so wird er gleich böse und aufgebracht.

Ist nun auch das nur ein kleiner Sprung? Jedenfalls ist es nicht die edle Haltung der Sanftmut nach dem Beispiel Jesu, der liebend und duldend uns so vieles verzeiht.

Wenn die Ichsucht nur auf einer Seite durchbricht, so wird das andere Herz im geheimen in seiner großen Angleichungskraft tief getroffen. Wenn aber die Ichsucht in zwei Herzen zugleich aufwacht und diese einander entgegentreten, so entsteht eine tragische Feindseligkeit. Das ist dann jenes Nichtnachgeben wollen, jenes sich versteifen, worin die Liebe zum eigenen Ich und zur eigenen Meinung greifbar Gestalt annimmt.

O welch große Weisheit liegt doch in den Betrachtungen und Ratschlägen der «Nachfolge Christi:« Viele suchen in allem, was sie tun, heimlich sich selbst und merken es nicht. Sie glauben wohl auch, inneren Frieden zu haben - solange die Dinge nach ihrem Wunsch und Willen gehen. Schlagen aber die Dinge andere Wege ein, so fühlen diese Leute plötzlich Groll und Traurigkeit ... Lerne Geduld haben mit den Fehlern und Schwächen der anderen, wie immer sie auch heißen. Denn sieh, auch du hast viel an dir, was andere tragen müssen ... Wir sähen gern, dass die andern vollkommen wären, aber unsere eigenen Fehler, die lassen wir ungebessert (Nachfolge Christi, 1. Buch, Kap. 14 und 16).

In sich gesehen braucht man sich nicht zu wundern über die Verschiedenheiten von Temperament und Charakter bei zwei Brautleuten, die ihre Lebenswege vereinen. Es sind Verschiedenheiten, die nicht überraschen, wenn sie dann offenbar werden. Denn sie gehen nicht hinaus über die Grenzen und Normen des gegenseitigen guten Einvernehmens. Öfters passen verschiedenartige Charaktere sogar ganz wunderbar zusammen, ja sie können sich vervollkommnen und ergänzen.

Das Übel beginnt erst, wenn der eine oder die andere oder wenn der eine und die andere sich weigern, in geringfügigen Fragen, nachzugeben, in Dingen des reinen Geschmackes, in ganz persönlichen Wünschen. Schon ist dann der Sprung da. Das Auge entdeckt ihn nicht, aber beim geringsten Anstoß merkt man: der Klang der Vase ist nicht mehr der gleiche. Der Sprung wird breiter. Die Gegensätzlichkeiten treten häufiger und lebhafter auf. Und wenn es auch nicht zum vollen Bruch kommt, es bleibt doch nur mehr ein äußeres Beisammensein statt einer tiefen Lebensgemeinschaft zweier Herzen.

Was werden die Kinder davon denken, was dazu sagen? Welch ein Unheil für ihre Seelen und für ihre Liebe, wenn sie Zeugen solcher Auftritte werden! Und wenn das Haus der Kinder entbehrt, welche Qual ist dann doch ein solcher Zustand für das eheliche Zusammenleben der Gatten selber! Ja, wer kann absehen oder voraussehen zu welchem Ende die Eigenliebe bisweilen auf dem Weg der kleinen Grausamkeiten führt?

Ihr aber, liebe Söhne und Töchter, habt gewiss aus manchen Familiendramen und -tragödien genug gelernt, und die Geschichte ist euch Zeugin der Zeit und Lehrerin des Lebens geworden. Ihr seid stark und entschlossen, einer so tief beklagenswerten Entwicklung eurer Herzen zuvorzukommen und wenn sie unglücklicherweise doch in euch anheben sollte, sie aufzuhalten und mit der Wurzel auszureißen. Ihr kennt ja die Waffe, mit der ihr euch jetzt schon im Herzen wappnen müsst, um nicht auf so verhängnisvolle Irrwege zu geraten. Welches ist diese Waffe, dieser Vorsatz? Es ist der Vorsatz und der feste Entschluss, von heute an auf sich selber zu verzichten und verzichten zu lernen; es ist der Wille, die Eigenliebe zu beherrschen und zu bezähmen, sie zu überwinden durch Tatenliebe, Opferfreudigkeit, dauernde Gottverbundenheit, still, ohne Aufhebens nach außen weder in den großen Widerwärtigkeiten, noch in den kleinen Dingen, in Ärger oder Ungelegenheiten, Missliebigkeiten oder Kümmernissen des Alltags. Diese kleinen Dinge sind ja nicht weniger hart und mühselig zu überwinden als die großen.

Besser noch wäre es, wenn ihr, wie man zu sagen pflegt, aus der Not eine Tugend machtet. Die Tugend ist ja nichts anderes als eine Angewohnheit im Guten; man erzeugt und erwirbt sie, indem man oft und oft die betreffenden guten Akte setzt. Macht euch also eine Gewohnheit daraus, geduldig zu sein, einander zu ertragen, Mängel und Fehler z u verzeihen. Dann erhebt ihr euch über eure Eigenliebe. Der Sieg über euch selber wird dann nicht mehr ein Verzicht sein, sondern ein Gewinn. Gleichsam instinktmäßig oder aus natürlichem Antrieb wird dann ein jeder von euch die Meinung, den Geschmack, die Vorliebe des andern oder der andern zur eigenen machen und die Meinungen, der Geschmack, die Neigungen werden sich einander angleichen, werden ihre Kanten abschleifen, sich glätten und schöner und reicher werden zum Vorteil beider. Weder der eine noch der andere Teil wird etwas dabei verlieren. Im Gegenteil, es wird eine Überfülle von Früchten daraus reifen, jene Früchte der Zusammenarbeit, von denen Wir schon zu einer andern Gruppe von Brautleuten gesprochen haben.

Wohl ist es wahr: das Nachgiebigsein, das die Verschiedenheiten des Charakters überbrückt und die Gemeinsamkeit im Denken und Fühlen fördert, hat auch eine Grenze. Gebe Gott, dass ihr niemals diese schmerzliche Erfahrung machen müsst! Es ist eine Grenze, gezogen von der Pflicht, von der Wahrheit, von der Sittlichkeit, von heiligen Interessen. Ihr versteht, dass Wir in erster Linie anspielen auf die Heiligkeit des ehelichen Lebens, auf den Glauben und die religiöse Betätigung, auf die gute Erziehung der Kinder. In solchen Fällen ist Festbleiben unausweichliche Pflicht, wenn es zum Konflikt kommt.

Stehen aber keine so großen und erhabenen Grundsätze auf dem Spiele und habt ihr euch beide aus Edelmut und mit der Absicht, den Frieden in der künftigen Familie zu fördern, freudig entschlossen, nachgiebig zu sein, so wird ein Konflikt nur sehr schwer entstehen und für unnachgiebige Gegensätzlichkeit wird es keinen Raum geben.

Noch seltener wird ein Gegensatz Boden und Nahrung finden, sich einzuwurzeln, wen n die Verlobten vor der Ehe sich Zeit genommen haben, einander gut kennen zu lernen; wenn sie nicht statt dessen leichthin in überstürzter Zusage sich binden ließen, verführt von Rücksichten äußerlicher oder nebensächlicher Natur oder geleitet von gemeinem Eigennutz; wenn sie vielmehr für weise Ratschläge nicht taub waren und wenn sie dann ihre verschiedenartigen Charakteranlagen, die Wir eben erwähnten, wohl kannten, aber nicht für unvereinbar hielten.

Sollte dann später bei einem der Ehegatten jemals eine, wenngleich leichte Änderung oder Wandlung im Denken, im Wollen oder im Lieben sich kundtun, so wird das Herz des andern mit seiner unverminderten Hingabe, mit seiner Geduld und Langmut, mit seiner liebenswürdigen und zarten Rücksicht, mit seiner aus dem Gebet geschöpften Kraft leicht imstande sein, dem verwirrten Sinn oder dem schwankenden Willen wieder festen Halt zu geben oder ihn erneut zum ehelichen Einssein zurückzuführen.

Der Mann wird sehen, wie der Ernst in seiner Frau wächst und der Leichtsinn schwindet; er wird auch im Laufe der Jahre das Wort des Propheten nicht vergessen: «Sei nicht unritterlich mit der Frau deiner Jugend!» (Mal. 2, 15) - Und die Frau wird merken, wie sich beim Gatten Glaube und Treue nicht weniger als die Liebe vertiefen und sie wird ihn zu einer starken und edlen Frömmigkeit führen. Beide werden miteinander wetteifern, ihr Heim so friedvoll, froh und gefällig zu gestalten, dass es keinem in den Sinn kommt, anderswo Ruhe, Ausspannung oder Ersatz zu suchen. - Und die Eigenliebe, diese Mutter jedweder Unruhe, wird niemals die Ordnung und Ruhe der Familie untergraben. Das Herz Jesu wird als oberster Herrscher dort regieren und Unterpfand eines wahren, inneren und unzerstörbaren Familienglückes sein.

Möge, liebe Brautleute, eine frohe Schar von lebensprühenden Kindern als Frucht eurer Gemeinschaft und eurer Liebe, gleich Ölbaumschösslingen euren Tisch umgeben! Das ist der Wunsch, den Unser Vaterherz zu Gott empor sendet, während Wir euch aus ganzer, liebender Seele den Apostolischen Segen erteilen.

Erzwungene Trennungen 15. Juli 1942

Heiter und freudig ist das Schauspiel, das ihr, liebe Brautleute, den Blicken der Menge bietet, die in den Straßen und auf den Plätzen Roms ab- und zugeht; ein Schauspiel, dessen tragende Kraft, dessen lebendiger Hintergrund vornehmlich der Glaube und die christliche Religion sind. Denn Glaube und Religion erst und nicht die hoheitsvolle Größe der Erinnerungen und Denkmäler machen heilig die Grabmäler der Ewigen Stadt, ihre Rundtheater, ihre Rennbahnen, ihre Hügel und ihre wundervollen Basiliken. - Wer euch sieht, wie ihr aus den Kirchen kommt oder nach St. Peter geht, um dort eure fromme Pilgerreise zu Ende zu führen und Unsern Apostolischen Segen zu erbitten, der lässt einen Augenblick lang das Auge auf euch ruhen. Mit einem frohen Lächeln formt er einen Glückwunsch für euch. Er bewundert das zukunftsfrohe Vertrauen eurer zwei Herzen, die da innig vereint einem neuen Leben entgegenschlagen. Aber bei mehr als einem von den vielen, die euch also wohlwollenden Blickes nachschauen, scheint ein dunkler Schatten der Angst, gleich einem Schleier, über das Lächeln des Gesichtes hinwegzuhuschen.

Doch eure Herzen träumen nichts von Angst und Zweifeln. Eins geworden durch die Kraft des Ehesakramentes tretet ihr hinein in das neue Leben, um unlösbar vereint den begonnenen Weg zu schreiten bis zum Tode, und am liebsten möchtet ihr gar nie erfahren, was Trennung heißt. Das ist der Vorsatz christlicher Brautleute; dahin geht ihr heißes Sehnen.

Neulich sprachen Wir zu einer andern Gruppe von Brautleuten und zeigten ihnen in väterlichen Ratschlägen, wie sie den Bund ihrer Liebe stets innig und stark erhalten könnten, wie man diesen Bund behütet und schützt vor den menschlichen Schwächen, dem Quell und Ursprung so mancher Trennung der Herzen. Aber auch wenn die Herzen fest gegründet stehen, drücken und lasten auf ihnen nicht selten andere Trennungen, weniger gefährliche und weniger bittere vielleicht, aber nicht weniger schmerzhafte. Es sind erzwungene Trennungen, eine Art zeitweiser Witwenschaft von kürzerer oder längerer Dauer, die weder der eine noch der andere Teil verursacht hat. Denkt nur an diese Kriegszeit mit ihren verschiedenen Kampffeldern zu Lande, zur See, in der Luft! Wie viele haben den Tag ihrer Hochzeit vorverlegt, um endgültig vor Gott verbunden zu werden, ehe sie auseinander gingen. Sozusagen vom Altare weg zog da der Gatte ins Feld oder in die Kaserne. Wie viele erwarten von einem Tag zum andern hochgemut entschlossen und dennoch gequälten Herzens den Ruf zur harten Pflicht! Wie viele sehen, wie ihre Verbannung oder ihre Gefangenschaft fern der Heimat sich auf unbestimmte Zeit in die Länge zieht! Das sind Trennungen, die tief in die Seelen der Gatten einschneiden, Trennungen, in denen die echte Liebe nicht weniger glorreiche Schlachten gewinnt als der starke Arm im Gewühl der Waffen.

Aber auch in Friedenszeiten werden nicht wenige zu herbem Fernsein gezwungen, einem freiwilligen Fernsein in gewissem Sinne, das aber doch nicht freiwillig ist, weil höhere Gründe: das Amt, das Handwerk oder sonst irgendeine Notwendigkeit es verlangt und erfordert. Der Beruf - in manchen Fällen ist es eine wirkliche Berufung und ein Drang der Seele - hält Monate oder Jahre hindurch den Steuermann, den Matrosen, den Kolonisten, den Reisenden, den Metallsucher, den Erforscher von Ländern, Meeren und unzugänglichen menschlichen Wohnstätten von daheim fern. Die Notwendigkeit, diese gebieterische Begleiterin auf allen Lebenspfaden drängt oft dazu, das Brot für die Familie auswärts zu verdienen, in einer Anstellung, einem Amt, einem Dienst, an einem Ort, wo die große Entfernung bloß noch seltene und kurze Besuche am heimischen Herd gestattet. Und was soll man erst sagen vom Auswanderer, den die Unermesslichkeit eines ganzen Ozeans von den Seinen trennt?

Solche Trennungen sind ein trauriges Thema. Und warum, glaubt ihr wohl, reden Wir davon zu Neuvermählten? Etwa um eurer heiteren Freude Abbruch zu tun? Um eure süßen Zukunftsträume zu zerstören? Nein, gewiss nicht. Aber darf denn eure Gegenwart Uns all die Abwesenden und die Trennungen, unter denen sie leiden, vergessen machen? - Ihr erlebt jetzt die Freude des Beieinanderseins, Seite an Seite, und Wir haben die Freude, euch hier vereint zu sehen. Aber eure und Unsere Freude darf deshalb nicht die vergessen, die solchen Glückes beraubt sind; sie darf sich nicht scheuen, teilnehmendes Gedenken an sie in euch wachzurufen.

Und könnte übrigens - wovor der Himmel euch bewahren und beschützen möge - nicht auch euch eines Tages das gleiche Los treffen, die gleiche Prüfung des Fernseins? - So soll es euch denn nicht lästig fallen, wenn Wir es für angebracht halten, euch heute einige Ermahnungen und Aufmunterungen für diesen Fall zu geben. Möchten sie den Kreis dieser Zuhörerschaft sprengen und auch jene erreichen, die die Umstände und Wechselfälle des Lebens zu langer Trennung verurteilt und dadurch in schwere Herzensnot gebracht haben.

Fern sein, das heißt Prüfung, heißt Schmerz, heißt aber auch Gefahr. Die Gefahr, dass sich die Seele an das Fernsein gewöhnt, dass die Liebe erkaltet und abnimmt, nach dem traurigen Sprichwort: Aus den Augen, aus dem Sinn; die Gefahr, dass sich in der Abwesenheit des rechtmäßigen Gatten in das verbitterte Gemüt die Versuchung einschleicht, das Verlangen nach gewissen unerlaubten Ersatztröstungen des Herzens und der Sinne; in einem Wort: die Gefahr des Nachgebens gegenüber mehr oder weniger offenen oder versteckten Angriffen von Seiten aufdringlicher, leidenschaftlicher oder selbstsüchtiger Personen.

Eine solche Gefahr liegt zwar für euch jetzt weitab. Schon der bloße Gedanke, dass so etwas geschehen könnte, erfüllt euch in diesem Augenblick mit Abscheu. Euer Herz scheint seiner selbst ganz sicher und ihr spürt seine starke Entschlossenheit. Und darum glaubt ihr, es sei für die Versuchung unzugänglich; es sei stärker als Schmeicheleien, wachsamer und klüger als die Leidenschaften mit ihren Täuschungskünsten.

Und doch - die Erfahrung lehrt, dass andere, die sich einst genau so sicher fühlten und sich für genau so unerschütterlich hielten, dann trotzdem gefallen sind. Treu harrte der Geist aus. Fest stand der Wille. Und doch siehe da: eines Tages, eines Morgens oder eines Abends, welch ein Sturm auf dem See des Herzens! Welch ein Todesringen, um nicht zu versinken in den Fluten des Kummers, um Sieger zu bleiben über die Leidenschaften! Am Rande des Abgrundes haben solche Geprüfte die Schrecken des Schwindels durchgemacht. Wozu also die Gefahr verheimlichen? Nur um euch zu helfen, weisen Wir euch auf sie hin; nur damit ihr euch gegen sie verteidigen, sie meiden könnt und sie alsdann für euch und eure Tugend weniger abträglich sei. -

Wundert euch nun nicht, wenn Wir euch sagen, dass diese Gefahr aus der Tiefe eures eigenen Ich aufsteigen kann oder dass sie doch, wenn sie von außen kommt, leicht ein ungenügend verteidigtes Einfallstor in euch findet: Jetzt ist euer fühlendes und zartes Herz für euch ein Brunnquell keuscher Freuden, die da der ehelichen, von Gott und der Kirche gesegneten und gutgeheißenen Liebe entspringen. Kann nun ein solches Herz je aufhören zu schlagen und den unruhigen Drang nach Liebe und Gegenliebe zu verspüren? Nein, stets verlangt es nach der Gemeinschaft der Nähe und nach der Gemeinschaft der Liebe (vgl. S. Thomas, Summa theol. Ia IIae qu. 28, art. 1). Darum wird ihm die Abwesenheit des Geliebten zur Bitterkeit, zum Trennungsweh und zu wahrer Seelenqual; es entbehrt schmerzlich der Süße der reinen Liebe und verirrt sich in die Stimmung einer traurigen Verlassenheit. Wird dann dieses Herz nicht ganz sorgfältig behütet und bewacht, dann steigen geheime Triebe und Neigungen auf und laden es ein zum Träumen, zum Sehnen, zum Suchen, vielleicht zum Kosten an gewissen Ersatzgenüssen, die es schwächer und schwankender oder gar völlig entwaffnet im Angesichte der Versuchung zurücklassen. Und das kann geschehen, ohne dass es dabei schon zu einer direkten Untreue kommt; ohne dass die äußersten Grenzen einer korrekten Schicklichkeit überschritten werden.

Dann aber wird die eigentliche Versuchung ans Herz herantreten: Sie kommt unter dem Schleier von Tändeleien und erscheint als Heilmittel, das die Seele von den trüben Gedanken der Abwesenheit abbringen soll; in Wirklichkeit jedoch lenkt es vom Abwesenden selber ab. Die Verführerrolle übernimmt die unreine Liebe; sie wird den Kummer der keuschesten Liebe in einen Hinterhalt verwandeln. Die Pfade des Bösen pflegen ja auszugehen vom Rande der blumigen Wege des Guten.

Die Versuchung kommt von denen, die euch umgeben: In lobenswerter Absicht und ohne irgendeinen Hintergedanken möchte man euch trösten, euch aufrichten. Solche aufrichtige Anteilnahme anderer und deren höfliche Anerkennung eurerseits setzen das weiche Herz der Prüfung und Gefahr aus und unmerklich kommt eine Neigung auf, stark und immer stärker. Die Sorgen um das materielle und sittliche Wohl des Hauses, der Kinder, ja des abwesenden Teiles selbst wollen gehört sein und machen es notwendig, dass man um Rat frägt, dass man Stütze und Hilfe in Anspruch nimmt. Ein offensichtlich edler Austausch zwischen uneigennütziger Sorge und offenem, ehrlichem Vertrauen. Aber eben dabei kann sich ganz verstohlen die Zuneigung in euer liebehungriges Herz einschleichen.

Aber, so frägt man sich, soll man dieser Furcht wegen untadelige Beziehungen vollständig abbrechen, Beziehungen, deren Nutzen oder Notwendigkeit sie geradezu zur Pflicht machen können? Nein. Aber wer weiß, wo die Gefahr lauert, muss sie meiden oder zu überwinden wissen, gewappnet mit einer starken, hochherzigen Liebe und Treue. Eine solche wird ohne Zweifel eine gewisse Strenge zur Schau tragen, einen gewissen Ernst im Leben, in den Sitten, in den Gewohnheiten und Umgangsformen. Aus der ganzen Haltung sollen auch Fremde deutlich die unsichtbare Gegenwart des abwesenden Gatten herausmerken können. Sehr treffend sagt der heilige Franz von Sales, wo er über die Kleidung spricht: - die Bemerkung gilt aber auch für alles andere - «Die verheiratete Frau darf und soll sich schmücken, wenn sie mit ihrem Manne zusammen ist und dieser es wünscht. Täte sie es aber auch dann, wenn er fern ist, so müssten sich die andern Leute ja fragen, wessen Augen sie denn durch eine so auserlesene Sorgfalt gefallen möchte (Philothea, 3. Teil, 25. Kap.).

Sagten Wir nicht eingangs, dass sich die Ehegatten bei einem erzwungenen Fernsein zeitweilig in einer Art Witwenschaft befinden? Beachtet darum auch die Lehren des heiligen Paulus, wo er von den christlichen Witwen handelt: Er warnt sie vor den vielen Beziehungen und den vielen Besuchen, vor dem Müßiggang, der Geschwätzigkeit und dem Klatsch. Er verlangt dagegen, dass sie sich der Sorge um die Familie und das Haus, guten Werken und dem Gebet widmen und dass sie so durch ihre ernste Haltung keinerlei Anlass zu übler Nachrede geben (vgI. 1. Tim. 5).

Wenn wir die Gatten vor solchen Gefahren warnen, dann tun Wir es, wie ihr seht, wegen des Schadens, der für die eheliche Treue und ihre Bewahrung daraus entstehen könnte. Wohl ist die eheliche Liebe etwas, das die Natur dem Mann und der Frau ins Herz gelegt hat. Doch müsst ihr immer auch bedenken, dass die Vernunft Herrin der Natur sein soll.

Vernunftgemäß aber lebt der Mensch dann, wenn er seine Leidenschaften beherrscht; den Leidenschaften hinwiederum befehlen die Gnade und das Sakrament, die die Natur erheben und vervollkommnen. Die Tugend, das sollte man nicht vergessen, liegt stets in der Mitte, von bei den entgegen gesetzten Enden gleich weit entfernt. - Also werden die Gatten alle übertriebene Sentimentalität zu meiden wissen, weil diese dann gern anderswo, außerhalb des eigenen, schützenden Heimes, nach unerlaubter Befriedigung und Tröstung sucht. Sie werden vielmehr bemüht sein, die Erinnerung an einander lebendig, fest, unverändert, innig und wach zu erhalten.

Aber wo und wie sollen die voneinander entfernten Gatten dieses kostbare Band der Erinnerung bewahren? Sie sollen es bewahren und verteidigen im Bereich ihres ganzen Daseins: Im Hause selbst soll alles vom Abwesenden sprechen: die Bilder an den Wänden, die Dokumente all der verschiedenen Ereignisse im Lauf seines Lebens, so da sind die Taufe, die Erstkommunion, die Hochzeit, die Zeugnisse über Fortschritte in der Schule, die Verdienst- und Arbeitsauszeichnungen. Es sollen an ihn erinnern die Zimmer mit den frommen Bildern, die Bücher, viele vertraute und liebe Gegenstände.

Und für den andern Gatten, der in der Ferne weilt, wird die abgeschiedene kleine Kammer, wo er wohnt, die Kabine oder irgendwo ein dunkler Winkel in warmem Lichte erstrahlen von den Bildern und Andenken an die lieben Menschen, die er unter Segenswünschen und voller Hoffnung verlassen hat und die daheim auf die Rückkehr des Geliebten warten. In diesem geheimen und verschwiegenen Lichte kommen dann zu stiller Abendstunde die getrennten Herzen zusammen; da vereinigen sie ihr Sehnen und Beten in jenem übernatürlichen Treffpunkt, über dem das Auge Gottes für beide schützend wacht.

Aber nichtsdestoweniger: der Abstand bleibt. Was vermag seine Bitterkeit und seine Weite zu überbrücken? Was kann ihn irgendwie wenigstens aufheben zwischen den beiden Herzen? - Wo es möglich ist, werden Briefe gegenseitig die Boten einer jeden vertraulichen Mitteilung sein. Welchen Trost bringen diese Briefe doch dem Herzen! Welche Stütze sind sie für die Seele! Sie machen, dass beiden Teilen alles gemeinsam wird, jede Stunde des Tages, mit ihrem Sonnenschein und mit ihren Wolken. Sie machen ein gemeinsames Erlebnis nicht nur aus den großen Dingen und den wichtigen Geschehnissen, nein, auch aus den kleinen Besonderheiten des Alltags. Nur die unbedeutenden Ungelegenheiten und lästigen Unannehmlichkeiten werden verschwiegen. Denn diese könnten eine unnötige Angst erzeugen, die dann mit der Entfernung noch zu wachsen pflegt. Die wirklichen Schwierigkeiten jedoch teilt man einander mit, um sich gegenseitig zu stützen und ebenso die wahren Freuden, um sie zu teilen und gemeinsam zu genießen. Man tauscht miteinander Ratschläge und Ansichten aus. Vor allem wacht und arbeitet man gemeinsam an der Erziehung der Kinder. Mit einem Wort: der eine macht dem andern sein Tagewerk so gegenwärtig, dass das Leben sich wirklich darin widerspiegelt. Kommen beide dann wieder unter dem heimischen Dache zusammen, dann scheint es ihnen, als seien sie nie getrennt gewesen.

Ist nicht ein solcher Briefwechsel viel mehr als ein bloßes Aufzählen von Dingen und Tatsachen? Erkennt ihr nicht in den schön geschriebenen Buchstaben die bekannten Züge der Hand wieder, die tausendmal die eure gedrückt hat? Spürt ihr nicht, wie da Geist und Herz sich einen Ausdruck verschaffen und der Feder ihr Denken und Streben und Sehnen, ihre Ideen und Gefühle anvertrauen? Auf diese Weise begegnen, sehen und verbinden sich wieder die Seelen, und steigen vereint immer höher; sie überbrücken und überwinden die Entfernungen, ja nicht selten erheben sie sich bis dorthin, wo über den Stürmen des Lebens letzter Trost und letzte Ruhe wohnen: bis hin zu Gott, der den Kummer schickt, aber noch mehr auch die Freude.

Wenn nun Gott ist, was er sein sollte: das Band eurer Liebe, so wird er seinerseits dieses Band so fest besiegeln, dass nichts auf der Welt es lockern oder lösen kann. Hört noch einmal, was der heilige Franz von Sales sagt: «Die erste Wirkung dieser Liebe ist die unauflösliche Einheit eurer Herzen. Wenn man zwei Stücke Tannenholz mit einem guten Leim zusammenkittet, so wird die Verbindung so stark sein, dass die Stücke leichter an andern Stellen brechen als dort, wo sie zusammengesetzt wurden. Gott aber verbindet Mann und Frau durch sein eigenes Blut. Darum ist diese Einheit so fest, dass sich beim einen wie beim andern eher die Seele vom Leibe trennen müsste, als der Gatte von der Gattin. Die Einheit verstehe man hier jedoch in erster Linie nicht von den Körpern, sondern von den Herzen, von der Zuneigung, von der Liebe, (Philothea, 3. Teil, 38. Kap.) Erinnert euch aber auch daran, dass zwar Gott das Eheband zu einem Sakrament erhoben hat und damit zu einer Quelle von Gnade und Kraft, dass er aber die Ausdauer, darin zu verharren, euch nicht gibt ohne eure eigene Mitwirkung. Diese Mitwirkung heißt tägliches Beten, heißt Beherrschen eurer Neigungen und Gefühle und heißt - besonders dann, wenn ihr eine Zeitlang fern voneinander leben müsst - innige Verbundenheit mit Christus in der heiligen Eucharistie. Sie ist ja das Brot der Starken, jener Starken, die auch unter Opfer und Verzicht die Keuschheit und die eheliche Treue unverletzt zu bewahren wissen.

Möge keine Trennung der Zeit und des Ortes euern Liebesbund je stören, liebe Brautleute; - Gott hat ihn gesegnet, Gott hat ihn geweiht. Bleibet ihm treu: Er wird ihn euch makellos und fruchtbar bewahren. Das wünschen Wir euch, während Wir euch mit der ganzen Hingabe Unseres Vaterherzens den Apostolischen Segen erteilen.

Helfer im Heime

Von der Schönheit des Dienens 22. Juli 1942

Ein Haus des Glaubens ist dieses Haus des gemeinsamen Vaters, wo ihr, liebe Brautleute, euch jetzt versammelt habt. Der Hügel, auf dem es steht, seine Mauern, seine Bilder, seine Erinnerungen, seine Geschichte, alles spricht vom Glauben. Und der gleiche Glaube ist auch für euch Führer und Ansporn gewesen, hierher zu kommen. Im Glauben an Christus habt ihr euren Bund besiegelt. Im Glauben an Christus seid ihr zu Uns hergekommen. Ihr wolltet damit nicht nur einen Akt kindlicher Ehrfurcht vollbringen, nein, ihr hegtet auch die Erwartung, dass ein Wort von Uns euch Licht sein werde auf dem Pfade eurer neuen Aufgaben und dass Unser Segen euch stützen und helfen werde, die Last dieser neuen Aufgaben würdig zu tragen.

Was der Vater spricht, sollen alle hören. Mehrere Punkte und Seiten der vielfältigen Verantwortung im Ehe- und Familienleben haben Wir schon untersucht und dargelegt und andere wollen Wir noch untersuchen und darlegen. Es ist Unser Wunsch und Unsere Mahnung, dass ihr in einem Geist des Glaubens und Vertrauens das gut beherzigt, was wir bereits anderen Brautpaaren gesagt haben, die vor euch durch diese Audienzen gegangen sind. Und ebenso solltet ihr auch lesen, was Wir, so es Gott gefällt, denen die nach euch kommen, noch sagen werden.

Heute wollen Wir über ein Thema sprechen, das in unsern Tagen oft verkannt wird, das aber in sich und wegen seiner Folgen trotzdem wichtig und notwendig ist.

Ihr seid jung; ihr gehört mehr der Zukunft als der Gegenwart; das ist das Vorrecht und der Stolz der Jungen. Ihr seht vor allem das Heute. Aber die Geschichte ist ihren Weg gegangen schon ehe ihr wart. Seit mehr als einem Jahrhundert haben sich die sozialen Verhältnisse und Beziehungen mit einer stetig wachsenden Schnelligkeit entwickelt und verändert. Regelmäßig wiederkehrende Kriege und weit umfassende Umwälzungen haben diese Umwandlung noch beschleunigt. Auch innerhalb der vier Wände des Hauses ist die Wandlung spürbar geworden. Früher gab es zahlreiche Familien, die allein eine beträchtliche Anzahl Personen in ihrem Dienst hatten; solche sind zwar jetzt seltener geworden; dagegen ist heute die Zahl jener Familien viel größer, die notgedrungen die Hilfe anderer in Anspruch nehmen müssen. Es gibt, abgesehen von den adeligen und wohlhabenden Häusern, heute viele Familienmütter, die durch ihre tägliche Beschäftigung lange Zeit vom Hause fern gehalten werden und darum gezwungen sind, die Dienste und die Wachsamkeit anderer, wenigstens für einige Stunden des Tages, in Anspruch zu nehmen.

Dieses Angewiesensein einerseits und die Dienstleistungen anderseits bedeuten nun, liebe Söhne und Töchter, etwa keineswegs eine Verdemütigung und Unehre für die menschliche Natur. In der Unterordnung des Dienens liegt nämlich ein tiefer Sinn verborgen, ein großes göttliches Geheimnis: Gott ist der höchste und einzige Herr und Meister im Weltall; wir alle sind nur seine Diener. Selbst Jesus Christus, «der in Gottesgestalt war und gottgleich, entäußerte sich, nahm Knechtsgestalt an, wurde den Menschen gleich und erschien im Äußern als ein Mensch; er erniedrigte sich und ward gehorsam bis zum Tode, ja bis zum Tode am Kreuze. Darum hat Gott ihn auch so hoch erhoben und ihm einen Namen gegeben, der über alle Namen ist«, «kraft dessen wir alle das Heil erlangen sollen.(Phil. 2,7 ff; Apg. 4,12) Deshalb stand Jesus auch nicht an, zu behaupten, dass der Menschensohn nicht gekommen sei sich bedienen zu lassen, sondern zu dienen (vgI. Mt. 20, 28). Seht, wie wunderbar es in ihm wahr wurde, dass erhöht wird, wer sich erniedrigt. Warum wohl ? Weil Gott dienen herrschen und ihn kennen leben bedeutet. Das ist ja auch das Ziel unseres Lebens, wie der Katechismus lehrt: Gott erkennen, ihn lieben, ihm dienen.

Alle sind wir Knechte Gottes: Wir selbst hier auf diesem Posten sind «der Knecht der Knechte Gottes». Und ihr in eurem Heime dienet Gott in der Fortpflanzung des Geschlechtes der Menschen und der Kinder Gottes, sogar bis zum Heldentum der Mutterschaft. - Alles Leben ist ein Dienen: man dient Gott, man dient Christus, man dient der Kirche, man dient der Religion, man dient der Heimat, man dient den Obern, man dient den Niedern, man dient dem Nächsten. Alle sind wir Diener der Vorsehung, die die Welt regiert und alles zur göttlichen Ehre lenkt, das Gute nicht weniger als das Böse; ja auch das Böse, das die Menschen, die Völker und die Nationen verwirrt. Was ist die Erde anderes als ein Feld Gottes mit unendlich vielen Arbeitern, gehorsamen oder widerspenstigen Knechten, über denen allen der Herr seine Sonne auf- und seinen Regen niedergehen lässt? (vgl. Mt. 5, 45) Was ist die Kirche anderes als das Haus Gottes, in dem ihr - wie der heilige Paulus zu den Ephesern sagt - «nicht mehr Fremde und Auswärtige seid, sondern Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes?« (Eph. 2,19).

Die christliche Familie ist ein Abbild der Kirche, ein häusliches Heiligtum. Da leben zusammen mit den Eltern die Kinder und mit den Kindern die Diener und Angestellten. Diese letzteren nun stehen in einem ganz eigenen Verhältnis zu ihren Herren und Herrinnen. Sie wohnen zwar in deren Haus; der Herkunft und dem Blute nach aber gehören sie zweifellos nicht zur Familie, auch nicht durch eine Adoption im eigentlich rechtlichen Sinne. Immerhin könnte man die Tatsache, dass man sie ins Haus einführt, dass sie unter demselben Dache leben und so die beständigen Zeugen aller innern Familiengeschehnisse sind, als eine Art Adoption ansehen.

Eine ganz eigene, bescheidene und verborgene Schönheit aber hat das Leben eines christlichen Dienerin in einer christlichen Familie. Diese stille Schönheit ist freilich eher seltener geworden, aber ganz ist sie niemals geschwunden, nicht aus der Geschichte und nicht aus unserem Zeitalter. Es ist darum gut, wenn Wir sie euch wieder zeigen; ihr sollt sie bewundern und liebgewinnen, damit in euren Herzen der edle Wunsch erwache, diese Schönheit erneut innerhalb der Gesellschaft zum Blühen zu bringen.

Wir haben nicht die Absicht, den harten Begriff, den das Altertum vom Diener hatte, hier zu erklären und an die noch härtere Geschichte des Dienertums von damals zu erinnern; es wäre das die Geschichte und der Begriff des Sklaven. Es mag genügen, wenn Wir bedenken, dass selbst im römischen Reiche die Lage und das Leben dieser Sklavendiener nicht selten recht erbärmlich war. Und das trotz der Milderungen, die das römische Volk im Laufe der Zeit durch seine Gesetze und mit seinem praktischen Sinn in die öffentlichen Sitten eingeführt hatte. Aus der Literatur jener Zeit vernimmt man noch das Echo der Stimmen wütender Frauen und wehklagender Sklavinnen. Bekannt ist ja die Episode von jener eleganten Dame, die mit einem Peitschenhieb die unglückliche Psekas bestrafte, weil beim Zurechtlegen des Haares eine Locke zu hoch aufstand (Juvenalis, Sat. VI, 486 ff.). Und die andere Geschichte der Dame Lalage, die mit dem Spiegel ihre Haarsklavin Phekusa derart schlug, dass sie tot hinfiel, bloß weil der Spiegel ein einziges, schlecht gelungenes Haarlöckchen, dem eine ungeschickt befestigte Nadel etwas Reiz wegnahm, offenbart hatte (»Unus de toto peccaverat orbe comarum anulus», Martialis, Epigr. 11, 66).

Der heidnische Frauenzorn wurde dann hauptsächlich vom Christentum gemildert. Denn das Christentum hat als Haupt und Meister einen Gott, der da ist »sanftmütig und demütig von Herzen». - Freilich ist die Unterscheidung in Herrschaft und Dienerschaft in der Familiengemeinschaft deshalb nicht verschwunden.

Immer wieder wenn junge Burschen und junge Mädchen ihren ersten Dienst antreten, ist es eine erste Fühlungsnahme mit einem andern Leben und oft ist dieser Anfang von ganz eigener Bedeutung. Diese jungen Menschen gehörten vielleicht zu einer zahlreichen, ehrenhaften und im Dorfe wohl geachteten Bauernfamilie. Als Kinder haben sie selbst auf dem väterlichen Hof Knechte gesehen, Knechte, die ihren Herren Achtung erwiesen und ihrerseits geachtet wurden, Knechte, die den Eltern zu helfen hatten bei jenen Arbeiten, die für die jungen Jahre der Kinder noch zu schwer waren. Allmählich aber dachte man daran, die Kinder selbst in der Stadt als Dienstboten unterzubringen. Sie sollten sich ihr Brot verdienen, sie sollten dort eine bessere Ausbildung, einen weiteren Horizont bekommen und sich so für die Zukunft den Weg zu einer besseren Lebensstellung bahnen. Mit beklommenem und unsicherem Herzen haben sie das Vaterhaus, haben sie ihre Pfarrei verlassen. Die Eltern gaben ihnen noch Ratschläge und Ermahnungen mit. Ermahnungen voll Weisheit und Glauben. Sie empfahlen ihnen Treue gegen Gott und gegen ihre Herrschaft. Vielleicht hat sie der Vater oder die Mutter noch zu der neuen Herrschaft hin begleitet und übertrug dann dieser in gewisser Weise die eigene, väterliche oder mütterliche Autorität und Sorge.

Ist demnach die Aufnahme solcher junger Menschen in die neue Familie nicht, wie Wir schon sagten, eine Art Adoption? Groß ist jedenfalls die Verantwortung einer Herrschaft, da ein Vater oder eine Mutter sie zu Herren und Vorgesetzten ihrer Kinder macht. Diese Verantwortung bindet das Gewissen vor Gott und den Menschen und legt ihm zwei verschiedenartige PfIichten auf, die es zu vereinen gilt: einerseits soll die übertragene Autorität und Sorge in väterlicher Güte ausgeübt werden und zugleich sollen, wie es sich gehört, jene neuen Haus- und Familiengenossen in der Einstellung und im Geist ihres Standes belassen und bewahrt werden.

Was gibt es Rührenderes als die Szene vom kranken Knechte des Hauptmannes, die uns das heilige Evangelium erzählt: Ein Hauptmann hatte einen zu Tode erkrankten Knecht, der ihm sehr lieb und wert war. Er hatte von Jesus reden gehört, und so schickte er die Ältesten zu ihm und ließ ihn bitten, er möge kommen und seinen Knecht gesund machen. Jesus ging also mit ihnen. Und schon war er nicht mehr weit vom Hause entfernt, da sandte der Hauptmann Freunde zu ihm und ließ ihm sagen: «Herr, bemühe dich nicht; denn ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach ... Aber sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund.» Und in der Tat: als die, welche man geschickt hatte, heimkehrten, fanden sie den Knecht geheilt (vgl. Lk. 7,2 ff.).

Wie wunderbar ist doch die Sorge dieses Hauptmannes für seinen Knecht. Aber noch wunderbarer ist die Liebe Christi, der alle tröstet, die beladen und von Sorgen beschwert zu ihm ihre Zuflucht nehmen.

Wenn nun ein Heide uns ein so schönes Beispiel gibt, wie viele und nicht weniger leuchtende Beispiele könnte uns die Geschichte der christlichen Familien aufzählen. Blättert sie nur durch und ihr werdet öfters als ihr vermutet im Laufe der Jahrhunderte solche herrliche Bilder sehen: eine Hausherrin, die einer Mutter gleich die kleine Magd wie eine Tochter aufnimmt, sie in ihrer Unerfahrenheit anleitet, ihr an die Hand geht in ihrer Ungeschicklichkeit, ihr zurecht hilft in ihrer Unsicherheit und sie feinfühliger und hellsichtiger macht, wenn sie noch bäuerlich derbe Umgangsformen hat. Und an das tut sie ohne jene Einfachheit, Einfalt und Unschuld anzutasten, die den ganzen Reiz des Landmädchens ausmachen, das in die Stadt und in wohlhabende Verhältnisse kommt. - Am Abend muss das Mädchen mit den andern den Gebeten antworten, die der Familienvater vorbetet. Dann sitzt es da, ganz schüchtern und tief bewegt sinnt es den Gebeten nach, die zu der gleichen Stunde ihre Lieben daheim im Dorfe Gott darbringen.

Ja, wenn dem christlichen Sinn der Herrschaft ein ebenso christlicher von unbedingter Ergebenheit getragener Sinn von Seiten der Dienerschaft antwortet, so gibt es ein Schauspiel, das den Blick der Engel entzückt. Denn jener christliche Sinn auf beiden Seiten ist ein Werk des Glaubens; der Glaube aber erhebt den Herrn und erniedrigt dennoch den Diener nicht. Er macht vielmehr beide gleich vor Gott in jener Geistesgemeinschaft, die sich dann wieder offenhart in der Gewissenhaftigkeit, mit der beide Teile ihre Pflicht tun.

Wenn in einem Hause alles sauber aussieht, wenn nicht nur in den Wohnzimmern, sondern auch in den niedrigsten Diensträumen jedes Ding glänzt, wenn überall die Ordnung und blitzblanke Sauberkeit herrschen, auch in den dunkelsten Ecken, auf die niemand achtet, obwohl doch auch sie zum Hause gehören, dann kann man sich leicht denken, mit welch aufmerksamer Liebe da ein Dienstmädchen seine demütige und ermüdende Arbeit verrichtet und seinen eintönigen, täglich gleichen Dienst jeden Tag wieder mit demselben Eifer anpackt. Denn das ist ja das bezeichnende Merkmal für eines Dienstmädchens Arbeit: dass es mit jedem neuen Morgen von vorn anfangen muss Zwanzig Mal vielleicht wird es in seinen Besorgungen gestört, zwanzig Mal wird es gerufen und eilt zur Türe, um dem Ankommenden zu öffnen; jeden empfängt es mit derselben Sorgfalt, mit der gleichen Zuvorkommenheit und Ehrerbietung und dann ist es schon wieder bereit, in den Schatten zurückzutreten und seine Arbeit in heiterer Freude, mit ruhigem Stolz und andauerndem Fleiße wieder aufzunehmen.

Wer immer es sieht, wird in seiner Tugend den Widerschein der Tugenden seiner Herrschaft erkennen. - Oder hat die Tugend nicht auch ihre Strahlungskraft? Einem jungen Dienstmädchen, das im Frieden einer guten, christlichen Familie den Duft eines häuslichen Heiligtums entdeckt und verspürt, wird das liebevolle Wohlwollen, von dem es umgeben ist, ein mächtiger Ansporn zum Guten sein. - Und so werden die Jahre, die vorbeigehen, seine Hingabe und Anhänglichkeit an die Herrschaft und deren Haus nur mehren und festigen.

Wie schön ist es, solche Angestellten und Dienstboten, die im Hause ihrer Herrschaft groß geworden sind, später zu betrachten, ihnen zuzuschauen, mit welch überreicher Sorgfalt und ehrerbietiger Zärtlichkeit sie an die Wiegen der Neugeborenen treten, die da kommen, das Haus zu erfreuen. Und wenn die Herrschaft bisher dem Diener und dem Dienstmädchen Sorge und Wohlwollen erwies, so wandelt sich dieses nun in Vertrauen; man vertraut ihrer Wachsamkeit die Kinder an, denn man weiß, sie werden dieses Vertrauen nie missbrauchen und es an der rechten Zurückhaltung nie fehlen lassen. Sind dann diese Kinder einmal große Buben und Mädchen, ja Männer und Frauen geworden, so werden sie stets voller Dankbarkeit und Rücksicht denen begegnen, die, jetzt alt und ergraut, ehedem schon beim Großvater und beim Vater in Dienst standen und eine oder zwei Generationen in der Wiege geschaukelt haben.

Im Alter wird der Diener zum selbstlosen Freund. Die Jahre fliegen vorbei: Herren und Diener werden alt, Furchen durchziehen die Stirne, die Haare fallen aus oder werden weiß und der Rücken wird krumm. Es kommen Stunden der Krankheit und der Prüfungen. Dann scheinen sich die Bande zwischen Herrschaft und Dienern noch enger zu schlingen; das Dienstverhältnis scheint sich in eine Freundschaft zweier Weggenossen zu wandeln, die, müde vom Weg ihres Lebens, sich zum Weitergehen einer auf den andern stützen. Mehrmals haben Wir selber derartige Beispiele gekannt oder haben von solchen gelesen; das eine oder andere wieder aufzufrischen wird euch vielleicht nicht unlieb sein:

Eine Magd war 50 Jahre lang in demselben Hause in Dienst gewesen. Als sie nun sah, dass ihre Herrschaft sich in Not befand, kam sie und bot all ihre Ersparnisse an, um ihr aus der Verlegenheit zu helfen. Nicht einmal eine Garantie wollte sie für ihr Geld annehmen. Sie meinte, ihre langjährige Treue hätte ihr zwar nicht Verwandtschaftsrechte, wohl aber Verwandtschaftspflichten gebracht. - Eine andere Magd, die ebenfalls ein halbes Jahrhundert Dienst für sich gutschreiben konnte, beschloss, den Haushalt einer vom Krieg schwer getroffenen Familie nicht länger zu belasten; sie widmete sich also ganz dem Dienst ihrer krank und arm gewordenen «Herrin». Und als diese gestorben war, verwandte sie die Summe, die sie von einer Wohltätigkeitsvereinigung bekommen hatte, darauf, ihr eine dem alten Stande würdige Beisetzung zu besorgen (Discours de L. MadeIin - Acaémie Française, 17. Dezember 1936).

Noch herrlichere Beispiele bietet uns die Geschichte der Verfolgungen in den ersten christlichen Jahrhunderten. Was da Herren und Diener verband war außer der christlichen Liebe noch die Einheit im Bekenntnis des Glaubens und im Martyrium.

Da war der heilige Agathodor, der Diener des heiligen Papilos und seiner Schwester Agatonica; sie wurden alle drei zusammen zu Pergamon gemartert (vgl. Acta Sanctorum, Martyrologium Rom., 1940, S.136-137). - Da war zu Alexandrien der heilige Greis Julianus; er war krank und konnte nicht mehr gehen und ließ sich darum von zwei Sklaven vor den Richter tragen; der eine von ihnen wurde leider untreu und verleugnete den Glauben; der andere aber, Eunus, wurde zum heldenhaften Gefährten seines Herrn im Martyrium und errang mit ihm unter Qualen die Palme (ebd. S. 78) - Da sind die berühmten Märtyrinnen von Karthago: Vibia Perpetua und ihre Sklavin Felicitas. Beide wurden zusammen den wilden Tieren vorgeworfen und von ihnen schwer verletzt. Darnach starben sie als Opfer für Christus durch einen Dolchstoß in den Hals (ebd. S. 86). - Und schließlich wollen wir noch die heldenmütige Sklavin Blandina nicht vergessen: sie ertrug in der Verfolgung des Jahres 177 zu Lyon nicht nur freudig die grausamsten Martern, sie ermahnte und ermutigte auch noch den jungen, kaum fünfzehnjährigen Ponticus zur Standhaftigkeit im Glauben. Und doch hatte ihre eigene Herrin gerade für sie gefürchtet, sie möchte, weil noch ein zartes und schwaches Kind, nicht die Kraft haben, im Bekenntnis Christi auszuharren (ebd. S. 220. - Eusebii Hist. eccl. lib. V, cap. 1-3).

Auch heute noch bieten sich durch die Kriege, die Umwälzungen und Einschränkungen dem Auge ähnlich bewundernswerte, von Liebe und Glauben beseelte Helden und Heidinnen dar. Wenn aber doch solch edles Heldentum seltener geworden ist, so muss es wieder aufleben. Betet, wachet, arbeitet! Macht aus eurem häuslichen Dach ein Heim, wo jeder, der eintritt und euch die Hand reicht, eine reine und gesunde Luft atmen und trinken kann. Dann wird euer Werk beim Wiederaufbau der christlichen Gesellschaft glänzen wie ein Edelstein in der Krone. In einer wahrhaft christlichen Gesellschaft gibt es dann, nach dem großen Wort des Apostels Paulus, wohl noch die Namen von Herren und Dienern, aber darunter nur die eine heilige und riesengroße Familie der Kinder Gottes (vgl. Gal. 3, 26-28).

So erhebt denn euer flehentliches Gebet zu Gott und tragt ihm eure Wünsche vor, ihm, der allein euch erleuchten und euch führen kann, damit ein so verdienstvolles Werk sich vollende. Dazu erteilen Wir euch, liebe Brautleute, mit der ganzen Hingabe Unseres Vaterherzens den Apostolischen Segen.

Dreifache Gleichheit zwischen Herren und Dienern 5. August 1942

In Unserer letzten Ansprache versuchten Wir, vor den Augen der Brautleute die Schönheit der Beziehungen zwischen Herrschaft und Dienerschaft aufleuchten zu lassen, die religiöse Schönheit, die diesem Verhältnis eigen ist, wenn beide Teile von jenem christlichen Geiste beseelt sind, der in einem gewissen Sinne die Diener zu Familiengliedern ihrer Herren macht. Wir sagten auch, dass so schöne Familienverhältnisse heute zwar seltener zu finden seien als früher, dass sie aber doch nicht ganz ausgestorben seien. Und Wir wünschten dann, dass diese alten und heiligen Überlieferungen wieder aufleben möchten in den neuen Familien, in den neuen Lebensgemeinschaften, die die jungen Brautpaare begründen.

Ist das nicht auch euer Wunsch, liebe Söhne und Töchter? Möchtet nicht auch ihr eine so wertvolle Kraft- und Segensquelle eröffnen für den Frieden und die Freude in eurem Hause? - Aber zur Tat genügt nicht der bloße Wunsch und auch nicht ein allgemeiner guter Wille oder eine rein ideelle Bewunderung. Nein, jeder Teil, der befehlende wie der dienende, muss seinen Platz ganz ausfüllen, jeder muss seine Aufgaben anpacken. PIatz und Aufgaben sind verschieden, aber sie rühren von etwas her, das, wie ein Band, Herren und Dienern gemeinsam ist. Der heilige Augustinus drückt das ganz trefflich aus: »Das erste und täglich vorkommende HerrschaftsverhäItnis eines Menschen über einen Menschen ist das zwischen Herrn und Diener. .... Herr und Diener, damit bezeichnet man etwas Verschiedenes; dagegen Mensch und Mensch, das sind zwei gleiche Namen» (Enarr. in Psalm. 124, n.7 - Migne PL. t. 37, col. 1653).

Versuchen wir einmal etwas tiefer in diese Worte des heiligen Kirchenlehrers einzudringen! Sie bergen einen Gedanken, der in der Einheit der menschlichen Natur seine Wurzel hat, sich dann mit dem Glauben paart und uns zu Gott hinauf weist. Denn wir finden, dass diese Menschen, obgleich Herren und Knechte, doch alle in gleicher Weise Diener Gottes sind; dass sie als Kinder Gottes Brüder unter einander sind; dass sie als Christen Glieder und Organe sind, verschiedene zwar, aber dennoch Glieder und Organe desselben Leibes, des mystischen Leibes Jesu Christi. Eine dreifache Gemeinsamkeit der Würde also und diese bedingt auch eine Gemeinsamkeit in den wechselseitigen Beziehungen und Pflichten.

'Herr und Diener: Diener Gottes'

Das erste der drei Merkmale, wodurch Herren und Diener einander ähnlich sind, ist ihre gemeinsame Eigenschaft, Diener Gottes zu sein. Denn das ganze Menschengeschlecht, ob es will oder nicht, muss den verborgenen Absichten Gottes dienen und sie erfüllen. Dieses Dienstverhältnis macht also Herren und Diener einander vor Gott gleich; es verwischt aber keineswegs die sozialen Unterschiede des Standes, des Vermögens und der Bedürfnisse; denn diese hat der gleiche Gott angeordnet und vorgeschrieben und der freie, menschliche Wille wählt und verwirklicht sie.

Mit dem Dienstverhältnis aller gegenüber Gott muss daher das andere Dienstverhältnis, das zwischen Herren und Dienern in Einklang gebracht werden: beide Verhältnisse müssen auf der Gerechtigkeit und der Menschlichkeit auf gebaut sein. - Ja, glaubt es, sogar das Verhältnis zwischen Gott und seinen Dienern ist von der Gerechtigkeit und der Menschlichkeit bestimmt. Es herrscht hier jene höchste Gerechtigkeit, die sich selber alles verdankt und sonst keinem etwas, die Gerechtigkeit, die nicht ihresgleichen hat, die den Thron Gottes krönt, die gerecht richtet über Verdienst und Missverdienst der Diener Gottes, je nachdem sie seine Gebote und seine Gesetze beobachten. Es herrscht hier aber auch jene Menschlichkeit, die da im Herzen Gottes Barmherzigkeit heißt, jene Barmherzigkeit, die den Erdkreis erfüllt und hoch über alle andern Werke Gottes hinauswächst.

Gottes Weisheit ist die Quelle seiner Gerechtigkeit. Durch sie herrschen die Könige (vgl. Spr. 8, 15) und durch dieselbe Weisheit ordnet Gott die Völker den Königen unter (vgl. Ps. 143, 2). So ist es auch mit der Familie. Sie muss die Regierung Gottes nachbilden, diese Regierung der Gerechtigkeit und Menschlichkeit, mit der Gott das ganze Menschengeschlecht in seinem Dienste leitet.

Man spricht viel von Gerechtigkeit und mit Recht. Denn jedem das Seine zu geben ist ein Anliegen aller und eines jeden. Aber zu häufig wird die Gerechtigkeit auf die Strenge einer bloßen Formel eingeengt und soll darin bestehen, dass der eine genau die Arbeit leistet, zu der er sich verpflichtet hat, und der andere ihm pünktlich den Lohn ausbezahlt, den er ihm versprochen. Einen höheren Begriff von Gerechtigkeit und Billigkeit aber bekommt man, wenn man bedenkt und überlegt, dass hinter der Verschiedenheit des Namens Herr und Diener eine gleiche Wirklichkeit steht, die Gleichheit im Namen Mensch. Beide, Herr und Knecht, sind Geschöpfe Gottes und beide sind über die Materie und die Natur erhaben. Durch dieselbe Würde also sind diese bei den Menschen Diener ein und desselben ewigen Herrn und Meisters, der da Gott ist. Beide sind Menschen und beide besitzen, außer materiellen Gütern, Rechten und Interessen, auch noch heiligere Güter, Rechte und Interessen: die Güter ihres Körpers, ihres Geistes, ihres Herzens und ihrer Seele.

Es handelt sich deshalb zwischen Herrn und Knecht nicht einfach um eine bloße Beziehung der Gerechtigkeit allein, die sich dem kalten Wortsinne nach nur auf das nackte Soll und Haben beschränkte. Es handelt sich auch nicht einfach um bloße Billigkeit. Nein mit der Gerechtigkeit muss sich die MenschIichkeit verbinden, jene Menschlichkeit, die der Barmherzigkeit und Güte Gottes gleicht und die die menschliche Gerechtigkeit über die Materie hinaus in eine geistige Atmosphäre erhebt.

Stellt euch einmal, wenn ihr könnt, den einsamen Abend einer armen Magd vor: Nach Schluss des arbeitsreichen Tages zieht sie sich in ihr kleines, vielleicht dunkles und trauriges und ödes Zimmerchen zurück. Den ganzen Tag über hat sie sich gemüht und geplagt in ihrem Dienst. Ein Verweis ist ihr, wie das ja vorkommen mag, nicht erspart geblieben und vielleicht kam er in einem harten, rauen, hochmütigen Ton. Befehle wurden ihr erteilt, vielleicht mit einer Miene, aus der ein bitter-süßes Vergnügen daran durchblickte, sich nie zufrieden zu zeigen. Oder wenn es auch nicht so weit kam, so wurde sie doch angesehen als jemand, an den man sich nur erinnert, wenn etwas fehlt oder etwas Erwartetes auch nur um einen Augenblick zu spät kommt; so selbstverständlich finden es ja manche Leute, dass alles vollkommen und immer auf die Sekunde genau da sein müsste. Niemand denkt im geringsten an den Fleiß, den diese Magd bei ihrer Arbeit aufwandte, und wie viel Mühe, Hingabe, Umsicht und Kummer dieser Fleiß sie gekostet hat. Nie bekommt sie ein liebes Wort, das sie ermutigen, ein Lächeln, das sie aufrichten und stützen und führen, nie einen freundlichen Blick, der sie aufmuntern würde. - Was wäre es doch für sie in der Einsamkeit ihrer kleinen Kammer ein schöner Entgelt gewesen und viel mehr wert als Silbermünzen, wenn sie jetzt oder im Laufe des Tages ein Wort, einen Blick, ein Lächeln bekommen hätte aus einem wirklich menschlich warmen Herzen! Das hätte sie wieder fühlen lassen, dass die Natur ein Band schlingt auch um Diener und Herrn. - Nun aber ist sie da, allein, des Nachts, eine kleine Magd und wacht über die schlafenden Kinder der Herrschaft, bis diese heimkehrt. Und dabei eilt ihr Gedanke und fliegt ihr Herz heim in ihr Dorf und sie preist die Knechte, die in der Hütte ihres Vaters arbeiten, glücklicher denn sich (vgl. Lk. 15,17). - Vielleicht haben die Zeit und der Dienst sie schon in die Jahre kommen lassen; dann denkt sie vielleicht voll weher Sehnsucht an das Heim, das auch sie hätte gründen können, ein bescheidenes Heim nur, aber wie gern hätte sie doch mit Liedern und Liebkosungen eigene, liebe Kinderchen erfreut und in Schlaf gewiegt.

Ja tun wir auch einen Blick in die Seele dieses Dienstmädchens, aus der solche Gedanken aufsteigen; in die Seele, wo zur körperlichen Müdigkeit der Herzenskummer sich gesellt! Ist die Herrschaft weltlich gesinnt, so wird es ihr sehr selten einfallen, sich darum zu kümmern. Wird sie dann an das geistliche Wohl ihres Dienstmädchens vielleicht eher denken? - Man wird hoffentlich, so darf man annehmen, es nicht wagen, ihr die Erfüllung ihrer Christenpflichten direkt zu verbieten. Aber oft lässt man ihr dazu weder die Möglichkeit noch die Zeit. Und noch viel weniger gestattet man ihr, den inneren Antrieben ihrer Frömmigkeit völlig Genüge zu tun und den Interessen ihres sittlichen und geistlichen Lebens frei nachzugehen.

Gewiss ist die Hausherrin nicht immer von harter und böser Natur. Im Gegenteil, oft ist sie fromm, sie besucht die Armen der Stadt, hilft Bedürftigen und unterstützt gute Werke. Aber sie sieht - Wir wollen zwar gewiss nicht verallgemeinern - mehr die Armut außerhalb als innerhalb des Hauses; sie weiß nicht, dass noch eine viel traurigere Armut, die Armut des Herzens, unter ihrem eigenen Dache wohnt. Sie merkt es gar nicht; nie ist sie ihrem Dienstmädchen in den Stunden und am einsamen Ort ihrer Arbeit nahe gekommen mit dem Herzen einer Mutter und einer Frau. Wie könnte sie je all die Hausangelegenheiten verstehen, wenn sie sich nie in ihrem Leben selbst damit befasst hat? Wo ist da jene wohl anstehende und lobenswerte Hausherrin würde, die nicht fürchtet, an eigenem Adel einzubüßen, wenn sie ein junges Dienstmädchen gut behandelt ? Warum nähert sie sich nicht jenem armen Herzen, das in Treue seiner niederen Arbeit nachgeht, die Härte des Lebens verkostet und einer Frau Gehorsam und hohe Ehrerbietung zollt, die nicht seine Mutter ist? -

Herrin und Dienstmädchen bedeuten etwas Verschiedenes ja; aber die menschliche Natur ist in beiden die gleiche; auch wenn die Herrin, wenigstens anscheinend, auf dieser Erde glücklicher und vom Schicksal begünstigter ist. Vor Gott, dem Schöpfer, sind doch beide, Herrin und Dienstmädchen, Dienerinnen. Warum also vergisst man, dass die niedrigere ihrem Geiste nach Magd Gottes ist, bevor sie ihrer Arbeit nach Magd von Menschen wurde?

Gott sei Dank, sind eure Gesinnungen, liebe Söhne und Töchter, ganz andere. Und ebenso gibt das Bild, das Wir eben gezeichnet haben - so glauben Wir - nicht das wieder, was ihr in euren eigenen Familien vor Augen gehabt habt.

Wenn man nun aber von der Herrschaft Edelsinn und Wohlwollen verlangt für ihre Diener, haben dann letztere vielleicht ihrerseits nicht auch eigene und besondere Pflichten der Herrschaft gegenüber? Sind die Gerechtigkeit und die Menschlichkeit nicht auch für sie Tugenden?

Wäre das etwa ein gerechtes und menschliches Benehmen von Dienern oder Dienstmädchen, wenn sie sich gegen die Gesetze der Ehrlichkeit verfehlen und ihre Herrschaft betrügen würden? Wenn sie Familiengeheimnisse ausplauderten? Wenn sie zum Nachteil der Familie schlecht von ihr redeten? Wenn sie sich nichts kümmerten um das, was man ihnen anvertraut, sodass deswegen großer Schaden entsteht? Wäre das gerecht und menschlich von Dienern und Dienstmädchen, wenn sie ihre Arbeit nicht oder nachlässig besorgen würden? Wäre das gerecht und menschlich, wenn sie zwar das und nur das, was ihr Dienst erfordert, täten, sonst aber sich derart dem Gemeinschaftsleben der Familie entfremden würden, dass sie dann, wenn Stunden der Krankheit, der Müdigkeit, des Unglückes, der Trauer über die Herrschaft oder deren Kinder kommen, keine Spur von einem hingabefreudigen Herzen und einem menschlich warmen Mitempfinden zeigen würden? Wenn sie aber gar unehrerbietig - um nicht sagen zu müssen frech - und in ihrem Benehmen kalt und gleichgültig wären für alles, was das Haus angeht, wenn sie mit Worten, mit Murren, mit ihrem ganzen Auftreten bei den andern Dienstboten oder sogar bei den Kindern Unzufriedenheil, schlechten Geist oder - was Gott verhüten möge - Glaubenszweifel, Unglauben, Unkeuschheit, schlechte Sitten säen würden, mit welchem Namen müsste man dann solche Diener und Dienstmädchen bezeichnen, solche Schandflecken für den sonst so verdienten Dienstbotenstand? Wir überlassen es euch ihn euch auszudenken und sie zu richten.

Die Maßstäbe Gottes für Herren und Diener. Dadurch dass Herr und Diener die gleiche, vom Schöpfer den Stammeltern ein geschaffene, menschliche Natur besitzen, haben beide einen gemeinsamen Herrn und Meister: Gott. Aber dennoch unterscheiden sie sich auch vor Gott und zwar durch ihren freien Willen, der dem Menschen in die Hand gegeben ist. So findet ihr gute Herren und schlechte Herren, gute und treue Diener und unnütze und böswillige Diener. Gott wird die einen und die andern richten und sie als gerechter Richter ihren Verdiensten oder Missverdiensten gemäß entlohnen. Und er wird dabei nicht nur auf ihr Dienen Gott gegenüber schauen, sondern auch auf ihr Dienen den Menschen gegenüber.

Wer Herr ist, soll sich wegen der Befehlsgewalt nicht überheben. Jede Gewalt kommt ja von oben. Darum hebt ein Christ seinen Blick höher. Er sieht in jeder Autorität, in jedem Vorgesetzten, auch in seinem Herrn, den Widerschein der göttlichen Autorität, das Bild Christi, der sich in seiner Gottgestalt erniedrigt hat, um in der Knechtsgestalt, der menschlichen Natur nach, unser Bruder zu werden.

Hört, was der heilige Paulus lehrt: »Ihr Knechte, gehorcht euren irdischen Herren mit Furcht und Zittern, mit aufrichtigem Herzen, als wäre es Christus. Seid nicht Augendiener, die nur Menschen gefallen wollen, seid vielmehr Knechte Christi, die den Willen Gottes von Herzen tun. Dient willig, als gelte es dem Herrn und nicht Menschen. Ihr wisst ja, ein jeder, er sei Knecht oder Freier, empfängt vom Herrn den Lohn für alles, was er Gutes getan hat. Und ihr Herren, handelt ebenso an euren Knechten! Lasst das Drohen! Ihr wisst ja: der Herr im Himmel ist zugleich ihr und euer Herr, bei ihm gilt kein Ansehen der Person» (Eph. 6, 5-9). «Behandelt eure Knechte mit Gerechtigkeit und Billigkeit! Bedenkt, dass auch ihr einen Herrn im Himmel habt!» (Kol. 4,1).

Zum Himmel also erheben wir die Augen und lassen uns diesen Gedanken, dass sich der Herr und der Diener vor ihrem gemeinsamen Herrn und Meister als gleich ansehen müssen, lichtvoll klar werden, da wir staunend dort oben den Evangelisten Johannes in seiner Verzückung schauen, wie er sich dem Engel, der ihn führte und unterwiesen hatte, zu Füßen wirft, um ihn anzubeten. Und was sagt ihm da der Engel? «Hüte dich, so etwas zu tun! Denn auch ich bin nur ein Knecht wie du und deine Brüder, die Propheten und die, welche die prophetischen Worte dieses Buches beachten. Gott bete an! (Offb. 22, 8-9).

Herr und Diener: Brüder in Christus

Beten auch wir Gott an und steigen wir noch über die Ordnung der Natur hinaus in die Ordnung der Gnade: Der Natur nach sind die Engel und die Menschen freilich beide Diener Gottes. In der Ordnung der Gnade aber sind sie mehr als Diener, sind sie Söhne Gottes. Denn höher als die Natur steigt der christliche Glaube. »Seht», so ruft der gleiche heilige Apostel Johannes aus, «mit welcher Liebe uns der Vater geliebt hat: Wir heißen Kinder Gottes und wir sind es auch (1. Joh. 3, 1). Und also rufen wir als Söhne eines gleichen Vaters: Vater unser, der Du bist im Himmel. Also finden Herren und Diener einander und sind sich Brüder. - Hört den Apostel und Lehrer der Heiden, den heiligen Paulus, wie er dem geliebten Philemon seinen flüchtigen, aber inzwischen zum Glauben bekehrten Sklaven Onesimus anempfiehlt: »Nimm ihn auf, nicht mehr als Sklaven, sondern als geliebten Bruder!« (Phlm. 16) - Ja, möge zwischen Herrn und Diener die Sanftmut, möge die Geduld, möge die Brüderlichkeit triumphieren!

Man wird nun einwenden, man müsse den eigenen Rang doch auch vor den Dienern wahren. Jawohl, wahrt euren Rang, aber auch euren Rang als Brüder! Wahrt ihn so, wie der menschgewordene Gottessohn ihn wahrte. Der gab uns das Beispiel der Demut und Milde und kam auf Erden, nicht um bedient zu werden, sondern um zu dienen (vgl. Mt. 20, 28). Staunt nicht darüber; es handelt sich hier nicht darum, die Würde und Autorität des Familienoberhauptes oder der Hausherrin abzuschaffen.

Was es ist um solch heilige Brüderlichkeit, lehrt mit wenig Worten der heilige Johannes Chrysostomus, da wo er den eben zitierten Brief des heiligen Paulus erklärt: «Wüten wir nicht, so mahnt er, mit Heftigkeit gegen unsere Sklaven! Lernen wir vielmehr, ihnen ihre Fehler zu vergeben! Seien wir nicht immer rau und streng! Schämen wir uns nicht, gemeinsam mit ihnen zu leben, wenn sie gut sind! Wenn der heilige Paulus sich nicht geschämt hat, den Onesimus Sohn und lieben Bruder zu nennen, warum sollten dann wir uns schämen? Und was sage ich Paulus? Der Herr des Paulus hat sich nicht geschämt, unsere Sklaven seine Brüder zu nennen. Und wir sollten uns schämen dasselbe zu tun? Schau lieber, welche Ehre es uns einträgt, wenn wir unsere Sklaven Brüder, Freunde und Miterben nennen.« (In Epist. ad Philem. Homil. 2. n. 3 - Migne PG. t. 62, col. 711)

Herr und Diener: Glieder des einen mystischen Leibes Christi

Doch weiter: von Licht zu Licht! Der Ruhm unseres Glaubens ist es ja, immer höhere und tiefere Geheimnisse aufzudecken, je mehr sie die verborgene göttliche Wahrheit widerspiegeln. Erst sahen wir uns als Diener Gottes, dann als Söhne Gottes durch die Wiedergeburt aus dem Wasser und dem Heiligen Geiste in der Taufe, als Brüder vor dem himmlischen Vater in der Gemeinschaft aller Christen. Aber der große Paulus stellt sich auf einen noch erhabeneren Standpunkt und lässt uns unter einem herrlichen Bilde die Lehre Jesu schauen: er behauptet, dass wir als Christen noch mehr als Brüder, dass wir Glieder des gleichen Leibes, des mystischen Leibes Christi sind.

Schafft nicht diese Lehre einen herrlichen Einklang zwischen der Verschiedenheit der Stände und Aufgaben der Menschen einerseits und ihrer innigsten Einheit anderseits? Oder könnte man sich eine innigere, lebendigere, fühlbarere Einheit vorstellen als die unter den verschiedenen Gliedern eines gleichen lebendigen Körpers? Rückt nicht diese Lehre den Dienst der Adeligsten und den Adel der Niedrigsten ins hellste, klarste Licht ? «Wie der Leib, sagt Paulus, nur einer ist und doch viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber zusammen nur einen Leib bilden, so verhält es sich auch mit Christus. Wir alle sind ja durch die Taufe in einem Geiste zu einem Leibe geworden ...

Wir sind alle mit einem Geiste durchtränkt ... Das Auge darf nicht zur Hand sagen: Ich bedarf euer nicht. ... Leidet ein Glied, so leiden alle Glieder mit; freut sich ein Glied, so freuen sich alle Glieder mit.« (1. Kor. 12, 12-13; 21-26).

Das Bild ist so durchsichtig, dass es keiner Erklärung oder Erläuterung bedarf, und es lässt sich sehr gut auf das Verhältnis zwischen Herren und Dienern anwenden: Wer wirklich die Würde und den Namen eines echt christlichen Herrn in sich hochachtet, muss, wenn sein Herz von Christi Geist getragen ist, die Leiden und die Bedürfnisse seiner Untergebenen mitfühlen, er muss ihre Nöte und ihre Kümmernisse bemerken, nicht nur die zeitlichen und materiellen, sondern auch die ihrer Seelen, die den einzelnen seiber oft unbekannt und unbegriffen sind. Er wird sich über die niedere Welt der Interessen erheben und sich Mühe geben, das christliche Leben in seinen Untergebenen und Dienern zu entwickeln und zu fördern. Er wird dafür Sorge tragen, dass sie während den gefährlichen Stunden ihrer Freizeit in den Heimen, die man zum Wohle der Dienstboten eingerichtet hat, eine Zuflucht finden. Er wird dafür Sorge tragen, dass sie eine solide religiöse Erziehung erhalten. - Der gute Diener und das treue Dienstmädchen werden ihrerseits empfinden, wie alles, was der Familie, in der sie leben, zur Ehre gereicht, auch auf sie selbst zurückstrahlt. Denn mit ihrer bescheidenen Arbeit, ihrer Liebe, ihrer Tugend haben sie zur Zierde, zum Glanz und zur Heiligkeit des Hauses mit beigetragen.

Ein solches Schauspiel in einer Familie erinnert Uns an das Loblied, das die Königin von Saba vor Salomon anstimmte ob alledem, was sie in seinem Palast gesehen hatte: »Selig deine Leute und glücklich deine Diener, die stets vor dir stehen« (3. Kön. 10, 8).

Damit diese Unsere väterlichen Worte mit der göttlichen Gnadenhilfe für euch, liebe Brautleute, fruchtbare Glückwünsche seien und damit sie euch leiten mögen in einer guten Führung der neugegründeten christlichen Familien, erteilen Wir euch mit der ganzen Hingabe Unseres Herzens den Apostolischen Segen.

Große wechselseitige Verantwortung 19. August 1942

Im Frührot eures Ehelebens habt ihr euch, liebe Brautleute um Uns versammelt. Das ist Uns ein gern gesehenes Zeugnis für euer Verlangen nach dem Segen und den Mahnworten des Statthalters Christi, die euch Licht und Geleit sein sollen auf dem Wege, den ihr angetreten habt. Wir lieben es sehr, mit euch Erwägungen anzustellen über die christliche Familie, dieses Fundament des Heiles und der sittlichen Größe der Gesellschaft. Wir lieben es, ihr Loblied zu singen, ihre mannigfaltigen Reichtümer aufzuzeigen, alles Heilige und Edle an ihr zu beleuchten und besonders auch aufmerksam zu machen auf die Punkte, wo sie am meisten den Nachstellungen und Gefahren ausgesetzt ist.

In Unseren letzten Ansprachen behandelten Wir das gegenseitige Verhältnis zwischen Herrschaft und Dienstboten und die Pflichten und Aufgaben, die daraus erwachsen. Wir haben da gezeigt, wie viel religiöse Schönheit diese Beziehungen und Pflichten im Licht des Glaubens und in der warmen Glut der Liebe erhalten. Diese Beziehungen nun müssen notwendig bestimmte Folgen haben: das sind die wechselseitigen Verantwortlichkeiten, die sie, fruchtbaren Wurzelstöcken gleich, innerhalb der Famliengemeinschaft tatsächlich erzeugen.

Betrachtet nur einmal, wie sich der Einfluss der Dienstboten überall im häuslichen Kreise geltend macht. Würde es sich um einen einfachen Arbeitsvertrag zwischen zwei Personen handeln, so wären die daraus fließenden Verantwortlichkeiten beschränkt. Gewiss, es wäre dem Herrn sehr unangenehm, würde er schlecht bedient oder an seinem Eigentum geschädigt. Doch wäre das Missbehagen und der Verlust gewöhnlich nicht sehr erheblich und kein anderer hätte einen Nachteil davon. In unserem Falle aber haben wir ein Verhältnis, das meistens nicht nur einen Herrn und einen Diener angeht, sondern ein ganzes Haus. Es handelt sich in der Tat um mehr als einen bloßen Arbeitsvertrag. Es handelt sich um den Eintritt eines Fremden in das Gemeinschaftsleben der Familie; ein Fremder bekommt sozusagen einen Platz am heimischen Herd, nicht nur für eine oder mehrere Stunden des Tages, sondern für Tag und Nacht.

Mag die Herrschaft auch noch so sehr aufpassen und wachsam sein, mag sie auch die allerklügsten Vorsichtsmaßregeln treffen; die Dienstmagd, das Zimmermädchen mag auch noch so diskret sein, sie lebt eben doch beständig, in heiteren und in trüben Stunden mit der Herrschaft zusammen. Und so wird sie notwendigerweise den Charakter, das Temperament, die Anlagen, die Gewohnheiten eines jeden Familiengliedes von Tag zu Tag genauer kennen lernen. Auch die Schwächen, die Leidenschaften, die Gereiztheit und alle jene Absonderlichkeiten, die manchmal an Albernheit grenzen, werden ihr nicht entgehen. Wie könnte es auch anders sein? - Wie selbstverständlich tritt sie ja in jede Ecke des Hauses, in die Zimmer, in die Büroräume, in den Salon. Überall muss sie alles zurecht richten und in Ordnung bringen. Ihr Auge entdeckt jeden Schatten, schaut durch jede Scheibe, sieht alles und errät, was unter jedem Schleier verborgen ist. Da die Magd bei Tisch auftragen muss, ist sie auch beim Essen zugegen. Im Vorbeigehen erhascht sie Bruchstücke aus der Unterhaltung, aus dem Hin und Her und Auf und Ab der Rede; sie hört und merkt sich die Ansichten und Widerreden, die vertraulichen Scherze und Wortwechsel, die Streitigkeiten und Meinungsverschiedenheiten, den Austausch von mehr oder weniger persönlichen Erinnerungen und Anekdoten, die tausenderlei Nichtigkeiten, die oft mehr offenbaren als eine absichtlich gemachte Vertrauensmitteilung. - Klopft jemand, so ist es wiederum die Dienstmagd, welche die Türe aufmacht und die Besucher und Besucherinnen, die Verwandten, die Freunde und Bekannten einlässt. So lernt sie schließlich alle kennen, die im Hause ein- und ausgehen. Sie lernt, mit welcher Miene und mit welchem Wort man jeden einzelnen empfangen und behandeln muss. Nichts, auch nicht das Gesicht eines lästigen und aufdringlichen Gläubigers entgeht ihr.

Ausgedehnte Verantwortung der Herrschaft. Aus alledem versteht man leicht, dass es für das Leben und das Schicksal einer Familie von großer Bedeutung werden kann, wenn sie einen Menschen, der ihr bis gestern noch fremd war, auf diese Weise in ihre Hausgemeinschaft aufnimmt. Wird nicht durch diese Aufnahme der Familienvater verantwortlich für den aufgenommenen Diener oder das aufgenommene Dienstmädchen, ja gewissermaßen - unter Wahrung natürlich des gehörigen Abhängigkeitsverhältnisses - gleich verantwortlich wie für seine Kinder? Und liegt nicht seine erste Verantwortung sehr oft schon in der Wahl, die er trifft?

Diese Verantwortlichkeiten gehen weiter als es am Anfang scheinen mag und ihre Schwere offenbart sich manchmal erst, wenn die Jahre schon die Folgen zeitigen, sei es im Hause selbst, sei es im Verwandten- und Bekanntenkreis oder gar in der ganzen Gesellschaft.

Der Einfluss der Dienerschaft innerhalb des Hauses

Im Hause sind es in erster Linie die Kinder, bei denen man solche Folgen merkt. Da gibt es oft bittere Enttäuschungen für die Eltern. Fast plötzlich und unerwartet entdecken sie in ihren Buben und Mädchen, in ihren Söhnen und Töchtern Dinge, über die sie erschrecken möchten. Wäre es nur eine Laune oder ein Unwille, so würde man das wohl mit dem Ungestüm des Alters dieser Sprösslinge entschuldigen. Aber für ihre wirklich schlechten Neigungen, für ihren unlenksamen, ungebärdigen, kritischen, nörglerischen und verschlossenen Charakter weiß man keine rechte Ursache zu finden. Man ist höchst überrascht und verwundert, da man mit einem Male gewisse ungesunde Triebe in ihnen aufwachen sieht und zwar mit einer Heftigkeit und einer verderblichen Wirkung, die das gewöhnliche Maß der sittlichen Krisis während des Wachstums bei weitem übersteigen.

Und was tun, was denken nun die Eltern? Erschreckt und betrübt befragen sie sich gegenseitig, halten Gewissenserforschung, denken nach, ob man auch alles getan habe, um die Kinder gut zu erziehen. - Ja, so scheint es: gar nichts hat gefehlt, weder gute Beispiele, noch gute Ratschläge, noch Ermahnungen zur rechten Zeit, weder Strenge noch Güte. Man hat gewacht über die Freundschaften, über die Lektüre, über die Ausgänge, über die Vergnügen. Nichts hat bis dahin irgendwie Verdacht erregt. Aber siehe, während man so jede Seite und jede Falte des jetzigen und des unmittelbar vergangenen Lebens durchforscht, um die Wurzeln des Bösen aufzudecken, wachen dunkle Erinnerungen auf. Sie werden heller, verknüpfen und verfestigen sich. Um was handelt es sich? Es sind Erinnerungen, Eindrücke, die bis in die ersten Kinderjahre des nun missratenen Sprösslings zurückreichen: unschickliche oder auch nur zu vertrauliche Worte, Aussprüche, Sitten, Freiheiten eines unvorsichtigen oder wenig feinen Dienstboten aus jener Zeit. Sagt nicht, die Kinder seien damals noch zu klein gewesen, um verstehen zu können. Wer weiß es - vielleicht ja haben sie in dem Augenblick nicht begriffen. Aber dann, groß geworden, erinnern sie sich - und verstehen. Vergesst nicht, ihr Eltern und Brautleute: die Natur hat in die Sinne der Kinder eine große Beobachtungs- und Erinnerungskraft hineingelegt und der Mensch hat von Geburt auf den Drang zur Nachahmung in Wort und Werk.

Welche Verantwortung erwächst also einem Vater und einer Mutter, wenn daheim die Dienstboten in beständigem und ununterbrochenem Umgang mit den Kindern stehen! Wir sprechen hier wohlverstanden nicht etwa von Kindern, die vernachlässigt und wie das öfters geschieht, ausschließlich der Pflege von Dienstmädchen überlassen werden, - die sie dann vielleicht besser behüten und ihnen mit mehr Eifer zur Seite stehen als die eigene, zu sehr beschäftigte oder zerstreute oder leichtsinnige Mutter. - Wir haben auch nicht notwendig Dienstboten im Auge, die - was Gott verhüten möge - direkt verdorben und ausgesprochene Verderber sind.

Auf jeden Fall aber, was ist geschehen? Man hat einen schlechten Baum ins Haus gepflanzt und er hat entsprechend schlechte Früchte gebracht. Hätte man doch den Diener oder das Dienstmädchen besser ausgewählt! Hätte man mehr aufgepasst, eifriger gemahnt! Und sollen der Hausherr oder die Hausherrin ihrer eigenen ohne Unterscheidung getroffenen Wahl, den mangelhaften und ungenügenden Auskünften, der Laune und dem trügerischen Eindruck die Schuld geben.

Ja die Dienstbotenfrage ist eine heikle Verantwortung für die Eltern, und sie wächst mit dem Heranwachsen und der zunehmenden Reife der Kinder. Mag man diese Kinder auch noch für unschuldig halten und mögen sie es auch wirklich sein; mögen auch die jungen Dienstboten unschuldig sein, welche um die Kinder herum sind: ihre Unschuld wird doch niemals die Natur am Erwachen hindern, wenn einmal die heißen Stunden der Reifezeit herannahen. Dazu kommt, dass die Unerfahrenheit die Gefährtin dieser Jahre ist und dem jungen Menschenkind die Gefahr verschleiert und verbirgt bis zum Tage, wo das geheimnisvolle Beben des Herzens und der Sinne ihm den bevorstehenden Kampf ankündigt, in dem es sich waffenlos findet. - Welch furchtbare Verantwortung den Kindern und den Dienstboten gegenüber liegt da im unvermeidlichen Umgang des täglichen Lebens!

Den Kindern gegenüber ist die Verantwortung offenkundig. Aber ebenso deutlich liegt sie zutage in Bezug auf die Dienstboten.

Da ist z. B. ein Hausmädchen. Um seinen Dienst gut zu versehen, muss es alles im Hause beobachten. Und da sieht es Gemälde und Stiche an den Wänden, findet Zeitschriften und illustrierte Zeitungen, die in Unordnung und aufgeschlagen auf Tischen und Möbeln herumliegen. Es hört die mehr oder weniger ausgelassenen Reden und Abenteuer der größeren Kinder und ihrer Freunde. Vielleicht wirft ihr der eine oder andere unter ihnen so schnell im Vorbeigehen auch ein Lächeln oder einen etwas freien Scherz zu, und da das für die Unerfahrene neu und ungewohnt ist, so ist die Gefahr um so feiner und hinterlistiger. - Nehmt einmal an, die Sache gehe weiter. Dann wird eines Tages die Pflicht den Eltern gebieten, der Kinder wegen jene Dienstmagd zu entfernen; und doch war nicht sie schuld an der Unschicklichkeit und an der Gefahr; sie war nur unfreiwillig deren Anlass geworden. Der Hausherr sieht sie nun fortziehen, in Schuldlosigkeit verdemütigt. Wird er da nicht im Herzen den Vorwurf spüren, dass er und andere weniger vorsichtig waren als diese Dienstmagd selbst, weniger wachsam, weniger fest und stark? Wird er nicht sich sagen müssen, dass er schuld ist an ihrem Leid und an dem Kummer über ihre ungewisse Zukunft?

Wenn in einer Familie mehrere Diener sind und vor allem solche von verschiedenem Geschlecht und Alter, von verschiedener sittlicher und religiöser Erziehung, dann erweitern und vervielfachen die Verhältnisse des Zusammenlebens die Verantwortung. Wir sprechen nicht von den Fällen, wo der schlechte Geist eines einzigen die ganze Hausordnung auf den Kopf stellt und den andern Sinn und Herz verdirbt. Aber wie oft bricht plötzlich ein Skandal aus oder - was noch schuldbarer ist - er wird erstickt und zugedeckt nur durch die Schlechtigkeit eines Verführers und die Verirrung eines armen, unvorsichtigen oder zu schwachen Geschöpfes!

Der Einfluss im Verwandten- und Bekanntenkreis

Dass es manchmal zwischen Herrschaft und Dienern oder zwischen den Dienern untereinander Stunden und Augenblicke der Enttäuschung gibt, Misstrauen, Unzufriedenheit, Unordnung, Tadel und abweisende Worte, ist wohl unvermeidlich. Aber es gibt nicht selten auch Ungelegenheiten, Missverständnisse, Zusammenstöße, Zerwürfnisse mit den Verwandten und Freunden, die ebenfalls keinen andern Ursprung haben als die Reden und Aussprüche, welche von Dienstboten hinterbracht werden, oft gar ohne die Absicht zu schaden. Dienstboten hören eine unhöfliche Bemerkung, einen Witz oder einen Spaß, einen geistreichen Ausspruch, gewisse lebhafte Unterhaltungen oder glauben so etwas gehört zu haben. Blieben diese Dinge innerhalb der vier Wände des Hauses, so würden sie keinen großen Schaden verursachen. Sobald sie aber die Schwelle überschreiten, werden andere dadurch gekränkt und beleidigt, auch wenn beim Weitererzählen gar keine Übertreibungen hinzugefügt werden. Um wie viel mehr aber, wenn solche Worte von Mund zu Mund gehen und dabei - wie es eben zu geschehen pflegt - größer und stacheliger werden. Dazu kommt noch irgendein Geschwätz oder ein Geflüster, das man so aufschnappt bei zufälligen Begegnungen in den Geschäften, im Gespräch unter Autoführern oder Dienern, die vor der gleichen Türe, vielleicht gar vor dem gleichen Kirchenportale auf ihre Herrschaften warten. Da lösen sich ja die Zungen leicht. Die Diener reden zwar vielleicht ebenso wenig aus böswilligem Herzen wie die Herrschaft. Aber nun ist das Übel schon geboren, das Böse ist geschehen und oft nimmer gutzumachen.

Aber - so werdet ihr sagen - man kann doch auch nicht jedes Wort, das über die Lippen kommt, zählen und abwägen. Und doch - man würde es getan haben, hätte man die Folgen vorausgesehen, ermessen und abgewogen.

Manchmal ist das Übel noch größer. Bei Tisch, in einem Salon, bei einer Zusammenkunft mag es sein: eine flüchtige Kritik, eine hingeworfene Klage, ein heiterer Witz. Wir möchten gar nicht einmal sagen: eine falsche Unterstellung, trifft, einem ritzenden Messer gleich, eine Respektsperson. Im Grunde der Seele achtet man sie eigentlich; aber nun ist der Pfeil losgegangen und hat getroffen, den Lehrer vielleicht, den Pfarrer, die Autoritäten jeden Grades bis zu den höchsten und heiligsten hinauf. Die Herrschaft, die also sprach oder, wie man zu sagen pflegt, «laut dachte», hat deshalb nicht weniger Ehrfurcht und Achtung vor jenem, auf den ihr unbedachtes Lächeln abzielte. Aber bei den Dienstboten haben die gehörten Worte und jenes Lächeln die Ehrerbietigkeit gegen ehrenwerte Personen untergraben oder doch vermindert. - Auch so ein unbegründetes Wort kann dann sehr wohl sich ausbreiten und zum Gerede werden. Hinterher beklagt man sich über die üblen Folgen, die vielleicht Leute zu tragen bekamen, die man hochschätzte und liebte und man möchte der stets schlechten und böswilligen Welt die Schuld daran geben. Man spricht mit Schmerz und Bedauern davon, statt dass man einmal nachforschen würde, woher denn der erste Schlag kam; statt dass man sich fragen würde, ob das eigene Gewissen und die eigene Zunge unschuldig seien und sich nichts vorzuwerfen hätten.

Der Einfluss auf die Gesellschaft

Seht also, wie eine unbewachte Zunge zur Quelle von Zerwürfnissen und Übeln wird. Und auf keine andere Weise brechen bisweilen auch jene Umwälzungen aus, die die ganze Gesellschaft auf lange Zeit hinaus erschüttern. Man täusche sich nicht ! Auch das Haus, der Salon, der Tisch sind eine SchuIe und die Gespräche, die dort geführt werden, werden Lehrstunden für die Kinder, für die Dienstboten, für alle, die zuhören.

Scharfsinnige Geister standen nicht an zu behaupten, dass unvorsichtige Worte und Urteile in den Herrschaftshäusern eine nicht leicht zu nehmende Ursache waren für die Gewaltsamkeiten, die den verwickelten Lauf der französischen Revolution begleiteten. Durch jene Gespräche drangen nämlich die Prinzipien und Lehren, in denen die elegante Welt von damals sich so gern und leichtsinnig erging, bald in das Volk ein. Der trübe Gießbach von Unsittlichkeit und Unglauben, dem die hohe Gesellschaft mit all ihrer Ungebundenheit, mit all dem Aufwand ihres ohne Zurückhaltung und Maß geübten Luxus sich ergeben hatte, ergoss sich über diesen Weg auf die breite Straße. Ob all dem, was die Dienstboten jeden Tag vor Augen hatten, zerbiss ihnen Neid und Eifersucht das Herz. Dazu hörten sie in den mondänen Salons allerlei gewagte, philosophische, soziale, politische, zum Spott und Hohn der Religion mit Späßen und anzüglichen Witzen gewürzte Unterhaltungen, ferner gewisse Reden, die in schwülstigen Ausdrücken eine zügellose Freiheit verherrlichten. Begeistert erschloss sich ihr Geist diesen Theorien; ihr Herz aber füllte sich bis oben mit Zorn gegen die raffinierten Theoretiker, die sich zu Vorkämpfern solcher Theorien aufwarfen. Die Wirkungen, die sicher auch in irgendeiner Weise Folgen jener Reden und Lehrstunden waren, kennt ihr. Sie sind unaustilgbar eingegraben in die Seiten der Geschichte.

Es wäre ein Irrtum, wollte man sich vormachen, die Welt von heute sei nicht mehr dieselbe wie vor anderthalb Jahrhunderten. Wenn auch der äußere Schein sich gewandelt hat, im Grunde bleibt die Menschheit doch die gleiche. Die Begierden der verdorbenen Natur, die Fleischeslust, die Augenlust und die Hoffart des Lebens (vgl. 1 Joh. 2, 16) haben noch nicht aufgehört zu brennen und immer glühender aufzulohen. Die gesunden Grundsätze, die sie zügelten, sind auch jetzt in vielen Köpfen und in vielen Herzen vernebelt und kraftlos. Auftauchende Ideen breiten sich rasch nach allen Seiten aus. Die Gerüchte eilen, Blitzen gleich, schneller und weiter als früher. Wo irgendwie gerades Denken im Volk steckt, ist sein Urteil von unerbittlicher Folgerichtigkeit. Während es zuhört, sieht und liest, fühlt es in sich das Beben des Herzens und des Geistes und - heute vielleicht mehr als einst - wägt und misst es Menschen und Dinge, ob sie seinen wahren Bestrebungen und Nöten entgegenkommen oder nicht.

Diese Erwägungen scheinen euch wohl fast allzu ernst. Um aber die tiefe Wahrheit, auf der sie ruhen, zu begreifen, denkt daran, dass die Gesellschaft stets besteht aus der Gesamtheit der Familien und dass das Gute und Böse einer jeden Familie der Welle eines Bächleins gleicht, das, sauber oder schmutzig, sich in die große Flut des öffentlichen und gesellschaftlichen Lebens ergießt.

Und ist es nun nicht gerade der Tag eurer Hochzeit, liebe Brautpaare, der euch zur Teilnahme an diesem gesellschaftlichen Leben führt? Eben da gründet ihr ja eine neue Familie, die im Strom des ganzen menschlichen Zusammenlebens einen eigenen Pfad und ein eigenes Geschick hat vor Gott, vor der Kirche und dem Vaterland.

Darum sagen Wir euch, die ihr einen neuen Herd gegründet habt, Wir sagen euch mit der ganzen Liebe und Sorge Unseres Herzens: Schreibt den Sinn und das Gewicht der dargelegten Verantwortlichkeiten tief in Geist und Herz ein! Nehmt sie auf euch mit dem inneren Ernst, welcher Bürge und Ruhm des christlichen Geistes ist! Aber Wir fügen auch hinzu: Nehmt sie auf euch ohne Furcht! Denn um sie tragen zu helfen, wird euch gewiss die himmlische Gnade nicht fehlen, die Gnade, die euch zu Dienern Gottes, zu Söhnen der Kirche macht, die da aus der Liebe Christi leben. Möge diese mächtige Gnade auf euch herabsteigen! Sie erbitten Wir vom Herrn, während Wir euch von Herzen Unsern väterlichen Apostolischen Segen erteilen.

Die eheliche Treue

Die Schönheit der Treue 21. Oktober 1942

Das reine Licht, das aus euren Augen strahlt, liebe Brautleute, offenbart allen Blicken die heilige Freude, von der euer Herz überfließt. Freude darüber, dass ihr euch einander geschenkt habt auf immer. Auf immer! Wir haben schon einmal diesen Gedanken betont, als Wir vor andern jungen Brautpaaren, die vor euch da waren, von der Unauflöslichkeit der Ehe sprachen. Doch haben Wir dieses Thema eigentlich erst oberflächlich gestreift, geschweige denn erschöpft. Wir möchten deshalb tiefer und gründlicher in dasselbe eindringen, indem Wir sprechen von dem Edelstein, der da ist die eheliche Treue. Für heute beschränken Wir Uns darauf, euch ihre Schönheit schätzen und ihren Zauber verkosten zu lassen.

Die Ehe ist ein unauflöslicher Vertrag und erhebt als solcher die Gatten zu einem gesellschaftlichen und religiösen Stand, dem Rechtskraft und Dauerhaftigkeit innewohnen. Eines hat dieser Vertrag allen andern Verträgen voraus: Er kann - in dem Sinn und Umfange, wie Wir es ein anderes Mal erläutert haben - von keiner Macht rückgängig gemacht werden. Vergeblich würde einer der Partner sich davon befreien wollen. Wird der Vertrag auch verletzt, verleugnet, zerrissen: seine Umklammerung lockert sich nicht. Mit derselben Kraft wird er weiter verpflichten wie am Tage, da das Jawort der Vertragschließenden ihn vor Gott besiegelt hat. Ja sogar wenn einer der beiden den andern verraten hat, kann nicht einmal das verratene Opfer von dem heiligen Band gelöst werden. Gar nie kann dies Band entknotet oder vielmehr zerbrochen werden, es sei denn durch den Tod.

Doch das ist noch nicht die Treue; die Treue besagt mehr; sie ist etwas Stärkeres, Tieferes, aber auch viel zarter und unendlich viel trauter. Freilich muss der Ehevertrag, da er die Gatten zu einer Gemeinsamkeit des gesellschaftlichen und religiösen Lebens verpflichtet, auch rein rechtliche Bestimmungen haben. Es müssen genau die Grenzen angegeben werden, innerhalb deren er verpflichtet; es muss in ihm die Möglichkeit eines äußeren Zwanges offen stehen, zu dem der eine Vertragspartner seine Zuflucht nehmen kann, um den andern zu zwingen, die frei übernommenen Pflichten nun auch zu erfüllen. Aber diese rechtlichen Bestimmungen bilden gleichsam nur den stofflichen Körper des Vertrages und geben ihm notwendigerweise einen kalten, formalen Anstrich.

Die Treue jedoch ist gleichsam seine Seele und sein Herz seine handgreifliche Bewährung, sein offenes Bekenntnis nach außen. Fordert sie auch mehr als der bloße Vertrag, so wandelt sie dennoch in wohltuende Milde, was die rechtliche Genauigkeit desselben an Strengem und Hartem zu besagen schien.

Ja die Treue fordert mehr als der bloße Vertrag! Denn untreu und meineidig ist nicht nur, wer durch Ehescheidung die Unauflöslichkeit der Ehe, allerdings umsonst und wirkungslos, angreift, sondern schon der, welcher das eben gegründete Heim zwar materiell nicht auflöst und das eheliche Gemeinschaftsleben noch beibehält, aber es wagt, zu gleicher Zeit ein anderes verbrecherisches Band anzuknüpfen und aufrecht zu erhalten. Untreu und meineidig ist schon der, welcher, ohne zwar eine dauerhafte unerlaubte Beziehung einzugehen, auch nur einmal andern zur Lust oder der eigenen, ichsüchtigen und sündhaften Befriedigung zuliebe einen Körper gebraucht, auf den, um mit Paulus zu sprechen (1. Kor. 7, 4), einzig der rechtmäßige Gatte oder die rechtmäßige Gattin ein Recht hatte.

Und noch größer und noch empfindlicher als diese Ansprüche der naturrechtlichen Treue sind jene der eigentlich christlichen Treue. Ihr Herrschaftsbereich geht weiter: sie herrscht und regiert als liebevolle Herrscherin über das ganze weite Königreich der Liebe.

Was ist in der Tat die Treue anderes als heilige Ehrfurcht vor dem Geschenk, das ein Gatte dem andern gemacht hat, vor dem Geschenk der Selbsthingabe: der Hingabe des Körpers, des Geistes, des Herzens. Hingabe für das ganze Leben so, dass nur die geheiligten Rechte Gottes über dieser Hingabe stehen?

Treue in der Hingabe des Körpers

Die Frische blühender Jugend, die bescheidene Anmut, die ungekünstelte Zartheit der Gebärden, die innere Herzensgüte, alle die guten und schönen Reize, die den unerklärlichen Zauber des unschuldigen und reinen Mädchens ausmachen, haben das Herz des Jungmannes erobert. In einem Aufwallen heißer und keuscher Liebe fühlt er sich unwiderstehlich zu ihm hingezogen; ein Bild, wie man in der ganzen Natur umsonst nach einem ähnlichen sucht, das irgendwie ein so zartes Geheimnis auszudrücken vermöchte. - Das Mädchen seinerseits hat die männliche Schönheit des Jungmannes, seinen stolzen und geraden Blick, seinen festen und entschlossenen Mannesschritt liebgewonnen. In seinen kräftigen Arm möchte es seine zarte Hand legen und auf ihn gestützt den rauen Weg des Lebens gehen.

In diesem strahlenden Liebesfrühling hat die Liebe eine Zaubermacht auf die Augen ausgeübt: alles, auch die unbedeutendste Handlung des Geliebten, wusste sie mit einem funkelnden Glanz zu umgeben, ja sogar die offenkundigsten Unvollkommenheiten wusste sie zu verschleiern oder zu verklären.

Als dann das Jawort vor Gott ausgetauscht wurde, wandelte sich alle Verheißung in Wirklichkeit und die Brautleute schenkten sich einander in natürlicher, aber geheiligter Freude. Und hinter dieser Freude stand die edle Sehnsucht nach einer reichen Fruchtbarkeit ihres Bundes. -

Ist das nun schon die Treue in all ihrem GIanze? Nein. Noch hat sie ihre Proben nicht bestanden.

Die Jahre gehen dahin. Die Schönheit und die Träume der Jugend verlieren etwas von ihrer Frische und an ihre Stelle tritt ein größerer Ernst, mehr Würde und Nachdenklichkeit. Die Familie mehrt sich und die Last auf den Schultern des Vaters wird hart und schwer. Auch das Muttersein mit all seinen Mühsalen und Schmerzen und Gefahren fordert jedes Mal viel Mut. (Die Frau muss tatsächlich auf dem Ehrenfelde der Gattenpflicht nicht weniger heldenhaft sein und sich erweisen als der Mann auf dem Ehrenfelde der bürgerlichen Pflicht, wo er dem Vaterlande sein Leben weiht.) Vielleicht kommen dann noch Fernsein, Abwesenheit, aufgezwungene Trennungen dazu (Dinge, von denen Wir ebenfalls neulich sprachen) oder andere heikle Umstände, die zu einem Leben der Enthaltsamkeit verpflichten. Das ist dann die Zeit der Bewährung, wo sich die Eheleute immer wie der sagen, dass der Körper des einen dem andern gehört und ohne Zögern tun sie dann ihre Pflicht mit all ihren Forderungen und ihren Folgen. Hochherzig und ohne Schwäche halten sie stets die strenge Zucht hoch, die ernstes Tugendstreben ihnen auferlegt.

Schließlich kommt das Alter und die Krankheiten und Unpässlichkeiten vervielfachen sich. Es stellt sich der verdemütigende und peinliche Verfall und der ganze Zug von Armseligkeiten ein, die ohne· die Kraft und die Stütze der Liebe den einstmals so verführerischen Körper abstoßend machen würden. Aber mit einem Lächeln auf den Lippen umsorgt man ihn auch dann noch mit verschwenderischer Zartheit und liebevoller Rücksicht.

Das ist die Treue in der Hingabe der Körper!

Treue in der Hingabe des Geistes

Bei den ersten Begegnungen, zur Zeit der Verlobung, war oft alles eitel Glück und Schönheit. Mit ebenso großer Aufrichtigkeit wie harmloser Täuschung zollte man einander einen Tribut der Bewunderung, über den außen stehende Zeugen wohlwollend und nachsichtig lächeln mussten. Was hatten da kleine Streitigkeiten zu bedeuten! Sie sind ja nach dem lateinischen Dichter vielmehr ein Zeichen der Liebe: »Wo kein Streit, da keine rechte Liebe!« (»Non bene, si tollas proelia, datur amor«). Im Grunde war es doch eine ganze, volle Gemeinsamkeit in Ideen und GefühIen, in materiellen und geistigen, natürlichen und übernatürlichen Belangen, eine volle Harmonie der Charaktere. Die Freude und Liebe, die aus den Gesprächen klang, verlieh ihnen eine Offenheit, eine Lebhaftigkeit, eine Munterkeit, die den Geist sprühen und den Schatz an Kenntnissen, den die Liebenden etwa besaßen, in gefälliger Weise aufblitzen ließen. Vielleicht war es im Grunde ein unansehnlicher Schatz, aber damals trug alles dazu bei, seinen Wert zu erhöhen. -

Das alles ist Zauberreiz, ist Begeisterung. Aber die Treue ist es noch nicht.

Dieser Frühling geht vorüber. Bald kommen die Mängel zum Vorschein; die Verschiedenheiten des Charakters treten zutage und werden immer fühlbarer und vielleicht wird auch mehr und mehr die geistige Armut offenkundig. Das Feuerwerk ist erloschen, die blind gewesene Liebe öffnet die Augen - und sieht sich enttäuscht. Jetzt erst beginnt für die wahre und treue Liebe die Zeit ihrer Bewährung und damit die Zeit ihrer bezaubernden Schönheit. Sie ist nicht blind, sondern entdeckt sehr wohl jeden Mangel. Aber sie nimmt ihn hin mit liebender Geduld; sie weiß ja, dass sie selbst auch ihre Fehler hat.

Sie sieht aber noch mehr und tiefer. Sie entdeckt unter der rauen Schale manche wertvolle Eigenschaften: ein vernünftiges Urteil, gesunden Hausverstand, solide Frömmigkeit; alles reiche, im Dunkel verborgene Schätze von guter Prägung. Diese Gaben und Tugenden des Geistes ins volle Licht und zur rechten Geltung zu bringen, das ist nun der Liebe Sorge. Und sie ist nicht wenig geschickt und wachsam, die Lücken und Schatten des Verstandes oder des Wissens, die Grillen und Härten des Charakters vor den Augen anderer zu verbergen. Fällt ein irriges oder ungelegenes Wort, so sucht sie nach einer versöhnenden und günstigen Auslegung und ist von Herzen froh, wenn sie eine findet. Immer ist sie bereit, das zu sehen, was eint und verbindet und nicht das, was trennt; immer drängt es sie, die irrige Meinung zu berichtigen, Vorurteile zu zerstreuen. Und sie tut das mit soviel Takt und Feingefühl, dass sie nie anstößt oder verletzt. Weit entfernt ihre Überlegenheit zur Schau zu stellen, liebt sie es in ihrer feinen Art vielmehr, zu bitten und den andern Teil um Rat zu fragen. So lässt sie merken, dass sie, die etwas zu geben hat, sich auch des Empfangenen zu freuen weiß.

Seht ihr, wie auf diese Weise eine Einheit des Geistes zwischen den Gatten sich anbahnt, ein geistiges und praktisches Hand-in-Hand-gehen, durch das beide hinaufsteigen zu der Wahrheit, in der die Einheit wohnt, zur obersten Wahrheit, zu Gott!

Was ist das anderes als die Treue in der Hingabe des Geistes?

Treue in der Hingabe des Herzens

Die Herzen haben sich einander für immer geschenkt. Im Herzen, ja vor allem im Herzen, lobte gar mächtig die Begeisterung, die die jungen Brautleute zusammenführte. Und ebenso schmeckt die Enttäuschung, wenn sie kommt, bitter vor allem für das Herz. Denn das Herz ist das feinfühligste, aber auch das blindeste Element in der Liebe. Und wenn auch die Liebe die ersten Prüfungen im Eheleben unversehrt überlebt, so kann doch die Feinfühligkeit abnehmen und zurückgehen. Ja manchmal verliert sie auch notwendig etwas von der Glut ihres Feuers und von ihrer übermäßigen und leicht trügerischen Vorherrschaft. Nun ist aber eben die Standhaftigkeit und Beständigkeit in der Liebe, im tagtäglichen Sicheinanderschenken und - wenn es einmal nötig ist - im schnellen und vollen Verzeihen, der Prüfstein der Treue. Wenn von Anfang an wahre Liebe da war und nicht nur ein egoistisches Suchen nach sinnlicher Befriedigung, dann bleibt diese Herzensliebe stets unverändert jung und wird niemals von der Zeit und den Jahren besiegt.

Nichts ist so erbaulich und bezaubernd, nichts ist so rührend wie das Schauspiel einer goldenen Hochzeit zweier ehrwürdiger Ehegatten. Dieser Festtag hat etwas Ruhigeres, aber auch etwas Tieferes und Wir möchten sagen etwas Zarteres an sich als der Hochzeitstag der Jugend. - Fünfzig Jahre sind über die Liebe dieser Gatten dahingegangen. Sie haben miteinander geschafft, geliebt, gelitten und gebetet und dabei einander immer besser kennen gelernt. Sie entdeckten einer im andern die wahre Güte, die wahre Schönheit, den warmen Schlag eines ergebenen Herzens. Sie lernten immer besser erraten, was dem andern Freude macht. Daher denn diese ausgesuchte Sorge füreinander, diese kleinen Überraschungen, diese unzähligen kleinen Nichtigkeiten, in denen nur der eine Kinderei erblicken könnte, der nicht verstünde, dahinter die großartige Schönheit und Würde einer unermesslichen Liebe zu entdecken.

Glücklich seid ihr, junge Brautleute, wenn es euch vergönnt war, - wenn es euch noch vergönnt ist, solche Szenen bei euren Großeltern zu erleben. Vielleicht habt ihr einst, als Kinder, noch zart und liebevoll mit ihnen gescherzt; aber jetzt am Tage eurer Hochzeit haben eure Blicke ergriffen und mit heiligem Neide auf diesen Erinnerungen geruht. Und es wurde in euch die Hoffnung wach, selber einst euren Enkelkindern ein gleiches Schauspiel bieten zu dürfen. - Auch Wir wünschen euch das und erflehen für euch von Gott die Gnade solch einer langen, unverbrüchlichen und wundersamen Treue, während Wir euch mit der ganzen Hingabe des Herzens Unsern väterlichen Apostolischen Segen erteilen.

Versteckte Untreue 4. November 1942

Mit Recht kommt ihr, liebe Brautleute, nach eurer Hochzeit hierher, um auf euch, auf eure Liebe und eure Treue den Segen des Statthalters Christi herabzurufen.

Das Gesetz des göttlichen Erlösers ist ein Gesetz der Liebe und darum wohl imstande, auch die wahre Liebe und die wahre Treue zu beschützen und zu bewahren. Es ist ein Gesetz der Liebe und lässt sich nicht eingrenzen und einengen in die kleinlichen und äußerlichen Vorschriften eines Gesetzbuches; nein, es dringt ein in den Geist, in das Herz, so tief, dass es sogar die Sünde des bloßen Wunsches ausschließt (vgl. Mt. 5, 27-28).

Sollte es also eine geheime, in den innersten Herzensfalten verborgene Untreue geben, die trotzdem den Schein nach außen hin zu wahren weiß? Ja das gibt es. Denn aus dem Herzen, so sagt unser Herr, kommen die schlechten Gedanken und jede andere Bosheit (vgl. Mt. 15, 19). Und diese Sünde der verborgenen Untreue ist leider so häufig, dass die Welt ihr gar keine Beachtung mehr schenkt und dass das eingeschläferte Gewissen sich ihr, wie befangen im Banne einer großen Täuschung, anpasst.

Aber gegen jede Zaubermacht der Verführung erhebt sich groß und majestätisch die wahre Treue, die als Gegenstand und Grundlage so führten Wir in Unserer letzten Ansprache aus - die gegenseitige Hingabe nicht nur des Körpers, sondern auch des Geistes und des Herzens hat. Und jede, auch die kleinste Verfehlung gegen diese erlesene Herzenstreue führt gar leicht früher oder später zu großen Zusammenbrüchen im ehelichen Leben und Glück.

Versteckte Untreue des Leibes

Ja die Treue, versinnbildet im Ehering, ist eine überaus heikle Tugend. Noch bevor sie von Unserem Herrn begrifflich gefasst und verkündet wurde, war sie vom Schöpfer tief in das Herz der Gerechten eingemeißelt worden. Daher der bekannte Ausspruch Jobs, er habe mit seinen Augen einen Vertrag geschlossen, sich eines jeden unkeuschen Blickes zu enthalten (vgl. Job 31, 1). - Eine so strenge Zurückhaltung ist das Vorrecht selbstbeherrschter Seelen.

Das ausgelassene Gebaren so vieler «Christen». Vergleichet nun aber damit das Gebaren so vieler Christen, die doch seit ihrer Geburt in die Wasser der Wiedergeburt eingetaucht und im leuchtenden Licht des Evangeliums erzogen wurden! Gleich Kindern, die stets dazu neigen die ängstliche Besorgnis der Mutter übertrieben zu finden, haben diese Christen für die sittlichen Bedenken und Ängste ihrer Mutter, der Kirche, nur ein Lächeln übrig. Und doch ist diese Mutter nicht die einzige, die sich ernstlich über solches Gebaren Gedanken macht; alle rechtschaffenen Leute, mögen sie auch dem christlichen Empfinden ferne stehen, erheben längst ihre Warnrufe. Da setzen sich Frauen und Mädchen auf den öffentlichen Straßen, am Badestrand, in den Schauspielhäusern ohne jedes Erröten zudringlichen und sinnlichen Blicken und unanständigen Annäherungen aus und übertreten alle Schranken geziemender Geschlechtertrennung. Mit welcher Zersetzungskraft brechen bei solchen Gelegenheiten und Begegnungen die Leidenschaften herein! Auch angenommen, es käme, fast wie durch ein Wunder, nicht zum Fall in die eigentliche Untreue, so lässt sich - eben außer diesem letzten Schritt - im Grunde gar kein Unterschied feststellen zwischen solchen Sitten und dem Gebaren jener Unglücklichen, die da offen jede Scham mit Füßen treten.

Man begreift auch nicht, will man nicht dem Schwinden des sittlichen Empfindens die Schuld daran geben, wie Ehrenmänner es hinnehmen können, dass ihre Frauen oder ihre Bräute andern Personen so freche Blicke und Vertraulichkeiten gestatten. Und ebenso wenig versteht man, wie eine Braut oder eine Gattin, die ein hohes Empfinden für den Adel ihrer Würde hat, zusehen kann, wie ihr Gatte oder ihr Verlobter sich solche Freiheiten und Vertraulichkeiten mit andern Frauen heraus nimmt. Muss denn nicht, wo auch nur der geringste Funke von Ehrgefühl noch vorhanden ist, dieses sich auflehnen und aufstehen gegen so schwere Schmach, die da der heiligen Treue einer rechtmäßigen und keuschen Liebe angetan wird?

Versteckte Untreue des Geistes

Doch über solch unschickliche und empörende Gemeinheiten mag das Gesagte genügen.

Noch feiner ist der Unterschied von Gut und Bös in der Ordnung des Geistes und des Herzens. Zwar gibt es tatsächlich naturhafte und in sich untadelige Sympathien. Und die heutigen Lebensumstände geben leichter und häufiger Anlass, dass solche entstehen. Sie können manchmal eine gewisse Gefahr bedeuten, aber an sich verletzen sie die Treue noch nicht. Nichts desto weniger müssen Wir euch warnen vor gewissen, insgeheim wollüstigen Vertraulichkeiten, vor einer Liebe, die man platonisch nennt, die aber allzu oft nur das Vorspiel ist zu einer unerlaubten und unreinen Liebe oder der Schleier, der eine solche verdeckt:

Solange die geistige Sympathie sich erschöpft im Einklange der offen und selbständig ausgetauschten Ansichten des Geistes, im Genießen und Bewundern der Größe und des Adels einer Seele, solange ist an und für sich nichts Tadelnswertes dabei. Trotzdem mahnt der heilige Johannes vom Kreuz selbst geistliche Personen vor den Verirrungen, die daraus folgen könnten (vgl. San Juan de la Cruz, Noche oscura, lib. I. cap. IV, n.7). Unmerklich wird nämlich oft die rechte Ordnung verkehrt. Anfänglich ist es nur eine ehrbare Sympathie für eine Person, ein Einklang der Gedanken, der Neigungen, der Charaktere. Von da geht man durch unbewusste Zustimmung dazu über, die eigenen Ideen und Ansichten den Ideen und Ansichten der bewunderten Person anzupassen und gleichzuschalten. Zuerst verspürt man dieses Übergewicht des andern in nichtigen Fragen; dann in ernsteren Dingen, in Dingen des praktischen Lebens, in Fragen der Kunst und des Geschmackes, die schon mehr das Innere berühren; dann auf dem eigentlich geistigen oder philosophischen Gebiet und schließlich auch in den religiösen und sittlichen Ansichten. Es kommt so weit, dass man auf das eigene persönliche Urteil ganz verzichtet und nur noch unter jenem empfangenen Einfluss denkt und urteilt; die eigenen Grundsätze werden über den Haufen geworfen, die Richtlinien, nach denen man lebte, abgeschüttelt. - Fast unglaublich ist das; der menschliche Geist ist doch sonst oft bis zum Übermaß stolz im Festhalten am eigenen Urteil. Und hier nun diese knechtische Unterordnung und vollkommene Unterwürfigkeit unter das Denken eines andern!

Zur selben Zeit aber, da der Geist sich dergestalt dem eines Fremden oder einer Fremden nach und nach gleichförmig macht, entfremdet er sich Tag für Tag mehr dem rechtmäßigen Gatten. Es kommt so weit, dass er einen unwiderstehlichen Reiz fühlt, allem, was dieser Gatte oder diese Gattin denkt und sagt, zu widersprechen, sich darob aufzuregen und es zu verachten. Ein solches, vielleicht unbewusstes, aber deshalb nicht weniger gefährliches Gefühl zeigt an, dass der Verstand erobert und gefangen ist, dass der Geist, den man am Hochzeitstage unwiderruflich verschenkt hatte, anderen ausgeliefert wurde. - Und das sollte noch Treue sein?

O feine und schlecht gemerkte Täuschung: Es hätte ja doch - so meint man - geschehen können, dass dank des Einflusses einer hochstehenden, glühenden, von reinstem Eifer bewegten Seele eine geistige Sympathie zur Morgenröte einer Bekehrung geworden wäre. - Aber aller meistens blieb es eben nur eine Morgenröte. Selten stieg das Frühlicht zur vollen Tageshelle auf. Im Gegenteil! Wie viele haben auf diese Weise den Glauben und den christlichen Sinn verloren. Gewiss, es gibt berühmte Beispiele solcher Bekehrungen. Aber sie sind sehr, sehr selten. Doch sie genügen, um immer wieder gewisse Seelen zu beruhigen, die da gleich sich einbilden, selber eine Beatrice und ein Dante zu sein. In vielen Fällen aber geschieht es dann, dass beide in ihrer doppelten Blindheit einen schlüpfrigen Rand entlang gehen, um schließlich beide in die Grube zu fallen (vgl. Mt. 15, 14).

Versteckte Untreue des Herzens

Auch angenommen der Geist sei nicht, wie man gesagt hat, »la dupe du coeur, (La Rochefoucauld, Réflexion ou Sentences et Maximes morales n. CII) »der vom Herzen Geprellte« gewesen, so begleitet doch das Herz, das ja selber blind ist, den Geist und reißt ihn dann in seinem Überschwang seinerseits mit sich fort. So schenkt man erst den Geist und dann auch das Herz. Aber dieses schenkt man nur um den Preis eines Treubruches gegenüber jenem andern Herzen, dem es sich einst durch ein unzerstörbares Band vergeben hatte.

Die Welt kann lange jene Gattin, die den Fehltritt der Tat nach nicht vollzogen hat, als treu hinstellen. Ja, die Welt preist sogar die Vortrefflichkeit ihrer Treue, weil sie mit einem vielleicht heldenhaften - aber nur rein menschlich heldenhaften - Opfer ihr Leben ohne Liebe weiter lebt an der Seite jenes Mannes, an den sie es ganz gebunden hatte, während doch ihr Herz, ihr ganzes Herz, endgültig und leidenschaftlich einem andern gehört. - Die Sittenlehre Christi ist da strenger und heiliger.

Man kann lange den Adel eines angeblichen Bundes zweier Herzen rühmen, die keusch «wie Sterne und Palmen» miteinander verbunden seien; man kann lange diese Leidenschaft mit dem Glorienschein einer verschwommenen Religiosität umkleiden. Es ist doch nur ein Gefasel, genährt aus Poesie und Romanen, nicht aber aus dem Evangelium und dem christlichen Eheband. Man kann lange sich einbilden, man halte diese Liebe auf erhabenen Höhen; die Natur ist nach dem Sündenfall den einfältig eitlen Sprüchen betrogener Geister nicht mehr so weit gefügig und die Treue ist schon verletzt auch durch die unerlaubte Leidenschaft des Herzens.

Junge Brautleute! Nehmt euch in acht vor solchen Täuschungen! Ihr seid ja erleuchtet von dem göttlichen Lichte und beschützt vom Schutze Mariens, der reinsten Mutter; so liebt denn einander in heiliger Weise und knüpft immer fester die Einheit eurer Leben, eurer Geister und eurer Herzen!

Auf diese Einheit rufen Wir mit der ganzen Hingabe Unseres Vaterherzens die reichsten Gnaden Gottes herab und spenden euch dazu den Apostolischen Segen.

Klippen und Unvorsichtigkeiten 18. November 1942

Es ist ein herrliches Schauspiel, das vollkommene Glück zweier Gatten zu sehen, das, weit entfernt mit den Jahren abzunehmen, nur inniger und stiller wird, das an Kraft und gegenseitiger Hingabe und Eintracht wächst bis hinein ins Greisenalter und sich dereinst drüben, jenseits des irdischen Lebens, strahlend dem Himmel erschließt.

Und eben weil dies Schauspiel so schön ist, fühlen Wir in uns die Pflicht, euch zu warnen vor einigen Gefahren und euch hinzuweisen auf einige vielleicht unbeachtete und unbegriffene Unvorsichtigkeiten. Denn leicht könnten solche die Festigkeit dieses Glückes in Frage stellen oder wenigstens einen bangen Schatten über jene feine Zartheit der Treue ausbreiten, die Wir in Unseren letzten Ansprachen an die Neuvermählten zu schildern versucht haben.

Man braucht gar keine weite Kenntnis und Erfahrung von der Geschichte und von Familienschicksalen zu besitzen, um zu wissen, wie häufig beklagenswerte Fehltritte eine ehedem wundersam erblühte und aufrichtige Liebe zu Falt gebracht und gemordet haben. Und noch leichter weiß man um gewisse Schwächen, die einer Leidenschaft gleich kommen und verschwinden, deren Wunden aber, auch wenn die Schwäche selbst verziehen und gesühnt ist, tief in den beiden Herzen doch eine schmerzende Narbe zurücklassen.

Wir möchten heute nicht so sehr den Weg beschreiben, auf dem man Stufe um Stufe bis zur Schuld und in den finstern Abgrund hinabsteigt. Wir werden vielmehr sprechen von den Unvorsichtigkeiten und Armseligkeiten, durch die ein treuer Gatte dem andern den gefährlichen Weg zum Fehltritt ebnet, ohne sich überhaupt darüber Rechenschaft zu geben. Wir können diese Unvorsichtigkeiten und Armseligkeiten auf drei Punkte zurückführen: Leichtsinn, maßlose Strenge, Eifersucht.

Leichtsinn

Der Leichtsinn ist die Klippe vor allem der ersten Monate, bevor nämlich Kinderlächeln und Kinderweinen den ernsten Elternsinn weckt und reifen lässt. Oft hält der Leichtsinn aber weit länger an, dann nämlich, wenn mehr als das Feuer der Jugend Charakterschwäche ihn begünstigt und nährt. - Man redet sich ein, die Ehe gestatte den Gatten alles und erlaubt sich, kraft dieser liebgewonnenen und wohlgefällig großgezogenen Selbsttäuschung, hie und da die unvorsichtigsten Freiheiten.

Da führt z. B. der Gatte die junge Frau ganz ohne Gewissensbisse zu zweifelhaften, um nicht zu sagen verdammenswerten Vergnügungen. Er vermeint, sie so auf arglose Weise zu erheitern; vielleicht hat er auch die Absicht, sie auf diesem Wege in die Lebenserfahrung einzuweihen. Besitzt dann diese Frau nicht einen glühenden christlichen Ernst, der sie charakterfest und freimütig macht, so wird sie sich meistens ohne jeden Widerstand mitschleppen lassen. Oder wenn sie auch so tut, als ob es ihr nicht recht sei, so ist es ihr im Herzen doch gar nicht unlieb, dass ihr Widerstand nicht allzu wirksam ausfällt. Wurde ihre Unschuld bis zur Ehe durch die wache Sorge christlicher Eltern mehr nur von außen behütet und bewahrt als wirklich geformt und in die Seele eingegraben, dann erlebt man es nun, wie sie gerne zu allem ja sagt. Begierig wird sie, auch wenn sie noch ein wenig dabei errötet, eine gewisse Neugier befriedigen, deren Unschicklichkeit und Gefahr ihr noch nicht klar aufgegangen ist. War dagegen schon ihr Mädchenleben weltlich und ausgelassen, so wird sie sich glücklich schätzen, nun auf anständige Weise wie sie meint, sie ist ja in Begleitung ihres Mannes - auch das bisschen Zurückhaltung noch abzuwerfen, das ihr jugendliches Alter ihr bis dahin auferlegt hatte.

Von den Schauspielen und Vergnügungen führt der Leichtsinn ungehemmt zu einem Erschlaffen der Ansichten und des Gewissens in Bezug auf die Lektüre. Auf diesem Gebiet tritt, außer den Anreizen von denen Wir sprachen, eine noch feinere Lockung auf den Plan: die Liebe, wie sie in den Romanen beschrieben wird. Diese Romanliebe scheint ja auf so treffende Weise die gewiss erlaubten Gefühle wiederzugeben, die die Gatten füreinander empfinden. Der Romanschriftsteller und seine Helden und Heldinnen sagen so lebendig und in einer so warmen und verfeinerten Sprache das, was man nicht einmal in stillvertraulichen Zwiegesprächen also wirksam und glutwarm ausdrücken könnte oder auszusprechen wagen würde. - Eine solche Lektüre scheint also die Liebe zu beleben. Aber im Grunde peitscht sie bloß die Einbildung und die Sinne noch mehr auf und macht den Geist schwächer und schutzloser vor den unausbleiblichen Versuchungen. - Jene Romane erzählen so viel von Untreue, von Schuld, von unerlaubten und hemmungslosen Leidenschaften. Da geschieht es denn nicht selten, dass die Liebe zweier Gatten dadurch etwas verliert von ihrer Reinheit, ihrem Adel und ihrer Heiligkeit; dass die christliche Wertung und der christliche Begriff der Liebe verfälscht wird; dass diese sich in eine rein sinnliche und irdische Liebe verwandelt, die der hohen Zwecke einer gottgesegneten Ehe vergisst.

Wer gewohnheitsmäßig Romane liest und an romanhaften Bühnenspielen sich ergötzt, - mögen sie auch nicht direkt unsittlich oder anstößig sein - dessen GefühI, Herz und Phantasie gleiten oft in die Atmosphäre eines vorgetäuschten, wirklichkeitsfremden Lebens hinein. Diese Liebesepisoden, diese sentimentalen Abenteuer, dieses galante, leichte, bequeme, launenhafte, glänzende Leben, was sind sie in der Tat anderes als phantastische Erfindungen, geschaffen von Schriftstellern, die ihrer Einbildungskraft freien Lauf lassen und sich dabei um wirtschaftliche Schwierigkeiten, um die unzähligen Widerstände der praktischen und tatsächlichen Wirklichkeit nicht zu kümmern brauchen.

Im einzelnen mag solche Lektüre und mögen solche Schauspiele nicht verwerflich sein. Aber ihre Häufigkeit und damit ihr Missbrauch bewirken, dass man schließlich die Dinge falsch zu bewerten beginnt und die Freude am tatsächlichen Leben verliert. Das tatsächliche Leben bekommt ja seinen wahren Wert und seine herbe Schönheit von der Arbeit, dem Opfer, der wachsamen Aufmerksamkeit und sorgenden Umsicht für eine gesunde und zahlreiche Familie. Aber gerade dieses Salz der Weisheit, das dem wahren Leben seinen Geschmack verleiht, geht auf jene Weise verloren.

Da ist z. B. so ein Gatte: er arbeitet wohl, aber trotz Schweiß und Schwielen bringt er niemals das viele Geld zu einem Luxusleben auf. Und da ist ebenso die Gattin: schwer lasten auf ihr die Kinder und die Sorgen; ihre Mittel sind beschränkt und sie hat auch keinen Zauberstab, mit dem sie auf einen Schlag das bescheidene Heim in ein Märchenschloss verwandeln könnte. - Und nun sagt, ob solchen Gatten ihre ewig gleichen, von keinerlei außergewöhnlichen Ereignissen erfüllten Tage nicht recht langweilig und armselig vorkommen werden im Vergleich zu den Phantasiebildern ihrer Romane! Allzu bitter ist das Erwachen für den, der so beständig in einem goldenen Traume lebte. Zu lebhaft ist dann die Versuchung, diesen Traum weiter zu träumen und in die Wirklichkeit hin ein zu verlängern. Wie viele Dramen der Untreue haben nirgendwo anders als hier ihren Ursprung gehabt!

Vielleicht ist der eine Gatte treu geblieben und weint nun und begreift nicht, wie der andere, noch jetzt teure und geliebte Partner irregehen und schuldig werden konnte. Er ahnt nicht im entferntesten, dass auch er seinen Teil Verantwortung hat an jenem Abgleiten, das nun in einem Fall endigte. Man vergisst, dass die eheliche Liebe gar leicht versucht ist, anderswo volle Sättigung zu suchen, sobald sie einmal ihre gesunde Nüchternheit, ihre starke Zartheit und heilige Fruchtbarkeit zu verlieren anfängt und damit der ichsüchtigen und irdischen Liebe gleich wird.

Nicht weniger unklug sind die Männer, die, um ihren Frauen einen Gefallen zu erweisen, sie ermutigen, alle Launen und alle, auch die kühnsten Überspanntheiten der Mode in Kleidung und Lebensart mitzumachen. Schlechtberatene junge Frauen, die also mit ihrem Glück spielen! Sie ahnen vielleicht nicht im geringsten, welchen Gefahren sie sich selber und auch andere aussetzen. - Hier und nicht anderswo suchet den Ursprung von nicht wenigen SkandaIen, über die viele sich wundern. - Ja viele, aber nicht jene, die über die Wege des Bösen nachdenken; nicht die weisen Freunde, die rechtzeitig vor dem gefährlichen Pfade gewarnt hatten - aber nicht angehört wurden.

Maßlose Strenge

Die Tugend steht in der Mitte. Statt in ein Zuviel an Nachsicht kann man auch in das entgegen gesetzte Zuviel, in übertriebene Strenge fallen. Dieser Fall kommt gewiss seltener vor, ist aber nicht ohne Beispiele. Übermäßige Strenge würde den heimischen Herd in eine traurige, licht- und freudlose Stätte verwandeln, wo keine gesunde und gute Erholung, kein weitherziges Tun und Lassen mehr möglich ist und das Endergebnis wären dieselben Verirrungen wie beim Leichtsinn.

Wer sieht nicht voraus, dass, je strenger der Zwang ist, umso heftiger die Reaktion zu werden droht? Das Opfer einer solchen Tyrannei, - Mann oder Frau, und vielleicht gar der Bedrücker selbst - wird früher oder später einmal in die Versuchung kommen, das eheliche Leben abzubrechen. Während die zerstörenden Wirkungen des Leichtsinnes oft bald die Augen öffnen und den Sinn zu ernsteren Gedanken zurückführen, pflegt man die Verirrungen, die einer überspannten Strenge entstammen, einem Zuwenig an notwendiger Härte zuzuschreiben. Und die Folge ist: die Härte nimmt noch rauere Formen an und alles wird noch schlimmer: das bereits angerichtete Übel und ebenso die Gegenwirkung, die es hervorruft.

Fern von diesen zwei Extremen, der übermäßigen Nachsicht und der übermäßigen Strenge, herrsche unter euch die Mäßigung! Sie ist gar nichts anderes als der gesunde Sinn für Maß und Schicklichkeit. Der Mann soll es durchaus wünschen und gern sehen, dass seine Frau sich mit geziemender Eleganz kleide und gebe, wie es etwa ihren Mitteln und ihrer gesellschaftlichen Stellung entspricht. Er soll sie dazu aufmuntern und wenn nötig erfreuen mit einem artigen Geschenk, einem freundlichen, zufriedenen Lob ihrer Anmut und Schönheit. Die Frau ihrerseits verbanne aus dem Hause alles Anstößige, was den Blick eines Christen oder den Schönheitssinn verletzen könnte und ebenso jede Strenge, die das Herz schwer machen würde.

Auch Bücher sollen beide gerne miteinander lesen, schöne und nützliche Bücher vor allem, lehrhafte Bücher, die das Wissen der Gatten über Dinge und Werke und ihre Kenntnisse über ihr Handwerk oder ihre Arbeit erweitern. Bücher, die sie über den Gang der Ereignisse auf dem Laufenden halten und Bücher, die sie im Glauben und in der Tugend festigen und besser unterrichten.

Gern sollen sich die Gatten in vernünftigen Grenzen gesunde und ehrbare Vergnügungen gestatten, um sich die rechte Abspannung zu verschaffen und den Frohmut hoch zuhalten. - Solche Lektüre und Zerstreuungen werden dann wieder eine beständige und willkommene Nahrung bieten für vertrauliche Zwiegespräche und Unterhaltungen. - Ein jeder der Gatten möge seine Freude daran haben, wenn er sieht, wie der andere in seiner beruflichen oder sozialen Tätigkeit sich auszeichnet, wie er sich bei den gemeinsamen Freunden durch sein freundliches Lächeln beliebt macht und nie steige in dem einen irgendein Verdacht über den andern auf.

Eine dritte große Klippe endlich, die es zu vermeiden gilt, ist die Eifersucht. Sie kann vom Leichtsinn oder von der Strenge herkommen; jedenfalls ist auch sie eine sehr gefährliche Klippe für die Treue.

Der heilige Johannes Chrysostomus, dieser unvergleichliche Psychologe, hat sie mit meisterhafter Beredsamkeit beschrieben: «Alles was man von diesem Übel sagen kann, wird nie genügen, um seine Schwere auszudrücken. Hat ein Mann einmal angefangen, die zu verdächtigen, die er über alles auf Erden liebt und für die er gerne selbst das Leben hingeben würde, worin könnte er dann noch einen Halt finden? ... Aber während schon der Mann sich sorgenvoll quält inmitten dieser Übel, auch wenn sie weder Fundament noch Sinn haben, so hat noch mehr die arme und unglückliche Frau darunter zu leiden: Der, welcher ihr Tröster, ihre Stütze in all ihren Nöten sein sollte, zeigt sich gegen sie grausam und offensichtlich feindselig ... Ein von dieser Krankheit erfasster und geschlagener Geist ist bereit, alles zu glauben, jede Angeberei ernst zu nehmen, ohne das Wahre vom Falschen zu unterscheiden. Er ist viel eher geneigt, jenen anzuhören, der seinen Argwohn bestätigt, als jenen, der ihn zerstreuen möchte. ... Die Ausgänge, die Eingänge, die Blicke, die geringsten Seufzer, alles wird ausspioniert. Die arme Frau muss alles schweigend ertragen; sozusagen ans Ehebett angekettet, kann sie sich keinen Schritt erlauben, kein Wort, keinen Seufzer, ohne selbst den Dienern darüber Rechenschaft geben zu müssen» (S. Joannis Chrysostomi, de Virginitate - Migne PG. t. 48, col. 574-575).

Kann ein solches Leben nicht geradezu unerträglich werden? Und wo dann das Licht und die Stütze einer wahren christlichen Tugend fehlt, muss man sich da wundern, wenn jemand diesem Leben zu entkommen sucht und die Treue Schiffbruch leidet?

Der christliche Geist, ihr jungen Brautleute, der heiter ist und doch nicht ausgelassen, ernst und doch nicht übermäßig streng, der nicht vermessentlich Verdächtigungen ausspricht, sondern einer auf die Gottesliebe gegründeten, gegenseitigen Herzensliebe vertraut, dieser Geist wird eurer aufrichtigen und ewig heiligen Treue zueinander sichere Bürgschaft sein.

Das ist Unser Wunsch für euch, und Wir bitten Gott, ihn anzunehmen und zu verwirklichen, während Wir euch von ganzem Herzen Unsern väterlichen Apostolischen Segen erteilen.

Proben der Treue 9. Dezember 1942

Wir sprachen letzthin von den Klippen, denen manchmal die Treue junger Brautleute ausgesetzt ist und warnten vor Unklugheiten, die sie leicht begehen könnten. Die Klippen nun sind nichts anderes als Gelegenheiten der Prüfung. Und von den Prüfungen oder Proben der Treue wollen Wir heute, liebe Brautleute, miteinander reden. Dabei denken Wir an das Leid, das über die Treue selbst hereinbricht und zugleich an die Versuchungen, die nicht selten diesem Leid entspringen.

Solche Prüfungen können herrühren von einem Fehler oder von einer Unvorsichtigkeit des anderen Teiles, ohne jeden Fehltritt dessen, den sie treffen. Ja sie können auch entstehen, ohne dass weder der eine noch der andere Teil die geringste Schuld daran trägt. Auf jeden Fall aber kann man aus diesen, wie überhaupt aus allen Prüfungen, die die göttliche Vorsehung in ihren geheimen Absichten zulässt, mit Hilfe der Gnade und der Tugend größer und stärker hervorgehen.

Staunet nicht, wenn Wir vor euch auch von jenen Prüfungen sprechen wollen, für die einer der Gatten verantwortlich ist. Nicht als ob Wir an euch zweifeln würden, im Gegenteil. Wir vertrauen fest, dass euer christliches Leben, eure demütige Vorsicht und Klugheit zusammen mit eurem Gebet euch von Gott die Gnade erlangen werden, in den heiligen Gesinnungen, die euch heute beseelen, zu verbleiben, zu verharren und zu wachsen.

Aber Wir wenden uns an euch als an Unsere gütigen Sendboten; Wir möchten euch zu Herolden der Stärkung und des Friedens für andere machen; Wir hoffen nämlich, dass ihr das Echo Unseres Wortes in alle Fernen weitertragt. Möge es so denen, die harte Prüfungen durchleben, etwas Trost und Hilfe bringen. Und solltet ihr selber im Laufe eures Lebens Menschen begegnen, die ähnliche Prüfungen durchmachen, dann möget ihr zu hilf- und trostreichen Engeln werden, die die verwundeten Herzen heilen und entgiften und die entmutigten Seelen aus der tiefen Qual oder aus übermächtiger Versuchung emporheben. Welch herrliches Werk der Liebe, solchen Menschen zu helfen !

Die Prüfung des Verratenwerdens

Die erste dieser Prüfungen und die am tiefsten empfundene ist der Verrat. Und leider ist er nicht selten. Gewiss wiegt nicht alles gleich schwer; ein bloßes zeitweiliges und oberflächliches »Den-Hof-Machen« bedeutet noch nicht ein Verlassen des Heimes, sondern dazwischen liegen noch gar viele und verschiedene Schritte. Aber ein jeder von ihnen, auch der kleinste, verwundet zutiefst ein braves Herz, das sich ganz und vorbehaltlos hingegeben hatte. Und dann ist es stets ein erster Schritt abwärts auf einem schlüpfrigen Abhang. Für den andern Gatten aber, den verletzten und enttäuschten, wird es ein Weg zur Versuchung und vielleicht auch ein Vorwand, selber einen ersten Tritt abwärts zu tun. Und vielleicht fällt er, wenn es ihm an Kraft gebricht die Probe siegreich zu bestehen, selber noch tiefer als jener. Die Tragödie wird zur Doppeltragödie und nimmt ihren traurigen Lauf.

Der Gipfel des Leids - Traurige Witwenschaft. Mit einem kurzen Augenblick der Verirrung nimmt die Untreue vielleicht ihren Anfang. Daraus entsteht ein Band, das immer enger und enger wird. Schließlich erreicht die Prüfung ihren Höhepunkt: der treulos gewordene Gatte führt, fern von den Seinen, ein leichtfertiges Leben oder hat eine unrechtmäßige Familie gegründet. - Ja, das ist der Gipfel des Leides, der Höhepunkt der Versuchung, eine Witwenschaft, die trauriger ist als der Tod. Denn sie hinterlässt nicht den Trost, auf einem, geliebten Grabe weinen zu können, noch gibt sie die Möglichkeit, sich ein neues Nest zu bauen. Das Leben ist gebrochen, aber nicht ausgelöscht; es wird zu einer Prüfung ohne Ende, die etwas Furchtbares an sich hat.

Wie groß stehen aber auch jene da, die eine solche Prüfung würdig und heilig zu ertragen wissen. Ja, wunderbar groß, eine Heldin in ihrer Kümmernis, so steht jene Frau, jene Mutter vor euch, die nun allein die Familie erhalten und die Kinder erziehen muss. - Aber wohl noch stechender und bitterer ist der Kummer, wenn er einen Vater trifft. Er kann ja seinen noch kleinen und so liebehungrigen Kindern keine zweite Mutter geben, kann die nicht ersetzen, die ihre Kindlein verlassen hat. O wie blutet das Herz beim Gedanken, dass diese Kinder, einmal größer geworden, ihr Unglück begreifen werden - wenn man ihnen nicht gar schon früher die sittliche Haltlosigkeit eines fernen Vaters oder einer fernen Mutter eröffnen musste.

Welch schreckliche Versuchung, dem Leben ein Ende zu machen oder sich ein neues Leben und ein neues Heim aufzubauen! Aber tobt auch der Sturm im Herzen, so steht doch der Leuchtturm der Pflicht unbeweglich am Ufer des Lebens; eine unerbittliche Pflicht, die mit Blitzesklarheit das Gewissen durchforscht und eindeutig gebietet, den noch dem Schwure treu zu bleiben, den der andere Teil verletzt und zertreten hat.

Hie und da bricht der schuldige Gatte zwar das eheliche Zusammenleben nicht ab, aber seine Untreue, besonders wenn sie mit einem harten und rauen Gebaren verbunden ist, macht das gemeinsame Leben immer schwerer und fast unerträglich. Zweifellos gestattet das Recht dem unschuldigen Teil in bestimmten Fällen die Trennung, wobei das Eheband ungelöst weiterbestehen bleibt. Aber die Liebe, die alles erduldet (vgl. 1. Kor. 13,7), drängt und neigt eher zum Ertragen und zum Schweigen - es sei denn, dem stehe ein drohendes Ärgernis oder das höhere Interesse der Kinder oder ein anderer schwerwiegender Grund entgegen. Denn nur Ertragen und Schweigen kann ein verirrtes Herz zurückerobern. Wie oft wäre auf diesem Wege eine Aussöhnung möglich gewesen! Der vorübergehenden Verirrung hätte die Besserung folgen können, die Sühne, die Wiedergutmachung des vergangenen durch ein neues, mustergültiges Leben, das alles in Vergessenheit gehüllt hätte. Siegt hingegen die christliche Liebe nicht und bäumt sich der unschuldige Teil auf, dann wird eine Seele, die vielleicht nahe daran war zu bereuen oder schon bereut hatte, in einen noch tieferen Abgrund zurückgestoßen als der war, aus dem sie herauszukommen versucht hatte. - Man kennt aber auch genug Fälle edelmütigen Verzeihens !

Es kann vorkommen, - ihr wisst es wohl, dass ein Mann, der seiner Gattin stets in Liebe treu geblieben ist, nach langer Abwesenheit, vielleicht aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrt an den heimischen Herd und da sieht oder hört er nun, wie aus einer jener Wiegen, die man mit traurigem Recht »tragische Wiegen» genannt hat, ein kleines Kindchen ihm entgegen lächelt oder entgegen wimmert. Mitleid steigt in ihm auf. Und nach einem Augenblick des Zögerns und des inneren Kampfes tritt er hinzu, beugt sich über jene Wiege und küsst die Stirne des Kindchens - auch es ist ja ein unschuldiges Opfer. Er nimmt es an als sein eigenes. - Gewiss die Pflicht fordert nicht soviel. Es kann auch sein, dass in gewissen Fällen die Vernunft eine solche Handlung abrät. Aber an solchen Helden der Liebe und der Treue kann man nicht vorübergehen, ohne sie zu bewundern.

Verkennen der ehelichen Pflicht

Eine andere, leider noch häufigere Prüfung, der die Treue ausgesetzt ist, kommt daher, dass einer der Gatten die Heiligkeit der ehelichen Pflicht verkennt. Aus Furcht vor vermehrten Familienlasten, aus Furcht vor der Mühe, dem Leid, der Gefahr, (die hie und da wohl übertrieben wird), aus Furcht, - und diese Furcht ist unvergleichlich nichtiger - eine Linie der eigenen Eleganz, einen Zipfel des eigenen Lebens der Lust und Freiheit opfern zu müssen, manchmal auch aus Herzenskälte oder Kleinlichkeit des Geistes, aus schlechter Laune oder aus vermeintlicher, falsch verstandener Tugend versagt sich ein Gatte dem andern oder zeigt, wenn er sich hingibt, deutlich sein Missbehagen und seine Befürchtungen. - Wir sprechen hier natürlich nicht von der schuldhaften Abmachung zweier Eheleute, den Kindersegen von ihrem Herde fernzuhalten. -

Eine solche Prüfung ist für einen Gatten oder eine Gattin, die ihre Aufgabe erfüllen möchten, sehr hart. Und wenn sie sich wiederholt und wenn sie andauert und zu einem bleibenden und gleichsam endgültigen Zustand wird, dann entsteht aus ihr leicht die Versuchung, anderswo einen unerlaubten Ersatz zu suchen. Der heilige Apostel Paulus sagt es ausdrücklich: «Entzieht euch einander nicht; es sei denn mit gegenseitiger Einwilligung für eine gewisse Zeit, um dem Gebete zu obliegen; dann aber kommt wieder zusammen. Denn sonst führt euch der Satan wegen eurer Unenthaltsamkeit in Versuchung» (1. Kor. 7, 5).

Dennoch - wie sehr auch die Prüfung auf der Seele lastet, es gilt, siegreich daraus hervorzugehen. Unglückselig, wer ihr unterliegt! Hätte er nicht kämpfen und beten sollen? «Betet, damit ihr nicht in Versuchung fallet!» (Mt. 26, 41).

Aber vielleicht ist sein Wille trotzdem unterlegen. Hat er aber zugleich mit dem Kämpfen und Beten auch alles getan, was er tun musste, alles, was er tun konnte? Noch blieb ihm doch etwas Großes und Schönes zu tun übrig: Dieser Gatte, diese Gattin, die man liebt und an deren Leben man das eigene Leben gebunden hat, ist doch eine sehr teure Seele. Und diese Seele ist in Gefahr. Ja, sie ist mehr als in Gefahr, denn sie lebt gewohnheitsmäßig im Zustand der Todsünde und kann daraus nur aufstehen durch die Reue und den Willen, in Zukunft ihre Pflicht zu tun. Und da sollte es einem nicht am Herzen liegen, alles, unbedingt alles und um jeden Preis alles zu tun, um sie zu retten? Ist das nicht eine der ersten Aufgaben der Treue und das dringendste Apostolat? Ein schwieriges Apostolat ja, aber eine starke und reine Liebe könnte es fruchtbringend machen. Gewiss es braucht Ausdauer, es braucht eine milde und geduldige Energie, es braucht Überredungskraft, es braucht das Bittenkönnen, inständiges, vertrauensvolles Bittenkönnen. Aber es braucht auch die Liebe, die Liebe eines jeden AugenbIickes, eine feine, zarte, zu allen Opfern und allen im Gewissen gestatteten Zugeständnissen bereite Liebe, eine Liebe, die sich beeilt, jedem Wunsch oder auch irgend einer unschuldigen Laune Genüge zu tun, ja zuvorzukommen, nur um das verirrte Herz zurückzugewinnen und es zurückzuführen auf den Weg der Pflicht.

Und trotz alledem, werden vielleicht einige sagen, hat eine solche Anstrengung nicht immer Erfolg. Aber auch wenn sie nur ein mal Erfolg hat, so lohnt es sich der Mühe, entschlossen das alles zu versuchen. Bevor man nicht diesen Versuch gründlich und auf jede Weise und mit Beharrlichkeit unternommen hat, kann man nicht sagen, man habe alles getan. Und bevor man nicht alles getan hat, hat man kein Recht, am Erfolg zu verzweifeln. Es handelt sich um eine Seele, um eine so kostbare Seele! Und gelänge es auch nicht, die Verstocktheit und den Kleinmut des Schuldigen zu überwinden, so würde der Kampf wenigstens die eigene Seele stärken, damit sie, ungeachtet der Prüfung, in untadeliger Treue verharre.

Getrennt und doch beisammen

Wir zählten letzthin die erzwungenen Trennungen der Eheleute unter die Feinde der unauflöslichen Gemeinschaft. Sie müssen Wir jetzt gleichfalls unter die Prüfungen der Treue einreihen. Keiner der beiden Gatten trägt hier eine Schuld. Aber auch so ist es eine harte und gefährliche Prüfung. Wir kommen heute nur darauf zurück, um euch auf eine besondere Art dieser Trennungen hinzuweisen, auf eine Teiltrennung, die kein Außenstehender bemerkt, die aber darum nicht weniger schwer und peinvoll ist.

Wir meinen da Siechtum und Krankheiten, die hie und da für längere Zeit vollkommene Enthaltsamkeit auferlegen. Und dabei wohnt man doch beisammen, liebt sich wie am ersten Tage und möchte gern auf christliche Weise leben. Da muss dann die Liebe stark und der Glaube lebendig sein, um der Treue ihre makellose Vollkommenheit, ihre auserlesene Zartheit zu bewahren. Dann muss man wachen, kämpfen, beten, muss die Seele, das Herz, die Sinne kräftigen mit der göttlichen Speise der heiligen Kommunion; dann muss man den Geist emporheben zum Ideal der wahren und edlen Liebe, die unerreichbar hoch über der armseligen, nur menschlichen, immer mehr oder weniger ichsüchtigen Liebe steht.

Was für eine Prüfung, was für eine Stunde ist das? Es ist die Prüfung und die Stunde, da die eheliche Liebe über sich hinauswächst und eins wird mit der Liebe zum Nächsten, der da verwundet am Wege nach Jericho liegt, um diesem Nächsten zu helfen, ihn zu heilen, zu trösten, ihn so zu lieben wie sich selbst. Und welcher Nächste wäre einem andern mehr Nächster als der Gatte der Gattin, die Gattin dem Gatten ? -

Dann wird der eine für den andern zum barmherzigen Samariter oder zur barmherzigen Samariterin und das gegenseitige liebevolle Beistehen und Pflegen und Beten wird zu einem neuen Siegel der vor Gott und in seiner Liebe beschworenen Treue. Wer sich so hoch erhebt und also kämpft und betet und aus Gott lebt, dem wird die Gnade nie versagt bleiben.

Wir bitten den Herrn, er möge euch solche Prüfungen ersparen. Wenn aber seine liebevolle Vorsehung anders verfügen sollte, so flehen Wir zu ihm, er möge nicht zulassen, dass ihr über eure Kräfte versucht oder geprüft werdet, er möge vielmehr mit der Versuchung dann auch den guten Ausweg und den Sieg schaffen. damit ihr sie bestehen könnt 4).

Mit diesem Wunsche erteilen Wir euch von Herzen Unsern Apostolischen Vatersegen.

1943 Die Tugenden des häuslichen Herdes

Was ist das Heim ? 27. Januar 1943

Wir freuen Uns immer, wenn die Jungvermählten um Uns sich versammeln und Unseren Segen erbitten wollen. Diese Freude kommt, abgesehen von andern Gründen, von der Hoffnung, die Uns in ihnen das heilige und vielseitige Amt schauen lässt, das Gott ihnen anvertraut. Das besteht darin, zum Wiederaufbau einer Gesellschaft beizutragen, die gesund, stark und von tiefem und praktischem christlichen Geist und Bewusstsein beseelt ist. Verlangt das von ihnen nicht allein schon die Tatsache, dass sie zur Gründung eines Heims berufen worden sind?

Das Heim! Wie oft habt ihr seit der Zeit eurer Verlobung, besonders seitdem ihr ans Heiraten gedacht habt, den Klang dieses Wortes in euren Ohren vernommen im Chor der Glück· und Segenswünsche eurer Verwandten und eurer Freunde! Wie oft kam es aus eurem Herzen ganz von selbst auf eure Lippen! Wie oft hat es euch mit einer unaussprechlichen Wonne erfüllt, die einen ganzen Traum, ein ganzes Ideal, ein ganzes Leben in sich schließt! Ein Liebeswort, ein Zauberwort, das alle guten Seelen verstehen und mit Wonne hören, mögen sie nun seinen Zauber in der Gegenwart verkosten, oder mögen sie es in der Ferne, in der Fremde, in der Gefangenschaft schmerzlich vermissen, oder froh die Hoffnung begrüßen, dass es bald wiederkehrt!

Doch führt vielleicht gerade dieser Zauber leicht dazu, das Heim in einem unbestimmten Sinne zu fassen wie etwas, das eingehüllt ist in eine rosige und vergoldete Wolke. Wir möchten deshalb heute morgen euch tiefer einführen in seine Bedeutung. Die genaue!re Bestimmung wird nichts von seiner Poesie nehmen, sie wird seine Schönheit, seine Größe, seinen Reichtum noch besser offenbaren.

1. Ein viel umfassendes Wort ist also der Herd, das Heim (il focolare) und eines, das man auf viele und verschiedenartige Dinge beziehen kann. Es bezeichnet das Haus, wenn wir sagen: der väterliche, häusliche Herd, der Familienherd, oder in einem weiteren Sinn das Heim des Studenten, des Künstlers, des Soldaten. Es gibt auch einen Herd der Studien, der Wissenschaft, des Gebetes, der Tätigkeit, des Apostolates. In der materiellen Ordnung gibt es einen Herd mit einem wirklichen Feuer, an dem man sich wärmen, auf dem man die Speisen kochen kann; den Hochofen (focolare di forni) zur Bearbeitung des Eisens und anderer Metalle; den Dampfkessel (focolare della caldaia a vapore), welcher der Maschine ihre Triebkraft liefert. Entdeckt nicht der Arzt bei seinem Kranken den Ansteckungsherd (focolare d´ infezione), der das Leben in Gefahr bringt, oder den Seuchenherd (focolaio epidemico), wenn eine Krankheit mehrere Personen desselben Häuser- oder Stadtviertels befällt? Das heidnische Altertum hielt den Kult des häuslichen Herdes für heilig, als dessen Göttin Hestia galt, und pries den Heldenmut jener Tapferen, die für Herd und Altar kämpften: "pro aris et focis" (Cicero, de natura deorum, III, 40). Kommt vom selben Wort "focus" nicht vielleicht auch das Wort "fuoco" (Feuer, Brennpunkt) der Linse und des Spiegels, d. h. der Punkt, an dem sich die gebrochenen oder zurückgeworfenen Strahlen sammeln?

All diesen Bezeichnungen oder Bedeutungen muss etwas Gemeinsames zugrunde liegen, das die gemeinsame Benennung rechtfertigt. Die Sage - Wir wollen nicht sagen die Geschichte - erzählt, dass bei der Belagerung von Syrakus der große Archimedes sich mächtiger Hohlspiegel bediente, um die Flotte des Marzellus in der Ferne in Brand zu stecken. Von ähnlichen Beispielen abgesehen, kam es nicht mal unter den Spielen eurer Jugend vor, dass ihr mit einer genau auf den rechten Punkt gerichteten Linse ein paar Stückchen Papier oder ein wenig Werg zum Brennen brachtet? In einem bestimmten Punkt liefen die Strahlen der Sonne zusammen, um von dort wieder auszugehen und sich von neuem auszubreiten mit einer Wärme- und Leuchtkraft, die beträchtlich zugenommen hatte, wie wenn dieser Punkt, dieser "Brennpunkt" (fuoco) selbst wie eine kleine Sonne gewesen wäre. Das ist der Herd, in welchem Sinn ihr das Wort auch braucht: der Brennpunkt, indem alles sich sammelt, um von da aus Licht zu verbreiten.

2. Das Heim, von dem Wir jetzt sprechen wollen, ist das der Familie, die ihr durch die Ehe gegründet und dessen Herd ihr angezündet habt. Aber das Lob dieses schönen Namens muss verdient sein durch Erfüllung einer zweifachen Bedingung: es muss Wärme und Licht sammeln und ausstrahlen. Schaffen denn ein Heim jene jungen Eheleute, die nicht zufrieden sind, wenn sie nicht möglichst häufig aus dem Hause gehen, die nur in guter Stimmung sind an Festen, bei Besuchen, auf Reisen oder an Vergügungsstätten, bei weltlichen oder noch weniger als weltlichen Lustbarkeiten? Nein, die Wohnung, in der man nur vorübergehend weilt, die kalt, verlassen, ohne Laut, finster, ohne das frohe und warme Licht der Familiengemeinschaft ist, die ist kein Heim. Aber wahre Heime sind keineswegs auch jene Wohnungen, die meist geschlossen, zugemacht und fast unzugänglich sind, wo weder Licht noch Wärme von außen einströmen und nicht nach außen ausstrahlen, als wären es Kerker oder Einsiedeleien.

Und doch ist ein gemütliches Heim etwas Schönes, aber es muss Licht und Wärme ausstrahlen! So möge euer Heim beschaffen sein, geliebte Söhne und Töchter, als Nachbildung und Verähnlichung mit dem Heim von Nazareth! Es hat niemals eins gegeben, das gesammelter, aber zu gleicher Zeit herzlicher, liebenswürdiger und friedlicher in seiner Armut, das vorbildlicher war: warum nimmt die christliche Gesellschaft nicht Leben und Licht von seinem Glanze? Seht, in dem Maß, wie sich die Welt von ihm entfernt, wird sie finster und kalt.

3. Welches sind denn diese Strahlen, die in eurem Heim so sich vereinigen und sammeln müssen, um dort die Kraft zu finden, dann in großen Licht- und Wärmebündeln sich ausbreiten? Es sind die verschiedenartigsten, wie jene verschieden sind, die von der Sonne ausgehen mit ihrer unbegrenzten Skala von Farben und Schattierungen, die einen glänzender, die andern wärmer. Es sind die Gaben und Kräfte des Geistes, Herzens und Gemütes, man pflegt sie Eigenschaften, Werte, Talente zu nennen; die einen sind der Schatz eines doppelten Vätererbes, die andern sind die Tugenden, die in geheimnisvoller Weise von der gnadenhaften Liebe des Heiligen Geistes der menschlichen Natur eingegossen worden und in der Übung des christlichen Lebens gewachsen sind.

Eure beiderseitigen Familien waren bis gestern noch einander fremd: beide hatten ihre Überlieferungen, ihre Erinnerungen, ihre besonderen geistigen und seelischen Züge, die ihnen ein eigenes Gepräge gaben; beide hatten ihre verwandtschaftlichen und freundschaftlichen Beziehungen; und nun wurden diese beiden Chöre am Tage eurer Hochzeit in eurer Person zu einer neuen Harmonie zusammengefügt, die sich fortsetzen wird in eurer Nachkommenschaft, die aber bereits in euch selbst ihren Widerhall findet. Reich durch dieses Doppelerbe, werdet ihr noch reicher durch das, was ihr persönlich erwerbt und in die Gemeinschaft mitbringt: die Ereignisse und Erlebnisse eures häuslichen, beruflichen und gesellschaftlichen Lebens, eure Unterhaltungen und eure Lektüre, eure literarischen, wissenschaftlichen, künstlerischen, vielleicht auch philosophischen, vor allem aber religiösen Studien führen euch in den Stunden vertraulichen Beisammenseins wieder zusammen gleichsam mit einem Nektar, wie die Bienen bei der Rückkehr zum Bienenstock; und in euren vertraulichen Unterredungen bereitet ihr davon einen süßen Honig, der wie kaum ein anderer nahrhaft für euch selbst ist und von dem ihr vielleicht unbewusst denen mitgebt, die sich euch nahen (vgl. Hohe!. 4, 11). Im täglichen Verkehr, in der notwendigen gegenseitigen Harmonie des Denkens und Lebens, die durch unzählige kleine Zugeständnisse, durch unzählige kleine Siege erreicht wird, werdet ihr alle sittlichen Kräfte erobern und zu einem sehr hohen Grade steigern, nämlich Kraft und Sanftmut, Eifer und Geduld, Offenheit und Zartgefühl. Sie werden euch in immer wachsender Liebe verbinden, die Erziehung eurer Kinder beeinflussen und werden eurem Hause den anziehenden Reiz verleihen, der ständig auf die Gesellschaft ausstrahlt, die euch aufsucht oder in eurer Umgebung lebt.

Das sollen die Tugenden des häuslichen Herdes sein: bei den christlichen Eheleuten und in der christlichen Familie sind sie geheiligt und in die übernatürliche Ordnung erhoben und deshalb von einem unvergleichlich höheren Wert als alle natürlichen Fähigkeiten; denn als ihr Kinder Gottes wurdet, wurden mit der (heiligmachenden) Gnade in eure Seele übernatürliche Fähigkeiten gepflanzt, die auch die heldenmütigsten rein menschlichen Anstrengungen nicht einmal in einem ganz schwachen Grad hervorbringen könnten.

Von diesen Tugenden werden Wir zu den Jungvermählten sprechen, die nach euch kommen und christlich sind wie ihr. Wir hoffen, dass ihr diese Unsere Mahnungen lest; Wir vertrauen auch darauf, dass sie nicht ohne Nutzen auch von rechtschaffenen und edel denkenden Seelen gelesen werden, die nicht wie ihr das Glück haben, dieses göttliche Leben zu besitzen. Wenn sie rechtschaffen und edelgesinnt ihre natürlichen Tugenden pflegen und vervollkommnen, werden sie durch ihre Rechtschaffenheit und Hochherzigkeit das Licht und die Hilfe Gottes an sich ziehen; sie werden sich mit heiligem Neid nach diesen übernatürlichen Gaben des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe sehnen, die dem menschlichen Leben schon hier auf Erden eine unvergleichliche Würde verleihen und es in der Ewigkeit an der Seligkeit Gottes teilnehmen lassen. In diesem Verlangen nach diesen himmlischen Gaben werden sie ihren Blick zum Himmel richten, den Vater des Lichtes anrufen, sich zu dem Kreuz des Erlösers, der einzigen Hoffnung, wenden, dem Geist, der die Liebe ist, ihr Herz öffnen und davon erfüllt werden; denn wer rechtschaffen seine Pflicht tut, wie sie ihm bekannt ist, und nicht gegen das Licht sündigt, dem gibt Gott das Licht in reichstem Maß, dass er zu Ihm gelangen kann, und versagt ihm seine Gnade nicht.

Um diese Gnade bitten Wir herzlich für euch und für alle diejenigen, zu denen durch die Ausstrahlung eures Heims Unser väterliches Wort gelangt, während Wir als Glückwunsch und Unterpfand der göttlichen Gnaden euch mit besonderer Liebe den Apostolischen Segen erteilen.

Was ist die Tugend ? 7. April 1943

Seid herzlich willkommen, geliebte Neuvermählte; Glauben und Vertrauen haben euch zu Uns geführt, um mit Unserem Segen den Segen Christi zu empfangen für das Heim, das ihr in der Liebe gegründet habt. Ihr stellt es euch schön vor, dieses Heim, nicht als ob es in eurer Vorstellung frei von Prüfungen und Tränen sei, weil ihr gut wisst, dass das auf Erden eine eitle Hoffnung ist. Sondern ihr stellt es euch schön vor, weil ihr es trotz Prüfungen und Tränen keusch, heilig, freundlich, anziehend und strahlend schön, kurz, es so wünscht, wie Wir es zu schildern versucht haben in Unserer letzten Ansprache an die Jungvermählten, die vor euch hier gewesen sind. Aber wie kann ein so hehres Ideal möglichst gut verwirklicht werden? Ihr habt seit der Zeit eurer Verlobung kluge Pläne gemacht und eifrige Vorbereitungen getroffen, um euer Heim aufzubauen, zu ordnen, einzurichten, persönlich und anmutig zu gestalten; Klugheit und Voraussicht gaben euch das ein; aber über allem stand der gemeinsame Wille, euch gegenseitig zu helfen, vollkommen zu werden, in allen Tugenden zu wachsen, zu wetteifern im Guten und im gegenseitigen Einvernehmen, was ja die notwendigen Grundlagen für die Familiengründung sind, wie ihr sie erstrebt.

Aber diese Tugenden - was sind sie? Und welches sind ganz besonders die Tugenden des häuslichen Lebens?

Es ist wahrhaftig ein Unglück, dass ein so erhabenes Wort wie das Wort "Tugend" (virtù) profaniert worden ist, gewiss nicht aus Missachtung oder Spott als vielmehr durch missbräuchliche Verwendung und Ausweitung seines Sinnes, die soweit geht, dass es auch für die Ohren wirklich tugendhafter Leute doppelsinnig, geringschätzig und missfällig klingt. Im eigentlichen Sinn bedeutet das Wort "Tugend" (virtú) "virtus", das von "vir" (Mann) ab geleitet ist, "Manneskraft", "Tapferkeit" (vgl. Cicero, Tusculan. 2, 18, 43); es will eine Kraft bezeichnen, die eine gute Wirkung hervorzubringen vermag (vgl. S. Th. Ia 2ae p. q. 55). So spricht man z. B. in der rein natürlichen Ordnung (in der die natürlichen Kräfte notwendig nach festen Gesetzen wirken) von den Kräften (virtu) einiger Heilpflanzen; in der menschlichen, juristischen und sozialen Ordnung hingegen (wo die vernünftigen Wesen in ihrem Handeln frei sind) befiehlt der Vorgesetzte in Kraft (virtu) seines Amtes, während der Untergebene sich gebunden fühlt in Kraft (virtu) des göttlichen oder menschlichen, natürlichen oder positiven Gesetzes; jeder kann genötigt sein, etwas zu tun, wozu er sonst nicht verpflichtet wäre, wenn er sich nicht gebunden wüsste kraft (in virtu) seines Eides oder seines Ehrenwortes. Auch die geistige Ordnung hat ihre Kräfte, die Weisheit, die Vernunft, das Wissen, die Klugheit, die den Willen lenken; unser Gedächtnis hat die Kraft zu bewahren, was ihm anvertraut worden ist; die Phantasie hat die Kraft, die Formen der abwesenden, fernen und vergangenen Dinge uns wieder lebendig zu machen, das, was geistig oder abstrakt ist, uns vorzustellen; der Geist hat die Kraft, uns über die Sinne zu erheben und uns auch das erkennen zu lassen, was wir durch sie erfahren. Aber gewöhnlich wird der Name "Kraft" in der moralischen Ordnung gebraucht, in der die Kräfte des Herzens, des Willens und des Geistes die Würde, den Adel und den wahren Wert des Lebens ausmachen.

Von diesen Kräften der moralischen Ordnung wollen Wir zu euch sprechen und dabei zeigen, inwiefern sie häusliche Tugenden sind und für die Gemeinschaft und geistige Gesundheit der Familie Wert gewinnen. Worauf beruht denn in der Tat das wahre Leben eines guten häuslichen Herdes, wenn nicht gerade auf dem Zusammenwirken dieser Kräfte, die ziemlich mannigfaltig, aber gediegen und entzückend sind? In der Verlobungszeit findet sie gern der eine im andern, und beide möchten mit ihnen geziert sein wie mit kostbaren Edelsteinen.

Stellt euch eines dieser Heime von vollendetem Muster vor! Da seht ihr, wie jeder darauf bedacht und darum besorgt ist, seine persönliche Pflicht gut und gewissenhaft zu erfüllen, allen Freude zu machen, gerecht, offen und liebenswürdig zu sein, Selbstverleugnung zu üben mit Lächeln auf den Lippen und Freude im Herzen, geduldig; zu sein im Ertragen und Verzeihen, sich mannhaft und stark zu zeigen in der Stunde der Prüfung und unter der Last der Arbeit. Da seht ihr, wie die Eltern ihre Kinder erziehen in der Liebe und Übung aller Tugenden. In einem solchen Haus wird Gott geehrt und Ihm mit Treue gedient, der Nächste mit Güte behandelt. Gibt es oder kann es etwas Schöneres und Erbaulicheres geben?

Es würde, ja es könnte nichts Besseres geben als ein so schönes Heim, wenn Gott, der den Menschen mit einem Reichtum von Werten für die Erwerbung, Vervollkommnung und Ausübung all dieser Tugenden und die Ausnutzung aller dieser Gaben geschaffen hat, nicht noch über die Maßen gütiger und hochherziger gewesen wäre und ihm noch dazu ein göttliches Leben mitgeteilt hätte, die Gnade, die ihn zum angenommenen Kinde Gottes macht, und mit ihr zugleich neue Fähigkeiten und Kräfte von göttlicher Art, Hilfen, die die menschliche Natur, die Fähigkeit jeder geschaffenen Natur unendlich überragen. Deshalb werden diese Kräfte übernatürliche genannt, und das sind sie wesentlich. Was die anderen, die natürlichen und menschlichen Kräfte moralischer Ordnung angeht, so verleiht die Natur Anlage und Neigung dazu, aber nicht die Vervollkommnung, und der Mensch kann sie erwerben und fördern durch persönliche Kraft (S. Th. Ia 2 ae p. q. 63, a. 1) und 2); aber die göttliche Annahme an Kindesstatt verleiht ihren Tätigkeiten durch die Form der Liebe übernatürlichen Charakter und Glanz und Wert für das ewige Leben (S. Th. 2a, 2ae, p. q. 23a. 8).

Diese übernatürlichen Kräfte heißen eingegossene Tugenden; denn sie sind in Verbindung mit der heiligmachenden Gnade in irgendeiner Weise der Seele eingegossen, seitdem diese zum göttlichen Leben und zur Würde der Gotteskindschaft erhoben worden ist.

Wie unsere Organe in Kraft ihrer Bestimmung und ihrer physiologischen Konstitution die Erhaltung, Entwicklung und Gesundheit unseres leiblichen Lebens sichern; wie unser Geist in Kraft seiner Fähigkeiten unser geistiges Leben erhält, nährt, vervollkommnet und bereichert; wie unser Wille in Kraft seiner vom Gewissen erleuchteten und überwachten Freiheit unser sittliches Leben festigt und lenkt auf den Wegen der Gerechtigkeit zum Guten und zum Glück unserer Menschennatur oder wenigstens zu dem, was man dafür hält: so führt uns die Tätigkeit eines übernatürlichen Lebens der Gnade kraft jener höheren Fähigkeiten, das heißt der eingegossenen Tugenden, zur Fülle geistiger Kraft hier auf Erden und zur Teilnahme an der göttlichen Seligkeit im Himmel für die Ewigkeit. Die eingegossenen übernatürlichen Tugenden sind das "Taufgeschenk", das der himmlische Vater seinen Kindern macht.

Wie? Jenes kleine Wesen, das zunächst unsichtbar ist im Heiligtum des Mutterschoßes und das ihr dann in einigen Monaten seine ersten Tränen vergießen seht, in Erwartung seines ersten Lächelns, das nur unter Tränen glänzt, an dem Tage, da ihr, stolz auf eure Vaterschaft, es bei der Rückkehr von der Kirche, wo es im Wasser der Taufe wieder geboren worden ist, der Mutter wieder übergebt, dass sie ihm einen noch zärtlicheren Kuss aufdrücke als den, welchen es beim Verlassen des Hauses empfangen hatte: dieses Kind soll schon so hehre und erhabene Kräfte besitzen, welche die Natur überwinden? Daran zweifelt nicht!

Hat es denn nicht vom Augenblick seiner Geburt, vom ersten Augenblicke seiner Existenz an, von euch eine Anlage empfangen, in der sehr bald die Ähnlichkeit seiner doppelten Herkunft von Vater und Mutter leicht zu erkennen sein wird? Allerdings unterscheidet sich in jenen ersten Tagen ein Kind kaum von anderen Neugeborenen. Aber dann werdet ihr, ohne darauf zu warten, dass es spricht oder denkt, in seinem Liebreiz oder in seinen Launen einen Zug eurer eignen Charaktereigentümlichkeiten entdecken; dann werden seine Vernunft und sein Wille wach oder besser, sie äußern sich, weil man gut weiß, dass sie, bis dahin gleichsam schlafend und untätig, doch von außen her so viele Vorstellungen und Wünsche von Dingen mit unruhigen und verlangenden Blicken, Bewegungen und Tränen aufnahmen und dass ihr nicht erst dann, als sie das erste Mal sich äußerten, eurem Kinde jene Züge des natürlichen, geistigen und sittlichen Gepräges mitgeteilt habt.

Ebenso sind in der Ordnung der Gnade jene göttlichen Kräfte, d. h. die Tugenden des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe von Gott ihm eingegossen worden im Sakrament der Taufe, wodurch es zum geistigen Leben wieder geboren wird; so werden in gleicher Weise die vernünftigen und persönlichen Anlagen zu den natürlichen Tugenden, die ihr durch die Zeugung mitgegeben habt, kraft der Wiedergeburt gleichsam geschützt und behütet bis zum Gebrauch der Vernunft.

Nun könnt ihr schon erkennen, in welchem Sinne Wir von den Tugenden des häuslichen Lebens sprechen wollen, in dem Sinn nämlich, dass die Gnade in der Familie anknüpfen will an die guten Anlagen der Natur, die zur Tugend neigen, und die schlimmen Anlagen überwinden will, soweit "die Gedanken des menschlichen Herzens von Jugend auf zum Bösen geneigt sind" (1. Mos. 8, 21). Aber über die Natur siegt die Gnade und erhebt sie, indem sie denen Macht gibt, Kinder Gottes zu werden, die an den Namen Christi glauben, "denen nämlich, die nicht aus dem Geblüte noch aus dem Willen des Fleisches noch aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind" (Joh. 1, 12-13). Vergesst nicht, dass wir alle mit der Erbsünde zur Welt kommen. Wenn die neue Familie die natürlichen und christlichen Tugenden in sich vereinigt, die schon in den jungen Eheleuten durch die vernünftige und religiöse Erziehung des Elternhauses gepflegt worden sind, durch eine Erziehung, die Tradition geworden, aufrecht erhalten und von Geschlecht zu Geschlecht überliefert worden ist, so vergesst nicht, dass damit die jungen Eltern ein Heim gründen, das der heiligen tugendhaften Schönheit der Vorfahren, von denen sie das Leben empfingen, nacheifert und sie fortsetzt. Wenn die Taufe die Kinder zu Gotteskindern macht und genügt, um sie zu Engeln des Himmels zu machen, bevor sie zum Gebrauch der Vernunft und zur rechten Erkenntnis von Gut und Bös gelangt sind, so vergesst doch nicht, dass die Erziehung bei ihnen aber schon von klein auf beginnen muss, weil die guten natürlichen Anlagen fehlschlagen können, wofern sie nicht recht geleitet und in guten Handlungen entwickelt werden, die durch ihre Wiederholung unter der Führung des Verstandes und Willens noch über das kindliche und jugendliche Alter hinaus sie gerade in Tugenden verwandeln. Sind es denn nicht gerade Zucht und Wachsamkeit der Eltern, die den Charakter der Kinder formen und gestalten? Weist denn nicht gerade ihr vorbildliches tugendhaftes Verhalten auch den Kindern den Weg zum Guten und zur Tugend und schützt in ihnen den Schatz der Gnade und aller Tugenden, die als Taufgeschenk mit ihnen verbunden sind? Achtet auch darauf, wie selten, daß der Zweig dem Stamme gleicht! Doch Tugend soll, so hat Er es bestimmt, nur ein Geschenk sein, das man nicht erschleicht" (Dante. Purg. VII).

Also bedürfen auch jene Kinder, die eine gute Anlage ererbt haben, großer Sorgfalt, dass sie gut wachsen und dem Hause und dem Namen der Eltern zur Ehre gereichen.

Richtet denn, ihr jungen Eheleute, ihr Erben des christlichen Heimes euerer Eltern und eurer Vorfahren, richtet zu Gott eure andächtigen Gebete, dass eure Tugenden in euren Kindern wieder aufleben und auf alle in eurer Umgebung der Abglanz ihres Lichtes und ihrer Wärme sich ausbreite. Welch prächtiges Beispiel, das gerade in eurer Macht liegt! Welche Sendung und zugleich welch hohe Verantwortung! Übernehmt sie mutig, froh und demütig, in heiliger Gottesfurcht, welche die Helden der ehelichen Tugenden schafft und die Fülle der erlesensten Gnaden vom Himmel zieht. Für diese hehre religiöse Aufgabe spenden Wir euch in aller Herzlichkeit Unseren väterlichen Apostolischen Segen, dass er euch begleite alle Tage eures Lebens.

Von der Übung der Tughenden14. April 1943

Von allen Schätzen, die ihr zusammengebracht habt, geliebte Neuvermählte, um damit euer Familienleben zu bereichern und sie euren Kindern und den kommenden Geschlechtern zu vererben, gibt es keinen, der Heim und Familienleben so bereichert, fruchtbar macht und schmückt wie der Schatz der Tugenden; das sind die natürlichen guten Anlagen, die ihr von euren Eltern, von euren Vorfahren ererbt habt und die zu Tugenden werden durch die Wiederholung der guten Taten; das sind ferner die übernatürlichen Kräfte, die ihr im Quell der Taufe empfangen habt, wozu eure Eltern nach eurer Geburt euch gebracht haben.

Diese Tugenden, die man mit Blumen zu vergleichen pflegt - die Lilie der Reinheit, die Rose der Liebe, das Veilchen der Demut -, müssen im Heim und für das Heim ,gepflegt werden.

Doch da wird euch von Menschen gesagt, die mangelhaft unterrichtet oder oberflächlich oder einfach träge und nur darauf aus sind, sich nicht anstrengen zu müssen: Wozu sich so viel Mühe machen, die Tugenden zu pflegen? Als übernatürliche Gaben sind sie ein freies Geschenk Gottes, also braucht der Mensch sich nicht darum zu bemühen, und was kann ein solches Tun erreichen, da das Werk Gottes ist und wir keine Macht über es haben?

Das ist nicht richtig gedacht; ihr spürt es wohl selbst. Ihr werdet mit dem heiligen Paulus antworten: "Durch die Gnade des Herrn bin ich, was ich bin, und seine Gnade, die in mir ist, ist nicht unfruchtbar gewesen" (1 Kor. 15, 10). Gewiss gießt Gott allein der Seele die wesentlich übernatürlichen Tugenden des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe ein; Er allein verbindet mit den natürlichen Kräften die Kraft Christi, der ihnen Sein göttliches Leben mitteilt und daraus ebenso viele übernatürliche Tugenden macht. Wem käme aber je der Gedanke, dass diese göttlichen Blumen vergleichbar seien den armseligen künstlichen Blumen von Papier oder Seide, die kein Leben, keinen Duft und kein Wachstum haben? Diese letzteren verwelken allerdings nicht; sie bleiben so, wie sie gemacht worden sind. Sie sterben nicht; um zu sterben, müssten sie vor allem Leben gehabt haben. Dagegen die natürlichen Blumen unserer Gärten sind ganz anders empfindlich: der Wind dörrt sie aus, der Frost tötet sie, sie sind ebenso empfindlich gegen den Überfluss wie gegen den Mangel an Sonne oder Regen. Der Gärtner muss sorgsam darauf aufpassen, sie zu schützen. Er muss sie pflegen. In ähnlicher Weise - die irdischen Dinge sind ja niemals ein vollkommenes Abbild der göttlichen - verlangen auch die übernatürlichen Blumen, womit der himmlische Vater die Wiege des neugeborenen Kindes schmückt, fleißige Sorgen, dass sie nicht sterben; sie verlangen noch mehr, dass sie leben, sich erschließen und Frucht bringen können. Aber sie haben vor den natürlichen Blumen der Gärten auf Erden das voraus: so sehr auch sie dem Tode ausgesetzt sind, so sind sie doch bestimmt, unsterblich zu leben, unbegrenzt an Schönheit zuzunehmen, ohne dass ihre Fruchtbarkeit sie in kläglicher Weise zum Verwelken bringt, und zu wachsen, bis dass es dem göttlichen Gärtner gefällt, sie zu sammeln, um mit ihnen den Garten des Paradieses auf ewig zu schmücken und zu durchduften. Wie muss man denn die Tugenden pflegen? Genau so wie die Blumen. Man muss sie schützen, diese Blumen, gegen die Ursachen des Todes, ihr Aufbrechen und ihre Entwicklung unterstützen; eine kluge und geschickte Pflege vermag sogar in sie die Eigenschaften und Schönheiten der andern übergehen zu lassen. So ist es auch mit der Pflege der übernatürlichen Blumen d. h. der Tugenden. War es nicht mal eure Sorge, ihr jungen Eheleute, vom Tage der Verlobung an bis zum Tage eurer Hochzeit, euren Bräuten Blumen zu schenken? Leuchtende oder bescheidene, gepflückt und in Vasen mit frischem Wasser gestellt, wo sie trotz allem wohl bald verwelkten; ihr brachtet ihnen dann andere, ganz frische. Morgen werdet ihr zu Hause, in einer Ecke des Gartens, sei es auch nur in dem bescheidenen Kästchen auf der Fensterbank, ein wenig Erde fertig machen, den Samen hineintun und ihn begießen; dann werdet ihr mit fast ängstlicher Neugier warten auf das Hervorkommen eines kleinen grünen Keimes, des Stengels, der Blätter, auch auf das Lächeln des ersten Knöspchens und endlich auf das Aufbrechen der Blume. Mit wieviel Sorge werdet ihr sie umhegen!

Ohne Zweifel versagt Gott keineswegs seine Gnade auch keinem Ungläubigen; Er kann als Herr und Verwalter seiner Gaben ihm für tugendhaftes Handeln sogar auch außerordentliche Gnaden geben. Aber nach dem ordentlichen Verlauf Seiner Vorsehung gelangt das wahre Tugendleben zur Blüte und vollen Reife, wenn mit der Taufe die Kräfte der Seele des Kindes eingegossen worden sind, wo sie sich dann wie in einem guten Erdreich nach und nach entwickeln, wenn sie sorgsam gepflegt werden.

Jener Gott, der die Erde erschaffen hat mit ihren Nährstoffen, die Sonne, welche den Pflanzen Licht und Wärme spendet, den Regen und den Tau, die sie erquicken, hat auch die menschliche Natur geschaffen, die Seele, die er mit dem im Mutterschoß gebildeten Körper vereinigt, und diese Natur ist ein Boden, der reich ist an guten Anlagen, und Neigungen. Er teilt derselben Natur das Licht der Vernunft mit, die Wärme und Kraft des Willens und des Gefühls, und in dieses Erdreich mit diesem Licht und dieser Wärme senkt er mit dem göttlichen Leben die übernatürlichen Kräfte ein wie verborgene Keime, und er wird die Sonne, den Regen und Tau Seiner Gnade senden, damit die Übung der Tugenden und damit die Tugenden selbst Fortschritte machen und sich entwickeln. Dazu ist es aber noch nötig, dass der Mensch mit den Gaben und dem, Tun Gottes durch eigne Arbeit mitwirkt. Da ist vor allem, vom ersten Augenblick an, die Erziehung des Kindes durch Vater und Mutter, als gute Folge davon die persönliche Mitwirkung von Seiten des Kindes selbst, das nach und nach heranwächst und Mensch wird.

Wenn die Mitwirkung der Eltern mit der schöpferischen. Macht Gottes, um einem künftigen Himmelsbürger das Leben zu schenken, einer der wunderbarsten Pläne der Vorsehung und eine Ehre für die Menschheit ist, ist dann ihre Mitarbeit bei der Heranbildung eines Christen nicht noch wunderbarer? Diese Mitwirkung ist so wirklich und wirksam, dass ein katholischer Schriftsteller ein kostbares Buch über die Mütter von Heiligen hat schreiben können. Welche Eltern, die diesen Namen verdienen, würden Bedenken tragen, eine so große Ehre zu schätzen und ihrer sich würdig zu machen?

Aber auch ihr selbst oder vielmehr vor allem ihr selbst müsst die Tugenden pflegen. Eure Sendung, eure Würde verlangt es. Je vollkommener und heiliger die Seele der Eltern ist, desto gewissenhafter und fruchtbarer ist in jedem Falle die Erziehung, die sie ihren Kindern angedeihen lassen. Die Kinder sind "wie ein Baum, der an Wasserbächen gepflanzt ist, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit und seine Blätter nicht dürr werden sieht" (Ps. 1, 3). Aber welchen Einfluss, geliebte Eltern, wird auf sie eure Sitte und Lebensführung ausüben, die sie seit ihrer Geburt vor Augen haben werden? Vergesst nicht, dass das. Beispiel auf jene kleinen Geschöpfe wirkt noch vor den Jahren, in denen sie den Unterricht werden begreifen können, den sie von euren Lippen empfangen! Aber wenn man auch annimmt, dass Gott durch außerordentliche Gnaden den Mangel der Erziehung ersetzt, wie würden dann. wahrhaft das häusliche Tugenden sein, die im Herzen der Kinder blühen, im Herzen von Vater oder Mutter dagegen abgestorben oder verdorrt wären?

Nun hat der Gärtner eine zweifache Aufgabe: er muß die Pflanze instand setzen, aus ihren äußeren Lebensbedingungen Nuten zu ziehen und nicht dadurch zugrunde zu gehen; dann muss er das Erdreich bearbeiten und die Pflanze selbst, damit sie so wachsen, blühen und Frucht bringen kann.

Deshalb habt ihr die Pflicht, das Kind und euch selbst vor allem zu schützen, was euer rechtschaffenes, christliches Leben und das eurer Kinder in Gefahr bringen könnte; zu schützen vor allem, was euren oder ihren Glauben verdunkeln oder erschüttern, die Reinheit, den Adel oder die Frische eurer und ihrer Seelen trüben könnte. Wie sehr sind jene zu beklagen, die sich hierin ihrer Verantwortung gar nicht bewusst sind noch bedenken, wie sehr sie sich selbst und den unschuldigen Geschöpfen, denen sie auf Erden das Leben geschenkt haben, schaden, wenn sie die Gefahr verkennen, die kommt von so vielen Unvorsichtigkeiten in der Wahl der Bücher, Schauspiele, Beziehungen und Bräuche, wenn sie sich keine Rechenschaft darüber ablegen, dass eines Tages Phantasie und Sinnlichkeit im Herzen des heranwachsenden Kindes wieder lebendig werden lassen, was seine Augen von klein auf gesehen haben, ohne es zu begreifen! Bewahren genügt nicht; man muss mit Absicht zur Sonne, zum Lichte und zur Wärme der Lehre Christi gehen, den Tau und den Regen Seiner Gnade aufsuchen, um dadurch Leben, Fortschritt und Kraft zu erlangen.

Aber man muss noch mehr tun. Wenn auch die Ursünde nicht gewesen wäre, so hätte Gott doch dem Vater und der Mutter der Familie wie unsern Vorfahren geboten, die Erde zu bearbeiten, Blumen und Früchte zu pflegen, nur wäre die Arbeit dann für den Menschen eine Lust, keine Last gewesen (vgl. S. Th. i p. q. 102 a. 3). Aber die Sünde, die man so häufig aus dem Auge lässt, praktisch oder frech leugnet, hat die Arbeit hart gemacht: Natur und Erde wollen im Schweiße des Antlitzes bearbeitet werden: man muss beständig arbeiten, jäten, die schlimmen Neigungen und die schlechten Triebe ausrotten, die schädlichen Einflüsse bekämpfen; man muss reinigen, zurückschneiden, d. h. die Verirrungen auch der besten Neigungen in die rechte Bahn lenken, man muss gegebenenfalls die Trägheit, die Saumseligkeit in der Übung einiger Tugenden anspornen, den natürlichen Eifer, die Raschheit in der Ausübung anderer zügeln oder mäßigen, damit das gleichmäßige Wachstum aller gesichert wird.

Diese Arbeit mu man in jedem Augenblick des Lebens leisten; sie erstreckt sich auf die Verrichtung der anderen täglichen Aufgaben und gibt diesen den wahren Wert und zugleich ihre Schönheit, ihren Zauber und ihren Duft. Möge euer Heim dank eurer eifrigen Sorge allmählich jenem der Heiligen Familie von Nazareth ähnlich werden und möge es ein reizender Garten sein, wo der Meister gerne Lilien pflückt (vgl. Hohel. 6, 1) ! Auf ihn möge wie Tau Sein befruchtender Segen herabsteigen, als dessen Unterpfand Wir euch von ganzem Herzen Unseren väterlichen Apostolischen Segen erteilen.

Der Glaube 12. Mai 1943

Geliebte Neuvermählte! Alle christlichen Familien der verschiedenen Völker, die denselben Glauben haben, bilden die große geistige Familie, in der Christus der Bräutigam, die Kirche die Braut und das sichtbare Haupt, der römische Papst, der Stellvertreter Christi auf Erden ist. Um ihn hat euch euer religiöser Sinn hier versammelt, sein Wort wollt ihr hören, jenes Wort des vom Erlöser der Welt geoffenbarten Glaubens, dem ihr in kindlicher Liebe zugetan seid. Von dieser seelischen Haltung wollen wir heute zu euch sprechen, indem Wir Uns für andere Audienzen vorbehalten, von der übernatürlichen Gabe des Glaubens und seiner Rechtfertigung vor der menschlichen Vernunft zu reden. Aus dieser kindlichen Anhänglichkeit an die geoffenbarte Wahrheit wachsen Tapferkeit und Glaubensmut; diesen haben die ersten Christen bewiesen, die davon überzeugt waren, dass Christus, der Sohn Gottes, uns die Geheimnisse des himmlischen Vaters geoffenbart hat, die ihm, der Weisheit Gottes, bekannt waren; er hat es getan wie einer, der vom Gipfel eines sehr hohen Berges die Weite der fernen Meere überschaut und sie jenen erklärt, die drunten im Tale leben und seinem wahrhaftigen Wort sich anvertrauen. Ohne weiter nachzuforschen, glaubt die christliche Seele auf die unfehlbare Autorität dessen hin, der spricht, das, was Gott geoffenbart hat und was die Kirche ihn lehrt, die Hüterin des göttlichen Wortes. Wenn ihr, geliebte Söhne, einerseits die uns von Gott geoffenbarte Wahrheit und anderseits die Empfänglichkeit der Gläubigen betrachtet, so bietet sich eurem Blick in der großen katholischen Familie ein wunderbares und unvergeßliches Schauspiel dar, von dem ihr ein schwaches, doch feines Abbild wiederfindet in jenen Zusammenkünften, die sich in der Vertrautheit des häuslichen Heimes abspielen, wenn Mutter und Kinder, um den Vater geschart, sein Wort mit Aufmerksamkeit und ehrfürchtiger Liebe anhören. Was sagt, was erzählt er? Vielleicht frischt er Erinnerungen aus seiner Kindheit auf, oder er spricht zu ihnen von den Erfahrungen und dem Wissen seines reiferen Alters, oder er erklärt ihnen ein Wunder aus Natur, Technik, Wissenschaft oder Kunst. Wenn er am Kriege teilgenommen hat oder in Gefangenschaft war, wird er ihnen die Narben seiner Wunden zeigen und von seinen Strapazen und Leiden erzählen, die er ertragen hat im Gedanken an sie und aus Liebe zum heimischen Herd, für den er in der Ferne kämpfte. O so vieles kommt ungewollt von den Lippen eines Vaters, um seine Kinder zu belehren, zu erfreuen, zu festigen und zu bilden! Betrachtet sein Gesicht, das die Liebe verklärt, während er ausspricht, was in seinem Herzen, Geiste und Gemüte lebt! Schaut den Ausdruck und die Mienen von Mutter und Kind; kostet jenes entzückende Schauspiel, aber sucht auch die Empfindungen zu deuten, die sich in ihren Mienen und Blicken offenbaren und spiegeln! Was lest ihr da? Gespannte Aufmerksamkeit und lebhafte Anteilnahme, kurz eine vollkommene Hingabe ohne Zögern und ohne Vorbehalt an alles, was sie da hören. Die Kinder hängen an den Lippen des Vaters, und wenn eines von ihnen, das noch zu klein ist, um alles zu verstehen, mit sehnsüchtigem Auge zu fragen scheint: seht! wie die Mutter sich zu ihm neigt und ihm alles erklärt und zur besorgten und liebevollen Lehrerin wird in allem, was der Papa erzählt hat!

Ist es noch nötig, die Anwendung dieser so menschlichen und doch so köstlichen Szene zu erklären? Habt ihr darin nicht unseren Herrn Jesus Christus erkannt, den Bräutigam der Kirche und den Gründer der christlichen Familie, die Kirche, eure Mutter, und euch selbst, die ihr vom Bräutigam das Wort und von der Mutter die Erklärungen empfangt, deren die menschliche Schwäche, die menschliche Unwissenheit und die menschliche Gebrechlichkeit bedarf? Ist es nicht so, dass man in eurem Auge dieselbe andächtige Aufmerksamkeit und dieselbe unzerstörbare und vertrauensvolle Hingabe lesen kann? Gibt es vielleicht einen Gegenstand, der euch mehr fesseln kann als diese erhabenen und tiefen Geheimnisse Gottes, die im Himmel die beseligende Schau der Engel und Heiligen bilden, wenn er euch das enthüllt, was von aller Ewigkeit ist, vor dem Ursprung aller Dinge; wenn er euch die unsichtbaren Schönheiten der Schöpfung offenbart und dem, was sichtbar und stofflich ist, die Durchsichtigkeit eines leichten Schleiers verleiht, durch den sie erkannt werden; wenn das göttliche Wort euch lehrt, wie es, euch gleich geworden in der Menschwerdung, ein Kind wurde und dann Wohltaten spendend und Kranke heilend unter uns wandelte; wenn er euch sagt, was er für euch gelitten hat, und euch die Male seiner Wunden zeigt; wenn er euch von seinem Tod, seiner Auferstehung, seiner Verherrlichung, seinem gegenwärtigen Reich und dem kommenden erzählt, in dem er euch einen Platz bereitet hat und euch erwartet? Ja, euer Erlöser und der Hirt eurer Seelen erzählt euch all diese unaussprechlichen Wahrheiten und diese erhabenen Geheimnisse seiner Liebe, und da er der allwissende und in seiner Allmacht majestätische Gott ist, hat er noch tausend und tausend andere beseligende Geheimnisse zu erschließen.

Es ist also durchaus recht, wir müssten sagen göttlich natürlich, dass ihr euch vereinigt und um ihn drängt voll Verlangen, alle seine Worte zu hören, alle diese vertraulichen Mitteilungen, die von unvergleichlichem Zauber und zugleich von gebieterischer Notwendigkeit und Nützlichkeit für euch sind; wie es ebenfalls durchaus natürlich und notwendig ist, dass ihr in der menschlichen Unwissenheit, der menschlichen Unfähigkeit, alles das zu begreifen, was ihr wünscht, eure Mutter, die heilige Kirche, fragt, damit sie euch mitteilt, was Gott gesagt hat, und es euch erklärt, indem sie es nach Möglichkeit eurer geistigen Kraft anpasst. Aber anderseits ist es geziemend und notwendig, dass ihr diesem geoffenbarten Wort und diesen Lehren der Mutter von ganzem Herzen anhangt, ohne den Schatten eines Zweifels, der Ungewissheit und des Zögerns. So hört ein rechter Sohn den Vater an, der doch irren kann wie jeder Mensch und in seinem Können beschränkt ist und darum die Wirklichkeiten der Dinge, von denen er spricht, ändern, übertreiben oder abschwächen könnte, sei es auch nur, um seine Nichtzuständigkeit zu verdecken oder um seine Unterhaltung auszuschmücken und zu beleben. Und nichtsdestoweniger welcher Sohn würde es je wagen, bei seinem Vater zu dulden, dass er in dieser Weise die Wahrheit entstellt oder auch in Irrtum fällt oder Dinge lehrt, die er nicht kennt? Wenn hingegen der, welcher spricht und offenbart, Gott ist, die Weisheit und Wahrheit selbst, sagt euch da nicht eure eigene Vernunft: es ist unmöglich, dass er auch nur im kleinsten Punkt sich irrt oder täuscht? Besonders wenn ihr bedenkt, dass alles, was geschieht, in seiner Hand liegt und er es voraussieht oder zulässt oder erfüllt und anordnet, so wie man zu sagen pflegt: "non si muove foglia, che Dio non voglia" - "Kein Blatt rührt sich, wenn Gott es nicht will."

Stellt euch jetzt für einen Augenblick vor, es liege ein Schatten über dem Bild, das Wir euch eben entworfen haben. Dieser Schatten sei eines der Kinder - jenes Kind, das die Einfalt der Kleinen überwunden und noch nicht die Reife und Ehrfurcht der Großen erlangt hat-, das mit gelangweiltem Gesicht auf das Ende der Unterhaltung wartet und darauf brennt, herauszugehen, seine Kameraden wieder aufzusuchen und seine Spiele wiederaufzunehmen, mit der Miene und dem Ausdruck eines Menschen, der gar keinen Anteil nimmt an dem, was gesprochen wird! Würden seine Brüder darob nicht beleidigt, empört und verärgert sein? Würde nicht eine Wolke auf der Stirn der Mutter sich zeigen? Scheint es jenem Kinde nicht an Einsicht oder Herz oder an beiden zu fehlen? Diesen Schatten treffen wir auch bei der Zustimmung zur geoffenbarten Glaubenswahrheit. Die geoffenbarten Wahrheiten, Gegenstand des Glaubens, greifen ins Unendliche, über die Grenzen des menschlichen Wissens, den Horizont unserer Kenntnis von Gott und den göttlichen Werken in der Wiederherstellung und Erhebung des menschlichen Geschlechtes, erweitern das Gebiet unserer religiösen und moralischen Betätigung, regen an und beleben das Herz in der Kraft der Hoffnung, erwärmen und stärken es durch das Band der göttlichen Liebe, und doch schenkt eine sehr große Zahl von Christen dem Worte Gottes, den Vertrauensbeweisen Christi, von denen die Evangelien erfüllt sind, keine Sorge, keine Aufmerksamkeit, indem sie sich nur mit vergänglichen, augenblicklichen und materiellen Dingen beschäftigen, mit Lektüre und leichtfertigen Reden, mit Belustigungen und Zeitvertreib, mit Erzählungen und Geschichten, die für das Leben und Tätigsein ganz unnütz sind. Die Einfalt der Kinder haben sie verloren, besitzen aber nicht den Ernst und die Empfänglichkeit der starken Seelen.

Ist nicht in Wahrheit die Empfänglichkeit für den, der sie in ihrem ursprünglichen und tiefen Sinn betrachtet, das Zeichen der Kraft, die einen Geist beseelt, trägt und bildet, der hinreichend geöffnet ist für die Erkenntnis der Begrenztheit des menschlichen Wissens und anderseits schnell und bereit ist für die dankbare und zustimmende Aufnahme der Lehre dessen, der wissend ist und die Vollmacht hat zu lehren? Es gibt nichts Gerechteres als sich mit liebevollem Verständnis zu bilden in der Gewissheit des Wortes, das die Enthüllung Gottes zum Ziel hat; nichts Lobenswerteres, als ihm den vernünftigen Gehorsam zu leisten mit dem Gebrauch der Vernunft und der menschlichen Wissenschaften, indem man wünscht und danach strebt, sie besser zu verstehen und zu erfassen, um sie mehr zu verkosten und zu lieben und ihre Lehren in die Praxis umzusetzen. Aber welch ein Gegensatz, wenn wir die Haltung nicht weniger sehen, die sich als starke Geister aufspielen, es aber verschmähen, die Wahrheit des GeofIenbarten anzunehmen ohne vorhergehende Sichtung mit ihren falschen Gewichten! Nichts lassen sie gelten, wenn sie es nicht mit der Kritik ihres unzuständigen Urteils prüfen und es messen an der Kurzsichtigkeit ihrer Vernunft, indem sie unfähig sind, die eignen Grenzen zu sehen, und zu begreifen, dass die Wahrheit umfassender ist als menschliche Vernunft und Forschung und dass es jenseits der Geheimnisse der Natur noch andere erhabenere Geheimnisse gibt, deren Erkenntnis eine hehre Vervollkommnung des menschlichen Geistes, deren Anerkennung Ehre und deren bloßer Einblick Weisheit und Befriedigung der Seele bedeutet. Solche stolzen Geister trefft ihr in den Straßen der Städte, auf den Kathedern, in den Akademien; es sind jene, die in Irrungen, Zweifeln, Missverständnissen, in den Einwürfen, die sie fühlen und wodurch sie verwirrt werden, ihre Zuflucht nicht zu nehmen wissen zu Christus, dem Urheber des Glaubens, und ihm nicht sagen können wie der Vater des mondsüchtigen Knaben: "Ich glaube, Herr, hilf meinem Unglauben!" (Mt. 17, 14). "Denn der Glaube muss der vernünftigen Erkenntnis dessen, was man glaubt, vorausgehen - wie St. Ambrosius sagt -, damit es nicht aussieht, als ob wir von Gott Erklärungen verlangten wie von irgendeinem Menschen. Man bedenke doch, wie unwürdig es ist den Menschen Glauben zu schenken, die Zeugen für andere werden, und nicht Gott, der in seinen Aussprüchen zum Zeugen für sich selber wird" (S. Ambrosius, de Abraham, 1. I, c. 3, n. 21 - Migne PL Bd I, Kol. 450); jenem Gott, der nur bei sich selber schwören kann, weil er keinen anderen über sich hat. Aber wo ist denn die Logik dieser starken Geister, die sich für sehr vernünftig halten und sich als Schutherren der menschlichen Vernunft gegenüber dem Glauben und gegenüber Gott betrachten? Die gewagtesten und unbegründetsten Behauptungen werden oft eher angenommen und geglaubt ohne Prüfung und Beweis, selbst wenn sie aus weniger echten und reinen Quellen geschöpft werden. Gewiss muss man in der Praxis und im gesellschaftlichen Leben um des Friedens und gegenseitigen Zusammenlebens willen dem Nächsten auf sein Wort hin Glauben schenken, solange er nicht einen offenkundigen Beweis seiner Nichtzuständigkeit, seiner Leichtfertigkeit oder Böswilligkeit gibt. Aber würden Würde und Redlichkeit des Gewissens sich nicht erheben und empören, wenn sich zeigt, dass man bei dieser Handlungsweise nur Gott und der Kirche gegenüber eine Ausnahme macht, indem man ihnen jenen Glauben verweigert, den man den Menschen schenkt?

Schenkt also dem Glauben an Gott jene kindliche Anhänglichkeit, die, um es klarer zu sagen, nichts anderes ist als die Zustimmung der Vernunft zu den von Gott geoffenbarten Wahrheiten, eine Zustimmung, die unter dem Einfluss der Gnade vom menschlichen Willen befohlen wird, weil man nicht glauben kann ohne den Willen zum Glauben; denn der Glaube ist eine freie Zustimmung unseres Geistes, die wir Gott leisten wegen seiner unfehlbaren Autorität. Ihm glauben wir, ohne dass wir sehen, was wir glauben, weil der Glaube eine Überzeugung ist von dem, was man nicht sieht.

Ihr jungen Eheleute, die ihr einander vertraut, ihr Eltern von Morgen, die ihr danach strebt, das Vertrauen eurer Kinder zu besitzen, ihr, deren Verlangen, dieses Vertrauens wert zu sein, Antrieb und Hilfe sein wird, alle menschlichen Schwächen zu überwinden: sorgt vom Morgen eures gemeinschaftlichen Lebens an dafür, dass euer Heim von einem lebendigen Glauben und einem freien Gehorsam gegen Gott und seine heilige Kirche beseelt und beglückt wird! Wenn ihr wollt, dass eure Kinder euch dankbare Liebe und bereitwillige Anhänglichkeit erweisen, dann hört selber nicht auf, Ehrfurcht und Liebe zu Gott und zu denen, die seine Stelle vertreten, zu zeigen! Und wenn es je vorkommen sollte, dass Leiden und Schmerzen, die euch heimsuchen, zeitweilig euren Glauben und eure Ergebung in Gottes Willen schwächen, dann macht es wie die Apostel, die zu Christus sagten: "Vermehre uns den Glauben!", bittet auch ihr ihn um jenes Wachstum, jenen Eifer, jene Kraft des Glaubens, die Heldenmut erzeugt im Leiden und Unglück, in Nöten und Gefahren, einen Heldenmut, der selbst bis zur Hingabe des Lebens geht! Der Glaube wächst mit den Akten, dem Empfang der Sakramente, mit der Läuterung der Seele, mit jener Hoffnung und jener Liebe, die euch mit Gott verbinden und euch stark machen im Leiden und Handeln für euch, für eure Familie, für den Nächsten, für das Vaterland, für die Kirche. Mit dem sichtbaren Beispiel der Bereitschaft und Standhaftigkeit im Glauben werdet ihr besser als mit vielen Worten eure Kinder zur Beobachtung nicht nur des vierten, sondern auch der drei ersten Gebote erziehen, und sie werden in dieser Haltung auch in den Stürmen des Lebens sich behaupten, gehorsam gegen euch, treu zu Christus!

Mit diesem Wunsch und mit dem Vertrauen, euch erhört zu sehen vom göttlichen Erlöser, dem Urheber und Vollender des Glaubens, erteilen Wir euch von ganzem Herzen Unseren Apostolischen Segen. (12. Mai 1943)

Weblinks

Anmerkungen

  1. Ansprachen Pius XII. an Neuvermählte, Übersetzt und eingeleitet von DDr. Friedrich Zimmermann, Einführung S. 8-9, Verlag Josef Habbel Regensburg 1950.
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